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Full text of "Zeitschrift für Volkskunde"

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V 



ZEITSCHRIFT 

des 

Vereins für Volkskunde. 



Begründet von Karl Weinhold. 



Im Auftrage des Vereins 

herausgegeben 
von 

Johannes ßolte. 




1904. 



Mit 3 Tafeln und 54 Abbildungen im Text. 



BERLIN. 

Verlag von A. As her & Co. 



61^ 
I 
h 



Inhalt. 



Abhandlungen und grössere Mitteilungen. 

Seite 

Indog:ermaiiische Pflügebräuclie. Von Elard Hugo Meyer 1 — 18. 129 — 151 

Macedonischer Seeleoglaube und Totenkultus. Vou Julius von Negelein . . 19 — 35 
Die iranische Heldensage bei den Armeniern. Von Uagrat Chalatianz (1. Ein- 
leitung. 2. Der Inhalt der Sagen. :'>. Die Bestandteile der Sagen) 35—47. 

290-301. 385—395 
Aus alten Novellen und Legenden. Von Pietro Toldo (3. Die wohlbelohnte 
Aufopferung. 4. Das Spiel von der heiligen Theodora. 5. Eine gerechte 

Teilung) 47— Cl 

Das Fuchsrittlied und seine Verzweigungen. Von Arthur Kopp 61 — 74 

Das russische Volk in seinen Sprichwörtern. Von Erich Berneker . 75—87. 179 — 191 

Neugriechische Rätseldichtuug. Von Karl Dieterich 87—104 

Das Szekler-Haus. Von Johann Reinhard Bunker (hierzu Tafel 1) 105—114 

Alte Bauüberlieferuugen. Von Robert Mielke (1. Die Lehmmauer. 2. Das Dach) 151—168 
Plattdeutsche Rätsel, ein Beitrag zur märkischen Volkskunde, gesammelt von 

Heinrich Schaar 168—179 

Das Kunstgewerbe in Bosnien und der Herzegowina. Von Marie Luise Becker 

(hierzu Tafel 2) 192-198 

Zur indischen Witwenverbrennung. Von Theodor Zachariae (1 — 3). 198—210. 

302-313. 395-407 

Die Gebäcke des Dreikönigstages. A^on Max Höfler (mit 14 Abbildungen) . . 257 — 278 
Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit im Herzogtum Koburg. Von Eduard 

Hermann 279-289. 377-384 

Drischlegspiele aus dem oberen Innviertel. Von Hugo vou Preen , 361—376. 471 



Kleine Mitteilungen. 

Zur Sage vou der freiwillig kinderlosen Frau. Von J. Bolte 114—117 

Zu den ätiologischen Sagen. Von M. Adler 117—118 

Eine antike Parallele zu einem rügenschen Märchen. Von G. Knaack . . . . 118 — 119 

Das Nestelknüpfen. Von 0. Schütte 119 

Ölafur Davidsson f. Von M. Lehmann-Filh6s 119—120 

Der Sonnenwageu von Trundholm. Von A. Olrik (hierzu Tafel 3) 210—215 

Eiserne Votivfiguren aus Oberbayern. Von F. Weber 215—216 

Zum deutschen Volksliede (16—21). Von J. Bolte 217-224 

Stern- und Wetterkunde des portugiesischen Volkes. Vou M. Abeking . . . 224 — 225 

'Er ist zur grossen Armee abgegangen.' Von R, Neubauer 313 — 316 



IV Inhalt. 

Seite 

Wunderbare Versetzungen unbeweglicher Dinge. Von V. Chauvin 316 — 320 

Das Gnocchifest in Verona. Von E. Lemke 320—322 

Zur Vampjrsage. Von A. L. J ellin ek 322—327 

Kirchenslawische Apokrjpha von den 72 Namen Gottes. Von J. Franko. . . 408—413 
Ein französischer Indiculus superstitionum aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. 

Von S. Singer 413-416 

Zur Kenntnis des Hexenwesens am Kaiserstuhl (aus Prozessakten des 16. bis 

17. Jahrhunderts). Von 0. Heilig 416-418 

Thüringer Pfingstvolksfeste. Von E. Reichhardt 418—423 

Volksgebräuche, Volksglauben und Volkssagen im Ländchen Bärwalde. Von 

E. Steig 423-427 

Allerlei Brauch und Glauben aus dem Geiseltal. Von M. Adler 427 — 430 

Das Faiminger St. Blasienbrot. Von M. Höfler 431—432 

Das Märchen vom Schweinehirten und der Königstochter, zwei holsteinische 

Fassungen. Von W. Wisser 432—435 

Deutsche Segen des 16, Jahrhunderts. Von J. Bolte 435 — 438 

Ein Liebesbrief in Herzform an eine braunschweigische Bauerntochter. Von 

0. Schütte 438-439 

Das erste niedersächsische Volkstrachteufest. Von D. Scharringhausen (mit 

vier Abbildungen) 439—444 

Alexander Meyer Cohn f 471 



Berichte und Bücheranzeigen. 



Neuere Arbeiten über Wohnbau, Tracht uud Bauernkuust in Deutschland. 

Von 0. Lauffer (Schluss) 226—244 

Neuere Märchenliteratur (Dähnhardt, v. Nathusius, Singer, Lenz, Maynadier, 

Olrik, Steffen, Eittershaus, Chauvin, Basset, Souby - Bey, Jellinek). Von 

J. Bolte 244— 24<s 

Neuere Arbeiten zur slawischen Volkskunde (19U3) 1: Polnisch, Kleinrussisch, 

Böhmisch. Von A. Brückner. — 2: Südslawisch, Eussisch. Von G. 

Polivka 328—347 

Deutsche Volkskunde im Jahre 19(>:'.. Von A. Schul lerus 445 — 4.50 

Arnim und Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Auswahl hsg. von?. Ernst 

(A. Kopp) 12.;- 125 

Bader, K. : Turm- und Glockenbüchlein (E. M. Meyer) 253 

Bang, A. C: Norske Hexeformularer og magiske Opskrifter (A. Heus 1er) . . 2.52 

Bezemer, T. J.: Volksdichtung aus Indonesien (.T. Bolte) 357— .358 

van den Broeck, P. en A. d'Hooge, Kinderspelen iiit het land van Dender- 

monde (J. ß.) 254 

de Cock, A. en I. Teirlinck, Kinderspol en kinderlust in Zuid-Nedcrland 

2-3 (J. B.) 254 

Crimi Lo Giudice, G.: Maghena. Vendetta (J. B.) 255 

Doncieux, G.: Eomancero populaire de la France (J. B.) 356— .357 

Ebermann, 0.: Blut- und Wundsegen in ihrer Entwickelung dargestellt 

(K. Eeuschel) , .353—356 

Fink, G.: Das Weib im französischen Volksliede (J. B.) 357 

Frazer, J. G.: Le rameau d'or, traduit par E. Stiebel et J. Toutain 1: 

Magie et religion; les tabous (J. B.) 254—255 

Giannini, G.: Canti popolari toscani (J. B.) 125 

Gössgen, W.: Die Mundart von Dubraucke (E. Mackel) 455 

Günther, L.: Deutsche Eechtsaltertümer in unserer heutigen deutschen Sprache 

(H. Michel). . 456 



Inhalt. 



Seite 



Günther, S.: Ziele, Richtpunkte und Methoden der modernen Völkerkunde 

(R. F. Kaindl) 4(50 

Hymmen, E.: Das Paradies der Bibel, der arischen Völker und Götter Ur- 
heimat, ultima Thule sowie das varianische Schlachtfeld (A. Heuslor) . . 253 

Kaindl, R. F.: Die Volkskunde (M. Roediger) 248—24;) 

Kurz, E.: Volkslieder aus der Toscana (J. B.) 470 

Lampert, K.: Die Völker der Erde (J. B.) 125 

Marriage, M. E.: Volkslieder aus der badischen Pfalz (A. Kopp) ;M7 — ;55.'! 

Meumann, E. F. W.: Die Sprache des Kindes (H. Michel) 122—123 

Meyer, Hans: Das deutsche Volkstum, 2. Aufl. (A. E. Schönbach) 450—454 

V. Negelein, J.: Das Pferd im arischen Altertum (R. Loewe) 121 — 122 

Nyrop, C: Nogle Gewohnheiter. Et till?eg til 'Haandvcerksskik i Danmark' 

(J. B.) 470—471 

Olrik, A.: Danmarks heltedigtning 1: Rolf Krake (E. Mogk) 250-252 

Olrik, A.: Om Ragnarok (W. Ranisch) 457— 4G7 

Reclus, E.: Les primitifs, etudes d"ethnologie comparee (R. M. Meyer) . . . 120—12] 
Salin, B.: Die altgermanische Tierornamentik, übersetzt von .T. Mestorf 

(H. Strebel) 4G4-4(;(; 

Schurtz, H.: Völkerkunde (R. F. Kaindl) 4GG 

Spencer, B. and S. J. Gillen: The native tribes of Central Australia 

(A. Brandl) 467 

Storck, K.: Der Tanz (J. B.) 125-126 

de Vasconcellos, J. L.: Ensaios ethnographicos, vol. 2 (J. B.) 358 

Weise, 0.: Die deutschen Volksstämme und Landschaften (A. E. Schönbach) 455 

Wisser, W.: Wat Grotmoder verteilt (J. B.) 125 

Aus den Sitzungs - Protokollen des Vereins für Volkskunde. Von G. Minden 

und 0. Ebermann 126-128. 2.55-256. 358-360 

Nachrichten 256 

Verzeichnis der Mitglieder des Vereins für Volkskunde im Jahre li*04 .... 472 — 474 

Register 475—480 



Indogermanische Pflügebräuche/) 

Von Elard Hugo 3Ieyer. 



Ackerbau wurde uebeu Viehzucht schon in der sogeuannten Steinzeit 
betrieben, und die indogermanischen Völker kannten ihn schon in ihrer 
Urgeschichte. Seine älteste Form war die der Bodenbestellung mit der 
Hacke, sein Haupterzeuguis, wie es scheint, der Hirse. Dann erst folgte 
der Ackerbau mit Pflug und Rind, und als wichtigste Feldfrucht wurde 
sanskrit. jävas, griech. ;"£<d, lit. javai, irisch eörna in der Bedeutung 
Getreide, Gerste, Spelt gewonnen. Aber während die europäischen ludo- 
oermanen einen reichen Schatz oemeinsamer aorarischer Ausdrücke für 
Acker, Säen, Same, Korn, Ähre, Furche, Mähen, Worfeln, Mahlen, Sichel, 
Sieb, Handmühle und Tenne sich schufen, sonderten sich die arischen 
Stammesbrüder in Persien und Indien mit ihrer besonderen Ackerbau- 
sprache ab, und während der Wagenbau noch ein indogermanischer war, 
wie die zahlreichen übereinstimmenden Bezeichnungen der einzelnen 
Wageuteile beweisen, steht die arische Benennung des Pfluges dem alten 
europäischen Gemeinnamen fremd gegenüber.^) Jedoch was die Sprache 
scheidet, scheint, wie der weitere Verlauf der Untersuchung zeigen wird, 
der Glaube und der Brauch wieder miteinander zu verbinden; d. h. trotz 
dieser sprachlichen Abweichung scheint die Verwendung des Pfluges schon 
indogermanisch zu sein. 

Aus der Wurzel ar entsprang griech. äQoeiv, lat. arare, lit. arti, 
altslav. orati, got. arjan, ahd. aran, erran und mhd. ern = pflügen, 
und griech. äooTooy, lat. aratrum, lit. arklas, altslav. oralo. ralo, 
irisch arathar, althochd. erida und altn. ardr = Pflug. Ern, umern, 
überern sind noch süddeutsche Wörter (Schmeller, Bayr. Wörterb.^ 1, 07. 
Schmid, Schwab. Wb. S. 170); arten und aeren werden noch heute im 
Alpenland für die Eggen und das Eggen angewandt, aber pflügen, ackern 



1) Für diesen Aufsatz verwende ich iiiclat nur meine, sondern auch Mannhardts in 
der König]. Bibliothek in Berlin vorwahrte handschiiftliche Sammlungen. 

2) Schrader, Realiexikon der indogermanischen Altertumskunde IKUl unter Ackerbau: 
vgl. Ed. Hahn, Die Haustiere 189G S. 388. 410. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. ^ 



2 Meyer: 

oder auch zackern überwiegen. Die alte Pflugbezeichnung- ist im deutschen 
Sprachgebiet schon früh erloschen und, wie es scheint, nur in den Süd- 
osten desselben in germanisierter slavischer Form wieder eingeführt. Denn 
das Wort Arl oder Aa dl wird das slavische radlo, ralo mit umgestelltem 
r sein. „Nemt die arl in die haut, ernt, ziunt und säet" heisst es 
um 1270 bereits im Buch der Eugen (ZfdA. 2, 88), und noch heute be- 
deutet Arl oder Aadl in den östlichen Alpen eine äusserst einfache und 
dauerhafte Pflugart, die an Abhängen, in lockeren und steinigen Böden 
gebraucht wird (Frommann, D. Mundarten 4, 63. Grimm, D. Wb. s. v. Pflug). 
Die mit Rädern versehene Radl-Adl des Etschlandes ist der von Virgil, 
Georg. 1, 170 besungene rhätische Pflug, der sich bei Meran mit der 
Reit- und Deichseladl der Alemannen mischt (K. H. Rau, Geschichte 
des Pfluges 1845 S. 33. Braungart, Die Ackerbaugeräte 1881 S. 529ff.). 

Fester haftete der germanische Ausdruck im N^orden, wo altschwed. 
arper und in den neuschwedischen Dialekten ar, altdän. aarer und neu- 
dänisch ard und al fortdauern (Fritzner, Ordbog over det gamle norske 
Sprog s. V. ardr), und wurde in der Form atra auch ins Finnische über- 
nommen. Norwegische Mundarten bezeichnen mit ar, al oder ahl (Aasen, 
Ordbog S. 7) den einfacheren Pflug, der besonders zum Beackern eines 
steinigen Bodens geschickt ist. Er mag wie die Arl der Ostalpen dem 
Schwarzwälder Stichelpflug gleich sein, einem meist von den Bauern 
selbst verfertigten, bloss aus Baum mit Handhabe, Haupt und Schar be- 
stehenden Gestell. Ein Rind oder Pferd zieht ihn leicht über die Bergfelder 
hin. — Arthaftes Land ist schon seit althochdeutscher Zeit Pflugland, 
das auch noch heute in vielen Gegenden artbar genannt wird, und das 
Gebiet guten Bodens, das die ans südliche Oldenburg stosseuden hannover- 
schen Kirchspiele Menslage, Gehrde, Bodbergen und Talge umfasst, heisst 
noch das Artland (s. diese Zeitschr. 10, 273). 

Der altgermanische Pflug hatte aber noch andere Namen: der gotische 
hiess hoha, das dem lit. szaka, Ast, entspricht, aber nach Schrader von 
poln. socha, Pflugsech, zu trennen ist, obgleich auch diesem Worte die 
Bedeutung Ast zu Grunde liegt. Die Angelsachsen gebrauchten auch syl, 
sul, sulh fem. (Cockayne, Leechdoms 1, 405), das an das lateinische 
sulcus, die Furche, erinnert. Wo die biblische Genesis den Thubalkain 
den Meister in allerlei Erz- und Eisenwerk nennt, rühmt ihn die angel- 
sächsische V. 1086 bestimmter als den, der 'monna aerest sulhgeveorces 
fruma väs', der unter den Menschen der erste Verfertiger des Pfluges war. 

Schon deuten die besprochenen verschiedenen Wörter verschiedene 
Pflugarten an. Hesiod (Op. 427) erwähnt bereits deren zwei, das uqoxoov 
avröyvoy und das auch Homer schon bekannte doorgov 7ti]xt6v. Das eine 
noch sehr rolie Gerät bestand aus einem passend gekrümmten Stück Holz 
(yinjg) der Steineiche, dessen längerer Teil, Baum oder Grindel, zum An- 
spannen bestimmt war, während der kürzere, hakenförmig gebogene, keil- 



Indogermanische Pflügobränche. 3 

artige, die Öcliar, zum Aufreissen der Erde benutzt wurde. Das zweite 
Gerät aber war aus drei verschiedenen Holzarten zusammengefügt. Lorbeer 
oder Ulme lieferte den Pflugbaum oder die Pflugdeichsel, die Eiche den 
Scharbaum oder das Pflughaupt, an das die Pflugschar befestigt wurde, 
und die Steineiche das Krummholz, das den Boden aufriss. Die letzte 
Pflugart wird auch auf altattischen und ganz gleichartig auf römischen 
Denkmälern dargestellt (Mommsen, Rom. Geschichte^ 1, 19). Die Be- 
standteile des römischen Pfluges zählt Varro de lingua latina 5, 135 (Keil) 
genau auf. AVann die Pflugschar zuerst aus Eisen geschmiedet wurde, 
wissen wir nicht; die Etrusker und Sabiner bedienten sich dazu noch 
lange des Kupfers (Daremberg et Saglio, Dictionn. des antiquites grecques 
et romaines s. v. Aratrum). Dagegen ist in Indien nach dem Atharvavedn 
3, 17, 3 der Pflug schon früh mit einer eisernen Schar versehen (Zimmer, 
Altindisches Leben S. 236). 

Nun aber taucht um Christi Geburt eine neue Pflugart mit einem 
neuen Namen auf, von der Plinius, Natur, bist. 18 § 172 sagt: 'id non 
pridem inventum in Raetia Galliae, ut duas adderent tali rotulas, quod 
genus vocant plaumorati.' Diesen durch sein zweirädriges Yorgestell 
(currus imi) ausgezeichneten rhätischen Pflug beschreibt schon Yirgil, wie 
oben bemerkt. Er hiess ploum nach Baists (Wölfflins Archiv f. lat. 
Lexikogr. 3, 285) glücklicher Veränderung des 'plaumorati' in 'ploum Raeti' 
und dürfte nach ihm genau stimmen mit dem langobardischeu und mittel- 
lateinischen ploum. Zuerst um 650, in dem Edictus Rotharis 288 (Pertz, 
Mon. G. Leges 1, 4), hören wir von einem plovum, plovo, plobo aut 
aratrum, das dann weiterhin im frühesten Hochdeutsch noch unverschoben 
plöh, pluag, später pfluog, pflüg heisst und auch noch im lonibar- 
dischen pio und Tiroler plof fortlebt. Während der rhätische Name in 
Deutschland, wie bemerkt, den alten Gerätnamen bald verdrängt, bleibt 
dieser im Norden daneben bis heute bestehen. Um im Frühjahr 875 den 
ersten Acker auf Island zu besäen, pflügte Hjörleifr mit einem ardr (Land- 
namab. 1, 6. Islend. Sögur 1, 35). Nach der eddischen Rigspula ist es 
des freien Bauern Geschäft, den ardr anzufertigen und den plogr in Be- 
wegung zu setzen. In den altnordischen Landesrechten wird der ardr oft 
vom plögr unterschieden, aber beide haben sie eine eiserne Schar. Es 
ist häufiger vom ardrjarn die Rede, und die Landslög von K. Magnus 
Hakonsson 7, 17 belegen mit Strafe den, der Eisen stiehlt 'af aräri eda 
af plögi\ 

Der heutige ausgebildete Pflug, von dem es nirgendwo mannigfachere 
Formen als in Deutschland gibt, besteht aus einem Pflugbaum oder Grindel, 
der vorn auf einem zweirädrigen Vorderkarren oder einem Schuh oder 
einer Stelze ruht, oder frei schwebt. Etwa in der Mitte ist dem Grindel 
das Sech, Kolter, Pflugmesser eingefügt, das den Boden vor der Pflug- 
schar her senkrecht aufschneidet. M^eiter hinten verbindet die Pflug- oder 

1* 



4 Meyer: 

Griessänle die Schar und das Streichbrett oder Riester und die Sohle mit- 
einander und mit dem Pflugbaum. Die Schar oder das Pflugeisen schneidet 
den Erdstreifen in der Tiefe wagerecht ab, den dann das Streichbrett 
umlegt. Zu hinterst dienen eine oder zwei Handhaben oder Sterzen, die- 
von der Sohle schräg aufsteigen und mit dem Pflugbaum zusammengefügt 
sind, zur Lenkung des Gerätes. 

Gleich dem Schiff wird der Pflug gern als ein lebendiges Wesen auf- 
gefasst. Plutarch, Sympos. 4, 5, '2 (vgl. Geoponica ed. Niclas 2, 2) leitet 
den Namen der Pflugschar vrvig, vvtg, vvvi] von r^, Schwein, ab, da doch 
der Rüssel des erdaufwühlenden Schweins die Erfindung des Pflugs ver- 
anlasst habe. Irisch socc (franz. soc) bedeutet Pflugschar und Schweins- 
schnauze; in manchen Gegenden Deutschlands heisst der leichte Pflug 
Schweinsnase, in England pigs nose. Man gedenkt der serbischen 
Tierfabel, in der das Schwein mit seiner Schnauze das Feld aufackert 
(J. Grimm, Reinhart Fuchs S. CCXCI). Der Römer nannte die gebogene 
Spitze der Pflugschar Zahn und das Streichbrett Ohr. Im Mittelalter 'begriff' 
man den Pflug bei dem 'Hörn', der stiva, die im Ahd. auch geiza, 
keiza wie noch im Aargau heisst. Der kleine räderlose Tiroler Pflug 
hat auch Hörn, ausserdem Federn, d. h. Streichbretter und eine oder 
ein Happ, d. h. ein Pflughaupt, an dem das Eisen befestigt ist (Frommann, 
D. Mundarten 4, 63. 5, 448). Auch der grosse Pflug hat noch immer 
Haupt, Sterz und Nase, und die Pflugdeichsel nennt man auch Pflug- 
zunge. 

Noch lebendiger wird der Pflug in Redensarten und Rätseln. Schon 
J. Grimm fiel in Konrads Trojanerkrieg Y. 9743 auf: 'den pfluoc si (die 
Ochsen) beguuden wisen unde ziehen durch den wert.' Denn das Zeit- 
wort wisen beziehe sich sonst überall nur auf lebende Wesen. 'Den Pflug- 
weisen' war aber ein gemeindeutscher und angelsächsischer Ausdruck. Im 
22. Rätsel des Exeterbuches (Grein 2, 379) hat der Pflug ein 'neb', eine 
Nase, und einen 'steort', einen Sterz. Er zerreisst mit 'tödum', Zähnen, 
und geht, wie ihn der graue Feind des Waldes, mit dem wohl der Pflug- 
stier gemeint ist, weiset (visad). Dieses 'Weisen' kehrt in der süd- 
wie norddeutschen Form des Pflugrätsels wieder. Zwar in Heinstetten beim 
badischen Messkirch (E. H. Meyer, Badisches Volksleben S. 119) ist es 
schon verwischt, doch noch erkennbar: 

Vorne Floasch und hinta Floasch, 

In der Mitten Holz und Iser, 

Und nebaher en TralUbatsch (ein Menne-, Leitbube). 

Wenn des verrätst (errätst), 

Halt i-di fer an Wisa. 

Dagegen schliesst sich die Form des schleswigholsteinischen, Mecklen- 
burger und Ruppiner Pflugrätsels noch enger an das ags. an: 



Indogermanische Pllügebräuche. 5 

Vorne Fleisch und hinten Fleisch, 
In der Mitte Holz und Eisen, 
Wer dies Rätsel raten kann, 
Mag- aufs Feld mich weisen. 
(Wossidlo, Mecklenburgische Volksüberlieferungen 1, \{J-'>. äOS.) 

Wie im angelsächsischen Rätsel der Pflug sich als ein reissendes Tier 
darstellte, so wurde er, wenigstens noch vor etwa 50 Jahren, in Loevenich 
(Reg.-Bez. Köln) 'V^olf genannt. Bei seiner ersten Ausfahrt auf das 
Feld begüss ihn die Hausfrau mit Wasser und sprach: 

Der Acker feucht, Wolf aber nass. 
Füllt sich Scheuer und Fass 

und um keinen Zweifel zu lassen, wurde er dort auch ausserhalb dieses 
Spruchs als W^olf bezeichnet, und der Bonner Pflug heisst Hundspflug. 
Das trifft mit altindischer Ausdrucksweise zusammen. Denn schon im 
Rigveda 1, 117, 21. 8, 22, 6 säen und pflügen die den griechischen Dios- 
kuren vergleichbaren göttlichen AQvins, d. i. Reiter, die erste Gerste mit dem 
Wolfe (vrka), d. h. dem Pfluge, der sonst sira f., von si = eine gerade 
Linie ziehen, gerade richten, oder auch längala heisst. Ein lettisches 
Rätsel schildert den Pflug als einen Bären, der mit Eisenschuhen am 
Fusse auf dem Felde sitzt (Grimm, Gesch. der d. Sprache 1, 56). 

Das Hauptzugtier des Pflugs war im Altertum das Rind. Schon im 
Rigveda werden Ochsen hintereinander vor den Pflug gespannt, im Atharva- 
veda 6, 91, 1 pflügen sogar Sechs- und Achtgespanne von Ochsen kräftig 
die Gerste. Hesiod, Op. v. 405 fasst als die Grundlagen des bäuerlichen 
Daseins auf: 

oiy.or iisv tioo'jtiozu, yvraTy.a rs, ßovr i^ägoir/oa 

erstens ein Haus und zweitens ein Weib und drittens ein Püugrind, 

wie ein Spruch aus dem südlichen Schwarzwald Acker, Pflug und Weib: 

Wer a stainiga Acker hätt 
Und a stutz'ga Pfluag 
Und a böses Weib dahaim. 
Der isch g'schlaga ginuag. ') 

Gerade als ])flügendeni Tier wurde dem Ochsen besondere Ehre und 
Sorgfalt bei den Alten zu teil (vgl. Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere, 
S. 41). Demeter wurde wohl auf einem Stier sitzend abgebildet, denn 
'illa (Ceres) iugo tauros Collum i)raebere coegit' (Ovid, Fasti 4, 403). Doch 
auch andere Tiere mussten das griechische Feld bestellen. Die Odyssee 
8, 124 und Hesiods Opera V. 46 erwähnen pflügende Maultiere, die nach 
Eustathius p. 810 auf leichterem Boden gebraucht wurden. — Bei den 
Römern galt der Bos iugatorius für den 'socius hominum in rustico opere 
et Cereris minister' (Varro, De re rustica 2, 5). Nur während des Krieges 



1) In Brauuschweig lautet der Spruch: Wer'u stiwen Acker hat Un"n stumpeu Plauch 
Un da'n bösen Kerel (Tröpken Kinder) tau, Is dat nich Plage nauch? 



6 Meyer: 

g-eniesst das Pferd höhere Achtung (Ovid, Fasti 1, 698). Die Römer 
durften ihn nicht der Ceres opfern, weil er zAim Pflügen bestimmt sei 
(Ovid, Fasti 4, 413. 631). 

In der nordischen Urzeit erhielt eine fahrende Frau, Gefjon. von 
König Gylfi so viel Pflugland, als vier Ochsen Tag und Nacht beackern 
(Snorre Edda 1, 80). Ähnliche Sagen kannten die Römer und die Deutschen 
(E. H. Meyer, Mythol. d. Germ. 1903 S. 237. 416). Der Begriff eines 
deutschen 'Mannwerks' wird bestimmt durch 'tantum terrae, quantum par 
boum in die arare sufficit'. Oder die Weistümer schildern einen Acker 
als derart überwachsen, ,,dass es zween Ochsen mit einem Joch nit nieder 
mögen gedrücken" (Grimm, Rechtsaltertümer S. 87. 90. 92 f.). Das Pferd 
spielt beim germanischen Pflügen eine Nebenrolle. Nordische Zeugnisse 
für den Pflugochsen, den ardruxi, sind mehrfach erhalten, fehlen dagegen 
für ein Pflugpferd, ardrhestr. Doch kennt das deutsche Sprichwort das 
Pflügen mit fremdem Fohlen, und Pferde ziehen bereits den sagenhaften 
(goldenen) Pflug des Weifen Heinrich in Kaiser Ludwigs des Frommen 
Zeit, und auch den Pflug, der nach einer wohl uralten Bestimmung der 
Weistümer einem Grenzsteinverrücker den Hals abfahren oder das Herz 
durchfahren soll, ziehen noch nicht gebrauchte Pferde (Grimm, R.-A. 547. 
D. Sagen 2, No. 525). In den deutschen Bergländern zumal verrichten 
noch heute meistens Ochsen die schwere Arbeit und schreiten stattlich und 
gemessen, oft sechs oder acht, an den hohen Alpenlehnen dahin, selbst 
über das Betzeitgeläute hinaus, während dessen sie aber, wie andächtig, 
innehalten gleich ihrem Bauern, seinem Weibe und seinem Knechte. Man 
soll den Pflugtieren die Arbeit möglichst erleichtern; darum ist auch das 
quälende Doppeljoch, das zwei Ochsen vorn eng zusammenfasst, immer- 
mehr dem Einzeljoch gewichen. Wenn aber ein Bauer von Absam in 
Nordtirol starrsinnig noch an der alten Jochart festhielt, so drohte man 
ihm, er käme in die Hölle. 

Von den Pfluggeräten und Pflugtieren wenden wii- uns zu den 
pflügenden Menschen indogermanischer Herkunft, die alle das Pflügen als 
eine heilige Handlung betrachteten und es deslialb mit sinnvollen Ge- 
bräuchen umgaben. 

In Indien sind die ältesten Gottheiten Ackergottheiten, namentlich 
die des Gewitters und des Regens, und sie machen sich wohl die Herr- 
schaft um den Acker streitig. So wird der regenspendende Himmelsgott 
Yaruna durch Indra verdrängt, der im Gewitter weit mächtiger die um- 
schlossenen Wolkenströme rinnen lässt als jener (Rigv. 4, 42). Er ist der 
Sohn des Dyaus, des Himmels, und der Prthivi, der Breiten, d. i. der Erde. 
Regengebete werden zu all diesen drei Göttern und dem eigentlichen Regen- 
gott Pardschanja gesendet. Ein solches Regengebet (Rigv. 4, 57) gestaltet sich 
in seiner vierten Stroplie zum deutlichen Pflügergebet: „Glücklich sollen die 
Zugochsen, glücklich die Männer sein, glücklich soll i)flügen der Pflug, 



ludogermauischc Pilügebiäuche. 7 

"•lücklich sollen die Riemen gebunden \verden, glücklicli hole er (der Treiber) 
mit dem Stachelstocke aus. — 5. Str.: C^'uua (Waclistum) und Sira (Pflug), 
lasst euch diese Rede gefallen. Die Milch, die ihr am Himmel bereitet 
habt, mit der begiesset diese Erde. — (5. Str.: Herwärts komm, o selige 
(reiche) Sita (Furche[ngöttin]); wir bezeigen dir unsere Verehrung, damit 
du uns glückselig und sehr fruchtbringend seist. — 7. Str.: Indra drücke 
die Furche ein (greife in die Furche), Puschan (der Sonnengott) gebe ihr 
die Richtung. Als milchreich werde sie uns gezogen jedes künftige Jahr. 
— Str. 8: Glücklich sollen unsere Pflugscharen die Erde aufpflügen, glücklich 
die Pflüger mit den Ochsen dreingehen, glücklich soll uns Pardschanja 
mit Madhu und Milch sein. Quna und Sira, verleiht uns Gedeihen." — 
Dieses Lied ertönte noch viele Jahrhunderte später beim ersten Pflügen. 
Denn das Sankhajana - Grihja-Sutra (Sacred Books of the Fast 29, 127) 
empfiehlt vor dem Pflügen an der Ostgrenze des Feldes dem Himmel und 
der Erde zu opfern mit den Worten: „Anbetung dem Himmel und der 
Erde." Wenn aber der Pflug zuerst in Gang gesetzt wird, soll ein Brah- 
mane, ein Priester, den Pflug berühren, indem dabei nach den ver- 
schiedenen Himmelsrichtungen von der Linken zur Rechten jenes Rigveda- 
lied gebetet wird. 

Eine andere Hausregel, das Paraskarasutra (Sacred Books 29, 326), 
schreibt vor: an einem günstigen Tage oder unter dem Indrasternbild 
spannt der Bauer den Pflug an, opfert dem Indra, Pardschanja, den beiden 
Acvins, den Maruts, der Sita und einigen Untergöttern geronnene Milch, 
Körner,' Wohlgerüche und gibt den Ochsen Honig und Schmalz zu fressen. 
Er spannt sie vor den Pflug und berührt ihn mit dem obigen Rigveda- 
verse 4, 57, 8: „Glücklich sollen unsere Pflugscharen" usw. Nachdem 
der Vorderochse mit Wasser besprengt ist, soll der Bauer pflügen unge- 
]iflügtes Land. Er soll opfern gekochte Opferspeise denselben Gottheiten, 
wie oben, wenn er Reis und Gerste säet, und beim Opfer für die Sita. 
Dann werden die Brahmanas gespeist. 

Nach dem Atharvaveda 6, 142 (Sacred Books 42, 141. 541) wird der 
Saatsegen in dem Augenblick gesprochen, wo mit geronnener Milch ge- 
mischte Gerste mittels des Pflugs in eine Furche gefahren wird. Dann 
werden (drei) Handvoll Samen in die Furche gestreut. Bei einem anderen 
dreistrophigen Saatsegen (Atharvaveda 7, 11. 6, 97 in den Sacred Books 
42, 141 f. 499) legt der Säemann auf den Kornsack einen Stein, bespritzt 
diesen, legt bei jeder der drei Strophen eine Handvoll Korn auf ihn 
und lässt durch eine andere Person drei Handvoll auf ihn legen. 

Eine Furche zieht man während der Beschwörung schädlichen Feld- 
ungeziefers mit einem (Pflug)eisen (Sacred Books 42, 48G). Einfacher 
vertreibt der Priester beim Totenopfer die bösen Geister, indem er südlich 
oder westlich vom Feuer eine Furche in die Erde ritzt (0. Donner, Pinda- 
pitryajna 1870 S. 18). 



8 Meyer: 

Diese Berichte, die zum Teil hoch in das erste vorchristliche Jahr- 
tausend hinaufreichen und von noch älteren Bräuchen reden, stellen den 
ersten Pfluggang und die erste Aussaat als sakrale Handlungen dar, die 
heilige Lieder oder metrische Sprüche begleiteten. Der Brahmana berührt 
unter feierlichem Spruche den Pflug bei dessen erster Ackerfahrt, und 
Brahnianas erhalten dabei Opferspeise. Das Opfer besteht beim Pflügen 
aus Milch, Reiskörnern, Wohlgerüchen und geröstetem Korn, aber auch 
aus Honig und Schmalz, beim Säen aus gekochter Opferspeise. Es wird 
dem Vater Himmel, Dyaus, und der Mutter Erde, Prthivi, dargebracht, 
oder auch dem Gewittergotte Indra und seiner Gattin Sita, der von ihm 
eingedrückten Fnrche. Ausser ihnen werden noch andere Gottheiten 
bedacht. 

Sehr bemerkenswert ist, dass die erste Andacht auch beim Pflüge- 
opfer gegen Osten gerichtet ist, dann nach den anderen Himmelsrichtungen 
von der Linken zur Rechten gebetet wird. Ferner, dass die Pflugtiere 
Honig" und Schmalz und der Vorderochse einen Wasserguss bekommt. 
Während mit geronnener Milch gemischte Gerste untergepflügt wird, tut 
man einen Saatspruch, der dem Korn Gedeihen wünscht und Schutz gegen 
Blitz oder den Schutz des AVolkenherrn, also wiederum Lidras oder Par- 
dschanjas, bewirkt. Drei Handvoll Samen werden in die Furche gestreut 
und zwar aus einem Sack, auf den man einen Stein legt, der mit Wasser 
zu bespritzen und von dem Säemann, sowie von einer anderen Person 
mit drei Handvoll Samen zu belegen ist. Farcheu Avehren Ungeziefer und 
böse Geister ab. 

Auch in Griechenland war der erste Pfluggang i'ine religiöse 
Handlung, an der vor allem Zeus und Demeter beteiligt waren. Legte 
der Böotier im Herbst, wenn der Kranich schreit, die Hand an den Pflug, 
so betete er zum Zeus Chthonios und zur reinen Demeter um schwere 
Feldfrucht (Hesiod, Op. 462 ff.). Das Gebet des Säemanns zu Demeter 
war nach Arrian (Dissert. Epictet. 3, 21, 12) noch in der hadrianischen Zeit 
allgemeiner Brauch. Zeus Chthonios ist aber hier ein Gott nicht der 
unterweltlichen Erdtiefe, sondern des breiten Ackerbodens. A¥eil er diesem 
als Gewittergott befruchtenden Regen spendet, heisst er Ombrios oder 
Hyetios der Regner, Ikmaios der Befeuchter, Epikarpios der Fruclitbringer. 
Im Dezember lu'achte man in Attika dem ackerbauenden Zeus Georges 
eine Pankarpie. ein zusammengekoclites Allerlei von Früchten, und die 
Athener beteten noch in der römischen Kaiserzeit bei Dürre: „Regne, 
regne, lieber Zeus, auf das Ackerland und die Felder der Athener" (Preller, 
Griech. Mythol.'' 1, 94 f. 103. 114. 347). Ln böotischen Lebadeia wurden 
Zeus Hyetios und Demeter Europe und in Theben Zeus Homolo'ios und 
Demeter Homoloia nebeneinander verehrt (Pausan. 9, 39, 4. Suidas s. v. 
oftoÄojYos). Plutarch kennt einen dem Zeus Ombrios, der proerosischen, 
d. li. vorpflügenden Demeter (s. u.) und dem Poseidon Phytalmios, dem 



Indogermanische PflügebriUiche. 9 

Pflanzeuschützer, g-omeinsanieii Altar (vgl. A. Mommsen, Die Feste der 
Stadt Athen S. 192 ff.). Das cliarakteristisclie Opfertier der Demeter war 
an zahlreichen Orten das Sehwein, als Symbol der Fruchtbarkeit, dessen 
auf den Altar gelegte Reste nach Haus genommen und mit der Saat ver- 
mischt wurden (A. Mommsen, Feste S. 314. Rhein. Mus. 25, 549). — Wie 
im Kultus ist Zeus dann auch im Mythus mit Demeter verbunden. Als 
er erfuhr, dass sie auf dreimal geackertem Saatfeld mit lasion liebend 
vereinigt war, erschlug- er diesen voll Eifersucht mit seinem Blitze 
(Odyssee 5, 125. Hesiod, Theog. 969 ff.). 

Der ländliche attische Demeterkult, der in Eleusis später eine so 
merkwürdige Wendung zur Ethik und zur Mystik nahm, kämpfte mit 
einem städtischen Dienst der gleichartigen agrarischen Athena, der in der 
Landeshauptstadt zu einer immer höheren politischen Bedeutung aufstieg. 
Nach den meisten Zeugnissen (Röscher, Mythol. Lexikon 2, 1322) lehrte 
Demeter den Stier einspannen und den Boden ackern; nur Servius zur 
Aeneis 4, 402 nennt, vielleicht nach einer stadtathenischen Lokal- 
tradition, Athena die Erfinderin des Pfluges. Das Schwanken zwischen 
beiden Göttinnen beleuchten am hellsten die attischen Proerosien oder 
Vorpflügungen, die das Zeichen zur Aussaat gaben. Am 12. Skirophorion 
zog die Priesterschaft von der Akropolis herab, um im Vorort Skiros beim 
Heiligtum der Athena Skiras, an der heiligen Strasse nach Eleusis, die 
erste Pflügung zum Gedächtnis der ersten und ältesten Aussaat vorzu- 
nehmen. Die zweite fand bei Eleusis auf dem rharischen Felde statt, 
nach der eleusinischen Sage dem ältesten Ackerfelde, zum Gedächtnis des 
Triptolemos, d. h. des ersten Dreimalpflügers, den Demeter mit Acker- 
frucht und Ackergerät ausstattete und auf einem geflügelten Drachenwagen 
aussandte, um aller Welt die eleusinischen Mysterien mitzuteilen. Die 
dritte Pflügung führten im Dienst der Athena Polias die Buzygen unter 
heftigen Flüchen, die wohl den saatfeindlichen Dämonen galten, unter der 
Burg aus, zum Gedächtnis ihres Ahnherrn Buzyges, der zuerst die Stiere 
vor den Pflug spannte. Es macht ganz den Eindruck, als ob das erste 
zwischen Athen und Eleusis gefeierte Pflügefest einen Ausgleich zwischen 
dem rein athenischen und dem rein eleusinischen, zwischen Athena und 
Demeter, darstellte (vgl. Robert im Hermes 20, 378). Aber man darf sich 
nicht mit Usener (Religionsgeschichtl. Untersuch. 3, 126) verleiten lassen, 
das Schift' der panathenäischen Prozession als ein mit dem Pfluge gleich- 
wertiges Symbol anzusehen, das der Athena als Göttin des Ackerbaues 
gegolten habe. Das Schiff kommt allerdings in den deutschen Umzügen 
gleichbedeutend mit dem Pfluge vor (s. u.), in der athenischen Feier aber 
war es eine Nachahmung des ägyptischen Isisschiffes in der Diadochenzeit 
(A. Mommsen, Feste der Stadt Athen S. 116). 

Mag nun die attische Pfluggöttin Demeter oder Athena heisseu, immer 
ist Zeus, und zwar der Regenzeus, an ihrer Feier beteiligt. Denn bei 



10 Meyer: 

jener Skirophorionprozession trugeu die Teilnehmer das J/oc yAodioy\ das 
Zeuswidderfell, das zwar für ein Sühnmittel galt, ursprünglich aber, wie 
im altertümlicheren Brauch der Hirten am Pelion, zum Regenzauber be- 
nutzt wurde. Bei sommerlicher Dürre stiegen sie, umgürtet mit frischen 
und recht zottigen Widderfellen, auf das Gebirge, um oben vom Höheu- 
zeus Regen zu erflehen. Auch in den kleinen Mysterien von Eleusis hatte 
sich jenes Fell erhalten, auf das der Sünder mit dem linken Fusse trat. 
Das gehörte zum Opfer des gnädigen Zeus Meilichios und des reichen 
Zeus Ktesios, und im Spätherbst blickten alle auf jenen, der erst, nach- 
dem er die Erde benetzt hatte, sie der Aussaat freigab (Xenoph. Okon. 7, 2). 
Zeus Meilichios erhielt auch wahrscheinlich im athenischen Vorort Agra 
neben der hier als 'Mutter' verehrten Demeter Opfer (A. Mommsen, Feste 
S. 421), und wie in Skiron und in Eleusis scheint Zeus auch beim dritten 
Pfiugfest in Athen die Ehren der Ackergöttin geteilt zu haben, denn eine 
Sesselinschrift redet von einem Priester des Zeus teleios buzyges, d. h. des 
Vollenders (der Saaten) und Stieranspanners (Philologus 19, 360)^). 

Mit der Demeter eng verbunden, aber nicht identisch, wie sie die 
Orphiker und die Späteren auffassten, erscheint zumal im attischen Kultus 
die Erdgöttin Gäa. Beide Göttinnen hatten dicht an der Burg von Athen 
ein gemeinsames Heiligtum. In einen Erdspalt bei Olympia warf man 
der Gäa jährlich einen Brei von Weizenmehl und Honig. Eine attische 
Inschrift (Corpus inscr. Attic. IV, 1, No. 528, 1) erwähnt ein gemeinsames 
Heiligtum des Zeus Meilichios, der Ge und der Athene. Schön betont 
wurde ihre Verbindung mit Zeus durch ein altes Holzbild auf der Akro- 
])olis, auf dem Gäa den Zeus um Regen anflehte (Pausau. 1, 24, 3). Nach 
Pindars Isthm. 6, 4 wird der erste Krug Wein dem Zeus, der zweite der 
Gäa gemischt. In dem ihr gewidmeten homerisclien Hymnus lieisst sie 
die IIafifu]TfiQa, die Allmutter. 

Die jüngeren landwirtschaftlichen Scln'iftsteller, deren Abhandlungen 
in den Geoponika des Kassianos Bassos im 10. Jahrhundert zusammeu- 
gefasst sind, melden zwar manches von anderen alten bäuerliclien Bräuchen'), 
von Pflügebräuchen aber nur Geoponika 2, 19: „Schreibe auf den Pflug 
Raphael, wenn du die Brache umpflügen und besäen willst! Dann wird 

1) Neben Zeus werden auch Buzyges und Bacchus als Pflugeriinder bezeichnet 
(Daremberg et Saglio, Dict. des antiquitrs grecques ot romaines s. v. Aratrum). 

2) Mehrere sind für die Geschichte der deutschen Bräuche wichtig: das Umwinden 
der Obstbäume mit einem Kranze von Lolch macht diese fruchtbar, so wie das Einstecken 
eines harten Holzkeiles oder Steines in ihre Wurzel das Abfallen ihrer Früchte verhütet 
(vgl. Geop, 10, S7; Jahn, D. Opfergebräuche 210 f.; meine Deutsche Volksk. 2()Ü). Das 
dreimalige ümschreiten eines fast nackten Weibes um den Kohlgarten vertreibt die Raupen 
(vgl. Geop. 12, 8 mit meiner Deutschen Volkskunde S. 22S). Beim Rotlauf der Schafe 
treibt man die Herdo über ein lebendig in der Stalltür vergrabenes krankes Tier (vgl. 
Columella, De re r. 7, 5 mit Jahn, Opfergebräuche S. 15 f.). Zum Schutz des Taubenschlags 
durch einen am Hause nistenden Sperber bei Columella S, 8 ist bereits ein Analogon im 
Badischen nachgewiesen worden in meinem Badischen Volksleben S. -"»'H. 



Indogermanische Pflügebräuche. 1 1 

der Acker fruchtbar werden." Solche heilige XaineTi wirkten als Amulette, 
wie früher die aufgeschriebenen Namen der Athena, später des Jao und 
Sabaoth und Adam (vgl. Oder im Rhein. Mus. N. F. 45, 220 ff.). 

Die Vergleichung der griechischen Bräuche mit den indischen lehrt, 
dass der Pfluggang bei beiden Völkern durch Priester und Opfer geweiht 
wurde. Die für diese Grottheiten bestimmten Opfer wurden zum Teil hier 
wie dort der Erde einverleibt, in Indien ein Gerstenbrei untergepflügt, in 
Griechenland der Gäa ein mit Honig gesüsster Mehlbrei, der Demeter ein 
Schwein in eine Erdspalte geworfen, dessen Reste mit ausgesäet wurden. 
Die Gottheiten wurden mit Gebeten und Sprüchen angefleht, doch ist uns 
deren Originallaut nur in Indien erhalten. Die Hauptgottheiten des Ackers 
sind hier Djaus und die Mutter Erde Prithivi, dort Zeus und die mütter- 
liche Demeter oder die Allmutter Gäa. Der verjüngte Djaus, der Djaus- 
sohn Indra, drückt die Furchengöttin Sita ein, Zeus blitzt auf die in der 
Furche lagernde Demeter herab. Wie die Furche in Indien Ungeziefer 
und böse Geister, wehrt die gepflügte und besäete Brache in Griechenland 
nach Hesiod Fluch ab. Andere intimere indische Züge finden wir nicht 
in der griechischen Überlieferung, so namentlich nicht das festliche Füttern 
und das Begiessen der Ochsen. 

Der römische Brauch wird uns bekannt aus den Indigitamenta, den 
Fasten Ovids, den Georgica Virgils und den landwirtschaftlichen Schrift- 
stellern. Die letzteren jedoch kümmern sich fast ausschliesslich um die 
Technik des Pflügens, und nur der alte Cato, De re rustica c. 131. 132 
vgl. 50 (Keil) hat einen eingehenderen Bericht über die Feier des ersten 
Pflugganges im Frühling, c. 131: 'Piro floreute dapem pro bubus facito. 
postea verno arare incipito' .... c. 132: 'Dapem hoc modo fieri oportet. 
lovi dapali culignam vini, quantam vis, polluceto. eo die feriae bubus et 
bubulcis et (pii dapem facient. cum pollucere licebit, sie facies: „luppiter 
dapalis, quod tibi fieri oportet in domo familia mea culignam vini dapi, 
eius rei ergo macte hac illace dape pollucenda esto". manus interluito, 
postea vinum sumito: „luppiter dapalis, macte istace dape pollucenda esto, 
macte vino inferio esto". Yestae, si voles, dato, daps lovi assaria, ])ecunia, 
urna vini. lovi caste ])rofanato sua contagione. postea dape facta serito 
niiliuni, panicum, aliuin, lentim.' In dem letzten Satze wird das Pflügen, 
weil es schon c. 131 vorweg erwähnt war, nicht wieder erwähnt, obgleich 
es offenbar erst hinter die daps gehört, wie auch c. 50 bezeugt: 'ubi daps 
profanata comestaque erit, verno arare incipito.' Die Übersetzung, die nur 
gegen das Ende hin unsicher ist, lautet: Während der Birnenblüte bringe 
das Opfermahl für die Ochsen, dann fange das Frühlingspflügen au. Das 
Mahl muss auf diese Weise gebracht werden. Dem Juppiter dapalis sollst 
du einen beliebig grossen Becher Weins darbringen. An diesem Tage 
haben die Ochsen und deren Treiber und die Opferer frei. Wenn die 
Zeit des Opfers da ist, so sprich: „Juppiter dapalis, weil dir in meinem 



\-2 Meyer: 

Hause und meinem Hausstande ein Becher Weins /Aim Mahle gebührt, 
deswegen lass dir dieses, jenes zu opfernde Mahl wohl gefallen". Wasche 
die Hände, dann nimm den Wein: „Juppiter dapalis, lass dir dies zu 
opfernde Mahl, lass dir den Opferwein wohl gefallen". Willst du, gib 
auch der Yesta davon. Die Gabe für Juppiter sei Bratfleisch, Geld, ein 
Xrug Weins. Dem Jupiter opfere rein . . . (?). Dann nach dem Opfer 
säe Hirse, Fenich, Knoblauch und Linsen. 

Hier erhält Juppiter alle Ehren, und einer Ackergöttin wird ge- 
schwiegen. Es kommt auf den guten Willen an, wenn auch nur für die 
Yesta als Hüterin des Hauses oder der Vorratskammer (Premier, Yesta 
S. 244) eine Gabe abfällt. Catos Bericht hebt wohl nur das Hauptmoment 
hervor und gibt kein volles Bild, nach anderen Schilderungen römischer 
Ackerfeste zu urteilen, in denen die Erd- und die Korngöttin, oder beide, 
eine Hauptrolle spielen. Oder ist wirklich der römische Ceresdienst voll- 
ständig griechisch, wie Birt in Roschers Mythol. Lexikon 1. S62 meint, 
der 1, 864 die Tellus für ihre echt italisclie Vorgängerin hält? 

Ovid in den Fasten 1, 657ff. schildert die Paganalien, ein Fest des 
Abschlusses der AVintersaat im Januar. Bekränzt stehen die Ochsen an der 
vollen Krippe, der Pflug wird beiseite geschoben, der Tellus oder Terra 
und der Ceres, die ein gemeinsames Werk tun, den von der Saat schwan- 
geren Müttern der Früchte, werden Fladen geopfert. Sie sollen Wachs- 
tum und Sclmtz gegen böse Witterung, Vögel, Ameisen, Mäuse, Kornbrand 
und Unkraut gewähren. 

Virgil, Georg. 1, 338 ff. em])fiehlt dem liandmann vor allem die Götter 
zu verehren, unter denen er vorzugsweise Liber und Ceres, die Faunen 
und Dryaden, Xeptunus und Pan, Minerva und Silvanus versteht. Aber 
Ceres ist die Hauptgöttin, der im Mai, wenn die Reife heranrückt, Honig- 
scheiben (Kuchen) in Milch und süssem \\'ein aufzulösen sind. Dreimal 
wird ihr ein fettes Lamm um den Acker geführt. Zwar lieisst es 
Georg. 1. IJö: 'Ante lovem nuUi subigebant arva coloni', aber V. 147 ist 
Ceres nicht nur die Saat-, sondern auch die Pfluggöttin: 'Prima Ceres ferro 
morrales vertere terram instituit', und als Ceres vertens verehrte man sie 
in Potentia (Monimsen, Liscr. regni Neap. 375). 

Die Dea Dia des gleichzeitigen Festes der hoeliaristokratischen Arva- 
lien scheint keine andre als die Ceres zu sein (Henzen, Acta fratrum 
Arvalium S. 29). Das vierte Ackerfest, das der Ernte vorangeht, besteht 
liauj)tsächlich in dem Opfer einer Sau an die Ceres, nachdem zuvor dem 
Janus, dem -luppiter und der .Inno Weihrauch und Wein und den beiden 
ersten Kuchen geoptert worden sind (Cato, De re rust. 134). 

Endlich muss man den achtzigjährigen Varro hören, der in seiner 
Schrift de re rustica die Gespräche mitteilt, die er wälirend der Feriae 
sementinae im Tempel der Tellus mit seinen Freunden geführt haben 
will. Zuvor aber ruft er die 12 Führer der Ackerleute an. und zwar 



Indogermanische Pflügebräuche. 1^ 

zuerst, die alle Früchte des Ackerbaues in Himmel und Erde outlialten, 
den Juppiter pater und die Tellus terra mater, die Eltern, die Grossen. 
Dann Sonne und Mond, Ceres und Liber, Kobigus und Flora, Minerva 
und Yenus, Lynipha vmd Bonus Eventus. Ceres wird mit Tellus in diesen 
Feriae angernfen (Varro, De lingua lat. G, 76. De re r. 1, 2). 

Wie sehr sich auch bei Virgil und Varro die Ackergötter häufen — 
und des zurückgedrängten Mars der arvalischen Brüder gedenken wir hier 
nicht einmal — , Himmel und Erde in der Fassung von -Tuppiter, Terra 
oder Tellus und Ceres (Dea Dia) sind die drei llauptackergottheiten. 
denen dann bald altitalische, bald griechische Götter und Dämonen od(>r 
auch moderne Vergöttlichungen abstrakter Begriffe, wie Bonus Eventus, 
beigesellt werden. Ihre Zahl ist aber noch stärker durch die von Priestern 
ausgeklügelten Sondergötter vermehrt worden, die den einzelnen Hand- 
lungen der Menschen, auch der pflügenden und säenden, vorstehen (vgl. 
Usener, Götternamen S. T^ff. gegen R. Peter in Roschers Lexikon -J, 1, 
129). Ein Flamen ruft nach Fabius Pictor ausser Tellus und Ceres 
zwölf Götter an, den Vervactor, Reparator und Imporcitor, den erst-, zweit- 
und drittmaligen Pflüger, den Insitor Einsäer, den Obarator Überpfiüger, 
den Occator Egger. Die anderen sechs schützen die weiteren Obliegen- 
heiten des Landmanns. 

Die allerwichtigste Aufgabe fiel dem latinischen Pfluge zu, wenn er 
das 'urvare" ausführte, d. h. den sulcus primigenins, die allererste Furche 
um einen zur Anlage einer Stadt bestimmten Raum zog. Xachdem der 
Mundus, auch Cereris Mundus bei Festus 142 genannt, eine Grube im 
Mittelpunkt des ausgewählten Platzes ausgegraben und mit allerlei Feld- 
früchten gefüllt war, spannte nach altem Brauch der Gründer der Stadt 
einen Stier und eine Kuh von weisser Farbe an einen mit eherner Pflug- 
schar versehenen Pflug, jenen rechts nach aussen, diese links einwärts, 
darauf achtend, dass alle Schollen nach innen fielen. Denn die Scholle 
bezeichnete den Zug der Mauer, die Furche den Graben. Wo aber zu 
profanem Aus- und Eingang ein Tor sein sollte, hob er den Pflug aus dem 
Boden und trug ihn über die Stelle hinweg (Cato, fragm. 1, 18 ed. .Jordan. 
Schwegler, Rom. Geschichte 1, 446. 389. 438. Preller, Rom. Mythol." 2. 67. 
Xissen, Das Templum S. 56 tf.). Noch die aus Cäsars Zeit stammende Lex 
Ursonensis c. 73 warnt die Einwohner der andalusischen Kolonie Osuna, 
'ne (piis intra fines oppidi coloniaeve, qua aratrum circumductum erit, 
hominem mortuom inferto neve ibi humato neve urito neve hominis mortui 
monimentum aedificato' (Fontes iuris romani antiqui ed. Bruns^ 1, 127). 
Während das fascinum über dem Tore vom Eingang, wehrt die aus der 
heiligen Furche aufgestiegene Mauer, 'sanctus murus, (jui sit circum oppi- 
dum' (Festus 289), ringsum alles Unreine und Unheilige ab. Keine Leiche 
darf in den ummauerten Bezirk gebracht, noch dort bestattet, nicht einmal 
dem Toten ein Denkmal gesetzt werden. AVie die Sage von Remus Tode 



14 Meyer: 

Yerrät, durfte der Lebende die Mauer nicht überspringen. Noch bis ins 
16. Jahrhundert bestimmen die Statuten von Bergamo und Verona schwere 
Busse für jeden Versuch, über Mauer oder Graben hinwegzusetzen. Das 
scheint auch griechische Anschauung gewesen zu sein; denn nach Apollodor, 
Bibl. 1, 8, 1 tötete Oineus seinen eigenen Sohn Toxeus, weil dieser 'den 
Graben' übersprang, und nach Aristophanes Wespen 850 äussert ein alter 
Heliast den Wunsch, die Gerichtsstätte mit einer heiligen Furche zu- um- 
ziehen (Usener in den Hessischen Blättern f. Volkskunde 1, 202 ff.). Am 
sichersten vor bösem Einfluss sind die inmitten des heiligen Beringes ver- 
wahrten Feldfrüchte der Ceres. Es genügt auch schon eine Pflugschar, 
mit der in selbigem Jahre die erste Ackerfurche gezogen ist, nachdem 
sie auf dem Herde glühend gemacht war, die Wölfe vom Acker fern zu 
halten (Plinius, Hist. nat. 28, 267). 

Auch der römische Pfluggang trägt ein sakrales Gepräge, obgleich die 
Anwesenheit von Priestern nicht ausdrücklich bezeugt ist. Er ist den 
Göttern, und zwar den gleichen Göttern geweiht wie in Indien und 
Griechenland. 

Wird in Indien Djaus Vater oder der regnende Gewittergott Indra 
und in Griechenland der regnende Gewittergott Zeus Vater als Haupt- 
pfluggott angerufen, so entspricht ihnen in Latium der regnende Gewitter- 
gott Juppiter. Seine Genossinnen, die mütterliche Erde Prithivi und die 
Furchengöttin Indiens, werden in Griechenland und in Pom durch die mütter- 
liche Gäa oder die Korngöttin Demeter und durch die Tellus oder die Ceres 
vertreten. Die Opfergaben in Rom, Bratfleisch, Geld und Wein, tragen einen 
entschieden modernen Charakter. Doch wie dem Ackergotte .luppiter ein 
Becher Wein kredenzt wird, so mischten die Griechen den ersten Krug dem 
Zeus, offenbar auch dem Ackergotte, denn der zweite galt der Gäa (S. 10). 
Das Schwein gebührt der Ceres wie der Demeter, und das indische Opfer 
von untergepflügtem Gerstenbrei und das der Gäa dargebrachte von Honig 
und Mehl kehrt in dem in Milch aufgelösten Honigkuchen oder Fladen 
für Tellus und Ceres wieder. Weihrauch wird dem Jup]>iter und der 
Juno vor der Ernte, Wohlgerüchc werden dem Djaus und der Prithivi 
beim ersten Pfluggange gespendet. Bei diesem werden gleicherweise die 
römischen wie die indischen Ochsen mit Festspeisen gefüttert, der Tag 
des Pflügeopfers ist für sie ein arbeitsfreier Tag, wie für die Pflüger, und 
auch am Schlüsse der Saat stehen sie bekränzt an der vollen Krippe. 
Tellus und Ceres wehren alles Ungeziefer, Kornbrand und Wetterschaden 
ab, und grossartig entwickelt ist der Glaube an die vor Unheil bewahrende 
Kraft der Furche, die wir schon aus Indien und Griechenland kennen 
lernten: die aus der Furche aufsteigende Mauer einer neubegründeten 
Stadt schützt dieselbe vor allem Unreinen und Unheiligen. Die scharfe, 
noch dazu heisse Pflugschar schreckt die Raubtiere ab, wie in Deutsch- 
land die glühende Mistgabel die Hexen (Wuttke, D. Abergl. § 708). 



Indogermanische Pflügebräuche. 15 

Lelii'i'eicli ist auch das Htauiscli-lettiscli-preussische Ileidentum, 
das bis in die neuere Zeit hineinwiichert. Gingen die Litauer zum Pflügen 
oder Säen, so beteten sie zum Laukpatis oder Flurenlierrn, die Letten 
zur Laukamaat oder Flurenmutter (Usener, Götternamen S. 94. 107). Bei 
der Acker bestellung riefen jene den Erdbestreuer Zemberys, dessen Echt- 
heit übrigens Mannhardt (WPK. 2, 251) bestreitet, und den Durcharbeiter 
(Pflüger?) Pergubrius, einen Prühlingsgott, an, dem ein Priester am h. 
Georgstage (23. April) ein Opfer brachte (Usener a. a. 0. S. 97. 111). Dabei 
pries er ihn als Bringer des Grüns in Feld und Wald, fasste mit den 
Zähnen ein Biergefäss, trank es ohne Unterstützung der Hände aus und 
warf es nach der Leerung rückwärts über den Kopf. Nachdem es auf- 
gehoben und wieder gefüllt war, tranken alle Teilnehmer der Reihe nach 
daraus und sangen dem Gotte ein Lied (Jan Malecki 1551. Script, rer. 
Livonic. 2, 389 f.). Dem Smik Smik Perleuenu weihten sie im Frühling 
die erste Furche, die deren Pflüger das ganze Jahr nicht überschreiten 
durfte, wenn er nicht den Gott erzürnen wollte. Mit dem Rufe 'Gleite 
durch die Furche' liess man, wie es scheint, eine heilige Schlange durch 
die erste Furche kriechen (Usener, Götternamen S. 101. 111). Kehrten die 
Arbeiter vom Säen mit ihren Ochsen und Pflügen heim, so lauerten ihnen 
die Weibsleute mit Wasser auf und begossen sie. Diese aber warfen ihre 
Begiesserinnen in den Teich. Dies bedeutet, dass Gott zu rechter Zeit 
der Saat genug Wasser geben wolle. So berichtet M. Praetorius um 1670 
(Mannhardt, WFK. 1, 214). 

Über Regen, Unwetter und Dürre waltete aber der Donnergott Per- 
kunas, Perkuns, der also das Schicksal des Ackers in der Hand hatte. 
Wenn er donnerte, trug der Bauer auf seinen Schultern mit entblösstem 
Haupt eine Speckseite über den Acker und bat um des Gottes Gnade 
(Usener S. 97). Die alten Preussen fielen bei Gewitter auf die Kniee und 
beteten: „Geh an uns vorüber", und noch bis ins 17. Jahrhundert opferten 
die Letten bei Dürre dem Perkuns. Auf einem Waldhügel schlachteten 
sie ihm eine junge Kuh, einen Bock und einen Hahn, alle drei von 
schwarzer Farbe, und schenkten ihm zuerst einen Becher Bieres ein, den 
sie dreimal um ein Feuer trugen und dann austranken mit der Bitte, 
Perkuns möge Regen herabgiessen (Fabricii Livon. historia IG 10. Script, 
rer. Livon 2, 441). 

Aber neben diesen x\ckergöttern, die vielleicht ursprünglich in einem 
Donnergott zusammengefasst waren, genoss die litauische Zemyna, Erde, 
oder Zemynele, Erdchen, ein so hohes Ansehen, dass nach Praetorius noch 
um 1700 die Spende an sie bei allen feierlichen Gelegenheiten dem 
Trinken vorausging (Ztschr. f. deutsches Altertum 24, 161). Sie heisst die 
Blütenspenderin und wurde noch 1866 in einem Liedchen angefleht, Äcker 
und Wälder zu segnen. Ihr Hauptfest flel in den Dezember und hiess 
Sabarios, d. h. Zusammenschüttung, nämlich aller Getreidearten, aus denen 



IG Meyer: 

dann die kreisrunden Festkuclien und das Festbier hergestellt wurden. 
War das Bier fertig, so goss der Hausvater von diesem dreimal auf den 
Spund des Tönnchens und betete zur Zemynele, die Blüte des Getreides 
zu segnen, und zu Gott. Nach einem weiteren Gebet für Haus und Hof 
und einem Vaterunser des Hausvaters hoben er und sein Hausgesinde die 
Hände zum Gebet auf: „Gott und du, Zemynele, wir schenken dir diesen 
Hahn und Henne, nimm sie als Gabe mit gutem Willen." Xun schlug' 
der Hausvater mit einem Kochlöffel die beiden am Boden gebunden 
liegenden Tiere tot. Nachdem alle um ein umgestülptes und mit einem 
Tischtuch bedecktes Scheffelmass niedergekniet und der Hausvater den 
Glauben und die zehn Gebote gesprochen, verzehrten sie an jenem Tische 
die Brötchen, Butter und die beiden inzwischen gekochten Hühner und 
tranken das Bier dazu. Vom Mahl durfte nichts übrig bleiben, dem 
Gesinde kein böses Wort gegeben werden (Mannhardt, WFK. "2, 2500'.). 
Zemyna, die bei den Letten Semmes mäte, Erdmutter, hiess, hatte zum 
Bruder den Zemepatis oder Erdherrn, dem der Wirt ebenfalls im Dezember, 
zur Zeit des kürzesten Tages, oder auch bei Unwetter im Herdhaus Hahn 
und Henne opferte; jeder Teilnehmer drückte vor dem Essen sein Brot 
an die Erde (Usener, Götternameu S. 105). Man möchte vermuten, dass die 
beiden Dezemberfeste, eines der Zemyna und das andere des Zemepatis, 
ein einziges, beiden geraeinsames, bildeten, wie ja in beiden Hahn und 
Henne die Opfertiere sind und in dem einen neben der Göttin Gott angerufen 
wird, in dem des Zemepatis das Brot an die Erde gedrückt, also der Erd- 
göttin geweiht wird. Der Gott aber, dem ein gleiches Opfer bei Unwetter 
dargebracht wurde, muss ein Wettergott, also Perkunas, gewesen sein. 
Diese Annahme wird bestätigt durch den lieidnischen Namen des ihm ge- 
weihten kürzesten Tages; denn die Letten nannten im 17. -lahrhundert 
den Christabend Bluckvakar, Blockabend, weil sie dann mit hiutem Ge- 
schrei einen Block herumzogen und darauf unter Tanz und Gelage ver- 
brannten (Script, rer. livon. 2, G2o). Diese Weihnachtsblockfeier ist, wie 
Mannhardt, WFK. 1, 224 ff. nachgewiesen hat, bei den Südslaven, Ger- 
manen und deren italienischen und französischen Nachbarn weit verbreitet. 
Aber der Klotz oder AVurzelstock wurde von diesen nicht unv(n'sehrr und 
— vielleicht übrigens nur nach der unvollständigen Überlieferung — durch 
Opferspenden ungeehrt umhergeschleift, sondern mit allerlei Getreide und 
Wein oder Bier oder (")1 oder Weihwasser oder Salz und Wasser beschüttet 
oder besprengt und bis auf einige Reste verbraunt. Seine Asche aber, 
Kohlen und vom Feuer nicht verzehrte Stücke wurden in Haus und Hof 
verteilt oder auch über den Acker gestreut, um Schutz und Segen zu 
bringen. Das älteste Zeugnis für diese Sitte finde ich in Pri(ir)minii 
Scarapsus C. 22 aus dem Beginn des 8. Jahrhunderts, in dem das ale- 
mannische „efPundere super truncum frugem et vinum" bekämpft wird 
(Caspari, Kirchenhist. Anekdota 1, 172). Die lettische Weihnachtsfeier wird 



Indogermanische Pflügebräuche. 17 

wiederum nur eine Abart jener litauischen Dezemberfeiern gewesen sein, 
die der Brdgöttin und dem Perkunas-Zemepatis, dem chthonischen Zeus, 
galten. Als ein Fest des Donnergotts habe icli wie Kuhn (Westf. S. 2, 
104 ff.) den germanischen Yuleblock- oder Christbrand in meiner Ger- 
manischen Mythologie S. 218 aufgefasst. Darum muss auch au vielen Orten 
der Klotz von der Eiche genommen werden, darum schützen seine auf- 
bewahrten Bestandteile einerseits vor dem verderblichen Gewitter und 
führen andrerseits den befruchtenden Regen herbei (Mannhardt, WFK. 1, 
224. 226 f. 229), darum tritt auch an die Stelle des Donnerholzes der 
Donnerstein und wird wie dieses mit Spenden bedacht. Zur Julzeit, und 
zwar am Donnerstag, werden im skandinavischen Norden Donnersteine mit 
Butter gesalbt oder in Bier gebadet und geehrt (meine Germ. Mythol. S. 141. 
218). Solchen Donnerstein steckten die Masseler Bauern bei Schlesisch 
Trebnitz ins Säetuch, damit das daraus gesäete Korn gut gedeihe (Hermann, 
Maslographia 1711 S. 167). 

Ob diese Sitte des weihnachtlichen Blockbrandes bei den verschiedenen 
indogermanischen Nationen Europas urheimisch war oder von Rom her 
durch den Kaiendenblock eingeführt wurde, wie Bilfinger (Untersuch, über 
die Zeitrechnung der alten Germauen, 2. Bd. im Stuttgarter Gymnasial- 
progr. 11)01) will, bleibe hier unerörtert. Jedenfalls war das Blockver- 
brennen und -beschütten um die Jahreswende auch bei den nichtitalischen 
Yölkern völlig eingebürgert, und namentlich das Blockschleppen der Letten, 
das offenbar die Fruchtbarkeit des zukünftigen Jahres durch Perkuns 
fördern sollte, steht selbständig neben der römischen Regenbeschwörung, 
dem Aquilicium, das von denselben Anschauungen eingegeben worden ist 
wie der lettische Brauch. Denn bei grosser Dürre eilten nicht nur die 
Bürger barfflssig auf das Kapitel, um dort Jupiter um Regen anzuflehen, 
sondern die Priester schleiften einen Stein, den lapis manalis, durch die 
Stadt, worauf man sofortigen Regen erwartete (Preller, Rom. Myth. ^ 1, 
194. 354). 

Welche altertümliclie Naturfrische atmet, gleich der litauischen Sprache, 
der litauische Glaube und Brauch! Auch hier wachen ein väterlicher 
Donnergott, Perkuns, und eine mütterliche Erdgöttin, Zemyna, über der 
Bestellung des Ackers. Jener lieisst ohne Zweifel der Flurenherr, diese 
die Flurenmutter. Im Frühling ist er mit dem Pergubrius, dem Pflüger, 
gemeint, dem, wie dem Frühlingspflüger Juppiter dapalis, das kostbarste 
Nass, Bier oder Wein, dargebracht wird und zwar in einem Kruge, der 
in Latium mit gewaschenen Händen, in Litauen noch altertümlicher mit 
den Zähnen gefasst wird, ohne Beihilfe der Hände. Darum heisst es auch 
anderswo, Perkuns bekomme den ersten Becher Biers, damit er Regen 
herabgiesse, und das ihm geweihte Blockschleppen entspricht durchaus 
dem Steinschleppen des Juppiter pluvius. Auch die Zemyna versorgte 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. •> 



Ig Meyer: Indogermanische Pflügebiäuche. 

man namentlich mit Getränk, damit auch sie Regen spende. Um sich 
dieses noch mehr zn versichern, wurden die Pfiüger von den Weibern mit 
Wasser beschüttet und hinwiederum diese von jenen in den Teich ge- 
worfen. So begoss man in Indien den vordersten Pflugochsen. Und auch 
die indisch-griechische Vorstellung, dass Tndra, der Blitzgott, beim Pflügen 
in die Furche greifen soll, dass Zeus mit dem Blitz auf das dreimal ge- 
ackerte Saatfeld fährt, scheint in Littanen wiederzukehren, wo man im 
Prühling dem Smik die erste Furche weihte, durch die man eine heilige 
Schlange, wie es scheint, also den symbolisierten Blitz, kriechen Hess. 
Die erste Furche durfte der litauische Pflüger das ganze Jahr nicht über- 
schreiten, was an die unüberschreitbare Stadtfurche der Römer erinnert, 
nnd aus der litauischen Zeit mag auch die Sage von Dietrichswalde im 
Regierungsbezirk Königsberg stammen, das wegen seiner Gottlosigkeit 
dnrch die nahen Berge mit Yerschüttung bedroht wurde. Da zogen die 
Bewohner auf Gebot der Mutter Gottes eine Furche um das Dorf, die die 
Berge nicht überschreiten konnten (Hess. Blätter f. Volksk. 1, 202). 

Die abwehrende Kraft der Furche, die wir schon bei den ludern, 
Griechen nnd Römern fanden, ist nun auch vielfach bei den Slawen, 
namentlich bei den Russen, bezeugt Qlannhardt, WFK. 1, 561, 556 und 
Usener in den Hess. Bl. f. Volksk. 1, 202). Zwölf oder sieben Mädchen 
oder Burschen, oder ebensoviele Mädchen und Burschen, oder die Dorf- 
weiber, mit brennenden Kienspänen in den Händen, oder auch ein 
einzelnes spannen sich um Mitternacht vor den Pflug und ziehen 
ihn um das Weichbild des Dorfes, um Seuchen von allerlei Art 
abzuwehren. Mehrfach wird Keuschheit oder Nacktheit dafür erfordert. 
In Kärnten wird im Fasching der Pflug „wiederhergestellt", die 
slowenischen Burschen fahren dann jubelnd mit dem Pfluge um die 
Ackergrenzen, und in Böhmen führten die Leute von Rosin bei der ersten 
Aussaat nachts in grossem Zuge ein nacktes Mädchen und einen schwarzen 
Kater dicht vor einem Pfluge her aufs Feld, wo der Kater vergraben 
wurde. Wir haben also bei den Slawen dreierlei Pflügungen, ein Abwehr- 
pflügen, ein Vorpflügefest und einen ersten Pfluggang, die wir alle, eben- 
falls von alten Bräuchen umgeben, wiederfinden bei den Germanen, 
deren reiche Überlieferung uns den weitesten Überblick über die Pflug- 
gebräuche gestattet. 

Freiburg i. B. 

(Schluss folgt.) 



von Negeleiii: Macedonisclicr Scelcnglaubc und Tntenkultus. 19 

Macedonisclier Seelenglaiibe und Totenkultus. 

Von Julius von Neffelein. 



Das jüngst erschienene verdienstliche Werk von G. F. Abbott, 
^Macedonian Folk-lore' (Cambridge 1903)') enthält auf S. 19l>— ■2-22 ein 
ausserordentlich reiches Material über das weite Gebiet des macedonischen 
Seelenglaubens und Totenkultus. Ohne mich auf eine Polemik wider 
Abbotts Anschauungsweise einzulassen , möchte ich im folgenden dies 
Material in einer Weise darzustellen versuchen, die eine tiefergehende 
volkskundliche Ausbeutung erleichtert und diese in einigen Punkten selb- 
ständig versucht. 

Die macedonischen Seelenanschauungen stehen durchaus und fast aus- 
schliesslich auf dem allgemein-slawischen Boden. Auf dieser ihrer Mutter- 
erde müssen sie betrachtet werden. Erst in sekundärer Hinsicht gewinnen 
andere Analogien ihr Ptecht. Zunächst sei deshalb als typisch hervor- 
tretender Elemente des macedonischen Yampyrismus und des Nach- 
z e hrer ab erglaub ens gedacht. Beide Einzelheiten haben indes nur als 
specifische Symptome einer wichtigen Allgemeinerscheinung Wert, die 
sich als charakteristisches Moment des ganzen, von uns in Betracht ge- 
zogenen Ideenkreises gegenüber den analogen Vorstellungsgebilden der 
übrigen indogermanischen Völker scharf abhebt: das Slawentum nähert 
sich in hervorstechender Weise den materialistischen Ideen, dem 
natürlich nur instinktiv, nicht etwa verstandesklar vorhandenen und 
wirkenden Glauben an den Monismus von Geist und Körper, Seele und 
Leib. Beide Elemente sind vor wie nach dem Tode untrennbar mit- 
einander verbunden. Der Tod ist deshalb ein sich im Laufe von Jahren 
vollziehender Akt der Auflösung dieser psychisch - somatischen Doppel- 
existeuz und sein Abschluss die völlige Vernichtung der letzteren. Zu 
irgend einem Glauben vom Leben nach dem Tode in unserem Sinne 
konnte es also nicht kommen. Der Tote tritt nur als Toter in die Welt 
der Lebenden hinein. Die ihm zugeteilten Eigenschaften, seine Blutgier, 
sein Hunger, sind nur der Ausdruck der Furcht vor dem einzelnen Leichnam, 
der sich der geängstigten Phantasie der Überlebenden nur zu häufig dar- 
stellt, um diese mit dem bangen Gedanken zu erfüllen: er suche einen, 
dass er seinesgleichen werde. Wer sollte die Macht haben, den Körper 
eines Kranken dahinsiechen zu lassen, ihn blutleer und mager zu machen, 
als eben derjenige, der dieses Missgeschick an seinem eigenen Körper 
erfahren hat und nach dem Blute dürsten muss, das abermals ältere Geister 



1) [Angezeigt von K. Dioterich, Literar. Centralblatt 1908, 1377.] 



20 von Negelein: 

ihm entzogen haben? Wer sollte den unauffindbaren Zugang zum Toten- 
reich ergründen können, dem nicht ältere den Weg gewiesen hätten? So 
werden die Toten zwar nicht zu Göttern, wohl aber zu geleitenden, ge- 
fährdenden, raubenden Dämonen. — Als solche sind, um an die Oriental. 
Litztg. 1903, Heft lOf. anzuknüpfen, zunächst die in Macedonien herum- 
laufend geglaubten Lykanthropen (S. 215f.-, vgl. hierzu auch Fried- 
mann in Löwenfeldt und Kurella, Grenzfragen des Nerven- und Seelen- 
lebens, Wiesbaden 1898, S. 292, und Andree, Ethnograph. Parallelen 1, 62) 
zu betrachten. Von Türken, die ein ausnahmsweise schlechtes Leben 
geführt haben, wird erzählt, dass sie sich im Moment des Sterbens in 
wilde Eber verwandeln. Der Ring, den sie im Leben an einem Finger 
getragen haben, bleibt auf des Tieres einem Vorderfusse abgezeichnet. 
Die Verwandlung soll sich allmählich vollziehen. Das nunmehr tier- 
o-estaltiae Wesen eilt in wildem Laufe über Hecken und Gräben aufs 
freie Feld. Zur Nacht besucht es die Häuser von Freund und Feind und 
richtet dort Unheil an. — Die Zugehörigkeit dieses Untieres zu den lyk- 
anthropischen Wesen wird namentlich durch das Vorhandensein des 
menschlichen Überrestes bei dem bestialischen Körper erwiesen. 
Besonders wichtig aber ist die Tatsache, dass wir die Verwandlung im 
Momente des Todes sich vollziehen sehen und dass diese alsdann 
dauernd vollzogen erscheint, während die lykanthropische Grundidee 
ausschliesslich vorübergehende Verwandlungen in der ganzen Zeit 
des Lebens des Individuums umfasst, und andere Variationen, wie die 
bulgarische Volksvorstellung, nur eine einzige graduelle Transformation 
vor dem Tode kennen. Hier zeigt sich der Übergang der lykanthro- 
pischen Wahnvorstellung in das Gebiet der tierisch -menschlichen Meta- 
morphose im Sinne einer animistischen Idee sehr deutlich. 

Der Vampyrglaube Macedouiens fällt völlig in den slawischen Ideen- 
kreis. Der Tote gilt als um so gefährlicher, je mehr er den Schein des 
Lebens bewahrt hat. Die in unserem germanischen Osten von dem Slawen- 
tum übernommene Nachzehreridee spielt deshalb eine grosse Rolle. Selbst 
die allgemein anerkannte Pflicht, des Toten Augen und Mund zu schliessen, 
gehört hierher (S. 193). Es herrscht der Glaube, dass, wenn die frische 
Leiche ein Lächeln zeigt, dies ein Zeichen sei, dass der Tote ein anderes 
Mitglied der Familie „nach sich ziehen will". So meint man auch in 
SufFolk (S. 199, Anni. 2), dass der Mangel einer Leichenstarre eben 
dieses Unheil prophezeie, und die Amerikaner sind des gleichen Glaubens. 
Als wichtigste Konsequenz dieses Ideenganges ist die Sitte der Exhu- 
mierung der bereits drei Jahre alten Leiche anzusehen (S. 210). Die 
Gebeine des Verstorbenen werden darauf sorgfältig mit Wein gewaschen 
und in einen leinenen Sack oder eine hölzerne Kiste gesteckt, die mit 
dem Namen des Verstorbenen und dem Datum seines Todestages versehen 
wird. Dieser Behälter wird dann in dem xoi/.ü]r)'jQtov beigesetzt. Der 



Macedonischer Seelenglaube und Totenkultus. 21 

Name desselben steht dem Worte für 'Begräbnisplatz', also der Ruhe- 
stätte des Toten für den Verlauf der ersten drei Jahre, dem vexQOTacpelov^ 
gegenüber. „Grosse Bedeutung wird der Erscheinung der Überreste bei 
der Eröffnung des Grabes beigemessen. Völlige Auflösung ist ein sicherer 
Beweis dafür, dass die Seele des Verstorbenen in die Ruhe eingegangen 
ist. Farbe und Geruch der Gebeine werden prüfend beobachtet, und ein 
gelbes und riechendes Skelett erfüllt die Verwandten mit der Zuversicht, 
dass ihr Entschlafener überirdisches Glück geniesst." Umgekehrt wird 
aus dem Mangel an einem Leichenzerfall auf ein lasterhaftes Leben des 
Verstorbenen und einen unseligen Zustand desselben nach dem Tode 
geschlossen. In diesem Falle wird der Körper abermals in demselben 
oder einem neuen Grabe beigesetzt, und spezielle Gebete werden für seinen 
schleunigen Verfall zum Himmel emporgeschickt. Namentlich sind es die 
Selbstmörder, die das Schicksal, über den Tod hinaus zu leben, treffen 
soll, sodann auch die von dem Fluche des eigenen Vaters oder eines 
Priesters Getroffenen oder die unter dem Bann der Exkommunikation 
Verstorbenen. — Hier sticht besonders die interessante Sitte der Doppel- 
bestattung und die Furcht vor den Selbstmördern hervor. Beide Momente 
sind weit verbreitet und haben immer dieselbe psychologische Basis: man 
bestattet den Leib erst dann zur ewigen Ruhe, wenn man seiner Un- 
schädlichkeit für die Welt der Lebenden gewiss ist, und trifft Abwehr- 
massregeln, wenn sie bei denjenigen Individuen, deren Lebensfaden plötzlich 
zerrissen ist, besonders geboten erscheinen. Zu diesen Schutzmitteln der 
Überlebenden greift man namentlich auch dann, wenn etwa das Gesicht 
des Toten nach unten gekehrt erscheint, d. h. wenn man meint, dass er 
sich im Grabe umgedreht hat. In solchen Fällen wird die schauerliche 
Sitte der Pfählung vorgenommen: „Jemand war verdächtig, sich in einen 
Vampyr verwandelt zu haben. Die Leiche wurde ausgegraben, mit kochendem 
Öl verbrüht und ein langer Nagel ihm durch den Nabel gejagt. Dann 
wurde das Grab wieder zugedeckt und Hirse herübergestreut, damit, wenn 
der Vampyr wieder herauskäme, er damit seine Zeit verlieren möge, dass 
er die Körner aufsammeln müsse und so von der Morgendämmerung über- 
rascht würde" (S. ^ISf. und 219, Anm. 2). — Sei es nunmehr gestattet, zu 
dem Gegebenen einige Parallelen beizubringen. 

Überall ist die Furcht vor der lächelnden, weichen, rotbäckigen, mit 
geöffneten Augen daliegenden Leiche vorhanden. Sie findet sich in Deutsch- 
land weit verbreitet: Wuttke, Aberglaube" S. 449. Rochholz, Deutscher 
Glaube und Brauch 1, 196f. Öffnen sich bei einer Leiche die Augen von 
selbst, so schliesst der Bayer daraus auf Nachsterben in der Familie 
(Bavaria 1867, 409). In Mecklenburg wird ein Toter mit offenem Munde 
und aufgesperrten Augen wieder ausgegraben und wo anders beerdigt, 
um ihm Ruhe zu verschaffen (Bartsch, Mecklenburg. Volkssagen 1, 168). 
In Böhmen und Mähren fürchtet man sich namentlich vor einem Toten, 



22 von Negelein: 

dessen Hände weich nnd dessen linkes Ange offen ist, da dieser Verwandte 
nachholt (Grohmann, Aberglaube aus Böhmen und Mähren S. 188). Nicht 
anders denken auch die Südslawen, namentlich die Bosnjaken und Bulgaren, 
ferner aber auch europäische Mohammedaner über die Gefährlichkeit der 
das Auge nicht schliessenden, weichen und lächelnden Leiche (Oben 1, 187f. 
Strausz, Die Bulgaren S. 427). Schon die homerischen Griechen drückten die 
gebrochenen Augen zu (Od. co 294. l 424; II. A 452; vgl. Buchholz, Homerische 
Realien 2, 2, 294; Stengel, Sakralaltertümer 214 und II. FTlff.). Richtig 
erkannte man, dass die Sitte, des Verstorbenen Gesicht zu umhüllen, in 
Griechenland dazu diente, den verderbenbringenden Blick der Leiche zu 
verschleiern (Zeitschr. f. Ethnologie 9, 284). — Auch bei den heidnischen 
Arabern niusste vor allem der Kopf des Toten bedeckt werden; die Füsse 
durften eher zu kurz kommen (Wellhausen, Reste arabischen Heidentums 
S. 178). Die Chinesen legen noch heute auf das Gesicht des Toten ein 
weisses, seidenes Tuch (Navarra, China und die Chinesen 1901 S. 200). Die 
Beltiren glauben, dass, wenn die Augen einer Leiche offen bleiben, noch 
jemand stirbt (Katanoff, Türkische Bestattungsgebräuche S. 108). Selbst 
niedrig stehende Völker, wie die Herero und Bechuaua, werfen bereits 
dem Sterbenden ein Tuch um den Kopf (G. Fritsch, Die Eingeborenen 
Südafrikas 1872 S. 236). — Da dem Verstorbenen das Speisebedürfnis des 
Lebendigen zugeschrieben ward, so hütet man sich auch namentlich davor, 
seinen Kopf so zu legen, dass er etwa den Zipfel eines Halstuches, Bänder 
oder dergleichen erfassen kann (Wuttke S. 200). Ja bisweilen soll man in 
Mecklenburg dem Toten einen Zahn ausziehen und ihn in die Tasche 
stecken (Bartsch 1, 234f.). Ganz eigentümlich ist auch die Meinung, der 
Tote lasse zuzeiten unheimliche Töne hören, er schmatze. Bei Erasmus 
Francisci, Höllischer Proteus 1690, Kap. 28 (Grohmann, Sagenbuch 1,209) 
ist eine Geschichte vom schmatzenden Toten erzählt. Ein Nachzehrer 
soll im Jahre 1336 gepfählt worden sein. Er brüllte fürchterlich, zog die 
Füsse wie ein Lebendiger zusammen und krümmte sie. Beim Pfählen 
vergoss er reichliche Blutmengen. Als man ihn. auf dem Scheiterhaufen 
verbrannte, hörte alles Übel auf (Grohmann, Aberglaube S. 191). Die 
Leiche einer Hexe soll im Grabe geschmatzt haben (Sartori, iVrchiv für 
Religionswiss. 2, 220). Die Bayern sagen: wenn es im Grabe schmatzt, 
so stirbt einer aus der Verwandtschaft dos Toten (Bavaria 1865, 364). — 
Dass die unheimliche AVeichheit der Leiche den Überlebenden mit Furcht 
vor baldigem Todeslos erfüllt, zeigt sich überall: in Deutschland (Wuttke 
S. 199; vgl. Toppen, Aberglaube aus Masuren S. 106; Andree, Braun- 
schweiger Volkskunde 1896 S. 228; Ausland 57, 825; Archiv f. Religions- 
wissensch. 2, 223; Weinhold, oben 1, 218), ferner z. B. in Bosnien und 
der Herzegowina (Lilek, Ethnologische Mitteilungen aus Bosnien und der 
Herzegowina 9, 402). 



Macedonischer Seeleiiglaube uml Totcnkultus. 23 

Aus der Furcht vor dun Todesdämuneu bezw. der miasmatischen 
Wirkung- des toten Körpers selbst resultieren zwei konträre Bräuche: mau 
sucht sich der Leiche möglichst sclmell durch sofortige Bestattung zu 
entledigen oder man zertrümmert sie, um sie unschädlich zu machen. 
In Macedonien ist beides bekannt. Man lässt den Leichnam niemals länger 
als 24 Stunden, ja selten auch )uir so lange über der Erde. Gewöhnlich 
findet das Begräbnis am Tage nach dem Tode statt (S. 197). In naher 
Analogie dazu pflegte man auch in altgermanischer Zeit die Leiche nur 
selten wiihrend der Nacht im Hause zu behalten (Weinliold, Altnordisches 
Leben, S. -476; vergl. Mogk, Grundr. f. germ. Philol." 3, 254). Im Gegen- 
teil, man pflegte, wenn die Leiche nach Sitte und Gebrauch behandelt, 
d. li. gut gewaschen und bekleidet war, so schnell als möglich zum 
Begräbnis zu schreiten (Mogk 3, 426). Als Vorsichtsmassregel ist das 
schnelle Begräbnis bei deutschen Stämmen bis heute Sitte geblieben. Die 
Schwaben bestatten z.B. einen 'Wasserscheuen' bereits 24 Stunden nach seinem 
Tode (Birliuger, Aus Schwaben 2, 318). Der gleiche Brauch ist nament- 
lich bei semitischen Stämmen wohl seit den frühesten Zeiten geübt worden. 
Ist doch gerade bei diesen Völkern die Idee eines metaphysischen Seelen- 
aufenthaltes niemals populär geworden. Schon bei den alten Arabern 
hatte man Eile, die Leiche unter die Erde zu bringen (Wellhausen, 
Reste arabischen Heidentums, S. 178), und auch die heutigen Beduinen 
begraben ihre Toten noch an demselben Tage (Oppenheim, Vom Mittel- 
meer zum persischen Golfe 2, 135). Die Juden scharrten seit alter Zeit 
ihre Hingeschiedenen womöglicli schon dann ein, wenn der Verlust des 
Atems, d. h. der Tod, unzweifelhaft konstatiert war, weshalb sie mit den 
staatlichen Behörden bis zur neuesten Zeit in Kollision gerieten (Vogel- 
stein, Die Juden in Rom 1, 287. Zs. f. d. Geschichte der Juden 3, 2 11 ff. 

4, 315. 5, 275j. Dass sehr viele niedrig stehende Völker sich vor der 
Leiche fürchten und diese Furclit, wo nicht schleuniges Begräbnis, so doch 
sofortige Aussetzung selbst Sterbender, Schwerkranker oder Greise zur 
Folge hat, ist bekannt. Die Hottentotten begraben ihre Toten nur sechs 
Stunden nach dem erfolgten Tode (W. Sonntag, Totenbestattung 1878, 

5. 116). Die Kalifornier warten nicht einmal den Tod gehörig ab, so ist 
das Grab schon gemacht. Sobald sie nun den letzten Hauch bemerkt zu 
haben glauben, eilen sie schon, um das Grab nicht zu lange leer zu lassen, 
um den Freund zu bestatten. Daher sind hier Fälle von Lebendig- 
Begrabenwerden sehr gut möglich (Sonntag, S. 69). 

Für das zweite der genannten Mittel, sich des Toten zu entledigen, 
für den Brauch der Verstümmelung der Leiche, fliessen die Quellen 
fast noch reichlicher. A. Kuhn (Märkische Sagen 1843 S. 30; vgl. Andree, 
Braunschweiger Volkskunde, S. 228) berichtet von einem Fall, in dem ein 
Bauer aus Furcht vor der Rache seines verstorbenen Genossen demselben 
einen runden Stock durch den Mund pflöckte. In altgermanischen Sagen 



24 von Negelein: 

liess der Volksglaube den Leichenräuber mit dem Toten ringen. Aber 
meist siegte der Lebendig-e, hieb dem Toten den Kopf ab, setzte ihm den- 
selben an den Hintern und verbrannte dann den Körper; so hatte er ganz 
Ruhe (Weinhold, Altnordisches Leben 1856, S. 497). Fälle von Zerstücke- 
lung des Leichnams sind in Deutschland selbst noch aus den Jahren 1567, 
1617 und 1732 bezeugt. Immer ist die Furcht vor Vampyrismus das 
Grundmotiv (C. Meyer, Der Aberglaube des Mittelalters 1884, S. 45). 
Namentlich in Zeiten der Pest zerstörte man das Aussehen der Nachzehrer, 
zerstückelte die Leichen, welche gefährlich erschienen, pfählte das Herz 
des Toten, legte seinen Kopf zwischen die Füsse usw. (Wuttke" 8. 450. 
Rochholz, Gl. u. Br. 1, 278). Selbst in Berlin werden solche Leichen- 
schändungen bis zur neuesten Zeit vorgekommen sein (Zs. f. Ethnol. 15, 92). 
Bedeutsam weisen die Gräberfunde Deutschlands auf den alten, barbarischen 
Brauch: nicht selten findet man den Kopf oder andere Körperteile von 
den Leichen abgelöst. In Thüringen findet man sogar nur Bestattung 
der Köpfe und Verbrennung der ganzen übrigen Leiber (Weinhold, 
Totenbestattung 1859, S. 50). Ein Hügelgrab zeigte neben einer grossen 
Aschenmenge nur die Beine von einigen Zollen über den Knien ab (ebd. 
S. 96). Diese Sitte ist noch im siebenten, christlichen Jahrhundert und 
später nachweisbar (ibid. S. 41 und S. 128). Nach Grimm (Verbrennen der 
Leichen 1849, S. 39 f.) ist es noch in einem einzelnen Falle in der ersten 
Hälfte des siebenten Jahrhunderts bezeugt, dass einem Kranken der Kopf 
abgeschnitten und der übrige Körper verbrannt werden sollte. Die Sage 
l;)estätigt jene Sitte ebenfalls; der kindliche Nachzehrer in dem Boldecker 
und Knesebecker Lande hat von dem Saugen (am Leichentuche) rote 
Lippen. Man stösst ihm deshalb mit einem Spaten den Kopf ab (oben 
7, 130). Überhaupt wird dem Geist in fast allen Fällen das Handwerk 
nur dadurch gelegt, dass man den Leichnam ausgräbt und ihm das Haupt 
abschlägt und verbrennt (Mogk, Grundr. f. germ. Philol. ^ 3, 254). Dass 
auch Griechen und Römer sich gerade in der Zeit von Seuchengefahren 
ihrer Toten auf eine ähnliche, wenngleich unser Gefühl nicht so schwer 
beleidigende Art zu entledigen versuchton, lehrt die klassische Literatur 
zur Genüge. Man verbrannte Leichen besonders in der Pestzeit (Thucydides 
2, 52). Unter den zur Bergung der Toten benutzten Steinarten erfreute 
sich der bei Assos in Mysien gebrochene Alaunschiefer einer besonderen 
Beliebtheit, weil man annahm, dass er das Fleisch rasch (innerhalb 
40 Tagen) verzehre. Er hiess Xtdog oaQxocpdyog. Schon zu des älteren 
Plinius Zeiten hiess der steinerne Sarg selbst 'sarcophagus', mochte er aus 
lapis Assius oder einem anderen Gestein bestehen. Sarcophagus, abgekürzt 
sarcus, ging in das Deutsche über: ahd. sarch, mhd. sarc, nhd. Sarg 
(Stengel S. 227). Sehr häufig kennt das slawische Volkstum Leichen- 
verstümmlung zu gleichem Zwecke. Ja man darf annehmen, dass, wo in 
Deutschland derartige Exzesse in neuerer Zeit verübt sind, sie grössten- 



Macodonischer Seelenglaube und Totenkultus. 25 

teils eine Nachahmung des slawisclicii Brauches waren. (Bastian, Vor- 
stellungen, S. 31; Elemente S. 60). In Bulgarien ist das Pfählen von Toten 
häufig beobachtet. Leichen, die schon vor ihrer Beerdigung im Yerdaclit 
des Vampyrismus stehen, wird eine Nadel in den Magen gestossen oder in 
den Nabel gebohrt (Strausz, Bulgaren S. 189). Noch um das Jahr 1890 
w^urden dort Nachzehrer in der Weise unschädlich gemacht, dass man ihnen 
den Kopf abschlug und beide Körperteile abgesondert beerdigte (Strausz, 
S. 454). Bogumil soll nach seinem Tode von einem Holzstück durch- 
.stossen worden sein, weil man ihn für einen Verkolak-Geist hielt (Strausz 
S. 203). Ein besonders interessanter Fall von Nachzehrer-Yerstümmelung 
wird aus einem rumänischen Dorfe Südungarns berichtet (Ethno- 
logische Mitteilungen aus Ungarn 5, 69). In Armenien ist die grausame 
Sitte keineswegs ausgestorben. Wenn man dort von einem Verstorbenen 
den Tod von Familienmitgliedern befürchtet, so muss man nach Abeghian 
(Armenischer Volksglaube 1899, S. 11) das Grab öffnen, von dem Leibe den 
Kopf abschneiden und diesen zerschlagen oder in Herz und Kopf eine 
Nadel jagen. Schliesslich seien noch einige fernerliegende Völker heran- 
gezogen. Nach Marco Polo (Liebrecht, Zur Volkskunde S. 60f.) gaben die 
javanischen Malayen für ihren Brauch, bei einer Leiche das Skelett von 
dem Fleische zu befreien, als Grund an, dass die Maden der Seele des 
Betreffenden Schmerzen machen würden. Bei den Damara wird (nach 
Livingstone, S. 336f. bei Sonntag, S. 116f.) der Leiche sofort nach Eintritt 
des Todes das Kückgrat gebrochen, ja oft schon, wenn der Mensch noch 
ein wenig lebt. Überhaupt schneiden die primitiven Völker dem Toten 
Glieder ab, um ihn unschädlich zu machen, so z. B. die Hottentotten den 
kleinen Finger (Zs. f. Ethnol. 17, 227). Einzelne Stämme setzen zu gleichem 
Zwecke ihre Toten in der Höhle des Ameisenfressers oder im Termiten- 
haufen aus (Bastian, Elemente S. 50). Auch der Brauch der Abiponer 
(Sonntag, S. 78), dem Gestorbenen Lunge, Herz und Zunge aus dem 
Körper zu reissen und diese Teile den Hunden vorzuwerfen, ist der Ge- 
spensterfurcht zuzuschreiben. Das ägyptische Altertum war von den 
gleichen Motiven beherrscht. Nach Ebers (Zs. f. ägyptische Sprache und 
Altertumskunde 36, 107) fand man bei vielen Leichen der 'new race' 
(Hyksos?) den Kopf vom Rumpfe getrennt. Bei anderen waren die 
Vorderarme und Hände vom Oberarme und bei wieder anderen die Finger, 
die man bisweilen unter dem Schädel wiederfand, von den Händen los- 
gelöst. Von der Wirbelsäule losgebrochene Rippen kommen häufig vor, 
und merkwürdigerweise liegt oft eine Anzahl von gleichartigen Knoten 
gruppenweise bei einander: Bein bei Bein, Arm bei Arm usw. Im engen 
Anschluss an diese Ideenwelt, der die Rekonstruktion eines metaphysischen 
Seelenreiches so unendlich fern liegt, sei noch auf das in seiner Art ge- 
waltige Lied der macedonischen Trauerfeierlichkeiten hingewiesen, das mit 
seinem tiefen Pessimismus in die Worte des Toten ausklingt (S. 205 f.): 



•2& von Negelein: 

„The iiames by whicli men call me are: Black Eartli aud gloomy cave", 
und so unmittelbar au jene bekannten Bibelstellen erinnert. — Die Idee 
vom Charons-Groscheu (S. 193) ist, wie Sartori dies in seiner vortrefflichen 
Arbeit (Archiv f. Religiousw. 3) nachgewiesen hat, keineswegs eine Durch- 
brechung jener für den slawischen Geist so charakteristischen Ideenkette. 
Mit dieser mag auch eine andere eigentümliche (S. 194 und 21 9 f. erwähnte) 
Glaubensmeinung zusammenhängen, die sich bei südslawischen Völkern 
wiederfindet. Nach ihr erfolgt die Verwandlung in einen Vampyr (Vry- 
kolakas) auch dann, wenn eine Katze über den aufgebahrten Leichnam 
springt. Zum Schutz gegen einen solchen Unfall wird der Körper in jeder 
Nacht von Freunden und Verwandten bewacht. Wenn trotz ihrer Wach- 
samkeit sich das Besagte ereignet, so wird der Tote unmittelbar mit zwei 
Sacknadeln durchbohrt, um das drohende Unheil abzuwenden. Ganz merk- 
würdig ist es umgekehrt, dass man in Serbien einen schwarzen Hengst 
über ein Grab springen lässt, das noch unverweste Gebeine beherbergt 
(oben 12, 15), dass man das Pferd also zum Vampyr machen will, wie 
man das gleiche Geschick beim Leichnam selbst zu vermeiden versucht. 
Dass meine a. a. 0. gegebenen Erklärungen den Tatsachen nicht völlig- 
gerecht werden, will ich gern eingestehen. 

Eine Reihe von Grabmitgaben verschiedener Arten und Gruppen 
sind in Abbotts Werke zusammenhans-los erwähnt. Hier weise ich zunächst 
auf Sartoris Arbeit im Programm des Dortmunder Gymnasiums von 1903 
hin. Eine bestimmte Sorte von Gaben, deren Zusammengehörigkeit mit 
dem Toten sich dem unmittelbaren Gefühl des Überlebenden aufdrängt, 
wird diesem in das Grab, ja in den Sarg, hineingelegt, so dem Kinde das 
Spielzeug, dem jungen Gelehrten Bücher usw. Andere Spenden werden, 
um den Toten an der Rückkehr zu hindern, zerschlagen, wenn der Sarg 
das Haus verlässt, so namentlich Gefässe; noch andere zum gemeinschaft- 
lichen Abschiedsmahle auf das eben geschlossene Grab gestellt, wie Speisen 
und Getränke der verschiedensten Art; eine fernere Gruppe endlich beim 
Leichenschmaus im Trauerhause oder an den Tagen, die dem Andenken 
des Verstorbenen geweiht sind, genossen. Von besonderem Interesse ist 
aber der Brauch, nach abermaliger Beerdigung einer wegen des Verdachts 
des Vampyrismus ausgegrabenen Leiche auf deren Grab Hirse zu streuen, 
damit, wenn der Vampyr abermals das Grab verlasse, er seine Zeit mit 
dem Zählen der Körner verschwenden raöo'e. Verofleiche dazu die treffenden 
Analogien S. 219, Anni. 2 und die Bemerkung, dass man sich der Besuche 
des Vampyrs auch durch das Ausstreuen von Senfsamen über die Ziegel 
des Daches oder durch A'^erbarrikadieruug des Tors mit Gestrüpp und 
Dorngebüsch zu erwehren versuchte. Wie nämlich die Umzäunung des 
Grabes mit Dornbüschen oder spitzen Pfählen vielen niedriger stehenden 
Völkern als Mittel bekannt ist, sich den unheimlichen Besuch des Toten 
fernzuhalten, so wiederholt sich auch die Meinung, dass hingestreute 



Macedonischer Seelenglaube und Totenkultus. 27 

Körner die Todesdänioneu, Eiben, Geeister usw. daran verhindern könnten, 
in Ställe oder Wohnrännie einzudringen, selir häufig selbst in der deutschen 
Sage. Über die Erklärung dieses Glaubens möchte ich niicli jedes Urteils 
enthalten. Nahe liegt die Annahme, dass man auf diese Weise eine Brücke 
ins Jenseits schlagen wollte. Erbsen waren es, was die Kinder des 
Märchens ausstreuten, um dem Waldlabyrinth, in dem nach deutscher 
Yorstellung die Seelen der Verstorbenen hausen, zu entfliehen. Durch 
einzelne Blätter oder Zweige, die man auf den Boden warf, wurde der 
primitivste Wegweiser, wie die Indianer ihn benutzen, geschaffen (Frobonius, 
Fleg-eljahre der Menschheit, S. 44 ff.). Warum sollte die Schar von Senf- 
körnern oder Erbsen, die man vor den Sarg oder die Haustüre streute 
und die der Geist des Toten nachzählen, d. h. in einer Schnur verfolgen 
muss, nicht ein Leitfaden, zurück in das Labyrinth des Todes führend, 
gewesen sein? Bei manchen Orinoco-Stämmen wird noch heute vom Lager 
eines Sterbenden eine Schnur in den Wald gezogen, damit die Seele an 
ihr den Weg ins Freie finde und nicht in der Hütte verweile (Schurtz, 
Urgeschichte der Kultur 1900, S. 567). Und in Deutschland und anderen 
germanischen Gegenden werden vielfach Wege, die durch unzugängliche 
Wälder und Sümpfe führen, Eibenwege genannt (Liebrecht, Zur Yk., 
S. 357). Dem Geiste sollte die Richtung in das finstere Totenreich ge- 
wiesen werden. Vgl. noch Zs. f. Ethnol. 1902, 85, Anm. 3. 

Die in Macedonien sich findende Meinung, dass es einem einzelnen 
Begünstigten einmal gelingen köimte, einen Todesdämonen festzu- 
nageln (S. 221), steht abermals auf tiefer völkerpsychologischer Grundlage. 
Sehr verbreitet ist bekanntlich der Brauch, sich zahlloser Krankheiten zu 
entledigen, indem man durch Schlingen, Spalten in Bäumen usw. kriecht, 
wobei denn der Krankheitsdämon in der Schlinge gefangen bleibt. Ganz 
ähnlich werden bösartige Zwerge an Bäume gefesselt, indem ihre langen 
Barte in deren Risse eingeklemmt werden. So bemächtigt man sich be- 
kanntlich auch der Nachtmahr. Wie viele Schlingen und Fallen mag man 
aufgestellt, wie viele Pflöcke in die Erde oder in Wände hineingejagt 
haben, um jeuer Dämonen Herr zu werden, deren itnheimliches Wirken 
man nun einmal am eignen Leibe fühlte! 

Yen grundlegender Wichtigkeit ist die Tatsache, dass man in Mace- 
donien, wie in den anderen slawischen Gegenden die Seele im Atem sieht. 
Darin liegt ein gewisser Fortschritt gegenüber den rein materialistischen 
Doktrinen, die aber in Sitte und Brauch ihr Recht behaupten und die 
höhere Auffassung nur in der Sprache und einigen wenigen Gebilden des 
Aberglaubens zu ihrem Rechte kommen lassen. Wenn der Sterbende 
seinen letzten Seufzer aushaucht, so sagt man: ßyaivei. i) ifv/j'j oder (fv/oo- 
oayel (seine Seele bricht aus seinem Munde aus). 'Im Sterben liegen' 
heisst: jLie rr] y-'vyjj V rd dövria (mit der Seele zwischen den Zähnen). 
Dazu vergleiche ausser Frazer, The Golden Bough 1, 252 noch Globus 78, 



28 von Negelein: 

288, Anra. 1 (1900) uud folgende Ergänzungen: Die Identifikation von 
Seele und Atem wird zum Ausgangspunkt des Seelenglaubens gemacht 
bei G. Jäger, Entdeckung der Seele, 2. Aufl. 1880; vgl. Tylor, Anf. d. 
Kultur 1, 425 ff. Atem ist sprachlich soviel wie 'Seele, Geist' (Mogk, 
Grundriss d. germ. Philologie^ 3, 254). Der Zusammenhang zwischen 
'Seele' und 'Wind' findet sich wie bei so vielen Yölkern so namentlich 
auch bei den germanischen in Sprache und Mythus bestehend (Mogk 
3, 255). Damit hängt auch die Lehre von der Zauberkraft des Kusses 
zusammen: noch höhere Gewalt als der lächelnde, hat der küssende Mund. 
In unseren Märchen kehrt wieder, dass ein Kuss alles vergessen macht, 
aber auch die Erinnerung erstattet (Grimm, Myth.* 2, 922). Die scheidende 
Seele verlässt als Lufthauch den Körper; in der Umgegend von Elberfeld 
glaubt man, beim Sterben verlasse die menschliche Seele den Körper in 
Form eines Windhauchs durch den After (Arch. f. Religionswiss. 4, 309), 
oder sie wird mit den Winden flatternd, gedacht; erst spät kommt sie 
dahin, wohin sie gehört (Bartsch 1, 237). Im slawischen Altertum hat sich 
die dort besonders verbreitete Anschauung von der Seele als Windhauch 
zu deren Verkörperung als Vogel verdichtet. So wird böhmisch duse von 
du 'wehen' abgeleitet. Nach altböhmischem Aberglauben war die Seele, 
sobald sie den Körper verliess, beflügelt und fing an, auf den Bäumen 
herumzufliegen. In einem mährischen Liede aus Troppau heisst es: „Die 
Seele flog aus dem Körper, niemand weiss, wohin; sie setzte sich auf einem 
Hain nieder, auf dem grünen Easen.'^ (Die Seelen von Ehegatten fliegen 
als zwei Tauben.) Vergleiche „Seele als Vogel", Globus 79, 357-361. 
382- 384, namentlich S. 383b; Krek, Einleitung in die slawische Literatur- 
geschichte" S. 418; Hanusch S. 407). Audi im Armenischen sind die 
Worte für „Seele" und „Atem" mit einander identisch (Abeghian, Arme- 
nischer Volksglaube S. 8). Häufig sagen die Armenier: „Die Seele ist 
nichts anderes als ein Atem. Man haucht sie aus und man ist am Ende". 
Wenn jemand in Bedrängnis ist, so heisst es: „Er Hess mich nicht die 
Seele einschlucken" = er liess mich nicht Atem holen. Man sagt auch: 
'Seele holen' = Atem holen (Abeghian). — Interessant ist innerhalb des 
indogermanischen Sprachenkreises noch z. B. das Sanskritw^ort atasa, das 
zugleich 'Seele' und 'Wind" bedeuten soll (s. Petersburger Sanskritwb., das 
nur Belege aus indischen Lexikographen beibringt). Nach jüdischem Ge- 
setze müssen alle Öffaungen des Körpers einer frischen Leiche geschlossen 
werden (Zs. d. deutsch. Palästina-Vereins 6, 185 f.). Dies geschah wohl, 
um der Seele das Scheiden aus dem Körper zu erschweren. Zu gleichem 
Zwecke werden bei vielen afrikanischen Völkern alte und kranke Personen 
erstickt (Sonntag S. 117). Das Hängen ist den Nassairiern die fürchter- 
lichste Strafe, und die Verwandten eines Verurteilten bezahlen den Türken 
hohe Summen, um ihn statt dessen spiessen zu lassen; denn da die Seele 
durch den Mund zu entweichen pflegt, muss sie statt dessen den Weg 



Macedonischer Seelonglaube und Totenkultus. 29 

durch den After nehmen (Bastian, Der Mensch in der Geschichte 3, H22) 
Über die Identifikation von Seele und Atem bei anderen, niedriger stehenden 
Völkern s. Bastian 3, 47 Anm. 1; denselben, Yorstellungen S. 9; denselben, 
Verbleibsorto der abgeschiedenen Seele S. 35. 

Dass die griechische Figur des zum Charos gewordenen Charon auch 
den Macedoniern nicht fremd ist und unmittelbar die entwickelten Vor- 
stellungen berührt, lehrt Abbott S. 207, nachdem er auseinandergesetzt 
hat, dass Charos zugleich Pluto und Kerberos, zugleich Entführer und 
Wächter am Totenreiche ist: „He (Charos) is also a messenger and a soul- 
abductor, moving on the back of a fiery steed. He is sometimes armed with 
a sword or with a deadly bow and arrows, sometimes he makes his 
appearance as a black bird of prey or as a black swallow, bearing the fatal 
summons". Auch verweist Abbott auf die Abhandlung über die moderne 
Todes Vorstellung in: "E&vixdv "Hjuegoloytov, MaQivov II. Bqexov, Paris 1866 
S. 217. 

Über die Totenfeste spricht der Verfasser S. 207 ff". Sie zerfallen in 
zwei Klassen: diejenigen, welche dem einzelnen Toten als solchem und 
diejenigen, die den Toten als den zugehörig gewesenen Mitgliedern der 
grossen staatlichen Gemeinschaft gelten. Die von uns als immer wieder- 
kehrend festgestellten Zahlen (oben 11, 17—26) für die Gedächtnistage 
der Toten treten in Macedonien nicht hervor Diese Tatsache sowie die- 
jenige, dass eine Reihe nicht christlicher Völker jene Zahlen kannte, über- 
hob uns der Mühe, dem Einwände zu begegnen, jene drei fixierten Punkte 
seien eine Entlehnung von den heiligen Zahlen der christlichen Kirche 
— eine an sich widersinnige Behauptung, da bereits das vorchristliche 
Altertum sie kannte. Hier seien noch einige Beispiele angefügt. Die 
Karginzen halten ihre Totenfeiern am 3., 7. und 40. Tage nach dem 
Tode ab (Katanoff S. 227); auch bei den west chinesischen Türken 
wird dem A^olke am 3. und 40. Tage zu Ehren der Toten Speise zuerteilt 
(ebd. S. 240) und die Beltiren halten zu denselben Zeiten Totenmahl- 
zeiten ab (ebd. S. 109). Im Verlauf von 40 Tagen brennt bei den chi- 
nesischen Kasak-Kirgisen ein Üllämpchen auf dem Ehrenplatz neben dem 
Feuer (ebd. S. 234). — Dagegen kennen die Chinesen jene Zahlen nicht. 
Nach ihrem Glauben kehrt der Geist des Verstorbenen in den ersten 
zehn Tagen zu den Überlebenden zurück (Navarra, China und die Chi- 
nesen S. 475). Dann kommt er noch einmal am 21. Tage, wobei man 
ihn in einem nur für ihn reservierten Zimmer speist (ebd. S. 205). — Im 
übrigen halten auch die Macedonier an dem Bewusstsein der Identität des 
Jahreskreislaufs mit dem Kreislauf des menschlichen Lebens in dem von 
uns an anderem Orte entwickelten Sinne fest. Die der Gemeinschaft der 
Toten als solcher geweihten Tage heissen Seelensabbate „and the times 
in which they occur coincide roughly with the seasons of spring and 
harvest, of the decline and death of the year" (S. 208). 



30 von Negelein: 

Noch sei es g-estattet, auf den eigentümlichen Kontrast aufmerksam 
zu machen, der in Wort und Brauch der macedonischen Sitte liegt, 
nach der jeder der Verwandten und Freunde des soeben in die Gruft 
Gesenkten eine Hand voll Erde auf den Deckel des Sarges wirft, während 
er dabei etwa die Worte spricht: „Möge ihm die Erde leicht sein" 
(S. 200). Denn der Sinn des Brauches geht dahin, den Leichnam ver- 
mittels der aufgetürmten Erde, mit der den Toten zu bedecken die 
soziale Pflicht jedes einzelnen der Überlebenden ist, für die letzteren 
unschädlich zu macheu, mit anderen Worten: den Toten durch Belastung 
mit dem Staube niederzudrücken, während das dabei gesprochene 
Gebet der Yorstellung entspringt, dass der Kör])er unter der getürmten 
Erdmenge leide, die Schmerzen eines grossen Druckes empfinde. Ganz 
eigentümlich streiten noch heute solche Ideen miteinander. Das schnelle 
Begräbnis namentlich plötzlich Verstorbener, deren Geist mau also zu 
fürchten besondere Ursache hatte, gilt als Pflicht; andererseits kommen 
Exhumierungen von Leichen mit der Begründung vor, dass einer der 
Überlebenden geträumt habe, eiu Eckpfeiler des Erbbegräbnisses laste mit 
seiner ganzen Schwere auf dem Sarge, weshalb der Tote keine Ruhe 
finden könne und den Verwandten im Traum besuche. Die Pflicht, au 
der Bestattung des Angehörigen sich gemeinschaftlich zu beteiligen, 
gemeinsam etwa drei Hände voll Erde auf den Toten zu werfen, ist ein 
deutscher und wohl allgemein slawischer Usus, dessen Entstehung auf eine 
Zeit zurückreicht, der die ganze soziale Wichtigkeit des Erdbegräbnisses 
noch zum Bewusstsein kam. Der frei daliegende Kör])er musste zum 
Ausgangspunkte der gefährlichsten Seuchen werden. Ihn namentlich in 
der ISIacht mit einem gespensterhaften Leben zu begaben, lag in der 
menschlichen Seele tief begründet. Keine Spur des Lichtes, das einen 
verklärteren Leib umgebend gedacht werden konnte, vermochte eine solche 
Leiche, deren langsamen Verfall man sah, in den Augen der Überlebenden 
zu verschönern. Verbarg man dagegen den toten Körper, wenn auch noch 
so notdürftig, vor den Augen der Angehörigen, so konnte das durch die 
empirische Wahrnehmung nicht mehr gekreuzte Empfindungs- und Phan- 
tasieleben seine eigenen Wege gehen. Das Begräbnis war der erste und 
wichtigste und deshalb von allen Stammesangehörigen gemeinschaftlich 
vollzogene^) Notwehrakt der Lebendigen gegen die Toten. Dass es nicht 
dazu diente, den Leichnam etwa vor der Raubgier von Hyänen oder 
Füchsen zu schützen, lehrt z. B. die Sitte der Samojeden und vieler anderer 
Völkerschaften, ihn so oberflächlich zu begraben, dass er fast immer von 
wilden Tieren geholt wird (Sonntag S. 51). Besonders interessant ist die 



1) Die BosDJaken in der Gegend von Jajce sollen, wie ich dort erfuhr, sich gemein- 
schaftlich an dem Nähen des Totenkleidcs beteiligen, gemeinschaftlich den offenen Sarg 
zur Ruhestätte tragen (so dass etwa 8 Männer schon nach wenigen Schritten ihre Vor- 
gänger dabei ablösen) und gemeinschaftlich den Sarg mit Erde bedecken. 



Macedonischer Scolenglau1)C und Totenkultus. 31 

sehr instruktive Tatsache, dass man sich nicht so sehr vor Leichen über- 
haupt als vor den Körpern von plötzlich gestorbenen und jungen 
Personen fürchtete. Wenn der Glaube an die Unsterblichkeit als Postulat 
der reinen Vernunft aufgestellt werden konnte, so darf man die 
Meinung, dass des Menschen Leben ein langsames, allmählich sich ver- 
flüchtigendes sein müsse, dass also der plötzlich Verstorbene eine dem 
Auge sich halb entziehende Fortexistenz führe, ein Postulat der prak- 
tischen Vernunft nennen. So ist der Glaube, dass Selbstmörder, Er- 
mordete, Verunglückte, Hingerichtete, Verhungerte, Wöchnerinnen ein 
gespenstiges Leben weiterführen, wohl über die ganze Erde verbreitet 
(Wuttke S. 443), während schwindsüchtige und altersschwache Personen 
gleich nach dem Tode zur ewigen Ruhe eingehen, in ihrem Körper deshalb 
iro-end eine substanzielle Lebenskraft nicht weiter vorhanden geglaubt 
wird < Wuttke S. 125). Dem entspricht der Bestattungsmodus: das A^ er- 
brennen der Leiche wird vor allem bei Hingerichteten und Übeltätern 
angewendet (R. Simon, Geschichte des Glaubens 1803, S. 284). Die diesem 
Akt zugrunde liegende Furcht vor Gespenstern gewaltsam Umgekommener 
hat die Menschheit wohl schon von jeher beschäftigt (Bastian, Verbleibs- 
orte S. 19 f.). In Deutschland und dem germanischen Xorden glaubte man 
seit alter Zeit daran, dass Grenzsteinverrücker neben Mördern und Übel- 
tätern geistern müssten (Mogk, Grundriss"' 3, 265). In Ostpreussen 
findet sich die Vorstellung, dass Ermordete noch so lange umgehen 
müssten, als sie hätten leben können, und in Kärnten wird das Gleiche 
von zufällig Umgekommenen behauptet (Bastian, Verbleibsorte S. 78). 
Dass gar lebendig Begrabene in ihrem unterirdischen Hause keine 
Ruhe finden, lehrt z. B. die mecklenburgische Sage bei Bartsch 1, 174. 
Wo in Braunschweig ein Selbstmörder begraben liegt, da spukt es, und 
es gehen die Leute deshalb auch nicht gern an solche Stellen (Andree, 
Braunschweiger Volkskunde S. 292), vgl. auch die Figur des Galgen- 
mänuchens bei Simrock, Deutsche Myth.*^ S. 182. Die Tiroler meinen, 
dass alle Selbstmörder zu Gespenstern würden (Alpenburg, Mythen und 
Sagen Tirols S. 147). Nach altschwedischer Satzung müssten die Selbst- 
mörder verbrannt werden, damit sie nicht nach dem Tode anderes ehr- 
liches Volk plagen (Hylten-Cavallius, Wärend och Wirdarne 1, 459 f. 472, 
bei Mogk, Grdr. 3, 254). Dass die zahlreichen gegen die Revenants an- 
gewandten Gewaltmassregeln namentlich Selbstmördern und gewaltsam 
oder durch Hinrichtung Umgekommenen galten, erkannte auch Liebrecht 
(Zur Volkskunde S. 373). Zu diesen Massnahmen gehört das Bedecken 
von Leichnamen mit grossen Steinen, das z. B. in der Gegend zwischen 
Tarent und Reggio nur bei denen für notwendig gehalten wird, die eines 
gewaltsamen oder zufälligen Todes gestorben sind (Simon S. 281). Der 
König von Tunkin schiesst nach dem Totenfest gegen die Seelen derer, 
die als Staatsverbrecher gestorben sind, fünf Pfeile ab (Simon a. a. 0.). 



32 von Negelein: 

Im alteu Griechenland befahlen Orakel die Heroisierung unschuldig Er- 
mordeter, damit dem Lande die Kache des Alastor (Rachegeistes) erspart 
bleibe (Stengel, Sakralaltertümer der Griechen S. 97; Herodot 5, 114; 
Paus. 8, 23, 5; 53, 1; vgl. Bastian, Elemente 2, 34 Vorwort). Die heutigen 
Bulgaren meinen, die Leichen von unehelichen Kindern, Ertrunkenen und 
Selbstmördern bringen Unheil (Strausz, Bulgaren S. 454f ). Bei den Ar- 
meniern kommen als Gespenster nur Bösewichter und Selbstmörder vor 
(Abeghian S. 10). Unter den indischen Stämmen seien die Rengma hier 
erwähnt. Dieselben haben, wie ihre Brudervölker, eine besondere Angst 
vor dem Körper von Wöchnerinnen. Letztere werden wie Verunglückte 
ohne Sang und Klang im Dschungel begraben, kein Hund für sie ge- 
schlachtet und ihre Körper zur Seitentür hinausgebracht oder durch ein 
in die AVand gebohrtes Loch beiseite geschafft^) (Zs. f. Ethnol. 30, 353). 
Die Uraus fürchten unter den Geistern der Verstorbenen besonders 
die Tschorail, den Geist einer im "Wochenbette gestorbenen Frau, der auf 
Grabsteinen sitzt und umgekehrte Füsse hat, d. h. ein Revenant ist (Zs. f. 
Ethnol. 6, 344). Die indischen Nagastämme behandeln die im Kampfe 
Gefallenen und durch einen Unfall Getöteten derart, dass sie dieselben im 
Dschangel begraben und ihr Haus mit aller Habe dem Verfall preisgeben 
(Zs. f. Ethnol. 30, 352). Den Chinesen gelten die Geister von Verstorbenen, 
Selbstmördern oder Wöchnerinnen als besonders gefährlich. Die Geister 
von Menschen, die eines natürlichen Todes sterben, kehren nur selten 
wieder (Navarra S. 474). Auch in Birma verweilen die Seelen der gewalt- 
sam Verstorbenen beim Begräbnisplatz (Bastian, Elemente S. 26). Die 
Molukken legen den Weibern, welche während der Schwangerschaft sterben, 
Eier unter die Arme, um sie dadurch am Wiederkommen zu verhindern 
(Sonntag S. 52). Auf den Marianen werden die gewaltsam Verstorbenen 
in einem besonderen Zwinger gefangen gehalten (Bastian, Beiträge S. 105; 
Verbleibsorte S. 17 f.; vgl. auch Gerland und Waitz, Anthropologie 4, 165). 
Dem der naiven Spekulation so naheliegenden Glauben, dass nament- 
lich der plötzlich Verstorbene fortlebe, entsprechen, wie wir sehen, die 
Sitten des Begrabens und Verbrennens der Leiche von Seiten der Über- 
lebenden, wo möglich aller Überlebenden. Dem entspricht aber auch die 
ganze Reihe von Gebräuchen, durch die man Gegenstände aus der Welt 
zu schaffen sucht, die mit dem Toten in unmittelbarer Berührung standen 



1) Über diese Sitte s. oben 11, 267 ff. Dazu trage ich folgende Stellen nach: Lieb- 
recht S. 372 f.; Katanoff S. 2.37, dessen Bericht, dass bei den westchincsischen Türlien 
die beiden grossen Zehen einer Leiche Kusammengebunden werden, auffällig an die im 
Globus 78, 2!»0 (liHMJ) erwähnte armenisclie Sitte, die Zehen des Toten mit einem Faden 
zu verbinden, ..vermutlich, um ihm die freie Bewegung zu nehmen", erinnert. Die Mor- 
laken pflegten, wenn jemand stirbt, ihm aus Furcht vor dem Wiedergänger die Knickelilen 
zu zerschneiden und ihn überall mit Stecknadeln zu durchstechen (Simon S. 282). Auch 
bei den Zulu werden dem Toten die Hände zusammengebunden (G. Fritsch, Die Ein- 
geborenen von Südafrika S. 144). 



Macedonischer Seelenglaube uud Totcnkultus. 33 

(Wuttke S. 433) oder die man als Träger von Krankheiten turclitet oder 
denen man ein eigenes, menschenähnliches Leben znmutet, wie der Nacli- 
oeburt. Es ist bekannt, dass man Giregenstände und entbehrliche Teile 
des erkrankten menschlichen Organismus vergräbt und Heilung von seinem 
Leiden erwartet, wenn dieselben verfault sind, dass also hier das Be- 
oräbnis den Zweck der Vernichtung einer krankheitstiftendeu Macht hatte. 
Die Nachgeburt, in der man die eigene Seele lebendig sah, vergrub man, 
um sich dieser zu erwehren, ebenfalls, wo weder Sonne noch Mond scheint 
(Wuttke S. 35ö). Unterlässt man das Begräbnis, so kann das schwerste 
Verhängnis nicht ausbleiben; nach einer ätiologischen Sage der Balkan- 
völker soll aus dem toten Körper eines Mädchens, das neun Monate lang 
unbegraben geblieben war, zum erstenmal der Dämon der Pest geboren 
sein (oben 9, 198). Ja selbst w^enn das Grab nicht tief genug ist, geht 
der Tote um, weil er wieder heraus kann (Wuttke S. 436). Die Pflicht 
des Begrabens galt deshalb den alten Völkern als heilig; keine Leiche 
durfte unbedeckt gelassen werden. Der Mörder wurde geächtet, wenn er 
die Leiche des Getöteten nicht bedeckte (Mogk 3, 427). Auch nach alt- 
griechischem Glauben fand die Seele des Verstorbenen keine Stätte im 
Reiche der Toten, solange der Leib nicht bestattet war (Schümann, 
Griechische Altertümer * 2, .364). Keineswegs war es allgemeiner Brauch, 
den Toten zu begraben. Es genügte, den auf blosser Erde Liegenden 
oberflächlich mit Erde zu bewerfen. Die sog. Curanteiros der Guaycurus 
legen z. B. ihre Toten auf die blosse Erde und bedecken sie alsdann mit 
Zweigen, Holz, Rindenstücken oder auch mit Schilfmatten. Darüber wird 
dann ungefähr zwei Fuss hoch Erde geschüttet (Zs. f. Ethnol. 23, 24). 
Dass man sich durch schnelles Begräbnis vor den von den Leichen aus- 
gehenden Krankheitserregern schützen wollte, lehrt die Sitte der Urans, 
alle im Jahre Verstorbenen des ganzen Dorfes zwar an einem Tage zu 
begraben, dagegen die einer epidemischen Krankheit Erlegenen sofort 
zu bestatten (Zs. f. Ethnol. 6, 346). Wo ein Doppelbegräbnis üblich ist, 
hat die zuerst vorgenommene Einbettung in die Erde immer den Zweck, 
das Fleisch der Leiche hinwegfaulen zu lassen, um sie dadurch unschäd- 
lich zu machen. Der Talmud verbietet es ausdrücklich, einen Toten aus- 
zugraben, bevor er bis auf die Knochen verwest ist (Zs. f. d. Gesch. d. 
Judentums 3, 218). Das griechische Begräbnis ausserhalb der Stadt hatte 
den Zweck der Abwehr (Stengel, Sakralaltertümer S. 218). Selbst dem 
Feinde durfte die Bestattung nicht vorenthalten werden, wie der kriegs- 
rechtliche Brauch lehrte (Stengel, Sakralaltertümer S. 216 f.). Wegen 
Nichtbegrabeus und ISTichtverbrennens der bei Aigospotamoi Angeschuldigten 
traf die Admirale die härteste Strafe, da das Volk sich von den Rache- 
geistern der Verurteilten bedrängt fühlte (Bastian, Elemente S. 46). Der 
greise Priamos begab sich in eigener Person mit reichem Lösegeld in 
das feindliche Lager und zum Mörder seines Sohnes, um auf den Knieen 

Zeitschr. d. Vereins f. VolkskuD de. 1904. •' 



34 von Negelein: Macedonischer Seelenglaube und Toteukult. 

von demselben die Herausgabe der Leiche Hektors zu erflehen. So hoch 
achteten schon im heroischen Zeitalter die Griechen die letzte Ehre des 
Toten (daher auch sanscrit: sapary, „ehren" = lat. sepelire, „begraben") 
und so grauenvoll erschien ihnen der Fluch der Nichtbe stattung (Buch- 
holz, Homerische Realien 2, 1, 327). Nach Ilias W71 rief der Schatten des 
Patroklos dem schlummernden Achill zu: „Gib mir möglichst schnell ein 
Grab, damit ich das Tor des Hades überschreiten kann!" Nach Od. X 72 
beschwört der Schatten des Elpenor unter Tränen den Odysseus, ihn nicht 
uubestattet zurückzulassen, sondern seine Gebeine zu verbrennen und ihm 
ein Grabmal zu errichten, widrigenfalls er sich den Zorn der Götter zu- 
ziehen werde. Dass der Unbegrabene namentlich im Traum seine An- 
gehörigen bittet, ihn für ewig zu betten, ist eine ganz allgemeine Idee, 
für die es weiterer Belege kaum bedarf (Bastian, Elemente S. 20). Die 
Kabbala empfiehlt deshalb die frühe Beerdigung des Toten mit Rücksicht 
auf dessen Seelenruhe (Zs. f. d. Gesch. d. Judentums 3, 218). In einem 
Vedatext ((^'atapathabrähmana 13, 8, 1, 1) heisst es: „die Väter (Ahnen) 
vernichten die guten Werke eines Mannes, der ihnen keinen Grabhügel 
errichtet hat." 

War das Begräbnis mithin eine Pflicht der Pietät gegen die Toten 
und der Lebenserhaltung und Sicherheit gegen die Lebendigen, war es 
als Gesetzesnoriu anerkannt und verkündet worden, so durfte sich kein 
Stammesmitglied der Teilnahme au diesem Akt entziehen. Audi in 
Griechenland bestand die gewiss uralte Sitte, dem unbekannten Toten 
drei Hände voll Erde über die Leiche zu werfen (Stengel S. 216f.). Bei 
den alten Arabern wurde das Grab zugeschüttet, indem jeder Anwesende 
eine Hand voll Erde darauf warf (Wellhausen, Reste arab. Heidentums 
S. 180j. Im heutigen Bosnien besteht die Sitte, Steinplatten auf den 
Leichnam zu legen und eine Hand voll Ijrde auf ihn zu werfen (Lilek 
9, 406). Auch in Bulgarien werfen die nicht verwandten Anwesenden 
Erdschollen in das Grab, „damit sie hiermit die Seele loskaufen" (Strausz 
S. 451). Einer eingehenden Spezialuntersuchung muss es vorbehalten 
bleiben, den zeitlichen und geographischen Umfang der wichtigen Sitte zu 
bestimmen. 

Nur wenige Einzelbemerkungen seien noch gestattet. — Der eigen- 
artige Brauch, dem Scheidenden Bitten und Grüsse an vorangegangene 
Verwandte aufzutragen, ja, ins Ohr zu schreien, ist sehr verbreitet. Er 
findet sich u. a. auch in Litauen und in Armenien vor und geht auf die 
Vorstellung zurück, dass es ein eigentliches Zwischenstadium zwischen der 
empirischen Welt und dem metaphysischen Geisterreich gebe. Meint man 
doch in Litauen auch, dass Sterbende bereits die Gestalten ihrer Lieben 
sich entgegenkommen sehen. 

Wenn schliesslich Abbott S. 205 Anm. 2 bemerkt: „To live and to 
see the light of the sun are to the modern as they were to the ancient, 



Chalatiauz: Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 35 

Greek synonyinous terms; conversely, deatli and darkness are ideas indisso- 
lubly associated in the Greek mind, despite the boliof in a Paradise", so 
ist der Wunsch des vedischen Inders zu vergleichen: „tvag ca süryam 
drice" (und lange die Sonne zu sehen, d. h. zu leben). Auch ziehe ich 
Catapathabrähmana 7, 3, 2, 12f. heran: „AYenn die Sonne die ganze Welt 
küsst, so denkt jedermann: Ich existiere'% d. h.: das Ich-Bewusstsein geht 
im Dunkeln zum grossen Teil verloren. Ebenda 13 wird das Verhältnis 
zwischen Sonne und Erde so gedacht, dass die Sonne ihre Strahlenfäden 
durch die Löcher der porösen Ziegelsteine des Opferaltars zieht, so dass 
also die Sonne die Erde gewissermassen in der Schwebe (am Bande) hält. 

Köuio-sberg i. Pr. 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 

Von Bagrat Chalatiauz. 



I. Eiuleitiiug. 

(Die Sage von Astyages bei Moses von Choreno. Rustami-Zal bei den Armeniern. Allgemeiner 
Charakter der Helden. Entstehung und Inhalt des Schah-Nameh.) 

Die geographische Lage Armeniens auf dem Verkehrswege zwischen 
dem Orient und dem Westen trug dazu bei, dass seine Bewohner seit 
alters mit den Völkern verschiedener Rassen und Kultur in Berührung 
kamen, und dass die politische und kulturelle Entwicklung des Landes 
stets unter fremden Einflüssen stand. Der babylonisch-assyrische Einfluss 
ist seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. nachzuweisen, da die Könige von Wan 
damals die Denkmäler ihrer stolzen Siege in Keilschrift abfassen liessen. 
Die Herrschaft der Achämeniden und ihrer Nachfolger, der Arsacideu und 
Sassaniden (vom 5. Jahrh. v. Chr. bis 7. Jahrh. n. Chr.), wirkte am tiefsten 
auf das gesamte Leben der Armenier ein, auf die Religion, die politische 
Ordnung, die Rechtspflege, besonders aber auf die Sprache, welche die 
Clelehrteu bis auf die neueste Zeit für iranisch gehalten haben. Dagegen 
scheinen die Seleuciden (323—187 v. Chr.) keine besondere Spuren hier 
hinterlassen zu haben, mindestens haben wir keine Angaben dafür. Die 
griechische Kultur kam erst viel später nach Armenien, als der politische 
Einfluss von Byzanz immer weiter in Kleinasien vordrang; von Kappadocieu 
aus brachte Grigorius der Erleuchter zu Anfang des 4. Jahrhunderts den 
Armeniern das Christentum; schon im folgenden Jahrhundert war eine 
ganze Reihe armenischer Mönche bestrebt, in der Heimat der alten 



36 Chalatianz: 

Klassiker die griechische Wissenschaft zu erwerben, um ihren Samen auf 
den vaterländischen Boden zu streuen. Nach dem Einfall der Araber im 

7. Jahrh. erfuhr das Volk nochmals die Folgen der Fremdherrschaft, die 
sich hauptsächlich in der Volkssprache und in der Bauweise äusserten. 
Zweifellos erschloss damals auch der Orient den Armeniern seine Märchen- 
welt, in der die orientalische Phantasie üppige Blüten gezeitigt hatte. 
Solche von Osten kommenden Überlieferungen waren freilich bereits früher 
zu den Armeniern und anderen Völkern Kleinasiens gedrungen, dank der ur- 
alten Nachbarschaft der Perser, deren politische Herrschaft bis zum Kaukasus 
hin reichte. Nach Herodot 3, 92 zahlte eine Reihe kaukasischer Völker^ 
wie die Kaspier, Pausiker, Pantimater, Dareiter, welche die 11. Satrapie 
des Reiches bildeten, weiter die Armenier (13. Satrapie), die Matieuer, 
Saspeirer, Alarodier (18. Satrapie), die Moscher, Tibarener, Makroner, 
Mossynöker, Marer (19. Satrapie), dem Achämeniden Artaxerxes V. Tribut. 
Auch während der Herrschaft der Parther (250 v. Chr. bis 226 n. Chr.), 
insbesondere der Sassaniden (226 — 651 n. Chr.), machte sich der Einfluss 
des persischen Reiches hier geltend. Mithridates L, der Parther, setzte 
seinen Bruder Walarschak als König über Armenien ein. Der Sassanide 
Ardeschir I. (226—240) vertrieb die Römer aus Armenien. Seit dem 
Jahre 428 ward das Land von persischen Marzbanen verwaltet. Jezdegerd H. 
(438 — 457) war mit fanatischem Eifer bestrebt, die Lehre des Zoroaster 
zu verbreiten. Kabad (490-531) und Chosrau Anuschirwan (531—598) 
legten eine Reihe von Befestigungen in Georgien und Albanien an. Mit 
der Besiegung des Chosrau Parwez durch den Kaiser Iraklius verlor Persien 
seinen politischen Einfluss über ganz Kleinasien. 

Die Jahrtausende dauernde Herrschaft der Perser musste freilich auf 
das materielle und geistige Leben der tributpflichtigen Völker den Stempel 
ihrer Kultur drücken. Auch nach der Annahme des Christentums blieb 
das armenische Volk vielen seiner heidnischen Sitten treu; trotz der Be- 
mühungen der Kirche, die 'unreinen' Sagen des Heidentums auszurotten, 
lebten die Taten der grossen Ahnen im Munde der 'Gussanen' (Volks- 
sänger) fort. Die Erzählungen von rulmivollen Helden von Iran, die 
nicht nur dem Ohre der Könige, sondern auch dem der A'olksmenge 
schmeichelten, konnten leicht die Phantasie der Armenier gefangen nehmen; 
denn Jedes Volk glaubt in seiner Kindheit gern an das Übermenschliche 
und hört mit Spannung jedes Abenteuer an. 

Moses von Chorene^), der armenische Historiker aus dem 7. oder 

8. Jahrhundert, überliefert uns die Sage von Bjurasp Ajdaliak"), die 
damals bei den Persern im Umlaufe war und zweifellos auch zu den 



1) Mo'ise de Khorene, Histoire cVArmeuie J, o2 (Laiiglois, Collection dos historiciis 
anciens et modernes de rArmenie 2, 77. Paris 186i)). 

2) Der persische Azhidahaka Baevaraspa. Das letzte Wort bedeutet den Besitzer 
von 10 000 Rossen. Vgl. Firdousi, Le livre des reis, public par J. Mohl 1, 09— llo (1838).. 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 37 

Armeniern überging. Jene erzählten, class „dem lijurasp die Divs dienten 
untl seine Schultern küssten, aus denen nun Drachen hervorwuchsen, da 
sie nicht imstande waren, den Listigen sonst zu verführen. Von Bosheit 
ergriffen, tötete er nun Menschen, um die Schlangen zu sättigen. Ein 
gewisser Hruden^) fesselte ihn mit ehernen Ketten und führte ihn auf 
den Demhavend^)-Berg. Hruden schläft unterwegs ein; Ejuriisp schleppt 
ihn auf den Hügel; Hruden erwacht, schle])pt ihn in eine Felsengrotte, 
bindet ihn und stellt sich selbst davor wie ein Standbild. Der erschrockene 
Bjurasp unterwirft sich den Ketten und vermag nicht mehr hinauszugehen 
und die Welt zu verwüsten.^) Der eigentliche Name dieses Bjurasp Ajdahak, 
der zur Zeit Mnirods gelebt haben soll, ist Centaurus Pjured, wie ich in 
einem chaldäischen Buch gefunden habe. Er regierte seinen Stamm raelir 
durch Gewalt und Gewandtheit, als durch Tapferkeit, indem er dem 
Nimrod Gehorsam leistete. Um die Gedanken und die Lebensweise eines 
jeden ans Licht zu bringen, gebot er, niemand solle Eigentum besitzen, 
sondern alles solle gemeinsam sein. Er selbst hielt nichts geheim, sondern 
offenbarte allen die heimlichen Gedanken seines Herzens. Tag und Nacht 
hatten seine Freunde zu ihm freien Zutritt. Das war seine sogenannte 
'erste und boshafte Wohltat'. Erfahren in der Astrologie, wollte er auch 
•die Zauberei erlernen; dies war ihm aber nicht möglich. Darum gab er 
vor, dass sein Leib an furchtbaren Schmerzen leide, die nur durch ein 
gewisses AVort und einen schrecklichen Namen heilbar seien. Ein böser 
Geist unterrichtete ihn nun zu Hause und auf den Märkten, indem er den 
Kopf auf seine Schultern legte und ihm die böse Kunst ins Ohr flüsterte. 
Dieser 'Sohn des Satans' diente ihm freiwillig und erbat sich als Lohn dafür 
die Erlaubnis, seine Schulter zu küssen. Das sogen. Drachenwachsen oder 
die Yerwandlung des Bjurasp in einen Drachen besteht in folgendem: er be- 
gann unzählige Menschen dem Divs zu opfern, bis das Volk ihn verabscheute 
und ihn vertrieb, er floh aber in das obengenannte Hochland. Auf der Flucht 
fiel sein Heer von ihm ab; dieses erfreute seine Verfolger, die sofort einige 
Tage Rast hielten. Bjurasp aber sammelte die zerstreuten Krieger, über- 
raschte die Feinde und brachte ihnen eine schwere Niederlage bei. Doch 
endlich überwältigte ihn die Mehrzahl und trieb ihn in die Flucht. Un- 
weit des Berges ward er eingeholt, getötet und in eine grosse Schwefel- 
grube geworfen." 

Derselbe Moses von Chorene*) berichtet vorher (Buch 1, Kap. 24 — 32) 
auch eine armenische Sage über Astyages, den sein Schwager, der 

1) Feridün bei Firdousi. 

'2) Der heutige Demavend in Fersien. 

;'.) Vgl. dazu die Sagen von Mher und Artawazd bei den Armeniern in meiner Ab- 
handlung über die armenische Heldensage (oben 12, 269. lOOf.)- 

4) Moses Chorenazi, Geschichte Armeniens (Venedig 18>S1), S. 132— i;>y = Langlois, 
CoUection 2, 72 ff. Vgl. über die Persönlichkeit des Astyages Sir John Malcolm, Histoire 
de la Ferse (Paris 1S21) 1, 27. L. Dubeux, La Ferse S. 222. 



38 Chalatianz: 

armenische König Tigranes der Grosse, tötete, um <lanu mit Hilfe des 
Cyrus das Meder- und Perserreicli an sich zu reissen. Nach dieser Sage, 
welche wahrhaft epische Züge trägt, träumte Ajdahak in einer Xacht, dass 
im Lande der Haikiden (Armenier) ein wunderschönes, in Purpur ge- 
kleidetes Weib auf der Höhe des Berges drei Helden gebar, von denen 
der erste auf einem Löwen gen Westen flog, der zweite auf einen Leo- 
parden gen Norden, der dritte aber auf einem ungestümen Drachen wider 
sein Reich stürzte. Es schien ihm dann, dass er auf dem Dache seines 
Palastes stehe; da flog der Held auf dem Drachen mit Adlersflügelu heran, 
um seine Götterbilder zu zerstören. Sie kämpften miteinander, und Ajdahak 
unterlag. Um dem drohenden Verderben zu entgehen, nahm Ajdahak 
Tigranuhi, die Schwester des Tigranes (welcher der Drachenreiter war) 
zur Frau. Allein diese unterrichtete ihren Bruder von den bösen Plänen 
Ajdahaks, und so wies Tigranes dessen Einladung zurück, sammelte 
schleunigst ein Heer und zog gegen ihn. Im Kampfe durchbohrte Tigranes 
seinen Feind mit dem Speer. „Dies bezeugten auch die chronologischen 
Lieder", fügt unser Historiker^) hinzu, „welche, wie ich höre, die Ein- 
wohner der weinreichen Provinz Goltu") gern bewahren. Tu diesen werden 
die Nachkommen Ajdahaks, die sogenannten vischapazunq^) allegorisch 
erwähnt, weil Ajdahak in unserer Sprache einen Drachen bedeutet." 

Unser Geschichtsschreiber verbirgt aber als frommer Geistlicher, der 
dem Wunsche seines jungen Crönners folgend die persischen Legenden 
niederschreibt, nicht seinen Abscheu vor diesen 'ungereimten' Erzählungen. 
„Ich will jetzt mit eigener Hand mir verhasste Legenden und Taten auf- 
zeichnen, deren Gerücht schon allein mein Ohr verwundet"*), sagt er, als 
ob er eine schwere Last auf sich nähme. Später zeigt er sich wieder 
nachgiebig, die Sage von dem Riesen Tork zu erzählen: „Wenn ilu willst, 
so werde ich von ihm (Tork) unglaubliche und ungereimte Dinge erzählen, 
wie die Perser von Roston Sagcki erzählen, dass er die Kraft von 120 Ele- 
fanten besass."*) x\us diesen beiden Stellen geht deutlich hervor, dass 
die persischen Legenden aucli den Armeniern bekannt waren. 

Seitdem Firdousi im 11. Jahrhundert die im "Volksmunde lebenden 
Heldensagen von Iran mit dem Glänze seiner Poesie geschmückt hatte, 
erlangte er die höchste Autorität auf dem Gebiete der persischen Sage 
und wird noch heut vom Volke als unzweifelhafte historische Quelle be- 
trachtet.^) Das Interesse der Gelehrten beschränkte sich l)islier haiipt- 

1) Buch 1, Kap. .">(l - Langlois, Collcctioii 2, 7.3. 

2) Da diese Provinz dicht an Aderbeidjan (Medien) grenzt, klingt die Nachricht 
höchst wahrscheinlich. 

.'!) D. h. die Nachkommen der Drachen. 
4) Moses von Chorene 18SI S. K54 = Langlois "J, 77. 
:>) Ebenda S. 171 = Langlois 2, 84. 

(!) Firdousi, Lc livre des rois 1. Nöldeke, Das iranische Nationalepos (Grundriss der 
iranischen Philologie 18%). 



Die iranisclie Heldensage bei den Armcnieru. 39 

sächlicli auf die Erforschung des historischen Bodens, auf dem dies künst- 
lerisch vollendete Werk erwuchs. Von einem vergleichenden Studium der 
alten Überlieferungen konnte noch keine Rede sein, da die Frage, ob die 
ruhmvollen Helden Persiens auch bei den benachbarten Völkern Anklang 
gefunden haben, bis zur jüngsten Zeit offen blieb. Jetzt wissen wir, dass 
die russischen und armenischen Epen das Gepräge der persischen Sagen 
tragen^), und dass auch bei den kaukasischen Völkern der Swaneten, 
Pschawen, Imeretiner, Ossetiner Seitenstücke dazu vorhanden sind, (le- 
legentlich meiner Forschungsreise nach Armenien im Jahre 181)8 — 1899 
konnte ich dieselbe Tatsache auch bei den Armeniern und Kurden fest- 
stellen. Der Sagenstoff ist in den Hauptzügen derselbe, die Heldengestalten 
jedoch und einige Motive erhielten auf dem fremden Boden eine ganz 
originelle Färbung. Das neue Material gibt uns also nicht nur einen 
Begriff von der ausserordentlichen Verbreitung der iranischen Helden- 
sagen, sondern bereichert auch gewissermassen die Quellen des Schah- 
Xameh mit neuen Fassungen. Um den Wert derselben nicht zu über- 
schätzen, müssen wir freilich von vornherein annehmen, dass jeder von 
aussen entlehnte Stoff, bevor er Eigentum des Volkes wird, seinen Sitten 
und seiner Weltanschauung angepasst werden muss; wenn das Volk ihn 
aber mit der Zeit als sein Eigentum betrachtet, wird es leicht die fremden 
Recken mit den eigenen verwechseln und ihnen die seinen lieblings- 
helden eigenen Züge zuschreiben. Auch der bei den orientalischen Völkern 
verbreitete Märchenschatz hat einen gewissen Einfluss auf die neueinge- 
führten Erzählungen ausgeübt. 

Bevor ich den Inhalt der von den Armeniern entlehnten iranischen 
Heldensagen wiedergebe, scheint mir ein Hinweis auf den allgemeinen 
Charakter dieser Fassungen nicht überflüssig zu sein. Eine vergleichende 
Betrachtung der Sagen soll den dritten Teil des Aufsatzes bilden. Das 
Material wurde von mir im eriwanischen Gouvernement gesammelt. Die 
b^rzähler stammen aus dem türkischen Armenien und sind seit den russisch- 
türkischen Kriegen in den Jahren 1853 und 1877 aus der Türkei aus- 
gewandert. Diese Auswanderung, die dank der wirtschaftlichen Krisis im 
türkischen Armenien noch immer fortdauert, hält die alten Sagen dem 
Volke in frischer Erinnerung. 

Die persische Heldensage ist bei den Armeniern ebenso wie bei den 
genannten kaukasischen Völkern unter dem allgemeinen Namen 'Rustami- 
Zal' bekannt; doch behandeln diese Sagen nicht allein die Taten des be- 
rühmten iranischen Helden Rüstern, sondern auch die der anderen Pehle- 
wanen. In vielen Fassungen wird Rustem gar nicht erwähnt oder tritt 
in ganz unbedeutender Rolle auf. Es ist anzunehmen, dass der Haupt- 



1) W, Miller, Exkurse iu das Gebiet des nissisclien Volksepos (Moskau 189-2). 
B. Chalatianz, Die armenische Heldensage (oben 12, 142. o9'J). 



40 Chalatiauz: 

helcl des Scliah-Ivrameh mit der Zeit von anderen, nicht weniger populären 
Recken verdrängt oder dass seine Abenteuer auf diese übertragen wurden. 
Aus der Reihe dieser Pehlewanen ragen besonders Burze, Fahramaz, Thech- 
bure-Scheran, Ghatl Ghahraman, Gho"po Jekdasti, Arschak Eraneli hervor, 
die fast alle dem Dichter des Königsbuches unbekannt sind. Diese Sagen, 
die zweifellos einst einzeln existierten, wurden von den Armeniern zu 
einem Zyklus vereinigt, in welchem je ein Abschnitt den ruhmvollen 
Taten eines Helden gewidmet ist. In einigen Fällen erfindet das Volk, 
wie wir noch sehen werden, sogar eine Blutsverwandtschaft zwischen den 
nationalen und fremden Pehlewanen. Charakteristisch ist, dass die Handlung 
dieser armenisierten Sagen von der Stadt Sassun ausgeht, die das Zentrum 
der armenischen Heldensagen bildet; ferner werden die fremden Pehlewanen 
als Stammgeuossen der Sassuner auch die 'Tollen' benannt. Als Ober- 
haupt dieses Hauses figuriert der greise Zal, der sonst keine Rolle spielt. 

Eine der originellsten Persönlichkeiten in diesen Sagen ist Burze, 
der besondere Beliebtheit geniesst. Begabt mit ungewöhnlicher Stimme, 
in der sich seine Kraft birgt, ragt er weit aus dem Heldenkreise hervor; 
und obgleich dieselbe Eigenschaft seinem ganzen Stamm zugeschrieben 
wird, tritt keiner seiner Verwandten mit solchem Attribut auf. In dieser 
Beziehung erinnert uns der iranische Held an den 'laut erschallenden' 
Owau der armenischen und den Solowej der russischen Sage, wenn auch 
ihre Gestalten ganz verschieden sind. Übrigens wirkt sein ungeheures 
Geschrei noch viel verderblicher; zwölf Hügel fallen nieder, und ein 
ganzes Heer wird in die Flucht g-otrieben. Burze besitzt noch eine andere 
merkwürdige Eigenschaft, die im Orient von echter Heldenkraft untrennbar 
ist: ausserordentliche körperliche Schwere. Ihn wie Rustem, Bahram 
Cobin, Mher, Swjatagor (bei den Russen) trägt die Erde nicht. In einigen 
Fassungen wird Burze ein Sohn des Rustem genannt, ohne jedoch in 
iro-end ein Abenteuer mit ihm verwickelt zu sein. 

Bei seiner ungeheuren Popularität im grauen Altertum musste Rustem 
stets als ein Vorbild für die anderen Pehlewanen dienen. Den Widerhall 
seines Namens fin(h'n wir im kaukasischen Berglande wie in Südrussland, 
wo seine Charakterzüge auf den Haupthelden des russischen Epos Ilja 
übertragen wurden; und noch heute lebt sein Ruhm bei den Kurden und 
Armeniern in der Türkei fort. Einige seiner Abenteuer, wie sein Kampf 
mit dem Sohne nnd dessen tragisches Ende, sind in verschiedenen Fassungen 
bei den Swaueten, Osseten u. a. erhalten und erscheinen auch bei trans- 
kaukasischen Völkern. Rustems Einfluss gewahrten wir auch in dem 
armenischen David dem Sassunier (oben U, 399 f.). Merkwürdigerweise 
aber tritt dieser iranische Held im russischen Armenien und in einigen 
Ortschaften Kaukasiens entschieden zurück; er unterliegt im Kampfe mit 
dem bösen Div oder mit seinem jungen Neffen, ja ihm wird sogar ver- 
räterischer Verkelir mit dem Feindi^ beim Kampfe zugeschrieben. Diese 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 41 

sclimähliclie Erniedrigung- Rustejiis konnte nur auf dem fremden Boden 
entstehen, da sein Vaterland ihn nur als einen unbesiegten und edlen 
Pehlewanen kennt. Das Zeugnis des Moses von Chorene (oben S. 38) 
spricht dagegen für sein einstiges hohes Ansehen bei den Armeniern. 

Ziemlich unklar ist die Persönlichkeit des Fahramaz, des tapferen 
Sohnes Rnstems, der bald als unzufriedener Aufrührer sich gegen seinen . 
Bruder Burze empört, bald in der bekannten Liebesgeschichte mit der 
Tochter des Königs von Semeugan seinen Yater ersetzt. Das letzte Motiv 
(Heirat in der Fremde) und der unvermeidliche Kampf mit dem eigenen 
verkannten Sohn werden übrigens auch auf Burze übertragen; ein Beweis 
für den tiefen Eindruck, den diese tragische Begebenheit auf die Volks- 
phantasie ausübte. Der Name Sohrabs ist in armenischen Fassungen 
durch andere ersetzt, doch kommt er in kaukasischen Parallelen wieder 
vor (Surab, Surap-Chan). 

Von Bijen, dessen Liebesabenteuer mit Menije, der Tochter des 
Königs Afrasiab, Firdousi uns so schön ausmalt, wissen die armenischen 
Sagen fast gar nichts; trotzdem finden wir dort seinen Namen 'Onkel 
Bejan . In unseren Fassungen spielt Bego die unbedeutende Rolle eines 
Verwandten und Eeisegenossen des Burze. Sein obengenanntes Erlebnis 
wird hier, wenn auch ziemlich verstümmelt, vielmehr dem Burze zuge- 
schrieben. Die kaukasischen Überlieferungen haben dagegen die Haupt- 
züge dieses Abenteuers des Bijen (Bejan, Beza, Bezan) mit einigen Ab- 
weichungen von Firdousi erhalten. 

Die Rolle Rnstems, der Bejan aus der Grube rettet, übernimmt bei 
den Armeniern ein gewisser Ghopo Jekdasti (d.h. der Einhändige), der 
seinen NefPen Burze aus der Tiefe wieder an das Tageslicht zieht. Seine 
Gestalt, die auch mit der eines Divs identifiziert wird, zeichnet sich durch 
keine besonderen Züge aus und gehört wohl ursprünglich nicht dem Kreise 
der Pehlewanen an. 

Aus dem uns vorliegenden Materiale vermögen wir nicht festzustellen, 
welchen Anklang das Schah-Nameh selbst als Literaturwerk einst beim 
armenischen Volke fand. Aus zuverlässigen Quellen erfahren wir aller- 
dings, dass 'das Buch der Könige' in verschiedenen Fassungen im türkischen 
Armenien, besonders aber bei den Kurden, im Umlauf ist. Alle unsere 
Aufzeichnungen, mit Ausnahme einer, die gerade aus der Türkei stammt, 
behandeln in engem Zusammenhange die Taten der einzelnen Helden. 
Doch sind auch hier trotz der Verschiedenheit der Namen, manche An- 
klänge an die Abenteuer der von Firdousi gepriesenen Pehlewanen vor- 
handen. Daher wird es zweckmässig sein, uns zuerst den Inhalt des 
Schah-Nameh durch eine kurze Übersicht ins Gedächtnis zurückzurufen. 



42 Chalatianz: 

Bei jedem Volke geht die Mythologie der Entstehung der Helden- 
sagen voran, d. h. den rein mythischen Persönlichkeiten werden mit der 
Zeit auch historische zugesellt. Dieser geistige Prozess findet jedoch im 
Bewusstsein des Volkes nicht auf einmal statt; nicht mit einem Schlao-e 
trennt sich dieses von den alten Göttergestalten, sondern überträgt einige 
ihrer Eigenschaften und ganze Episoden aus ihrem Leben auf die jüngeren 
Figuren der Helden seines Landes; das Nationalbewusstsein wirkt auf die 
Grestaltung der Sage ein. 

Zweifellos gehören einige Personen des iranischen Epos, wie Dahak 
und Bustem, uralter Zeit an. 

Die siegreichen Kriege der Perser gegen die Turanior boten schon 
im Altertum der Dichtung ein reiches, geeignetes Material. Es ist kein 
Wunder, wenn diese Erzählungen von den ruhmvollen Taten der Ahnen 
nicht nur im Volke, sondern auch in den Gemächern der Padischahs ein 
lebhaftes Interesse hervorriefen. Schon Chosrau Anuscliirwan (G. Jahrh. 
n. Chr.) liess die in seinem Beiche umlaufenden Sagen sammeln und in 
der königlichen Bibliothek sorgfältig bewahren. Durch einen Befehl 
Jezdegerds HI. (G32 — 651) wurde der Dehkan^) Danischwer aufgefordert, 
die Sammlung des Anuschirwau zu ordnen und das Fehlende mit Hilfe der 
Mobeds (Geistlichen) zu ergänzen. Xach Firdousis Zeugnis existierte seit 
alters ein Buch, welches viele Erzählungen enthielt; jeder Mobed hatte 
einen Teil davon bei sich. Nun liess ein mächtiger, tapferer, wissbegieriger 
Pehlewan aus dem Hause der Dehkanen aus jeder Provinz einen alten 
Mobed zu sich kommen, der einen Teil dieses Buches bei sich hatte. Die 
Alten erzählten ihm die Sagen von den berühmten Königen und Kriegern, 
die sie kannten.") Das von Danischwer in Pehlewi verfasste Bucli 'Chodai- 
Nahmeh', das die Geschichte Persiens von Kajumorz 1)is zum Chosrau 
Parwez enthielt, wurde nach der arabisclien Eroberung auf Wunsch des 
Abdallali ibn al Mokatfa ins Arabisclic übertragen; diese Übersetzung ist 
jedoch verloren gegangen. Kaum begann das Kalifat Zeichen der Schwäche 
zu zeigen, als sich in Persien eine nationale Keaktion geltend machte. 
Schon der Begründer der neuen Dynastie der Sofariden, -lakub der Sohn 
des Leis, liess das Werk des Danischwer unter dem Titel 'Das Buch der 
Könige' ins Persische übersetzen. Die mit Eifer begonnene Sammlung 
wurde nach dem Sturze der Sofariden (909) mit gleichem Interesse von 
den Samaniden fortgesetzt. Der Dichter Daqiqi unternahm das 'Cliodai- 
Nameh' in Verse zu übertragen, doch wurde er beim Beginn seiner Arbeit 
von seinem Sklaven erstochen. Als sich die persische Literatur unter 
ihrem Gönner, dem Gaznewiden Mahmud Schah (997 — 1030), zu unge- 
wöhnlichem Glänze emporhob, harrte das gesammelte Sagenmaterial noch 



1) Die Dehkanen bildeten den persischen Landadel und stammten aus den ältesten 
Familien. 

2) Firdousi ed. Mohl 1, Preface S. VII— VIII. 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 4.^ 

immer eines Talentes, das dem rohen Stoffe Gteist einzuliaudien vermochte. 
Diese hohe Aufgabe fand ihren würdigen Dichter in Abul Qasim Firdousi. 

Firdousi ist im Jahre 935/36 in Schahdab, einem Orte des Gebietes 
von Tos, nach anderen Angaben aber in Tabaran geboren.^) Er war 
Grundbesitzer. Warum er seine Heimat verliess und am Hofe des Sultan 
Mahmud Förderung suchte, ist nicht überliefert, und die jMeimmgon der 
Gelehrten darüber gehen auseinander. Während MohP) den Sultan Mahiiiiid 
als Firdousis Gönner und Verehrer der iranischen Poesie bezeichnet, weist 
Nöldeke^) mit Recht darauf hin, dass „die ganze Yorstellung, dass ein 
so mächtiger Herrscher damals irgend eine nationale Stütze dem nomi- 
nellen Souverän, dem ohnmächtigen Chalifen gegenüber, nötig gehal)t 
hätte, grundfalsch" sei. Ob der Türke, der Sohn eines emporgekommenen 
Sklaven, überhaupt ein Interesse für die Poesie hegen konnte, „ob er ein 
wirkliches Verständnis der Dichtung hatte", erscheint demselben Gelehrten 
ebenso zweifelhaft. Des Dichters langjährige Mühe wurde vom Fürsten 
sehr gering geschätzt. Der Dichter fühlte sich dadurch beleidigt und 
flüchtete nach Herät, nachdem er sich durch eine scharfe Satire an Mahmud 
gerächt hatte; von dort wanderte er zu dem Fürsten von Tabaristanschah, 
Ispahbadh Schahryar; auch genoss er einige Zeitlang bei dem Buiden Baha 
addaula Gastfreundschaft. Dem greisen Dichter war es endlich beschieden, 
seine Heimatstadt wieder zu erreichen, wo er im 10'20/21 (nach Daulet- 
schah) starb. 

Das Schah-Nameh, dessen schönste Partien dem deutschen Leser 
durch die wertvollen Übertragungen von Schack und Rückert*) leicht zu- 
gänglich sind, umfasst die Regierungen von 50 Königen. Mit Kaiumors 
beginnt die Zivilisation. Er und seine Untertanen tragen noch Tigerfelle, 
wilde Tiere bilden einen Teil seines Heeres. Der neidische Div schmiedet 
Ränke gegen ihn. Der Königssohn Siamek will mit der Waffengewalt 
seine bösen Pläne zerstören, doch fällt er im Kampfe. Huscheng rächt 
den Tod seines Vaters; er war der erste, der das Feuerfest einführte. 
Sein Nachfolger Tahmuras zeichnete sich besonders im Kampfe gegen 
die Divs aus. Während der Regierung des Dschemschid, der seinen 
Untertanen nützliche Künste lehrte und feinere Kleidung einführte, herrschte 
bei den Arabern Mardas. Der böse Gott Iblis (= Ahrimaii) verleitete 
dessen Sohn Dahak, den Vater umzubringen. Nach der verbrecherischen 



1) Als Quellen für die Biographie des Firdousi dienen Ahmed ihn Omar al Arudi, 
der im Jahre lllG/17 das Grab des Dichters besuchte (Zs. der d. morgenl. Ges. 4S, SU), 
Baisonghur (Macan, Persische Einleitung), Dauletschah (Vullers, Fragmente über die 
Religion des Zoroaster), Djami (Anthologia persica 177<;) und Lutf Ali Ataschkade (Bombay 
1277, H. 77ff.). Vgl. Nöldeke, Grundriss der iranischen Phil. "J (ISKG). 

•2) Pröface S. XX— XXX. 

.■)) Grundriss "2, 154. 

4) A. F. V. Schack, Heldensagen von Firdusi, 2. Auil. IS«;.'). — F. Rückert, Firdosis 
Königsbuch, hsg. von Bayer 1— •'> (ISlKl— 1S95). 



44 Clialatianz: 

Tat erschien Iblis dem Dahak von neuem in der Gestalt eines Koches 
und gewann seine Liebe durch die Zubereitung schmackhafter Fleisch- 
gerichte (er war der erste, der die Tiere schlachten Hess). Als Belohnung 
dafür erbat sich Iblis, des Königs Schulter küssen zu dürfen, wonach auf 
derselben Schlangen wuchsen. Alle Versuche, diese auszurotten, waren 
vergebens. Endlich zeigte sich der verschwundene Böse wieder und gab 
dem König den Rat, die Schlaugen mit menschlichem Gehirn zu nähren. 
Bald darauf zog Dahak gegen Dschemschid, der unterdes Gott vergessen 
hatte, und entriss ihm sein Reich, Während der Regierung des teuflischen 
Dahak, die 1000 Jahre dauerte, verschwanden alle guten Sitten und Ge- 
rechtigkeit im Lande. Dem König mussten täglich zwei Jünglinge ge- 
schlachtet werden. In einer Nacht sah er im Traume drei Helden aus 
dem königlichen Baume entstehen, von denen der jüngste, mit einer Keule 
bewaffnet, ihn auf die Erde warf, seine Hände band und ihn zu dem Berg 
Demavend brachte. Ein weiser Mobed deutete dem erschrockenen König 
den Traum dahin, dass ihm sein Thron von Feridun entrissen werden 
würde. Nach der Geburt Feriduns fiel dessen Vater Abt in aus dem Hause 
des Tahmuras in die Hände Dahaks, der ihn umbringen Hess; seine Gattin 
Firanek rettete jedoch das Kind und übergab es ihrem Gärtner. Hier 
wurde der Knabe von einer Kuh von ungewöhnlicher Schönheit ernährt: 
dann brachte ihn die Mutter auf den Berg Eiborz ^). Hier erfuhr der 
Kijährige Feridun das traurige Schicksal seines Vaters, und sein Herz 
schrie nach Rache. Mittlerweile erhob ein gewisser Schmied Kaweh, der 
an der S})itze der Unzufriedenen zu Feridun überging, die Fahne der 
Empörung gegen den blutdürstigen Tyrannen. Der junge Feridun zog, 
mit einer Keule bewaffnet, nach dem Schlosse dos 'Drachen'. Seine beiden 
älteren Brüder versuchten ihn aus Neid unterwegs umzubringen, doch 
blieb Feri(km mit Hilfe eines Engels unversehrt. Im Palast des Dahak 
tötete er alle Divs und Magier imd befreite zwei Töchter des Djemschid. 
Bei dieser Kunde eilte Dahak aus Hindustan, wo er die Zauberkunst er- 
lernte, herbei. Feridun schmetterte ilin mit einem Keulenhieb zu Boden, 
band ihm die Hände, führte ihn auf den Berg Demavend und fesselte ihn 
an einen Fels. Die Teilung des Reiclies unter die drei Söhne Feriduns 
führte zum Kriege der älteren Brüder: Salm (Westen) und Tur (Turan), 
gegen den jüngsten Eratsch (Iran), in welchem dieser verräterisch getötet 
ward. Manotschir rächte den Tod seines Grossvaters. In seine Zeit 
fällt die Geburt des Zal, des Sohnes Sams, welcher mit weissen Haaren 
zur Welt kommt. Der Vater, der König von Zabulistau, liält ihn für 
einen Spross des Ahriman und bringt ihn auf den Berg Alborz, wo der 
A^ogel Simurg ihn mit seinen Jungen ernährt. Als Sam wieder erscheint, 
um seinen Sohn abzuholen, findet er ihn zum Recken erwachsen. Simurg 



1) Der heutige Berg Elbrus im Kaukasus. 



Die iranische Heldensage bei den Arnieniirii. 45 

gibt dem Zal eine von seinen Federn, die er in der Not verbrennen soll, 
um Simurg- zur Hilfe zu rufen. "Weiter folgt das in die Länge gezogene 
Liebesabenteuer des Zal mit R od ab eh, der Tochter dos Königs Mihrab 
aus dem Geschlechte Dahaks. Aus dieser Ehe entspringt Kustem. Bei 
der schweren Geburt des ausserordentlich grossen Knaben erscheint Simurg 
und hilft mit seinem Rat. Schon in seiner Jugend zeichnet sich der HcM 
durch körperliche Kraft und Tapferkeit aus: er tötet einen Elefanten und 
rächt den Tod seines Grossvaters Neriman, indem er das Schloss des 
Stammfeindes auf dem Berge Sipend erobert. Während der Regierung 
von Manotschirs Nachfolger, Nawdar, bricht wiederum Krieg zwischen 
Iran und Turan aus. Afrasiab, der Sohn des Königs Pescheng. nimmt 
Xawdar gefangen und lässt ihn töten, wird jedoch A^on Zal aus dem Tjande 
vertrieben. Rustem erreicht in der Regierungszeit des Key Kaos die 
Blüte seines Heldentums, in die seine Liebesabenteuer mit der Tochter 
des Königs von Semengan, die Geburt des St>hrab und der Kampf mit 
dem verkannten Sohn fallen. An der Grenze von Turan jagend, schläft 
er nahe der Stadt Semengan auf einer Wiese ein; als er erwacht, findet 
er sein treues Ross Rachsch nicht mehr. Er droht dem König und seinen 
Pehlewanen Rache, wenn man ihm sein Ross nicht wiedergebe ; der König 
beruhigt ihn und ladet ihn zu sich in den Palast. Die schöne Königs- 
tochter Tehmime entbrennt in Liebe zu ihm und besucht ihn Nachts. 
Nachdem der Held ihr einen Onyx gegeben, damit sie ihn, falls sie eine 
Tochter gebäre, dieser ins Haar oder, falls sie einen Sohn zur Welt bringe, 
diesem an die Hand binde, kehrt er am nächsten Tage in sein Land 
zurück. Sehr ab, die Frucht dieser Liebe, erfährt als zehnjähriger Knabe 
von seiner Mutter den Namen seines Vaters imd beschliesst, nach ihm zu 
forschen. Afrasiab schickt den jungen Helden mit einem Heere gegen 
L'an. Unterwegs belagert Sohrab das weisse Schloss der Heldin Gurda- 
ferid, besiegt diese im Zweikampfe und erkennt erst aus ihren aufge- 
lösten Haaren, dass sie ein Weib ist. Kaos ruft aus Furcht vur dem 
unbesiegbaren Turanier Rustem herbei. Es folgt ein Zank des Königs 
mit seinem verspätet eintrefPenden Pehlewanen, der darauf zornig wieder 
in sein Land umkehrt. Kaos bereut seine Behandlung und schickt den 
Goderz mit Entschuldigungen zu Rustem. Der Held führt das iranische 
Heer gegen die Turanier. Ln Zweikampfe mit Sohrab wird er zweimal 
besiegt, doch dank seiner List von ihm geschont; beim dritten Male ver- 
setzt Rustem ihm den Todesstreich und erkennt erst aus den letzten 
Worten des Sterbenden seinen eigenen Sohn. Diese tragische Episode 
ist eng mit dem nationalen Kriege Irans gegen Turan verknüpft. Trotz 
der Warnungen Zals zieht Kaos nach Masenderan. Der weisse Div nimmt 
den König gefangen und führt ihn zu dem Herrscher des Landes. Rustem 
eilt ihm zu Hilfe und vollbringt unterwegs herrliche Heldentaten; er tötet 
einen Drachen, eine Hexe, den Div Arseng und endlich den weissen Div. 



4(; Chalatiauz: Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 

Der aus Ketten befreite Kaos gerät wieder in Gefangenschaft, diesmal in 
die des Königs Hamaveran, und wird wiederum von seinem treuen Pelile- 
wanen gerettet. Siawusch, der Sohn des Königs, kommt wegen eines 
Zwistes mit seinem Vater an den Hof Afrasiabs, der ihn töten lässt. Der 
deswegen ausgebrochene Krieg wird von Key Chosrau, dem Sohne des 
Siawusch siegreich beendet. Der Eindruck dieser blutigen Zusammen- 
stösse wird durch das Liebesabenteuer des Bijen mitMenije, der Tochter 
des Königs Afrasiab, gemildert. Im Auftrage des Key Chosrau begibt sich 
der junge Pehlewan Bijen, ein Sohn des Giv und Enkel des Rustem, mit 
Gurgen nach der Grenze, um die Iranianier von den gefährlichen Ebern 
zu befreien. Der neidische Gurgen will seinen glücklichen Kampfgenossen 
umbringen und verlockt ihn durch eine Schilderung der Schönheit der 
turanischen Prinzessin Menije, den feindlichen Boden zu betreten. Der 
Held sucht die Schöne in ihrem Zelt auf, wird von ihr gut bewirtet und 
im Schlafe in ihren Palast gebracht. Als dieses Afrasiab erfährt, befiehlt 
er im Zorne, Bijen an Händen und Füssen zu binden und in eine Grube 
zu werfen; er verstösst seine Tochter, welche nun bei der Grube ihres 
Geliebten sitzt und ihn durch Almosen ernährt. Inzwischen erfährt Key 
Ghosrau, den Bitten Givs nachgebend, durch eine Zaubertasse, dass dessen 
Sohn in eine Grube gestürzt sei. Rustem soll ihn retten. Er verkleidet 
sich als Kaufmann, begibt sich nach der Stadt des Afrasiab und zieht in 
der Nacht, von Menije begleitet, seinen Enkel an einem Stricke aus der 
Grube. Afrasiab wird geschlagen und in die Flucht getrieben. Rustem 
kehrt mit Bijen und dessen Braut nach Iran zurück. 

Mit Lohrasp besteigt die Nebenlinie den Thron. Der Prinz Husch- 
tasp flüchtet wegen strenger Behandlung seines Vaters nacli der 'Stadt 
des Kaisers', wo er sich unter dem Namen Farrachsad eine Zeitlang auf- 
hält und die Prinzessin Kitabun heiratet. Der Held unterwirft die Nachbar- 
völker dem Kaiser. Als dieser auch von Lohrasp Tribut verlangt, zieht 
Zerir, der zweite Sohn des Königs, mit einem starken Heere gegen die 
Griechen. Durch Huschtasps Erscheinen auf dem Schlachtfelde, den die 
Lanier sofort erkennen, wird das Blutvergiessen vermieden. Zerir setzt 
den Bruder auf den königlichen Thron und bringt ihn nach Iran. Lohrasp 
dankt ab und begibt sicli nach Balch. Unter Huschtasps Regierung, die 
einen der interessantesten Abschnitte des Schah -Nameh bildet, fallen die 
ruhmvollen Taten des Prinzen Isfendiar, die viel Ähnlichkeit mit denen 
Rustems haben. Der König sendet ihn aus, die von Zoroaster gestiftete 
Religion zu verbreiten, und verspricht ihm dafür seinen Thron. Auf die 
Verleumdungen einiger Pehlewanen hin jedoch lässt der argwöhnische 
Vater den Sohn in Ketten legen. Wegen der neuen Religion bricht, 
wiederum ein Krieg niitj Turan aus. Der turanische König Ardj.asp 
erobert Balch, tötet den dort wohnenden Lohrasp und bedrängt die Lanier 
sehr. In Verzweiflung über sein Schicksal schickt Huschtasp einen gewissen 



Toldo: Aus alten Novellen und Legenden. 47 

Djamasp zu dem eingesperrten Isfendiar, um ihn um Hilfe zu bitten. Die 
Beredsamkeit des Boten rührt indes den beleidigten Hehlen nicht; erst als 
er erfährt, dass seine Schwestern in Gefangenschaft geraten sind und sein 
Bruder verwundet auf dem Schlachtfelde liegt, rüstet er sich zum Kampfe, 
tötet den Ardjasp und vertreibt den Feind aus dem Lande. Nun erinnert 
Isfendiar seinen Vater an sein Versprechen. Huschtasp schwört, ihm 
seinen Thron sofort zu übergeben, wenn er den stolzen Kustem in Ketten 
zu ihm bringe. Ungern schreitet Isfendiar zum Zweikampfe mit dem er- 
fahrenen, edlen Pehlewanen. Vergebens bittet ihn Kustem, den ungleichen 
Kampf aufzugeben, indem er ihm seine Heldentaten herzählt; der junge 
Held fordert ihn auf, sich ohne Blutvergiessen iu Ketten legen zu lassen. 
Der Zweikampf zwischen den beiden ruhmvollen Pehlewanen wird jetzt 
unvermeidlich und dauert einige Tage. Der bedrängte Rustem wendet 
sich um Rat bittend au den Vater. Zal ruft wiederum den Simurg zu 
Hilfe, der die Wunden des Helden und seines Rosses heilt und ihn 
Zauberpfeile erschaffen lehrt, mit denen er seinen Gregner umbringen kann. 
Rustem tötet den Isfendiar; doch fällt er selber durch die Hand seines 
Bruders Schegad, der ihn nach Kabul lockt und verräterisch in eine 
Grube stürzen lässt. 

Den Zug Alexanders des Grossen gegen Darius erzählt Firdousi 
mit allen Einzelheiten dem Pseudokallisthenes nach. Mit Ardcschir be- 
ginnt der historische Teil des Epos, jedoch noch mit vielen sagenhaften 
Episoden überfüllt. Ihm folgen: Sapor L, Jezdegerd II. der Böse, Bahram 
Gor, Chosrau Parwez, in dessen Regierung die Heldentaten des Bahram 
Tschobin fallen, der durch seinen Hochmut ein Ende findet, Kobad und 
endlich Jezdegerd III. Die unglückliche Schlacht bei Qadisya im Jahre 
()36/37 macht der Perserherrschaft ein Ende. 

Heidelberg. 

(Fortsetzung folgt.) 



Aus alten Novellen und Legenden. 

Von Pietro Toldo. 

(Vgl. oLen lo, 412 — 4-2G.) 



3. Die wohlbelohute Aufopferung. 

Ein alter Schwank erzählt von einem Manne, meist einem Priester, 
dem man den Glauben beibringt, er werde, w-enn er eine beträchtliche 
Summe zahle, eine Liebesnacht an der Seite einer jungen Schönen zu- 
bringen. Xur wird er gebeten, sich im Dunkeln niederzulegen, da das 
Mädchen schüchtern und ängstlich sei. Das Geheimnisvolle erhöht die 



48 Toldo: 

Begier und Einbildungskraft des Liebhabers; seine Gesellin zeigt sich 
zurückhaltend und artig, die Stunden vergehen, der Morgen naht und zu- 
gleich die Helligkeit, die das Geheimnis enthüllt. Das zarte 3Iädchen ver- 
wandelt sich in eine grässliche Alte und liederliche Person. In anderen 
Erzählungen jüngeren Datums wird für die ersehnte Schöne ein Kot- 
haufen oder eine Holzpuppe untergeschoben. Betrachten wir einige charak- 
teristische Fassungen. 

Im Fablel des Guillaume de Normand^) bietet ein Priester der Mutter 
der schönen Alison seine Freundschaft und Geld an, wenn sie ihn in die 
Kammer des Mädchens lasse. Die Mutter widerstrebt aufaus-s, dann o-i^t 
sie zum Scheine nach, wenn die Summe hoch sei und ini voraus gezahlt 
werde. Morgens ruft die wackere Frau Feuer; die Nachbarn laufen herzu, 
treten mit ihr in die Kammer der Tochter imd finden dort den frommen 
Priester mit der schmutzigsten Dirne des Landes. — Etwas Ähnliches be- 
gegnet dem Propste von Fiesole, von dem Boccaccio (Decamerone 4, 8) 
berichtet. Dieser Propst liebt eine Witwe, die ihn nicht liebt, und während 
er neben ihr zu liegen glaubt, liegt er bei einer Magd von ihr. Unter 
den bemerkenswerteren Parallelen hebe ich hervor Nicolas de Troyes, 
Parangon des nouvelles (ed. Mabille 1869) No. 8, Comptes du mondes 
adventureux ed. Frank No. 8, Sercambi. Novelle ed. Renier No. "20: 'De 
prudentia et castitate', A. Cornazzano, Novella ditta la ducale (Proverbii 
in facetie 1865 S. 105) und Bandello, Novelle 2, 47.') 

In einer ebenso verbreiteten und lustigen Gruppe von Erzähluugen 
ritt uns die Kehrseite der Münze entgegen. Eine verheiratete Frau er- 
widert die Liebe eines Jünglings, vermag ihm aber keine trauliche Zwie- 
sprache zu gewähren, da der eifersüchtige Mann sie Tag und Nacht über- 
wacht oder ihr eine runzlige, garstige Yettel zur Seite legt. Der Liebhaber 
muss einen getreuen Freund suchen, der den Platz der Frau neben dem 
Gatten oder der Alten einnimmt; dann kann sie aufstehen und auf den 
Fussspitzen aus dem Schlafzimmer schleichen. Solche Freunde sind selten, 
doch der Liebhaber findet endlich einen zu jenem Opfer bereiten, der sich 
in das verabscheute Bett legt. Aber durch eine sonderbare Fügung oder 
eine List der Frau wird für die hässliche Lagergenossin ein hübsches 
Mädchen untergeschoben, das, ohne sich lange bitten zu lassen, das Opfer 
des Freundes reichlich belohnt. — Dies ist der Inhalt der 41. Erzählung 
im Novellino des Masuccio von Salerno. Eine Dame, die ungestört zu 
bleiben wünscht, bittet einen Jüngling, neben ihrem 3Ianne zu schlafen. 
Der Jüngling verfügt sich verdriesslich zu der ungewünschten Gesellschaft, 



1) Montaiglon et Raynaud, Recueil des fabliaux •_', s No. -U: 'F. du pretre et d' Alison'. 

•2) [Vgl. ferner Erk- Böhme, Deutscher Liederhort 1, 4'.C), No. l.V): 'Die schöne 
Müllerin und der Domhen-"; die Nachweise zu Montanus, Schwankbücher ed. Bolte ISO!) 
S. (l-iSf. G.J8; R. Köhler, Kleinere Schriften "J, G28: Arfert, Das Motiv von der unter- 
schobenen Braut in der internationalen Erzählungsliteratur (Rostocker Diss. 1807) S. 48£f.] 



Aus alten Novellen und Legenden. 49 

doch das Morgenliclit z(3igt ihm noch reclitzeitig ein anmutiges Mädchen. 
Sonst hat in Italien Parabosco (Novelle Giorn. 1, Nov. 2) den lustigen 
Schwank wiederholt, der in Frankreich besonderen Anklang fand. In der 
r28. Novelle von Des Periers 'Joyeux devis' wird offenbar nach einem 
italienischen Vorbilde erzählt, was „zwei in zwei spanische Fräulein ver- 
liebten Jünglingen aus Siena begegnete, von denen der eine sich in Gefahr 
begab, um das Vergnügen seines Freundes zu ermöglichen, was ihm zu 
grosser Annehmlichkeit und Freude ausschlug". Ohne besondere Ab- 
änderung begegnet dann derselbe Stoff in dem 'Comptes du monde adven- 
tureux' No. 49, ferner mit der Bestrafung eines Gecken verbunden in 
Scarrons 'Precaution inutile', in La Fontaines 'Gascon puni' und in 
den 'Bons mots' von Franoois Ca illeres (Paris 1692, S. 226). Auch auf 
die BüJme gelangte er in Mairets 'Galanteries du duc d'Ossonne" (1627) 
und in Antoine de Ferriols 'Fat puni' (1739). 

Unter all diesen Fassungen stellt Mairets Stück den betrachteten Stoff 
am ausführlichsten dar, so leichtgeschürzt und spanisch es uns mit seinen 
Strickleitern, romantischen Mondscheinszeuen und Vergewaltigungen an- 
mutet. Der Herzog von Ossuna, Don Pedro Tellez Giron, Vizekönig von 
Neapel, sucht vergebens Emilia, die Frau des Barons Paolin und Base 
der im geheimen für den Herzog schmachtenden Flavia, zu verführen. 
Emilias Widerstand rührt nicht aus dem Gedanken au die gelobte eheliche 
Treue her, weit entfernt; sie erwidert das Liebesflehen des mächtigen 
Gebieters nur darum nicht, weil sie bereits einen anderen Geliebten be- 
sitzt. Don Pedro naht sich ihr zur Nachtzeit, um sie vielleicht zu über- 
raschen und zu gewinnen. Emilia, die im Begriff ist sich zu ihrem Ge- 
liebten zu begeben und aus Furcht vor de-r Heimkehr des Gatten zaudert, 
bittet den hohen Herrn, ihren Platz im Bette neben einer ihr als Wache 
beigegebenen Alten einzunehmen. Wie kann ein spanischer Edelmann 
die Bitte einer Dame abschlagen! Der Herzog legt sich auf den Rand des 
Bettes neben das vermeintliche abgelebte und triefäugige Scheusal, seinen 
Unstern verwünschend. Doch die Nachbarin seufzt leise seinen Namen; 
der Gebieter Neapels schöpft Verdacht, rückt näher, horcht und erkennt, 
dass die gefürchtete Alte keine andere als die anmutige Flavia ist. 

Der bisher noch nicht untersuchte Ursprung dieser Geschichte geht 
aller Wahrscheinlichkeit nach in eine ferne Vergangenheit und bis nach 
Indien oder Persien zurück. Persisch ist in der Tat die älteste Fassung 
'Aschter und Dsche'ida', die im Beharistän (Frühlingsgarten) Dschamis^) 



1) Französisch von Defremerj, Journal asiatique 3. Ser. l.'i, 440— 4Ö7 (1842;. [Dschamis 
Frühlingsgarten, persisch und deutsch von Schlechta-Wssehrd 184(> S. 61—65: Uschtur und 
Dschida. Jämi, The Beharistän, a literal translation from the persian, Benares 1887 S. 85 
bis 90, eh. 5. In der englischen Übersetzung heisst Aschters Geliebte nicht Dscheida, 
sondern Habzä. — Entfernte Ähnlichkeit zeigt Somadevas Geschichte des Königs Vikra- 
masinha und der beiden Brahmanen (Brockhaus, Berichte der sächs. Ges. der Wiss. 1860, 
110-112. The Katha Sarit Sagara translated by C. H. Tawney 1880-84 1, 242— 24(1): 
Zeitschr. cl. Vereins f. Volkskunde. 190t ' 



50 Toldo: 

enthalten ist. Der junge Aschter liebt Dscheida; diese vermag aber seine 
Leidenschaft nicht zu stillen, weil sie von ihrem Gatten streng bewacht 
wird, und weil zwischen den beiden Stämmen, denen der Jüngling und 
die Geliebte angehören, Krieg herrscht. Unter tausend Gefahren schleicht 
sich Aschter zur Schönen, von einem Freunde begleitet. Dscheida eilt auf 
ihn zu und schliesst ihn in die Arme, während der Freund die Augen ab- 
wendet und sich bescheiden zurückzieht. „Aschter schloss sein Gespräch 
mit Dscheida mit den Worten: 'Ich hoffe, du verbringst diese Nacht bei 
mir und zerkratzest nicht das Antlitz meiner Hoffnung mit der Kralle der 
Trennung.' Dscheida antwortete: 'Bei Gott, das ist auf keine Weise 
möglich, keine Tat ist für mich schwieriger auszuführen als diese . . . Wird 
dein Freund dort die Kraft haben, alles, was ich ihm sage, auszuführen?' 
Ich erhob mich [der Freund spricht] und erwiderte ihr: 'Alles, was du mir 
gebietest, werde ich vollstrecken und werde meiner Seele, selbst wenn sie 
meinen Leib bei dieser Unternehmung verlassen sollte, mit tausend Fesseln 
festhalten.' Da legte sie ihre Gewänder ab und sprach: 'Zieh diese Kleider 
an und gib mir deine!' Darauf fuhr sie folgendermassen fort: 'Steh auf, 
geh in mein Zelt und setz dich hinter den Vorhang! Mein Mann wird mit 
einem Napf Milch kommen und zu dir sagen: 'Das ist dein Trank, nimm!' 
Eile nicht, das zu tun, sondern bewege dich ganz langsam! Er wird ihn 
dir in die Hand geben oder auf den Boden stellen, dann fortgehen und 
bis zum Morgen nicht wiederkehren.' Ich tat nun alles, was sie mir ge- 
heissen hatte. Als ihr der Mann den Napf herzutrug, machte ich zuerst 
Umstände. Da wollte er ihn auf den Boden setzen, ich wollte ihn ihm 
abnehmen, stiess aber mit dem Finger an den Napf, so dass dieser umfiel 
und die ganze Milch herausfloss. Dscheidas Gatte ward zornig und sagte: 
'Dies Weib wagt mir Trotz zu zeigen,' streckte die Hand aus und zog aus 
dem Innern seiner Wohnung eine Peitsche hervor." — Der arme, wackere 
Freund wird nun gehörig durchgeprügelt und knirscht vor Wut, wagt sich 
aber nicht zu wehren, aus Furcht, das Liebespaar in Verlegenlieit zu 
bringen. — „Ich harrte also geduldig, bis seine Mutter und Schwester von 
dem Vorfall hörten. Sie eilten herbei, rissen mich aus seinen Händen und 
führten ihn fort." — Dann tröstete die uute Mutter ihre vermeintliche 



Ein Brahmane rettet eine von einem wütenden Elefanten bedrohte Kaufrnannsfrau, deren 
Gatte feig davongelaufen ist, aus der Lebensgefahr; von Widerwillen gegen den Schwächling 
erfüllt, fordert sie ihren Retter auf, heimlich dem Reiseziige zu folgen um sie bei erster 
Gelegenheit zu entführen. In Lohanagara, wo die verheiratete Schwester des Kaufmanns 
lebt, trifft der Liebhaber einen anderen ßrahmanen, der in jene Schwester verliebt ist. 
Die beiden Brahmanen schliessen Freniulschaft und entführen die beiden Schwägerinnen: 
und zwar tauscht die Kaufmaunsl'rau die Kleider mit dem zweiten Brahmanen und llüchtet 
mit dem ersten nach Ujjayini; der zweite Brahmane aber vertritt in Weiberkleidung ihre 
Stelle im Hause des Kaufmanns, bis er bei einem Freudenfeste, wo alle infolge reichlich 
genossenen Weines schlafen, gleichfalls Gelegenheit findet, mit seiner Geliebten zu ent- 
rinnen] 



Aus alten Novellen und Legenden. 51 

Tochter: 'Ich will dir deine Schwester senden, damit sie dir diese Nacht 
■Oesellschaft leiste.' Sie ging fort, und nach einer Stunde trat Dscheidas 
Schwester ein. Sie weinte zuerst und stiess Verwünschungen gegen den 
aus, der mich geschlagen. Ich sagte meinerseits kein Wort. Sie streckte 
sich neben mich hin. Da drückte ich ihr die Hand fest auf den Mund 
und sprach: 'Deine Schwester ist augenblicklich bei Aschter, und an ihrer 
Stelle habe ich all dies Übel erlitten. Verschweig es gut, sonst werden 
wir beide, du und ich, in Schande geraten." Anfangs ergriff' sie grosser 
Schrecken, aber schliesslich wandelte sich dieser Schrecken in Vertraulich- 
keit, und bis zum Morgen hörte sie nicht auf, diese Geschichte zu wieder- 
holen und darüber zu lachen. Als das Morgenrot sich zu zeigen begann, 
trat Dscheida ein. Als sie uns erblickte, erschrak sie und sagte zu mir: 
'Weh dir, wer ist das neben dir?" Ich antwortete: 'Deine Schwester, und 
wahrlich eine treffliche Schwester." Sie fiel ein: "Wie kommt sie hierher?' 
Ich erwiderte: 'Frage sie danach; denn die Zeit zum Entrinnen ist knapp.' 
Ich legte dann meine Kleider wieder an und suchte Aschter auf. Wir be- 
stiegen unsere Kamele und machten uns auf den Weg. Unterwegs er- 
zählte ich Aschter mein Erlebnis. Er entblösste meinen Rücken und sah 
die Striemen der Peitsche. Er bat mich vielmals um Entschuldigung und 
sprach: 'Die Weisen haben gesagt: Man bedarf eines Freundes für den 
Tag der Trübsal, denn am Freudentage fehlt ein solcher nie\" 

Eine Erzählung in Nachschabis Papageienbuch') behandelt die- 
selbe Geschichte, und zwar ist die Ähnlichkeit so gross, selbst in den 
geringsten Einzelheiten, wie der Schale mit Milch, dem Herbeieilen 
der Schwiegermutter und den verschiedenen Tröstungen, dass ich eine 
Wiederholung derselben für überflüssig halte. Und ebenso überflüssig 
scheint mir, auf die Verwandtschaft der orientalischen und der euro- 
päischen Gruppe näher einzugehen. Ich hebe nur den Umstand her- 
vor, dass das asiatische Original beim Übergange nach Europa einen 
Anpassungsprozess durchmachen musste. Die Peitschenhiebe des orien- 
talischen Ehemannes und das untätige Hiimehmen seitens der Frau 
mussten verschwinden, und eine gewisse Verfeinerung der Lebens- 
gewohnheiten oder sinnigeres Zartgefühl setzte an Stelle der Schwester 
der Frau ein geliebtes Mädchen, so dass der Irrtum den Anfang einer 



1) Les trente-cinq contes d'un perroquet (Tuti-Nanieli) trad. par Marie d'Heures, 
Paris 182G, conte 1:^. [Nechscliebi, Touti Nameh übers, von Iken 1822 S. 7!) No. 18; vgl. 
Loiseleur, Essai snr les fables indiennes S. ."."): Benfey, Pantschatantra 1, 14;5; Pertsch, 
Ztschr. der d. morgenld. Ges. 21, .');>! No. 24: Bascliir und Dschandä, Die Erzählung fehlt 
in den malaiischen Fassungen des Papageienhuches, die J. P)randes in der Tijdschrift 
voor indische Taal-, Land- en Volkenkunde 41, 4:;i — 4i)7 (ISil!)) besprochen hat.] — In 
Tausend und einer Nacht (Les mille et une uuits trad. par Mardrus 11, 12!l [deutsch von 
Henning 20, 114. Chauvin, Bibliographie arabe 7, Itö: 'Zeyn alasnam'J) entbrennt ein 
Jüngling für die Jungfrau in Liebe, die er für einen Greis geholt hat, bezwingt sich aber; 
.zum Lohne tritt der zauberkundige Greis ihm die Schöne ab. 

4* 



52 Toldo: 

frohen Vereinigung abgeben konnte. Ebenso bemerkenswert dünkt mir 
der die Änderung der Situation herbeiführende Umstand, dass der Freund 
statt eines eifersüchtigen und gewalttätigen Ehemannes eine Alte neben 
sich zu haben meint, jenes 'wirksame Mittel wider die Liebe'. Diese 
Änderung verleiht der Erzählung eine komischere Wirkung, die durch den 
Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Schein, zwischen Runzeln und rosiger 
Jugend erhöht wird, welcher sicherlich den Kontrast zwischen einem Ehe- 
manne und einer Schönen, zwischen Angst und Liebe noch übertrifft. 



4. Das Spiel von der heiligen Theodora. 

Unter den dramatischen 'Miracles de Notre Dame' ist bemerkenswert 
das Spiel von der unbewussten Sünderin Theodora, die allerlei romantische 
und erbauliche Begebenheiten erlebt.^) Die Legende erzählt, dass Theodora 
friedlich mit ihrem Gatten lebte, als ihr Unstern oder vielmehr der böse 
Feind, der stets lauert, die armen Unerfahrenen in seinem Netze zu fangen, 
ihr eine Art Don Juan in den Weg führt. Dieser verhehlt seine Be- 
wunderung für die Schöne nicht und schwört ihr, er werde sterben, wenn 
sie sich seiner nicht erbarme; allein Theodora verharrt bei ihrem Ent- 
schluss, Gott nicht zu beleidigen. Doch nicht, weil der Liebhaber ihr 
nicht gefällt oder weil sie ihrem Eheherrn die Treue nicht brechen w^ill 
(um letzteren, der dieselbe Rolle wie die Ehemänner der französischen 
Farcen spielt, scheint sie sich nicht viel zu kümmern), sondern weil sie 
nicht in die Hölle kommen will, in deren untersten Tiefen, wie sie ver- 
nommen, die Ehebrecherinnen brennen. Der Liebhaber wendet sich des- 
halb an eine Vermittlerin, die in der Überzeugung, Theodora sei etwas 
einfältig, ihr folgende Rede hält: 

II est voir que Dieu clerement De chosc c'on face de nuit, 

Volt quanque on faitdejours: pour quoi? Et c'est pour ce qu'il n'y voit mie 

Four la clarto du jour, par foy. Aussi com de jours, belle amie, 

Mais riens ne scet, ne vous ennuit, Pour l'obscurte. 

Die Frau findet es ganz natürlich, dass Gott nur die bei Tage be- 
gangenen Sünden sieht, und lässt sich in der Tat ohne grosse Schwierigkeit 
besciiwatzen. Der Liebhaber wird also mit 'liebevollem Erbarmen' auf- 
genommen, und der Gatte, der volles Vertrauen in die Tugend seiner 
Frau setzt, bemerkt und argwöhnt nichts. Die Kupj)lerin hätte ihm viel- 
leicht ebenfalls eingeredet, es sei ein Werk der Barmherzigkeit. Aber 
der böse Feind freut sich seines Sieges nicht lange. Nachdem Theodora 
die eindringlichen Worte des Predigers angehört, redet sie mit der Äbtissin, 
und wie diese von ihrem Falle vernimmt, zeigt sie ihr die Schande, mit 



1) Miracles de Nostre Diiine par personnages, publirs par G. Paris et U. Robert o, (n 
(1878). Vgl. Petit de Julleville, Les mysteres 2, ^(w (1880). 



Aus alten Novellen und Legenden. 53 

der sie sich besudelt; ohne eine harte Busse verliert sie ihre Seligkeit für 
immer. Mit primitiver Einfachheit folgen die kurzen Auftritte des Heiligen- 
dramas aufeinander. Kaum ist die Predigt zu P]nde, als Theodora in 
männlicher Kleidung auftritt; sie geht zu einem Kloster, um dort als Novize 
aufgenommen zu werden. Natürlich verschmäht sie die Gemeinschaft ihres 
Geschlechtes nicht aus dem Beweggrunde des Masetto von I.amporecchio 
bei Boccaccio. Vielleicht erscheint ihr die Bekämpfung irdischer Gelüste 
unter so vielen kräftigen Mönchen verdienstlicher, vielleicht will sie Gott 
mit harter Arbeit dienen, vielleicht auch sich jeglicher Nachforschung für 
immer entziehen. Mit grossem Eifer dient die zu einem Bruder Theodor 
gewordene Theodora dem Abte und dem Kloster; allein der böse Feind, 
der sich ärgert, sie bei einem Busswerke zu sehen, sinnt auf eine List, 
um sie von neuem zu Fall zu bringen. In der Stadt Kougeval, wohin 
sich der verkleidete Mönch begibt, um Öl zu kaufen, stellt Satan sein 
Netz auf, um auf einmal zwei Sünder zu fangen. Nach dem langen Wege 
überlässt sich Theodora im Wirtshause, wo sie ausruht, der Lockung eines 

guten Mahles: 

De la jeune me veuil vengier 

Que j'ai hui fait. 
Dieser lustige Auftritt enthält komische Partien. Der Wirt zankt mit 
dem Knecht; die Bestellung des Tisches ist für die Kulturgeschichte inter- 
essant, und die Einfachheit des Dialogs versetzt den Leser in die Ver- 
gangenheit. Das Wirtstöchterlein betrachtet den schmucken Mönch, ver- 
liebt sich in ihn und tut mit dem Freimute damaliger Mädchen selber 

den ersten Schritt: 

Prere, s'il vous vient a plaisir 

Et a gre, je sui vostre amie. 

Onques homme en jour de ma vie 

Je n'amay tant com je fas vous. 
Diese Erklärung scheint deutlich genug; da aber Bruder Theodor sich 
stellt, als verstünde er sie nicht, bittet ihn die Maid geradezu „Qu'avecques 
vous viegne couchier". Der Mönch befindet sich imgefähr in derselben 
bedenklichen Lage wie Bradamante im 'Rasenden Roland', und seine Zurück- 
weisung des liebedürstenden Mädchens ist nicht besonders verdienstlich. 
Dies, dem der Fürst der Finsternis alles Schamgefühl geraubt, lärmt, 
wütet und wirft sich endlich liebestoll dem Hausknecht in die Arme. Die 
Nacht hat Folgen; die Wirtstochter wird schwanger und freut sich ihrer 
Schande, weil sie sich nun au dem rächen kann, der ihre Gunst ver- 
schmähte. Die Tage und Monate vergehen; der Zuschauer wohnt der 
Entbindung der Unseligen bei, die den Mönch beschuldigt, sie zur Mutter 
gemacht zu haben. Ihr Vater klopft mit dem Neugeborenen im Arm an 
die Klosterpforte; kein Zweifel kommt ihm in den Sinn, weil er vielleicht 
weiss (wie später jemand bei Rabelais sagt), dass der Schatten der 
Klöster fruchtbar ist. 



54 Toldo: 

Die einzelnen Begebenheiten werden durch "Winke des Dialogs und 
rasche Übergänge angedeutet; Darstellung und Erzählung wechseln, und 
ungezwungen wird jede Fessel von Einheit und Logik abgeworfen. Auf 
dem modernen Theater hat der Stoff bisweilen einen recht beschränkten 
Anteil an der dramatischen Wirkung Die Wahrheit der Charaktere, der 
Sturm der Leidenschaften, der witzige Dialog, der wohlklingende Vers, 
die überraschenden Zwischenfälle können auch eine minder wertvolle und 
abgebrauchte Verwicklung interessant macheu. Dagegen ist das mittel- 
alterliche Drama eine in Handlung umgesetzte Legende, und für die 
Schauspieler könnte man einen einfachen Erzähler einsetzen, ohne dass 
sich das literarische Gewand wesentlich änderte. Was das damalige 
Publikum packte, war der äussere Pomp des Schauspiels und die deutliche 
Wiederholung von Szenen aus dem Leben, die mit Erscheinungen aus der 
anderen Welt abwechseln, mit Engeln und Teufeln, die singend vom 
Himmel herabsteigen oder lärmend und drohend auf der Bühne umher- 
laufen. 

Unterdes beginnt für den Pseudomönch die entsühnende Busse. Wie 
der Abt das ihm überreichte Kind sieht, verwundert er sich höchlich und 
glaubt an einen Scherz: 

.V moy, mon amy? c'est a tort. 
Portez Tailleurs; vous estes nices. 
Enne sommes nous pas norrices 
D'enfans petit. 

Aber der Wirt erhebt schwere Khige. Theodora gesteht nicht und 
leugnet nicht; sie neigt in stummer Resignation das Haupt und nimmt die 
Züchtigung des Himmels hin. Um den Neugeborenen zu säugen, mus.< 
sie eine Art Saugflasche gebrauchen: 

Et si fault que je paine niette 

D'avoir lait et une cornette 

Dont je vous acornetteray. 

Aus dem Kloster gestossen, von allen verachtet, des Mönchsgewande.<* 
beraubt, erzieht die arme Frau den Knaben, der ihr nicht geliört, und bittet 
den Herrn, sich ihrer zu erbarmen. Der böse Feind wütet ob solcher 
Tugend und sucht sie durch eine falsche Botschaft von ihrem erkrankten 
Manne zu stören. Theodora durchschaut die Ränke des Teufels und weist 
ihn von sich. Was ist irdische Liebe und Pein für den, der auf die 
himmlischen Freuden hofft! Da bewegt die lieilige Jungfrau, die in den 
Mirakelspielen stets Teilnahme für die Leidenden zeigt und die Anschläge 
des Bösen zunichte macht, Gott, der armen Frau Trost zu senden. Nacii 
sieben Jahren lässt sich der Abt herbei, ihr die Klosterpforte zu offnen. 
Der Knabe wird als Mönchlein eingekleidet, und die Heilige dankt, am 
Ende ihrer Leiden angelangt, dem Engel Gabriel, der ihr den nahen Tod 
verkündet: 



Aus alten Novellen und Legenden. 55 

Theodore, de coste vie 
Mondaine en nuit trespasseras 
Et en gloire sang fin venras. 

Eine Vision offenbart dem Abte den wahren Sachverhalt. Die arme 
Tote wird nntersucht, ihr Geschlecht erkannt, auch ihr Gatte kommt 
herbei, und der Wirt beklagt zu spät, dass er seiner Tochter so leichthin 

Glauben geschenkt: 

— — — ce diffame, 
Si com direz, l'amenderay, 
Et ma fille vous amenray 
Pour la punir. 

Zwei Serventeis schliessen das Heiligendrania, das in allen Teilen die 
lebendigste Gläubigkeit verrät. 

Die uumittelbaren Quellen der beachtenswerten Dichtung lassen sich 
leicht bestimmen. Die Bollandisten^) geben genügenden Aufschluss über 
die Heilige, die zu Alexandria im 5. Jahrh. geboren ward. Über sie 
handeln Jacobus a Voragine, Simon Metaphrastes, Surius, Tillemont u. a. 
und stellen sie im ganzen ebenso dar wie das französische Mirakelspiel. 
„Tum puella quaedam (heisst es bei den Bollandisten) dicitur Theodoram, 
quam credebat virum, frustra ad stuprum soUicitasse et ab altero concepisse. 
Deinde puella illa dicitur Theodorani, quae Theodorus vocabatur, peccati 
illius accusasse, ita ut sine uUa iudicii forma monasterio eiiceretur Theodora 
natumque infantem cogeretur enutrire. Tulit illa omnia patienter nutri- 
vitque infantem lacte ovium a pastoribus accepto; viditque Interim diabolum 
forma mariti sui apparentem blandeque sollicitantem, ut domum rediret, 
sed frustra. Verum fabulator talem apparitionem nescivisset, si re vera 
esset facta; nam certe Theodora eam non narravit, ne se feminam proderet." 
Die griechischen Acta bestimmen gleich dem französischen Mirakelspiele 
die Dauer der Ausschliessung aus dem Kloster auf sieben Jahre und fügen 
hinzu, dass sie wunderbarerweise in ihrer Einsamkeit W^asser aus einem 
ausgetrockneten See schöpfte. Die der Busse der Heiligen voraufgehenden 
Lebensumstände, besonders ihren aus Unwissenheit und auf Autrieb des 
Teufels begangener Fehltritt finden wir mit gleichen Einzelheiten in 
der Legenda aurea erzählt. 

Da die Forschungen der Gelehrten bisher kein asiatisches Seitenstück 
zur Legende von der heil. Theodora aus älterer oder neuerer Zeit nach- 



1) Acta Sanctoruui, Septembris t. ;J, T.S8— 7i»l. Jacobus a Voragine, Legenda aurea 
c. 1)2: 'De sancta Theodora'; vgl. auch La lebende doree in der Ausgabe des Abtes J. B. 
M. Eo'ze, Paris 1902, Bd. 2 und die Bibliotheca hagiographica latina (Brüssel 1900— IDOl). 
Vita di Santa Eugenia in den Leggende di alcuni santi venerati in S. Maria degli angeli 
1, 71 (Scelta di curiosita letterarie 52. Bologna 18(J4). [Usener, Legenden der Pelagia 
1879. Marina in Gerings Lslendzk Aeventyri 1882 2, 125 No. 45 und bei M. Herrmann, 
Vierteljalirschrift f. Litgesch. o, 1. Basset, Bull, de correspondance africaine 1884, 4.'i8^: 
'Vie d'Abba Yohanni'.l 



56 Toldo: 

gewiesen haben, so freue ich mich, ein recht merkwürdiges Exemphir dar- 
bieten zu können, das Landes^) in seinen annamitischen Erzählungen 
aufgezeichnet hat. Diesem ist die auffallende Ähnlichkeit zwischen der 
von ihm übersetzten Novelle und der christlichen Geschichte entgangen; 
was wir aber noch mehr bedauern, ist, dass er nicht angibt oder anzü- 
geben vermag, in welche Zeit oder auf welches Land „diese oft vom 
Auslande her eingedrungenen und wie Romane einer weit zurückliegenden 
Periode klingenden Erzählungen"" zurückgehen. Ist die Geschichte wirklich 
buddhistisch, oder hat man darin den Einfluss katholischer Missionare zu 
erkennen? Auf diese Frage bekenne ich keine bestimmte Antwort geben 
zu können. Mir erscheint sie nach einigen Details asiatisch, allein diese 
Details können später eingefügt sein. Wie dem auch sei, ich gebe die 
Geschichte, wie sie bei Landes steht. 

Die Jungfrau Mau hatte seit ihrer Kindheit untrügliche Zeichen ihres 
edlen Sinnes und keuscher Sittsamkeit gegeben, und als sie in das heirats- 
fähige Alter kam, bat sie ihre Eltern demütig, sie nicht zur Ehe zu 
zwingen, für die sie keine Neigung habe. Doch die Eltern kümmerten 
sich wenig um ihr Widerstreben und gaben sie einem Gebildeten zur 
Frau, der sie unter allen Vorwänden plagte und unter Schmähungen aus 
dem Hause stiess. Da Mau nun in der Welt allein stand, ging sie in 
eine Pagode, um lieisse Gebete an die Gottheit zu richten; aber auch hier 
fand sie keinen Frieden, weil einige buddhististische Mönche sie in roher 
Weise zum Liebesgenusse aufforderten. Da die indische Legende sich 
hier auffällig der französischen nähert, lassen wir dem annamitischen 
Erzähler das Wort: 

„Elle alla demander au superieur la permission d' aller dans un autre 
monastere, mais comme eile y aurait ete exposee aux memes inconvenients, 
eile prit des vetements d'homme, et se rendit ä la pagode de Tay Son, 
oii eile se livra ä la penitence. A la vue de ce joli petit bonze, les filles 
de l'endroit en devinrent amoureuses, et l'une d'entre elles, au moraent 
d'une fete nocturne, penetra dans la pagode . . . Elle alla ä la cellule 
de Mau, qui ne s'y trouvait pas, mais un autre novice y etait couche. 
Celui-ci profita de l'obscurite, et quelque temps apres, on decouvrit que la 
jeune fille etait enceinte. Le village l'interrogea, et la jeune tille confessa 
qu'elle avait eu des relations avec le petit bonze. Mau interrogee ä son 
tour niait qu'elle füt coupable, mais eile n'osait se justifier en faisant con- 
naitre son sexe. Aussi l'enfant lui fut-il attribue, et le superieur irrite la 
relegua pres de la grande porte, avec mission de balayer les feuilles seches 
tombees du figuier sacre. Mau subit son sort sans oser se plaindro. 
Lorsque Tenfant, qui fut un garcou, fut ne, on le remit ä Mau qui leleva. 
Chaque jour eile faisait son ouvrage, apres quoi eile mächait du riz pour 



1) A. L;iudcs, Contes et legendes annaniites (Siügon 1S,S()) S. 'JT: 



Aus alten Novellen und Legenden. 57 

Tenfant, et la nuit le faisait dorinir daus scs bras. — Une nuit eile se 
lamentait en secret. „O ciel! O Bouddha!" disait-elle, „voyez moii mise- 
rable sort. Ferame et innocente j'ai ete condamnee pour avoir essaye de 
tuer mon mari. Entree daus le iiionastere, j'ai ete poursuivie par les 
uovices; il m'a fallu changer de vetements et venir dans cette pagode, et 
maintenant je suis eucore calorauiee. Boddhisativa Quau am, je vous 
prie de manifester mou iunocence! Je suis frappee injustement, comme 
vous l'avez ete." — Or le superieur faisait une ronde, dans la pagode, 
au milieu de la nuit et Tentendit dire qu'elle s'etait travestie. Revenu 
dans la cellule, il reflechit qu'elle etait delicate et reservee dans toutes 
ses allures; eile avait donc dit la verite, mais il ne savait eomment 
faire pour la faire reconnaitre, et il avait peur que, lorsque l'on aurait 
decouvert que c'etait une femme, on ne se moquät de la pagode. Aussi 
n'osa-t-il rien dire et se contenta-t-il de la fournir d'argeut et de riz 
pour elever l'enfant. — Quand cet enfant eut six ans, le superieur le 
reprit dans la pagode, et Mau resta seule pres de la grande porte. Elle 
uiourut sans que personne le sut de trois jours; ce fut l'enfant qui, 
sortant pour aller la voir, la trouva froide, mais sans aucune marque 
de corruption. II se mit a pleurer, et les gens de la pagode allereut 
avertir le superieur. Celui-ci dit alors qu'il avait ete instruit par Hi pha]) 
(eine buddhistische Gottheit) que c'etait une femme deguisee innocente 
des faits quon lui avait reproches, et que maintenant eile etait entree 
dans le paradis occideutal, laissant son exemple ä imiter." 

In dieser indischen Erzählung bleibt die Frau vom ersten bis zum 
letzten Lebenstage rein; sie gehört zu jenen ganz makellosen Gestalten, 
von denen die ältere asiatische Literatur zahlreiche Beispiele darbietet. 
Dagegen bedarf die christliche Heilige trotz des gleichen Heiligencharakters 
einer sündigen Handlung, weil, je grösser die Sünde erscheint, desto ver- 
dienstlicher die Busse sein muss. Der wahre Gläubige, der den umgekehrteu 
Wes: seht wie der vom Himmel in die Hölle gestürzte Satan, muss sich 
aus der Befleckung der Erde und der Sinne in steter Reinigung bis zu 
Gottes Thron emporarbeiten. Darum treten in den Heiligenlegenden soviel 
Sünder auf, dass die Frage nahe liegt, ob man wirklich viel gesündigt 
haben muss, um den höchsten Platz in der göttlichen Gnade zu erhalten. 

Mau ist eine Märtyrerin der menschlichen Bosheit; von den Eltern, 
vom Gatten und von den Glaubensgenossen misshandelt, leidet sie stumm 
wie Griselda bei Boccaccio und fleht nur den Himmel an, ihre Unschuld 
zu offenbaren. Hingegen zeigt sich die hl. Theodora leicht von Sitten 
und von so beschränktem Verstände, dass sie der blossen Versicherung 
einer gewöhnlichen Kupplerin Glauben schenkt. Der Grund für ihre Ver- 
kleidung entgeht der aufmerksamsten Prüfung und kann als eine "Weiber- 
laune gelten, während das leichtherzige Verlassen des von ihr betrogenen 
Ehemannes uns an ihrer edlen Gesinnung zweifeln lässt. Dazu kommt, 



58 Toldo: 

dass das Erlebnis der Mau mit dem verliebten Mädchen wirkliche Kenn- 
zeichen der Möglichkeit trägt. Das Mädchen glaubt wirklich von ihr 
geschwängert zu sein, und ihre Anklage ist keine bewusste Yerlenmdnng. 
Dagegen gleicht die geile Wirtstochter ganz dem Weibe in den schmutzigen 
Fableaux, das im 'Pescheor de pont seur Saine', in 'La demoiselle qui ne 
pooit oir parier de f . . . ', in 'La pucele qui abevra le polain" oder in dem 
so leicht erworbenen Kranich (grue)^) die Hauptrolle spielt. Auch der 
blinde und nachsichtige Ehemann ist zu beachten, mit dem der Himmel 
selber sein Spiel zu treiben scheint, da die Engel die Frau an ihm vor- 
überführen, ohne dass er sie erkennt, und da im Schlüsse des Mirakelspiels 
der Arme nicht zu merken scheint, w^as alle merken. 

Diese Erwägungen erweisen, wie mir scheint, die Überlegenheit der 
höherstehenden und logischer aufgebauten buddhistischen Legende, woraus 
man mit gutem Grunde auch auf ein höheres Alter derselben schliessen 
kann. Im französischen Schauspiele mischen sich komische und burleske 
Elemente in die fromme Sage; durch den Gesang der die Heilige ins 
Paradies tragenden Eugel hinduroh hört man das derbe Lachen des Pablels. 
Auch der Teufel zieht nicht so mit Schimpf und Schande ab, wie der 
Dichter möchte, da doch, wenngleich ihm die hl. Jungfrau die eine Beute 
entreisst, die Wirtstochter, der Hausknecht und vielleicht auch der W^irt 
selber an den Ort der Pein kommen müsseu, wo jede Hoffnung schwindet. 
Doch die mittelalterlichen Ziiscliauer kümmerten sich nicht viel um all 
diese Bedenken; sie zogen aus dem Anblicke der himmlischen Freuden 
und der Qualen der Verdammten die Lehre, dass man, sei es auch nur 
aus Furcht, auf dem rechten Wege wandeln müsse, und so diente dies in 
enger Verbindung mit der Predigt stehende Schauspiel gleich dieser als 
Zügel für ihre Leidenschaften und als Trost in ihren Schmerzen. 

5. Eine gerechte Teilung. 

Li Franco Sacchettis Novellensammlung (No. 190) wird erzählt, dass 
'ein Bauer in Frankreich einen Sperber des Königs Philipp von Valois 
fing und dass ein Obertürhüter des Königs, der einen Anteil an dem ihm 
gereichten Geschenke begehrte, 25 Schläge erhielt.'") Wie der gute Bauer 
nach Paris zieht, um die vom Könige verheissene Gabe zu holen, da er 
diesem den von ihm hochgeschätzten Sperber, der auf der Jagd fortgeflogen 
war, zurückbringt, nähert sich ihm tler Hofnumn mit anmassonder Miene 
und sagt: 'Du hast den Sperber des Königs gefangen y' Jener antwortete: 
'Ich glaube, ja." Da forderte dieser ihn von ihm und sprach: 'Du möchtest 
ihn beschädigen, wenn du ihn trügest, (üb ihn mir!' Der Bauer ant- 
wortete: 'Es ist wohl wahr, Avas ihr sagt; aber nehmt mir, wenn's euch 
beliebt, nicht weg, was mir das Glück geschenkt hat! Ich werde ihn 

1) Montaiglon- Raynaud, Recueil des fabliaux :), No. (vJ. G.'). 4, No. 107. 5, No. liH» 

2) Darüber sagt Di Francia (Franco Sacchetti novelliere i;)0-2) nichts. 



Aus alten Novellen und Legenden. 59 

tragen, so gut ich kann." Jener bemühte sicli mit guten Worten und 
Drohungen ihn vom Bauern zu bekommen, aber es gelang ihm nicht; 
darum sprach er: 'Nun denn, wenn du dies nicht tun willst, so tu mir 
einen Gefallen ! Ich bin oft beim Könige und will dir nützen, weich kann, 
wenn du mir versprichst, die Hälfte von dem zu geben, was der König 
dir o-eben wird.' Der Bauer sagte: 'Ich bin's zufrieden.' Und in der Tat 
bittet der gute Mann, um sein Wort zu halten, mit bäuerischer Pfiffigkeit 
den gnädigen Herrn König um 50 Stockschläge oder Peitschenhiebe, 
damit der Eänkestifter die Hälfte davon ei-halte und seine Zudringlichkeit 
bereue. Der König wundert sich sehr, verlangt eine Erklärung und lässt, 
nachdem er diese angehört, dem Hofmanne seinen Anteil, d. h. 25 Schläge, 
auszahlen; dem Bauern aber gibt er 200 Franken zur Aussteuer für seine 
Töchter. Mit der Grossmut und Gerechtigkeit eines hochherzigen Herrschers 
setzt er dann hinzu: 'Komm fortan zu mir, wenn du etwas bedarfst, damit 
ich deiner Not abhelfe!' So ging der Bauer fröhlich heim, und der Ober- 
türhüter erhielt eine Tracht Prügel, weil er mehr auf seinen Vorteil aus- 
o-eo-ane-en war als auf den des Königs, Kurz, die Sache verläuft auf die 
beste Weise in der besten aller Welten, und der Fall des Hofmanns wird 
noch anderen zur Warnung dienen. 

Nicht genau in derselben Art, doch niit unleugbarer Ähnlichkeit 
geht der Handel an einem anderen Hofe, an dem des Kalifen Harun AI- 
Raschid, vor sich. Doch bevor wir auf diese lustige Geschichte aus 
Tausendundeiner Nacht^) näher eingehen, tritt uns eine Frage entgegen. 
Sacchettis Erzählung scheint nach dem Charakter und der Heimat des 
Fürsten, sowie nach einigen formellen Besonderheiten aus Frankreich her- 
zustammen; aber wo ist die vor dem 14. Jahrhundert liegende Geschichte, 
die uns dies Beispiel der Gerechtigkeit des Philipp von Yalois berichtet? 
Ich bekenne, vergebens diesseits und jenseits der Alpen danach gesucht 
zu haben.-) Die arabische Fassung, zu der, wie wir später sehen werden, 
zahlreiche Seitenstücke existieren, lautet nun folgendermassen: 

In einer Nacht klagte der Kalif Harun AI-Raschid in Gegenwart 
seines Yeziers Dschafar und seines Schwertträgers Masrur über Schlaf- 
losigkeit, als plötzlich Masrur in ein Gelächter ausbrach. Der Kalif sah 



1) Les mille et uiie uuits, trad. par Mardrus 7, l'JS: 'Le partage.' [Deutsche Über- 
setzung von Henning S, (;;». Vgl. Chauvin, Bibliographie des ouvrages arabes 5, 282.] 

2) [Im 14. Jahrhundert erzählt der englische Dominikaner Johannes von Bromyard 
(Summa predicantium J, O, 19; vgl. Wright, Latin stories 1842 No. 127, Percy Society 8): 
„De altero fertur, quod ad imperatorem Fridericum veniens cum fructibus, quos multum 
dilexit, ingressum habere non potuit, nisi ianitori lucri promitteret medietatem. Imperator 
vero in fructibus illis delectatus eum coegit, ut aliquid peteret; qui petiit, ut sibi centum 
ictus dari preciperet. Cuius causam cum Imperator cognovisset, suos ictus leviter, alterius 
vero graviter solvi iussit." — Im 15. Jahrh. ist der Schwank auf den Herzog Otto von 
Österreich und den Pfarrer vom Kaienberg übertragen: Bobertag, Narrenbuch 1884 S. 10; 
danach Adelphus, Margarita facetiarum 1508 Bl. P4b und Bebel, Facetiae 2, ÖG,] 



{)0 Tokio: Aus alten Novellen und Legenden. 

ihn, die Stirn runzelnd, an und sprach: 'Worüber lachst du denn so? Aus 
Torheit oder aus Spott?' Masrur antwortete: 'Nein, bei Allah, Beherrscher 
der Gläubigen; ich schwöre dir bei deiner Abstammung vom Propheten, 
ich lachte aus keinem dieser Gründe, sondern nur weil ich der Spässe des 
Ibu Al-Karabi gedachte, um den sich gestern am Tigris eine Schar von 
Hörern drängte/ Der Kalif sprach: 'Wenn dem so ist, so hole mir diesen 
Ibn Al-Karabi! Vielleicht gelingt's ihm, mir die Brust etwas auszuweiten.' 
— Sofort eilte er, den Spassmacher Ibn Al-Karabi zu suchen, und als er 
ihn traf, sprach er zu ihm: 'Ich habe dem Kalifen von dir erzählt, und er 
lässt dich holen, damit du ihn zum Lachen bringest.' Er erwiderte: Ich 
höre und gehorche.' Masrur fuhr nun fort: 'Ja, ich will dich zum Kalifen 
führen, aber wohlverstanden unter der Bedingung, dass du mir drei Viertel 
von dem gibst, was dir der Kalif als Lohn zukommen lässt." Ibn Al- 
Karabi sprach: 'Das ist zuviel. Zwei Drittel will ich dir für deine Für- 
sprache geben. Das ist genug.' Nach einigen Einwendungen nahm Masrur 
endlich diesen Vorschlag an und führte den Mann zum Kalifen. — Als 
ihn Harun eintreten sah, sprach er: 'Man behauptet, du wüsstest sehr 
drollige Spässe. Lass mich davon hören! Wisse aber, dass deiner Stock- 
prügel warten, wenn du mich nicht zum Lachen bringst!' Diese Drohung 
hatte zur Folge, dass Ibn Al-Karabi völlig bestürzt nur Plattheiten vor- 
brachte mit verhängnisvoller Wirkung; denn statt zu lachen, fühlte Harun 
seinen Ärger wachsen und rief schliesslich: 'Man gebe ihm 100 Stock- 
schläge auf die Fusssohlen, um das Blut, das sein Gehirn verstopft, abzu- 
leiten!' Sogleich ward der Mann hingelegt, und es wurden ihm Stock- 
schläge im Takte auf die Fusssohlen aufgezählt. Als die Zahl von 
30 Schlägen überschritten war, schrie der Mann plötzlich: 'Jetzt muss 
Masrur seinen Lohn bekommen, dem nach unserer Verabredung die anderen 
zwei Drittel gebühren.' Da warfen sich die Trabanten auf ein Zeichen 
des Kalifen auf Masrur, legten ihn hin und Hessen den Stock auf seinen 
Fusssohlen tanzen. Aber nach den ersten Schlägen rief Masrur: 'Bei 
Allah, ich will mich mit einem Drittel, ja mit einem Viertel begnügen, 
ich überlasse ihm den ganzen Rest.' — Bei diesen Worten begann der 
Kalif so zu lachen, dass er auf den Rücken fiel, und Hess jedem der 
beiden Geprügelten 1000 Dinare reichen. 

Wir brauchen uns kaum bei dem innerlichen Unterschiede der beiden 
Erzählungen aufzuhalten. Der arabische Herrscher sucht, im (Jegensatze 
zu dem französischen, nur sein eigenes Vergnügen und verlangt von den 
zitternden Untertanen vor seinem Throne Spässe, die den tiefen Unmut 
eines von allen Vergnügungen übersättigten Menschen vertreiben sollen. 
Was liegt ihm an Gereclitigkeit und an den Leiden des unter der Habgier 
der Mächtigen hingeopferten Volkes! Masrur und Ibn Al-Karabi haben 
seine königliche Langeweile angenehm unterbroclien ; das genügt, um sie 
grossartig zu belohnen. 



Kopp: Das Fuchsrittlied und seine Verzweigungen. 61 

Wer nach anderen orientalischen Fassungen dieser Geschichte ver- 
langt, mag Mas'üdi^) und Bassets ^) Nachweisungen zu einem ähnlichen 
Schwanke aus der heutigen Volksliteratur nachschlagen. Dem letzteren 
ist indes Sacchettis Novelle entgangen, die aus verschiedenen Gründen 
mit der Fassung der Tausendundeinen Nacht verglichen zu werden ver- 
<lient, sei es auch nur als Beleg für die verschiedenartige Gesittung. 

Turin. 



Das Fuclisrittlied und seine Verzweigungen. 

Von Arthur Kopp. 



Der Ursprung des Fuchsliedes verliert sich im Dunkeln. Dass man 
für Lieder ähnlicher Art keine nach Jahr und Tag bestimmte Entstehungs- 
zeit ermitteln könne, lässt sich von vornherein annehmen, aber in diesem 
Falle will es nicht einmal gelingen, ein bestimmtes Jahrzehnt, ja mit 
vollkonimener Sicherheit nicht einmal das Jahrhundert anzugeben, in 
welchem das Lied entstand. In vollständiger, fertiger Fassung überliefert 
liegt es erst aus dem Anfange des 19. Jahrhunderts vor; wahrscheinlich 
reicht es in eine viel ältere Zeit, vielleicht bis ins 17. oder gar 16. Jahr- 
hundert zurück, sicher mit einigen Bestandteilen; in welchem Umfange 
jedoch diese keimartigeu Ansätze zu der Fassung des jetzigen Liedes 
stimmten, wann sie sich zu einem liedartigen Ganzen zusammenschlössen 
und eine feste, greifbare, der jetzigen ähnliche Form annahmen, das lässt 
sich nach den geringen erhaltenen Spuren schwerlich beurteilen. 



1) Mas'oudi, Los prairies d'or 8, 1(33. 

2) Basset, Nouveaux contes berberes (Paris 1897) S. ."..lö zu No. 119: 'Part ä deuxV 
Revue des trad. pop. l'J, (375. [Weit mehr iSFachweise liefern jedoch Dunlop-Liebrechf, 
Gesch. der Prosadichtungeu 1851 S. 257; Grimm, KHM. o, 19 zuNo. 7; Oesterley zu Pauli, 
Schimpf und Ernst No. (314; R.Köhler, Kleinere Schriften 1, 495 1; Westen, Sir Cleges 1902; 
Chauvin 5, 282. Polivka, Archiv f. slav. Phil. 22, 307 (zu 330); Zeitschr. f. österr. Volks- 
kunde 5, 26 (zu 152) und 140 (zu 2()). — Ferner: Freudenberg, Etwas für alle 1732 No. 255. 
Vademecum für lustige Leute 1, No. 2G5 (1774). F. Kind, Gedichte 4, 75 (1819): 'Der 
Falke'. Hang, Spiele der Laune und des Witzes 1826 S. 6: 'Der Seefisch'. Reuter, Die 
russischen Rubeln (Werke 1, 352. 188-3). Tobias, Comoedi, Marpurgi 1(532 S. 104 (Wick, 
Tobias in der dramat. Literatur, Diss. Heidelberg 1899 S. 107). Jahn, Volksmärchen aus 
Pommern 1, 145 No. 24: 'Alten-Sattel'. Lemke, Volkstümliches aus Ostpreussen 2, 253. 
Haas, Rügensche Sagen und Märchen 1891 S. 232. Hansen, Ztschr. der Ges. f. Schleswig- 
holstein. Gesch. 7, 223, No. 4 (1877). Mont-Cock, Vlaamsche Vertelsels 1898 S. 284. Teir- 
linck, Contes flamands (189(3) S. 118. Krauss, Sagen der Südslaven 1, 244. Kaindl, Die 
Huzulen 1894 S. 51. Imbriani, La novellaja fiorentina 1877 S. 581, No. 46. Boira, El 
libro de los cuentos 1, 296 (1862). J. Christian, Behar Proverbs 1891 S. 130 No. 294.] 



62 



Kopp: 



Bei Robert und Richard Keil, Geschichte des Jenaischen Studenten- 
lebens S. 227 wird bei Beschreibung- eines Studentenstammbuches aus der 
Zeit von 1737—42 das Bild eines Fachsempfanges erwähnt, wobei zugleich 
des Liedes: 'Was kommt dort von der Höh' gedacht wird, allerdings nur 
flüchtio-. Ausführlicher wird ieues in dem alten Stammbuch befindliche 
Bild beschrieben in den Studentenliedern der beiden Keil, woselbst es auf 
S. 113 heisst: „Auf einem . . . Bilde von 1739 wird ein dreispänniger 
Wagen, auf welchem drei Füchse mit ihrem bescheidenen Gepäck an- 
langen, von den Studenten . . . zur Bewillkomninung umringt, und von 
allen Seiten erklingen die Rufe: Was macht der Herr Papa? W^as macht 
die Frau Mama? AVas macht der Herr Konrektor?" So verführerisch 
diese Spur auch ist, für das Vorhandensein eines besonderen Fuchsliedes 
liefert sie keinen unzweifelhaften Beweis. Es liegt kein zwingender Grund 
vor anzunehmen, dass die Fragen des Bildes aus dem Liede stammen. 

Einer vollständigen Aufzeichnung begegnet man erst in der studen- 
tischen Liederhandschrift von Melzer, Burschenlieder, Wittenberg 1808 
(Berliner Mgo. 204), No. 44: 

Fuchslied. 



10. 



11. 
12. 



14. 
15. 
IC. 
17. 



Zu Nürnberg war ein Mann, 

Zu Nürnberg war ein lederner Mann, 

Sassa lederner Mann, 

Zu Nürnberg war ein Mann. 

Der hatte einen Sohn usw. 

Er schickt ihn auf die Schul usw. 

Er lernt das ABC usw. 

Er las den Rickero usw. 

Er setzt ihn auf die Post usw. 

Fahr zu Postillion usw. 

Er fuhr nach NN. zu usw. 

Er bracht ihn unters Thor usw. 

Es kam'n Studenten an, 

Es kam'n schöne Studenten an, 

Sassa Studenten an, 

Es kam'n Studenten an. 

Wen habt ihr auf der Post usw. 

Einen Schüler von der Schul usw. 

Ihr Diener meine Herr'n, 

Ihr Diener raein[e] lieben H. usw. 

Sein Diener mein Herr Fuchs usw. 

Herr F'uchs, hat er prav Geld usw^ 

Man hat mich drum geprellt usw. 

Wer hat ihn drum geprellt usw. 



18. Eine Vettel auf der Post usw. 
r.». Was macht der Director usw. 

20. Er peitscht den Kickero usw. 

21. Was macht der Conrector usw. 

22. Er peitscht die Jungen aus usw. 

23. Was macht der Herr Pappa usw 

24. Er — die Mamma usw. 

25. Was macht die Frau Mam[m]a usw. 

26. Sie kitzelt den Pappa usw\ 

27. So trink er doch einmal usw. 

28. Zum ersten mein Herr Fuchs usw. 

(Hier bringt jeder aus der Gesellschaft 
ein Glas und singt dazu zum ersten, 
zweiten, dritten, vierten usw.). 
2!i. Raucht denn der Fuchs Taback usw. 

30. Wie wird mir nun so schlimm usw. 

31. Spey aus den Kickero usw. 

32. Nun wird mir wieder wohl usw. 

33. Nun ist'r ein praver Pursch, 

Nun ist'r ein ächter praver Pursch, 

Sassa praver Pursch, 

Nun ist'r ein praver Pursch. 

27. Was macht die Mamsell Soeur usw. 

28. Sie näht und lässt sich nähn usw. 



1) Hs. 11 Wem — 13 Herren. 



Das Fuchsrittlied und seine Verzweigungen. 63 

Der Nachtrag zu den Strophen 27 und 28 deutet auf Textvarianten 
hiu, an denen es bei diesem Liede zumal in den älteren Fassungen, bevor 
es durch den Druck festgelegt wurde, nicht gemangelt hat. Sogar der 
Anfang wich von dem jetzt üblichen ab; ausser dem vorstehenden bei 
Melzer trifft man auch als Anfang: 'Bei Hall' ist eine Mühl" — ebenfalls 
noch im 19. Jahrhundert, z. B. Auswahl von Kommers- und Gesellschafts- 
liedeni. Halle 1816, S. 76: Fuchslied. Was kommt da von der Höh? :|: | 
(Alias: Bev Hall' ist eine Mühl".) | Was kommt da von der ledernen 
Höh" I ... Es ist ein Postillion . . . (Alias: Da kommt die Post vorbey.) | 
Was bringt der Postillion? ... Er bringet einen Fuchs . . . 

Holberg lässt seinen lustigen Trunkenbold 'Jeppe vom Berge' (I, 6) 
in der Schnapslaune mancherlei durcheinander singen, darunter kommt vor: 

In Leipzig war ein Mann, 

In Leipzig war ein Mann, 

In Leipzig war ein lederner Mann, 

In Leipzig war ein lederner Mann. 

Der Mann nahm eine Frau usw. 

Diese Stelle bezieht sich nicht, wie man mehrfach fälschlich ange- 
nommen hat, auf das Fuchslied ^), wohl aber auf ein damit allerdings in 
engem Zusammenhange stehendes Lied, den Kirmesbauer, den jeder 
aus früher Jugendzeit im Gedächtnis bewahrt. Das Studentenlied hat mit 
jenem harmlosen Kinderspiele die Singweise gemein und beruht unmittelbar 
darauf, wie schon der m den älteren Fassungen lieider Gesänge voll- 
kommen übereinstimmende Anfang beweist. 

Das Lied vom Kirmesbauer sowie das damit verbundene Spiel ist oft 
genug beschrieben und gedruckt: 

Angenehmer Zeitvertreib lustiger Schertz-Spiele, 1757 S. Gj = Alle Arten von 
Scherz- und Pfänderspielen, o. J. S. 60: Der Rerraiß-Bauer. „Es fuhr ein Bauer 
ins Holz." [Der angenehme Gesellschafter .3, 22 (Halle 1793).] Erk-Irmer, 
Die deutschen Volkslieder, 3. Heft (1839), S. 24 No. 29: „Es fuhr ein Bauer in's 
Holz.'-' 7 Str. — S. 25 No. 30: „Es war einmal ein Bauer, der ging einmal in's 
Holz." 9 Str. — 4. Heft (1839), S. 17 No. 14: .,Es ging ein Bauer ins Holz." 
11 Sir. — S. 18 No. 15: „Es fuhr ein Bauer ins Holz." 17 Str. — Fiedler, 
Volksreime und Volkslieder in Anhalt-Dessau 1847 S. 61: „Es fuhr ein Baur ins 
Holz." — Köhler, Volksbrauch im Voigtlande 1867 S. 203: „Es geht der Bauer 
ins Holz." — Frischbier, Preussische Volksreime und Volksspiele 1867 S. 155: 
„Wir fahren dem Bauer ins Heu." — [Ferner oben 5, 202. — Schollen, Ztschr. 
des Aachener Geschichtsvereins 9, 196 (1887). — Bahlmann, Münsterische Lieder 
1896 S. 37. — Pröhle, Volkslieder 18.55 No. 85a— b.] — Böhme, Altd. Lieder- 
buch No. 472; Liederhort 2, 752 No. 987; Rinderlied und Kinderspiel S. 673. 

Auch über das Alter des Kirmesbauerliedes und -spieles lässt sich 
ebensowenig etwas Bestimmtes sagen als über das Fuchslied und den 



1) Friedländer, Kommersbuch^ S. 2<i:',: Das deutsche Lied 2, .V^O. Hoffmann-Prahl 
Unsere volkstüml. Lieder, 4. Aufl. S. 251. 



64 Kopp- 

dabei vorgeführten Fuchsritt. Dass jenes viel älter sei als seine früheste 
Aufzeichnung-, lässt sich wohl annehmen; wenn aber an einigen Stellen 
aus dem 16. und 17. Jahrhundert Lieder mit ähnlichem Anfange vor- 
kommen, ohne dass der ganze weitere Verlauf geboten oder wenigstens 
darauf hingedeutet würde, so kann es nicht als unzweifelhaft gelten, wenn 
es auch wahrscheinlich ist, dass hier oder da vom Kirmesbauer die 
Rede sei. 

Nie. Gryse, Spegel des Antichristischen Pawestdoms, 1593 Bl. M la: 
„Baculus stat in Angulo, Ergo, Idt vohr ein Buer int Holdt." Welches 
von den vielen Liedern des 16. Jahrhunderts mit ähnlichem Anfange der 
streitbare Theolog gemeint habe, lässt sich nicht sagen, schwerlich den 
Kirmesbauer. Wohl aber dürfte bereits dieser gemeint sein, wenn in der 
studentischen Scherzschrift 'Jus potandi" vom Jahre 1627, § 39 als damals 
übliche Gesänge zusammen genannt werden: 'Es fuhr ein Bawr ins Holtz', 
'Ich fuhr mich vbern Rhein' u. a. Um den Kirmesbauer handelt es sich 
wohl auch an einer Stelle bei Mich. Kautzsch, Bierglas 1685 S. 84: „Sie 
trieben solche Lust bis in die lange Nacht und sungen dabei allerhand 
Lieder, als: 'Ich fuhr wohl über den Rhein' ... 'Es fuhr, es fuhr ein 
Bauer ins Holz' . . . Und was dergleichen musicalische Stücke mehr waren." 
Das zweite dieser beiden unter studentischen Lieblingsgesängen im 'Jus 
potandi' und im 'Bierglas' zusammen genannten Lieder steht am Eingang 
einer langen Entwicklungsreihe von lebendig fortzeugenden und bis auf 
den heutigen Tag nachweisbaren Liedern, die nach Form und Inhalt 
sowohl unter sich nah verwandt sind als auch der Form und Melodie 
nach mit der Liedergruppe, die zum Fuchslied in Beziehungen steht, eng 
zusammengehören. 

Die frühesten Fassungen dieses merkwürdigen Liedes, das in die 
Gattung volksmässig derber Schelmenliedcr gehört, bieten ausser dem 
Ambraser (richtiger Frankfurter) Liederbuch und einem Vorläufer des- 
selben mehrere Handschriften, denen sich noch ein Sonderabdruck der 
Berliner Bibliothek und jene seltsame Liedersammlung derselben Bibliothek, 
der Zeitvertreiber des Hilarius Lustig von Freudenthal anreiht. 
Frankfurter Liederbuch 1582 No. 259: 

1. Ich gieng bey eitler nacht, Der riegcl und der was, | . . • 2 | 

Ich gieng bey eitler nacht, Die thür die was verschlossen, 

Die nacht die war so finster, Der liegel und der was für. 
Das ich sie kein stich. 



3. Schöns lieb nun lass mich ein, 
Ich bin so lang gestanden, 
Erfroren möcht ich sein. 



Die nacht die war so finster. 

Das ich sie kein stich. 

Die nacht die war so finster. 

Das ich sie kein stich mehr sach. 4 gg ^v^ren der Schwestern wol drey . . . 

2. Ich kam vor liebges thür, | . . . 1 | Die aller jüngst, die unter jhn war, 
Die thür [die] war verschlossen, Die lies den knaben ein. 



Das Fuclisvittlieil un<l seine Verzwei,yimg-en. 



(55 



."). Sie fühlt jn obrii ins hauli 
Sie band jni lieiul und fiisse 
L"nd warf jn zum laden hinaus. 

G. Er üel wol über ein ploch 
Er fiel ein rib im leib entzwey, 
Darzu ein loch in köpf. 



7. Er fiel wol über ein stein . . . 
Er fiel den rechten fuß entzwey, 
Auf den linken da hopft er heim. 

8. Der fall der thet jhm weh . . . 
Gesegen dich Gott du mein schönes lieb, 
Ich sehe dich nimmermehr. 



Aus einem ihm selbst zugehörendeii Liederbuche des 16. Jahrhunderts 
hat Wolkan von diesem Liede eine längere Fassung (die Strophen 2, .3, (> 
stehen nicht im Liederbuche von 1582, dessen 7. dort bei Wolkan fehlt) 
veröffentlicht als vermeintliche Neuheit im Eu})h()rion 6, 65(): 

1. Ich fuhr mich über Rhein, :,: 
Auf einem Lilgen-blate, blate 
Zu der Herz-allerliebsten mein. 



"2. Und do ich hinüber kam :,: 
Do krehten alle die :,: Hauen :,: 
Der liechte tag brach an. 

."). Ich kam für liebleins thür : 
Die thür war zu :,: geschlossen : 
Der riegel stack darfür. 

4. Traut lieblein, las mich ein 
Ich hab so lang :,: gestanden :,: 
Erfroren möcht ich sein. 

5. Ich lasse dich nicht ein :,: 
Du gibst mir denn die :,: trewe : 
Das du mein eisen wilt sein. 



6. Die trewe gebe ich dir nicht :,: 
Ich wil dich gerne :,: lieb haben :,: 
Aber nemen mag ich dich nicht. 

7. Der Schwestern, der war drey :,: 
Die jüngst, die unter jnen :,: was :,: 
Die lies den Knaben ein. 

8. Sie führt jn auf das Haus :,: 
Sie bandt jm hendt und :,: füsse :,: 
Und warf jn zum Fenster hinaus. 

'.•. Er fiel wol über ein block :,: 
Er fiel drey riben im leib :,: entzwey :,: 
Darzu ein loch im köpf. 

1(1. Der fall der thet jm weh :,: 
Gesegen dich Gott, mein feines :,: lieb :,: 
Zu dir komme ich nimmer mehr. 



Im 'Bettler Mantel, Von mancherley guten Flecklein zusammen ge- 
stickt vnd geflickt' . . . Durch Joh. Uhroen Dresd. (Nürmberg, F. Kauff- 
mann 1G0()) beginnend „Ihr Musici, frisch auff vnnd laßt doch hören" 
findet sich ein Fetzen vorstehenden Liedes: „Er fiel ein Rieb im Leib 
entzwey, darzu ein Loch inn Kopf!:" . . , [= Eitner, Das deutsche Lied 
2, 297. Ebenda 2, 274 ein Quodlibet von M. Pranck 1611. | 

Der Fassung des Wolkanschen Liederbuches, welches vor dem Am- 
braser gedruckt sein muss, entsprechen sowohl nach Eeihenfolge der 
Strophen als auch dem Wortlaut nach zwei spätere handschriftliche Auf- 
zeichnungen: 

Liederhandschrift des Eostocker Studenten P. Fabricius 1603/8 
(Kopenhagen, Ms. IMiott. r. 841), Bl. 56a No. 104 (Text ohne Noten): 

1. Ich fuhr mich vber Rein, auf! einem lilgen blate, zu der hertzalleiliebsten mein. 

■1. Vnd da ich hinüber kam, da kreeten alle die Hanen, Hauen, der lichte tag 
brach an. 

o. Ich kam für Liebleins thur, die thur war zugeschlossen, geschlossen, der 
Riegel stack dafür. 

4. Trautt Lieblein, mich laß ein, ich hab so lang gestanden, gestanden, erfroren 
mocht ich sein. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. '' 



6() 



Kopp: 



5. Ich lasse dich nicht ein, du gibst mir den die trewe, trewe, das du mein 
eigen wilt sein. 

6. Die treuvv geb ich dir nicht, ich wil dich gern lieb haben, lieb haben, abr 
nemen mach ich dich nicht. 

7. Der Swester waren drey, die Jungst die unter ihn[en] war, ihnen war, die 
ließ den knaben ein. 

8. Sie furdt ihn auff das Haus, sie band ihm händ vnd fuße, fiiße, vnd warff 
ihn zum fenster hinaus. 

9. Er fiell woU vber ein block, er fiel drei Rieben im leib enzvvey, darzu ein 
loch im kopff. 

10. Der fall der thett ihm weh, gesegn dich Godt mein feines lieb, feines lieb, 
zu dir kom ich nimmermehr. 

Sammelbuch des Mich. Haucke aus Danzig-, um 1630 angelegt, bei 
Toppen, Volkstüml. Dichtungen: Altpreuss. Monatsschrift 9 (1872), S. 549: 



1. Ich fuhr mich über Rhein :,: 
Auf einem lilgenblate, blate. 

Zu der herzallerliebsten mein. 

2. Undt da ich hinüberkam :.: 
Da kreheten all die hanen, hauen, 
Der lichte tag brach an. 



6. Die trewe gebe ich dir nicht :,: 
Ich wil dir gerne lieb haben, haben. 
Aber nehmen mag ich dich nicht. 

7. Der schwostcr der wahren drey 
Die jüngste, die unter ihnen was, was. 
Die liel) den knaben ein. 



8. Sie führet ihn auf das hauß :,: 
Sie bandt ihm hende undt fuße, fuße, 
und warf ihn zum fenster hiuauß. 



3. Ich kam für liebeleins thür :,: 
Die thüre war zugeschlossen, zuge- 
Der riegel w-ar dafür. [schlössen, 

4. Traut liebelein laß mich ein :,: 9. Er fiel wol über ein blök :,: 
Ich habe so lange gestanden, gestanden. Er fiel zwei ribben im leibe entzwey, 
Erfroren mochte ich sein. Darzu ein loch im köpf. [entzwey, 

.'). Ich laß dich nicht ein :,: 10. Der fall der thete ihm wehe :,: 

Du giebest mir den die trewe. trewe, Gesegne dich got mein feines lieb, lieb. 

Das du mein eigen wilt sein. Zu dir komme ich nimmermehr. 

Eine dritte handschriftliche Fassung aus beträchtlich späterer Zeit im 

Berliner Mgq. 720, S. G No. 3 (um 1700) zeigt das Lied in erweiterter 
Form: 



1. Ich schifft wohl übern Rhein. 
Ich schifit wohl übern juck, juck, juck, 
Ich schifft wohl übern Rhein 
Auf einem lilgen l)lättelein, 
Schneldri, beldri, juck, juck, juck, 
Zur hertz allerliebsten gir gir gir 
Zur hertz allerliebsten mein. 

"2, Und als ich nieber kam | ...■.• | 
Da krähten al die hähne | . . . 2 | 
Der helle tag brach an. 

-i. Ich kam fürs liebgens thür . . . 
Die thür war zugeschlossen . . . 
Der riegel lag dafür. 



4. Schöns liebgen laß mich hinein . . 
Ich hab so lang gestanden . . . 
Erfroren möcht ich seyn. 

5. Ich lasse dich nicht ein . . . 

Du gercds mir den die treue dein . . . 
Darnach laß ich dich ein. 

6. Die treu gered ich dir nicht . . . 
Ein klein wenig will ich dich lieb han . 
Aber nehmen mag ich dich nicht. 

7. Sie steckt ihn hinter die thür . . . 
Biß vatter und mutter zu bette wehrn . 
Darnach zog sie ihn herfür. 



Das Fuclisiittlied und soine Verzwoigungoii. (57 

8. Sie führt ihn auf das hauß ... 11. Schüns lieb verred es nicht . . . 
Sie band ihm händ und füsse . . . Wenn dir der schad geheilet ist . . . 
Zum fenster warf sie ihn naus. Das naschen lästu nicht. 

1:2. Und da der tag anbrach, 

9. Er fiel auf einen pflock . . . Und da der tag an juck, juck, juck, 
Er fiel drey ribben im leib entzwey . . . Und da der tag anbrach, 

Darzu ein loch in köpf. Da sprach er ich raus wieder hingehn 

Schneldri, beldri, juck, juck, juck, 
10. Der fall der thät ihm weh . . . Und wo ich nächst gewesen bin. 
Gehab dich wohl mein feines lieb . . . Da mus ich wieder gir gir gir 
Zu dir komm ich nicht mehr. Da mus ich wieder hin. 

Die beiden letzten Strophen, um welche das Lied in vorstehender 
Fassung- erweitert ist, haben das Gepräge späteren Zusatzes. Im Ernst 
kann der misshandelte Liebhaber, bei dem es ohnehin wunderbar genug 
erscheint, wie er ohne Hilfe heimgekommen ist, nicht daran denken, mit 
seinen zerbrochenen Kippen so bald wieder hinzugehen, aber gerade des- 
halb wirken die beiden Schlussstrophen ungemein komisch. Die siebente 
Strophe verdient in der Fassung der Berliner Handschrift den Vorzug vor 
den* anderen Texten. Dass drei Schwestern vorhanden waren, verwirrt 
den Faden der Erzählung; danach müsste der Liebhaber beim Antritt 
seiner Fahrt noch nicht wissen, an wen er sich mit seiner Liebeswerbung 
wenden wolle. Ein sehr feiner Zug ist aber gewonnen, wenn das kluge 
Mädchen, nachdem der Eindringling das verlangte Versprechen der Ehe 
nicht gegeben und leichtfertig seine wenig lauteren Absichten verraten 
hat, ihn vertröstet, bis Vater und Mutter schlafen würden, ihn recht lange 
w^arten lässt und zum Schluss, statt ihn der sehnlichst erwarteten Lust 
■entgegenzuführen, ihn unversehens hinabstösst. Unaufgeklärt bleibt nur 
der eine Umstand, dass er sich so geduldig, ohne sich zu wehren, binden 
lässt. 

Noch mehr erweitert findet sich das Lied im 'Zeitvertreiber', woselbst 
es mit 18 Strophen auftritt. Gegen die Berliner Handschrift gehalten hat 
es im Zeitvertreiber die Strophen 3, 8, 12, 15 bis 18 mehr, wogegen ihm 
-die Schlussstrophe der Handschrift fehlt. An achter Stelle steht im Zeit- 
vertreiber die von der Berliner Handschrift abweichende 7. Strophe der 
anderen Fassungen. Die dritte sowie die vier letzten Strophen sind 
spätere, recht überflüssige Zusätze. Die 12. Strophe tritt neben der 11., 
entsprechend 1582, Strophe 6 und 7, als gleichbedeutend hinzu, so dass 
man zwischen beiden wählen kann, eine von beiden aber jedenfalls ent- 
behrlich erscheint. Durch die 12. Strophe (oder 1582, Str. 7) werden die 
Geschehnisse besser verdeutlicht, indem darin die Möglichkeit nicht nur 
gegeben, sondern auch die Art, wie der gestrafte Liebesheld heimgelangt, 
klar ausgesprochen ist. 

Hilarius Lustig von Freuden - Thal, Tugendhaffter Jungfrauen und 
Jungengesellen Zeit -Vertreiber (Berlin Yd 5111), das 194. Ijied: 



68 Kopp: 

1. Ich scliift wol übern Rhein, ich schift wol übern jucht, jucht, jucht, ich 
schifft wol übern Rhein, auf einem grünen Blätelein, schnedri, wedri, sa, sa, sa, 
zu der Hertzallerliebsten jeri, jeri, jeri, zu der Hertzallerliebsten mein. 

2. Und da ich hinüber kam, und da ich hinüber jucht, jucht, jucht, und da 
ich hinüber kam, da kräheten alle die Hauen, schnedri, vvedri, sa, sa, sa, der 
helle Tag brach jeri, jeri, jeri, der helle Tag brach an. 

o. Kräh an du falscher Hau . . . bin ich so lang gefahren ... zu keinem 
Ufer ich . . . kam. 

4. Kam ich der Lieben für die Thür . . . die Thür war zugeschlossen . . . 
der Rigel der lag . . . für. 

5. Traut Liebgen! laß mich ein . . . bin ich so lang gestanden . . . erfroren 
möcht ich . . . seyn. 

G. So laß ich dich nicht ein ... du geredst mir dann die Treue dein . . . 
daß du mein eigen . . . wollst seyn. 

7. Die Treu gered ich dir nicht . . . lieb will ich dich wol haben . . . aber 
nemen mag ich dich . . . nicht. 

8. Der Schwestern der warn drey . . . die allerjüngst die unter ihn war . . . 
die ließ den Knaben . . . nein. 

'J. Sie stellt ihn hinder die Thür . . . biß Vatter und Mutter schlaffen 
warn ... da zog sie ihn wieder ... da zogs ihn wieder für. 

10. Sie führt ihn in das Hauß ... sie band ihm alle viere . . . zum Laden 
warffs ihn . . . zum Laden warlf sie ihn naus. 

11. Da fiel er auf ein Pflock . . . fiel er zwo Rieb in Leib entzwey . . . 
darzu ein Loch in . . . Kopff. 

IJ. Da fiel er auf ein Stein . . . fiel er das rechte Bein entzwey . . . aufm 
lincken hunck er . . . heim. 

13. Der Fall der thiit ihm weh . . . gesegno dich Gott! du falsches Lieb . . . 
zu dir komm ich nicht . . . mehr. 

14. Feins Lieb! verred dus nicht . . . wenn dir der Sciiad geheilet ist . . . 
das naschen last du . . . nicht. 

15. Die Magd die kehrt das Hauß . . . was fand sie in den Kerig . . . ein 
Fuchsschwanz, der war . . . rauch. 

IG. Die Frau erwischt ein Brand ... sie schlug der armen Keer-Magd . . . 
den Fuchsschwanz aus der . . . Hand. 

17. Ach Frau! es soll nicht seyn . . . cy, was die Magd im Keerig find . . . 
das soll ihr eigen . . . seyn.\^ 

18. Der Jäger biieß sein Hörn . . . hab ich so manchen guten Hund . . . 
wohl in dem Busche jeri, jeri, jeri, wol in dem Busch verlohrn. 

[Zwei niederländische Vorsioiieii bei Ulilaud, Schriften 4, '2411'. 
Ferner enthält Thysius Lautenbncli nach Land, 'rijdsclirift d. Y. voor Xoord- 
Xederlands Muziekgeschiedenis 1, 180 (1884) die Melodie: „Ick voer nl 
over Rijn." — Anch in dem um 1640 geschriebenen Liederbuche der 

1) [Die hier unpassenden Strojihen 15—17 stehen auch in dem aus einem Flugblatt«' 
von 1630 in Birlingers Alemannia IG, 80 abgedruckten Liede: „Christiiichoii bistuikrauk". 
welches in Hilarius Zeitvertreiber No. \'2 wiederkehrt.] 



Das Fucli.srittlied und seine Verzweigungen. (;9 

däiiisclieii Edelfrau Wyffueke Byld (Kopenliageii, Mscr. Tliott fol. 778; 
bei S. Grundtvig, Prove paa cn ny Udgave af Dauniarks ganilc Folkevisor, 
•2. Oplag 1847 S. 45 No. 35) Bl. 70b steht: „Ich fulir luirli vbor Rlioin 
aiiff einem Lilgenblate"^ 10 Str.] 

Es erübrigt noch, die Fassung aus dem Berliner Einzeklruck (Ye 4(55) 
mitzuteilen: Drey schöne newe I>ieder | Das Erst, Es saß ein Ewl | vnnd 
span. I Das Ander, Es ist ein schnee j gefallen, Inulelump. | Das Dritte, 
Ich klag den tag | vnnd alle stund. | (Bildchen, Eule beim Spinnen (|;ir- 
stellend). 4 Bl. 8" o. 0. u. J. 

1. Es sali ein Ewl vnnd span, Es sa!o ein Ewl vnd span, in einem linsteren 
känimerlein, sie sah micli vbel an. 

2. Was bath dein vbel sehen, was bat dein vbel sehen, vnd das mir zwey gelriben 
han, das ist vor mehr geschehen. 

o. Es für gut Schiffman vber Rein, Es für gut schiffman vber Rein, aulT einem 
Gilgen Blettlein, das sol mein Schifflein sein. 

4. Vnd da ich nüber kam, vnd da ich nüber kam, da kreeten alle die bannen, 
der helle tag kam an. 

* 5. Nun kree du falscher Hann, Nun kree du falscher Han, es ist doch noch 
kein Jar vnd tag, vnnd das ich nüber kam. 

G. Er kam für liebes thur. Er kam für liebes thür, die thür die was beschlossen, 
der Rigel der was für. 

7. Ach feins lieb laß mich ein, Ach feins [lieb] laß mich ein, ich bin so lang 
gestanden, ich möcht erfroren sein. 

8. Ich laß dich nit herein, ich laß dich nit herein, du vvolst mir dann verheissenn, 
du w^olst mein Eheman sein. 

9. Der Schwestern waren drey, Der Schwestern warn drey, die aller jüngst die 
vnter jhn war, die ließ den Knaben ein. 

10. Sie fürt jn oben ins hauß, Sie fürt jn oben ins hauß, die aller öltest die vnter 
jn was, die warff jn zum laden auß. 

11. Er fiel wol vber ein bloch, er fiel wol vber ein bloch, er fiel ein Ripp im 
Leyb entzwey, darzu ein loch in kopff. 

12. Der fall der thet jm wee, der fal der thet jm weh, gesegne dich Gott mein 
schönes lieb, ich gsich dich nimmermehr. 

Die Fassung dieses JMUzeldrucks weiclit von den anderen bisher vor- 
geführten Texten recht wesentlich ab und kennzeichnet sich als entstellt 
und verdorben. Die vorangestellten zwei Strophen, durch welche gewisser- 
massen das Leitmotiv, der Grundton in wenigen bedeutsamen Akkorden 
angeschlagen wird, sind späteren Ursprungs. Wenn hier an Stelle der 
ersten die dritte Person eingetreten ist, zudem so nachlässig, dass in der 
vierten Strophe das „ich" der früheren Fassungen stehen blieb, so gereicht 
es der Erzählung nicht zum Vorteil. Die Darstellung hat einen frischeren, 
lebhafteren und lustigeren Anstrich, wenn der Sänger das Abenteuer 
schalkhaft auf sich selbst überträgt und mit guter Laune sein eigenes 
Miss2:eschick dem Gelächter der zuhörenden lustigen Gesellen und Zech- 



70 Kopp : 

brüder ])reisgibt. Abg'eseheii von den fünf ersten Strophen, wovon nnr 
die dritte für den Gang- der Erzählung nötig ist, erscheint im Einzeldruck 
die Fassung mehr sprunghaft, wenn man will, knapper und straÜ'er. Dass 
die Antwort, mit welcher sich der Liebhaber um die Zusage des Ehever- 
sprechens herumdrückt, fortgefallen ist, schadet nichts; die dem Liebhaber 
sonst in den Mund gelegten Worte sind gar zu dumm und plump. Die 
Mehrzahl der Schwestern ist hier auch nicht ganz unbegründet, weil eine 
den Liebeshelden einlässt, eine andere ihn hinauswirft. 

Dies launige Lied, am häufigsten mit Anfängen wie „Ich ging mal 
bei der Nacht", „Ich ging bei finstrer Nacht", oder auch sehr verkürzt 
und verändert, beginnend „Der Schwestern waren drei", „Es war'n <ler 
Schwestern drei" oder „Es saß ein Eni' und spann" oder „Jetzt fahr'n wir 
über See", „Ich fuhr einmal auf Sitt" hat sich, vielleicht erst durch die 
gelehrten Sammlungen alter Lieder zu neuem Leben erweckt, bis auf den 
heutigen Tag im Volksmund erhalten und findet sich in zahlreichen Yolks- 
liedersammlungen aufgezeichnet. 

Arnim-Brentano. Des Knal)en Wunderhorn 2,204 (180()): ..Ich ging 
wohl bey der Xacht." 9 Str. — 4, 17 (hrsg. v. Erk 1854^: „Es saß ein 
Eni und spann." 12 Str. Die dritte: „Es fuhr gut Schiffmann über 
Rhein | Auf einem Gilgeublätteleiu" (= Ye 465). 

Meinert, (Fylgie) Volkslieder des Kuhländchens (1817) S. 131: „Ich 
gang spot bey der Xocht." — Kretzschnier. Deutsche Volkslieder, I.Teil 
(1840) S. 293 Xo. 165: „Ich fuhr wohl übern See." — Walter, Sammlung 
deutscher Volkslieder (1841) S. 223 Xo. 136: .,Ich ging einst bei der Xacht." 
7 Str. - Hoffmann-Uichter, Schlesische Volkslieder (1842) S. 146 Xo. 121: 
„Ich ging w^ol bei der Xacht." 8 Str. 

Erk-Irmer, Die deutschen Volkslieder 1 (1S39) S. 63 Xo. 57: 

Ich fuhr einmal auf Sitt wi di witt — 

Ich fuhr einmal auf Sitt 

Mit einem hölzcrnn Löffelchen, lirum larum Löffolchen, 

Es war kein Stielchen dran. 

Heft 5, S. 40 Xo. 34: .,Es warn der Schwestern drei." 9 Str. — Nene 
Sammlung deutscher Volkslieder 2 (1842), S. 62 X'^o. 43 — 45: „Ich ging 
'mal bei der Nacht." 

Uhland, Volkslieder Xo. 260A— C; A: „Es saß ein eul und spann." 
12 Str. B: „Ich fuhr auf einem gilgenblettelein." 3 Str. C: „Ich gieng 
bei eitler Xacht." 8 Str. Vgl. Böhme, Altd. Liederbuch Xo. 73 und 74. 

Simrock, Die deutschen A'olksbücher 8 (1851: Volkslieder) S. 107: 
„Ich gieng in einer Xacht." 16 Str. (S. 287 ein anderes Lied gleichen 
Anfangs in 5 Str.). S. 109: „Ich fuhr einmal auf Sitt." 6 Str. Simrock. 
Volksbücher 9 (1856: S. 73—358 Das deutsche Kinderbuch) S. 287: „Ich 
fuhr einmal auf Sitt." 6 Str. Die dritte: „Da saß ein Eul und spann," — 
Vgl. Böhme, Deutsches Kinderlieil und Kinderspiel S. 671 ; Liederhort 3, 525. 



Das Fuchsrittlied uud seine Verzwoijninoeii. 71 

F. W. Frhr. v. Ditfurtli, Fräiikisclie Volkslieder 2, 44 (18ö5): „Es ging 
ein Knab' bei der Nacht." (8. Str. Die zweite: „Es warn der Tochter drei." 
In jeder Strophe dritte Zeile: „Schwarzbraun's Mägdelein.) — 2, 45: „Ich 
ging mal bei der Nachf C7 Str. Die dritte: „Es warn <ler Schwestern drei"). 

Frhr. y. Ditfnrth, 110 Volks- und Cxesellschaftslieder (187:)) S. 1(50: 
.,Ani liabschta gang i bei der Xacht.'' — Ernst Meier, Schwäbische Volks- 
lieder (l.s.")5) S. 381 : „Ich gieng mal bei der Nacht." — Mittler, Deutsche 
Volkslieder (1855 und 1865) No. -293— 209 sieben verscliiedene Fassungen. 

— Joh. Aug. Ernst Köhler, Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre 
alte Überlieferungen im Voigtlande (1867) S. 304: „Es war'n der Schwestern 
drei, ja drei." — Zurmühlen, Des Dülkener Fiedlers Eiederbuch (1875) 
S. 72: „Ich kam einmal in ein Haus ] Mit meinem Buckel." — S. 73: „Ich 
ging einmal aus bei der Nacht.'' — Wolfram, Nass^uische Volkslieder 
(1894) S. 122: „Ich ging bei finstrer Nacht." 14 Str. [Treichel, Volks- 
lieder aus Westpreussen (1895) S. 18: „Ich ging bei finstrer Nacht." 6 Str. 

— Am Urquell 3, 250. — Hruschka-Toischer, Volkslieder aus Böhmen 
(189]) S. 189f.] — Köhler -Meier, Volkslieder von der Mosel und Saar 

(1896) S. 122: „Ich ging einmal bei der Nacht." 5 Str. (Nachweisungen 
dazu S. 402). — Augusta Bender, OberschefPlenzer Volkslieder (1902) 
S. 77: „Ich ging einstmal bei der Nacht." 7 Str. [Marriage, Volkslieder 
aus der badischen Pfalz (1902) S. 295: „Die Liesel die Kattel, die Maid.-^J 

Erk- Böhme, Liederhort 1, 500 (1893) No. 157A: „Es saß ein Eni 
und spann." 12 Str. Die 3.: „Es fuhr gut Schiffmann übern Rhein | Auf 
einem Gilgenblättelein". — Die 9.: „Der Schwestern waren drei." — 1, 501 
No. 157 B: „Ich schitt't wol übern Rhein." 13 Str. Die 8.: „Der Schwestern 
waren drey.^' — 1, 502 No. 157C: „Ich ging bei eitler Nacht. ■'■ 13 Str. 
Die 6.: „Der Schwestern der waren drei." — 1, 502 No. 157D: „Icli ging 
wohl bei der Nacht." 6 Str. Die 2.: ,,Es warn der Jungfern drei." — 
1, 503 No. 157 E: .,Ich ging mal bei der Nacht.'' 12 Str. Die 6.: „Es 
warn der Töchter drei." — Liederhort 3, 525: „Ich fuhr einmal auf Sitt"; 
,, Jetzt fahr'n wir über'n See" usw. 

Bücher, Arbeit uud Rhythmus (2. Aufl. 1899) S. 1]5, erwähnt das Lied: 
„Jetzt fahr"n wir über'n See" als bei der Hopfenernte beliebten Arbeitsgesang. 

Mit Fuchslied, Kirmesbauer und vorstehendem Schelmenlied gehört 
auch ein in zahlreichen Fassungen verbreitetes Kinderlied, oft ebenso 
wie der Kirmesbauer mit Spiel uud Reigentanz verbunden, aufs engste 
zusammen: Erk-Irmer, Volksl. 1, 3 (1839), S. 18 No. 23: „Der Schneider 
hat eine Maus." 13 Str. Ähnlich bei Simrock, Volksb. 9 (1856, Kinder- 
buch) S. 329: „Der Schneider hat eine Maus"; Grote, Aus der Kinderstube 
(2. Aufl. 1872) S. 381: „Der Schneider hat eine Maus"; Lewalter, Volksl. 
3, 49 (1892): „Der Schneider hat "ne Maus"; Böhme, Deutsches Kinderlied 

(1897) S. 253: „Ein Schneider fing "ne Maus"; Mansfelder Blätter 11. 201 
(1897): ..Der Sehneider schhicht't 'ne Laus" und: .,Es war einmal ein .Arann." 



72 Kopp: 

In tler Umgegend von Wismar singt man mit einem Anfange, der 
demjenigen in frühereu Fassungen des Fuchsliedes und des Kirmesbauers 
entspricht, das Mauselied folgeudermasseu: 

Es war einmal ein Mann. Er zieht ihr ab das P'ell. 

Es war einmal ein Mi-Ma-Mause-Mann usw. Was will er mit dem Fell? 
Was will er mit der Maus? Er macht sich einen Beutel usw. 

Wolfram, Xassauische Volkslieder (1894) S. 3-21 Xo. 369: 

]. Der Schneider fing sich 'n Floh, S. AVas that er mit dem GeldV 

Der Schneider fing sich 'n Floh, 9. Er kaulie sich 'n Bock. 

Der Schneider fing sich 'n Schneiderfloh. 1(>. Was that er mit dem Bock? 

Schni - Schna - Schneiderfloh, 11. Damit ritt er in Krieg. 

Der Schneider fing sich 'n Floh. 12. Was that er in dem Krieg? 

I'k Er wurde geschossen todt. 

'2. Was that er mit dem P'loh? H. Was that man mit dem Kerl? 

o. Er zog ihm ab das Feil. 15. Man legt' ihn in ein Grab. 

4. Was that er mit dem Fell? 16. Da kam 'ne alte Geis. 

5. Er macht sich draus 'n Beutel. 17. Was that die alte Geis? 

Ci Was that er mit dem Beutel? 18. Sie setzte sich aufs Grab. 

7. Er that hinein sein Geld. 1!'. Das mag sein Derdmial sein. 

Erk-Böhme, Liederhort 3. 399: „AVat dood eer met da Moll.'- Dieses 
Lied gibt Bücher. Arbeit und Rhythmns (2. Aufl. 1899) S. 80, als Flaclis- 
arbeiterlied, welches beim Jäten — nicht, wie Böhme will, beim Reffen 
oder Riffeln — des Flachses Anwendnng fand, vielleicht manchmal ]U)ch 
findet. Offenbar unterscheidet übrigens Bücher bei vielen Gesängen nicht 
scharf genug zwischen solchen,- die sich aus und bei der Arbeit selbst 
unwillkürlich ergaben, nnd solclien, die ganz unabhängig von jeder Arbeit 
und vollends ohne Bezug auf eine bestimmte gedichtet, vielmehr erst später 
gelegentlich und zufällig als Begleitnng zu dieser oder jener beliebigen 
Arbeit angewandt sind, also schwerlich einer bestimmten Arbeit eignen, 
von ihr ausgehen oder mit ihr innerlich znsammenhäno-en. 

In Lübeck sangen und singen wahrscheinlich noch^) die Kinder bei 
Sjdelen und Aufzügen: ,,AVir fahren auf die See (zweimal), wir faliren anf 
die pol'sche See, pi pa ])orsche See. wir fahren auf die See'' . . . Zweck 
dieser Seefahrt ist, einen Aal zu fangen, wie sonst eine Maus, einen j-'inji. 
einen Maulwurf um dem Tiere das Fell abzuziehen, (Jeld in d(^\\ daraus 
gefertigten Beutel zu tun uml sich die seltsamsten Dinge zu kaufen, bis- 
weilen allerdings auch wie der Kirmesbauer sich Weib und Kind, Knecht 
und Magd und allen möglichen Hausrat oder zahlreiches Ingesinde beizu- 
legen. So gehen diese Liedergrnp])en vielfach ineinander über und ver- 
fliessen ineinander, was bei dem Silbe für Silbe gleichen Tonfall und den 
deshalb wenig voneinander abw^eichenden Melodien gar zu leicht geschieht. 

In dem lübeckschen Kinderliede treten Züge «ler Ähnlichkeit mit allen 
vorgeführten Liedergruppen zutage, es vereinen nnd verknüjifen sich darin 



1) Colniar Schumann. A^olks- uml Kinderrcime aus Lübeck (IS*.'!») S. IT-'i Xi>. (y_*.">. 



Das Fuchsrittliod und seine Verzweigungen. 78 

o-ewisseriiiassen verwaiultschaftliehe Fädoii und Blu-tsbestaiidtcilc von ver- 
schiedenen Familien und Gliedern der ganzen grossen Sippe, /u welcdiei' 
das Fuclisli("(l nebenhei- als ein Stndentenhastard gehört. Wie der in 
Lübeck übliche Beginn auf die nächtliche Wasserfahrt des verliebten 
Schelms hindeutet und sich im Aalfang mit anschliessender Wahl des 
Hausgesindes Anklänge sov^^ohl des Kirmesbauers als des anderen Kinder- 
liedes vom jagdfrolien Schneiderlein zusanunengefunden haben, so lenkt 
jene fabelhafte porsche See den (iedankengang hin zu Liedern, wie bei 
Kvetzschmer, Deutsche Yolkslieder 2, 583(1840) No. 321: „In Polen steht 
ein Haus'-, oder bei Lewalter, Deutsche Yolkslieder 5 (1894), S. 11 No. 7: 
„Da oben auf dem Berg (zweimal), da oben auf dem Pohrschen Berg, 
juchheissa vivat Pohrschen Berg, da ol)en auf dem Berg" . . . 

Es ist wohl kaum nötig, darauf hinzuweisen, dass ebenso wie die 
Texte dieser (lesäuge mannigfachen Schwankungen und Veränderungen 
unterworfen waren und noch sind, auch die Sangweisen auseinandergehen. 
Wo die Strophe nur immer aus einer Zeile besteht, muss die fünfmalige 
Wiederholung derselben wenigen Worte langweilig werden. Nicht jedes 
dieser Lieder wird überall Note für Note wie das studentische Fuchslied 
gesungen. Mit geringer Umformung der Melodie wird es erreicht, dass eine 
und dieselbe Zeile nur dreimal oder gar nur zweimal gesungen wird, also: 

Der Schneider fing sich 'no .Maus (ein- oder zweimal) 
Der Schneider fuig sich 'nc Mi-Ma-Mause-Maus. 

So die vollständige Strophe, während es dem .studentischen Fuchsliede 
entsprechend heissen niüsste: 

Der Schneider fing sich 'ne Maus (zweimal). 
Der Schneider fing sich 'ne lederne Maus, 
Mi-ma-ledernc Maus, 
Der Schneider fing sich "ne Maus. 

Nach dem Vorbild und ganz im Tonfall dieser kindlich einfachen 
Volksgesänge, worin kettenähnlich überall jede folgende Strophe Worte 
der jedesmal vorhergehenden aufgreift und weiterführt, haben bisweilen 
auch wohlgelahrte, kunstmässig verfahrende Dichter bewusst und absichtlich 
Lieder verfasst. Das gilt für Nicolai vou Bostel Poetische Neben-Wercke 
(Hamburg 1708) S. 177: Parabola de Insidiis Libertatis ... 1. Ick was 
ins in der Welt, | Ick was ins in der falschken Welt | Der nichts as List 
und Räncke gelt, | Ick was ins in der Welt. "i. Hier kam ick in en 
Land ... 3. Dat Land had ene Stadt ... 4. De Stadt.de had en Schlot . . . 
.3. Im Schlate wahnd en Mann . . . 30 Str. (Chabotii Praelectiones in 
Horatii Poemata 3, 7i»2 in Ennarrat. grammat Epist. 1, 10.) Die Schluss- 
strophe lautet: „Do was dat Perd nu dot, | Dat Reh erlöst, de Jäger dul, | 
De Foß von Anust und Sorgen vul, 1 ün Holland rein in Notli.-'^) 



1) 'Holland in Not' ist ein •getlügeltos Wort", das man bei Bücbuiann leider ver- 
misst. Es wird in allen Scliicbten der Bevölkerung und in allen Gegenden Deutschlands 



74 Kopp: Das Fuchsrittlied uud seine VerzAveigimgcn. 

Sollte mau es für möglich halten, dass dieses Lied jemals im Yolks- 
mmide lebendig fortge])flanzt worden sei? Kretzschmer hat es als 'altes 
Lied, sächsisch bei Halle' mit allen 30 Strophen in seine Volkslieder (L 261 
Xo. 148: „Einst reist' ich in die Welt") aufgeuommen. Ein Seitenstück zu 
dem Gedicht Hostels liefert: Recueil von allerhand Collectaneis, 3. Hundert 
1719 S. G5: „Es was eumal en Bar", wieder abgedruckt durch Heinrich 
Hoffmann im Weimarischen Jahrbuch 3, 473 (1855). 

Ein sehr viel älteres Lied, welches ohne Bedenken in diesen Kreis^ 
hineinbezogen werden darf, steht in Forsters Liedlein 2 (1540, 1549 u. ö.), 

Xo. 20: 

1. Wir zogen in das feld. 
Wir zogen in das feld, 
Do het wir weder seckel noch gelt. 
StramjDede mi, Alami presente al vostra signori. 
Alami presente al vostra signori^). 

'2. Wir kam für siben todt (zweimal) 
Do het wir weder wein noch brodt, 
Strampede mi . . . 

;!. Wir kamen in friaul, (zweimal) 
Do het wir alle sampt vol matd, 
Strampede mi . . .-) 

Diese, wie man sieht, recht ü])pig wuchernde Liedergattung ist keines- 
wegs auf Deutschland beschränkt. Aus niederländi-schem Gebiet, das von 
altersher mit dem benachbarten und nahverwandten plattdeutschen Sprach- 
gebiet in Lied und Spruch viel Gemeinsames hatte, mögen angeführt 
werden Lieder wie ,,Sa boer gaet naer den dans" (Kirmesbauer; vgl. 
Liederh. 2, 751), ..En wij gingen all naer de zee" (Liederh. 3, 399; Maul- 
wurfsfang: „Wat dood eer met da Moll''), „in Holland staat een huis- 
(Lootens et Feys, Chants pop. flamands S. 209; vgl. „In Polen steht ein 
Haus" oben bei Kretzschmer), „Een wijf had een kabaas" (Lootens und 
Feys S. 201) und besonders auch folgendes Trinklied in: "t Dubbelt ver- 
betert Amsterdamse Liedboeck 2, (il: Drinck-Liedt. 

Het Wijntje maeckt de vreught, (dreimal) 

Laet sien een reys van tjuck, tjuck, tjuck. (zweimal) 

Laet sien of jyse meught . . . G Str. 

B r 1 i n - F r i e d e n a u . 



angewandt. Diese Stelle bei Bostel ist wohl die früheste S]mr seiner Verwendung als 
formelhafte, sprichwörtliche Redensart. 

1) [Th. Elze (bei Liliencron) emendiert den Eefrain: 'Stronibetta mi-a-la mi, Preseuti 
alla mostra, Siguori', d. h. Trompetet e-a-e, erscheint zur Musterung, ihr Herrenl] 

■2'< Vgl. Goedcke-Tittmann, Liederbuch ans dem 10. Jahrli. S. IVJ. K. Frh. v. Lilien- 
cron, Deutsches Leben im Volkslied um !.'):;( i S. .'»o2 No. HC. Böhme, Altd. Liederbuch 
No. 421»; Liederhort :'., Mo No. 1280. 



Bcrnekcr: Das russisclie Volk in sciiion Spricliwörteni. 75 

Das russische Volk in seinen Sprichwörtern.') 

Von Ericli Bernekei'. 



Im letzten Bande von 'Krieg- nnd Frieden" zeichnet Tolstoj mit ganz 
besonderer Liebe die sympathische Gestalt des einfachen russischen Bauern- 
Suldaten Piaton Karatajev, dessen Umgang nnd Beispiel in dem Helden 
des Romans, dem unermesslich reichen und mächtigen Grafen Pierre 
Bezuchoj, die innere Läuterung bewirkt und ihm zu einer in sich abge- 
schlossenen Weltanschauung, zum Frieden mit sich selbst verhilft, dem er 
in den Kreisen seiner AYelt vergebens nachgejagt ist. „Er liebte zu reden 
und redete gut", so schildert Tolstoj diesen typischen Vertreter seines 
geliebten Volkes, „indem er seine Rede mit Koseworten schmückte und 
mit Sprichwörtern . . . , jenen Volksaussprüchen, die so unbedeutend er- 
scheinen, wenn man sie einzeln für sich betrachtet, die aber plötzlich die 
Bedeutung tiefer Weisheit gewinnen, wenn sie am rechten Ort zu rechter 
Zeit gesagt werden." Wer einmal Gelegenheit gehabt hat, in einem 
russischen Dorfe zu weilen, wo sich fern von der Stadt das Volksleben in 
seinen alten Formen, Sitten und Bräuchen noch unverfälscht erhalten hat, 
der wird gewiss die Beobachtung gemacht haben, dass Tolstojs Schilderung- 
auch noch heute auf den russischen 'Muzik' vom alten Schlage zutrifft. 
•Durchs Sprichwort wird die Rede schön', sagt das Volk, und nach dieser 
Hegel verfährt es auch, indem es einen gewissen Stolz darin setzt, Sprich- 
wörter in die Rede zu flechten: mit Sprichwörtern bekräftigt man seine 
Ansichten oder führt seinen Gegner ad absurdum; mit Sprichwörtern tröstet 
num sich bei widrigem Geschick und frohlockt, wenn einem das Glück 
lächelt; gibt Mahnungen und Warnungen grösseres Gewicht, spottet gut- 
mütig über Fehler und Gebrechen seiner Mitmenschen; auch manche be- 
denkliche Handlung, manche Unterlassungssünde niuss vor dem Gewissen 
ein Sprichwort rechtfertigen. Wer nicht der lebendigen Rede des russischen 
Volkes hat lauschen können, der kann sich wenigstens aus der russischen 
Literatur ein Bild von dem Reichtum der Russen an Sprichwörtern machen, 
vor allem aus den Werken Tolstojs, der, wie vor ihm kein anderer, das 
russische Volk in seiner Sprechweise darzustellen versteht. So in der 
'Macht der Finsternis'. 'Nicht der leidet, der krank ist, sondern der am 
Krankenbette sitzt', sagt die yachbarin zu Anisja; mit einem Sprichwort 
macht die vertierte Mati-jona ihrem Sohne Mut, die Frucht der Sünde zu 
verscharren: 'Mütterchen Erde sagts niemandem, wenn die Kuh sie 
beleckt', während der redliche alte Akim seinen Nikita warnt, sich in 



1) Nach einem ain -j-s. Februar l'.HfJ im BerlimT Verein für Volkskunde gehaltenen 
Vortrage (vgl. oben l'i, 12.s). 



7(i Bernekcr: 

Schuld zu yerstricken, mit den schönen Spricliwörtern: 'Eine 31enschen- 
träne fliesst nicht vorbei, sie fällt auf des Schuldigen Hau}3t' und 'Ist 
erst eine Kralle im Xetz, so ist der ganze Vogel verloren". Letzteres ist 
gleichzeitig der Untertitel des Stückes, und so zeigen noch manche be- 
rühmte Literaturwerke, die Spriclnvörter als Titel tragen, dass auch die 
Schriftsteller die anspruchslose Weisheit des Volkes schätzen. 'In einen 
fremden Schlitten setz dich nicht" und 'Ein alter Freund ist besser als zwei 
neue' heissen zwei Komödien von Ostrovskij. 'Dazu ist der Hecht im Meer, 
dass die Karausche nicht schläft' ist ein Lustspiel des jüngst verstorbeneu 
Stanjukovic betitelt: Gogolj, der in seinem 'Revisor' seiner Zeit das bekannte 
wenig schmeichelhafte Spiegelbild vorhält, hat diesem Stück wenigstens 
als treffendes Motto ein Sprichwort vorgesetzt: 'Murre nicht wider den 
Spiegel, wenn du eine schiefe Fratze hast'. Und der Verfasser der 'Toten 
Seelen' bedient sich auch gern der Sprichwörter, wenn er seine Personen 
kurz und treffend charakterisieren will. 'Weder in der Stadt Bogdan, 
noch auf dem TJorfe Selifan", sagt er von der köstlichen Gestalt des Guts- 
besitzers Manilov und kennzeichnet dadurch aufs glücklichste diesen Typus 
des unzuverlässigen Phantasten und Träumers, der im praktischen Leben 
nie weiss, was er will, und alles andere als eine 'Persöulichkeit' ist. 

Dass diese Wertschätzung der Spricliwörter in Russland schon seit 
alten Zeiten bestand, geht daraus hervor, dass sie von allen Schöpfungen 
des Volksgeistes zuerst der Sammlung gewürdigt wurden. Schon aus dem 
17. Jahrhundert haben wir handschriftliche, aus dem 18. schon gedruckte 
Sprichwörtersammlungen, während die epischen Volkslieder der Russen 
erst vom Beginn des 1'.). Jahrhunderts ab. die Volksmärchen gar erst vor 
sechzig Jahren aufgezeichnet worden sind. lai 1!). Jalii'liundert erscheinen 
dann noch die Sprichwörtersammlungen von I). Knjazevic (1S2"2), Suegirjov 
(183"2) und Buslajev (1854), bis dann Vladimir Ivanovic Dalj (Dahl) in seinem 
gewaltigen Werke 'Die Sprichwörter des russischen Volkes' (Moskau 18()'2) 
die ganze reiche Ernte so vollständig wie keiner von ihm und keiner 
nach ihm in die Scheuer bringt. Der unermüdliche Forscher auf dem 
Gebiet des russischen Volkstums und der russischen Volkssprache — im 
Jahre nach den 'Sprichwörtern' begann sein vierbändiges monumentales 
'Erklärendes Wörterbuch der lebenden grossrussischen Sprache' zu er- 
scheinen - gibt hier auf fast 1100 Seiten in I>ex.-8*' gegen oOOOO Sprich- 
wörter, nach sachlichen Kategorien geordnet. 

Einen köstlichen Genuss gewährt es, in diesem Reichtum russischer 
.Sprichwörterweisheit zu blättern. Altes und Neues, Zartes und Derbes, 
Ernstes und Scherzhaftes finden wir in buntem (lemisch. ^lanches Sprich- 
wort versetzt uns in bedeutsame Perioden der russischen Geschichte, in 
denen es entstan<h'ii ist: da giljt es Erinnci-ungen au die grauen Zeiten 
der Avarenkämpfe, von denen die ersten Seiten der russischen Chronik 
berichten, an das Tatarenjoch, an Ivan IV. Gi'oznyj, an den Schweden- 



Das russisclie Vulk in ;;oinoii Spricliwörteni. 77 

kriei;- und — bosoiidcrs liäutig- — ■ an die Frauzosenzeit 1812. Vor allem 
jedoch geben uns diese Sprichwörter ein treues Bild von der Kultur, der 
Denkweise, der Weltanscliaiiuni;' und Lebensauffassung des russisclien 
Volkes; haben doch alle Stände, alle Berufe bei ihrer Prägung mitgewirkt: 
der Landmann, der Jäger, der Fischer, der Handwerker und der Soldat, 
der kleine Beamte und der Kaufmann, ja selbst der Student der geist- 
lichen Seminare und Akademien ist mit manchem übermütigen Sprichwort 
von echtem Schülerhnmor vertreten. 

Wenn nun auf den folgenden Blättern der Versuch gemacht werden 
soll, den Freunden der Volkskunde, die nicht der russischen Sprache 
mächtig sind, eine kleine Ährenlese aus diesen Sprichwörterschätzeu zu 
geben, so muss leider gleich im voraus betont werden, dass die russischen 
Sprichwörter in der Übersetzung, was die Form anbetrifft, in den meisten 
Fällen sehr an Reiz verlieren. In einer überwiegenden Mehrzahl von 
Fällen sind iu den zweigliedrigen Sprichwörtern beide Glieder durch einen 
Reim oder doch wenigstens durch einen Anklang verbunden; z. B.: 

posti'sj düchom, a ne brjüchom (faste mit dem Geist, aber nicht mit 

dem Bauche); 
bez böga ni do poröga (ohne Gott nicht einmal bis zur SchwellCy; 
chotj V latanom, da ne v chvatanom (wenn auch geflickt, so doch 

nicht gestohlen); 

oder mit Anklang: 

Olenka v pelenkach, Nikitka u titjki (Olga in den Windeln, Nikita 
an der Brust; von einer kinderreichen Familie gesagt). 

So werden überhaupt gern Xamen benutzt, um den Reim herzustellen: 

Dobr Martyn, koli jestj altyn (gut ist Martin, wenn er Geld hat); 
Chud Roman, koli pust karman (schlecht ist Roman, wenn seine Tasche 
leer ist). 

Dies lässt sich in der deutschen Übersetzung, wenn man das Sprich- 
wort nicht in einen ganzen Vers paraphrasieren will, natürlich kaum je 
wiedergeben. 

Eine weitere Schwierigkeit ist die grosse Prägnanz des Ausdruckes, 
deren die russische S])rache namentlich dadurch fähig ist, dass sie Ellipse 
des Verbums in einer Ausdehnung zulässt, die bei uns unmöglich ist. 
Nicht nur, dass das A erbum 'sein' ganz regelmässig unausgedrückt bleibt, 
können auch zahlreiche andere Verba, namentlich der 'Bewegung' und des- 
'Sprechens' einfach ausgelassen werden und werden aus dem Sinn ergänzt; 
z. B. kogdä net rabä, tak i sani po drova, 'wenn kein Knecht da ist, so 
[niusst duj selbst nach Holz [gehen]'; zastupi cörtu dverj, a on v okno, 
'vertritt dem Teufel die Tür, so [steigt] er zum Fenster hinein"; von zweien,, 
die sich missverstehen, wird gesagt: ja pro sapogi, a on pro i)irogi, 'ich 
[spreche] von Stiefeln, und er von Kuchen.' 



7,S Borncker: 

Schon diese wenigen Beispiele werden zeigen, wie schwer es dem 
Übersetzer werden muss, eine einigermassen richtige Yorstellung von der 
äusseren Form des russischen Sprichworts zu geljen; zumeist müssen wir 
uns auf die möglichst treffende und kurze Wiedergabe des Sinnes be- 
schränken. 

Der Russe scheidet genau zwischen poslovica und jiogovurka. Ersteres 
deckt sich mit dem, was wir unter 'eigentlichem Sprichwort' yerstehen, 
letzteres entspricht unserer 'Redensart*. Die poslovica di'ückt eine von 
jeder Augenblicksbeziehung losgelöste, als unumstösslich hingestellte, all- 
gemeine Wahrheit aus: z. B. 'Die Wahrheit ist heller als die Sonne". 
'Was jemanden schmerzt, davon spricht er', auch in der Form der Mahnung: 
'Jedes Heimchen kenne seinen Herd.' Die pogovorka dagegen knüpft 
immer an eine bestimmte, wirkliche oder fingierte Situation an und er- 
scheint als aus ihr heraus entstanden, so z. B. wenn man zu einem sich 
in fremde Angelegenheiten mischenden Weibe sagt: 'Was gehts dich an. 
Fedosja, fremde Ähren einzusammeln': oder von einem Pechvogel: 'Auf 
den armen Makar fallen selbst die Tannenzapfen". Das sogenannte apo- 
logische oder Beispielssprichwort, das namentlich im Niederdeutschen 
heimisch ist (z. B. 'Dat is man en Oewergank', sä de Foß, do harrn se 
em dat Fell öwer de Oren trocken; vgl. E. H. Meyer, Deutsche Volks- 
kunde S. 838), scheint im Russischen kaum vorzukommen. Wenigstens 
fand ich nur ein einziges dieser Art unter all den tausenden in dem Ab- 
schnitte 'Geduld', es heisst: 'Warte', sagte die Jüdin zu ihrem liungrigen 
S()hnchen, 'es kommt der Sabbath, da ko(dien wir ein Fisclisüppchen 
mit Nudeln'. 

Das russische Volk bewertet selbst die poslovica, das Sprichwort, 
höher als die pogovorka, die Redensart. 'Die pogovorka ist ein Blümchen, 
die poslovica ist ein Beerchen', sagt ein Sprichwort, und so gibt es noch 
viele, die den Wert des Sprichwortes preisen. 'Ein Sprichwort lässt sich 
nicht umgehen und nicht umfahren'; 'Gegen das Sprichwort gibt es kein 
Recht und kein Gesetz"; 'Ein gutes Sprichwort trifft nicht in die Braue, 
sondern gerade ins Auge'; 'Aus einem Sprichwort darf man kein Wort 
herausnehmen'. Das S]>richwort will innerlich erlebt sein: 'Auf dem 
Markt bekommst du kein Sprichwort zu kaufen". Sclierzliaft sagt man: 
'Um ein Sprichwort ging der Bauer zu Fuss nach Moskau'. Besonderer 
Hochachtung erfreuen sich die alten Sprichwörter: 'p]in Sprichwort aus 
alter Zeit wird nicht grundlos gesagt' und 'Ein altes Sprichwort zerbricht 
in Ewigkeit nicht'. 

Viele Sprichwörter mögen in cU'r Tat aus uralten Zeiten stammen, 
wenngleich wir nur selten in der Lage sind, es wirklich nachzuweisen. 
Man hat sich bemüht, sogar noch Sprichwörter aus der Hei den zeit auf- 
zudecken, aber selten mir überzeugendem Erfolg. Vielleicht mag in dem 
unserem 'Stille Wasser sind tief" entsprechenden Sprichwort 'Im stillen 



D;is russische Volk in seiinMi Sjiricliwiirtcrii. 7'.) 

Abgrund hausen die Teufel" ein solcher Nachklang der altheidnischen 
Vorstellung enthalten sein, dass man sich unwirtliche Gegenden, Schluchten, 
Höhlen, hohle Bäume als mit bösen Mächten besiedelt dachte; doch solche 
Sprichwörter sind selten. Öfters mag ein solches ursprüngliches heidnisches 
Sprichwort in späterer Zeit durch einfachen Ersatz der heidnischen guten 
oder bösen Gottheit durch das christliche 'Gott' und 'Teufel' umgeformt 
worden sein, wie ja auch umgekehrt in den ersten Zeiten nach der Ein- 
führung des Christentums in Russland der christliche Kult stark von 
heidnischen Bräuchen beeinflusst war;, doch mit Sicherheit lässt sich dies 
im konkreten Fall wohl nie erweisen. 

Einen sicheren Boden, wenn es gilt, das Alter der Sprichwörter zai 
bestimmen, fühlen wir unter den Füssen, wenn sie auf geschichtliche 
Begebenheiten anspielen. Schon die älteste russische Chronik kennt solche 
historische Sprichwörter; so erzählt der Chronist von den Gewalttaten, 
die sich die Obre, d. h. die Avaren, gegen den slavischen Stamm der 
üuleben erlaubten, die Obre, die 'an Körper gross und stolz an Sinn' 
waren, und fährt fort: ,,und Gott vernichtete sie, und es starben alle, und 
blieb kein einziger Avare übrig; und es gibt ein Sprichwort in Russland 
bis auf den heutigen Tag: 'Sie sind zugrunde gegangen wie die Avaren"." 
Dieses Sprichwort lebt freilich längst nicht mehr, interessant aber ist, 
dass viele Jahrhunderte später im russischen Volke ein ganz ähnliches 
geprägt wurde, an das glorreiche Ereignis des 8. Juli 170!) anknüpfend: 
'Er ist zugrunde gegangen wie der Schwede vor Poltawa.' An die Tataren- 
zeit erinnern die Sprichwörter: 'Wie der Chan, so die Horde' und 'Ich 
will mein Recht, und müsste ich bis zur Horde gehen'; wobei letzteres 
noch an den Zustand tiefster Erniedrigung gemahnt, dass russische Fürsten 
oft weit bis nach Asien hinein an das Hoflager des Grosschans pilgern 
mussten, um sich zu rechtfertigen oder unter grossen Demütigungen das 
Bestallungsdiplom zu empfangen. Wieder ein anderes Sprichwort: Tch 
bin doch nicht Pugac: wenn ich auch sage, ich bin der Zar, so wird man 
mir doch nicht glauben' weist auf die siebziger Jahre des LS. Jahrhunderts, 
als unter Jekaterina H. der desertierte Kosak und Sektierer Pugacov sich 
als Peter HL ausgab und fast ein Jahr in Kasan und Orenburg, unter den 
urteilslosen Bewohnern jener fernen Gegenden den Bürgerkrieg entfesselnd, 
eine blutige Schreckensherrschaft führte; diese Zeit dient bekanntlich als 
historischer Hintergrund in Puschkins reizender Erzählung 'Die Haupt- 
mannstochter'. Weitaus die meisten Spuren im Gedächtnis des Volkes 
hat aber das Geschick der Franzosen im Jahre 1812 hinterlassen. Von 
einem, der in der Fremde verdorben und gestorben ist, sagt man : 'Er hat 
seine Knochen in der Fremde ausgestreut, wie der Franzose"; für unser: 
'Gebranntes Kind scheut das Feuer" gilt: 'Ein erschreckter Franzose läuft 
auch vor einer Ziege'; einen Pechvogel belächelt man mit: 'Er wärmte 
sich in Moskau und erfror an der Beresina'; und wie es bei uns heisst: 



gQ Benieker: 

'In der Not frisst der Teufel Fliegen", so heisst es dort: "Ein hungriger 
Franzose ist auch über eine Krähe froli." 

Die treue Bewahrung und Wertschätzung solcher alten Sprichwörter 
steht in engem Zusammenhang mit der Verehrung, mit der der konser- 
vative Sinn der Russen an allem Althergebrachten hängt. 'Wie die 
Alten lebten, so wollen wir auch leben", das ist das Palladium, mit dem 
sich der Russe gegen alle ihm unbequeme Neuerungen wehrt. So erzählt 
Ililferding von seinen Reisen im Gouvernement Olonec, denen wir die 
klassische Sammlung der russischen epischen Volkslieder (Bylinen) ver- 
danken, dass das dortige Volk noch zu seinen Tagen statt mit der Sense 
mit der gorbüsa, einer Art primitiver Sichel, mälite, imd jedem Hinweis 
des Fremden auf die Vorzüge der ersteren mit dem stereotypen Bemerken 
begegnete: 'Unsere Grossväter und Väter mähten mit der Gorbuscha." 
Diesem zähen Hang am Alten haben wir dann freilieh aucli den glück- 
lichen Umstand zu danken, dass sich im Munde dieser Olonecer bis zu 
den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die alten epischen Lieder 
aus ferner Vorzeit in hoher Ursprünglichkeit der Form und des Inhalts 
trotz der Überlieferung von Generation zu Generation erhalten hatten. So 
sind denn auch die Sprichwörter voll des Lobes der alten, guten Zeit, in 
der das Leben der Menschen glücklicher und reicher verfloss als heutzu- 
tage. -Die Henne ist gestorben, die die goldenen Eier legte', klagt weh- 
mütig ein Si)richwort: und ein anderes sagt: Tnsere Grossväter lebten 
und tranken Met undWidn: nun leben wir Enkel und hal)en nicht einmal 
Brot zu kauen." 

Doch trotz dieser Verschliinmcrung der Zeiten hängt <U\s Volk mit 
zälier Liebe an dov heimischen Scholle. 'In Russland ist noch keiner 
Hungers gestorben", behauptet, fast möchte man glauben mit blutiger 
Ironie, ein Sprichwort von dem Lande, in dem schreckliche Hungersnöte 
fast zu den alljährlichen Gästen gehören: und ein anderes sagt: 'Uberm 
Meer Fröhlichkeit, aber fremde: bei uns zwar Kummer, aber unser.' Ganz 
selten sind die Sprichwörter, die etwa zur Wanderung in die weite Welt 
auffordern, wie: 'Selbst ein Stein wird von Moos bewachsen, wenn er liegt' 
und 'Stehendes Wasser fault". Sie werden ül»ertönt von eiiuMU ganzen 
Chor von Sprichwörtern, die 'bleibe im Lan<le" eindringlichst predigen: 
'Jede Fichte rausche in ihrem Walde": "In der Fremde ist selbst der 
Frühling nicht schön"; Tn der Fremde ist selbst ein Kind ein Feind'; 'In 
der Fremde, wie im Sarge'. 'Dem Wandernden vergibt Gott" — wandern 
wird also wie eine selbstauferlegte Busse betrachtet: und hunderte von 
Mahnimgen gibt man dem Wanderer auf den AVeg: 'Wenn du auch auf 
einen Tag reisest, so nimm doch Brot mit für eine W^oche" und -Je lang- 
samer du reisest, desto weiter wirst du koninien" (unser 'Eile mit Weile). 
Besonders flösst das Meer dem Volk Schrecken ein; das kann nicht Wunder 
nehmen, wenn man bedenkt, dass es Jahrhunderte gedauert hat, bis die 



Das russische Volk in seinen Sprichwörtern. 81 

Russell sicli allinählicli bis zu den Ivüstenlinieu vorschoben und so mit 
dem Meere vertrauter werden konnten, und dass nach den erfolglosen 
Versuchen unter Alexej erst Peter der Grosse es war, der das russische 
Seewesen durch die Schaffung einer Flotte fest begründete. 'Schön ist 
das Meer vom Ufer aus', lieisst es, und 'Wer nicht auf dein Meere war, 
der kennt die Not nicht"; 'Je w^eiter vom 31eere, je weniger Not'. 

Dagegen singen viele Sprichwörter das Lob der weiteren, wie der 
engeren Heimat. Fast jede Stadt hat ihre Sprichwörter; von den russischen 
Hauptstädten wird gesagt: 'Nowgorod ist der Vater, Kiew die Mutter, 
Moskau das Herz. Petersburg das Haupt." Moskau — das Herz, darin 
spricht sich die ganze Liebe des Russen für seine alte Hauptstadt aus, 
der das moderne 'Piter\ wie sich das Volk den ihm schwer fallenden 
ausländischen Namen 'Peterbürg' mundgerecht gemacht hat, noch immer 
nicht den Rang streitig machen kann; Moskau, das viel besungene, das 
"Mütterchen', das 'weisssteinige', die Stadt mit den vierzig mal vierzig 
(sörok sorokov) Kirchen, berühmt nach den Worten eines Sprichwortes 
durch seine Frauen, seine Glocken und seine kalaci, einer Art bauchiger 
Kringel aus feinem Weizenteig. 'Moskau ist die Mutter aller Städte', 
sagt das Sprichwort, und 'Wer nicht in Moskau war, der kennt die Schön- 
heit nicht'. 'In Moskau findet man alles ausser Vogelmilch' (ein häufig- 
gebrauchtes Symbol für etwas Unmögliches), lautet ein Sprichwort; auf die 
Teuerung der Hauptstadt spielt ein anderes an: 'In Moskau hört man viel 
läuten, bekommt aber wenig zu essen'. 

Wie das russische Sprichwort so die Heimat vor allen Ländern preist, 
so gesteht es auch dem russischen Volke eine gewisse Superiorität vor 
allen fremden Völkern zu. "Nicht jeder ist Ivan Ivanovic (wobei die 
Sitte, sich mit Vornamen und Patronymikon anzureden, als typisch für 
die russische Nationalität betrachtet wird), sondern wem Gott es gibt", 
sagt man scherzend zu stammesfreniden Völkern, namentlich der uralisch- 
tatarischeu Rasse; und alle anderen Völker, mit denen die Russen in Be- 
rühruno- o^ekonimen sind, bestehen schlecht vor diesem russischen Selbst- 
gefühl. Der Pole wird bezmozglyj (hirnlos) genannt: 'Für ganz Polen 
hat eine Mücke Hirn gebracht'. "Der Pole lügt noch im Alter', heisst es, 
und auf die polnischen anarchischen Zustände spielt das Sprichwort an: 
'Wir sind hier nicht in Polen; der Mann gilt mehr als die Frau'. Nicht 
besser ergeht es dem Deutschen im Sprichwort, der wegen seiner Lieblings- 
speise im Volksmunde den Spottnamen 'Sausicechen', 'Wurst' oder 'Wurst- 
macher' führt: 'Wenn der Deutsche auch ein guter Kerl ist, es ist doch 
besser, man hängt ihn auf. Dass der Deutsche einst des Russen aufge- 
zwungener Lehrmeister in allen technischen Künsten war, das blickt noch 
durch in den Sprichwörtern: 'Der Deutsche hat für alles ein Instrument', 
oder scherzhaft gewendet: 'Der Deutsche fällt nicht einmal von der Bank 
ohne Kunststück', und: 'Der Deutsche ist schlau, er hat den Affen erfunden'. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1004. (j 



32 Berneker: 

Den ganzen Gegensatz zwischen den beiden Völkern drückt hart das 
Sprichwort aus: 'Was dem Russen gesund ist, ist für den Deutschen der 
Tod'. Heute wird es freilich nicht mehr in dem schlimmen Sinn, sondern 
mehr im Scherz gebraucht, etwa wenn der deutsche Gast mit etwas Miss- 
trauen vor einem russischen Nationalgericht sitzt; kein ^Yunder, er hat 
nicht die Zuversicht des Sprichworts: 'Ein russischer Bauch verdaut selbst 
einen Meissel'. 

Die Gerechtigkeit verlangt hier zu bemerken, dass der Russe anderer- 
seits auch nicht blind gegen die eigenen Fehler ist. So gibt es ein 
sehr bezeichnendes Sprichwort: 'Der Russe hält sich an drei Pfählen: 
'Möglicherweise', 'Unbesorgt' und 'Irgendwie", das in scharfer Selbst- 
erkenntnis den typischen russischen Charakterzug des laisser faire, laisser 
aller vor Augen führt. Die beiden ersten Wörtchen lauten russisch avösj 
und nebösj (aus ne bojsja, 'fürchte dich nicht!') und sind nur sehr an- 
näherungsweise als 'möglicherweise" und 'unbesorgt' zu übersetzen. Sie 
spielen eine grosse Rolle, wenn man sich vor einer Mühe oder Arbeit 
drücken will, in dem Sinne: 'Es wird auch so gehen!" Viele Sprichwörter 
befassen sich mit ihnen: 'avösj und nebösj sind leibliche Brüder; manclie 
warnen vor ihnen: 'Einem avösj vertraue nicht", und 'avösj windet das 
Seil, nebösj wirft die Schlinge'. 

Das nationale Selbstbewusstsein, das sich in den oben angeführten 
Sprichwörtern widerspiegelt, tritt auch auf mancher Seite der russischen 
Geschichte zutage, die von dem Hass und hermetischem Al)schluss gegen 
alles Fremde handeln muss, den erst Peter der Grosse nach hartem Kampf 
bezwungen hat. Voll davon sind auch die Briefe der alten russischen, von 
orientalischem Hochmut und Despotismus erfüllten Fürsten an die Herrscher 
des Westens. 'Du bist ein gemeines Mädchen', schreibt Ivan IV. Groznyj 
an die Königin Elisabeth von England; und an Erich XIV. von Schweden: 
Ich bin so hoch über dir, wie der Himmel über der Erde' (vgl. Brückner, 
Geschichte Russlands 1, 55). Und diese überschwengliche Vorstellung von 
der alles überragenden Gewalt des Zarentums findet ihr getreues Echo 
in den Sprichwörtern, die das russische Volk seinen Herrschern gewidmet 
hat: 'Des Zaren Hände sind lang, und des Zaren Auge reicht weit': 'Des 
Zaren Gut geht auf dem Wasser nicht unter und wird vom Feuer nicht 
verzehrt'; 'Wie nur eine Sonne am Himmel leuchtet, so der russische Zar 
auf Erden'. Er wird geradezu mit Gott verglichen: Wie Gott im Himmel, 
so der Zar auf Erden'; 'Ein Gott, ein Zar'; 'Ohne Gott steht die Welt 
nicht, ohne Zaren kann die Erde nicht regiert werden'; 'Wer ist nicht 
sündig vor Gott, wer nicht schuldig vor dem Zaren?' 

Und wenn im Lande nicht alles so steht, wie es soll, dem Herrscher 
misst das Volk die Schuld nicht bei: 'Wie die liebe Sonne nicht alle 
wärmen kann, so kann auch der Zar nicht für alle sorgen'. 'Der Himmel 
ist hoch und der Zar ist weit', sagt das bekannte Sprichwort, und auf 



Das russische Volk in seinen Sprichwörtern. 83 

diesem weiten Wege kann der Wille des Zaren manche Wandlungen er- 
fahren: 'Des Zaren Gnade geht durchs Sieb der Bojaren", oder 'Der Zar 
streichelt, aber die Bojaren kratzen". 

Nur eine Grenze der herrscherlichen Gewalt deutet das Sprichwort an: 
'Der Zar führt Tausende, Gott aber Tausende und den Zaren'. Damit 
kommen wir zu den Sprichwörtern, die von Gott und dem Yerhältnis des 
Menschen zu Gott handeln. 'Der Gott der Küssen ist gross', lautet ein 
Sprichwort, ähnlich wie unser 'Gott verlässt keinen Deutschen", und so 
preisen noch viele andere die Allmacht und Allgegenwart Gottes: 'Gottes 
Tau tropft auf die ganze Gotteserde"; 'Gott kannst du nicht betrügen, so 
früh du auch aufstehst". Er weiss und sieht alles: 'Gott hört, wenn er es 
auch nicht gleich sagt'; 'Gott wartet lang, aber straft streng". 'Mit Gott 
selbst über das Meer, und der Gegensatz dazu: 'Ohne Gott nicht bis zur 
Schwelle'. 'Das Koss unter uns, Gott über uns' ist ein altes Kosakenwort; 
und ähnlich lehren andere Sprichwörter, dass der Mensch nicht träge die 
Hände sinken lassen darf und warten, bis Gott eingreife, sondern dass er 
durch eigene Tätigkeit sich der Hilfe Gottes würdig zeigen soll. 'Yertrau 
auf Gott, aber tue das Deine!' 'Hüte dich selbst, so hütet dich Gott!' 
'Bete zu Gott, aber rudere selbst ans Ufer!' 

Zum Gebet mahnen zahlreiche Sprichwörter: 'Nicht vom Brot leben 
wir, sondern vom Gebet', und 'Wie die Kirche die Kerzen erleuchten, so 
das Gebet die Seele". Doch die Frömmigkeit muss echt sein: -Jeder be- 
kreuzigt sich, doch nicht jeder betet"; 'Nicht jeder ist ein Mönch, der eine 
Kapuze trägt'. 

Das Gebet allein vermag wider den Teufel zu helfen, der im Volks- 
glauben der Russen und demgemäss auch in den Sprichwörtern einen 
hervorragenden Phitz einnimmt. 'Wer sich ohne Kreuzeszeichen zu Tisch 
setzt, mit dem isst und trinkt der Teufel'. Der Teufel gilt als ebenso 
allo-eo-enwärtio- wie Gott: 'Wo Gott den Weizen sät, da sät der Teufel die 
Spreu'; er umschleicht den Menschen und lauert, dass er einen Eingang 
zu ihm finde: 'Vertritt dem Teufel die Tür, so steigt er zum Fenster her- 
ein'; 'Eben hat der Bauer Bier gebraut und schon steht der Teufel mit 
dem Eimer da'; 'Wer Böses denkt, mit dem denkt der Böse'. Hat er aber 
erst Besitz vom Menschen ergriffen, so wird man ihn nicht wieder los: 
'Lassest du den Teufel ins Haus, so bringt ihn kein Gebet heraus'; 'Stark 
ist der Böse, er bew-egt die Berge und schüttelt die Menschen wie Reisig- 
besen'. 

Der Mensch aber ist schwach und stets in Gefahr, der Versuchung 
zu unterliegen. 'Die Sünde ist süss und der Mensch fällt leicht'; 'Selbst 
ein Heilio-er fällt siebenmal am Tage'. 'Den Tag in Sünden, die Nacht 
im Schlaf, das ist nach dem Sprichwort das Resümee des Menschenlebens. 
Überall ist der Mensch von Versuchungen bedroht: -Er begann zu fasten, 
da fino- ihm der Bauch zu schmerzen an'; 'Sind Ziegen auf dem Hof, so 



g^ Berneker: 

s chaut der Bock über den Zaun ; 'Wenn es nur Krümchen gibt, so finden 
sich die Mäuse ein', und 'Ist nur ein Bett da, so lässt der Liebste nicht 
auf sich warten'. 

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach; dieser Wahrheit 
sind viele Sprichwörter gewidmet: 'Was dem Leib angenehm, ist der Seele 
zuwider'; 'Die Seele will ins Kühle, das Fleisch in die Badstube'; 'Der 
sündige Körper verzehrt die Seele'. 

Doch dieser Zustand der Schwäche den Versuchungen und der Sünde 
gegenüber bereitet dem einfachen Manne aus dem Volke keine Sorgen; 
er nimmt ihn als etwas Unabänderliches hin. Fein hat dies Tolstoj 
in 'Herr und Knecht' an der Gestalt des Nikita geschildert. Vom Schnee- 
sturm ereilt, den Tod vor Augen, wird er vom Gedanken an seine Sünden 
gepackt. „'Sünden?' dachte, er und erinnerte sich an seine Trunksucht, an 
das verprasste Geld, an die schlechte Behandlung seiner Frau, an die 
Schimpfwörter, die versäumten Kirchgänge, die ausgelassenen Fasten und 
alles das, was ihm der Pope bei der Beichte vorgehalten hatte. 'Gewiss 
habe ich Sünden. Aber bin ich denn selbst schuld daran? Hat Gott mich 
denn nicht zu dem gemacht, der ich bin? Nun gut, Sünden! Wie sollte 
ich mich vor ihnen retten?'" Stoische Ergebung in sein Schicksal, unbe- 
dingter Fatalismus ist ein hervorstechender Zug im Wesen und in der 
ganzen Lebensauffassung des russischen Volkes; er gemahnt so stark an 
orientalische Muster, dass sich der Gedanke nicht abw-eisen lässt, er sei 
ihm wilhrend der jahrhundertelangen Abhängigkeit von den orientalischen 
Unterdrückern eingeimpft worden. Wie oft ist dieser Charakterzug des 
Volkes von feinen Beobachtern in der Literatur dargestellt worden! Man 
erinnere sich an die Szene aus Gogoljs 'Toten Seelen', wo der getreue 
Kutscher Selifan in der Trunkenheit seinen Herrn Cicikov mit dem Wagen 
umgeworfen hat. Die Drohungen des Herrn machen auf den Braven nicht 
den mindesten Eindruck. 'Wie es Euer Gnaden gefällig ist', antwortete 
der mit allem einverstandene Selifan, 'wenn icli ausgepeitscht werden soll, 
so werde ich eben ausgepeitscht; ich liabe nichts dagegen. AVarum sollte 
ich nicht die Peitsche bekommen, wenn ich es verdient habe; das steht 
dem Herrn frei. Gewiss muss ge])eitscht werden, wenn der Bauer über- 
mütig wird; die Ordnung muss eingehalten werden. Ist es verdient, so 
peitsche nur; warum nicht peitschen?' Und wenn wir neben dem Humor, 
der in dieser Schilderung liegt, auch den Ernst zu Wort kommen lassen 
wollen, so denken wir noch einmal an jenen Nikita in Tolstojs 'Herr und 
Knecht'. AVelche verzweifelten Anstrengungen macht vergeblich der reiche 
Kaufmann, um dem drohenden Tode in der nächtlichen Schneewüste zu 
entgehen! Unterdes hat sich Nikita unter dem Schutz des Schlittens hin- 
gekauert und ergibt sich, während die Schneestürme toben, ruhig in das 
unabänderliche Geschick. „Der Gedanke daran, dass er noch in dieser 
Nacht sterben könne und sogar aller Wahrscheinlichkeit nach werde, kam 



Das russische Volk in seinen Spricliwöiterii. 85 

ihm wohl, doch erschien er ihm weder besonders unangenehm, noch he- 
sonders schrecklich. Nicht besonders unangenehm erschien er ihm deshalb, 
weil sein ganzes Leben ja kein beständiger Feiertag gewesen war, sondern 
im Gegenteil, ein beständiger Dienst, wovon er anfing müde zu werden. 
Nicht besonders schrecklich aber war er ihm deshalb, weil er ausser von 
den Herren, wie Vasilij Andrejevic, denen er liier diente, sich ständig in 
diesem lieben in Abhängigkeit von jenem grossen Herrn fühlte, der ihn 
in dieses Leben gesandt hatte; und er wusste, dass er auch beim Sterben 
in der Gewalt dieses Herrn bleiben, und dass dieser Herr ihm kein Un- 
recht zufügen würde. 'Ist es schade, das Durchlebte, Gewohnte aufzu- 
geben? Nun, was soll man tun, man wird sich auch an das Neue ge- 
wöhnen!'" 

So könnte man nun auch Seiten und Seiten von Sprichwörtern an- 
führen, die von dem Fatalismus des Russen Zeugnis ablegen. 'Man 
sieht, so wurde es mir bei der Geburt geschrieben", damit begegnet er 
allen Schicksalsschlägen. 'Was sein soll, das geht nicht vorüber', und 
'Zwei Tode gibt es nicht, aber einem kann man nicht entgehen'. Nemo 
sortem suam effugere potest — das begegnet oft und in der verschiedensten 
Gestalt im russischen Gewand: 'So munter das Füllen auch springt, einmal 
kommt es doch unter den Halfter'; 'Wer verbrennen soll, der ertrinkt nicht'; 
'Der Wolf frisst das ihm bestimmte Schaf; 'Er durchschwamm das Meer 
und ertrank in einer Pfütze'; 'Ein dir nicht bestimmter Bissen fällt dir 
noch aus dem Munde'; 'Laufe vor dem Wolf, und du triffst auf den 
Bären'. 

Denn mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten; 
man weiss nie, was das Leben bringen wird. 'Bettelsack und Gefängnis 
verleugne nicht' (d. h. denke, dass du einst an den Bettelstab oder ins 
Gefängnis konmien kannst); es geht oft ganz anders, als man es sich ge- 
dacht: 'Korn säten wir, und Melde ernteten wir'; 'Sie wollte den Schleier 
nehmen und kam unter die Haube'. Das Glück geht mit dem Unglück 
Hand in Hand: 'Glück und Unglück wohnen Hof an Hof oder 'Glück 
und Unglück fahren auf demselben Schlitten'. Darum ruft das Sprichwort 
auch mahnend dem Glücklichen zu: 'Der du auf dem Rade sitzest, denke, 
dass du auch unter das Rad kommen kannsf , oder 'Geboren auf freiem 
Felde, gestorben im dunkeln Wald'; denn 'erst der Abend zeigt, wie der 
Tag war". 

Dem Kinde aber wünscht man: 'Werde nicht klug, nicht schön, werde 
glücklich geboren'; denn Glück hat auch nur der im Leben zu erwarten, 
dem es bei der Geburt bestimmt ward. 'Das Glück ist kein Pferd, man 
kann ihm nicht den Halfter auflegen'; 'Das Glück ist kein Knecht, du 
kannst es nicht beim Schöpfe herbeiziehen'; 'Glück bekommst du für Geld 
nicht zu kaufen'. Wer Glück hat, der braucht für sein Wohlergehen nicht 
zu sorgen. 'Wem es bestimmt ist, dem legt selbst der Hahn Eier, gibt 



gg Berneker: Das russische Volk iu seiueu Sprichwörtern. 

selbst der Stier Milch*; 'Der Glückliche findet Verlorenes selbst im Meer'. 
Wer Glück hat, der findet nach dem Sprichwort selbst für eine verfaulte 
Ware einen blinden Käufer, der verscheucht mit einem Stein zwei Hunde, 
und wenn er mit anderen aus einer Schüssel isst, so laden sich ihm zwei 
Pilze auf den Löffel und der dritte klebt noch am Stiel. 

Wie anders ergeht es dem, der bei der Geburt zu Unglück ver- 
dammt ist! Mit grossem Humor zeichnen die russischen Sprichwörter 
höchst anschaulich das Geschick des Pechvogels. 'Er wollte dem Stein 
ausweichen und fuhr auf den Baumstumpf; 'Er wollte den Hirsch bei 
den Hörnern packen — da lief er in den Wald'; 'Wolle wollte er holen 
und kam selbst geschoren heim'; 'Er hatte eine Stute, aber keinen Halfter; 
als er den Halfter hatte, war die Stute weg"; 'Eine Brotrinde hatte er, 
und an der ist er erstickt'; 'Es lief ihm über den Bart, kam ihm aber 
nicht in den Mund'. Neidvoll blickt ein solcher Unglücklicher auf die 
Glücklichen, denen alles nach Wunsch geht: 'Du hast es geträumt, an 
ihnen hat es sich erfüllt'; 'Andere rasieren sich mit dem Meissel, bei uns 
nimmt selbst das Rasiermesser nicht die Haare'; und tröstet sich höchstens 
mit einem Sprichwort, dass meist die das Glück haben, die es nicht ver- 
dienen: 'Die wackersten Burschen kriegen keine Frau, und die schönsten 
Mädchen bleiben sitzen.' 

Es ist etwas Geheimnisvolles um das Glück. •Glück — Frühlings- 
wetter' sagt ein Sprichwort und will damit andeuten, dass es auch die 
Unbeständigkeit mit ihm teilt. 'Glück und Unglück sind wie Sonnenschein 
und Regen'; aber das letztere überwiegt, im Leben: 'Das Unglück schreitet 
nicht durch den Wald hindurch, sondern durch die Menschen'. Es pocht 
an jede Pforte, und ist es erst einmal da, so wird man nicht so leicht 
davon befreit. 'Das Böse kommt pfundw^eise, das Gute tröpfelt lotweise'; 
'Das Unglück ist wie das Meer; du kannst es weder durchschwimmen 
noch ausschlürfen'. Ein Unglück kommt selten allein, diese Wahrheit 
belegt auch das russische Sprichwort: 'Ein Unglück ruft sieben andere 
herbei'; 'Ein Unglück begleitet das andere, und das dritte kommt von 
selbst gelaufen'. Doch weiss das Sprichwort auch mit einem gewissen 
Galgenhumor in der Not zu trösten: 'Ist die Kuh gefallen, nun, so ist 
wenigstens der Stall leer'. Es kann noch immer schlimmer kommen: 
'Nicht das ist Not, wenn im Roggen Melde wächst, sondern das ist Not, 
wenn weder Roggen noch Melde wächst'. Geduld und Hoffnung sind die 
besten Mittel gegen alle Not: 'Sorge nicht; die Mühle dreht sich, alles 
wird Mehl werden"; 'Auch in unserer Gasse wird einmal Feiertag sein'. 
'Die liebe Sonne kommt auch einmal an unsere Fenster"; 'Wenn die Zeit 
kommt, so schlägt auch die Uhr'; 'Der Lebende bleibt nicht ohne Stätte, 
der Tote nicht ohne Grab'. 'So lange du lebst, so lange hoffe", lautet 
ein Sprichwort, und viele führen diesen Gedanken näher aus: 'Halt aus, 
Kosak, einst wirst du Hetman sein'; oder ins Kirchliche gewendet: 'Wer 



Dieterich: Neugriechische Eätseldichtuug. 87 

nicht Glöckner war, kann auch nicht Küster sein': oder in militärischer 
Einkleidung-: 'Ein schlechter Soldat, der nicht hotft, General zu werden'. 
Und wie unser: 'Steter Tropfen höhlt den Stein' zur Ausdauer mahnt, so 
das russische: 'Der Specht hämmert selbst die Eiche durch'. 

Prag. 

(Schluss folgt.) 



Neugriecliisclie Eätseldiclituiig. 

Von Karl Dieterich. 



Drei Ausdrucksformen hat sich das Volk geschaffen, durch die es die 
Bedürfnisse seines Herzens und seiner Phantasie zu befriedigen trachtet: 
das Lied, das Märchen und das Rätsel. Das Lied ist das zarteste und 
heimlichste der drei Gewächse; es ist das einzige, das sich an das Indi- 
viduum selbst wendet und an seine feinsten Seelenfasern rührt, wie es 
dem innersten Gemüt entquollen ist. Im Gegensatz dazu sind das Märchen 
und das Rätsel aus dem sozialen Bedürfnis erwachsen, sich und anderen 
die Zeit heiter zu vertreiben; daher steht ihre Blüte nicht in den dunklen 
Tiefen des Herzens, sondern auf den sonnigen Höhen der Phantasie. 
Während aber diese im Märchen fast losgelöst erscheint von der Natur 
und in weltfernen AVunderländern umherschweift, klanmiert sie sich im 
Rätsel fest an die Natur, indem sie sich in sie hineinsaugt wie der Falter 
in die Blüte, und sich dabei leichter einfangen lässt. Aber auch dadurch 
unterscheidet sich das Rätsel, dass es nicht nur rein objektive Natur- 
phantasie darstellt, sondern auch dadurch, dass uns die schaffende Phantasie 
selbst im Rätsel gleichsam in ihrem elementaren Schaffen entgegentritt, 
uns ihre einfachsten, aber auch anschaulichsten Vorgänge gleichsam vor- 
demoustriert. 

Der Prozess, der beim Raten eines Rätsels sich vollzieht, ist derselbe, 
der in der Psychologie unter der Bezeichnung der Apperzeption bekannt 
ist: ein nicht direkt genanntes Objekt soll gefunden werden, indem ein 
anderes dafür eingesetzt wird, das mit jenem bestimmte Kennzeichen 
gemein hat, an das es erinnert. Ich sehe ein Ei und weiss, dass darin 
eine Flüssigkeit enthalten ist. Durch diese seine Eigenschaft, zum Teil 
auch durch seine Form erinnert es an ein mit Bier gefülltes Fass; in dem 
Ei ist aber eine doppelte Flüssigkeit, und so ergibt sich das bekannte 
Volksrätsel: Was ist das für ein Fass, in dem zweierlei Bier (oder Wein) 



88 Dieterich: 

ist? — Der Begri-ff 'Ei' wird also hier durch den Begriff 'Fass' apper- 
zipiert. Auf dem Vorgang der Apperzeption beruht ja die ganze Ge- 
staltungskraft der dichterischen Phantasie: ein Bild fällt in das Bewusst- 
sein, dort ruft es ein anderes, ähnliches hervor und wirft dieses wieder 
zurück, projiziert es gleichsam in die Wirklichkeit hinein. Diese Phantasie- 
projektiou bildet nun einen der Hauptreize bei der Betrachtung des Yolks- 
rätsels: es zeigt uns die Tätigkeit der gestaltenden Phantasie des Dichters 
gleichsam im Kern. 

Neben dem psychologischen Interesse weckt das Volksrätsel auch ein 
hohes kulturgeschichtliches; dieses ist bedingt durch den Stoff, die 
Erscheinungsformen, die die Aussenwelt der Phantasie zur Yerfügung stellt 
und mit denen sie nun ihr freies Spiel treibt. Beide, die realen Gebilde 
draussen und die nach ihrem Vorbilde geschaffenen IS^achbilder der Phantasie, 
haben ihre Wurzel einesteils in der Xatur, anderuteils in der Kultur des 
betreffenden Landes und Volkes: was für sie charakteristisch ist, wird auch 
im Volksrätsel zur Erscheinung kommen, und hierin liegt sein kultur- 
geschichtlicher Wert. Mehr noch als in den verglichenen Xaturformen 
selbst, die ja wohl bei allen Völkern die gleichen sind, kommt dieses 
Charakteristische heraus in den zur Veranschaulichung herangezogenen 
Kulturformen; in diesen erst offenbaren sich die Unterschiede im inneren 
Leben der Völker, das, was ein jedes zur Eigentümlichkeit ausgeprägt hat, 
ihm einen bestimmten Stempel aufdrückt. 

Jene allgemeinen psychologischen und diese besonderen kulturgeschicht- 
lichen Tatsachen wollen wir uns nun zu veranschaulichen suchen an dem 
Beispiel des neugriechischen Volksrätsels, nicht als ob dieses irgend eine 
isolierte oder gar bevorzugte Stellung einnähme innerhalb des indogerma- 
nischen Rätselschatzes, sondern weil es typisch ist für eiiu^ ganze Gruppe 
von Rätseln, nämlich für die der Balkan Völker. Dass diese eine Kultur- 
einheit bilden, hatte ich schon bei Gok^genheit der Behandlung des Volks- 
liedes in (lieser Zeitschrift (13, 145. '212. 403) nachzuweisen sowie auch 
wahrscheinlich zu machen gesucht, dass. wo Übereinstimmungen zwischen 
ihnen auftreten, sie den Griechen als Eigentum zuzuschreiben sind, weil sie 
das älteste Kulturvolk der Halbinsel sind. Habe ich auch diese Probe 
noch nicht auf das Rätsel gemacht, so ist doch nicht anzunehmen, dass 
dieses eine Ausnahme bilden sollte. Wir könnten also auch sagen, dass 
wir es im folgenden mit den Volksrätseln des Balkans zu tun haben, in 
denen natürlich wiederum ein guter Teil auch des gemeineuropäischen 
Rätselgutes steckt. Es wäre jedenfalls lohnend, für die griechischen Rätsel 
das Prinzip durchzuführen, das ich auf die neugriechischen Sprichwörter 
anzuwenden versucht habe, sie einzuteilen 1. in solche, die in ganz Europa 
verbreitet sind, 2. in solche, die auf den Balkan beschränkt sind und 3. in 
solche, die nur Griechisch sind. Im alloemeinen habe ich mich bemüht. 



Neugriechische liätscldichtiinjr. 8i' 

möglichst solche Rätsel herausziiüreifoii. die für die (irieclien charak- 
teristisch sind/) 

Auffallend A-iele Rätsel haben (h'n -lahreslauf zum Gegenstand; sie 
eröifneten der Phantasie ein weites Feld, indem sie das Verhältnis des 
Jahres zu den zwölf Monaten und dieser zu den dreissig Tagen in höchst 
poetischer Weise zu erfassen sucht durch Vergleiche aus dem Pflanzen-, 
Tier- und Menschenleben sowie ans dor Kunst. Da wird das Jahr ge- 
dacht als ein Baum und gefragt: Welches ist jener Raum, der zwölf grosse 
Äste hat und die Aste treiben Blätter, von der einen Seite schwarz, von 
der anderen weiss (Syll. Konst. 18, 219)? — Oder mit einem Bilde aus 
dem Tierleben: 360 Kraniche und 30 Tauben sitzen in 12 Nestern und 
brüten auf einem Ei (NA 1, 327). Sehr eigenartig ist der Vergleich der 
12 Monate mit Rossen und der 13 Monde mit Krippen (Stamatiadis 5. 181). 

Sehr beliebt ist folgendes Bild aus dem Familienverhältnis: Ein Vater 
hat 12 Söhne, und jeder Sohn trägt auf seinem Rücken 30 Töchter, von 
<lenen jeden Abend eine stirbt nnd jeden Morgen eine andere geboren 
w4rd (Stamatiadis 5, 182), oder (in einer Variante) von denen die Hälfte 
weiss und die Hälfte schwarz sind, und während sie unsterblich sind, 
doch alle zusammen sterben. Jahr nnd Monat allein werden auch als 
Bauwerke gedacht, als ein zwölffacher Turm, dessen Steine Namen haben 
(Kanellakis 181, 1)7) oder als ein Schiff' mit 12 Segeln, von denen jedes 
seinen Namen trägt (Stamatiadis 5, 181). Kaum volkstümlich scheint mir 
die Vorstellung des Jahres als eines Tempels, der auf 12 Säulen ruht, von 
denen jede aus 30 Balken besteht^) (Stamatiadis 5, 184). 

1) Das Material zu den mitgeteilten Riitselu habe ich grösstenteils der bisher um- 
fassendsten Sammlung von Politis u. a. in den Nsoslhp'iy.a 'AväÄey.rn (NA) 1, IIK» — "2ö(> 
entnommen: lerner für Rätsel aus bestimmten Gegenden der von Kanellakis, Xiaxa 
'Aröley.iu (Athen 1890) S. IGltf., von Stamatiadis, 2,«/«/«;^« Bd. .3 (Samos ISUl), S. 177 
bis 190 sowie mehreren kleinen Sammlungen, die in der Zeitschrift des Griechischen liter, 
Vereins in Konstantinopel (Syll. Konst.) zerstreut sind (Bd. 8, .jGO. 399. 489. .")lo. .324; 
9, 350: 14, 205ff.; 18, 179ff.;" 21, 3(;3ff. MvtjfifTa 1, 18fr. 19()fl". 371ff. 4i;Jff.). Die bei 
Georgakis et Pineau, Folklore de Lesbos (1891) und G. F. Abbott, Macedonian Folk- 
lore (1903) bringen keine wesentlich neuen Züge hinzu. Eine zusammenfassende Publikation 
der griechischen Rätsel fehlt noch. Eine historische Studie über diese hat ebenfalls Politis 
vcrölfentlicht im S. Bande der griech. genannten Zeitschrilt S. öl."! ff., sowie Destunis im 
(russischen) Journal des Minist, für Volksauf klärung Bd. 270, (Ui— 98. 2(J2-29(), dessen 
Studie mir aber nicht zugänglich war. 

2) Dieses Rätsel geht tatsächlich auf eine literarische Quelle zurück, nämlich auf 
Kap. 23-32 des 2. 'J'eils der Biographie des Aesop. Darin geben die Weisen von Babylon 
dem Aesop drei Rätsel auf, von denen das zweite ziemlich genau dem unsrigen entspricht. 
Vgl. A. Wünsche, Das Ratsei vom Jahr; Ztschr. 1'. vgl. Literaturgesch. n. F. 9, 42öfi'. Von 
ähnlichen Rätseln bei anderen Völkern ist mir bekannt ausser den bei Wossidlo S. 277 zu 
No. 35— 3(; nachgewiesenen Parallelen aus dem Indischen, Pers., Griech., Arab., Türk., 
Lit., l^ett., lYanz., Schwed. und Fries.: ein südrumänisclies bei Weigand, Aroniunen 2. 
269if. (das Jahr als Baum mit schwarzen und weissen Blättern); die dakorumänischen bei 
Gorovei, Ciiniliturile Romänilor (Bukarest 1898) No. (iO— (18 (Vergleich des Jahres mit 
«inem Baum); dort werden zu No. ()6 noch ein venezianisches und zwei katalanische 
Rätsel angeführt, die in Wossi(Uos laste nachzutragen sind. 



90 Dieterich: 

Das Kirchenjahr gewinnt durch die Fasteuzeit für den streng- 
gläubigen Griechen eine besondere Bedeutung, die sich auch in einem 
Yolksrätsel sinnvoll verbildlicht hat: „Ein Öalatkopf mit 50 Blättern und 
7 Herzen, und in den 7 Herzen sitzt eine rote Rose'' (NA 1, 'J54). (Die 
50 Blätter sind die 50 Fasttage vor Ostern, die 7 Herzen die Sonntage 
dieser Zeit, und die rote Rose ist das Osterfest^).) Das bei den Griechen 
sehr beliebte Spielen mit heiligen Zahlen in seiner Yerquickung mit der 
naiven Phantasie des Bauern hat auch zu folgendem Rätsel geführt, das 
an ein biblisches Gleichnis erinnert: 12 Rinder, -k Säer, 150 Schnitter, 
und das ganze Land machte nur eine Ernte von 3 Scheffel Weizen (NA 1, 
214). (Die 12 Apostel, die 4 Evangelisten, die 150 Palmen und die gött- 
liche Dreieinigkeit.) 

In dem Reiche der Natur hat der Anblick des gestirnten Himmels 
eine ganze Reihe von Rätseln hervorgerufen, die ihn bald unter dem Bilde 
eines silberbeschlagenen Zeltes erscheinen lassen (NA 1, 231), bald, und 
häufiger, unter dem eines Feldes oder Gartens voll Melonen, Zitronen 
oder Äpfeln, von denen zwei, Sonne und 3Iond, besonders gross sind 
(NA 1, 336).^) Das Verlöschen und Entzünden der Sterne wird hübsch 
angedeutet in dem folgenden Rätsel: Ich hatte einen Apfelbaum, der trug 
viele Äpfel; Tags verlor er sie. Nachts fand er sie wieder (NA 1, 308)/) 

Von den beiden Hauptgestirnen beschäftigt für sich allein die Phantasie 
nur die Sonne, und zwar wird sie in sehr realistischer Weise aufgefasst 
als ein Stück Butter auf einem Blech oder Teller, das die ganze Welt 
bestreicht (NA 1, 194). Ähnlicli werden Sonne und Mond zusammen 
dargestellt als zwei Fische in einem Tiegel, von denen der eine warm, der 
andere kalt ist (Syll. Konst. 18, 120f.). Eine persönliche Auffassung von 
Sonne und Mond liegt dem folgenden Rätsel zugrunde: Zwei sind unbe- 
weglich, und zwei laufen nur, und zwei haben unversöhnlich Streit (Stama- 
tiadis 5, 181).'*) Andere Sonnenrätsel beziehen sich auf das Auf- und 
Untergehen der Sonne: Es irrt durch die Welt, über Wasser und Lauil, 
es stürzt sich vom Berge, es fällt und zerbricht nicht (NA 1, 342). 

Diesen Schluss hat auch ein Rätsel vom Wasser, von dem es heisst: 
Es glitzert wie Glas, es fällt nieder und zerbricht nicht (NA 1, 280). 



1) Ein wenigstens annähernd, dem Sinne nach übereinstimmendes, aber nicht so 
poetisch durchgeführtes sizilisches Rätsel bei Pitre, Hibl. delle tradiz. popolari siciliane 
20, No. löl. 

2) Vgl. das albauesischc Rätsel bei Pederscn. Zur .illuiii. Volkskunde \S\)S S. ](t9, 
No. 14: Eine Ebene voll roter Blumen. 

o) Dem Sinuc nach entspricht dem letzten das südrumänische Rätsel bei Papahagi 
in .den Jahresber. des Rumän. Seminars in Leipzig 'J, 181 ff., No. "iU: Wenn die weisse 
Bruthenne kommt, zerstreut sie alle Vögel, aber die schwarze nimmt sie au ihre Brust 
und bedeckt siü liebevoll. 

4) Ähnlich rumänisch bei tJorovei No. 172(): Es sind zwei Schwestern, die den 
ganzen Tag lauten imd sich nicht einholen. 



Neugriechische Eätseldichtun^. " ül 

Oder vom Fluss: Es läuft und läuft und kehrt nicht zurück.*) Auffallend 
ist, dass das Meer die Phantasie des Griechen nicht besonders stark zu 
erreo-en scheint. Es ist mir nur ein, iinil zwar nicht sehr originelles Rätsel 
darauf bekannt: Eine Decke breitet sich, auf die Erde wälzt sie sich, doch 
noch öfter brüllet sie (Kauellakis 179, 90). Der niederfallende Kegen 
oder Hagel erscheint als 100 000 Nonnen, die in einem Reigen tanzen 
(NA 1, 238), der Schnee als etwas, das weiss ist wie ein Ei und rund 
wie Pfefferkörner (NA 1, 199, 35). Treffender charakterisiert den flüchtigen 
und vergänglichen Charakter des Schnees ein Rätsel aus byzantinischer 
Zeit: ,,Du packtest mich, und doch floh ich; du siehst mich fliehen und 
kannst mich nicht halten; du drückst mich in die Hand, aber ich entrinne, 
und deine Faust bleibt leer."^) 

Den Ursprung und die Natur des Salzes wird in dem treffenden 
Bilde eines Lebewesens geschildert: Wasser erzeugt mich, und in der 
Sonne ernähr' ich mich, doch sehe ich meine Mutter, so fair ich in Ohn- 
macht (oder: so kost' ich den Tod) (Stamatiadis 5, 185).'^) Oder es er- 
scheint bei seiner Unentbehrlichkeit als „ein Kraut, das nicht gesäet und 
nicht gepflanzt wird und durch die ganze AYelt wandert'- (Stamatiadis 
5, 190).*) 

Von den übrigen Elementen spielt auch im Rätsel die grösste Rolle 
das Feuer. Dem Wasser gegenüber kann es sich nicht behaupten, daher: 
Es frisst Holz und ernährt sich, es trinkt Wasser und verzehrt sich (Stama- 
tiadis 5, 189). — Die verzehrende Gewalt des Feuers wird auch verbild- 
licht durch einen roten Vogel; wohin er sich stürzt, da wird kein Gräschen 
spriessen (NA 1, 167).^) Das flüchtige Wesen des Feuers wird formuliert 
als ein Ding, das steht, frisst und flieht zugleich (NA 1, 210). Seiner 
Doppelnatur nach ist es „klein wie eine Fliege, gross wie ein Kamel, 
süss wie Honig, bitter wie Gift" (Stamatiadis 5, 185). Das Gegenseitig- 
keitsverhältnis zwischen dem Feuer, der Asche und dem Rauch wird be- 
trachtet in einem Bilde von drei Brüdern: der eine (Feuer) frisst und 
wird nicht satt; der andere (Rauch) flieht und kehrt nicht wieder; der 
dritte (Asche) schläft und fühlt nicht (Stamatiadis 5, 183). Oder: der 



1) Ähnlich albanesisch bei Pedersen S. 109, No. IC: Einer, der Tag- und Nacht 
weiter schreitet und doch nicht müde wird. 

-J) Vgl. Krumbacher, Gesch. der byzant. Lit.- S. l'.'ü. Ein südrumän. Eätsel auf den 
Schnee, das wahrscheinlich auch griechisch ist, lautet: „Eine grosse Decke bedeckt die 
ganze Erde, aber nicht das Meer" (Jahresber. des Rumän. Seminars in Leipzig 2, 181 ff. 
No. (j.>) und entspricht dem mecklenburgischen bei Wossidlo No. 22, der dnzu auf mehrere 
niederdeutsche und eine französische Variante verweist (S. 275 f.). 

3) Fast ebenso, nia- ohne Anwendung des verwandtschaftlichen Verhältnisses, auch 
das sizilische Rätsel bei Pitre No. 704. 

i) Die Auffassung des Salzes als ein Kraut sizilisch bei Pitre No. 70.'); das Motiv 
der Weltwanderung ebenda No. 701», Vers 2. 

5) Ähnlich rumänisch, nur statt des roten Vogels ein roter Ochs: Gorovci No. 788 
bis 790. 



92 Dieterich: 

eine arbeitet, der andere flieht, der dritte ssitzt/) Der Rauch allein 
erscheint der Phantasie nicht wie bei uns als eine Säule, sondern als ein 
„langer, langer Mönch, der keine Knochen hat", oder als einer, der keine 
Seele hat und zum Himmel aufsteigt (Papazafiropulos, üegiowaycoy)], Patras 
1887, S. 137).') — Wo von Rauch und Feuer die Rede ist, darf auch die 
Zigarette nicht fehlen; auch ihrer hat sich die Phantasie bemächtigt, 
wie es bei dem rauchlustigen Orientalen nicht anders möglich ist. Sie 
wird bald aufgefasst als ein in ein Leichentuch gehüllter Toter, der 
halb im Himmel, halb auf Erden isf*), bald mit einem anmutigeren Bilde 
als ein blondhaariges Mägdelein, mit einem Körper so weiss wie Milch; 
ich gebe dir zehn Küsse in der Minute und werde deiner nimmer satt 
(Kanellakis 165, 14). 

In der Pflanzenwelt sind es weniger die totalen und vorüber- 
gehenden Erscheinungen als die einzelnen und bleibenden, zugleich nütz- 
lichen, an denen sich die Einbildungskraft erprobt, also weniger Bäume, 
Blätter und Blüten als Früchte und die daraus gewonnenen Produkte. 
Yon Bäumen scheint nur die besonders auf Samos noch waldartig vor- 
kommende Pichte der Phantasie Nahrung gegeben zu haben; von ihr 
heisst es: „Wie ein Meer rauscht es. und ein Meer ist es nicht; Schweins- 
borsten hat es, und ein Schwein ist es nicht" (Stamatiadis 5, 187). 
Was die Blätter kennzeichnet, fasst ein aus feiner Beobachtung hervor- 
gegangenes Rätsel prägnant so zusammen.: „Als ich jung war, lief ich 
nicht, jetzt, wo ich alt l)in. lauf ich" (Kanellakis 182, 106). ■*) — Von 
den Früchten haben, wie begreiflich, diejenigen die meisten und phan- 
tasievollsten Rätsel auf sich vereinigt, die für den Griechen die wichtigsten 
und häufigsten sind: die Weinrebe und die Olive. Das Verhältnis vom 
Stock zur Traube und von dieser zum Wein wird geistvoll symbolisiert 
durch ein genealogisches Bild aus dem Menschenleben: eine schwarze (oder 
schief halsige) Mutter'), eine goldene Tochter, ein dämonischer Enkel 
(NA 1, 56).**) Ein anderes Rätsel ist dem Hirtenleben entlelmt: schwarz 



]) Den beiden letzten entsprechen die niocklenhuroischen bei Wossidlo No. löl, der 
ausländische Pai'allelen dazu nicht anführt, obwohl bei Franzosen und Italienern «janz 
ähnliche Rätsel vorkommen; s. Rolland, Deviuettes No. 155. Es ist auch hinzuzufügen 
Pitre No. "2;»;i, wo Feuer und Rauch aufgefasst werden als zwei Brüder, die Asche als 
Schwester. Auch rumänisch: Gorovei No. 823 — 82(i. 

•i) Ebenso südrumäuisch: Jahresber. des rumän. Seminars 2, 181 No. "J:!. Äbnlich 
auch dakorumän.: Gorovei No. 821. 

.'») Ähnlich das sizilischc Hätsel vom Rauch: es ward geboren auf Erden und stirbt 
im Himmel (Pitre No. 298). 

4) Ähnlich rumänisch: Gorovri No. 8<»4. Französisch: Rolland, Deviuettes No. 88. 

5) Wegen des schwarzen, verkrüppelten AstAverkes der nicht an Stöcken empor 
gerankten, sondern am Boden kriechenden Rebe. 

G) Ganz ähnlich das italienische Rätsel oben (1, 27Gfl". No. 75 und die sizilischc 
bei Pitre No. 909, sowie die rumänische bei Gorovei No. 1939 — 1911, nur dass hier von 
Vater, Mutter und Tochter die Rede ist. Das griechische scheint mir das Verhältnis 



Ni'ugriecliisclic Rätseldichtunj^. 93 

und weisse Schafe (die Trauben) und ein Hirt von Holz (der Rebeiistainm): 
(NA 1, HG). Das Verhältnis des Weines zum Mensclien wird so gefasst: 
„Steck' mich in das Fa«s, Nimmst (hmn mich, so oft du willst; Stecke 
mich in deinen Mund, Nehm' dann dich, so oft ich will" (Syll. Konst. 
MvrjiLieia 1, 413). — Den ganzen Lebenslauf einer Olive schildert das 
Rätsel: „Meine Tante, die Nonne, wiegt sich im Winde voll Wonne (die 
Olive am Baum), schlummert dann in den Kirchen (die zu Ol gepresste 
Olive)*), und ihre lieiFgen Gebeine — fressen die Schweine" (die fort- 
geworfenen Kerne) (NA 1, 245). Oder wie bei der Rebe wird Baum und 
Frucht als Mutter und Tochter betrachtet, die beide den gleichen Namen 
tragen; die Mutter gebiert, und die Tochter wird gemolken (ausgepresst): 
NA 1, 246. Oder es wird auf das immergrüne Laub der Olive angespielt: 
Ich weiss eine alte Mutter, die wechselt nie ihr Kleid: NA 1, 340. Auf 
Verbildlichung durch menschliche Verhältnisse beruhen auch mehrere 
Rätsel von der Nuss und ihrem vierfachen Kern. Da heisst es: Vier alte 
Kinderchen (oder gute Brüderchen) in einen Sack gesteckt. Oder: Ich 
zerbreche einen Baum, finde Braut und Bräutigam, Schwiegermutter, 
Schwiegervater (Papazafiropulos S. 321). Weniger charakteristisch ist: 
An einem Baum hängt eine verschlossene Kiste (NA 1, 93). — A'on 
sonstigen Baumfrüchten scheint sich das Rätsel nur der Feige und der 
Kastanie bemächtigt zu haben. Die Feige macht der naiven Phantasie 
folgenden Eindruck: Oben ein Fell und unten ein Fell, und in der Mitte 
Hirse mit Honig (Stamatiadis 5, 178). Bei der Kastanie fallen besonders 
die drei Farben auf: Von aussen schwarz, von innen rot und noch mehr 
innen weiss (ebd. 178).^) — Wer im Orient gelebt hat, weiss, welche 
Rolle die Wassermelone spielt mit ihrer grünen Schale, ihrem saftigen 
rosa Fleisch und der Unmasse ihrer bohnenförmigen schwarzen Kerne. 
Damit treibt die Phantasie nun ihr mannigfaches neckisches Spiel: sie 
sieht darin ein Steingefäss mit kaltem Wasser und schwarzen Fischchen 
(NA 1, 41), oder einen grünen Turm mit roten Zellen und schwarzen 
Mönchen darin (ebd. 1, 42), oder endlich ein grünes Papier, rote Tinte 
und schwarze Buchstaben (Stamatiadis 5, 187}. (Der letzte Vergleich ist 
jedoch nicht gut durchgeführt.) — An Zwiebel, Rettig und Pilz fordern 
dieselben Merkmale zur Rätselbildung auf wie bei uns: bei der Zwiebel 
die sieben Häute, die als Kleider erscheinen, beim Rettig die weisse 
Farbe, die als Käse erscheint, sowie bei beiden der Strunk, der bald als 
Bart, bald als Schwanz einer Maus gedeutet wird (NA 1, 248). Der Pilz 



zwischen Eebe, Traube und Wein treffender zu kennzeichnen. Der genealogische Ver- 
gleich auch in einem Rätsel bei Wossidlo No. 149, der in der Anmerkung dazu bemerkt: 
„bisher nicht bekannt''. 

1) Die Beziehung auf das Öl der Kirchenlarapen auch sizilisch bei Pitre No. 523a. 

2) Diese Farbenfolge wird sonst im Yolksrätsel der Nuss zugeschrieben; vgl. Gorovei 
No. 1217 und die dort zitierten Parallelen aus dem Franz., Katal., Elsäss., Engl. 



94 Dieterich: 

ist entweder ein Mönch auf dem Berge, der Brot und Salz hält, wohl 
wegen der braunen und weissen Farbe (NA 1, 37). oder ein kleiner 
■^Europäer' mit einem Hütchen (NA 1, 141), oder ein Albanese mit einem 
Hut und einem Fuss (Stamatiadis 5, 179)/) Originell ist auch seine Auf- 
fassung als ein Orangenbäumchen, das von einer Säule gestützt wird 
(NA 1, 229).') 

Aus der Tierwelt scheinen Yornehmlich Insekten und Reptilien, 
also die durch ihre Gestalt, Eigenschaften oder Tätigkeit charakteristischen 
kleineu Tiere, die rätselbildende Phantasie zu erregen. Ton den 'Insekten- 
rätseln' ist besonders das auf die Spinne bemerkenswert: „Yom Wikl 
lebe ich und gehe nicht in den Wald; Netze stelle ich auf und bin kein 
Fischer; bei den Armen lebe ich und leide nicht Armut; mit kleinen 
armen Dingern fülle ich mir den Bauch" (NA 1, 170).^) Die Biene er- 
scheint im Volksrätsel als 'eiue gute kleine Hausfrau, die ohne Mehl 
Kuchen backt' (NA 1, 289), oder als ein Wesen, das fliegt und kein 
Vogel ist, das Siebe verkauft (die Waben) und kein Siebraacher ist (Stama- 
tiadis 5, 182). Der am Boden wimmelnde Ameisenhaufen gleicht einem 
Kloster voll Mönchen (NA 1, 302). — Unter den Reptilien nehmen Schnecke 
und Schildkröte einen hervorragenden Platz im Yolksrätsel ein. Besonders 
die Schnecke wird iu einem geradezu als ein Wunder bezeichnet: Es 
hat Hörner und ist kein Ochs; es hat einen Sattel und ist kein Saumtier 
(NA 1, 50) *j; oder 'eine kleine beladene Barke fährt in die Höhle', heisst 
es, wenn sie sich in ihr Haus zurückzieht (Stamatiadis 5, 184), und 'es 
öffnet sich das Grab, und etwas kommt mit dem Gesicht heraus', wenn sie 
daraus hervorkommt (ebd. 5, 178). — Ein schönes Rätsel auf die Schild- 
kröte erinnert deutlich an die antike Schilderung der Chimäre bei Homer: 
eine eherne Himmelswölbung, ebene Erde, Fuss einer Katze, Kopf einer 
Schlange (NA 1, 171). Yom Frosche heisst es: „Hat eine Stimme wie 
ein Dudelsack und hat weder Schwanz noch Haar" (Stamatiadis 5, 181). 
Der Seidenwurm und seine Yerpuppung wird in einem Rätsel zu einem 
König, der sich einen goldenen Turm baute, niederfiel uiul starb, dann 
schöne Augen und Brauen bekam und sich ein Weib suchte (NA 1, 180). 
An das Rätsel von der Schildkröte erinnert das von der Schwalbe: Yon 
oben ist es wie eine Pfanne, von unten wie Watte, von hinten wie eine 
Schere (von vorn wie eine Eichel) (NA 1, 145).°) Leichter zu erraten ist, 

1) Ähnlich bei Wossidlo No. 211, wonach winderum 'bisher nicht bekannt'. Vgl. auch 
Pitre No. 300. Gorovei No. 186—188. 

2) Ähnlich albanesisch (Hahn, Alban. Studien -J, 158ff.): Haus mit einer Säule. 
Ein anderes albaues. bei Pedersen, Zur albanes. Vollvskunde S loS No. 7. 

;») Ähnlich bei Wossidlo No. 481, der keine Parallele anzuführon weiss, was auf 
grosse Seltenheit schliessen lässt. 

4' Ebenso albanesisch (Hahn a. a. 0.) und südrumän. (Rumän. Jahresber. '2, ]81ff. 
No. 101). Vgl. auch sizilisch bei Pitre No. 415a. 

5) Ähnlich das Rätsel auf den Hahn bei Wossidlo No. 210. Dem griechischen ent- 
spricht genau das südrumäuische im Riimän. Jahresber. 2, 181ff. No. 57. Vgl. auch 



Neugriechische Kätscldichtiuig-. 95 

<lass mit dem Yooel, der kein Könio,- ist und doch eine Krone tränt, keine 
Uhr hat und die Stunden zählt, der Hahn gemeint ist (XA 1, 188). Das 
Ki, aus dem er gekrochen ist, stellt sich dem (iriechen ähnlich dar wie 
uns, entweder als ein Fässchen mit zweierlei Wein oder als ein Marmor- 
kirchlein, das nirgends ein Löchelchen hat, oder auch als ein Brunnen 
aus Kalkstein, aus dem zweierlei Wasser fliesst (Syll. Konst. 18, 180).^) 
— Von den auf Säugetiere bezüglichen Rätseln verdient nur Hervorhebung 
wegen seiner originellen und bezeichnenden Auffassung das von dem 
Mutterschwein und seinen Jungen, in denen man, unbewusst, ein 
würdiges Ebenbild erblickt der dahinvegetierenden alten Hauptstadt des 
(rriechentums. Konstantinopels mit seinen Bürgern: Legt sich die 'Stadt' ^) 
hin, dann freuen sich die Bürger, erhebt sich die 'Stadt', dann jammern 
die Bürger (Stamatiadis 5, 187). 

Kommen wir jetzt zum menschlichen Körper und seinen Teilen, 
können wir uns vornehmlich auf den Kopf als den wichtigsten beschränken. 
Als Sitz des Verstandes erscheint er dem rätselsuchenden Sinn als „ein 
Kasten mit etwas darin, und entflieht mir dieses etwas, was soll ich noch 
mit dem Kasten?" (XA 1, 226).^) — Oder auf den Verstand selbst geht 
folgendes Rätsel: „Schwer ist es wie Eisen, süss wie Honig, doch lässt 
•sich's nicht wiegen noch schmecken" (ebd. 26). Äusserlich betrachtet, 
sieht die urwüchsige Phantasie in dem Kopf einen Kürbis mit sieben 
Löchern, und jedes Loch hat einen Namen (Papazafiropulos '4'2{}). Von 
diesen Löchern spielt für den Griechen die grösste Rolle der Mund mit 
den Zähnen, mehr noch mit der Zunge. In ersterer Hinsicht stellt ihn 
das Volksrätsel dar als ein Kästchen voll Messerchen, oder als eine Höhle 
voll weisser Rosse (NA 1, 292).*) Die Zunge im Munde vergleicht es 
mit einer süssen Nachtigall, die in einem elfenbeinernen Garten schlägt 
(ebd. 126); oder sie ist eine Schere von Gold, die bald gut, bald schlecht 
schneidet (ebd. 123), oder, weniger poetisch, ein alter Schuh, der ins 
AVasser getaucht wird.*) Das Auge wird, wohl in Anlehnung an das 
Rätsel vom Ei, ebenfalls gedacht als ein Fässchen mit zweierlei Wein 
darin. Mehr macht sich die Phantasie zu schaffen an dem Auga])fel im 



das albauesische auf die Elster: Der Körper wie ein Weinkrug, der Kopf wie eine 
Nadel und der Schwanz wie eine Schere (Pedersen, Zur albanes. Volkskunde S. lUS No. 5). 

1) Vgl. Wossidlo No. 31, 32; 82. Führt keine ausländischen Parallelen zu 31, 32 an; 
nur für 82 verweist er auf ein latein., ein franz., engl, und lett. Rätsel. Dazu noch die 
dakorumän. bei Gorovei No. 1286, 1291—96, ein südrumänisches bei Weigand, Aro- 
munen 2, 269ff. No. 16 ein italien. oben 6, 276ff. No. 74). — Vgl. auch Pitre No. 398. 

2) d. h. Konstantinopel. Vgl. 'iirbs' bei den Römern. 

0) Ebenso südrumänisch (Rumän. Jahresber. 2, 181ff. No. 81). 

4) Ganz ähnlich die Rätsel bei Wossidlo No. 42, 276. der auf franz., engl., slaw. 
und ital. Parallelen verweist. Vgl dazu das albanes. bei Hahn (Schachtel mit Perlen), 
das dakorumän. bei Gorovei No. 699ff, und das südrumän. im Rumän. Jahresber. 2, 181 ff. 
1^0. 31 (Kirche mit weissen Pferden). Zu dem ital. s. auch oben 6, 276 f. No. 27. 

5) Ähnlich sizilisch bei Pitre No. 398. 



9() Dieterich: 

Verhältnis zu den Wimpern; bald ist es ein gläserner Turm mit einer 
zottigen Hecke ringsum, bald ein Oraiigenbaiimgarten mit vierzighaarigem 
Zaun, bald, wenn man es schliesst, eine kleine Truhe, deren Fransen 
draussen bleiben (NA 1, 118; Stamatiadis, Samiaka 5, 181). Das Ver- 
lüiltnis der Augen zur Nase wird sehr anschaulich ins Menschliche 
übertragen, wenn es heisst: Zwei Brüder zankten sich, und ein Berg 
trennte sie.^) — Der Bart wird gedacht als eine Menge kleiner struppiger 
Steineichen, die an einem Felsen kleben (Papazafiropulos 323). Von 
sonstigen Gliedmassen hat nur der Finger mit dem Ringe Anlass ge- 
geben zu einem höchst paradoxen Rätsel; er erinnert nämlich den Griechen 
an einen Spiess, auf den das Fleisch gesteckt wird; der Öpiess (der Finger) 
ist aber in diesem Falle von Fleiscli und das Fleisch (der Ring) von 
Metall (Stamatiadis 5, 184).^) — Von Bekleidungsstücken ist nur das 
oberste und das unterste Gegenstand des Rätsels, also der Fes, der noch 
jetzt von den Griechen, besonders in der Türkei, getragen wird und früher 
allgemein getragen wurde, und die Schuhe. Man glaubt, einen Insel- 
griechen zu sehen, den roten Fes auf das darunter hervorquellende, schwarz- 
lockige Haar gedrückt, wenn man das Rätsel hört: „Der Rote reitet auf 
dem Schwarzen" (Kanellakis 16(3, 19). Den ab- und aufgesetzten Hut sowie 
den an- und ausgezogenen Schuh charakterisiert das Rätsel in ähnlicher 
Weise. Von beiden heisst es: „Liegt er, ist er leer, sitzt er, ist er voll" 
(Stamatiadis 5, 185).'') Und vom Schuh: ,,Den ganzen Tag isst er, und 
des Nachts gafft er." Oder: „Ziehst du ihn aus, so steht er still, ziehst du 
ihn au, so läuft er" (ebd. 185, 187). ■*) Die ganze Entstehungsgeschichte 
eines Schuhes wird so geschildert: „Ein Bock baute einen Turm, ein Rind 
legte den Grundstein, und in des Eisens Gehöft zieht das Schwein den 
Strick." (Der Schaft, die Sohlen, die Schnürriemen.) (Stamatiadis 5, 189.)^) 
Von Rätseln auf bestimmte Gebrauchs- und Handwerksgeräte 
sei zunächst hingewiesen auf die von Gefässen handelnden. Das Fass 
wird dargestellt als ein kleiner dicker Mönch mit vielen Gürteln (Stama- 
tiadis 5, 184); von dem Wasserkruge heisst es: „Aus Erde ward ich er- 
schaffen, im Ofen gebrannt, viele hab' ich erfrischt, und als ich gestorben 
war, warf man meine Knochen in den Fluss" {die Scherben) (ebd. 187). 
Der Kochtopf auf dem Feuer erscheint als ein schwarzer Reiter auf 
rotem Ross (NA 1, 211), ein umgekehrtes Bild, wie wir es vorhin beim 



1) Ebenso mecklenburgisch bei Wossidlo No. 150, der nur eine litauische Parallele 
nachweist. Auch albanesisch (Hahn a. a. 0.) und südrumänisch (Rumän. Jahresber. 
•2, 181 ff. No. G9). 

2) Ebenso albanesisch (Hahn a. a. 0.). 

;3) Ebenso sizilisch (aus Palermo): Pitre No. 726a. 

4) Ähnlich albanes. (Hahn): Den ganzen Tag frissfs Fleisch, nachts sitzt's mit 
offenem Munde. Vgl. auch die rumän. bei Gorovei No. 1274 und die zahlreichen dazu 
angeführten Parallelen. 

5) Ebenso sizilisch: Pitre No. 721 (stimmt fast wörtlich überein). 



Neugriechische Kätseldichtung. 97 

Fes auf dem Kopfe sahen. — Das Sieb erscheint als ein härener Himmel, 
aus dem Schnee herabfällt (Stamatiadis 5, 189). Sehr phantasievoll ist 
das Rätsel auf die Öllampe, die des Nachts in jedem Schlafzimmer 
brennt. Das Ol wird da verglichen mit einem Meere, der Docht mit 
einer Schlange (oder einem Fisch) und die Flamme mit dem Mond; diese 
Teile werden so in Verbindung gebracht: „Ringsumher ist das Meer, und 
darin eine Schlange, und auf der Schlange Kopf steht der Mond und 
leuchtet" (Stamatiadis 5, 185; vgl. NA 1, 269 und 174).') Die Hülse mit 
dem Docht ist ein Ding, das eiserne Seiten und baumwollene Eingeweide 
hat (Stamatiadis 5, 187). Die bunte Kirchenlampe, die vor den Heiligen- 
bildern hängt, erscheint als eine schmucke Dirne in grünem Kleide, die 
in der Luft sitzt und die Heiligen anbetet (NA 1, 350). — Kultur- 
geschichtlich von Interesse ist die kindliche Bewunderung, die dem von 
Venedig zu den Griechen gekommenen Spiegel im Rätsel zuteil wird: 
„Weisses Schloss aus Frankenland, Knospe von Venedigs Strand und des 
Mägdleins güldnes Blatt" (Kanellakis 164, 8). Mehr den Eigenschaften eines 
Spiegels wird das andere Rätsel gerecht: „In einem Viereck huschen Ge- 
spenster" (ebd. 177, 79). — Wozu der Kamm vornehmlich dient, zeigt sein 
Vergleich mit einem Jäger, der in den Wald oder auf den Berg geht und 
Hirsche erlegt (Stamatiadis 5, 185).^) — Die Spindel wird aufgefasst als 
ein Ding, das auf- und niedergeht, ohne zu essen, dick wird, immer nur 
herumwirbelt und sein Bäuchleiu füllt (Syll. Konst. 8, 513 ff.). Dabei 
muss man wissen, dass im Orient das Spinnrad unbekannt ist und ersetzt 
wird durch ein an einem Faden hängendes Garnwickel, das man in der 
Hand hält und an dem gesponnenen Faden herumwirbeln lässt, der sich 
dann von selbst aufwickelt. — Sehr zu schätzen weiss der Grieche die 
Nähnadel, darum beschäftigt er sich auch gern im Rätsel mit ihr. Mit 
einer hübschen paradoxen Wendung lässt er sie sagen: „Ich bin nackt 
und bekleide die ganze Welt" (NA 1, 228; Stamatiadis 5, 190).') Wenn 
sie in Tätigkeit ist, ergeben sich folgende Situationen für das Rätsel: 

Zart ist's und dünn und glänzend, eine Wohltat für die Welt, 
Zwei halten sie beim Werke*), der dritte sie vorwärts schnellt. 

Oder: Ich löse sie, und sie steht still, 

Ich binde sie, und sie läuft fort (Stamatiadis 5, löl»)- 



1) Ähnlich albanesisch: Eine Sonne im Meere (Hahn a. a. 0.). 

2) Dem Sinne nach übereinstimmend WossicUo No. 45G. Ebenso dakorumänisch 
bei Gorovei No. 1395—99 nebst den Parallelen, südrumänisch: Jahresber. des Rumän. 
Seminars in Leipzig 2, 181 ff. No. IS: Einige Hündchen laufen im Walde, um Hasen heraus- 
zuholen. Auch sizilisch bei Pitre No. 613 und 014. 

.3) Ebenso südrumänisch bei Weigand, Aromunen 2, 2()9ff. No. 14: Ein Teufel 

bin ich, die ganze Welt bekleide ich. Von den Stricknadeln heisst es in einem alba- 

nesischen Rätsel bei Hahn, das wahrscheinlich auch griechisch ist: Fünf Brüder bauen 

einen Turm, was an Wossidlos No. 435c erinnert. 

4) Zu dieser Wendung vgl. das Rätsel auf die Feder (S. 98). 

7 
Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1901 



98 Dieterich: 

Man beachte hier wieder die für den Griechen so charakteristische 
paradoxe Formulierung: „Der ganze Körper ist drinnen, und der Kopf 
sieht heraus" (ebd. 185). — Wie die Nadel muss auch die Schere ihren 
Platz im Rätsel behaupten, und zwar erhebt sie die Phantasie zu einem 
Vogel, indem die Assoziation anknüpft an die auf- und zuklappenden, 
fiügelartigen Schneiden. Darum heisst es: „Ein Hahn mit eisernem 
Schnabel; wenn er seine Flügel öffnet, sieht er nicht, was vor ihm ist" 
(Papazafiropulos S. 319). Etwas variiert wird diese Auffassung in folgendem 
Rätsel: „Ich habe Flügel und bin kein Yogel; ich hab' keine Augen, 
doch in meinem Schweif hab" ich zwei Löcher."^) — Als ein Yogel wird 
auch die Schreib feder aufgefasst in einer Reihe von Rätseln, die zu den 
ältesten und bekanntesten von allen gehören und die am vollständigsten 
in der folgenden Fassung sich darstellen, die vielleicht selbst nicht volks- 
tümlich ist, aber aus durchaus volkstümlichen Elementen besteht: 

Was ist das für ein Vogel, der aus dem Schnabel brütet, 

Der ohne Flügel flieget, in schwarzem Hause wohnet? — 

Drei halten ihn beim Brüten, doch muss er vorher trinken; 

Die ausgekroch'nen Vöglein lässt hinter sich er liegen. 

Die ausgekroch'nen Vöglein mit Menschenzungen reden; 

Ein'ge versteh'n die Rede, andre sie nicht vernehmen (NA 1, IM).^) 

Eine Versinnbildlichung der Schrift und des Papiers durch die un- 
belebte Natur ist es, wenn beide als schwarze Samenkörner auf einem 
weissen Acker gedeutet werden (Kanellakis 163, 1)^), ein Vergleich, der in 
einem Rätsel geistvoll weitergeführt wird, wenn es heisst: „Mit der Hand 
säe ich, und mit der Zunge ernte ich." 

Von Instrumenten, die einem bestimmten Gewerbe dienen, verdient 
das Netz des Fischers Erwähnung, weil es in der Form einer Erzählung 
den ganzen Vorgang des Fischfanges als Rätsel behandelt. Es lautet: 
„Räuber gingen die Stadt zu berauben, doch die entfloh aus den Penstern; 
da erwischte man die Bürger und frass sie auf." (Die Räuber sind 
natürlich die Fischer, die Stadt das Meer, die Fenster die Maschen des 
Netzes und die Bürger die Fische.) (Kanellakis 175, 63).*) — Die Flinte 
des Jägers denkt sich die Rätselphantasie als ein hohles Rohr oder einen 



1) Andere Arten von Assoziation bei Wossidlo No. 107 (laufender Hund) und ['.)'■'>, 
wo die Löcher im Schweif zu Augen und die Flügel zum Schnabel werden. Ahnlich 
sizilisch bei Pitre No. 281. 

2) Der erste Teil stimmt zu No. .320 bei Wossidlo (Auf dem Schnabel läufts, schwarze 
Farbe säufts), der auffallondurweise keine Parallelen anmerkt, obwohl das Rätsel sicher 
sehr weit verbreitet ist. Zur Erklärung s. unten S. lOo. Dem 4. und .'). Vers verdankt das 
südrumäuische Rätsel im Rumän. Jahresbericht 2, ISlff. No. 11 seineu Ursprung. Im 
Griech. kommt es übrigens in zahlreichen Varianten vor. 

3) Ebenso bei Wossidlo No. 70, der in der Anmerkung auf latein., ital., franz., engl, 
und norweg. Parallelen verweist. Dazu noch albanesiscli (Hahn S. l.J.Sff.). 

4) Ebenso sizilisch bei Pitre No. ()(M); vgl. die zahlreichen Parallelen aus anderen 
Sprachen ebenda S. LXXIfif. S. auch Gorovei No. 1383—8."). 



Neugriechische Rätseldichtung. 99 

hohlen Baum, in dem ein Drache brüllt (NA 1, 82). Origineller ist die 
Vorstellung' in einem pontischen Rätsel, worin das Laden und Feuern auf- 
gefasst ist als Empfängnis und Geburt: Yon der Seite empfängt es und aus 
dem Munde gebiert es {Emdlocpoc: 2, 331 f.). — Eine hervorragende Rolle 
spielt die Mühle im griechischen Volksrätsel, sowohl die Wind- wie die 
Wassermühle, die beide in Griechenland vorkommen, wenn auch die letztere 
seltener, entsprechend der Wasserarmut des Landes. Bei der Wind- 
mühle sind es natürlich die Flügel, die den Gegenstand des Rätsels 
bilden. Darum erscheint sie als „ein aufgeregter Hahn mit lahmen Füssen; 
wenn er seine Flügel öfi'net, kannst du ihm nicht nahe kommen" (Stama- 
tiadis 5, 186). Oder die sich umdrehenden Flügel sind „zwölf kleine 
Mönche, die sich jagen und sich jagen und sich niemals doch erhaschen" 
(XA 1, 258).^) Bei den Rätseln auf die Wassermühle handelt es sich 
um das Rad, wenn es heisst: „Es ist eine Quelle im Wasser, es ist eine 
•Schlange, auf die ich warte" (Stamatiadis 5, 180). So sagt etwa der 
Müller, der auf ein wasserreiches Jahr hofft, was in Griechenland um so 
ersehnter ist, je seltener es sich einstellt. Die Schlange ist natürlich das 
von dem Rade herabfliessende Wasser. Daher gibt es auch ein Rätsel auf 
den Müller selbst, das diesen mit wiederum echt griechischer Vorliebe für 
das Paradoxe sagen lässt: „Hab ich Wasser, trink' ich AVein; und hab' 
ich kein Wasser, trink' icliAVasser" (Sanders, Volksleben der Neugriechen 
1844 S. 235, 9).^) Nach einem anderen Rätsel ist das Rad der Wasser- 
mühle „ein furchtbarer Bär, er hat vierzig Hufe, schläft im Wasser und 
fürchtet niemand" (Stamatiadis 5, 184). Die in Tätigkeit befindlichen Mühl- 
steine werden ebenfalls als lebende Wesen gedacht: „Zwei junge Rinder 
kämpfen (oder streiten) und lassen Milch herabfliessen" (NA 1, 9). Oder 
in bezug auf die zermahlenen Getreidekörner: „Hunderttausend kommen 
'runter, und die zwei begegnen ihnen; was herauskommt, hat 'nen Namen" 
(Stamatiadis 5, 190). — Als ein Rind erscheint auch der Backofen, nämlich 
als eins mit schwarzem Maule, das die Steineichen vertilgt (Stamatiadis 
5, 184). — Von dem Brot, das gebacken wird, heisst es: „Weiss steckt 
man"s hinein, rot zieht man's heraus" (ebd. 5, 179). — Mit einem brüllenden 
Tiere wird auch die Kirchenglocke verglichen. „Ein Rind hat aus- 
gebrüllt und ward gehört im Himmel, da hörten es die Engel, und die 
Verdammten barsten" (NA 1, 53), lautet ein Rätsel von der Insel Nikaria; 
und ein anderes auf Zante nennt sie ein Schwein mit nickendem Kopfe, 
das brüllend durch die Felder läuft (ebd. 1, 196).^) Mit einem Bilde aus 

1) Bei Wossidlo No. 1.3(5; in 157 findet sich das gleiche Motiv, nur auf die Wagen- 
räder übertragen. Die dazu beigebrachten Parallelen aus dem Lat., Ital , Franz. und 
Schwed. beweisen, dass sie nur Varianten des ersten sind. 

2) Ebenso italienisch (oben 6, 27(j No. 48): Se go acqua, bevo vin, se uon gö 
acqua, bevo acqua. 

3) Diese Fassung erinnert an die Legende von der wandelnden Glocke. Vgl. die rumän. 
Eätsel bei Gorovei No. 4.53 — 45(5 und das russische in der Revue des trad. pop. 7, 7.5G. 



100 Dieterich: 

dem Hirtenleben lautet dasselbe Rätsel: „Es schüttelt sich das Zweiglein, und 
es sammeln sich die Ziegen" (Syll. Konst. 14, 261, 3). Oder mit paradoxer 
Fassung: „Wenn es stillsitzt, schweigt es, und wenn's läuft, so schreit es," 
Das Läuten der Glocken erweckt leicht das Gefühl der Vergänglich- 
keit und besonders bei den alternden Menschen. Dieses Gefühl des Alters 
und seiner Kennzeichen drückt ein Rätsel aus, das [an den Prediger Salomo 
12, 3 und] an das Rätsel der Sphinx erinnert (Was ist das für ein Wesen usw.), 
aber diese Vorlage noch selbständig weitergebildet hat. Es heisst: Die 
Berge sind beschneit, was lang war, ist nun kurz, die Mühlen nimmer 
mahlen, und zwei ist drei geworden. (Die Haare sind weiss, die Ge- 
stalt klein, die Zähne ausgefallen, die Beine brauchen einen Stock zur 
Stütze.) (NA 1, 165.)^) Und dann kommt zuletzt der Tod, dessen uner- 
sättliche Gier der sich ewig erneuernden Welt gegenüber ich nirgends so 
treffend und zugleich so poetisch ausgedrückt gefunden habe, wie in dem 
folgenden Rätsel (NA 1, 47): 

Schön verziertes Marmorkrüglein, 
Kommt die Kröte, draus zu trinken; 
Weder trinkt sich satt die Kröte, 
Noch wild jemals leer das Krüglein. 

Selbst im Angesichte des ernsten Todes kann der Grieche, dem er 
besonders furchtbar ist, seiner Neigung zum Spieleu mit Zahlen nicht wider- 
stehen, und so hat er sich beim Anblick eines von vier Männern getragenen 
Sarges mit seiner unermüdlichen Erfindungskraft das folgende Rätsel 
zurechtspintisiert (NA 1, 274): 

Antraf ich ein grosses Wunder, 
Hatte Köpfe fünf an Zahl 
Und nur Atemzüge vier, 
Hiind' und Füsse waren zwanzig, 
Und der Finger hundert gar. 

Doch mit diesem Beispiel haben wir bereits den Boden des eigent- 
lichen Rätsels verlassen und den der Scherzfragen betreten, mit denen 
wir es hier nicht zu tun haben. 

Blicken wir zurück und betrachten wir die vorgeführten Proben mit 
Rücksicht auf diejenigen Gegenstände und Begriffe, durch die das zu 
charakterisierende Objekt apperzipiert wird, so werden wir dadurch einen 
wichtigen Anhaltspunkt gewinnen für die kulturpsychologische Beurteilnng 
der heutigen Griechen. Denn das, wodurch das rätselhafte Objekt erklärt 
wird, wodurch es bei dem suchenden Hörer gleichsam unmittelbar auf die 
Phantasie wirkt, lässt sich vergleichen mit einem Brennglas, welches 



1) Derselbe Sinn ohne symbolische Fassung in VVossifUos No. IVMa, die genau dem 
Spliinxrätsel entspricht. Vgl. R. Köhler, Kl. Schriften 1, Übt 

2) Ebenso südrumänisch bei Weigand, Aromunen 2, 2t')i)ff. No. 15. 



Neugriechische Rätsoldichtung. 101 

die vielfachen bunten Strahlen, die die einzelnen Rätsel darstellen, zu 
einem grossen Strahlenbündel konzentriert und die vereinzelten Ausdrucks- 
formen der Erscheinungswelt zu grossen, auf eine gemeinsame Grundvor- 
stellung zurückzuführenden Gruppen vereinigt. Solcher Gruppen lassen sich 
in unseren Rätseln deutlich fünf erkennen: aus der Naturwelt insbesondere 
das Pflanzen- und Tierleben; aus der Menschenwelt das Familien- 
leben, das Landleben und das kirchliche, besonders das Kloster- 
leben. 

Durch Bilder aus dem Pflanzenleben wurden apperzipiert die Rätsel 
auf die Fastenzeit (Salatkopf), den gestirnten Himmel (Obstbaum), den 
Kopf (Kürbis mit Löchern), das Auge (Garten mit Zaun), Papier und 
Schrift (Acker und Samenkörner). 

Bilder aus dem Tierleben liegen zugrunde den Rätseln auf das Jahr 
(Brütende Tauben im Xest), auf Sonne und Mond (Fische im Tiegel), 
Feuer (roter Vogel), Wassermelone (Fische im AVasser), Schnecke (Ochs 
und Esel), Schildkröte (Katze und Schlange), auf die Zunge (Nachtigall), 
den Mund (Höhle mit Rossen), den Lampendocht (Schlange), die Schere 
und die Schreibfeder (laufender und brütender Vogel), Kugel und Flinte 
(Drachen in einem Baum), Windmühle (Hahn), Wassermühle (Schlange 
oder Bär), die Mühlsteine (Rinder), Backofen (Rind mit schwarzem Maule), 
Kirchenglocke (brüllendes Rind oder Schwein), endlich auf den Tod 
(trinkende Kröte). 

Durch Voriiänoe aus dem Familienleben werden charakterisiert: 
das Jahr mit Monaten und Tagen (Vater, VI Söhne, 30 Enkelinnen), 
Sonne und Mond (zwei streitende Brüder), Salz und Meer (Tochter und 
Mutter), Feuer, Asche und Rauch (drei Brüder), Weinstock, Traube, Wein 
(Mutter, Tochter, Enkel), Ölbaum und Olive (Mutter und Tochter), Nuss- 
kern (Braut und Bräutigam, Schwiegermutter und Schwiegervater), Biene 
(kuchenbackende Hausfrau), Augen (sich zankende Brüder), Flinte (das 
Laden und Abfeuern als Empfängnis und Geburt). 

Dem Land- und Hirtenleben sind entnommen die Vergleichungs- 
objekte folgender Rätsel: auf heilige Personen und Schriften (Pflügen, 
Säen, Ernten und Ernteertrag), Rebstock und Trauben (Hirte und Schafe), 
die Spinne (Jäger und Fischer), den Kamm (Jäger), das Schreiben und 
Lesen (Säen und Ernten); die Kirchenglocke (der die Ziegen durch sein 
Schwanken lockende Zweig); hier sind auch die wenigen, aber besonders 
schönen Rätsel zu nennen, deren zu erratendem Gegenstande ein ganzes 
Naturbild zugrunde liegt, nämlich das auf die Öllampe mit Docht und 
Flamme (Meer, Fisch, Mond) und das auf das Alter, in dem die weissen 
Haare und die mangelnden Zähne verglichen werden mit einer Winter- 
landschaft mit beschneiten Bergen und stillstehenden Mühlen, 

Das in Griechenland noch eine grosse Rolle spielende Klo st er leben 
spiegelt sich in den Bildern folgender Rätsel wieder: vom Regen (ein 



102 Dieterich: 

Reigen tanzender Nonnen), vom Rancli (ein lauger Mönch ohne Knochen), 
von der Olive (Nonne, die sich im Winde wiegt, in den Kirchen schläft), 
der Wassermelone und dem Ameisenhaufen (Kloster mit Mönchen), vom 
Fass (Mönch mit vielen Grürteln), endlich von den Flügeln der Windmühle 
(sich jagende Mönche). 

Man kann nun diese sämtlichen Bildei', die der ratenden Phantasie 
gleichsam als Stütze dienen, in zwei grosse Gruppen scheiden, je nachdem 
sie auf unmittelbarer Anschauung beruhen oder durch bestimmte soziale 
oder literarische Tradition bedingt sind; das erstere gilt von den meisten 
Bildern, die dem Pflanzen- und Tierlebeu sowie dem Hirten- und Bauern- 
leben entnommen sind, das letztere von denen, die sich auf das Familien- 
und das Klosterleben erstrecken. Wenn z. B. die Schildkröte als ein Wesen 
aufgefasst wird, das Katzenfüsse und einen Schlangenkopf hat, so vollzieht 
sich hier eine überall denkbare Übertragung der Charakteristika zweier 
bekannter Tiere auf die eines unbekannten, erst zu findenden. Wenn 
dagegen etwa der aus zwei zweiteiligen Gliedern bestehende Kern der 
Nuss näher gebracht wird durch das Bild eines Häuschens, in dem sich 
Braut und Bräutigam einerseits, Schwiegervater und -mutter andrerseits 
befinden, oder wenn die Wassermelone mit ihren schwarzen Kernen dar- 
gestellt wird durch das Bild eines Klosters mit vielen Mönchen, so setzt 
das gapz bestimmte soziale Verhältnisse voraus, die nicht überall gegeben 
sind und durch deren Kenntnis die betreffenden Rätsel erst ganz ver- 
ständlich werden. Wenn man nun weiss, wie stark das Familiengefühl 
bei den Griechen entwickelt ist, im guten wie im schlechten Sinne ^), wie 
patriarchalisch noch die Sitten des Landvolkes sind, eine wie grosse Rolle 
noch die Sippe im öffentlichen Leben spielt, und wie gerade sie das Haupt- 
hindernis bildet für eine gedeihliche politische Entwicklung des Landes, 
wenn man ferner weiss, wie trotz vieler Säkularisierungen das Kloster- 
wesen noch in Blüte steht — man braucht nicht nur an die grossen 
Klosterkolonien auf dem Athos zu denken, auch jede der kleinen Inseln 
des ägäischen Meeres besitzt mindestens ein Kloster, und jeiles Dorf oft 
zehn bis zwölf Kirchen, von denen jede ihren Popen hat — , wenn man 
alles das bedenkt, so wird man eher verstehen, wie vertraut dem ]\[anne 
aus dem Volke die Erscheinung eines Priesters oder Mönches ist, und um 
wieviel noch vertrauter das Bild der fest zusammenhaltenden Familien- 
mitglieder, und wie leicht man daher ein Bild aus diesen festen sozialen 
Verbänden benutzen kann zur Erläuterung von Erscheinungen aus der 
Tier- und Pflanzenwelt. 

Es bleibt nun aber noch eine kleine Gruppe von Rätseln übrig, die 
sich weder aus unmittelbarer Naturanschauuno- noch aus bestimmten sozialen 



1) yg\. z. B. die Sprichwörter bei Politis, J/aooi/n'ai 1 s. v. aÖFQCfi'i und dösixpö.; : aucli 
Dieterich, Gesch. der byzant. und iieugriech. Litei-atur S. '.)'.'. 111. IKI. ü'). 1 IG. 



Neugriechische Kätseldichtuiig. lO-H 

Zuständen heraus erklären lassen, sondern in denen sich ein Rest literar- 
historischer Tradition bewahrt hat, sei es mittelalterlich - byzantinischer 
oder antik-hellenischer. Zu . den ersteren gehören die Rätsel, die auf alter 
Tier- und Zahlensymbolik berulien. Wenn z. B. das Jahr und seine 
Zeitabschnitte symbolisiert werden durch 360 Vögel, die in \'2 Nestern 
sitzen und an einem Ei brüten, so kann das nicht auf erfahrungsmässiger 
Anschauung beruhen, um so weniger, als das Bild nicht einmal glücklich 
durchgeführt ist; sonst würde das Rätsel etwa so lauten müssen: 12 Vögel, 
die in einem Neste sitzen und an 30 Eiern brüten. Noch mehr als eine 
bewusste Erfindung erweist sich das Rätsel auf die Fastenzeit als Salat- 
kopf mit 50 Blättern und 7 Herzen und einer roten Rose im Innersten, und 
das auf die hl. Personen und Schriften im Bilde von 12 Pflügern, 4 Säern, 
150 Schnittern und 3 Scheffeln Weizen als Ertrag, eine äusserst tiefsinnige 
und geistvolle Symbolisierung, die aber doch etwas, wenn auch noch so 
fein Ausgeklügeltes an sich hat. AVir haben es hier offenbar zu tun mit 
jener mystischen Zahlendeuterei, wie sie auch in zahlreichen Rätselliedern 
mit Zahlenakrostichis vorliegen, die ja ursprünglich aus geistlichen Liedern 
hervorgegangen sind.^) In unseren beiden Rätseln auf die Fastenzeit und 
die hl. Personen wäre also noch die geistliche Deutung erhalten, während 
in dem auf das Jahr bereits eine Übertragung auf weltliche Dinge vorliegt. 
In diesem letzten Rätsel beobachtet man nun noch etwas anderes, 
nämlich eine Verbindung der Zahlensymbolik mit der Tiersymbolik: das 
Verhältnis der Teile des Jahres zu diesem selbst wird vorgestellt durch 
das Bild brütender Vögel. Dasselbe finden wir in dem Rätsel auf die 
Schreibfeder, die als ein aus dem Schnabel brütender Vogel symbolisiert 
ist. Man hat es hier wohl zweifellos zu tun mit den letzten Resten jener 
mittelalterlichen Naturgeschichte, wie sie aus dem alten Volksbuch des sog. 
Physiologos hervorgegangen war, jenem merkwürdigen Produkte ägyp- 
tischer und hebräischer Tiersymbolik, das in alexandrinischer Zeit mit 
der christlichen Theologie verschmolzen ward, indem die Vorgänge in 
der Tierwelt zu religiösen Deutungen benutzt wurden. Der Physiologos 
verbreitete sich von Alexandria aus, wo er im 2. Jahrhundert entstanden 
ist, über ganz Europa und den Orient und spielte im ganzen Mittelalter 
eine gewaltige Rolle, während er jetzt so gut wie vergessen ist und nur 



1) Über den Ursprung dieser Eätsellieder scheint man sich noch nicht einig zu sein. 
Krumbacher hielt noch in der 2. Auflage seiner Bjzant. Literaturgeschichte, wo er bei 
Gelegenheit der 'Rhodischen' Liebeslieder (§ o41) darauf zu sprechen kam, die Idee für 
'völlig origineir. Inzwischen hat Bolte oben 11, 388f. und l.'>, 8Gf. zahlreiche Parallelen 
aus orientalischen und occidentalischen Sprachen dazu beigebracht. Neugriech. Lieder 
mit Zahlenspielerei als moderne Reflexe der Zahlemiovelle in den 'Rhodischen' Liebesliedern 
sind mir bekannt aus Kyzikos {'EßSoudg 1892, No. 4), aus Chios (Kanellakis, Xiay.ü 
"AväXsy.ra, Athen 1890 S. 82, aus Lesbos (?) (Passow No. (140), aus Kos (nach eigener 
Aufzeichnung) und aus Macedonien (G. F. Abbott, Macedonian Folklore, Cambridge 190:;!, 
S. 328 ff. aus A. A. lovaiog, Tgayovdia zfjs TraToiÖog fwv). 



104 Dieterich: Neugriechische Rätseldichtung. 

noch in den Skulpturen mittelalterlicher Kirchen mit ihren Darstellungen 
von Löwen, Panthern, Pelikanen, Einhorn, Phönix usw. eine jetzt unver- 
standene Sprache zu uns spricht.^) Nur in den Tiermärchen leben die mit 
ihnen verbundenen Vorstellungen zum Teil noch fort. So auch in unseren 
Tierrätseln. Wenn man nun zusieht, was von dem griechischen Physiologos 
auf sie übergegangen ist, so ist es gerade der Vorgang des Kistens und 
Brütens. Er lässt sich in fast allen auf Vögel bezüglichen Teilen des 
Physiologos nachweisen; so findet man in den Kapiteln vom Geier, von 
der Schwalbe, vom Wiedehopf, der Taube, dem Kebhuhn, dem Strauss, 
dem Storch und dem Reiher Angaben über die Art und den Ort ihres 
Mstens und Brütens. 

Verhältnismässig wenige Rätsel lassen sich bis in das griechische 
Altertum zurück verfolgen. Bei dem auf das Alter (S. 100) wurde schon auf 
die Ähnlichkeit des Schlusses mit dem der Sphinx hiugewiesen. Ausserdem 
stimmen überein das Rätsel auf das Jahr mit dem Bilde. aus dem Familien- 
leben; dieses lautet schon agr. fast wörtlich ebenso wie das ngr., nämlich: 
„Einer ist Vater, und Söhne sind zwölf, ein jeder aber hat zweimal dreissig 
Töchter; die einen sind weiss anzuschauen, die anderen schwarz, und 
während sie unsterblich sind, schwinden sie alle dahin." Dem Rätsel 
vom Feuer und Rauch, das diese darstellt als zwei Brüder, von denen 
der eine stillsitzt, der andere entflieht, entspricht das altgriechische, 
wenigstens in der Grundauffassung: „Ich bin eines hellen Vaters dunkles 
Kind, ein ungeflügelter Vogel, der bis zu den Wolken des Himmels sich 
erhebt".^) 

So spiegeln sich im neugriechischen Volksrätsel die verschiedenen 
Perioden der griechischen Kultur wieder: zunächst, wenn auch nur unvoll- 
kommen, die heidnisch-altgriechische, dann die christlich-byzantinische mit 
ihrer orientalischen Symbolik und ihrem klösterlichen Leben, endlich die 
neugriechische mit ihrem patriarchalischen Familiensinn und ihrer liebevollen 
Naturbetrachtung. Alle diese verschiedenen Schichten aber durchdringt und 
überzieht mit ihrem Blütenflor, gleich der jungen Weinrebe des heiligen 
Dionysios in der neugriechischen Sage^), die durch die dreifachen Schranken 
des Vogel-, des Löwen- und des Eselknochens immer wieder siegreich 
hindurchbrach, mit gesunder Kraft und in strotzender Fülle die Phantasie 
des griechischen Volkes. 

Berlin. 



1) Krumbacher, Bjzaiitin. Lit.'- S. S74. l.auchevt. Geschichte des Physiologus (18<s;)). 
J'cters, Der giiechische Physiologus (Progr. Berlin IHiKS). 

"2) Anthologia Palatina :>, .375 und 54'.». Vgl. dazu die schon genannte Studie von 
Politis, Syll. Konst. 8, 525. 

.'!) Hahn, Griechische und albanes. Märchen '2, 74 (18(54). [Vgl. dazu R. Köhler. Kl. 
Schriften 1, 577.] 



Bunker: Das Szokler-Haus. 105 

Das Szekler-Haus. 

Von Johann Reinhard Bunker. 

(Hierzu Tafel I.) 

Die Szekler sind bekanntlieh ein 450000 Seelen zählender magyarischer 
Yolksstamm, der, benachbart von den siebenbürgischen Sachsen und von 
Rumänen, den äussersten Osten Ungarns, nämlich die Koniitate Csik^ 
Haroniszek, Maros-Torda und Udvarhely bewohnt. 

Über den Szeklerstamm hat Dr. Julius Sebestyen in letzterer Zeit 
beachtenswerte Arbeiten geliefert^), die meines Wissens leider noch nicht 
ins Deutsche übertragen worden sind. Unter dem Titel 'A szekely haz 
(das Szekler-Haus) bot Josef Huszka ein reich illustriertes Werk^), das 
sich jedoch weniger mit dem Hause selbst, als hauptsächlich mit den 
prächtigen, zumeist reich geschnitzten und oft auch bemalten Toren be- 
fasst, die die Hofstätten der Szekler-Häuser in hohem Grade zieren. Ich 
selbst beschrieb kurz jenes Szekler-Haus, das im Jahre 1896 im ethno- 
graphischen Dorfe der ungarischen Millenniums - Ausstellung in Budapest 
aufgerichtet worden war^), ferner zwei kleine Szekler-Häuser aus Uzon, 
die ich im Sommer 1898 aufnahm.*) 

Durch eine schöne Arbeit von Gabriel Sziute^) wurde das bisher 
spärliche Material über das Szekler-Haus um ein bedeutendes vermehrt. 
Das Szekler-Haus bildet nicht nur für den Hausforscher, sondern auch 
für jeden Freund der Volkskunde einen Gegenstand von so hohem Inter- 
esse, dass es wohl gerechtfertigt erscheint, wenn ich hier die Arbeit Szintes 
im Auszuge ins Deutsche übertrage, um dadurch das Szekler-Haus weiteren 
Kreisen bekannt zu machen. 

Die Untersuchungen Szintes beschränken sich auf die oben genannten 
vier Komitate und umfassen, das Alter der aufgenommenen Häuser in 
Betracht gezogen, einen Zeitraum der Entwickelung des Hauses von 
200 Jahren. 

Die Hofstätte desSzekler-Hauses bildet gewöhnlich einen langen schmalen 
Streifen, so dass das Wohnhaus zumeist nicht parallel zur Strasse gelegt 
werden kann, sondern so errichtet werden muss, dass es die Giebelseite 



1) A szekelyek neve es eredete (Name und Ursprung der Szekler), Ethnographia 1897, 
Heft 1—6, und Az avar-szekely kapocs enilekei (Histor. Denkmäler des Konnexes zwischen 
Avaren und Sz<jklern), Ethnographia 18i>!l, Heft 1. 

2) Grossquartband mit '.»(i Seiten Text, 8.j Textillustrationen und 4<» Bildertafeln. 
Budapest 189."). 

.".) Mitteil, der Anthropol. Ges. in Wien i'T, loiff. (181)7). 
■1) Ebenda 29, 224 ff. (1899). 

5) A szekely haz (das Szekler-Haus), abgedruckt in A Magy. Nemz. Muz. Nepr. Oszt. 
Ertesitöje, 1. Jahrg., Heft 2 (Beiblatt der Ethnographia, Budapest VM)). 



106 Bunker: 

der Strasse zuwendet. Zwischen der Strasse und der Giebelwand liegt in 
der Regel ein 10 — 12 Schritt breiter Garten, in dem Nelken, Reseden, 
Rosen, Majoran duften und Mal wen, wilder Wein oder in wärmeren 
Gegenden die edle Weinranke das Haus zieren. 

Die Prinzipien, nach denen gebaut wird, sind auf dem ganzen Gebiete 
dieselben. Unterschiede treten nur auf, bedingt durch das beim Bau ver- 
wendete Material und die Terrainverhältuisse. Die Häuser der Szekler 
sind zum weitaus grössten Teile aus Holz erbaut. In Gegenden, wo Nadel- 
holz vorherrscht, werden sie aus Fichten- oder Föhrenholz, in Gegenden 
mit Laubholzbeständen mit Vorliebe aus Buchen- oder Eichenholz errichtet. 

Bei ebenem Terrain wird im Bauen eines Hauses so begonnen, dass 
man an die Stellen, wohin die Ecken des Hauses zu liegen kommen, be- 
hauene oder unbehauene Steine legt, deren ungleiche Höhe durch Ver- 
senkung in die Erde oder durch Unterlagen ausgeglichen wird, um die 
Oberflächen der Steine in eine wagerechte Ebene zu bringen. Auf diese 
Steine werden die vier Grundbalken, die den untersten Balkenkranz des 
Hauses bilden, gelegt. Die Grundbalken bestehen stets aus gut ausge- 
trockneten Eichenstämmen, auch in Gegenden mit Nadelholzwäldern, wo- 
selbst das Eichenholz selten ist und von weither beschafl't werden muss. 
Hauptsache beim Legen der Grundbalken ist, dass sie mit der Erde nicht 
in direkte Berührung kommen. Bei abschüssigem oder unebenem Erdreich 
ist die Aufführung eines Fundamentes unerlässlich. Es wird aus Steinen 
oder Ziegeln erbaut. Als Bindemittel dient Mörtel oder ein Gemenge aus 
Lehm, Sand und Wasser. 

Die Zimmerung, welche sich über den vier Grundbalken erhebt, wird 
auf zweierlei Weise ausgeführt: man legt die Baumstämme unbehauen auf- 
einander und verkämmt sie an den Ecken des Hauses, oder die Balken 
werden vierkantig glatt behauen und in diesem Falle an den Ecken sorg- 
fältig in Scliwalbenschwanzmanier verzinkt. Das Zimmerwerk itst in der 
Regel 1 V2 Klafter (2,844 m) hoch. Die Höhe der in demselben ange- 
brachten Tür beträgt 1 Klafter (1,896 m). Die Fenster sind Vg Klafter 
(0,948 m) über dem Fundament eingesetzt und ^1^ Klafter hoch, so dass 
das Gebälk über dem oberen Fensterrande noch V2 Klafter an Höhe be- 
trägt. Die Türsäulen und Fensterwandungen sitzen mit Zapfen in den 
darunter und darüber liegenden Balken fest, während die Zimmerbalken, 
welche seitlich an die Tür- und Fensterstöcke stossen, mit diesen durch 
Nut und Feder verbunden sind. 

Es bildet eine Eigenart der Bauweise der Szekler, dass jedem Ibdz- 
hause von aussen das Aussehen gegeben wird, als ob es aus Mauerwerk 
bestünde. Dies wird -bei Häusern roherer Bauart (Blockbau) auf folgende 
Weise erreicht. Ist das Gebälk genügend ausgetrocknet, so werden in 
• ien Baumstämmen in der Richtung der Holzfasern mit der Hacke Schnitte 
angebracht, in die Keile ('Flöhe'), die zwei Finger breit und doppelt so 



Das Szeklcr-Haus. 1(^7 

laug sind, getrieben werden. Sind die Aussenvvände dergestalt dicht mit 
Keilen bespickt worden, so werden sie mit einem Gemenge von Lehm. 
Stroh, Spreu und Jauche beworfen. Dieser Bewurf iniiss gut austrocknen, 
dann wird er mit Lehm, dem eine reiche Menge von frischem Kuhmist 
beigemengt wird, glatt gerieben und schliesslich mit Kalkmilch gewcisst. 
Bei Häusern aus behauenen Balken befestigt man, damit der Bewurf Halt 
findet, an die Aussenwände in schräger Kichtung (diagonal) Latten. Die 
auf die beschriebene Weise errichteten Häuser der Szekler halten im 
Winter warm, im Sommer aber sind sie kühl. An Dauerhaftigkeit wett- 
eifern sie mit Häusern, die aus Ziegeln erbaut werden. 

Das Dach des im allgemeinen wenig tiefen Hauses bedarf keines 
Dachstuhles. Auf die vorstehenden Enden Jener Balken, die die Decke 
der Wohnräume bilden, legt mau die 'Kranzbalken'. An diesen werden 
die Dachsparren, die, durch ein 'Band' verbunden, mit diesem ein tJesperre 
von der Form des Buchstabens A bilden, befestigt: Das Szekler-Haus ver- 
langt ein hohes Dach, da es entweder mit Stroh oder Schindeln, mit 'Ziegeln' 
(tegla) oder Granitzen (gränicz) gedeckt ist und hierbei ein schnelles Ab- 
fliessen des Regenwassers oder das rasche Abrutschen des Schnees not- 
wendig ist. Li älterer Zeit war das Strohdach vorherrschend (vgl. Taf. I. 
Abb. 1 u. 2), jetzt ist es an vielen Orten polizeilich verboten. Strohdächer, 
die vom Rauch durchzogen werden, halten au 100 Jahre an. 'Ziegel'- und 
Schindeldächer können sich in bezug auf die Dauerhaftigkeit mit Stroh- 
dächern nicht messen. Die 'Ziegel' bestehen aus Brettern von Buchenholz, 
deren Länge 7^ Klafter (0,94.S m), deren Breite 4 Zoll (10,536 nn) und 
deren Dicke 1 Zoll (2,634 rm) beträgt. Durch diese 'ZiegeF schlägt man 
an ihrem oberen Ende einen Holznagel und hängt sie dann mit diesem 
wie gebrannte Dachziegel an die Latten. Sie werden in Gegenden ge- 
braucht, die an Buchenholz reich sind. Die Granitzen sind dünne, aus 
Fichtenholz geklobene Bretter von verschiedener Länge. Sie werden an 
die Latten angenagelt und müssen sich mehrmals überdecken, damit sie 
den Regen nicht durchlassen. Die Schindeln sind dünne, aus Fichtenholz 
gespaltene Brettchen, an deren einen Seite eine tiefe Nut angebracht ist. 
Schindeln geben das schönste Dach, es ist aber nicht haltbar. Über Raucli 
hält es 30 Jahre, ohne durch Rauch konserviert zu werden, kaum 8 bis 
10 Jahre aus. Der Szekler errichtet darum aucli nicht einmal an einem 
Steinhaus einen Schornstein, wenu es mit Schindeln gedeckt ist. Im 
Komitate Csik geht man so weit, dass man in einem Schindeldach nicht 
einmal ein Rauchloch anbringt. Da der Rauch bestrebt ist, im Dachraum 
stets die höchsten Schichten einzunehmen, wird der oberste Teil des Daches 
auch immer am besten durch den Rauch konserviert. Es kommt zumeist 
vor, dass das unterste Drittel des Daches zweimal und das mittlere einmal 
erneuert werden muss, bis das dritte, oberste Drittel zur Erneuerung 
kommt. Diese Erfahrung hat den Szekler dahin gebracht, in dem Dache 



IQg Bunker: 

.seines Hauses zwei oder drei Stufen zu bilden (vgl. Taf. I, Abb. 3 — 5), 
^xas die zeitweilige Erneuerung der einzelneu Stufen bedeutend erleichtert. 

Die bereits erwähnten Eauchlöcher trifft man entweder als Aus- 
bauchungen von Boo;enform im obersten Teil der Abwalmung des Daches 
an (vgl. Taf. I, Abb. 5—8), oder sie sind in die Schindelreihen der Breit- 
.seiten des Daches so eingefügt, dass sie dort wellenförmige Erhöhungen 
bilden (Taf. I, Abb. 3—5). 

An der der Strasse zugewendeten Giebelseite zeigt das Haus fast 
immer eine Abwalmung. Der Dachraum ist unterhalb derselben durch 
eine aus Rüschen geflochtene Wand, die aussen und innen mit Lehm be- 
worfen wird, abgeschlossen. In neuerer Zeit stellt man diese Wand aus 
Brettern her. Hierbei ist es möglich, die Giebelwand durch Ausschnitte 
oder durch Bemalung- zierlicher zu gestalten. 

Der Gang (tornäcz), den man bei sehr vielen Häusern an der Haupt- 
front, seltener auch an der Giebelseite angebracht findet, bildet eine Zierde 
des Hauses, er hat aber auch praktischen Wert. Der Gang schützt die 
Wände vor dem Regen und sichert entlang derselben einen trockenen Ort, 
wo man arbeiten und schlafen kann. Der Gang dient auch zum Auf- 
bewahren von Hanf und Wolle und zur Bergung des Webstuhles. Szinte 
betrachtet den Gang nicht als einen wesentlichen Teil des Hauses, da er 
auch fehlen kann. 

Die primitivste Art des Szekler-Hauses, die unterste Stufe seiner 
Entwickelung-sreihe, besteht nur aus zwei Teilen: aus einem einzigen ge- 
schlossenen Räume, der Stube, die der Szekler 'häz\ d. i. Haus, nennt, 
und einer Vorhalle, der er den Namen 'eresz' beilegt. 

Ein solches Häuschen stellt die Abb. 1 auf Taf. I dar. Es ist ein 
Söldnerhaus, das seine einfache Ausgestaltung dem Betrieb der Landwirt- 
schaft alten Systems verdankt.^) Die Stube ist 2 Klafter (3,792 m) lang, 
ebeusobreit und V/^ Klafter (2,844 m) hoch. Ein halbwegs hochgewachsener 
Szekler kann daher, auch ohne den niederen, kaum 20 rm hohen Stuhl zu 
gebrauchen, ganz gut mit der ausgestreckten Hand den Unterzugbalken 
erreichen, auf dem er die Hacke, den Bohrer, das Stemmeisen, das Reif- 
messer und gewönlich auch den Tabak- und den Geldbeutel verwahrt. 
Die Tür und die Fenster lassen Raum genug für das Bett und die Sitz- 
truhe. Der Tisch befindet sich in der Mitte, das Kanapee zwischen den 
Fenstern, und über dem Kanapee der Spiegel oder in katholischen Häusern 
ein Marienbikl. Rechts vom Eingang steht die hölzerne Wasserkanne, 
links der Ofen, in einer Ecke ein Kasten. An der Wand hängt ein Löffel- 



1) Söldner oder Kleinhäusler (magjar. zseller) werden in Ungarn jene kleinen bäuer- 
lichen Besitzer genannt, die weniger als eine Achtclhufe (Achtel - Session), oft auch nur 
ein Häuschen mit einer 'kleinen Hofstelle, besitzen und in früherer Zeit ihr Leben nur 
dadurch zu fristen vermochten, dass sie nach Art ständiger Tagelöliner bei ihrem Guts- 
herrn dauernd in Dienst (Sold) standen. 



Das Szekler-Haus. 109 

halter und eine Rem (Tellergestell) mit bunten Krügen daran, die heute 
der Stube nur noch als Zierde dienen. Früher trank man daraus unga- 
risches Bier, das sich die Szekler aus Gerste brauten. 

Die Vorhalle, der eresz, dieses Häuschens ist nach drei Seiten offen. 
Von den beiden Säulen, die die Vorhalle tragen, ist die vordere in die 
Erde gerammt, die rückseitige dagegen steht auf dem verlängerten Grund- 
balken des Häuschens. Die Vorhalle ist nicht immer offen, sie kann von 
zwei, von drei oder von allen vier Seiten geschlossen sein. Sie schützt 
die Haustüre vor den Wechselfällen des Wetters und ist ein trockener Ort, 
wo man schnitzen, spinnen, weben, überhaupt alle Arbeiten verrichten 
kann, zu denen man mehr Licht braucht, als die Stube durch ihre kleinen 
Fenster bieten kann. Von der Vorhalle aus steigt man in den Dachraum. 
Man bedient sich dazu einer kleinen Handleiter. 

Es war mir von grossem Interesse, zu erfahren, wie sich Szinte die 
Entstehung der Vorhalle des Szekler-Hauses denkt. Er bringt nämlich die 
Entstehung derselben mit der eigenartigen, einzigen Feuerstelle des Hause>> 
in Zusammenhang. Die Feuerstelle des Hauses der Szekler habe ich 
seinerzeit eingehend beschrieben^), ich finde es darum nicht für notwendig, 
die ausführliche Beschreibung derselben nach Szinte hier zu wiederholen 
und erwähne nur kurz, dass die Feuerstelle aus einem gemauerten Herd 
besteht, der 4 Fuss (1,464 m) lang, 3 Fuss (0,948 m) breit und nur Vg bis 
2 Fuss (0,158 — 0,632 ??i) hoch ist. In einer Höhe von ungefähr 30— 40 rm 
erhebt sich, gestützt von unten durch hölzerne oder eiserne Füsse, ein 
Kachelaufbau, der rundherum und auch oben geschlossen und nur unten 
offen ist. Dieser Kachelaufbau, der mit dem Kogel oder Feuerhut des 
alpinen Hauses verglichen werden kann, hat die Aufgabe, die aufsteigenden 
Funken des offen brennenden Herdfeuers niederzuschlagen und den Rauch 
aufzufangen und durch eine Röhre in den Dachraum abzuleiten. Die 
Feuerstelle des Szekler-Hauses dient nicht nur zum Kochen, sondern auch 
zum Erwärmen und zum Beleuchten der Stube. 

Die Entstehung der Vorhalle, bedingt durch die Eigenart des Ofen- 
herdes, erklärt nun Szinte folgendermassen: „In einem Holzhause kann 
die Feuerstelle des leicht entzündlichen Materiales wegen nur in der Mitte 
angebracht werden. So finden wir dies in den AValdhütten der Italiener, 
der Szekler und Rumänen in gleicher Weise. In der Decke befindet sich 
eine breite Lücke, durch welche der Rauch in den Dachraum entweicht 
und seinen Ausweg durch irgend eine Öffnung findet. In der Stube 
wollte es nachgerade durchaus nicht mehr passen, dass der Herd die 
Mitte einnehmen sollte; man war darum bestrebt, ihn in eine Ecke oder 
wenisstens an die Wand zu schieben. Der Szekler fand es am besten, 
ihn au die Mitte der Wand zu stellen. Die Wand wurde durch eine Auf- 



1) Vgl. diese Zeitschrift 7, 17. 



2 j Bunker : 

maueruiig in der Höhe des Feuers geschützt, über der Feiierstelle aber 
<lie Eauchkammer, d. i. der Kachelaufbau, augebracht. Von der Decke 
der Rauchkammer leitet ein Schlot, der entweder aus vier Brettern be- 
steht oder aus Ruten geflochten und aussen und innen dicht mit Lehmteig 
verschmiert ist, durch die Stubendecke in den Dachraum. Selbst ein 
schräg nach aufwärts geführter Schlot bot zur Zeit, als das Strohdach noch 
vorherrschte, nicht Sicherheit genug, denn er kam dem feuergefährlichen 
Deckmateriai immer noch sehr nahe. Es musste hier darum Abhilfe ge- 
schaffen werden. Man half sich hierbei so, dass mau die Dachfläche, 
welche sich über der Eingangstür erhob, weiter hinaus verlegte und sie 
durch Säulen stützte." So entstand nach Szinte die Vorhalle, der eresz^) 
des Szekler-Hauses. 

Das Dach des Häuschens in Abb. 1 auf Taf. I ist ein Strohdach. Jene 
zwei Seiten, die sich über den Giebelseiten erheben, bilden gleichseitige 
Dreiecke. Ihre Form ist im Grundriss durch punktierte Linien eingetragen. 
Die untersten Teile der Wände des Häuschens sind durch aufgeschüttete 
Erde vor den aufspritzenden Regentropfen geschützt. Diese Erdaufschüttung, 
welche mit einer beweissten Lehmschicht überzogen ist, bildet eine charak- 
teristische Eigenheit solch kleiner primitiver Häuschen, die weder einen 
schützenden Gang haben, noch über einen Kanal verfügen, der das Wasser 
von den Wänden ableiten könnte. Das Häuschen wurde von Szinte in 
Szepsi-Köröspatak (Komitat Häromszek) aufgenommen. 

Abb. 2 bildet ein Haus mit geschlossener Vorhalle aus Etfalva ab. 
Das Haus wurde im Jahre 1711 erbaut. Der jetzige Besitzer des Hauses 
wandelte das ehemalige Strohdach, das die Zeichnung noch zeigt, in ein 
Schindeldach um und Hess die vordem offene Vorhalle ringsum verschalen. 
Ähnliche Bauten findet man in Gidofalva, Martonos und überhaupt in 
deren Umgebung sehr viele. Die Bretterwände der gesclilossenen Vorhalle 
dieses Hauses sind in eigenartiger Weise geziert: das über der Tür an- 
gebrachte Brett lässt durch gebohrte und ausgestemuite Löcher Licht und 
Luft in den Raum dringen. Darüber ist ein Stabgitter angebracht, welches 
kleineren Tieren, wie Katzen und Hühnern, das Eindringen verwehrt. Die 
Tür besteht aus Brettern und ist mit einer hölzernen Klinke und einem 
Riegel versehen. Wie die Tür, so ist auch die Wand, in der sie sich 
befindet, ein aus Brettern hergestelltes luftiges und leichtes Gebilde, das 
grösserer Kraftanstrengung nicht widerstehen kann. Durch die an den 
Rändern der Bretter angebrachten Ausschnitte kann man von innen bequem 
nach aussen sehen, während sie von aussen nur beschränkten Einl)lick ins 
Innere gestatten. Szinte gibt — wohl auf der Ansicht Huszkas fussend — 



1) Ereszteni = lassen, loslassen: kiere.szteni - auslassen, ausladen, auch: hinaus- 
schieben; eresz = die Ausladung des Daches, die Traufe; eresz dann auch noch: dasVor- 
<lacli und der Raum unter demselben, die Vorhalle, d. i. das Ausladende, das Hinaus- 
gelassene, das Vorgeschobene. 



Das Szekler- Haus. 111 

zu, dass diese Einrichtung- orientalischen Ursprunges sei, meint aber zu- 
gleich, sie könne auch örtlicher Notwendigkeit entsprungen sein. Die 
Vorhalle eignet sich als Kammer, Speiseraum, Getreidespeicher oder Back- 
haus sehr. Sie bietet wenig Licht, durch die kleinen ()ffnungen kann 
aber im "Winter der Schnee nicht eindringen, und weil der Kaum sehr 
luftig ist, ist er zur Aufspeicherung von Wolle, Flachs und Hanf sehr ge- 
eignet. Hier bringt man auch Kästen, die Truhen für das Mehl, das Ge- 
treide und die Hülsenfrüchte unter. Auch die Waschgeschirre, die Bottiche 
und Schäfter finden da ihren Platz. Was der Szekler für den Winter 
zusammenträgt, trachtet er in Kücksicht auf die enge Hausstelle alles im 
Hause in Sicherheit zu bringen. 

Ein gleich der Vorhalle als Vorratsraum benutzter Ort ist der Dach- 
boden (hiju). Dort wird jedoch alles rauchig. Es können darum hier 
nur solche Gegenstände auf bew^ahrt werden, denen der Rauch nicht schadet. 
Es werden dort sonach Hirse und Hanfsamen, aber auch getrocknete 
Birnen und Zwetschen, dann landwirtschaftliche Geräte, Werkzeug, die 
Brechein und die Spinnräder verwahrt. 

Abb. 3 zeigt ein Haus mit 'Haus', Vorhalle, Säulengang (tornacz) und 
Speisekammer. Es steht in Csik-Karczfalva. Das Dach weist am vorderen 
Giebel eine Abwalmuug auf. Die Vorhalle sieht hier bereits anders aus. 
Sie geht nicht mehr durch die ganze Breite des Hauses, sondern ist ver- 
kleinert worden, weil sie einer Kammer Raum geben musste. Dadurch, 
dass die Balken, welche die Dachsparren tragen, aus der Hauptfront des 
Hauses über den Gang vorragen, kommt der Gang in den Schutz des 
Daches zu liegen. Die Vorhalle ist auch hier ganz geschlossen. Mit dem 
Gange steht sie durch eine Tür in Verbindung. Die Wand zwischen der 
Vorhalle und der Kammer ist aus Balken gebildet. Szinte sagt von diesem 
Hause, „dass es den ersten Schritt in der Entwickeluug des Szekler-Hauses 
bilde, durch den dieses nach und nach seine wahre Form gefunden hat. 
Neben einem hübschen Äusseren besitzt es in seiner inneren Einteilung 
eine Ausgestaltung und Masse, die sehr entwickelt werden können und 
ausserordentlich umo-estaltungsfähig sind. Dieses Haus ist die Mutter aller 
Szekler-Häuser." 

Abb. 4 bringt ein Haus, das vollkommen dem vorstehend beschriebenen 
gleicht, es schliesst sich jedoch als Modifikation an die Vorhalle eine 
zweite Stube, das 'kleine Haus' (a kicsi häz), an. Dieses Haus steht 
gegenwärtig in Gyergo-Szärhegy (Komitat Csik) an der Landstrasse, es 
wurde jedoch in Kilyenfalva erbaut und als fertiges Haus an seinen 
jetzigen Ort gebracht. Das Szekler-Haus ist also transportabel. Häuser, 
die dem unter Abb. 4 wiedergegebenen vollkommen gleichen, kommen 
im Szekler-Lande zu Tausenden vor. Szinte hält diese Hausform für den 
wahren Typus des Szekler-Hauses. Umstehend (Fig. 1 u. 2) finden 
sich der Grundriss und der Aufriss dieses Hauses in grösserem Massstabe 



112 



Bunker: 



dargestellt. Die Eiiizeiclmungeu im Grimdriss, deren deutsche Bezeich- 
nunoen von mir in die reproduzierte Zeichnung- Szintes eingetragen wurden, 
machen jede weitere Beschreibung überflüssig. 




Fig. 1. Szekler-Haus aus Gyergyo-Szärhegy (Komitat Csik). 1 : (LV»- 






Sdmsselküri ^^ 



Bett i 




Fiff. 2. Grundriss und innere Einrichtung. 



Das Haus auf Taf. 1, Abb. 5. aus Csobotfalva (Komitat Csik) zeigt 
wieder eine neue Modifikation: von der grossen Stube (haz) ist eine kleine 
Stube, das 'Seitenhaus' (oldalhaz) abgetrennt worden. Die Abtrennung ist 
aber keine Tollkommene, da die Scheidewand nur bis in die Nähe der 
Feuerstelle reicht. Das Stübchen wird sonach vom Ofenherd nicht nur 
erwärmt, sondern auch beleuchtet. Es dient gewöhnlich als Schlaf kammer. 



Das Szeklcr-Haus. 113 

Der Gruiidriss zu Abb. 5 ist aus einer nur geringfügigen Umgestaltung 
des Grundrisses zu Abb. 3 entstanden. 

Abb. 6 stellt ein Haus aus Parajd (Komitat Udvarhely) dar. Es be- 
sitzt einen Keller (pincze). Da er nicht tief und seine Decke über der 
Erdoberfläche angebracht ist, liegt die grosse Stube (von Szinte 'nappali', 
d. h. Tageszimmer oder Wohnzimmer, genannt) und das dahinter liegende 
Schlafzimmer (hälö) hoch. Es führen zu ihr von der Vorhalle aus vier 
Stufen empor. Der Gang ist nur der Vorhalle, hinter welcher sich hier 
eine Küche (konyha) befindet, und dem linken Teil des Hauses, der aus 
Speisezimmer (ebedlo) und Kammer (kamara) besteht, vorgelegt. Die 
Vorhalle ist nach vorn verschalt. Über der Hallentür ragt das Dach vor. 
Es wird durch Spreitzen gestützt. Solche vorgeschobene Dächer trifft 
man au Szekler-Häusern in grosser Mannigfaltigkeit der Form an. Sie 
beschützen entweder den Gang, dienen zur Verbreiterung der Vorhalle 
oder beschirmen den Stiegenaufgang. 

Das Haus, welches die Abb. 7 zeigt, steht ebenfalls in Parajd. Es 
hat eine offene Vorhalle, einen Keller und einen Abort. Der Anstandsort 
ist die neueste Errungenschaft des Szekler - Hauses. Eigentümlicherweise 
ist er der Strasse zugekehrt. So findet mau ihn auch im Kom. Häromszek, 
besonders in Koväszna, wo es der Badegäste wegen zur Notwendigkeit 
wurde, diesen Ort in enge Verbindung mit dem Hause zu bringen. 

In dem unter Abb. 7 gezeigten Hause finden wir den Keller (pincze) 
rückwärts und den Gang vorne. Letzterer setzt sich an der Giebelseite 
fort und führt dort zum Abort. Ein weiterer Unterschied in der Anordnung 
der Räume dieses Hauses besteht darin, dass das Speisezimmer (ebedlo) 
hinter der Vorhalle (eresz) liegt, während die Küche (konyha) die Stelle 
des 'kleinen Hauses' einnimmt. Die Stiege, welche zur Vorhalle hinauf- 
führt, ist oben durch eine Tür abgeschlossen, welche dem Geflügel den 
Eintritt verwehrt. 

Abb. 8 zeigt ein gemauertes Haus aus Szepsi-Köröspatak (Komitat 
Häromszek). Die Vorhalle ist offen, durch vier Säulen flankiert und mit 
einer Brüstung versehen. Einen Gang finden wir nur an der Seite, wo 
der Abort ano-ebracht ist. Die Anordnung der Räume ist der im vor- 
stehend beschriebenen Hause gleich. Das Innere des Hauses trägt also 
den Charakter des Szekler-Hauses noch vollkommen an sich, das Äussere 
hat sich dem Material anbequemt. Die Wände sind aus Steinen und 
Ziegeln. Das Dach ist ein Ziegeldach. Aus diesem erhebt sich auch ein 
Schornstein: 

Soweit hat Szinte die Entwickelung des Szekler-Hauses zu verfolgen 
vermocht. Seine Arbeit, die ich im vorstehenden auszugsweise in deutscher 
Übersetzung wiedergegeben habe, hat insbesondere auch mich in hohem 
Grade interessiert. Aus der Ausgestaltung jener beiden Häuser aus Uzon 
und eines kleinen Häuschens aus Klein-Bistritz (Kom. Besztereze-Naszöd), 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. S 



X14 Bolte: 

die ich iu der oben zitierten Arbeit über das siebenbürgisch-sächsische 
Haus beschrieb, leitete ich nämlich den Schluss ab, dass sowohl das 
siebenbürgisch - sächsische Haus als auch das Szekler - Haus aus einem 
Häuschen mit nur einer Stube und einer ihr vorgelegten Halle entstanden 
sein müsse. In derselben Arbeit stellte ich es als eine grosse Wahr- 
scheinlichkeit hin, dass auch das oberdeutsche Haus aus denselben primi- 
tiven Elementen, nämlich aus einem einzigen geschlossenen Raum und 
einer Vorhalle, hervorgegangen sein dürfte. 

In bezug auf das Szekler-Haus hat mir die Arbeit Szintes die volle 
Bestätigung meiner Anschauung in kaum erhoffter Weise gebracht. In 
Hinsicht auf das Haus der Sachsen in Siebenbürgen steht die Bekräftigung 
meiner Hypothese noch aus, sie wird aber, so hoffe ich, nicht lange auf 
sich warten lassen, da meine xA.rbeit über das Haus der Sachsen Anstoss 
zu vertiefteren Forschungen gegeben hat. Dass schliesslich auch ein 
o-rosser Teil oberdeutscher Hausformeu sich aus einer Urzelle mit vor- 
gelegter Halle, wie solch primitive Häuschen aus dem Szeklerland uns 
Szinte in seinen Abb. 1 und '2 vorführt, entwickelt haben muss, das hat 
mich das eingehende Studium des Hauses meiner oberkärntnerischen 
Heimat gelehrt. Eine umfangreichere Arbeit, die jüngst in den Mit- 
teilungen der Anthropolog. Gesellschaft in Wien 32, 12 erschienen ist, 
gibt darüber Aufschluss. 

Ödenburg. 



Kleine Mitteilunaeu. 



Zur Sage von der freiwillig kinderlosen Frau. 

Da A. Hauffen oben K», 436 auf meinen aus R. Köhlers Kollektaneen ge- 
schöpften Aufsatz über Lenaus Gedicht Anna im Euphorien 4, 323 — 333 (1897) 
zurückgekommen ist^), gestatte ich mir einige weitere Nachträge aus der dänischen 
Literatur anzuschliessen, die ich im Sommer 1901 auf der Kopenhagener König- 
lichen Bibliothek sammelte. 

Ein auf der Insel Fünen vernommenes Volksmärchen, das der Militärarzt 
Matthias Winther-) (geb. 1795, gest. 1834) 1822 mitteilte, weicht nicht bloss in 
einzelnen Zügen von den späteren dänischen Aufzeichnungen ab, sondern mildert 
auch die Schuld der freiwillio; kinderlosen Frau beträchtlich. Birgitte, die ihre 



1) Auch Nyrop (La sterilite volontaire. Melusine 1», lS4f.) hat freundlich auf jene 
Arbeit hingewiesen. 

2) Harpen, et cTsthetisk Tidskrift, udg. af A. P. Ljunge 3, 1, 122— 124: 'Den Gamle 
i Skovhytten, et fynsk Folkeeventyr' (1822) = M. Winther, Danske Folkeeventyr, 1. Sämling 
(1823) S. 91— IUI; dazu die Annierloing S. 125. 



Kleine Mitteilungen. 115 

Mutter durch den Tod verloren hat, findet im Walde bei einer Hexe Aufnahme. 
Nach einiger Zeit erwacht in ihr die Sehnsucht nach der Heimat und ihrem Ge- 
liebten Andreas. Allein bevor sie davongeht, dreht sie die Handmühle, die ihr 
die Alte zu berühren verboten, zwölfmal herum. Jedesmal ertönt ein Seufzer, und 
ein kleines Kind in schwarzem Gewände schwebt vorüber. Ohnmächtig sinkt sie 
nieder; als sie erwacht, ist sie daheim. Sie heiratet nun ihren Andreas und ge- 
biert ihm zwölf Kinder, aber alle kommen tot zur Welt. Im 13. Jahre gehen beide 
Gatten zum Kirchhof, wo zwölf rote Rosensträucher auf den Gräbern ihrer Kleinen 
blühen. Da sieht Andreas, dass seine neben ihm sitzende Frau keinen Schatten 
wirft, und ruft entsetzt: 'Du musst eine schwere Sünde begangen haben'. Sie 
beichtet ihm ihre Tat und wandert zur Busse in die weite Welt. Als sie einmal in 
einer Kirche einsam betet, erscheinen ihr zwölf Kinder in weissem Gewände; die 
Alte schaut herein und winkt ihr, verschwindet aber, als sie Jesu Namen anruft. 
Weiter wandernd gelangt sie abends zu einem Hause, das sie erst, als sie ein- 
getreten ist, als ihr eigenes erkennt. Sie legt sich in den Ofen und stirbt noch 
in der Nacht. Am Morgen findet 'Andreas die verbrannte Bettlerin, erkennt sie 
an ihrem Ringe und gewahrt auch, dass die roten Rosen auf den Gräbern seiner 
Kinder weiss geworden sind. 

In der Anmerkung verweist Winther auf eine mir unbekannt gebliebene deutsche 
Sammlung 'Geister-, Zauber-, Hexen- und Koboldsgeschichten 1, 137— 7G: Der 
Wundervogel' und auf ein dänisches Gedicht 'Den ottende S0n' von Schack 
Staffeidt (176i)— 1826), das zuerst 1804 im Druck erschien. i) Doch entfernt 
sich diese Ballade noch weiter von der skandinavischen Volkssage, die Lenau und 
Frankl 1835 aus Hagbergs Munde vernahmen, ^j Nicht aus Furcht, ihre Schönheit 
durch ein Kindbett zu verlieren, sucht Jungfrau Thora den Beistand der unheim- 
lichen Alten im Walde, sondern um ihrem Bräutigam Esben zu verbergen, dass 
sie bereits die Frucht verbotener Liebe unter dem Herzen trägt. Die Hochzeit 
wird gefeiert; sieben Jahre vergehen, in denen Thora ihrem Gatten sieben Kinder 
gebiert. Da erscheint vor ihrem Bette ein Kobold mit dunklem Gesicht und 
kahlem Haupt und begehrt ihre Milch zu trinken, die sie ihm einst vorenthalten. 
Nach zwei Monaten ist Thora elend dahingesiecht, der inzwischen gross und stark 
gewordene Kobold aber tötet in derselben Nacht ihre sieben Söhne. 

Auffallenderweise war dem Märchensammler Winther die seiner fünischen 
Aufzeichnung viel näher stehende Ballade von Carsten Hauch (171)0—1872) 'Det 
drffibte Barn'^'), die 1810 gedichtet und 1819 gedruckt worden war, fremd geblieben. 



1) Schack Staffeidts Digte 1, 155 (1804) = udg. af F. L. Liebenberg lS,s-_> S. 51 = 
Chr. Winther, Danske Romanzer hundrede og fem 1839 S. 94. Verdeutscht von E. Bennett, 
Dania 1841 S. 97. 

2) „Nie werde ich die herrlichen Stunden vergessen", schrieb C. A. Hagberg 18.51 
au Schurz, „als ich mit ihm [Lenau] in den wunderschönen Gegenden Wiens lustwandelnd, 
schwedische Volkslieder übersetzte oder Sagen aus meiner Heimat erzählte. Sein edles 
Auge funkelte, sein ganzes Wesen war Begeisterung, als er mir mit Sagen aus dem schönen 
Ungarn vergalt." (Schurz, Lenaus Leben 1, ;>28. 1855.) — Eine Vergleichung von Frankls 
Ballade 'Die Kinderlose' mit Lenaus Gedicht hat schon R. M. Werner (Österreichisch- 
ungarische Revue 16, 178—181. 1894) unternommen, ohne der Quellenfrage näher zu treten. 

3) Iris, Nytaarsgave for 1819, udg. af Johan Carsten Hauch S. 47—49 = Chr. Winther, 
Danske Romanzer 1839 S. 334. Später betitelt 'De syv Born' ; Hauch, Lyrisk Digte, "2. Udg. 
1854 p. 198 = Samlede Digte 1891 2, 19—31. — Auf die Gedichte von Hauch und Fibiger 
bin ich durch Svend Grundtvigs hsl. Kollektaneen (Nachlass 72, II No. GO: 'Synd og näde'), 
die sich auf der Königlichen Bibliothek zu Kopenhagen befinden, hingewiesen worden. 

8* 



IIQ Bolte, Adler: 

Ihr Eingang erinnert an die Hagbergsche Erzählung. Das Edelfräulein Mechthild 
kehrt mit ihrem Verlobten von der Palkenjagd in die Ritterburg zurück. Posaunen 
ertönen beim festlichen Mahle, aber Mechthild verlässt mit einer Zofe die jubelnde 
Gesellschaft und klagt im Walde um den nahen Verlust ihrer jungfräulichen 
Schönheit, indem sie auf ein bleiches Weib, das einem Säuglinge die Brust reicht, 
deutet. Ihre Dienerin verspricht ihr Hilfe; und als Mechthild abends unruhvoll 
in ihrer Kammer sitzt, tritt ein altes Weib herein und verheisst, ihre Sorge zu 
bannen, wenn sie um Mitternacht zur Mühle im Walde komme. Allein in ihres 
Bräutigams Arm vergisst Mechthild jene Worte; erst als ihr nach Monaten eine 
Dienerin freudig zuflüstert, nun werde ihr ja der Gürtel zu eng, erschrickt sie 
und stiehlt sich um Mitternacht von des Gatten Seite aus der Burg. Im Walde 
begegnet ihr eine Frau in weissem Gewände und warnt sie in längerer Zwiesprache 
vor ihrem Vorhaben. Ungerührt schreitet Mechthild zur Mühle. Die ihrer harrende 
Alte zieht die Schleuse auf und setzt das Rad in Bewegung: 'Willst du deine 
Sorge mit Jugendfrische vertauschen, so muss es dein Kind mit Blut bezahlen.' 
Die eitle Frau willigt ein, die Sinne schwinden ihr; aber sie jubelt auf, als sie 
sich beim Erwachen jung und schlank fühlt. Da vernimmt sie ein Wimmern, 
tritt in die Mühle und sieht vom Mühlsteine Blut herabtropfen. Ohnmächtig wird 
sie heimgetragen und vermag fortan keinem Kinde mehr ins Gesicht zu sehen. 
Wie sie endlich ihre innere Qual nicht mehr allein zu tragen vermag, gesteht sie 
ihrem Manne alles. Ergrimmt stösst dieser sie von sich; und sie zieht in ärm- 
lichem Gewände und Pilgerhut bettelnd durchs Land bis nach Loretto. Dort an- 
gelangt sinkt sie vor dem elfenbeinernen Marienbilde tot nieder; denn sie hat in 
diesem die bleiche Warnerin und in dem Jesusknaben ihr vom Mühlrade zer- 
malmtes Kind wiedererkannt. 

Bei Hauch hat also wie bei Schack Staffeidt die sündige Tat der Frau das 
märchenhafte Gepräge verloren; denn diese opfert nicht vor der Eheschliessung 
ihren künftigen Kindersegen dunklen Gewalten, sondern entledigt sich aus Eitel- 
keit oder einem noch verwerflicheren Grunde einer bereits empfangenen Leibes- 
frucht. Dieser Vergrösserung der Schuld entspricht denn auch die strengere Ver- 
geltung; von einer Begnadigung der reuigen Sünderin ist bei ihrem Tode nicht 
die Rede. Dass beides eine Minderung des poetischen Gehaltes der Sage bedeutet, 
scheint mir nicht zweifelhaft, wenngleich wir bei Hauch manchen schönen Zug 
wiederfinden, der dem deutschen Leser aus Lenaus Gedicht längst vertraut ist. — 
Weniger willkürlich scheint J. Pibiger in seiner 1865 veröffentlichten Dichtung 
'Prjestens Hustru'^) mit seiner Vorlage, einer ihm von Professor Hoyen berichteten 
Bornholmer Volkssage, geschaltet zu haben. Denn wenn er auch die Geschichte 
in die Zeit der Kreuzzüge verlegt und mannigfach ausschmückt, so stimmen doch 
die Grundzüge: die Szene mit der Hexe in der Mühle, die Entdeckung der Untat 
aus dem Fehlen des Schattens und die nach dem Tode der Frau aus dem Mühl- 
steine spriessenden Rosen, ganz zu Grundtvigs Version. 

Wenig Bemerkenswertes bietet eine jütische Sage 'Synd og bod', die Kristensen 
in seiner Zeitschrift 'Skattegraveren' 4, 2—6 (Juli 1885) mitteilte. Während hier 
das Mädchen auf das Geheiss der Hexe am Neujahrsabend vier schwarze und 
drei weisse Steine hinter sich in den Brunnen wirft, muss sie in einer Variante in 
einen von der Sonne beschienenen Wassereimer blicken und drei im Wasser er- 
scheinende Kindergesichter mit einem Messer durchbohren. Auch vier schwedische 
Aufzeichnungen aus Finnland, die G. A. Aberg^) bekannt gemacht hat, enthalten 



1) J. Fibiger, Nogle Sagn 1865 S. 45-86; vgl. S. VIII. 

•2) Aberg, Nyländska folksagor 18.S7 S. 182, No. 149: 'Om prästfriin som to live uav 



Kleine Mitteilungen. 117 

keine neuen Züge. Einen im Euphorien 4, .'130 gegebenen Hinweis auf Skalte- 
graveren 1, 166 muss ich jetzt als irrig zurücknehmen; denn das dort gedruckte 
dänische Volkslied 'Synd og bod', das sich auch in Kristensens Jydske Polke- 
minder 1, o5j (No. 132) und 10, 35'S (No. 91) findet, handelt nicht von einer 
Kindesmörderin, sondern von einer in Blutschande lebenden Frau.') 

Aus Galizien hat Jaworskij'-') eine Variante beigebracht, in der die ungeborenen 
Kinder während der dritten Nacht in der Kirche als Gänse erscheinen und die 
selbstsüchtige Frau töten. Zu der bereits erwähnten bretonischen Erzählung bei 
Luzel (Legendes chretiennes de la Hasse -Bretagne 2, 207. 1881) liefert Gaidoz, 
Melusine 9, 61 — G4 ein Seitenstück; vgl. auch Revue des trad. pop. 6, 751. 786 
und Revue celtique 1, 421. In einer anderen bretonischen Erzählung bei A. Le Braz 
(La legende de la mort chez les Bretons 1902 1, o3ß) sind die fünf Kinder, die 
der an ihren Gräbern betenden Yvona in Gestalt von Eichhörnchen erscheinen und 
sie zerfleischen, von dieser erst nach der Geburt erwürgt worden. Gleiches be- 
richtet das bretonische Lied von der schlimmen Magd bei Luzel, Gwerziou Breiz- 
Izel 2, .33;! (1874). •') 

Berlin. J. Bolte. 



Zu den ätiologischen Sagen. 

In der Volkskunde hat man es so oft mit Erzählungen zur Erklärung von 
Xamen zu tun, dass man sich gewöhnt hat, an ihnen als an ätiologischen Sagen 
achtlos vorüberzugehen; wie mir scheinen will, nicht immer mit Recht. Darum 
hat es vielleicht methodologischen Wert, folgenden Vorgang, der sich in den vier 
letzten Jahren in einer mitteldeutschen Stadt abgespielt hat, mitzuteilen. 

In einem weitberühmten Institut wurde bei einem Jubiläum ein schöner Park 
angelegt, der den Namen Jubiläum spark erhielt. Nach einiger Zeit wurden darin 
Bänke aufgestellt. Nun beobachteten die Zöglinge des Instituts, wer zuerst darauf 
sitzen würde. Der Zufall fügte, dass es die Schwägerin eines der Erzieher, ein 
Frl. Flora X., war. Danach nannten zuerst die Schüler, dann die übrigen Ein- 
wohner den Park Florapark. Nach einiger Zeit erhielt der Verlag des Instituts 
einen neuen Administrator, der einen Führer durch das Institut herausgab. Da 
er nur den Namen Florapark hörte, setzte er auf die beigegebene Karte den 
Namen 'Florapark'. Wer von den Forschern, der etwa in hundert Jahren diese 
rberlieferung hörte, würde ihr glauben? Selbstverständlich würde es heissen, da 
hat das Standbild der Flora gestanden, und das um so mehr, als den Mittelpunkt 



tri buän'; No. 150: "Om fryoku som va rädd ti gifta säj'; No. 151 : 'Prästfrim ütau skügga'; 
No. 152: 'Om flikkan som va räclder ti fä bän.' 

1) Ein Vogel aus fremdem Land wahrsagt der Jungfrau Christine, sie werde mit 
ihrem jüngsten Bruder acht Söhne und eine Tochter erzeugen, die verschiedene Berufe 
ergreifen würden; die Tochter werde als Nonne verbrennen; Christine weint lange und 
innig, bis ihr Gott ihre Sünden vergibt. — Man kann mit dieser unvollständig erhaltenen 
Ballade das bretonische Lied von Marie Quelen (Luzel, Gwerziou Breiz-Izel 1, 89) ver- 
gleichen, in welchem ein Mädchen, das in Blutschande mit dem eigenen Vater gelebt und 
ihre sieben Kinder getötet hat, ihre Sünde durch den Hungertod büsst. 

2) Zeitschrift für österreichische Volkskunde 4, 47. 

.')) Die im Euphorion 4, 332^ zitierte Erzählung ist auch gedruckt bei Blade, Contes 
populaires de la Gascogne 2, 201 (1886); vgl. noch die Geschichte von der Pfaffenköchin 
in der Revista lusitana 2, 322: 'A ama do padre'. 



\l^ Knaack, Schütte: 

der Anlagen ein Rondell gebildet hat — die Karte beweist es — , wie man es 
zum Aufstellen einer Flora gern anlegt. Höchstens würde man zugeben, dass der 
Name andeuten sollte, es sei da etwa für die Schulen ein blumenreicher botanischer 
Garten gewesen. 

Halle a. S. Max Adler. 



Eine antike Parallele zu einem rügensclien Märchen. 

In der dritten Auflage seiner Rügenschen Sagen und Märchen S. 157 (No. 172) 
teilt A. Haas ein neues Jasmunder Tiermärchen vom Storchland mit: „Wenn uns 
die Störche im Herbste verlassen, ziehen sie in ein fernes, fernes Land, wohin 
nur selten ein Mensch zu kommen pflegt. Hier leben die Störche aber nicht in 
Tiergestalt, sondern sobald sie dort angekommen sind, verwandeln sie sich in 
wirkliche, richtige Menschen, bloss ihre Nahrung bleibt die frühere, nämlich 
Frösche, Mäuse und Weichtiere." Eine Parallele bietet zunächst Kuhn in den 
Nordd. Sagen S. 400: „Wenn der Roggen eingebracht ist, so ziehen die Störche 
fort, und zwar sagt man, dass sie dann alle auf dem Blocksberg zusammen- 
kommen und da einen tot beissen; es sollen eigentlich verwiesene (d. h. 
verwünschte) Menschen sein.'* 

Ähnlich ist eine flämische (mir nur aus Liebrecht zu Gervasius von Tilbury 
S. 157 bekannte) Sage und der friesische Volksglaube, über den Grimm, DM. 
S. 6383 kurz gehandelt hat. Gervasius von Tilbury weiss von einem pfcrdeköpfigen, 
im Nilland hausenden Volk: hi homines certis temporil/us in ciconias travsf'ormaniur 
et apnd no>i (jnotanni>i foetum faciimt (Otia imperial. III, lo S. 35 Liebr.). 

Über das Mittelalter hinaus führt eine bemerkenswerte Angabe des Rhetors 
Aelian in seiner Tiergeschichte (III, 23): Alexander aus Myndos sagt, dass die 
Störche, die ein Leben voll Kindesliebe hinter sich haben, in ihrem Alter zu den 
Inseln der Seligen ziehen; hier vertauschen sie die Vogelgestalt mit der 
menschlichen, zum Lohn für ihre Liebe zu den Eltern — ('A. ö M. (j)v;crii', 
T(.uV neXoLpyujv -o-)^; d-yvo,^) ßni/o-ai'-c/,;, ora.v fi; 7y;pctc a(|)txwvToti, nape'K\)ovra.q a.vToyq 
WC, rkc, 'S2>t?ai'i'Ttoa; i'vjVaug OLfj-sißsiv r* ei(5v] st; «föpu/rrou /xop(j)-/]V, xat sijc-s.Saotg 7e r/;; 
£t; Touc 7f[va,uacu; cTflXci/ tcuto IVxs"' — )■ Die daran geknüpften erbaulichen Be- 
trachtungen sind Eigentum des Kompilators und können füglich unbeachtet bleiben. 
Für die Quellenangabo darf man ihm dankbar sein: es ist das umfangreiche Werk 
'Über die Tiere' von dem Myndier Alexander, dessen Bedeutung M. Wellmann 
(im Hermes, Zeitschr. f. klass. Philologie 2(i, 481— 56(i) klar und erschöpfend dar- 
gelegt hat. Der Mann, ein Kompilator im grossen Stil, etwa in der Mitte des 
ersten nachchristlichen Jahrhunderts, der gewissenhaft aus vortrefl^lichen älteren 
Gewährsmännern ein ungeheures zoologisches, paradoxographisches und mytho- 
graphisches Material zusammengetragen hat, ist für spätere Sammler eine ergiebige 
Quelle gewesen: wir verdanken ihm die w^ertvollsten, leider nur zu spärlichen 
Reste antiker Tiermärchen. Wegen dieses Gewährsmannes darf das Mitgeteilte 
einen besonderen Wert beanspruchen. Ein Zug weicht von dem deutschen Tier- 
märchen ab — die Verwandlung in Menschen erscheint als Lohn der Kindes- 
liebe — und gerade dieser verleiht der Geschichte eine echt hellenische Prägung: 
hat doch selbst Aristophanes nicht verschmäht, dem Storche deswegen ein 
Denkmal zu setzen (Vögel 135311.). Dagegen stimmt in diesem Punkte ein neu- 



1) Überliefert ist o'/t«, was keinen Sinn gibt; ich schreibe ayrä mit älteren Heraus- 
irebern. 



Kleine Mitteilmigeu. 119 

griechisches von Ross (Blätter für literar. Unterhaltung 1835) veröffentlichtes, 
von A. Marx (Griech. Märchen von dankbaren Tieren, Stuttgart 1889, S. 55 A. 1) 
auszugsweise mitgeteiltes Märchen näher mit dem rügenschen: .,Die Störche ziehen 
jeden Herbst nach einer fernen Insel und bewolincn dort bis zum Frühjahr ihre 
(im Sommer verlassene) Stadt in Menschengestalt." Von dem rügenschen Schiffer, 
der durch einen Sturm ins Storchland zu dessen Bewohnern verschlagen wird, 
heisst es, dass sie ihm eine Schüssel mit Mäusen und Fröschen vorsetzen. Als 
er sich darob verwundert, erzählen sie, dass sie sich in jedem Frühling in Störche 
verwandelten und nach dem Norden übersiedelten, wo sie dann den ganzen 
Sommer hindurch verweilten. [Vgl. R. Köhler, Kl. Schriften 1, 366 f.] 

Stettin. Georg Rnaack. 



Das Nestelknüpfen. 

Durch Zufall lernte im Jahre 1702 ein Braunschweiger Prediger einen Hoch- 
zeitsbrauch kennen, der wunderbar anmutet. Bei der Kopulation nämlich liess 
die Harbortsche, wie uns in den Braunschweiger 'Acta colloquiorum reverendi 
rainisterii' (vgl. oben 13, 440) mitgeteilt wird, als ihr der Pastor Schindler Glück 
wünschen wollte, ein kleines rundes Schloss aus der Hand fallen, das zuge- 
schlossen war, und in dem der Schlüssel steckte. Dies Schloss hatte sie darum, 
dass keiner der Anwesenden und Zusehenden eine Zauberei beginge, dass ent- 
weder der Mann oder das Weib zum Kindergebären untüchtig gemacht werde. 
Derjenige nämlich, der jungen Eheleuten einen solchen Possen reissen wollte, 
trüge heimlich bei sich in der Tasche ein Schloss, drückte es bei der Kopulation 
des Bräutigams und der Braut zu und schlösse es zu. Dann würfe er es ver- 
schlossen ins Wasser oder an einen anderen verborgenen Ort. Wenn dies Schloss 
nicht gefunden und aufgeschlossen würde, so vermöchten die Eheleute keine 
Kinder zu erzeugen. Darum müssten sie, um solchem Übel zuvorzukommen, bei 
der Kopulation ein zugeschlossenes Schloss tragen. Dies nannte man das Nestel- 
knüpfen. [Vgl. dazu Th. Unger oben 6, 427 f. Wuttke, Volksaberglaube § 396. 
ü. Jahn, Baltische Studien 36, 333.] 

Braunschweig. Otto Schütte. 

Ölafur DaTiftsson ]: 

Aus dem fernen Island dringt eine Trauerkunde herüber: Olafur DavicTsson, 
den Lesern unserer Zeitschrift als Verfasser des Aufsatzes 'Isländische Zauber- 
zeichen und Zauberbücher' bekannt, ist aus dem Leben geschieden. Er hat noch 
die Freude gehabt, die ihm von mir gesandten Separatdrucke zu sehen, für die er 
sich in einigen Zeilen vom 31. August herzlich bedankte. Als ich letztere am 
20. September erhielt, ahnte ich nicht, dass er schon seit vierzehn Tagen nicht 
mehr unter den Lebenden weilte. Sein Freund, der als Botaniker rühmlichst be- 
kannte Realschullehrer Stefan Stefansson zu MöcTruvellir, teilte mir mit, dass Ölafur 
Davia"sson am Abend des 6. September im Flusse Hörga ertrunken sei. Mit reicher 
Ausbeute kehrte er von einer botanischen Exkursion zurück, natürlich zu Pferde. 
Der Fluss war, ohne dass er es ahnte, stark angeschwollen, deshalb fiel er mitten 
darin vom Pferde und konnte sich, obwohl ein vorzüglicher Schwimmer, wegen 
der Schwere seiner Botanisiertrommel nicht retten. Die in Akureyri erscheinende 
Zeitung 'NorÖurland' (Red. Einar Hjörleifsson) teilt am 12. September darüber 
noch mit, das Pferd sei am nächsten Morgen nach Hof (i Hörgardalur) zurück- 



120 Lehmann-Filhes, Meyer: 

gekehrt (wo Olafur bei seinem Vater, dem Probst Daviö" GucTmundsson, wohnte), 
wodurch man zuerst auf das Unglück aufmerksam geworden sei und die Leiche 
gesucht und auch gefunden habe. 

ülafur DavWsson (so heisst es in einem längeren Artikel im 'Norifurland' vom 
1!). Septemberj war geboren am !26. Februar 1S6"2, kam, durch seinen Vater über- 
reichlich vorgebildet, im Herbst 1877 nach Reykjavik auf die Lateinschule und 
1882 auf die Universität nach Kopenhagen, wo er zunächst Naturwissenschaften, 
besonders Botanik, studierte, wobei er sich aber schon sehr der Volkskunde zu- 
neigte. Schon damals war er ein Sonderling, der monatelang sich so in seine 
Arbeiten vergrub, dass er kaum die Tür öffnete, dann aber auch die Arbeit zeit- 
weise gänzlich ruhen Hess. Sein Lebenswandel wurde infolge des Aufenthalts in 
Kopenhagen mit der Zeit ziemlich unregelmässig, doch litt er dadurch keinen 
Schaden, sondern blieb stets der zuverlässige, lautere Charakter, der er ursprünglich 
war. Im Sommer 1897 kehrte er nach Island zu seinen Eltern zurück und ent- 
wickelte eine enorme Ausdauer im Arbeiten, sei es nun, dass er im Sommer 
botanische Forschungen weit umher im Lande anstellte oder im Winter volks- 
kundliche und literarische Studien trieb. Sagen sammelte u. dgl. m. Er hinterlässt 
eine Menge gedruckter Werke, z. B. die von der Literarischen Gesellschft (Bök- 
mentafelag) 188.S — 02 veröffentlichten 'Islenzkar pjöcTsögur', ausserdem sehr viele 
in den Publikationen dieser Gesellschaft wie auch in anderen isländischen Zeit- 
schriften erschienene Abhandlungen. Die zuletzt von ihm gedruckte ist die in 
deutscher Übersetzung in unserer Zeitschrift erschienene. 

Wer Olafur Uaviösson wenig kannte (so heisst es in dem Blatte ferner), dem 
musste er kalt und verschlossen erscheinen. Dem weiblichen Geschlecht gegen- 
über verhielt er sich stets zurückhaltend, weshalb er auch unvermählt starb; doch 
wussten seine Freunde, welch weiches, liebevolles Gemüt er besass. Er wird als 
warmer Kinderfreund geschildert und als so mitleidig, dass er sich buchstäblich 
manchmal entkleidete, um seine Sachen einem Bedürftigen zu reichen. Er half 
überhaupt, wo er nur konnte. Auch mir hat er in vielen Fällen, so beim Über- 
setzen der Isländischen Volkssagen von Jon Arnason, wichtige Dienste geleistet, 
indem er meine vielen Fragen, die meist schwierige isländische Ausdrücke be- 
trafen, mit dem grösstcn Fleisse beantwortete, wofür ich ihm aufrichtigen Dank 
schulde. Olafur DaviiVsson wird von seinen Landsleuten sowohl als Gelehrter wie 
als Mensch auf das Tiefste betrauert. 

Berlin. Margarete Lehmann-Filhes. 



Berichte und Bücheranzeken. 



Elie ReclilS, Les primitifs. Etudes d'Ethnologio comparee. Paris, Schleiclier 

freres, 1903. XIV + 401 S. 8^ 4 Pres. 

Diese neue Ausgabe eines zuerst 1885 erschienenen Werkes will, wenn es 
das Vorwort auch leugnet, wie die erste Stimmung für die 'Naturvölker' und 
gegen die 'Civilisation' machen, welche Tendenz freilich heut mehr Beifall finden 
dürfte als vor zwanzig Jahren, da man noch so übereifrig den Kulturkampf geger 
die Schwarzen und Braunen führte. Überhaupt ist dies Parergon des berühmten 



Boriclite und Bücheranzeigoii. 121 

I^iographen durchaus eine Tendenzschrift. Seine bekannten sozialistischen Über- 
zeugungen kommen etwa bei den Äusserungen über Regierungsgewalt (S. 136), 
seine antiultramontanen Neigungen bei denen über die Jesuiten (S. 185) wie über 
die Priester der Neuzeit (S. "200) und besonders über den Ursprung des Priester- 
tums (S. 255 f. bes. 288) überdeutlich zum Ausdruck. 

Andere Urteile hängen direkt zusammen mit jenen Sympathien und Antipathien, 
die E,. auch zum Politiker machten. Er verteidigt zwar alles bei seinen Natur- 
menschen: aber der Kommunismus (S. 133) und die primitive Ehe (S, 232. 325) 
kommen doch besonders gut fort und der Begriff der Sünde (S. 275) besonders 
schlecht. 

Die Absicht des Buches ist, repräsentativ nach eigner Art zu zeichnen: ethno- 
logische Typen, den Fischer, den Jäger, den Menschenopferer. Das geschieht in 
geistreicher Weise mit witzigen Wendungen (Je caiwihalisme hii-meme a ses acces 
if human ir(^'^ S. 3G9) und frappanten Überschriften („/e saul clans Panlre monde'^ S. 247. 
25i>)5 niit Anspielungen auf französische Autoren wie Brantome (S. 19G) oder 
Bastiat (S. 365) so gut wie mit Belegen aus der Odyssee (S. 273) — übrigens 
allemal mit der gleichen kavaliermässigen Art des Zitierens, die nur den Autornamen 
nennt. Aber es kommen dabei eine Reihe der wichtigsten Probleme zur Sprache: 
der Farbensinn der Urvölker (S. 59), das Verhältnis des Individuums zur Gesell- 
schaft und die Stelle der Frau (S. 69), die Anfänge der Hygiene (S. 79) und der 
Kunst (S. 105), die Schamhaftigkeit (S. 173) und die Wahrheitsliebe (S. 227), der 
Umfang des primitiven Intellekts („/e pellt liagage inteUecUiel'-'- S, 159) und die 
(sehr zweifelhafte) 'Traurigkeit' der Indianer (S. 159). Der Verfasser will kein 
Rousseau sein, und er ist auch keiner; aber über die Zivilisierung denkt er 
(S. 138. 143 und bes. 145. 185 u. ö.) wie der Bürger von Genf. Nur hat sich 
leider unter der Wirkung der dennoch fortschreitenden Zivilisation das Pathos des 
18. Jahrhunders in den Feuilletonstil des 1!>. (und 20.?) gewandelt. 

Berlin. Richard M. Meyer. 



Julius vou Negelein, Das Pferd im arischen Altertum (Teutonia, Arbeiten 
zur germanischeu Philologie, herausgeg. von Wilhelm Uhl, 2. Heft), 
Königsberg i. Pr., Gräfe & Unzer, 15)03. XXXVII und 178 S. 8*». 8 Mk. 

Das Wort 'arisch' im Titel bedeutet soviel wie indogermanisch. Doch hat 
sich der Verfasser weder auf die Anschauungen des indogermanischen Altertums 
noch auf die der Indogermanen überhaupt über das Pferd beschränkt, sondern 
— und zwar nicht zum Schaden des Buches — auch jüngere Zeiten und andere 
Völker in ausgedehntem Masse herangezogen. Wenn er dabei in seinem Vorworte 
seine Arbeit als das Werk jahrelangen, liebevollen Pleisses bezeichnet, so sagt er 
hier nichts Unbescheidenes; denn fast jede Seite seiner Schrift, in der eine unge- 
heure Fülle von Literatur benutzt worden ist, legt von seinem ausserordentlichen 
Fleisse Zeugnis ab. 

Den Schlussfolgerungen, welche v. Negelein aus den von ihm beigebrachten 
Tatsachen zieht, kann man nur zum Teil beistimmen. Einleuchtend sind dieselben 
meistens im. ersten Hauptteil 'Pferd und Mensch' und im dritten 'Pferd im Kultus'. 
Dagegen geben besonders die Hypothesen des mittleren 'Pferd als Gottheit' zu 
manchen Bedenken Anlass. So ist es z. B. keineswegs sicher, ob die glückbringende 
Bedeutung des Hufeisens wirklich etwas mit den in Rossgestalt gedachten Blitz- 
gottheiten zu tun hat. Und direkt unwahrscheinlich ist es, dass die in fabelhafter 



J22 Loewe, Michel, Kopp: 

Menge in manche Bäume eingejagten Stecknadeln, die Krankheiten bannen sollen, 
ein Substitut für das Hufeisen wären, das jede Art feindlicher Dämonen fernhält. 
Auch bleibt es durchaus zweifelhaft, ob die zwischen Wasser und Ross in der 
Mythologie bestehende Verwandtschaft wirklich auf der Eigenschaft beider, ein 
tragendes Element zu sein, beruht. 

Der Verfasser ist geneigt, gleiche oder ähnliche mythologische Anschauungen, 
die verschiedene indogermanische Völker über das Pferd haben, bereits auf die 
indogermanische Urzeit zurückzuführen, wenn er das auch nur selten direkt aus- 
spricht. Die Frage, ob hier nicht eine Anschauung erst später von einem indo- 
germanischen Volke zu anderen gelangt sein kann, hat er nicht erörtert. Und 
doch kann z. B. die S. (i2 angegebene Tatsache, dass der Brauch, ein gefundenes 
Hufeisen als glückbringend an Tür oder Schwelle des Hauses oder Stalles zu 
heften, ausser in Deutschland, Frankreich und England auch in Persien vorkommt, 
nur auf jüngerer Übertragung beruhen, da nach v. Negelein selbst S. 58 der Huf- 
beschlag überhaupt erst verhältnismässig spät aufkommt: vielleicht stammt die 
canze Anschauung und der damit verknüpfte Brauch aus Iran, und ist von einem 
iranischen Reitervolke wie Jazygen oder Alanen zu benachbarten und befreundeten 
germanischen Stämmen gebracht worden. Andere Anschauungen wiederum könnten 
bei verschiedenen indogermanischen Völkern selbständig aufgekommen sein, so 
z. B., dass der Schimmel die edelste Art des Pferdes bildet.^ 

Mit sprachwissenschaftlichen Dingen weiss der Verfasser wenig Bescheid, wie 
er denn S. 1, Anm. 6 noch glaubt, dass die Sprachwissenschaft die Identität der 
griechischen Kentauren und indischen Gandharvcn wahrscheinlich mache. Zum 
Glück aber berührt er sprachliche Dinge überhaupt nur selten. 

Wilmersdorf. Richard Loewe. 



E. F. ^y. Meumann, Die Sprache des Kindes (Abhandlungen herausgeg. 
von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Zürich. VIII). Zürich, 
Zürcher und Fiirrer, 1903. 82 S. 8^ 2 Mk. 

Fast alle Fragen, die sich dem Erforscher der Kindersprache aufdrängen, 
werden in diesem schlicht geschriebenen Büchlein verständnisvoll und einleuchtend 
behandelt. Der Verfasser hat nicht nur die vorhandene, recht ansehnliche Literatur 
durchgearbeitet, sondern auch eigene Beobachtungen an mehreren Kindern ange- 
stellt. In seinen Anschauungen berührt er sich im wesentlichen mit Wundt, der 
ja im ersten Bande seiner 'Völkerpsychologie^ (1900 S. 273 ff.) eine ausführliche 
Darstellung der Kindersprache gegeben hat. Der rein physiologische Teil der 
sprachlichen Entwicklung wird rasch abgetan, um so eingehender aber der psycho- 
logische Prozess analysiert, den das Kind durchmachen muss, bis es die zunächst 
sinnlos nachgesprochenen Wörter sinnvoll gebrauchen lernt. Den Kern der lehr- 
reichen Schrift scheint mir der Nachweis zu bilden, dass bei der aktiven Sprache 
des Kindes anfangs weder ein Gegenstand noch ein Vorgang der Umgebung be- 
nannt oder bezeichnetwird, sondern dass die ersten Wortbedeutungen ausschliesslich 
emotioneller oder volitionarer Art sind. Die ältere, mehr logisch konstruierende 
als empirisch beschreibende Psychologie behandelte die Gewinnung der ersten 
Wortbedeutungen zumeist als die Gewinnung von 'Begriffen', setzte also voraus, 
dass das Kind bereits im ersten Lebensjahr alle logischen Funktionen wie die 
Bildung von Gattungs- und Beziehungsbegiiffen betätige. Davon kann gar keine 
Rede sein. Durch die ersten Wörter, die das Kind spricht (nachdem die Periode 
des blossen Nachplapperns vorüber ist), wW] es vielmehr Wünsche oder Begehrungen, 



Berichte und Büclieranzeigcn. 123 

Lust oder Unlust ausdrücken, durch sie will es keine Gegenstände bezeichnen, 
sondern die Beziehungen dieser Gegenstünde zu seinen Wünschen. Wenn das 
Kind 'tul' sagt, so meint es damit: 'Ich will auf dem Stuhl sitzen'. — In einem 
Anhang bespricht der Verfasser kurz die häufigsten Sprachfehler und gibt Rat- 
schläge zur Beseitigung. Das Literaturverzeichnis am Schluss ist etwas lücken- 
haft geraten; zum mindesten hätten alle diejenigen Schriften aufgenommen werden 
müssen, deren Verfasser im Text ohne nähere Angaben als Gewährsmänner zitiert 
werden; so wird z. B. Taine mehrfach genannt, aber man erfährt nirgends, dass 
seine auch heute noch lesenswerte 'Note sur l'acquisition du langage chez les 
enfants et dans l'espece humaine' im ersten Bande der 'Revue philosophique' (1876 
S. 5 ff.) steht. Hermann Michel. 



Des Kuaben Wimderliorn. Alte deutsche Lieder, gesammelt you 
L. A. V. Arnim und Cl. Brentano. In einer Auswahl . . . herausg. 
von Paul Ernst. Leipzig und Berlin, G. IL Meyer 1903. 599 S. H*'. 

Unser altes Wunderhorn unter Weglassung der wertlosen, allzu platten, 
geschmacklosen, albernen und gemeinen Stücke, die die Veranstalter der Samm- 
lung, wie schon im ersten, so trotz Goethes wohlwollender Mahnung auch in den 
späteren Teilen massenhaft abdruckten, in einer sorgsam gesichteten Auswahl 
weiteren Kreisen zugänglich zu machen, ist ein Versuch, der ungeteilten Beifalls 
von vornherein sicher sein kann. Diesen rühmlichen Versuch hat Paul Ernst 
unternommen. Insofern das Wunderhorn seiner Anlage wie seinem Inhalt nach 
dazu geeignet ist, ein Haus- und Volksbuch zu werden, kann es gewiss nur auf 
dem von Ernst eingeschlagenen Wege geschehen; aber es ist schier unmöglich, 
dass das Buch als ganzes in irgend einer Form, in einer wenn auch noch so 
geschmackvollen Auswahl und sorgfältigen Bearbeitung in die Familien dringen 
oder die breiten Massen erobern könnte. Wie es seinen Ursprung lediglich lite- 
rarischen, ein wenig spielerischen Liebhabereien mehr als im Durchschnitt ver- 
künstelter Schriftsteller verdankt, wird es wahrscheinlich nach wie vor ein Buch 
bleiben für diejenigen gebildeten und gelehrten Kreise, die sich mehr oder minder 
bewusst und absichtlich auf den Boden des Volkstümlichen stellen, besonders auch 
ein Musterbuch für dichterisch veranlagte Leute, die volksmässige Farben und Züge 
sich daraus anzueignen beflisssen sind, die sich nicht nur unbefangen an dem Ge- 
botenen erfreuen, sondern womöglich für eigene Kunstübung dabei lernen wollen. 
Um dem Stoff des Wunderhorns erhöhte Wirkung und segensreicheren Ein- 
fluss in weiteren Kreisen zu verschaffen, müsste man wohl noch dreister zugreifen, 
als es der Herausgeber, bei seiner an sich lobenswerten Pietät gegen ein in dieser 
Gestalt nun einmal vielen ans Herz gewachsenes und in der Literaturgeschichte 
gerade solchermassen fest eingeordnetes Werk, über sich gewann. Noch immer 
steht zu viel abgeschmacktes Gereimsei ohne jeden dichterischen Wert, ohne jede 
wahre Volksmässigkeit darin. Die geistlichen Gedichte, die von schlichter, inniger 
Frömmigkeit mehrfach weit entfernt sind, deren manche weit eher abstossend, ja 
widerwärtig und ekelhaft, als anziehend und ergreifend auf kindlich fromme Gemüter 
wirken, ferner die sogenannten historischen Lieder, die ganz untergeordnete, wenigen 
bekannte Stoffe und Ereignisse behandeln, konnten vielleicht noch stärker ein- 
geschränkt werden. Wenn Lieder, wie diejenigen vom Lindenschmidt und vom 
alten Hildebrand, von den Seeräubern Störtebeker und Gödeke Michael, oder der 
Orlamünder Herzogin Jahrhunderte lang sich im Volksmunde behaupteten und, 



124 Kopp, Bolte: 

wenn auch jetzt verschollen, nicht wohl in einer solchen Sammlung fehlen dürfen, 
so würden die Geschichten vom Dollinger, Falkenstein, Fritsch, Steutlinger, vom 
König aus Mailand, vom Grafen Friedrich und ähnliche durch niemanden vermisst 
werden. Geistliche Gedichte kommen hier in wenig angemessene Nachbarschaft. 
Bei den religiösen Gegensätzen, die nun einmal bestehen und sich nicht fortschaffen 
lassen, wenn sie von den Besten des Volkes auch noch so sehr beklagt werden 
mögen, vertragen sich die Gesänge der feindlichen Konfessionen nicht innerhalb 
derselben Einfassung. Zudem stehen viele auf der niedrigsten Stufe des Geschmacks, 
so die beiden Gedichte 'Eine heilige Familie', 'Erlösung' (Seite 467, 471), diese 
zugleich die letzten, welche der Herausgeber aus der ursprünglichen Sammlung 
hinübergenommen hat. 

Seite 472 bis 495 gibt Ernst ein paar Lieder aus dem vierten, den meisten 
Liebhabern des Wunderhorns gar nicht bekannten Bande, den Erk im Jahre 1854 
nach A. v. Arnim's handschriftlichem Nachlass herausgegeben hat. Den Beschluss 
machen die Kinderlieder, die sehr zum Nachteil des Ganzen mit einem latei- 
nischen geistlichen Stücke 'Dormi Jesu, mater ridet' nach dem Vorgange des 
alten Wunderhorns ausklingen. "Weshalb der vierte Band, wenn er überhaupt als 
dazu gehörend betrachtet und berücksichtigt wurde, durch den Herausgeber so kurz 
abgetan ist, obschon er viel Brauchbares enthält, darüber sollen hier keine Ver- 
mutungen angestellt werden. 

Wie man jedoch schon hierin einen Mangel strenger Folgerichtigkeit und 
gleichmässiger Sorgfalt sehen könnte, so möchte man dem Herausgeber, der freilich 
alle gelehrten Absichten als dem Zweck seiner Vorlage widersprechend ablehnt, 
dennoch eine Beimischung wissenschaftlichen Sinnes und gelehrter Mühewaltung 
anwünschen. Wenn S. 424 'Schöne Lieder, Henrici Finkeis' [eüj als Quelle genannt 
werden für 'Schön bin ich nicht, mein schönster Hort' <S Zeilen, sodann 14 Zeilen 
'Ihr findet in Geschichten | Vom Fisch Delphin genannt', so durfte nicht nur, 
sondern musste der Herausgeber den sinnfälligen Druckfehler Finkeis statt Finkens 
(Genitiv zu Fink) bessern und musste merken, dass hier Teile zweier selbständiger 
Lieder, die nichts mit einander geraein haben und nicht im geringsten zusammen- 
passen, zufällig durch irgend eine Nachlässigkeit in eins gedruckt sind, woraufhin 
er das nichtssagende, gleichgültige Stück weglassen, oder mindestens durch einen 
Zwischenstrich als besondere Bruchstücke verschiedenen Ursprungs bezeichnen 
musste. Noch ein Stück, das allerdings, wie schon im U». Jahrhundert, auch in 
Sammlungen der neueren Zeit immer als Einheit gedruckt ist, wäre besser in zwei 
besondere Lieder zu zerlegen gewesen: S. 47o 'Lied der Lanzknechte über die 
Schlacht bei Pavia 1525': „Zart schönes Jungfräuelein", die ersten 10 Zeilen Liebes- 
lied, sodann „Herr Georg von Frundsberg, der hat die Schlacht vor Pavia gewonnen", 
Kriegsgesang. Diesen Sang hat Ernst aus dem vierten Bande des Wunderhorns 
entnommen, und grade bei der dürftigen Auswahl aus diesem Bande war seine 
Hand nicht eben glücklich. An zweiter Stelle bietet er das Pavia-Lied. Unmittelbar 
daran schliesst sich an dritter Stelle das 'Mailied': „Der Maie, der Maie | Der bringt 
uns Blümlein viel". Dieses Liedchen soll „schon im 15. Jahrhundert bekannt" 
gewesen sein. Es findet sich bei Hans Sachs und kann sehr wohl von diesem 
verfasst sein. Welche Spur aus dem 15. Jahrhundert kann Ernst uns nachweisen? 
Als nächstes Lied folgt an vierter Stelle 'Kein Glück noch Stern': „Es fiel ein 
Reif in der P>ühlingsnacht". Dies Lied soll „mündlich am Niederrhein, nach 
H. Heine" fortleben. Diese Quellenangabe, die den tatsächlichen Verhältnissen 
keineswegs entspricht und in der Vorlage ganz anders gefasst ist, musste richtiger 
ausgedrückt werden oder ganz wejjbleiben. 



Berichte und Büchcrauzcigon. 125 

Das Buch ist reizend ausgestattet, iin Druck sorgfältig- überwacht und mit 
einer sehr lesenswerten Einleitung versehen. Es bedarf wohl kaum eigens der 
Hervorhebung, dass von diesen kleinen Ausstellungen, die nur Nebendinge betreffen, 
die Hauptsache nicht berührt wird, und wie dem Wunderhorn an sich, so vollends 
einer gesäuberten und nach richtigen Grundsätzen veranstalteten Ausgabe gleich 
der vorliegenden kein Abbruch geschehen soll, im Gegenteil jeder Erfolg und 
möglichst weite Verbreitung zu wünschen ist. Arthur Kopp. 



Giovanni Giannini, Canti popolari toscani, scelti e aimotati. Fireiize, 
G. Barbera, 1902. XXYII, 493 S. 16^ 2,25 Lire. 

In einem zierlichen Rändchen bietet der bewährte Volksliedersamraler eine 
hübsche Auswahl aus dem toskanischen Liederschatze. Er beschränkt sich nicht 
wie Tommaseo und Tigri auf Rispetti und Stornelli, sondern zieht auch die Gattungen 
des erzählenden Liedes, der Kinderreime, Rätsel, Gebete und Bettellieder heran, 
denen er willkommene Literaturnachweise und Erläuterungen nebst einer aus- 
führlichen Bibliographie beigibt. 



Wilhelm Wisser, Wat Grotnioder verteilt. Ostholsteinische Yolksmärchen 
gesammelt. Leipzig, E. Diederichs, 1904. 96 S. 

Aus Wissers reicher Sammlung holsteinischer Märchen, die Erzählungsweise 
und Mundart des Volkes treu wiedergibt, hat die Kieler 'Heimat' schon verschiedene 
Proben gebracht. Hier erhalten wir 10 für die Jugend ausgewählte, mit Bildern 
und einem Glossar versehene Stücke, die den Wunsch nach einer vollständigen 
Veröffentlichung des gesammelten Materials wachrufen. 



Kurt Lampert, Die Völker der Erde. Eine Öchikleruug der Lebeusveeise, 
der Sitten, Gebräuche, Feste und Zeremonien aller lebenden Völker. 
Stuttgart und Leipzig, Deutsche Verlagsanstalt, o. J. 2 Bände. VII, 
383; VIII, 428 S. gr. 4'' mit 376 + 400 Abbild. 35 Lief, zu 0,60 Mk. 

Das schon oben 13, 123 f. angezeigte Werk liegt nun abgeschlossen vor uns. 
Es führt uns in rascher Folge die Bewohner von Australien, Asien, Afrika, Europa 
und Amerika durch vorzügliche Abbildungen in ihrer äusseren Erscheinung und 
Tracht vor. Der gewandt geschriebene Text kann bei dem beschränkten Räume 
(auf Deutschland entfallen 14, auf Italien 8 Seiten, von denen noch mindestens 
ein Viertel auf die Bilder abgeht) natürlich nur die wichtigsten geographischen, 
historischen und anthropologischen Einzelheiten mitteilen und nicht überall auf 
die im Titel genannten Gebräuche, Feste und Zeremonien eingehen. Das grosse 
und interessante hier vereinigte Material wird hoffentlich der Völkerkunde neue 
Freunde zuführen. 



Karl Storck, Der Tanz. Mit 7 Kunstbeilagen, 1 Faksimile und 150 Ab- 
bildungen. Bielefeld und Leipzig, Velhagen & Klasing, 1903. 140 S. 
gr. 8*^. 3 Mk. (Sammlung illustrierter Monographien 9.) 

An dem hübsch illustrierten Büchlein ist die Gewandtheit anzuerkennen, mit 
der Storck den massenhaften Stoff gliedert und den Leser hurtig von den Tänzen 



126 Ebermami: 

der Naturvölker durch das Altertum und Mittelalter zu den nationalen Volkstänzen, 
dem Ballet und den Gesellschaftstänzen der Neuzeit geleitet, um dann noch kurz 
die Choreographie und die Tanzmusik zu besprechen. Wir hören und sehen 
manche interessante Einzelheit, vermissen jedoch ein Eingehen auf die deutschen 
Volkstänze der älteren und neueren Zeit und deren Weisen, wie überhaupt der 
Verfasser keine Zeit zu längerem Verweilen bei einem Gegenstande hat. An 
Flüchtigkeitsfehlern notiere ich S. 13 Pyrrhichos statt Pyrrhiche, S. o7 die un- 
mögliche Ableitung von Ball, S. 41 Schwertertänze statt Schwerttänze, S. 57 die 
Verwechselung des älteren Plinius mit dem jüngeren. J. B. 



Aus den 

Sitziings-ProtokoUen des Vereins für Volkskunde. 



Freitag, den 23. Oktober 1903. Bei der Eröffnung der Sitzung gedachte 
der erste Vorsitzende mit warmen Worten des am 11. Juli verstorbenen Professors 
Charles Marelie und gab einen kurzen Überblick über die volkskundliche Tätig- 
keit des Verstorbenen, die sich besonders auf das Gebiet des französischen Kinder- 
und Volksliedes erstreckte. Herr Prof. J. Bolte besprach die eingelaufenen Bücher 
und Zeitschriften. Herr Fabrikant H. Sökeland zeigte eine Nachbildung einer 
römischen Hebelwage, deren Original sich im Museum der Saalburg befindet. 
Derselbe legte verschiedene Gegenstände vor, durch deren Gebrauch sich Schmuggler 

bei der Ausübung ihres lichtscheuen Gewerbes 
vor Überraschung zu sichern glaubten. Herr 
Maler Ludwig zeigte einen Gniddel- (oder 
Gniedel-) Stein von der Insel Rügen, sowie ein 
chinesisches Amulett (s. Abb.) von der Form einer 
grösseren Münze, dessen durchbrochenes Flächen- 
muster aus mehreren Svastikakreuzen zusammen- 
gesetzt war. Chinesische Soldaten haben der- 
artige knöcherne Amulette während des letzten 
Feldzuges getragen. An eine frühere Vorlage an- 
knüpfend, erläuterte Herr E. Waiden die Hand- 
habung eines österreichischen Brummkreisels, der 
mit Hilfe eines Löffels und einer Schnur aufgezogen wird, und zeigte ähnliche Kreisel 
aus Java und Flores. Ferner legte Herr Waiden eine Sichel mit gezahnter Schneide 
vor, die aus der Gegend von Hildesheim stammt. Derartige Sicheln sind bei sehr 
vielen Völkern in Gebrauch; in Deutschland sind sie jetzt nur noch selten anzu- 
treffen, aus älteren Abbildungen lässt sich aber ersehen, dass diese Art von Sicheln 
auch in Deutschland früher weiter verbreitet war. An diese Vorlage knüpfte sich 
eine eingehende Besprechung, in der auch das Verhältnis der Sichel zur Sense, 
sowie die vermutlichen Übergangsformen berührt wurden. An dieser Besprechung 
beteiligten sich die Herren Bartels, Hahn, Schulze-Vcltrup, Roediger und Maurer. 
— Darauf sprach Herr Dr. Karl Dieterich über neugriechische Volksrätsel. 
Der Vortrag ist in dem vorliegenden Hefte dieser Zeitschrift abgedruckt. 




Protokolle. 127 

Freitag, den 27. November 1903. Fräulein Elisabeth Lemke sprach über 
Siebenbürger Land und Leute. Auf einige Bemerkungen über die Geschichte 
Siebenbürgens folgten Angaben über die nach Volksstämmen und Religions- 
bekenntnissen bunt zusammengesetzte Bevölkerung. Wie bekannt, heissen die 
(seit dem lo. Jahrhundert) dort lebenden Deutschen ganz allgemein 'Sachsen'. 
Ihre treue und üeissige Art, ihr hoher Gemeinsinn und ihre unerschütterliche 
Liebe zum Stamnimutterlande Deutschland wurden betont, ebenso die ungemein 
grosse Gastfreundschaft, die besonders den Reichsdeutschen in allen Teilen des 
Landes entgegengebracht wird. Da die Sachsen treu zu ihrem Könige halten 
und die fleissigsten und gebildetsten Bewohner Ungarns, mithin wahrlich zu 
schätzende Untertanen sind, ist ihnen wohl zu gönnen, dass sie von den einst 
verliehenen Rechten insofern nicht noch mehr einbüssen, als sie für ihre Sprache 
und Eigenart beständig und in zunehmender Weise kämpfen müssen. Auf ihrem 
Posten auszuharren und auch in Prüfungstagen sich zu bewähren, bedarf es nach 
ihrer eigenen Meinung der Versicherung, dass die Stammesbrüder in Deutschland 
sie nicht als 'abgetan' ansehen und die Verbindung mit ihnen immer gern pflegen, 
was gänzlich abseits aller politischen Fragen liegt und auf rein persönliche 
Beziehungen sich beschränkt. Siebenbürgen bietet dem Naturfreunde und Volkskunde- 
forscher ausserordentlich yiel. Neben den Sachsen (lOpCt. der Bevölkerung), den 
Magyaren und Szeklern (ol pCt.) und den Rumänen (56 pCt.) interessieren u. a. 
besonders die Zigeuner, die in denkbar grösster Ursprünglichkeit inmitten sonstiger 
hoher Kultur dort leben. Mehrere Lichtbilder und allerlei zum Teil amüsante 
Schilderungen galten diesen hartnäckig an ihrer Eigenart festhaltenden braunen 
Gesellen. Aus dem Leben der Rumänen ward u. a. der berühmte Kussmarkt von 
Halmagen, unweit Hatzeg, erwähnt. Am Tage des hl. Theodor findet dort ein 
Jahrmarkt statt, an dem die Einwohner von 60 — 80 Dörfern teilnehmen. Zumeist 
sind ehrbare, neuvermählte Frauen anzutreffen; wieder verheiratete Witwen bleiben 
in ihrem Dorfe zurück. Die schön geschmückten jungen Frauen werden gewöhnlich 
von ihren Schwiegermüttern, selten von ihren Männern begleitet; kommen sie ohne 
Begleitung, so gehen sie zu zweien oder dreien. Immer halten sie blumen- 
geschmückte Weinkrüge in den Händen. Wer ihnen begegnet, wird geküsst; wen 
sie geküsst haben, dem reichen sie den Krug zum Nippen. Ein kleines Geschenk 
bildet die Gegengabe. Von dem angebotenen Wein nicht trinken, wäre für die 
Frau und ihre Angehörigen beleidigend. Dem Fremden gegenüber ist man zurück- 
haltend, um erst gewiss zu sein, dass der angebotene Trunk nicht verschmäht 
werde. Eingehend ward auch eine rumänische Hochzeitsfeier geschildert, bei der 
die Hora und andere Nationaltänze getanzt wurden, nach auffallend eintöniger 
Musik, auf dem sandigen Hofplatz und unter Wolken von Staub. Die vorgeführten 
Nationaltrachten (Lichtbilder) der Sachsen wurden durch Gegenstände aus dem 
Volkstrachtenmuseum bestens unterstützt (was hoffentlich einen und den anderen 
veranlassen wird, unseren schönen siebenbürgischen und anderen Sammlungen 
dort mehr Aufmerksamkeit zu widmen; die Berliner finden leider die 'Reise' nach 
Klosterstrasse 36 immer noch zu unbequem). Einige Mitteilungen bezogen sich 
auf das alltägliche Leben der Sachsen. Bei dieser Gelegenheit sei an die vor- 
treffliche Literatur erinnert, die bereits in bezug auf Volkskundliches in Sieben- 
bürgen vorhanden ist und erfreuliche Fortschritte macht. Auch darin stimmen wir 
mit den 'Brüdern' dort überein: uns selbst und den gegebenen Kreis immer besser 
kennen und verstehen zu lernen, ist keine andere Forschung so geeignet, wie die 
(immer noch nicht genug gewürdigte) Volkskunde. Auch von der herrlichen Natur 
Siebenbürgens gaben die Bilder eine deutliche Vorstellung. Die Städte und Dörfer, 



228 Eberniann: Protokolle. 

Gebirge und Täler bieten eine reiche Mannigfaltigkeit. Dort kommt der Forscher, 
der staunend vor den interessanten Volkstypen und Sitten sieht, ebenso zu seinem 
Recht wie der die Stille und Beschaulichkeit liebende Wanderer, der Vergnügungs- 
reisende wie der Bergkraxler von Profession. Die Premdenverkehrskanzlei in 
Hermannstadt vermittelt alle Wünsche und Aufträge; der siebenbürgische Karpathen- 
verein Hermannstadt (der 22 Schutzhütten, zuverlässige Führer und das schön ge- 
legene Kurhaus 'Hohe Rinne' zur Verfügung hat) ist gleicherweise zu jeglicher 
Auskunft bereit; Jahresbeitrag 4 Kr. Der Prähistoriker kann dort in den Museen 
die Hinterlassenschaft der Daken ausbeuten. — Höchst eigenartig sind die zu den 
ältesten Baudenkmälern aus geschichtlicher Zeit gehörenden Kirchenkastelle (vor- 
trefflich beschrieben und illustriert in dem Werke 'Siebenbürgisch-Sächsische Burgen 
und Kirchenkastelle' von E. Sigerus). Hierhin flohen in den schweren Zeiten der 
Tartaren- und Türkeneinfälle die Dorfbewohner mit ihren eiligst zusammengerafften 
Kostbarkeiten. Diese Kirchenkastelle, auch Bauernburgen genannt, befinden sich 
meist im Dorfe selbst, selten auf einem benachbarten Hügel oder Berg. Jede der 
227 evangelisch -sächsischen Dorfgemeinden hat eine solche Burg gehabt. — Die 
Vortragende machte noch darauf aufmerksam, dass ein neues illustriertes Werk 
von E. Sigerus, 'Aus alter Zeit' (.')(• Bilder aus siebenbürg. - sächsischen Städten), 
herausgegeben wird; 10 Lieferungen zu 1 Kr. — Die frische Darstellung, in Ver- 
bindung mit den anschaulichen Lichtbildern, Hess vor den zahlreichen Zuhörern 
ein lebendiges Bild von Siebenbürgen und der Eigenart seiner Bewohner erstehen, 
und die zum Schluss mit besonderer Wärme ausgesprochene Aufforderung zum 
persönlichen Besuche Siebenbürgens erweckte in manchem Anwesenden das Ver- 
langen, das an landschaftlichen Schönheiten wie an interessanten volkstümlichen 
Eigenschaften gleich reiche Land kennen zu lernen. 

Freitag, den 18. Dezember 1903. Herr Hermann Maurer legte mehrere 
irdene Gefässe älteren und jüngeren Ursprungs vor und erläuterte ihre Gebrauchs- 
weise. Darauf sprach Herr Kandidat Karl Rehbein über Weihnachten. Auf 
Grund eigener Beobachtungen schilderte der Vortragende, wie das Weihnachtsfest 
von der Stadt- und Landbevölkerung in Pommern gefeiert wird. Bei der stark 
besuchten kirchlichen Feier ist der Gemeinde- und Einzelgesang die Hauptsache, 
wobei neben den allbekannten Weihnachtsliedern auch weniger verbreitete, alter- 
tümliche Gesänge vorgetragen werden; der Vortragende teilte einige Proben mit. 
An Stelle des Weihnachtsbaumes sind in Kirchen und Familien die sogen. Kronen 
in Gebrauch, die den früher in Berlin beliebten Weihnachtspyramiden ähnlich sind. 
In Stadt und Land finden zur Weihnachtszeit noch Maskenumzüge statt, wobei 
verschiedene Tiermasken regelmässig verwendet werden; der Bär, der Storch und 
der Ziegenbock sind die beliebtesten darunter. Auch der Schimmclreitcr und der 
Knecht Ruprecht fehlen natürlich nicht. Zum Schluss gab der Vortragende einige 
Bemerkungen über das Alter und die landschaftliche Verbreitung der geschilderten 
Bräuche. — An den Vortrag schlössen sich ergänzende Mitteilungen über Weih- 
nachtsbräuche von Fräulein E. Lemke sowie den Herren Roediger, Bolte, Minden 
und Ludwig. Sodann berichtete Herr Geheimrat Bartels über die bevorstehende 
Übernahme des Museums für Volkstrachten durch den preussischen Staat. Die 
Übernahme soll am 1. April 1!>04 erfolgen und das Museum dann den Namen 
'Sammlung für deutsche Volkskunde' führen. Eine Auswahl neu erschienener 
Märchensammlungen besprach Herr Prof. J. Bolte. — Auf Antrag des Herrn 
Geheimrats Bartels wurde der Vorstand durch Zuruf wiedergewählt. 

Oskar Ebermann. 



Indogermanisclie Pflügebräuche. 

Von Elard Hugo Meyer. 

(Schluss zu S. 1—18.) 



Die Synode von Lestines vom Jahre 743 griff mit ihren Reform- 
bestrebungen auch in die Pflügebräuche ein, sie verbot durch ihren 
Indiculus pag-aniarum im Kapitel 'de sulcis circa villas' entweder jene 
Abvrehrpflügung oder die Umfurchung des Dorfes mit dem Frühlings])fluge. 
Beide Arten kennt auch noch das spätere Deutschland. In Ostpreussen 
wird ein ganzes Dorf vor Behexung geschützt und gesegnet, wenn man 
es mit zwei schwarzen Kühen umpflügt, sowie man in Brandenburg und 
Mecklenburg die Hexen erkennt, wenn n^an mit dem Pfluge das Dorf 
umfurcht, dann den Pflug umkehrt und darunter bis zur Dunkelheit wartet 
(Wuttke § 4:20. 376). Aber schon die Pflugschar an sich genügte zum 
Schutze gegen böse Mächte. 

Schon hörten wir (S. 14) von der Pflugschar, mit der die Römer die 
erste Furche gezogen hatten. Wer sie glühend machte, hielt damit die 
Wölfe von seinem Acker ab. In einem Rezept 'für die ünhulden' von 
etwa 1600 (Zeitschr. f. d. Mythol. 3, 320) heisst es: „So nempt ein pflug- 
schare und machet sie in jenes name glauende und traget es auch also in 

jenes namen in den rüeber und immer doreingeschlagen in jenes 

namen, so schlegt und thriefft er die truden, so würdt maus innen, welche 
weydlich geschlagen ist und zu bette leyt, die ist es." Nicht nur Hexen, 
sondern auch Verbrecher erkannte und strafte man, in Indien wie in 
Deutschland in merkwürdiger Übereinstimmung, mittels des glühenden 
Eisens. Im altindischen Gottesurteil ist das 9 Fuss weite Tragen eines 
glühenden Eisens in der Hand oder das barfüssige Schreiten über 9 (oiler 7) 
glühende Eisen, im germanisciien das Tragen oder Schreiten über 9 (oder 7) 
glühende Pflugscharen üblich (J. Grimm, Rechtsalt. S. 914. Kaegi, Alter und 
Herkunft des germanischen Gottesurteils, S. 48. Weinhold, Die mystische 
Neunzahl 1897, S. 59). Nicht nur dem Feuer und der heiligen Neun- oder 
Siebenzahl, sondern auch dem scharfen Eisen des heiligen Gerätes legte 
man sühnende und alles Störende abwehrende Kraft bei. Nach vielen 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. 9 



130 Meyer: 

Weistümern soll man mit heissem Sech oder Kolter, aber auch mit 
heisser Pflugschar werfen, um gesetzliche Weite zu ermitteln (J. Grimm, 
Gesch. d. d. Sprache 58). 

Ein anderes älteres Zeugnis schildert ausführlich den ersten Pflugg-ang, 
eine angelsächsische Ackerbusse (J. Grimm, D. Myth. 2, 1185 nach einem 
Cod. Exon.; vgl. Kemble, die Sachsen in England 1, 439. Cockayne, 
Leechdoms . . . of early England 1, 398 nach einem Cod. Cott.) mit der 
Überschrift: Dies ist die Busse (das Heilmittel), wie du die Äcker bessern 
kannst, wenn sie nicht wachsen wollen oder wenn ihnen ein unziemliches 
Ding angetan ist durch Zauberei. 

„Nimm von den vier Seiten des Landes vor Tagesanbruch vier Rasen- 
stücke und merke, wie sie zuerst standen. Nimm dann Öl, Honig, Hefe, 
von jedes Viehes Milch, das auf dem Lande ist, von jedes Baumes Art, 
die auf dem Lande gewachsen ist, ausser von harten Bäumen^), von jedem 
namhaften Kraut, die Glappan") allein ausgenommen. Und tue dann 
heiliges AVasser darauf und tröpfle dann dreimal auf den Platz der Rasen- 
stücke und .-sprich dann diese Worte: „Crescite, wachse, et multiplicamini 
und verinannichfaltige, et replete und erfülle die Erde in nomine patris" usw. 
und sprich Pater noster ebenso oft. Dann trage die Rasen zur Kirche, 
und der Messpriester singe vier Messen darüber und wende das Grüne gegen 
den Altar. Dann bringe die Rasen vor Sonnenuntergang auf ihren Platz 
im Acker zurück. Vier aus Ebereschenholz gefertigte Zeichen Christi (Kreuze) 
beschreibe an jedem Ende mit den Namen Matthäus, Markus, Lukas und 
Johanue.s. Lege das Christuszeichen unten ins Loch und sprich dann: 
„Crux Matthaeus, crux Marcus" usw. Nimm dann die Rasen und setze 
sie darauf und sprich dann neunmal diese Worte: „Crescite" und ebenso 
oft „Paternoster". Und wende dich dann ostwärts und beuge dich neunmal 
demütiglich und sprich dann diese Worte: 

Ostwärts stehe ich und bitte für mich um Gnaden, 

bitte ich den herrlichen Herrn, bitte ich den großen Herrn, 

bitte ich den heiligen Himmelreichswart, 

die Erde bitte ich und den Oberhimmel 

und die milde saneta Maria 

und des Himmels Macht und Hochbau, 

dal-j ich möge diesen Zauberspruch mit des Herrn Hilfe 

mit den Zähnen eröffnen festen Sinnes, 

erwecken diese Gewächse uns zu weltlichem Nutzen, 

erfüllen diese Erde mit festem Glauben, 

verschönen diese Feldrasen, wie der Prophet sprach, 

daß der fände Gnade auf Erden, der Almosen 

austeilte reichlich nach des Herrn Willen. 



1) Die harten Bäume sind Eiche und Buche: J. Grimm, RA. 506. 
-2) Grimm versteht darunter Kletten, nach Hoops, Die altenglischen Pflanzennanien 
(Freiburger Diss. 188!>) Ö, .'w fälschlich, Cockayne aber Fieber- oder Sumpl'klee. 



Indogermanische Pllügebräuche. 131 

Wende dich dreimal sonnen läufig, strecke dich der Länge nach hin 
und zähle her die Litaneien und sprich dann: „Sanctus, sanctus, sanctus" 
bis zu Ende. Dann singe das „Benedicite" mit ausgebreiteten Armen 
und das „Magnificat^' und das „Pater noster" dreimal und empfiehl es zu 
Lob und Ehren Christus und sancta Maria und dem heiligen Kreuze und 
zu Ehren dem, der das Ijand besitzt, und allen, die ihm Untertan sind. 
Dann nehme ein Mann von einem Bettler unbekannten Samen und gebe 
ihm zweimal soviel, als er von ihm nimmt, und bringe alles Pfluggeräte 
zusammen und bohre in den Pflugbaum 'stör' Styrax, Gummiharz und 
'finol' Fenchel und geweihte Seife und geweihtes Salz und lege dann den 
Samen auf des Pfluges Rumpf und spreche: 

Erce, Erce, Erce, Erdenmutter, 

es gönne dir der allwaltende ewige Herr 

wachsende, sprossende Äcker, 

kräftige und erstarkende 

[sceafltahen se scira västma (cod. Exon.) oder: 

sceaha hense scira västma (cod. Cott.)*)] 

Schöpfungen, diese glänzenden Saaten, 

die breiten Gerstensaateu, 

die weissen Weizensaaten 

und alle Erdensaaten. 

Es gönne ihm der ewige Herr 

und seine Heiligen, die im Himmel sind, 

daß sein Gut^) sei gefriedet gegen aller Feinde jeden, 

daß es geborgen sei gegen aller Übel jedes, 

die Zaubereien durch das Land säen mögen. 

Nun bitte ich den Waltenden, der diese Welt erschuf, 

daß da sei kein so geschwätziges Weib und kein so kräftiger Mann, 

der verwandeln könnte diese gesprochenen Worte. 
Dann treibe der Mann den Pflug (die 'sulh') vorwärts und schiesse 
(schneide) die erste Furche mit den Worten: 

Heil sei dir, Erde, Mutter der Menschen, 

sei du wachsend in Gottes Umarmung, 

mit Nahrung (Futter) gefüllt den Menschen zu Nutze. 

Nimm dann jeder Art Mehl, und ein Mann backe einen Laib von der 
Breite der inneren Handfläche und knete ihn mit Milch und heiligem Wasser 
und lege ihn unter die erste Furche mit den Worten: 

Acker, voll der Nahrung für das Menschengeschlecht, 

hell blühend, du werde gesegnet 

durch den heiligen Namen, der den Himmel erschuf, 

und diese Erde, auf der wir leben. 

Der Gott, der diese Gründe machte, gönne uns wachsende Gabe, 

daß uns der Körner jedes komme zu Nutzen. 

1) Weder Grimms Vorschlag: ,sceaf taece = manipulum capiat", noch Cockaynes 
„sceafta pisse = Schöpfungen, diese" befriedigt. 

2) Cockayne übersetzt 'yrd' durch 'Farm', offenbar denkend an das angelsächsische 
vord, voord, vordig m., das im Beov. 1817 noch Hofstatt bedeutet, vgl. M. Heyne, Deutsche 

Hausaltertümer 1, 12. 

9* 



] 32 Meyer : 

Dann sprich dreimal: Crescite in nomine patris — beneilicti, Amen^ 
und das Pater noster dreimal." 

Dieses Musterstück einer Verschmelzung heidnischen und christlichen 
Brauches, das etwa um das Jahr 1000 aufgezeichnet wurde, verlangt um 
so mehr eine gründliche Erläuterung, als sie von den englischen Heraus- 
gebern ganz unterlassen, von Grimm, der ein paar allerdings wichtige 
Anmerkungen dazu machte, nur angebahnt worden ist. Die Vorschrift 
zerfällt in zwei Teile, deren erster die eigentliche Ackerbusse, der andere 
den ersten Pfluggang behandelt. Beide Handlungen sind in einen reichen 
Rahmen offenbar sinnvoller und zum Teil feierlicher Formen und Formeln 
gespannt und reizen zur Nachfrage nach ihrer Bedeutung und Herkunft. 

Jeder merkt sofort, dass sich darin heidnische und christliclie Symbolik 
vielfach gemischt und durchdrungen haben; aber das Mischungsverhältnis 
ist in den Einzelbräuchen ein sehr verschiedenes. Auch fragt es sich, ob 
das heidnische Element rein germanisch sei oder nicht doch auch aus 
Rom oder Griechenland stamme. Denn gelehrter, geistlicher Einfluss ist 
überall ersichtlich. 

Die aus den vier Seiten des Ackers ausgestochenen Rasenstücke ver- 
treten nach germanischer Anschauung den ganzen Acker, wie etwa die 
Chrenecruda des salischen Gesetzes, der aus den vier Ecken eines Hauses 
aufgeraffte Hausstaub, den der landflüchtige Hausbesitzer auf seine Ver- 
wandten wirft, um sie zu Hausbesitzern zu inachen, das ganze Haus ver- 
tritt. So wird noch im 19. Jahrhundert in Schlesien und im Voigtlande 
der Vierwinkelstaub der Stube dem unruhigen neugeborenen Kinde unter 
das Kissen gelegt, um es ihm heimelig zu nuichen, um ihm den Haus- 
frieden zu verschaffen. 

Auch die Wahl der Zeit des Rasenausstichs, der vor Sonnenaufgang 
vorgenommen werden soll, wird germanisch sein. Zahlreiche Angaben in 
Plinius' Naturgeschichte und in den Kräuterbüchern des sinkenden Alter- 
tums lehren allerdings, dass es römischer Brauch war. heil- oder zauber- 
kräftige Pflanzen oder Pflanzenteile vor Sonnenaufgang zu sammeln, abzu- 
schneiden und auszugraben (vgl. Grimm, Myth. 1146ß'.). 

Das aber ist auch deutsch, und wenn der westfälische Kuhjunge am 
ersten Maitage von der Eberesche einen vom ersten Sonnenstrahl getroffenen 
Zweig auf einen Ratsch abschnitt, durch dessen dreimaligen Schlag auf 
Kreuz, Hüfte und Euter die junge Kuh milchreich gemacht worden sollte 
(Kuhn, Westf. Sagen 2, 157), so hat er das weder dem altindischen Hirten 
abgesehen, der beim ersten Kälberaustrieb zu gleichem Zweck einen gegen 
Nordost (wo die Sonne aufging) gewachsenen Palacazweig absclmitt, noch 
dem marsischen Hirten, der in seinen Bergen mit der Linken vor Sonnen- 
aufgang das Lungenkraut ausgrub, weil es dann, wie Columella (>, 5 er- 
zählt, für alles Vieh am heilkräftigsten sei. Nach dem eddischen Sigrdri- 
fumal 11 ritzten die germanischen Nordleute heilkräftioe soo-en. Zweinrunen 



Indogermanische Pflügebräuche. 133 

auf solche Zweige, die nach Osten V)lickten. In Thüringen bewirkte ein 
an Peter-Paul, den 29. Juni, vor Sonnenaufgang auf einen Schnitt abge- 
schnittener Eschenzweig Stillung des Blutes und verhinderte das Schwären 
der Wunden, die damit dreimal über Kreuz unter Nennung des Namens 
Oottes bedrückt wurden (Witzschel, Sagen aus Thüringen 2, 289). Die 
Stille der Frühe und das erste Licht wirkten Wunder zusammen. Darum 
schöpfte man in Deutschland vor Sonnenaufgang auch Wasser oder fing 
den Morgentau auf, um Zauberkraft daraus zu gewinnen (Wuttke § 12. 87. 
92. 113. 120). Zur Ackerbusse oder zum Ackerschutz sticht auch der 
Oberpfälzer, wie einst der Angelsachse, vor Sonnenaufgang aus seinem 
Acker Rasen aus, aber er trägt ihn nicht wie dieser in die Kirche, sondern 
legt ihn auf seinen Kopf, um den Bilwisschnitter, den Ackerverderber, zu 
erkennen (Wuttke § 378). 

Auch die Beschüttuug der Rasenstücke mit denjenigen guten Stoffen, 
die man dem Acker zu verdanken hat, ist ein leicht verständliches Stück 
heidnischer Symbolik, wie es auch den Mittelpunkt des Hauptwinterfestes 
und später der Weihnachtsfeier vieler Germanen und Südslaven und ihrer 
italienischen und französischen Nachbarn bildete (oben S. 16). Aber die 
angelsächsische Beschüttung des Rasens mit Öl, Honig, Hefe, Milch und 
Zweigen und Kräutern ist ebensowenig als rein germanisch anzuerkennen, 
wie die Beschüttung des Weihnachtsblockes an Orten, wo auch Weih- 
wasser dazu benutzt wurde. Zwar Milch und Honig waren nicht nur den 
Hebräern Sinnbilder der Fruchtbarkeit, sondern auch den Indogermanen. 
Die Inder (oben S. 7) wie die Germanen (s. unten) opferten beim ersten 
Pfluggang Milch und Honig oder auch Milchbrot auf dem Acker oder in 
den Acker hinein. Als 'piamentutn' oder 'placamentum terrae' gössen 
die Römer Met und Honig in die Erde, wenn sie dieses oder jenes Kraut 
ausgruben (Grimm, Mytli. 2, 1147). Man erstattete der Erde wieder, was 
man ihr entnahm: Fruchtbarkeit. Diesen zwei Opferspendeu gesellt 
sich hier als dritte die heimische Bierhefe, das gärende, lockernde 
Fermentum hinzu, das an Columellas Bemerkung (2, 2) zu Virgils Georgica: 
„Et cui putre solum, namque hoc imitamur arando" erinnert. Er sagt: 
„Neque enim aliud est colere, quam resolvere et fermentare terram." Die 
vierte Gabe endlich, das fette Öl, ist fremde Zutat und verdeutlicht uns, 
wie sich der altheidnische Brauch denn doch nicht des Einflusses christ- 
licher Anschauungen erwehren konnte, namentlich nicht an den mannig- 
fachen Berührungspunkten beider Ideenströme, wie hier einer vorliegt. 
Die Vierzahl der in den vier Himmelsrichtungen gelegenen befruchtenden 
Rasenstücke erinnerte die Christen des Mittelalters an die Yierzahl der in 
die Haupthimmelsgegeuden sich ergiessenden Paradiesesflüsse, die schon 
in der Paradiesesbeschreibung des Ambrosius (Migue, Patrol. lat. 14, 296ff.) 
mit Milch, Öl, Wein und Honig gefüllt sind, vielleicht schon nach rabbi- 
nischer Üherlieferuno-. Sie erscheinen nach einer weiteren freundlichen 



134 Meyer: 

Mitteilung A. Schönbachs in mehreren deutschen Segensformeln des 14. 
und 15. Jahrhunderts als vier in Asien gelegene, mit den obigen vier 
Flüssigkeiten gefüllte Brunnen. Die Yierzahl der Rasenstücke zog aber 
noch eine andere berühmte christliche Vier heran, die vier Evangelisten, 
auf die hier zwar nicht, wie schon von Isidor (Patr. 83, 216), direkt jene 
vier Paradiesflüssigkeiten verteilt werden, aber indirekt; denn die mit 
ihren vier Namen beschriebenen Kreuze werden den vier zurückgebrachten 
damit begossenen Rasen untergelegt. Der Segen der vier Evangelisten 
soll ihnen zu teil werden. Noch immer strömen die bei den Flurum- 
gängen und Fronleichnamsprozessionen an den Ecken der Flur oder des 
Weichbilds aufgestellten Altäre der vier Evangelisten Gedeihen über 
Menschen, Vieh und Feld aus (Pfannenschmid, German. Erntefeste S. 83). 
Und im oldenburgischen Amte Vechta war es früher auf dem Grenzbegange 
der Mark, dem 'Snatgange\ üblich, bei jedem der Grenzzeichen, der sog. 
'Kreuzkulen', Halt zu machen und Bier, Weissbrot und Kuchen unter die 
mitgehenden Knaben zu verteilen. In anderen Bauerschaften wurde bei 
jeder Kreuzkuhle ein Feuer angemacht, getrunken und getanzt, die Kohlen 
aber in die Grube geworfen (Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus- 
Oldenburg 2, 206). 

Mit dem dazu getröpfelten Weihwasser, das bei fast keiner Benediktion 
fehlen durfte, und mit dem alten Segensspruche der Genesis -Crescite' usw.^ 
dem Paternoster und dem Messgang dringt nun immer unbehinderter 
christliches Wesen ein. Wie der ausgestochene Rasen werden nun auch 
manche ausgegrabene Kräuter, so z. B. das Sinngrün, die Betonica, der 
Alant (Schönbach, Studien zur Geschichte der altdeutschen Predigt 2 [1900], 
142. 45. 145f. Grimm, Myth. 1150. Hoops, Altengl. Pflanzennamen S. 53), 
in die Kirche gebracht und auf den Altar gelegt, damit Messen darülier 
gesungen werden. Aber der Zug ist der ags. Beschwörung eigentümlich, 
dass die grüne Seite des Rasens dem Altar zugekehrt werden solle. Darin 
mag noch heidnische Sitte anklingen. Der Germane trug auch wohl, selber 
darin verhüllt, Schilf und Laub und sonstiges Frühlingsgrün in einen 
Brunnen oder Bach, um das Wasser des Himmels auf seinen sprossenden 
Acker herabzuziehen. In christlicher Zeit tritt an die Stelle des segens- 
reichen Elements die segensreiche heiligste Stätte der Kirche, der Altar, 
dem man die grüne, der Befruchtung Itedürftige Seite des Rasens zuwendet. 
Diese verkirchlichte Symbolik spricht noch heute aus dem (ilaul)on, z. B. 
der badischen Ortschaften Raithenbuch und Aftholderberg, «lass in an liegen 
erwarten dürfe, wenn der Priester am Altar ein grünes Messgewand trage 
(E. H. Meyer, Bad. Volksleben S. 157). Der Messgesang erschallt statt 
des alten Zauberliedes. 

Dann erst werden die vier Rasenstücke an ihre Stelle zurückgetragen 
und auf jene vier mit den Evangelistennamen bezeichneten in das Loch 
getanen Kreuze aus Ebereschenholz gelegt. Das ist nun noch weit ver- 



Indogeimanisclie Pflügebräuche 135 

breitete!' deutscher Brauch, sogen. Pahn-, Feld-, Antlass- und Brand kreuze, 
übers Kreuz gestellte, mit Weihwasser besprengte Weiden- und andere 
Zweige an den vier Rändern der Felder einzustecken, um diesen Frucht- 
barkeit und Schutz gegen böse Geister zu leihen, namentlich Kreuze aus 
Ebereschenholz, wie sie auch unser ags. Segen empfiehlt, denn sie sind 
z. B. in Steiermark besonders geeignet, die Anfechtungen des Teufels ab- 
zuwehren (Wuttke § 474). Ts^ach der jüngeren Edda war die Eberesche 
'Thorsbjörg, Thors Rettung' genannt, dem Thor heilig, so auch dem 
deutschen Ackergotte Donar (E. H. Meyer, Germ. Myth. § 285) f.). Seinen 
Donnerkeil legten die Inselschweden ins Külmit, woraus sie säeten. Wie 
so oft, z. B. auf nordischen Grabsteinen, sind seine W äffen attribute durch 
das Kreuz ersetzt (Kuhn, Herabkunft des Feuers S. 177 ["-'Ol]). Und 
wenn nun der Spruch 'Crescite' und das Paternoster neunmal wiederholt 
werden sollen, so geht auch das auf die Xeunzahl von Zaubersprüchen 
oder -liedern heidnischer Germanen oder Römer zurück (Weinhold, Die 
mystische Neunzahl S. 34ff.). Späterhin galten dann neun Paternoster in 
Deutschland wie im alten England für besonders heilkräftig (Weinhold 
a. a. 0. 41. Herrigs Archiv für neuere Sprachen 84, 324. Schönbach, 
Studien zur Geschichte der altdeutschen Predigt 2, 145). Bei der ersten 
Aussaat sprach der niederhessische Bauer (Hergetsfeld, Kr. Homberg) an 
drei Ecken seines Ackers eine Säeformel gegen die Vögel, W^'irmer und 
das Wild, in dem er auf jeder Ecke drei Hände voll Fruclit neunmal 
auswarf. 

Uralte Sitte ist, sich betend ostwärts zu wenden, dann sonnenläufig 
gegen die anderen Himmelsgegenden. Sie mag aus altem Hirtenbrauch 
hervorgegangen sein. Wenn das Vieh im Frühling auf der Weide nacli 
allen Seiten auseinander lief, dann bedurfte es überall des hölieren Schutzes. 
Der Hirtengöttin Pales empfahl der römische Hirte im Frühling sein Vieh 
in einem Gel)et, von dem es heisst: 

— — haec tu conversus ad ortus 

die quater et vivo perlue rore manus! (Ovid, Fasti 4, <77). 

Hier wird zwar nur die erste, östliche Wendung ausdrücklich bemerkt, 
aber vielleicht darf man aus der viermaligen Aufsage des Gebetes auf die 
drei anderen Wendungen schliessen, zumal da eine Vierzahl der Gebete 
bei keiner anderen Gelegenheit gefordert wird. Diese Annahme wird 
bestätigt durch das alteuglische Hirtengebet, das Kreuz Christi (das sich 
nach den vier W^eltgegenden ausstreckt) möge gestohlenes Vieh wieder 
zurückbringen. Es wurde dreimal ostwärts, dann aber west-, süd- und 
nordwärts gesprochen (Cockayne, Leechdoms 1, 390). Wie so oft ist dann 
auch hier ein Brauch von der Weide auf den Acker übertragen, vom 
ersten Weidegang auf den ersten Pfluggang. Für Indien ist die volle 
sonnenläufige Drehung des Beters mehrfach bezeugt und namentlich auch 
beim ersten Pflnggang. Sonnenläufige Bewegungen wurden auch in 



136 Meyer: 

Deutschland bei gewissen feierlichen Akten ausgeführt. So rannte um 
1650 ein Lüneburger sonnenläufig mit dem Kesselhaken um seinen Hof, 
um die Pest davon abzuwehren, und auf der westfälischen Haar machte 
man zu Ostern sieben Sprünge sonnenläufig (J. Grimm, Myth.' 1139. Zs. f. 
dtsche Mythol. 3, 304). Aber sie darf auch bei der auf den ersten Pflug- 
o-ang: folgenden ersten Aussaat angenommen werden, denn nach dieser 
stellte sich der Säemann bei Ahrweiler in die Mitte des Ackers und warf 
eine Handvoll in alle vier Himmelsrichtungen mit den Worten: „Das ist 
für die Yögel des Himmels." Dagegen wendet der badische Bauer bei 
der ersten Aussaat die einfache Orientierung an. Xachdem er gesprochen hat: 

Hier stehe ich auf Gottes Land, 

Behüt es Gott vor Putz (oder Tresp) und Brand, 

wirft er barhaupt drei Handvoll Körner gegen Osten und ruft dabei die 
drei höchsten Namen an (E. H. Meyer, Badisches Volksleben S. 419). Auch 
der Bauer bei Hildburghausen, in Mittelfranken und Eger streute die ersten 
drei Handvoll gegen Morgen. In Mittelfranken (Dambach) schaufelte man 
ausserdem vorher das Saatgeti-eide neunmal gegen Osten um. An vielen 
Orten, so bei Wesel, im mittelfränkischen Dambach, im Kies und in 
Steiermark säete man barhaupt. Also auch die gottesfürchtige Haltung, 
die die ags. Ackerbusse in der strengeren Form des Siclmiederstreckcns 
verlangt, kehrt hier in der moderneren Hauptentblössung wieder. 

Das nun folyrende erste ags. Gebet ist wie die drei anderen im breiten 
Stil der ags. Poesie gehalten und bedient sich auch fast durchweg regel- 
rechter Langzeilen. Es klingt fast durchweg christlich und zieht noch 
dazu eine lange Schleppe lateinischer Kirchengebete hinter sich her, wie sie 
auch hei anderen ags. Beschwörungen, z. B. der des Alant (Lmla helenium), 
gebraucht wurden (Hoops, Altenglische Pflanzenuameu S. 53). Aber ganz 
kann auch dieses erste Gebet seinen Zusammenhang mit dem Heidentum 
nicht verleugnen, indem es sich selber 'gealdor' d. h. Zauberspruch nennt, 
da tloch die Kirche in xYlfriks Homilien 1, 476 verbot, Kräuter mit einem 
'galdor' zu besingen statt sie mit Gottes Worten zu segnen. Und man 
glaubt, auch abgesehen von der Ostwärtsstellung des Betenden, noch heid- 
nischen Nachklang daraus zu vernehmen, dass er nicht nur Gott und Maria, 
sondern aucli die Erde und den der ältesten germanischen Dichtung eigen- 
tümlichen 'upheofon' (alts. upphimil, ahd. üfhimil) bittet. 

Nun, „nachdem das alles getan", beginnt die zweite Haupthandlung, 
der erste Pfiuggang. Der Pflug wird hervorgeholt, ein Loch hineingebohrt 
und dieses mit Styrax und Fenchel und geweihter Seife und geweihtem 
Salz gefüllt. Jenes Gummiharz diente wohl zum Verkleben des Loches, 
der fennel oder finul gehört zu den neun zauberkräftigsten Kräutern des 
ags. Neunkräutersegens, nach welchem der Gekreuzigte Kerbel und Fenchel 
allen Armen und Reichen zu Hilfe sandte (Hoops, Altengl. Pflanzenuameu 
S. 50). Um in Norwegen seinen Acker gegen bösen Zauber zu schützen, 



Indogermanische Pflügebräuche. 137 

nahm man im Jahre 181') drei 'Kjua Bonden' (?), neun Salzköriier und 
etwas Kerbel, zog das, in ein Papier gewickelt, dreimal durch Egge und 
Pflug, wenn man zu ])fiügen begann, und schnitt darauf ein Kreuz in die 
Erde und legte jene Dinge hinein. Der Pflug aber durfte nicht weg- 
gelieheu w^erdeu (Bang, Xorske Ilexeformularer No. 759). liiro Böses 
abwelirende Kraft verthmkten Fenchel und Kerbel ihrem würzigen Geruch 
und ihrer schon früh ei'kannten Heilwirkung. Darum steckt der Bauer 
der Prov. Preussen Fenchel und den verwandten Kreuz- oder Feldkümmel 
mit Salz, Dill oder Brot und Geld ins 8aatlaken, damit die Saat gedeihe 
und der neidische Nachbar dem Getreide nicht schaden könne (vgl. Wuttke, 
Deutscher Aberglaube § 652). 

Geweihte Seife ist mir sonst bei diesen Bräuchen nicht vorgekommen. 
Aber die religiöse Weihe des Pflügens durch geweihte Dinge ist vielerorts 
nachweisbar. So bringt man Teile der am kirchlichen Karsamstagsfeuer 
augekohlten Scheite im Eichsfeld am Pfluge an (Wuttke § 81, vgl. Mann- 
hardt, WFK. 1, 504), in Perigord nimmt der Ochsentreiber von der 'souche 
de Noel', dem Weihnachtsblock, den unverbrannten Rest, um ihn zum 
Keil für den Pflug zu verwenden; dann gedeiht die Saat besser (Mannhardt, 
WFK. 1, '22ß). In Liebenau im Kr. Liegnitz trieb man einen von einem 
blitzgetrofFenen Baum stammenden Holzkeil in den Pflug, um das Unge- 
ziefer von der gesäeten Gerste abzuhalten. In Bernkastei a. d. Mosel 
steckte man beim Beginn der Feldarbeit eine rote Wachskerze zwischen 
den Rädern auf den Pflug, und in Arenrath in der Eifel klebte man nach 
Lichtmess AVachskreuze nicht nur an die Balken in Haus und Stall, sondern 
auch an die Pflüge. Im Frühling aber Hess der Bauer seine Geisel 
segnen und tröpfelte geweihtes Wachs auf sein Vieh. Es gehört in diesen 
Kreis, w^enn der Pflug in Gr.-Steinheim (Kr. Offenbach) vor dem ersten 
Frühlingspflügen mit einer Rauchpfanne dreimal umgangen wurde. Als 
Festspeise wurde 'Wurstsauce' gekocht. Schon 1468/9 rechnet eine Hand- 
schrift des bayrischen Klosters Scheyern zu den abergläubischen Leuten 
solche, 'qui circumeunt aratrum cum candela benedicta' (Usener, Religious- 
gescliichtl. Untersuchungen 2, 85). In vielen Norfolker Kirchen unterhielten 
Leute das Pfluglicht (plow light) vor einem Bilde. Am Pflugmontag (S. 144) 
hatten sie ein Fest, sie zogen um mit einem Pfluge, von Tänzern begleitet 
(Brand-Ellis, Populär antiquities 1, 506). Beim badischen Messkirch wird 
vor dem ersten Ackern eine geweihte Kerze gebrannt, die der Zugtreiber 
ausblasen muss. Knieend betet um Überlingen das ganze Gesinde vorher fünf 
Vaterunser in der Stube l)eim Schimmer einer Wachskerze (E. H. Meyer, 
Bad. Volksleben S. 417). 

Mit der Wirkung durch die gesegnete Kerze ist aber auch die Wasser- 
weihe verbunden oder wird auch ohne jene angewendet. In Fischingen 
(Kr. Thurgau) wurden noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
vor dem ersten Pflügen gesegnete Wachskerzen angezündet, die Ochsen 



138 Meyer: 

mit Weihwasser besprengt, ihnen bei den Hörnern einige Haare abgebrannt 
und dann von allen Familiengliedern ein gemeinsames Gebet verrichtet. 
Dann erst spannte man an, und Kinder, die dazu kamen, erhielten das 
'Oehslibrot'. Hier wird das Zugvieh mit Wasser und Feuer geschützt, die 
Gottheit angerufen, die jugendlichen Teilnehmer an der feierlichen Handlung 
mit Brot, dem vorjährigen Erzeugnis des Pfluglandes, beschenkt. 

Aber auch die einfache Besprengung genügt. Beim ersten Feldgang 
bespritzte der Bauer im Mühlkreis bei Linz sich selber mit Weihwasser, 
wurde dann aber noch bei der Heimkehr samt Pflug und Pferden mit 
Wasser begossen, damit keine 'trockne Jahrzeit' komme. In Stockerau 
am Mannhardtsberge wurde der erste aus dem Feld gehende Pflug sogar 
mit Wein, das erste Saatkorn aber mit Weihwasser besprengt; im steirischen 
Kreise Marburg der Pflug samt seineu Pferden mit Butterwasser beschüttet. 
In anderen Orten des Kreises besprengte der Alteste des Hauses den Pflug, 
wenn er ins Feld zog, mit Weihwasser und beschmierte alles Eisen daran 
mit dem am Ostersonntag geweihten Speck, was die Mäuse und Maulwürfe 
vertreiben sollte. Im Regierungsbezirk Frankfurt a. d. Oder bestrich man 
mit dem Fett der Fastnachtspfannkuchen die Pflugschar, damit der Maul- 
wurf den Samen nicht 'auslaufe'. Man füllte um Eisenach dem Bauer 
beim ersten Ackergange die Tasche mit Krapfen, damit es den Feldern 
an Feuchtigkeit nicht fehle, und schmierte in Marksuhl den ersten ins 
Feld fahrenden Wagen mit dem Fett ein, in dem die Fastnachtskräpfel 
gebacken waren, wobei man die Vorderräder rückwärts, die Hinterräder 
vorwärts drehte. Und wiederum tritt in Lobdowo (preuss. Kr. Strassburg) 
vor dem ersten Pflügen der Bauer vor die Pferde, macht drei Kreuze über 
sie und besprengt sie und den Pflug mit Weihwasser. In der Eifel gab 
der Bauer seinem zuerst den Pflug aufs Feld ziehenden Tier ein in Weih- 
wasser getauchtes Stück Brot, ebenso wie dem zuerst auf die Weide 
ziehenden Rindvieh. 

Zu den kirchlich geweihten Dingen gehört auch die Glocke. Daher 
eilte im oberbayr. Traunstein am Karsamstag, an dem das während der 
Passion verstummte Glockeugeläute wieder erklingt, jeder Bauer, die 
bereit gehaltenen Pferde an den Pflug zu spanneu, um zu ackern. In 
der Baar geht noch mancher Bauer vor dem ersten Zackerfahren in die 
Kirche, gibt dann seinen Zugtieren mit geweihtem Salz bestreutes Brot, 
das er segnet, und besprengt sie mit A\'eihwasser (E. H. Meyer, Badisches 
Volksleben S. 417). 

Die meisten der bisher erwähnten Bräuche haben ein kirchliches Ge- 
präge: das Karsamstagsläuten und das Karsamstagsfeuer oder angezündete 
zu Lichtmess geweihte Kerzen, geweihtes Wasser und Salz und geweiliter 
Speck, endlich das Kreuzzeichen und (his Gebet segnen gleichsam den 
ersten Pfluggang ein. Dennoch ist all dies nur späti'r in eliristlichcr Zeit 
übergestrichener Firnis, durch den die alten heichiischtMi Formen ül»erall 



Indogermanische Pflügebräuche. IS^ 

hindurch scheinen. Tn diesem älteren, echt deutschen GehMse bewej^te sich 
noch vor kurzem an vielen Orten nicht nur der erste Pfluggaug, sondern 
das in einzelnen Gegenden diesem noch vorangehende feierliche Pflug- 
umziehen. Doch davon und von anderen Begiessungen noch weiter unten. 
Die Ausrüstung des ags. Pfluges mit Harz, Fenchel, Seife und Salz 
wird noch vervollständigt durch eine ganz eigenartige Gabe: von einem 
Bettler genommener unbekannter Same, der ilmi durch eine doppelte 
Samengabe zu ersetzen ist, wird auf den Pflug gelegt. Das ruht auf alt- 
deutscher Anschauung. Der Acker soll jeder Sameuart gerecht werden, 
daher wird auch unbekannter Same, der von einem Bettler stammt, mit 
auf den Pflug gelegt, wie in Indien nicht nur der Säemann, sondern auch 
eine 'andere Person' drei Handvoll Korn auf den Stein des Kornsackes 
legte (S. 7). Daraus mochte sich der Glaube entwickeln, dass gebettelte 
Dinge wie Brot, Mehl, NYein, Geld, sogar Federn (Grimm, Myth.* 2, 952. 
3, 434. Wuttke § 606. 203. 352. 534. 545. 568), als auch beschenkte 
Bettler Glück bringen. Wurde im Lüdenscheidschen beim Viehkauf ein 
Bettler mit dem 'Gottesheller' beschenkt, so brachte das dem Vieh Ge- 
deihen (Zs. f. d. Mythol. 3, 52). Um Überlingen und im oberen Donautal 
kommen die Armen zum ersten Zackerfahren herbei, um dem Bauer Glück 
zu wünschen und sich von ihm mit dem 'Glücksbrot' oder 'Ackerbrot' be- 
schenken zu lassen. In Bonndorf fand das 'Prühlinganbeten' statt, sobald 
der dritte Pflug im Felde war; die Kinder beteten vor den Häusern den 
Rosenkranz und wurden dann mit Brot und Süssigkeiten beschenkt 
(E. H. Meyer, Bad. Volksleben S. 119. 417). Auch im oberfränkischen 
Kupferberg bekam ein Armer ein Brot, wenn der Bauer zum erstenmal 
anspannte. Auch fiel das in die erste Furche gelegte 'Pflugsbrot' den 
Armen zu (s. S. 140). Es ist ein milder Zug unseres altdeutschen Bauern- 
tums: an dem Erträgnis des Ackers des Bauern haben auch die Armen 
teil, beim ersten Pfluggang, um ihm Fruchtbarkeit zu schaffen, bei der 
Erntefeier der Kirchweih, um für die Fruchtbarkeit zu danken. 

Nun hebt ein zweites Gebet an die Erdenmutter mit dem dreimaligen 
dunklen Anrufe Erce an. Wie im vorigen Gebete die christliche Maria 
im Verein mit dem Himmelsherrn wirksam gedacht wird, so in diesem 
die heidnische Erdenmutter mit dem allwaltenden Herrn. Dieser soll ihr 
reiches Wachstum gönnen und des Ackerbesitzers Hof gegen allen Zauber 
schützen. Da nun bricht wieder altheidnische Anschauung in dem Schlüsse 
des Segens hervor, worin um Schutz gegen Zauber eines boshaften Weibes 
gefleht wird. So warf noch im 19. Jahrhundert der Bauer bei Verden an 
der Aller die erste Handvoll Samen über die linke Schulter mit dem 
Spruche: „Das segne Gott und kein altes Weib, das hexen kann." 

Beim Ziehen der ersten Furche mit dem geweihten Pfluge ertönt der 
Heil- oder Willkommruf an die Felde (Erde), der Menschen Mutter. Sie 
soll wachsen in Gottes Umarmung, mit Nahrung gefüllt den Menschen zu 



140 Meyer: 

Xutze. Name und Beiwort entsprechen im Heilruf der eddischen Sigr- 
drifumal 4: „Heil sja in fjöhiyta fold!" (Heil sei die vielnütze Erde!), nur 
ist der Eigenname schon in einen blossen Gattungsnamen geschwächt. 
Folde wird zum Opfer gerufen, einem aus jeder Mehlart gebackenen, mit 
Milch und Weihwasser durchkneteten Laib Brot, der in die erste Furche 
gelegt wird. Hier stossen wir wieder auf heidnische Formel und Sitte. 
Mit dem Heilrufe Svalia wurden auch die indischen Gottheiten, insbesondere 
auch Himmel und Erde, Dyaus und Prthivi zum Opfer, namentlich A^or 
dem ersten Pflügen, eingeladen. Prthivi die Breite, die Erde, entspricht 
lautgesetzlich der Folde. Ihr Gatte, der sie umarmt, ist Indra oder Par- 
dschanja und auch sie heisst Mutter der Menschen, die deren Reichtum 
fördert (Sacr. Books of the Fast 4'2, -204). 

Im Atharvaveda (oben S. 7) wird beim ersten Pfluggang die mit ge- 
ronnener Milch gemischte Gerste durch den Pflug in eine Furche gefahren. 
Grimm (D. Myth.^ "2, 1188) wies auf die von den Römern auf den Äckern 
geopferten Mehlkuchen und Früchte hin; aber noch viel genauer stimmen 
die deutschen Pflügebräuche ein. In den AA'eistümern (Grimm, W. "2, 547) 
soll der Pflüger an dem einen Ende der Furche einen Topf mit Honig, 
am anderen einen Topf Milch finden, so er schwach würde, sich daran zu 
erlaben. Oder ein grosses Brot wird in eine Achse des Pflugrades gesteckt, 
um eine Furche damit zu ackern (W. 2, 356). Noch im 19. Jahrhundert 
dauerte in Süd-, Mittel- und Norddeutschland jene angelsächsische Sitte 
noch deutlicher fort. Der süddeutsche Pflüger legte, bevor der Pflug zum 
Ziehen der ersten Furche in Bewegung gesetzt wurde, ein Laib Brot, in 
Wunsiedel auch wohl ein Ei und Dürrfleisch dazu, zwischen die Räder 
des Pfluges auf die Erde. In der Oberpfalz und Franken stellte man eine 
Schüssel mit Mehl, Brot und einem Ei (Pflugsbrot) zwischen Gespann und 
Pflug und fuhr darüber. Blieb die Schüssel unversehrt, so gab es eine 
gute Ernte, und die Schüssel wurde den Armen gegeben. In Baden er- 
halten Kinder oder Arme vor der ersten Ackerfahrt das 'Menne'-, Acker- 
oder (Tlücksbrot (Wuttke, Abergl. § 428). Auch im Egerlande bekommen 
die Bettelleute das Brot und Ei, das von der Magd unter das Hoftor oder 
zwischen den Rädern des Pfluges auf die Erde, oder vom Bauer in die 
erste Furche gelegt, vom ersten Frühlingspflug überfahren wurde, damit 
das Feld gute Frucht trage. Oder der Bauer legt zum Brot und Ei noch 
Geld unter die Pflugschar und macht vor der Abfahrt vor dem Zugvieh 
mit dem Peitschenstiel drei Kreuze (Unser Egerland 4, 30. 36). Im 
Wittgensteinschen schnitt die westfälische Hausmutter ein Brot auf dem 
Pfluge in zwei Stücke und gab das eine dem Ackermann(\ das andere 
den Zugtieren (Kuhn, Westfäl. Sagen 2, 15.3). Wie die Angelsachsen dem 
für die li'olde bereiteten Teige des Furchenbrotes Weihwasser beimengten, 
so bespritzten die Oberpfälzer ihr Pflugbrot mit Weihwasser. Auch in 
Bölimen kam dies Brot dem ersten Bettler zu, der ins (Jehöft trat. 



Iiidogeniianische Pilügehräuche. 141 

Zum Schlüsse der ags. Ackerbusse wird der Acker dem Schöpfer 
Himmels und der Pjrden empfohlen und dreimal das 'Crescite' und das 
Paternoster darüber gesprochen. 

So reichhaltig die Ackerbusse an Pflügol)räuchen ist, so übergeht sie 
doch einige uralte mit Stillschweigen, nämlich die ungewöhnliche Fütterung 
der Zugtiere des Pfluges und die Begiessung desselben, der Ochsen und 
der Pflüger, von denen uns die erste schon bei den Hörnern und Indern, 
die andere wenigstens auch bei den Indern begegnete (oben S. 7).*) Beide 
sind aber durch die neuere deutsche Sitte reichlich bezeugt. 

In der Eifel gab der Bauer seinem zuerst aufs Feld ziehenden Tier, 
wie schon berührt worden, ein in Weihwasser getauchtes Brot. Und ruhte 
dann der Pflüger oder wollte nach Haus, so s])annte er stets den 'Sprenkel', 
die Schlinge des Zugseils, ab, damit es auch die volle Ruhe behaglich 
empfände. In Westfalen verteilte die Hausmutter das auf dem Pfluge 
zerschnittene Brot vor dem ersten Pfluggang an die Knechte und Zugtiere. 
In Baden, um Bonndorf und Überlingen, bekommt das im Frühjahr zum 
erstenmal eingespannte A^ieh Brot mit geweihtem Salz bestreut. Viel 
heidnischer ist der nordische Brauch, bei der Aussaat den Pflügern und 
Pflugochsen Julkuchen in der Form von Böcken, also Thorskuchen, zur 
Speise zu geben (Mannhardt, WFK. '2, 197). In Angeln machte der Bauer 
am Jul-, Neujahrs- und Heil. Dreikönigsabend mit dem Messer ein Kreuz- 
zeichen über dem Brot und dem Kuchen, die auf dem Tische lagen, und 
schnitt davon die Endscheiben ab Diese sechs Eudscheiben wurden im 
Schrank bis zum Frühjahr bewahrt, dann aber mit Roggen und anderem 
Korn in Wasser getan und den Pferden ins Futter gemengt, bevor sie 
vor den Pflug gespannt wurden (Feilberg, Dansk Bondeliv^ 1, 234). 

Häufiger wird der Wasserguss, der die Befruchtung versinnbildlicht, 
entweder bei der Ausfahrt oder bei der Heimfahrt des ersten Pfluges an 
diesem selber oder an den Pflügen und den Pflugtieren vorgenommen 
und zwar oft von Weibern, was den Befruchtungszweck noch deutlicher 
macht. In Loevenich bei Köln wurde der zum erstenmal gebrauchte Pflug 
von der Hausfrau mit dem Spruche: 

Der Acker feucht, Wolf aber naß, 
Füllt sich Sehern- und Faß 

mit Wasser begossen (S. 5). Im oberbayrischen Landgericht Neumarkt 
schütteten die Mägde den im Frühjahr zuerst ins Feld fahrenden Knechten 
Wasser über den Kopf, damit 'der Acker nicht zu trocken werde', uud 
umgekehrt die Knechte den Mägden, wenn diese zum erstenmal das Gras 
mähten. Beides auch in Taus (Groh)nann, Aberglaube und Gebräuche aus 
Böhmen 1, 144). Um Züllichau (Brandenburg) begossen die jungen Mädclien 

1) Im Pendschab ziehen noch Weiber nachts einen Pflug über das Feld. Frazer 
vermutet mit Recht, dass er begossen wurde, weil ohne das der Zauber unvollständig 
Aväre (Frazer, The golden bough' 1, 17). 



142 Meyer: 

den Führer des ersten Pfluges im Frühjahr mit Wasser, im Oderbriieh 
ihn samt seinen Pferden (oben S. 138). Zwischen Lomniatzsch und Meissen, 
ähnlicli im Bautzenschen begossen die 'Weibsen' die 'Mannsen', damit 
diese flink seien. Und auch um Leipzig besorgte die Frau in dieser Weise 
den ersten Pflüger, der Mann die erste Graserin, damit sie nicht 'laß' 
würden. Im Oberamt Mergentheim wurde der zur ersten Saat ausfahrende 
Ackermann von seiner Liebsten von irgend einem Winkel her mit Wasser 
begossen. 

Noch häufiger ist die Begiessung bei der Heimfahrt vom ersten 
Pflügen. Aus Litauen wird sie schon um 1670 bezeugt (Mannhardt, WFK. 
1, 214). Sie bedeute, dass Gott zu rechter Zeit der Saat genug Wasser 
geben wolle. In W^estfalen wurden die Knechte bei ihrer Rückkehr vom 
ersten Ackergang von den Weibsleuten und diese, wenn sie zum erstenmal 
im Garten umgegraben hatten, von jenen mit Wasser beschüttet (Kuhn, 
Westfäl. Sagen 2, 153). Das Begiessen erstreckte sich in Dreba bei Neu- 
stadt a. d. Orla auf den Pflug, den Ackermann und den Zugochsen. Bei 
Bedheim in Hildburghausen bespritzte die ganze Familie den Heimkehrenden, 
damit er das Jahr über fleissig sei. Ähnlich in Strehla bei Dresden und 
im Riesengebirge, hier aber wieder, damit die Feldfrüchte nicht durch 
Dürre litten. Am Abend des ersten Säetages fand bei Glatz das 'Baden' 
des Gesindes statt, d. h. man begoss sich gegenseitig, während im Egerland 
der heimkehrende Pflug 'bat't' wurde. Darnach sollte bald Regen fallen. 
Beim ersten Viehaustrieb aber erhielt von den Mägden der Schäfer im 
Riesengehirge bei Süssenbach seinen Guss, wie in Gerstungen und in Ost- 
preussen. Das berührt sich mit dem weitverbreiteten Brauch, den lauh- 
verhüllten Pfingstl, Wasservogel usw. in einen Bach oder Brunnen zu 
werfen (vgl. meine Deutsche Volkskunde S. 144), dem ich als altem 
Hirtenbrauch ein noch höheres x\lter zusprechen möchte als der Begiessung 
des Pfluges oder des Erntemaies oder der Erntearl)eiter (Mannhardt, WFK. 
1, 214: meine Deutsche Volkskunde S. 233). Bei der Heimkehr wurde der 
erstmals Pflügende auch im niederbayr. Hofdorf begossen, bei Köslin, 
damit er treu und fleissig oder auch der Acker fruchtbar sei; ebenso 
zwischen Marienwerder und Riesenburg in Preussen von der Bäuerin oder 
Magd. Das musste sich diese aber auch, wenn sie zuerst im Frühjahr 
Vesper auf das Feld brachte, von den Pflügern gefallen lassen, um im 
Sommer frische Munterkeit zu zeigen. Auch in der Gegend von Straubing, 
von Saatz, von Leipzig wurde das erste Pflügen in dieser Weise aus- 
gezeichnet, im voigtländischen Bad Elster Hess sich sogar der Bauer samt 
Vieh und Pflug besprengen, in Wunsiedel wurden alle drei gehörig be- 
gossen, -um die Saat zu begiessen'. In liess. Alsfeld und Netra-Eschwege 
glaubt man den Ackerer dadurch gegen Mücken und Stechfliegen zu 
schützen. Andere Beispiele führt Wuttke § 114 aus Mittel- und Süd- 
deutschlaud an. So inniff sind scliliesslich die BeurifFe des Regens und 



Indogermanische PÜügebräuche. 143 

des Pflügens oder Eg'gens miteinander v(^rknü])ft, dass im BoizenVjurgischen 
(Brandenburg-) der Landmann nicht mit den Eggen das Dorf entlang 
schleppen darf, weil es sonst schwer regnet. - — Der Gedanke der Be- 
fruchtung des Ackers, der am kräftigsten die Wasserbegiessung des PHiigers 
durch Weiber ausdrückt, fand eine zartere Form in dem Kusse, den in 
badischen Dörfern bei Bonndorf eine Jungfrau dem Pflüger beim ersten 
Ackern gab (E. H. Meyer, Bad. Volksleben S. 417). So erklärt sich auch, 
dass sich die Wirtin in Litauen, wenn sie schwanger ist, mit einer Gabe 
von dem vom ersten Pflügen heimgekehrten Pflüger losmachen kann, der 
seine anderen Begiesserinnen ins Wasser wirft (Mannhardt, WFK. 1, 214). 
Es gehört auch in diesen Vorstellungskreis der Brauch von Kirchenhall in 
Württemberg, dass der Bauer bei der Flachssaat, auf dem Pfluge sitzend, 
den von der Bäuerin gebrachten Eierkuchen verzehren muss. 

Auf niederdeutschem Gebiet wurde aber der erste Pfluggang noch von 
einem anderen merkwürdigen Gebrauch begleitet. Den Pflügern schüttet 
in Repenow (Pommern) und in Boizenburg (Brandenburg) die Magd oder 
die Frau einen Korb mit Asche oder eine Handvoll Kehricht nach, dort 
mit den Worten: „Mertin, nu trekst (ziehst du) nat Plügen. Kiek, hie 
hest (hast du) all üs Flöjen (Flöhe)" und hier: „Nehmt all de Plenen met." 
Im Schauenburgischen, so in Xeundorf, fand ^dat Fleieutklappen' statt, 
wenn das 'erste Spann gedan', d. h. in dem Jahre zuerst wieder gepflügt 
war. Unter lautem Knallen peitschten die Knechte die Mägde vom Hofe 
mit dem Rufe: „Teuf (warte), ek will dek (dir) de Fleie utklappen" (vgl. 
Mannhardt, WFK. 1, 2G8). In Österreich-Schlesien wirft man den Kehricht 
dem Hirten beim ersten Austrieb nach mit dem Wunsche, er möge die 
Flöhe mit aufs Feld nehmen (Peter, Volkstüml. 2, 248). Vielerorts wird 
ein Frühlingstag, die Fastnacht, der erste Ostertag oder der erste Maitag, 
dazu benutzt, durch Kehren das Ungeziefer, das zu den bösen Geistern 
des Winters gehört, zu verjagen (Wuttke § 613. Vgl. die sehr fleissige 
Abhandlung von Fr. Kunze, Der Birkenbesen, ein Symbol des Donners, 
1900, S. 36 f.). 

So nimmt der Frühlingspflug alle Unreinheit des Winters mit sich 
hinweg, wie er andererseits Fruchtbarkeit bringt und auch Heilung be- 
wirkt. In Hessen heilt man die Wunde eines Pferdes dadurch, dass man 
einen Riesternagel des Pfluges in die Wunde drückt (Blätter f. hessische 
Volkskunde 2, 7), und in Stammheim (Kr. Vilbel) und in Gensungen rieb 
der Pflüger beim ersten Ackern, nachdem er drei Furchen gezogen hatte, 
den Pferden die Brust mit drei Händevoll frisch umgepflügter Erde. Dann 
kann ihnen das Geschirr die Brust nicht wund machen. 

Die Germanen feierten wie die Griechen, ein Vorpflügefest, das bei 
ihnen in den Beginn des Jahres, von den Zwölften bis zu Ostern, fiel. 
Bevor mau den Pflug dazu hervorholte, hütete man ihn ganz besonders 
sorgsam. Es war wohl gemeindeutsch, dass man während der Zwölften 



144 Meyer: 

Eo-oe und Pfliis: aus Furcht vor der wilden Jaod oder des wütenden Heeres 
nicht im Freien liess. Eine Pflugschar wurde nach einem bayerischen 
Merkzettel für die Beichte vom Jahre 1468 zu Weihnacht unter den Tisch 
gelegt, offenbar den für die Frau Perchta mit Speise und Trank besetzten 
Perchtentisch, damit die Göttin den Pflug segne (Usener, Religionsgeschicht- 
liche Untersuchungen 2, 86. Vogt, Die schlesischeii Weihnachtsspiele 
1901, S. 95). 

Bei dem dann folgenden feierlichen Pflugumziehen spielen wie beim 
wirklichen Pfluggange Wasser und Feuer und die Teilnahme beider Ge- 
schlechter die Hauptrolle, offenbar in demselben Sinne. Um Neujahr, 
Fastnacht oder Ostern wurde in Deutschland, England und Dänemark der 
Pflug umgeführt. In England zog man ihn im Beginn des Jahres am ein 
Feuer, damit es einem wohl erginge im folgenden Jahre, nach einem Zeugnis 
aus dem Jahre 1493. Oder die Burschen zogen den 'Narrenpflug' von Hof 
zu Hof, um Gaben zu empfangen. Der daraus gewonnene Ertrag war zur 
Unterhaltung einer Kerze in der Kirche, des 'Plow light'. bestimmt. In 
Süd- und Mitteldeutschland wurden nach Berichten des 15. und 16. Jahr- 
hunderts, namentlich zu Fastnacht. Jungfrauen von Burschen vor den Pflug 
gespannt, den sie in einen Bach oder in die Donau zogen. Oder sie 
führten einen 'feurinen Pflug', auf dem ein Feuer angemacht war, so lange 
um, bis er in Trümmer fiel. In Ulm und anderen Orten wurde dieser 
Pflug auch durch eine Egge oder ein Schiff oder einen Schiffsschlitten 
ersetzt. Wasser und Feuer wirken vereint, w^enn siebenbürgische Mädchen 
bei anhaltender Dürre nackt eine Egge in den Bach tragen und sich auf 
sie setzen und auf allen vier Ecken derselben ein Flämmchen uuterlialten 
(vgl. Mannhardt, WTK. 1, 553ff.). So deutlich dies Baden des Pfluges 
einen Regenzauber bedeutet, ebenso deutlich bezeichnet hier das Feuer 
nicht, wie Mannhardt meinte, einen Wärmezauber, sondern hat den Zweck 
der Abwehr des Bösen (Wuttke, D. Abergl. § 115f.), auch in Rom. Der 
altrömische Sühngang um die Stadt, das Amburbale oder Amburbium, er- 
forderte sühnende Fackeln, die die Kirche durch die Wachskerzen der 
Lichtmesse ersetzte, um den bösen Feind aus Kirchen, Häusern und Strassen 
zu vertreiben. Sie wurden angezündet an neuem, aus einem Kieselstein 
geschlagenen Feuer (Usener, Religionsgeschichtl. Untersuch. 1. 30(>. 317), 
wie in Deutschland Scheite an dem früher ebenso gewonnenen Karsamstags- 
feuer angekohlt wurden, um am Pfluge bei seiner ersten Ausfahrt ange- 
bracht zu werden (E. H. Meyer, Bad. Volksleben S. 97). 

In Tirol und Vorarlberg scheint das Vorpflügefest mit dem 'Saat- 
wecken' verbunden und am Holepfannsonntag oder Funkensonntag (Sonntag 
Invocavit, den ersten Fastensonntag) durch Höhenfeuer, Holepfannen, 
Schlagen glühender Holzscheibeu oder Fackelschwingen und Schüsse und 
Schelleno-eklinffel gefeiert. Man sano- dabei: 



Indogermanische Pflügebräuche. 145 

Holepfaon, Holcpfann, 

Korn in der Wann, 

Schmalz in der Pfann, 

Pflug in der Eard, 

Schau wie die Scheib aussireart. 

(vgl. Jahn, D. Opferbräuche 89tf.). Im übrigen Deutschland wird l)eim 
Funkenschlagen des Pfluges nicht mehr gedacht. 

Die Zeit des ersten Frühlingsackerns scheint in Süd- wie Norddeutsch- 
land ziemlich dieselbe zu sein. Am Josefstag, 19. März, soll in Buchholz 
bei Freiburg i. B. der faulste Bauer den Pflug im Felde haben, in Pommern 
sagt man zwar: „Gertrud (17. März) geit Egg un Ploog rut", nennt aber 
erst den 25. März, Maria Verkündigung 'Ploog Marien'. Selbst im rauheren 
Ostpreussen wird an diesem Tage die erste Furche gezogen (Wuttke ?5 99. 
651), auch von den polnischen Masuren, die ihn auch noch zum ersten 
Weideaustrieb benutzen und deshalb „Maria matka otworna, die öffnende 
Maria" nennen. Man richtete sich auch nach der Blüte eines Baumes: 
„Blüht der Hagedorn, baut man jedes Korn", sagt der Niederbayer. Dann 
säete man auch im badischen Busenbach (Ettlingen) früher die Gerste, 
jetzt schon während der Schwarzdornblüte. Nach dem alten Cato machte 
der latinische Bauer den ersten Pfluggaug 'piro florente', während der 
Birnbaum blüht. In den Tagen, in denen Jesus im Grabe ruht, stört man 
diese Huhe der Erde nicht. Im oberbayrischen Trauustein heisst es: 

So lange unser Herrgott im Grabe ruht, 
Kein Pflug in der Erde wühlt. 

Der Stand der Gestirne bestimmte den Indern und den Griechen den 
Beginn des Pflügens (Sacr. B. of the Fast 29, 326. 5.3. Hesiod, Op. v. 384). 

Wie über dem Pflugland der anderen indogermanischen Völker waltet 
über dem der Germanen ein Himmel und Erde bedeutendes Götterpaar, 
ein Gott und eine Göttin. Ihre heidnischen Namen kommen freilich in 
unmittelbarem Verbände mit dem Pflügen nur ausnahmsweise zum Vor- 
schein, sie werden gewöhnlich durch christliche ersetzt, schon in der 
angelsächsischen Ackerbusse durch den des Himmelsherrn und der Maria. 
Aber an anderen Stellen dieses alten Segens wird doch noch die heidnische 
Erdenmutter angerufen oder die Folde, die den alten, auch indischen 
Namen der Erdgöttin bewahrt (S. 140). Der allwaltende Himmelsherr ver- 
tritt den heidnischen Gewitter- und Regengott und somit den Hauptacker- 
iiott Donar, dessen Ebereschenholzzeichen dem Acker Schutz gewährten 
schon in der Heidenzeit. 

An seinem Tage, dem Donnerstag, geht nach wiederum heidnisch- 
christlicher Anschauung unser Herrgott am liebsten über Land. Starkes 
Donnern macht die Erde am Brenner 'rogel', d. h. weich und mürbe. 
Thors Julkuchen, die in Bocksform gebacken werden, mischt man im 
Norden unter das Saatkorn, und sie werden bei Aussaat von den Arbeitern 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1004. 10 



14(5 IMeyer: 

UD(1 den Pflugtieren verzehrt (s. S. 135. E. H. Meyer, Germ. Mythol. § 290. 
Ztschr. d. Vereins f. Volkskunde 1, 69). Ein von einem blitzgetroffenen 
Baume genommener Holzkeil wird in den Pflug getrieben, der dadurch 
Ungeziefer vom Getreide abwehrt (oben S. 137). Beim ersten Prühlings- 
gewitter wälzte sich der Bauer auf seinem Acker, als ob er diesem die 
befruchtende Kraft des Gewitterregens mitteilen wollte. 

Die Erdgöttin aber hiess Frau Perchta, Ilolda, Harke, je nach den 
Landschaften. Perchta herrschte in Süddeutschland und in Thüringen. 
Im fruchtbaren Saaltal ackerte Frau Perchta unter der Erde mit ihrem 
Pfluae. Wcährend ihre Heimchen die Fluren bewässerten. Als sie das 
Land verliess, schleppten die Heimchen einen Pflug hinterdrein. Zerbrach 
er, so zimmerte sie daran, oder ein Wagnermeister half ihr, so dass goldene 
Späne herabfielen (Witzschel, Sagen aus Thüringen 1, 212. 230). In 
Bayern segnete sie die zur Weihnachtszeit unter ihren Tisch gelegte 
Pflugschar mit Fruchtbarkeit (S. 144), während sie den Leuten, die am 
Altjahrs- oder Dreikönigstage nicht 'Zemmede'^), Klösse und Hering, ge- 
gessen hatten, mit ihrer Pflugschar den Leib aufschnitt (Witzschel a. a. 0. 
1. 220. 2, 134). 

Nördlicher heisst Frau Perchta Frau Holda oder Holle, die gerade 
wie sie als Schützerin des Flachsbaues erscheint, indem auch sie in den 
Zwölfnächten umfährt und die faulen Spinnerinnen bestraft. 

Derselbe Zug kehrt bei Frau Harke oder Herke wieder, die ihren 
Hauptsitz in der Mark und der Provinz Sachsen hat (diese Ztschr. 9, 306). 
In lleteborn drohte man: 'Frau Herke kommt!', wenn um Bartholomäi 
der Flachs eingebracht wurde, bei Torgau sagte man am Bartholomäustage: 
'Nun hat die Herke gezogen, nun müssen wir's Winterkorn einbringen, 
sonst verdirbt' s" (Kuhn und Schwartz, Nordd. Sagen S. 400). Die kleinen 
märkischen Rüben verpflanzte sie in die Umgegend von llavelberg und 
fliegt in Gestalt einer Taube durch die liuft, um, wohin sie kommt, die 
Felder fruchtbar zu machen (Kuhn a. a. 0. 113. Sonnner, Sagen aus 
Sachsen und Thüringen 12), und man nmg auch aus dem weitverbreiteten 
Zuge der Niedeck er Sage, der sich in der Havelberger Gegend an 
Frau Harke knüpft, wie sie als lüesin einen Bauern samt Ochsen und 
Pflug in ihre Schürze nimmt, den Charakter einer Schutzgöttin des Pfhigens 
erschliessen. 

Es heisst ausdrücklich, dass Frau Harke mehr in als über der Erde 

hause, und in der Tat war sie auch eine unterirdische und unterweltliche 

Göttin gleich der Ackergöttin Demeter. Doch davon sei hier abgesehen. 

Hinter diesen zum Teil modernisierten Gestalten tut sich ein älterer 

noch rein heidnischer Hintergrund auf. Da wird im Frühling die Göttin 



1) Gehölt die 'Zcinmede' zum mhd. zinien und bezeichnet die geziemende, gebührliche 
Festspeise ? 



Indogermanische Pflügebräuche. 147 

Nerthus von Rindern über Land gefahren, zwar nicht auf einem Pfluge, 
aber doch, wie es bei weiterer Fahrt angemessner war, auf einem Wagen 
und scliliesslich, wie jene süddeutschen Jungfrauen beim Pflugumziehen, 
ins Wasser gebracht (S. 144). Und wie diese zu ilirer Fahrt statt des 
Pfluges auch ein Schiff benutzen, so fuhr auch in Süddeutschland eine der 
Nerthus wahrscheinlich entsprechende, von den Römern Isis genannte 
Göttin auf einem leichten Schiffe daher. Mit dem Pfluge ausgestattet ist 
aber die nordische Gefjon, die Geberin, die das fruchtbare Seeland los- 
pflügt und durch ihren Namen in Verbindung steht mit den auf den 
römischen Inschriftsteinen verehrten germanischen Gabiae oder Alagabiae, 
die auch die Litauer als Gabiae und die Kelten als Ollogabiae verehrten. 
Es waren gütige Spenderinnen der Flur, in der späteren Sage land- 
schenkende Fräulein oder Frauen, die zum Teil auch noch mit dem Pfluge 
das Land umzogen (E. H. Meyer, Mythol. d. Germanen S. 422. 418. 213). 
Durch die erste Furche sonderte die freigebige Göttin das Gemeindeeigen 
aus, und in jedem Frühling oder Vorfrühling wurde ihre Umfahrt auf dem 
Pfluge von Jungfrauen nachgebildet, die mit dem Bade im segensreichen 
Nass endete. 

Es ist nun Zeit, aus dem vorgelegten Material allgemeine Schlüsse 
zu ziehen betreffs des agrarischen Lebens uud Glaubens der Indogermanen. 
Gegenwärtig überwiegt die Ansicht, dass der Pflug erfunden worden sei 
erst nach der Trennung der europäischen Indogermanen von den asiatischen, 
weil beide (h'uppen das Hauptackergerät mit verschiedenen Namen belegt 
hätten, jene mit einem aus der Wurzel ar gebildeten gemeinsamen, diese 
mit mehreren davon ganz abweichenden Ausdrücken (S. Iff.). Die Indo- 
germanen hätten also erst nach der Trennung eigentlichen Ackerbau, 
nicht blossen Hackbau, getrieben. Aber jene sprachliche Differenz ist 
nicht beweisend, denn auch die Gemeinschaft liess es zu, dass einzelne 
Glieder derselben für manche einzelne Begriffe besondere Wörter hatten, 
wie ja auch später z. B. die Angelsachsen, abweichend von den anderen 
Germanen, den Pflug auch sulh nannten, das wahrscheinlich dem latein. 
sulcus, Furche, entspricht und noch im dialektischen sull fortdauert. Die 
Sprache ist nicht der einzige Massstab der Vergleichung solcher Verhält- 
nisse, und Kultus und Sitte weisen entschieden auf eine gemeinsame Be- 
gründung des Ackerbaues durch die Indogermanen hin. Einige indo- 
germanische Völker, wie die Perser, die Slaven und die Kelten, sind 
freilich gar nicht oder nur schwach von uns berücksichtigt worden, aber 
man darf der Übereinstimmung der von uns bevorzugten Mehrzahl der 
anderen fünf Völker entscheidende Beweiskraft zutrauen. Und selbst wo 
das eine oder das andere dieser Völker keinen Vergleichungspunkt bietet, 
darf man in den meisten Fällen eher auf eine mangelhafte Überlieferung oder 
auch eine spätere nationale oder provinzielle Gestaltung eines ursprünglicheren 
Gemeinzuges als auf einen grundsätzlichen alten Unterschied schliessen. 

10* 



148 Meyer: 

Das Pflügen, zumal das erste, war bei den fünf besprochenen indo- 
germanischen Völkern eine heilige Handlung, die durch Gebete, Weihen, 
Opfer und andere feierliche Gebräuche ausgezeichnet war. Auch andere 
Pflügungen waren geheiligt, so das Vorpflügen bei den Griechen, Römern 
(Paganalien?), Slaven und Germanen und das Umfurchen schutzbedürftiger 
Stätten, wie des indischen Opferplatzes, des griechischen Gerichtshofes, 
der römischen Neustadt, des slavischen und des germanischen Dorfes. 

Die Gebete bewegten sich in Indien, Altengland und selbst noch in 
Neudeutschland in rhythmischer Form, die auch noch im Juppiterdapalis- 
gebete anklingt. Wenn sie uns in griechischen und litauischen Pflug- 
gebräuchen nicht bekannt ist, so wird das die mangelhafte Überlieferung 
verschulden. Die Gebete wurden in Indien zuerst gen Osten, dann gegen 
die drei anderen Himmelsrichtungen gesprochen, wahrscheinlich auch in 
Deutschland und in Italien. Die Gebete wandten sich bei den heidnischen 
Indogermanen an bestimmte Gottheiten, die auch bei den christlichen, den 
Litauern und den Germanen, teilweise noch erhalten oder unter der christ- 
lichen Hülle noch erkennbar sind. 

Diese Ackergottheiten treten paarweise auf, in einem oder in zwei 
Paaren, von denen das eine Himmel und Erde, das andere den Donner 
und die Ackererde personifiziert. Freilicli sind diese Paare nicht immei 
scharf voneinander geschieden und nicht immer in allen Gliedern voll- 
ständig erhalten. Am klarsten fassen die Inder den Himmelsgott Dyaus 
und die Erdgöttin Prithivi in dem Dual Dyavaprithivi zu einem fest ver- 
bundenen Paare zusammen. Er ist der Vater, sie die Mutter der Menschen. 
Aber persönlicher stellt sich der Gewittergott Indra oder sein anderes Ich, 
Pardschanja, der Regengott, als Gatte zur Prithivi. Nach noch agrarischer 
Anschauung fährt Indra zu der Furchengöttin Sita in die Furche. Unter 
dem Indrasternbild beginnt das Pflügen. Bei der Aussaat legt man einen 
Stein, ein Abbild des Donnersteins, auf den Kornsack und bespritzt ihn 
mit Wasser. 

In Griechenland vereint Zeus die Eigenschaften des Dyaus, Indra 
und Pardschanja in sich, er ist Himmelsgott und Vater der Menschen, der 
Donner- und Regengott, und er steht mit der Allmutter Erde (Gäa) in 
innigem Bunde. Der Landmann ruft ihn beim Pflügen als Chrhonios zu- 
samt der mütterlichen Ackergöttin Demeter an, die mit der Athene den 
Pflügen vorsteht. Wie Indra fäln-t er blitzend in das gepflügte Feld der 
Demeter. 

In Rom ist Juppiter so umfassend wie der griecliische Zeus, und 
neben ihm wirken beim Pflügen gleich der Mutter Gäa und der Demeter 
die Tellus oder Terra Mater und Ceres. Sein Stein schaflt liegen. 

Die Litauer verehren beim Pflügen einen Fluren- oder bh-dherrn und 
eine Flurenmutter, die auch in dem Donnergotte Perkunas und der Mutter 



Indogermanische Pflügebräuche. 149 

Zemyna oder Erde wieder erscheinen. In christlicher Fassung heissen sie 
Gott und Zemyna. 

Derselben Fassung begegnen wir in der angelsächsischen Ackerbusse, 
in der die Gebete den allwaltenden Himmelsherrn und die Erdenmutter, 
die Mutter der Menschen, Folde, anrufen. Im Ilimmelsherrn scheint Donar 
zu stecken, dessen Stein bei der Aussaat dieselbe befruchtende Kraft hat 
wie jener indische Saatstein und der Regenstein Juppiters. Frau Perchta, 
Holda und Harke sind die alten Ackergöttinnen, von denen die erste 
auch selber den Pflug führt. 

Augenscheinlich sind alle diese Gottheiten aus demselben religiösen 
A^orstellungskreise hervorgegangen, der, ursprünglich von Hirten geschaffen, 
später von den Ackerbauern erweitert wurde. Ein väterlicher Gott und 
eine mütterliche Göttin walten über Weide und Acker, jener mit dem- 
selben Namen noch bei Indern, Griechen und Römern und sicher auch 
ursprünglich bei den Germanen (Tius, Ziu), die aber nun einer jüngeren 
Überlieferung gemäss, wie die Litauer, einen Sondernameu (Donar-Perkunas) 
dafür haben. Die mütterliche Göttin führt wenigstens bei den Indern und 
den Angelsachsen noch denselben Namen. Und begrifflich decken sich 
mit diesem auch ihre Namen bei den anderen Völkern, die allmütterliche 
Gäa, die Tellus oder Terra mater und die Mutter Zemyna. Die Donner- 
gewalt bleibt entweder dem väterlichen Himmelsgotte wie dem Zeus und 
dem Jupiter, oder sie wird einem besonderen Gotte übergeben, dem Indra, 
Perkunas. Donar. Mit dem Pflügen kam auch neben der Erdgöttin eine 
dem Donnergott mehr oder minder eng verbundene Ackergöttin auf, die 
Sita, Demeter, Ceres, Laukamate und Frau Perchta und die anderen ger- 
manischen göttlichen Pflügerinnen. Indra ist der Gatte Prithivis und greift 
zur Sita hinab, Zeus blitzt zur Demeter herunter, der Smik, die Blitz- 
schlange, gleitet durch die erste Furche. 

Die Gebete zu diesen Göttern richteten die Inder, Germanen und 
wahrscheinlich auch die Italer zunächst gegen Osten, dann sonuenläufig 
gegen die anderen Himmelsrichtungen. Man fiel dabei zu Boden bei den 
Litauern und Angelsachsen. 

Die damit verbundenen Opfer bestanden in Milch und Honig, den 
Erträgnissen der Weide und des Waldes und in den Erträgnissen des 
Ackers, die auch zu einer Mischung, zu einer Pankarpie oder einem 
Sabarios, zusammengebracht wurden. Auch Schweinefleisch, Bratfleisch, 
Speck vergassen die Griechen, Römer, Litauer und Germanen nicht, um 
den Boden fett zu macheu. Der erste Opfertrank gilt dem Zeus, dem 
Juppiter, dem Perkunas. 

Der Pflug wird in Indien geweiht durch die Berührung des Priesters, 
im christlichen Griechenland durch den aufgeschriebenen Namen eines 
Schutzengels, in Germanien durch allerhand alte und neuere zauberkräftige 
und geweihte Dinge wie Würzpflanzen, Weihwasser usw. In Indien wird 



150 Meyer: Indogermanische Pflügebräuche. 

zum Samen des Pflügers der einer anderen Person mit auf den be- 
sprengten Stein des Saatsackes, in Altengland der eines Bettlers mit auf 
den Pflug gelegt. 

Die indischen Pflugochsen werden mit Honig und Schmalz, auch die 
römischen festlich und die deutschen mit Pflugbrot, geweihtem Brot und 
Salz gefüttert. 

In Indien wird beim ersten Pfl^ggange der vorderste Ochse, in Litauen 
der Pflüger mit Wasser begossen, in Deutschland bald dieser, bald jener, 
bald auch der Pflug, und in beiden Ländern begiessen häufig Weiber die 
Pflüger und werden von diesen wieder begossen. In Indien begiesst 
man auch den Stein, der nach dem Pflügen beim Säen auf den Saatsack 
gelegt wird. 

In die erste Furche legte der Inder geronnene Milch und Gerste, der 
Germane aus allerlei Mehl zusammengeknetetes Brot, das auch wohl durch 
heiliges Wasser geweiht ist, und Honig. 

Die indischen Brahmanen werden bei der ersten Pflugfahrt gespeist, 
die römischen Knechte feiern vorher, am Tage des Opfers für Juppiter 
dapalis, in Deutschland holen sich Arme und Kinder das Pflugsbrot. 

Die Inder zogen eine Furche gegen Feldungeziefer und böse Geister, 
offenbar auch gegen diese umfurchten die Athener die Gerichtsstätte, die 
Römer das Gebiet der neuen Stadtanlage mit dem sulcus primigenius. 
Die Litauer wehrten durch eine Furche die Gefahr einer Verschüttung, 
die Russen Seuchen von ihren Dörfern ab. — Statt der Pflugfurche schreckt 
eine glühende Pflugschar vom römischen Acker die Wölfe, in Deutschland 
vertreibt sie die Hexen. Xeun oder sieben glühende Eisen oder Pflug- 
scharen hat der, der seine Unschuld beweisen will, in Indien und Deutsch- 
land zu tragen oder zu überschreiten. Wunden der Pferde heilt der Pflug- 
nagel oder die frisch gepflügte Ackererde. 

Der athenischen Yorpflügung scheinen die römischen Paganalien, das 
deutsche und englische Pflugumziehen im Anfang des Jahres und das 
litauische Blockumziehen zu entsprechen. 

Diese Berichte über die Pflügebräuche von fünf oder sechs indo- 
germanischen Völkern enthüllen ein Stück uralten Mythus und Kultus, 
das sein gleichartiges Gepräge in der Anfangszeit des indogermanischen 
Ackerbaues empfangen haben muss. Der im Gewitterregen befruchtende 
Vater Himmel und die empfangende Mutter Erde, die schon in der Zeit 
des Hirtentums in ein inniges Verhältnis zueinander gesetzt waren und 
angebetet wurden, schirmten und segneten nun auch den jungen Ackerbau 
und wurden durch eigentümliche agrarische Gebete und Opfer geehrt, 
besonders in den entscheidenden Zeiten der Feldarbeit, bei der Aussaat, 
der Ernte und dem Pflügen. Aus diesem tritt der erste Pfluggang weitaus 
als die wichtigste Handlung hervor und wurde deshalb mit den besonderen 
Mitteln ausgestattet, die eine poetische TsTatursymbolik dem Bauer an die 



Mielke: Alte Bauüberlieferungen. 1.')] 

Hand gab: Ev schützte den Pflug durcli heilige Personen und heilige Dinge 
gegen böse Geister. Er verleibte der Furche die Feldfrüchte ein. die er 
von den Gottheiten in überschwenglicher Fülle erwünschte. Er vereinigte 
seine Gaben gern zu einer ]*ankarpie, ja er nahm zu seinem eigenen 
Samen noch fremden hinzu, um eine möglichst vollständige Gegengabe 
zu erlangen. Die beim Pflügen beteiligten Wesen: der Pflug, der Pflug- 
ochs, der Pflüger wurden mit AVasser zum Zwecke der Fruchtbarkeit 
begossen. Der Pflug war auch sonst ein Segenbringer, seine Furche wehrte 
von bedrohten und wichtigen Stätten Böses ab; diese Kraft besass auch 
die Pflugschar, insbesondere die glühende. Dem ersten Pfluggang ging 
ein feierlicher Pflugumzug, ein Yorpflügefest, voran. 

Freiburg i. B. 



Alte Baiiüberlieferimgeii. 

Von Robert 3Iielke. 



In der Hausforschuug sind mancherlei Fragen zu stellen und zu be- 
antworten, bevor ein einigermassen klares Bild der Herkunft, Entwicklung 
und Verbreitung einzelner Typen möglich sein wird. Bisher sind die 
Bemühungen hauptsächlich auf die Entwicklung des Grundrisses gerichtet 
gewesen; allenfalls ist auch der Bezeichnung einzelner Teile des Hauses 
oder des Gehöftes Beachtung geschenkt. Dagegen sind Konstruktion und 
Material nur soweit in den Kreis der Forschung gezogen, als sie sich mit 
den in der Baugeschichte bekannten Formen berührten. Und doch könnten 
sie über manche Erscheinungen Auskunft geben, wenn man ihre typische 
Form nach Herkunft und konstruktiver Notwendigkeit verfolgt. Zum 
Beispiel unterscheiden wir nach der Art des Baustoffes gewöhnlich die 
grossen Gruppen des Ziegel- und Fachwerkes und des Holzbaues mit 
seinen bekannten Unterabteilungen Block-, Schrot- und Kiegelwerk; aber 
es ist noch nicht versucht worden, diese wieder im einzelnen auf klima- 
tische oder völkergeschichtliche Ursprünge zurückzuleiten. Alle liaben 
zweifellos eine ganz bestimmte Vorentwickluug durchgemacht, bevor sie 
in der uns bekannten technisch vollkommenen Form auftreten; alle haben 
Vorstufen hinter sich, für die sich in der vorgeschichtlichen wie in der 
gegenwärtigen — abseits gepflegten — Bauweise wohl noch Uberlebsel 
feststellen lassen werden. In ähnlicher Weise verhält es sich auch mit 
bestimmten architektonischen Formen des Hausbaues. Fenster, Tür und 
Dach sind uns geläufige Begriffe; sie sind aber gleichfalls kaum als fertige 
Formen erworben, sondern aus konstruktiven A'orgängen erwachsen, für 



152 



Mielke: 



die wir wahrscheinlich auch noch Zeugnisse aus der gegenwärtigen Ge- 
staltung herauslesen können. Karl Bötticher hat dies in seiner „Tektonik 
der Hellenen" (Berlin 1869) für gewisse Bauglieder versucht; da er aber 
Aon ästhetischen Voraussetzungen ausging und auch nur die Reste des 
klassischen Zeitalters zu Rate zog, so ist das Ergebnis teils unzureichend, 
teils falsch. Da Böttichers Forschungen fast vier Jahrzehnte zurückliegen, 
war die volkstümliche Bauweise, aus der er sicher hätte gewichtige Zeug- 
nisse für seine Lehre entnehmen können, so gut wie ausgeschaltet, und 
auch heute noch gibt es Fragen — es sei au die Geschichte des Ofens 
erinnert — , die auf eine Antwort warten. Um auf ein der Hausforschung 
nahestehendes Beispiel zu verweisen, so sind auf dem Gebiete des mittel- 
europäischen Hausbaues kleine halbrunde Fenster bekannt, für deren 
Gestaltung zunächst jede konstruktive Notwendigkeit fehlt und der Hinweis 
auf die romanische Bauweise nur vereinzelt zutreffend ist. Es müssen 
hier ältere Beziehungen vorliegen, die aufzusuchen in mehr als einer 
Hinsicht fördernd sein dürfte. 




Abb. 1. Staupitz bei Mühlbri«,' a. E. 

Es ist nun keineswegs meine Absicht, alle diese Bezeichnungen zu 
verfolgen, was nur dann einen Erfolg verspricht, wenn man den riesig 
angewachsenen Stoff über den Hausbau geschichtlicher und vorgeschicht- 
licher Art einer erneuten Prüfung unterzieht. Nur einzelne Beobachtungen 
seien hier veröffentlicht, die ich in den letzten Jahren in verschiedeneu 
Teilen Deutschlands machen konnte. Dass ich dabei auch auf ältere Fest- 
stellungen bezug nehme und auch Folgerungen zu ziehen wage, wird sich 
aus dem fokenden wohl rechtfertiuen. 



1. Die Lehnimauer. 

In einzelneu Teilen Mitteldeutschlands gewahrt man häufig seltsame 
Abschliessungen der Bauernhöfe nach der Strasse hin. Auf den ersten 
Blick ' erscheinen sie als einfache Lehmmauern, die hier und da vom 
Regen und der Sonne verwaschen und geborsten sind (Abb. 1). Häufig 



Alte Bauüberlieferungen. 



153 



ist die gerade obere Kaute verloren gegangen und .stellenweis nur noch 
in geringen Resten übrig geblieben. Ist an und für sich schon das Vor- 
kommen einer anscheinend so ursprünglichen Abschliessungsart innerhalb 
eines Landes befremdlich, das durch literarische Hinweise in den Yolks- 
gesetzen und Weistümern ^), durch Abbildungen in ^Miniaturen und durch 
die wandlungsreiche Folge von dem einfachen Stangenzaun zum kunst- 
reichen Holzgitter ein grundverschiedenes Bauprinzip bekundet, so eröffnet 
die Konstruktion dieser Lehmmauern noch ganz andere Fernsichten. Die 
meisten dieser alten Mauern sind nämlich in einer bestimmten Weise ge- 
gliedert. Der untere Teil ist fast immer aus Steinen geschichtet, die 
indessen häufig nicht erkennbar sind, weil sie durch den abgeflossenen 
Lehm oder durch eine kleine Erdanschüttung verdeckt sind. Zum Schutze 
gegen den Regen ist die oberste Lehmschicht durch ein hölzernes Gerüst 
abgedeckt, welches in einfachster Gestalt von einem nach der Strassenseite 
gelegenen runden Balken von 8 — 12 cm Durchmesser und einer Reihe, 





Abb. 2. Schwemsal a. d. Mulde. 



Abb. 3. Schwemsal a. d. Mulde. 



dem Garten zu selao-erter runder Querhölzer gebildet wird, auf dem eine 
Ziegelschicht oder eine Lehmpackung zu liegen kommt (Abb. 2). In einer 
entwickelteren Form besteht die Abdeckung aus etwa 8 cm starken Hölzern, 



1) Ich verweise auf die Quellen, die Moriz Heyne, Deutsche Hausaltertümer 1 
(Leipzig 1899), S. 14 und 99 zusammengestellt hat. Ferner sei auf Stephani, Der älteste 
deutsche Wohnbau (Leipzig 1902 und 1903) hingewiesen, der sich ebenfalls auf die 
hergehörigen Stellen der Volksgesetze auf den Seiten 103, 108, 189, 230, 23G, 264, 378 
des 1. und S. 413 des 2. Bandes bezieht. — Au Abbildungen enthalten der Echter- 
nacher Kodex, besonders sein Faksimile in Henne am Rhyn, Kulturgeschichte des 
deutschen Volkes (Berlin 1892) 1, 181, und der aus dem 12. Jahrhundert stammende 
Wandteppich von Bayeux (Comte, La tapisserie de Bayeux, reproduction en 79 planches. 
Paris 1879) Darstellungen von Zäunen und anderen Abschliessungen. — Über die ver- 
schiedenen Arten von Feldeinfassungen haben 0. Schwindrazheim aus Nordwestdeutschland 
(Mitteilungen des Museums für deutsche Volkstrachten usw., Heft 4, Berlin 1900), Marie 
Eysn aus Salzburg in der Zeitschrift für österreichische Volkskunde 6, 273 f., daran 
anschliessend Josef Blau solche aus Böhmen ebd. 7, If. und W. v. Schulenburg in den 
Monatsheften der Brandenburgia 8, 257 Material aus dem Teltow veröffentlicht. 



154 Mielke: 

die senkrecht zur Richtung der Mauer in ungefähr 30 rm weitem Abstände 
lagern. Auf ihren Enden liegen ebenso starke Längsbalken, die wiederum 
kurze aber dicht aneinander gedrängte Querhölzer tragen. Eine diesen 
schiefen Ebenen aufgelagerte Lehmschicht, in deren Risse sich allerlei 
Unkraut festgenistet hat, oder ein regelrechtes Ziegeldacli bildet den 
obersten Schutz (Abb. 3). Vereinzelt sieht man auch ein Stück Holz aus 
dem Kern des Lehmwerkes liervorragen, das der Mauer Halt sibt. 

Diese merkwürdige Mauerkonstruktion findet sich östlich der Saale 
bis nach der Lausitz hin; nach I^orden scheint sie über den Fläming 
nicht vorgedrungen zu sein, während ihre Südgrenze mir ganz unbe- 
kannt ist. 

Das Verbreitungsgebiet liegt also innerhalb der Länderzone, in der 
sich einst eine wendische Bevölkerung niedergelassen hatte. Das ist in- 
sofern bedeutsam, als sich in einer westlichen Ausstrahlung — durch das 
Saaletal bis nach Kamburg hin — eine zwar ausgebildetere, aber immerhin 
noch auf eine ähnliche Voriieschichto weisende Bautechnik erhalten hat: der 





^:t^ --t^^^^^ö-sf -s^ 



Abb. 4. Abb. 5. 

Typus des Weidenrutenzaunes. Binsenzaun bei Merseburg. 

Luftziegelbau. Wir finden zwar den an der Sonne getrockneten Luftziegel 
an untergeordneten Bauten häufig in der Mark Brandenburg; als den 
einzigen Stoff aber in den Fachwerken der Bauernhäuser kann man ihn 
nur an der alten Grenze zwischen deutschen und slavischen Stämmen 
feststellen. In Kosen, Saaleck und anderen Orten der Flussniederung ist 
fast jedes alte Bauernhaus und jede alte Mauer aus Luftziegeln erbaut, 
neben denen dann noch Mauern in der oben beschriebenen Art vorkommen. 
Ein innerer Zusammenhang zwischen beiden, dem Lehm entwachsenen 
Techniken wird sich also nicht abweisen lassen, und er lässt sich noch durch 
eine andere Einzäunung stützen, die ich bisher nur im Saaletale beobachtet 
habe: den Binsenzaun. Während der ältere Hürden-, Feld- und Garten- 
zaun in ganz Deutschland aus Weidenruten hergestellt ist, die in der 
Längsrichtung des Zaunes durch senkrechte Pfähle geflochten sind (Abb. 4), 
bestehen diese Binsen- oder Schilfzäune aus senkrechten Durchzügen 
durch drei, mit ihren Enden an Pfählen festgemachten Längsstangen 
(Abb. 5). Für die Mark Brandenburg bringt v. Schulenburg an dem oben 



Alte Bauüberlieforun<!r..u. 



155 



angegebenen Orte ein Beispiel aus dem Kreise Teltow bei, bei dem jedoch 
das Flechtmaterial, die Spriegel, aus Ruten besteht. Dagegen sah ich 
ähnliche Binsenzäune wieder im südlichen Tunis und Algier.') 

Wir haben also — fast mitten in dem deutschen Sprachgebiet — 
Reste einer alten Bauüberliefernng, die nach allem, was wir wissen, für 
Deutschland fremdartig ist, und die unverkennbar in eine sehr frühe Zeit 
zurückweist, in der der Lehm einen Hauptbaustoff bildete. An einer anderen^ 
ebenfalls weit entfernten Stelle stossen wir aber auf eine merkwürdig 
verwandte Überlieferung, mit der dort die Geschichte des Bauens anhebt. 
Im Anschluss an die Ausgrabungen Schliemanns auf dem Schutthügel von 
Hissarlik berichtet Rudolf Virchow in den Verhandlungen der Berliner 
Anthropologischen Gesellschaft (1890, S. 331) über noch heute benutzte 
Garten- uud andere Mauern aus der Troas, die in derselben Weise her- 
gerichtet sind wie die von Schliemann in Troja beschriebenen vorgescTiicht- 
lichen Reste. Auf dem natürlichen Boden waren zunächst Bruchsteine 
geschichtet; darauf folgten Lehmziegel, die von grossen Balken in der 
Länosrichtung durchsetzt waren und darüber lagerten als oberste schützende 




Abb. (J. Lehmbauten in der Oase Biskra. 



Abdeckung Hohlziegel. Also derselbe Befund wie in unseren sächsisch- 
thüringischen Gegenden, wenn man von den ~ an einzelnen Mauern der 
Troas überdies fehlenden — Längsbalken absieht. Was für die Vorzeit 
und Gegenwart Kleinasiens nachgewiesen ist, lässt sich auch für Nordafrika 
beleo-en, nur fehlt hier, wo der Stein stellenweis zu den Seltenheiten 
gehört, die untere Schicht, und ist auch bei der Kostbarkeit des Holzes 
die bindende Balkenlage fortgeblieben. Die obere Abdeckung ist in dem 
regenarmen Lande aus Palmenblättern hergerichtet oder fehlt auch ganz. 
Vereinzelt — aber doch verhältnismässig selten — wird das Äussere mit 
einer Lehmschicht überzogen, die indessen leicht abbröckelt und dann den 
Kern des Luftziegelwerks unverhüllt erkennen lässt (Abb. 6). 



1) Da ich diese Beobachtung nur aus der Erinnerung mitteilen kann und auch 
seinerzeit nicht besonders darauf geachtet habe, so kann ich auch keine näheren Angaben 
über die Pllanze, der das Rohr entstammt, machen. 



156 Mielke: 

Das Charakteristische dieser Mauern, die sich zweifellos noch an 
anderen südeuropäischen Stelleu werden nachweisen lassen^), ist die Mauer 
aus Luftziegeln mit ihrer Balkeneinlage, während die Steinunterlage und 
die Abdeckung wohl nur sekundäre, aus den klimatischen Verhältnissen 
der einzelnen Länder herzuleitende Ergänzungen sind, die aber, wie 
-der troische Fall beweist, in eine sehr hohe Vergangenheit zurückreichen.^) 
Eine wagerechte Balkeneinlage kann ich in Deutschland allerdings nicht 
nachweisen; doch lässt mich ein in dem Dorfe Staupitz bei Mühlberg 
gesehener, aufrecht in der Lehmwand steckender Stab vermuten, dass 
<las Prinzip der Holzverankerung auch bei nns nicht fremd ist. Eine 
wagerechte Einlage dürfte kaum zur Anwendung gekommen sein, weil es 
sich um höchstens 1 V2 ^* hohe, das Grundstück nach der Strasse hin ab- 
schliessende, nicht um tragende Hausmauern handelt. Dagegen weisen 
die erwähnten Fachwerkhäuser des Saaletales mit ihren Luftziegelgewänden 
auf eine Zeit hin, in der der Lehm oder der Lehmziegel ein bedeutsamer 
Faktor bei dem Wohnbau war, aus dem sich das Fachwerk als Gerüst 
aus der Holzverankerung entvrickelt hat — nicht umgekehrt, wie man es 
in architektonischen Büchern findet.^) 

In dem Lehm haben wir die Grundlage einer Bauweise, die mit den 
ersten Anfängen des Wohnbaues zusammenhängen muss. Er steht als 
Baustoff dem Holz gegenüber, das eine ganz anders geartete Kunstsprache 
bedingt. Wenn wir den Fachwerkbau als eine Entwicklung aus der 
hölzernen Balkeneinlage ansehen, wozu die Häuser im Saaletale auffordern, 
so wird für Deutschland die ursprüngliche Bauweise auf jene beiden Arten 
des Holz- und Lehmbaues beschränkt.*) Ziehen wir die gegenwärtige Ver- 



1) Wenn mich meine Erinnernng- nicht täuscht, finden sie sich auch in Bulgarien. 
Auch bei antiken Wohnhäusern, die gerade in Eleusis und in Athen am Areopag frei- 
gelegt wurden, sah ich reine Lehmgewände. 

2) Cäsar (De hello gallico VII, 2.'5) fand auch bei den Galliern, dass sie die Steine 
durch ßalkeneinlagen befestigten. Aus älterer Zeit sind hier vielleicht die Luftziegel- 
■wäude des alten Felsina (Archivio per l'antropologia '2, 4S(); anzureihen, die dem 5. Jahr- 
hundert V. Chr. angehören. Nach Dörpfeld war ein Teil der Mauern in Tiryns aus un- 
gebrannten Lehmziegeln mit eingemauerten Längs- und Querhölzern errichtet (Schliemann, 
Tiryns S. 323 f.). 

3) Mit hoher Wahrscheinlichkeit lässt sich folgern, dass die Balkeneinlage, welche 
sich aus Festigkeitsgründen empfahl, auch in der römischen Bruchsteintechnik etwas ab- 
geschwächt in Erinnerung blieb. Es erinnert das sogen, opus mixtum Vitruvs, bei dem 
Schichten gemauerter Bruchsteine nüt wagerecht verlaufenden Ziegelschichten abwechselten, 
sehr an das kleinasiatische Balkenwerk. Dieses opus mixtum ist gewissermassen ausschlag- 
gebend für die Bestimmung von Römerbauten auf germanischem Boden, wenn kein direkter 
Beweis zu führen ist. Wie weit diese, zum rein formalen Element gewordene Technik 
über ihr ürsprungsgebiet hinausgedrungen ist, bezeugt ein romanischer Kirchturm bei 
Roeskilde, der in abwechselnden Schichten von Bruch- und Ziegelsteinen erbaut ist. 

4) Zu diesem, den bisherigen Annahmen entgegenstehenden Ergebnisse bin ich auch 
auf einem anderen Wege gelegentlich eines Vortrages über die Herleitung des sächsischen 
Hauses gelangt, der in den Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft 
Bd. 3.Ö (190:5), S. 509 f. erschienen ist. 



Alte Bauüberlieferungen. 157 

breitung der Lehmgewände in Deutschland in Betracht und bringen wir sie 
in Beziehung mit jenen Gegenden, in denen der Lehm beim Hausbau eine 
ausschlaggebende Rolle spielt oder gespielt hat, so ergibt sich mit holier 
AVahrscheinlichkeit das südöstliche Europa als die nächste Heimat des 
Lehmbaues. Der Römer Yitruv, dessen Baubetrachtungen auf persönlichen 
Beobachtungen beruhen, berichtet klar über diese Lehmtechnik, wenn er 
schreibt: „Und zuerst errichteten die Menschen gabelförmige Hölzer, und 
nachdem sie Zweige dazwischen angebracht hatten, bekleideten sie die 
Wände mit Lehm. Andere trockneten Lehmstücke und bauten Wände 
daraus und, nachdem sie diese eben mit Holz miteinander verbunden 
hatten, bedeckten sie dasselbe zur Abwehr von Regen und Hitze mit 
Rohr und Laub" (2. Buch, Kap. 1 — 2). Aus dem ersten Absatz geht klar 
hervor, dass auch die bei unseren älteren Bauernhäusern übliche Technik, 
die Fachwerke mit einem Rutengeflecht zu füllen, auf dem die Lehm- 
schicht sitzt, mit dem südlichen Lehmbau zusammenhängt.^) Im südlichen 
Ungarn und in den Balkanländern ^) kommen noch Häuser vor, welche 
nur aus Rutengeflecht bestehen. Als Ausläufer der alten Lehmtechnik, 
die nur dadurch grössere Wände herstellen konnte, dass sie dem Lehm 
eine Holzunterlage gab, mögen diese geflochtenen Hütten sich so nebenher 
entwickelt iiaben. 

Es mag dahingestellt bleiben, wie weit diese dem Holzbau entgegen- 
stehende Lehmtechnik sich in Deutschland zurückverfolgen lässt. Jeden- 
falls stehen die Fundberichte von vorgeschichtlichen Siedelungen der An- 
nahme nicht entgegen, dass in vielen Fällen die Mauern aus I^ehm be- 
standen, der auf einem Rutengeflecht sass. Denn die Lehmpatzen, welche 
so häufig an solchen Stellen — wenigstens im norddeutschen Flachlande — 
gefunden werden und im Durchschnitt einem sphärischen Dreiecke gleichen, 
scheinen wegen ihrer Kleinheit mehr auf ein Rutengeflecht als auf einen 
rohen Blockbau schliessen zu lassen. Wenn es dann noch in dem Bericht 
der Lorscher Annalen von 789 von der Befestigungsweise Karls d. Gr. 
heisst, dass er kleine Kastelle „ligno et terra aedificavit", so kann man 
dies ebenfalls nur auf die obige Rutenwand beziehen, die dann natürlick 



1) Es ist gewiss nicht ohne Bedeutung, dass auch die ganz allgemein verbreitete 
Art, den Lehm mit Stroh und Häcksel zu mengen, um seine innere Festigkeit zu erhöhen, 
die der aus dem (>. Jahrhundert stammende Ashburuham-Pentateuch bereits schildert (vgl. 
V. Gebbard, The Miniatures of Ashburnham Pentateuch. London 1883. Tafel 15) von 
Dörpfeld a. a. 0. für Tirjns ebenfalls nachgewiesen ist, wo Stroh und Heu im Lehm vor- 
kommen. Über die Technik mit Lehmseilen und Stakhölzern ein Gerüst für das Lehm- 
gefach aufzubauen, hat W. v. Schulenburg in dem Monatsblatt der Ges. für Heimatkunde 
der Provinz Brandenburg (8, 27 f.) Mitteilungen gemacht. Schlitz hat diese geflochtenen, 
mit Lehm und Spreu verschmierten Wände auch in dem steiuzeitlichen Dorf von Gross- 
gartach nachgewiesen (D. Schlitz, Das steinzeitl. Dorf Grossgartach. Stuttgart 1901). 

2) S. Meringer, Das volkstümliche Haus in Bosnien und der Herzegowina in den 
„Wissenschaftlichen Mitteilungen aus Bosnien und der Herzegowina" 7 (1900), S. 252. 
F. Tetzner, Die Kroaten. Globus 85 (1904), S. 2:5 f. 



;[58 Mielke: 

o-ebraunt wurde. Eine Bestätigung hat diese Auslegung durch die Aus- 
grabungen karolingischer Festen gefunden/) Jedenfalls aber verdienen 
alle Spuren, die auf die Lehnitechnik früherer oder der heutigen Zeit 
hinweisen, weiter verfolgt zu werden.'") 

2. Das Dach. 

Als wir vor kurzer Zeit durch die Ausgrabungen von Dr. Schlitz in 
Heilbronn mit den steinzeitlichen Wohnhäusern von Grossgartach bekannt 
wurden, mussten die etwa 1 m tief eingegrabenen viereckigen Wohnstätten 
allo-emein auffallen. Da die aus einem Holzgeflecht und Lehm errichteten 
Wände (s, oben S. 156^) von der Sohle dieser Gruben aufstiegen, so konnte 
die Vertiefung, in der sich übrigens noch besondere Schlafbänke aus Lehm 
befanden, nur angelegt worden sein, um einen möglichst hohen Wohnraum 
zu erhalten, d. h. man verstand es nicht, hohe und haltbare Mauern zu 
errichten, und begnügte sich, diesen versenkten Mauern das vermutlich 
giebelförmige oder besser walmartige Dach aufzustülpen. Die äussere 
Erscheinung dieser steinzeitlichen Häuser muss darum mehr oder minder 
von dem hohen Dach bestimmt gewesen sein, das allein über dem Erd- 
boden sichtbar war. Auch an anderen Stellen Europas sind solche ge- 
räumigen und halb versenkten Wohnhäuser nachweisbar^), obwohl manche 
der besonders in Deutschland häufig gefundenen Trichtergruben kaum als 
damit in Verbindung stehend angesprochen werden können.*) Dass aber 
dieses Dachhaus lange Zeit in ^'ordeuropa l)enutzt wurde, bezeugen sowohl 
seine Anklänge an das spätere sächsische Haus wie auch das Vorkommen 
noch jetzt nordwärts der Elbe/) 

Eine grosse Umwälzung musste vor sich gehen, als sich ans dem 
Dachhause ein Wandhans bildete, dadurch, dass sich die Seitenmauern 
immer mehr aus der Erde hervorhoben. Die Senkung verschwand schliesslich 
ganz, iiud nur der deckenlose, unmittelbar vom Dachgesperre geschlossene 
Lmenraum erinnerte an jene Frühzeit. Trotzdem aber blieb das gewaltige 



1) Poppciiberg und Schiichhardt, Atlas vor- uud frühgeschichtlicher Befestigungen in 
Niedersachsen. Insbesondere Heft G, S. 'y2 (Hannover ISMS;. 

2) Meitzen nimmt in seinem grossen Werke „Siedelung und Agrarwescn der Wost- 
germanen und Ostgermanen usw." (Berlin llSll.')) — wenn auch mit anderer Schlussfolgerung 
— an, dass die Germanen ursprünglich sehr leicht aus Stäben, Flechtwerk und Lehniver- 
Mebung gebaut hätten ; s. Bd. o, S. l'JS. 

3) Vgl. Siret freres, Les premiers ;"iges du metal dans le sud-est de l'Espagne, 
Angers 1.S87. Für Italien Archivio per Tantropologia II und Heibig, Die Italiker in der 
Poebene. Für Nordeuropa Müller, Nordische Altertumskunde 1, 202, wo auch weitere 
Literaturangaben zu linden sind. Bäuerliche Wohnhäuser aus Rumänien, die etwa 1 vi 
tief in der Erde stecken und mehrere Gelasse haben, veröffentlichte Weigand im Globus TtS 
(19()0), S. llGf. Sie erinnern in mehrfacher Hinsicht an die Grossgartacher Siedelung. 

4) Neuerdings hat G. Lustig (Globus 1004, S. 8.") f.) nachgewiesen, dass die seit 
80 Jahren bekannten Trichtergruben am Zobtenberg in Schlesien keine Wohnstätten, 
-sondern Arbeitsgruben für die slavischcn Hersteller von Mühlsteinen waren. 

5) Vgl. meinen oben S. 15G* angezogenen Vortrag. 



Alte Bauüberlieferungen. 159 

Dach bei dem sächsischen und dein Schwarzwäider Hause nur wenii;' vom 
Erdboden entfernt. Noch nach der Lex Bajuwariorum^) und einer Ver- 
ordnun<>- vom Jahre 774^) ist das Dach so niedrig, dass sein Abheben mit 
der Hand mit Strafe bedroht wird. Für Skandinavien wird sogar noch 
aus dem 16. Jahrhundert bezeugt, dass Ziegen und Schweine darauf um- 
herlaufen konnten, was natürlich nur eingeschränkt wird gelten können.^) 

Wie stark dieses Dachhaus unser Landschaftsbild beeinflusst hat, 
geht aus einem naheliegenden Vergleiche mit der südeuropäischen — in 
der klassischen Baukunst zu monumentalem Ausdruck gekommenen — 
Bauweise hervor. Denn die hier vorherrschende und im Orient noch heute 
durchgehends augewandte Dachform ist die wagerechte Abdeckung, die, 
wie es Vitruv in der oben angezogenen Stelle anschaulich beschreibt, 
unter dem Zwange, eine Abflussneigung für den Regen zu schaffen, nur 
wenig ein- oder zweiseitig gehoben wurde, die aber auch durch das antike 
Tempeldach baugeschichtlicb beglaubigt ist.*) Dieses Haus erhält seinen 
Hauptcharakter durch die Wand, während bei dem nordeuropäischen Hause 
das Dach den Ausdruck bestimmt. Man vergegenwärtige sich nur die 
Strassen einer mittelalterlichen deutschen und einer gleichzeitigen italie- 
nischen Stadt, um sich zu überzeugen, wie sehr der grundverschiedene 
Ausgangspunkt die Baukultur beider Länder beherrscht hat. 

Als Abdeckungsmaterial dieses nordeiiropäischen Steildaches sind und 
werden noch heute je nach den landschaftlichen Hilfsmitteln die ver- 
schiedensten Stoffe gebraucht. Am altertümlichsten erscheinen Grassoden, 
Grastorf und Erdplaggen, die sich in Städten stellenweis selbst bis in das 
18. Jahrhundert erhalten haben. ^) Daneben kommen Holz (Birkenrinde) 
und Steine®) vor, in erster Linie aber Schilf und Stroh. Welche dieser 
Abdeckungen die älteste ist, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls haben 
örtliche Verhältnisse schon früh auf die Anwendung eingewirkt. Die 
grosse Verbreitung des Strohdaches und seine landschaftlich verschiedene, 
aber konstruktiv einheitliche Ausbildung weisen darauf hin, dass es bereits 
in voro-eschichtlicher Zeit zur Herrschaft ffelanut war. wenn es auch erst 



1) Mon. bist. Germ. Leges 3, 353. 

2) Mon. bist. Germ. Leges 3, 464. 

3) Troels Lund, Das tägliclie Leben in Skandinavien wäbrend des IG. Jabrhunderts 
(Kopenbagen 1S82) S. 11. 

4) Für die Frübzeit bestätigt auch Dörpfeld (Tiryns S. 249), dass die Häuser in 
jenem alten Herrschersitz durch Querhölzer abgedeckt waren, die wahrscheinlich eine 
Lage Rohr oder Stroh (Rohr in Sardes um 499, nach Herodot 5, 101) und darüber eine 
mächtige Lehmschicht trugen. Andere literarische Belege sichern diesen Befund. So 
hatte sich Elpenor auf Kirkes Wohnung gelagert (Odyssee 10, 552— ö5.3); so spähte auch 
der Wächter auf dem Atridenpalaste nach den Flammenzeicbeu (Äscbylus, Agamemnon). 

5) Troels Lund a. a. 0. 1, Anm. 14. 

6) Dächer — wenn auch erst aus den letzten 50 Jahren — , die aus schuppenartig 
aufgelegten Bruchsteinplatten bestanden, sah ich noch vor wenigen Jahren in Norwegen 
(Gul brand sdalen) . 



^gO Mielke: 

durch einen verhältnismässig geregelten Ackerbau an die Stelle des Schilf- 
daches getreten sein konnte. Die Bevorzugung des Erdplaggendaches in 
den getreidearmen Strichen Niederdeutschlands — besonders auf den 
Halligen und den unwirtlichen Gegenden Skandinaviens — bestätigt zudem, 
dass die Entwicklung des Getreidebaues auch in dieser Weise auf die 
Gestaltung des Hauses eingewirkt hat. ^) Baumrinde ist wohl nur als 
o-eleoentlicher, für kleinere Zwecke benutzbarer Stoff zu betrachten, der 
für die Gestaltung der Dachform wenig Einfluss ausgeübt hat. Hin und 
wieder wird sie noch heute benutzt, wenn Holzfäller und andere Wald- 
arbeiter sich eine unbedeutende Sommerhütte errichten (Abb. 7). Da die 
Rinde vorwiegend als Unterlage für die Erdplaggen diente^), so scheint 
sie auch mit dem verhältnismässig erst spät^) bezeugten Schindeldache in 
keinen Beziehungen zu stehen. Wir werden also das Schilf oder das 

<^ 




Abb. 7. Staufen bei Waldshut. 

Stroh als das für uns wichtigste einheimische Material betrachten müssen, 
das schon in den ältesten Zeiten allgemein Anwendung gefunden hat, das 
dementsprechend auch bis zu einem gewissen Grade mit der Konstruktion 
des Daches und im weiteren Sinne des Hauses selbst in Beziehung steht. 
Es spricht für seine ungewöhnliche Wertschätzung, wenn es selbst noch 
bis in unsere Tage hinein bei Kirchen vorkommt.*) 

Die Hausuruen, welche sonst zur Beurteilung des vorgeschichtlichen 
Hauses nur mit Vorsicht zu verwerten sind, geben über die Form des 



1) Wenn wir hören, dass die Hauswände in Island ebenfalls aus Erdplaggen be- 
standen (Meitzen, Siedelungen o, 493\ so kann ich aus eigenen Beobachtungen diese 
Bauart auch für die Nordseeinsel Rom bestätigen. Andererseits wieder sind Moorsoden 
auch bei den römischen Bohlwegen Ostfrieslands nachgewieseu (v. Alten, Die Bohlwege 
im Herzogtum Oldenburg. Oldbg. 1879), was sicher nur in Anlehnung an eine landes- 
übliche Technik seine Erklärung findet. 

■2) Troels Lund a. a. 0. S. 11. 

3) Kloster St. Gallen im 9. Jahrb. (v. Arx, Geschichte von St. Gallen 1, 62 und 268). 
Über Schindelbcdachung in England 974 s. Moritz Heyne, Die Halle Heorot S. 33. 

4) So berichtet W. H. Eiehl von einer Kirche mit Strohdach, die bis 1SG7 in dem 
bayrischen Dorfe Wolfers in der HoUedau gestanden hat (Riehl, Wanderbuch S. 283). In 
dem alten Stadtbuche von Görlitz ist von einer nahegelegenen Strohkirche aus dem 
14. Jahrhundert die Rede (Meitzen, Siedelung 3, 1, 431). Selbst in Padua trug nach 
K. Rhamm (Globus 1894, S. 142) die Kirche der Eremitani bis 1306 ein Strohdach. Unter 
diesen Umständen klingt es fast wie eine der Zeit weit vorauseilende Verordnung, wenn 
1404 der Rat von Augsburg Stroh- und Schindeldächer für die Stadt verbietet (v. Stetten, 
Geschichte von Augsburg 1, Kap. 1, S. 140). 



Alte Bauüberlieferimgeii. 161 

Daches wenigstens in einigen Exemplaren (die sogen. "2. 3. und 4. von 
Hoyni, die 1. und 2. von Wilsleben, die von Aken, Stassfurt und Königs- 
aue) ^) eine sichere Vorstellung. Wir ersehen daraus, dass es als Walm- 
dach mit einem zum Teil mächtigen Firste gebildet war, und das Stroh 
(oder Schilf) auf einem Sparrengerüst lagert, auf dem wieder hölzerne 
Planken zur Beschwerung liegen. Die Dachlatten werden, wie es in dieser 
einfachen Weise noch heute gebräuchlich ist, wohl aus unbearbeiteten, nur 
abo-eästeteu Baumzweio-en bestanden haben. Auffallend ist das Fehlen 
jeder Giebelverzierung; denn der Kranz von tierähnlichen Bildungen auf 
der vierten Hoymer Hausurne (Abb. l^^, abgebildet auch bei M. Heyne, 
Hausaltertümer 1, 24 und Stephani, Wohnbau 1, 42) kann man ebenso- 
wenig damit in Verbindung bringen wie die knopfähnlichen Erhöhungen 
an den Walmspitzen anderer Urnen. Die letzteren erklären sich vielmehr 
ganz gut aus dem Konstruktionsgedanken des Strohwalmes, der, wie sich 
noch era'eben wird, auch das Fehlen der Giebelfiguren erklärt. 

Die Grundträger unseres Daches werden von den Sparrenpaaren ge- 
bildet, die in ihrer senkrechten Stelluag lediglich durch die mit Weiden- 
oder ßirkenruten festgemachten Latten, höchstens noch durch einige 
Diagonalleisten gehalten werden. Der Walm entsteht bei älteren Dächern 
durch etwas geneigte Sparren, die sich mehr an das rostartige Dachgesperre 
anlehnen als an den Firstbalken. Da dieser nicht selten an den alten 
Bauwerken überhaupt fehlt, so winl er auch in der Vorzeit nicht immer 
vorhanden gewesen sein und damit auch die Herleitung eines Giebelzeichens 
aus der Hervorkragung des Firstes unwahrscheinlich. Auch eine Gabelung 
der beiden Giebelsparren, als welche Stephani u. a. die knopfartige Er- 
höhung an der kleineren Wilslebener Urne ansieht^), ist abzulehnen. Wir 
haben in dieser Gestalt nicht ein Giebelzeichen vor uns, sondern eine 
Strohverknotung, die sich aus der Strohtechnik selbst herleiten lässt. Das, 
was wir als das Giebelzeichen ansehen, ist — wie ich noch später nach- 
zuweisen hoffe — erst eine spätere, in geschichtlicher Zeit erworbene 
Zutat. 

Auf diesem, vereinzelt noch mit Holznägeln zusammengefügten Dach- 
gesperre befindet sich die Stroh- oder Schilfdecke, welche — von unten 
anfangend — mit Birkenruten oder Strohseilen kreuzartig an die Latten 
gebunden wird. Das Deckungsmaterial liegt also schuppenförmig aufein- 



1) Ich zitiere hier nach Stephani, Der älteste deutsche Wohnbaii, Leipzig 19U2 und 
1903, wo neben guten Abbildungen auch eine umfassende Literatur über die in mehreren 
Sammlungen aufbewahrten und in vielen Zeitschriften veröffentlichten Gefässe zu finden ist. 

2) Stephani, Wohnbau 1,. .38 in Abb. 19. Dieser Autor erklärt in seinem schönen Werke 
auch die an den Urnen bemerkbaren, vom First nach unten verlaufenden Rippen als 
Sparreu, aber wohl mit Unrecht; denn es ist kaum denkbar, dass die Hersteller der Haus- 
urnen die unsichtbare innere Dachseite sollten dargestellt haben. Man kann nur an- 
nehmen, dass durch diese Rippen oder Furchen die Strohlagen oder aber die sie fest- 
haltenden Hölzer, die Scheren, angegeben werden sollten. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. H 



162 



Mielke : 



ander, sich schiclitenweis selbst belastend und im Zusammenhange noch 
durch aufgebundene Längsruten oder durch Holzkloben vom First aus 
gesichert (Abb. 8). Eine besondere Festigung ist nur da vonnöten, wo 
der Windstoss den Zusammenhang lösen kann, d. h. am First und an 
seinen beiden Enden, wo das sogen. Eulenloch ist, allenfalls auch an den 
schmalen Kanten, an denen Walm und Dachflügel zusammenstossen. Dieser 
Grundgedanke kehrt überall an dem Strohdache wieder; er lässt sich auch 
da auf diese einfache Formel zurückleiten, wo küustlerische Tendenzen 
über das einfache Zweckmässige hinweggegriffen haben. Immerhin aber 
kann man in der äusseren Erscheinung des Strohdaches landschaftliche 





Abb. b. Schönebacli im Schwavzwal 



Abb. 9. 
Mansholt, Oldenburg. 




Abb. 10. Süderdorf auf Rom. 



Verschiedenheiten verfolgen, die eine stufenweise Entwicklung vom Ein- 
fachen zum Reichen verraten, die sell)st einem so urwüchsigen Baugliede 
wie dem Strohdacho noch küustlerische Formen abgewinnt. Auch hier 
ist die Richtung vom Norden nach dem Süden wahrnehmbar, die zweifellos 
mit der geschichtlichen Aufeinanderfolge zusammenhängt, so dass wir den 
ursprünglichsten Bestand im Xorden, den entwickelteren im Berglande des 
Südens finden. 

Das friesische Haus — insbesonders aber das der Inselfriesen — lässt 
noch immer das schilfgedeckte Dach erkennen, das ohne jede Unterbrechung 
seine Deckschicht wie einen schützenden Mantel^ über das Dachgesperre 
gehängt hat. Weder Scheren noch andere Holzbelastungen unterbrechen 
die glatte Fläche, der nur in der landesüblichen Weise ein mächtiger Erd- 
plaggenwulst am Firste aufgetürmt ist (Abb. 9). Er besteht aus Schichten 
und ist mit Holznägeln, die häufig mit Benutzung der Äste als Widerhaken 



Alte Bauüberliefeiuiifreu. 



163 



gebildet sind, derart festgesteckt, dass die Plagg-en nach oben liin immer 
kleiner werden (Abb. 10). Holzkloben, Scheren, Ruten und andere Be- 
lastungen und Verschnürungen fehlen. Wird das Dach undicht, so erfolgt 
die Stopfung durch Plaggen, bis die erforderlichen Binsen zur Stelle sind 
und die Ergänzung mit Müsse vorgenommen werden kann. Auf dem Fest- 
lande, z. B. in dem Dorfe Ostenfeld, wo sich friesische und sächsische 
Einflüsse in einer merkwürdigen Weise mischen, gesellt sich dem Plaggen- 
first noch Holzbelastung bei. Dieses friesische Dach hat in der Regel 
keine Öffnung; es unterbrechen weder Luken noch Eulenloch die schlichte 
Fläche. Alles ist auf solide Festigkeit gegründet, die durch die Technik 
der Strohbindung und durch eine sorgfältige ßeschneidung der aufliegenden 





Abb. 11. Lütjebrook, Holland. 



J'Abb. 12. Lütjebrook, Holland. 




Abb. 13. Wzum bei Leeuwarden, Friesland. 

Halme erreicht wird. Trotzdem hat dieses einförmige Dach, das Walni 
und Flüo-el o-leichmässig überdeckt, dadurch eine kunstreiche Ausbildung 
erfahren, dass die aufeinander ruhenden Strohschichten in rhythmischen 
Linien beschnitten sind, was stellenweis zu einer fast barocken Gestaltung 
geführt hat. In Holland ist diese Entwicklung, bei der die einfache Stroli- 
haube ein recht freundliches, wenn auch bisweilen seltsames Aussehen er- 
hielt, am weitesten vorgeschritten, ja selbst zu einer nationalen Form 
geworden (Abb. 11, 12). Luken und Eulendach fehlen auch hier zumeist, 
obwohl man durch das Anbringen des erst spät erworbenen tfiebelzeichens, 
das seine fremde Herkunft durch ein fast hilfloses Aufstecken verrät, auf 

die Bildung eines rein ornamentalen Eulenloches gedrängt wird (Abb. 13). 

11* 



164 



Mielke : 



Rein äusserlicli betrachtet, erinnern die Dächer wenig an die Haus- 
urneu, die ihrer ganzen Erscheinnng nach eher unmittelbare Beziehungen 
zu den Dächern des westlichen niederdeutschen Flachlandes haben. Bei 
diesen Häusern, besonders aber bei den ältesten Beispielen in der Provinz 
Hannover und in Oldenburg, ist die Firstlinie durch einen mächtigen 
Strohwulst gesichert (vgl. die Abbildungen von Rastede bei Oldenburg in 
der Ztschr. f. Ethnologie 19, 56 und Bühren in Ostfriesland in der Ztschr. 
d. Vereins f. Volkskunde 2, Taf. 1), der dem Hause ein ganz eigenartiges 
Aussehen verleiht. Dass dieser Wulst eine sehr alte Überlieferung ist, 
bezeugen die sogen. 2., 3. und 4. Urne von Hoym, die ihn scharf und un- 





Abb. 14. Dritte Urne von Hoym. 



Abb. 15. Vierte Urne von Hoym. 





Abb. 17. 
Hiddcnsec bei Küsren. 



Abb.^16. Straupitz, SpreeAvald. 



zweideutig als solchen charakterisieren (Abb. 14, 15), während andere Haus- 
urnen (Wilsleben) iliu nur andeuten. Da die gefälu'dete Stelle am First 
besonders gesichert werden muss, so ist diese Linie, die in den friesischen 
Strichen durch die schweren Fjrdplaggen gedeckt ist, in den strohreichen 
Festlandgegenden naturgemäss durch eine starke Schichtung des Strohes 
gefestigt, die nicht durch Holznägel, sondern durch Strohbindung erzielt 
ist. Es mag sein, dass früher auch Holznägel angewandt worden sind, 
denn sie lassen sich bis nach Schlesien hin verfolgen; in der Regel aber 
tritt ein sorgfältiger Verband der Strohwische an ihre Stelle, die bald 
quer über den First gelegt werden, so dass die Enden in die beiden 



Alte Bauüberlief erunaren. 



1(55 



Seiten des üaches eiugeflochteu werden (Abb. 16), bald aufrecht in reitender 
Stellung- sich über dem First orho])en (Al)b. 17). Diese letzterwähnte 
Konstruktion ist nur anscheinend un])raktisch, weil die feste Bindung der 
Strohwische dem Kegen nicht nur keinen Durchgang gestattet, sondern 
ihn durch die Halme auf das Dach ableitet. Nur am Firstende, wo das 
Rauchloch eine Gefährdung des Bestandes nahelegt, müssen noch besondere 
Yorkehrungen getroffen werden entweder dadurch, dass man die oberen 
Längshitten über den Walm hinaus verlängert (vgl. K. Brandi in den 
Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 
16, 277), oder dass der Firstwulst das Loch überdeckt. Auch hier weisen 
die älteren Beispiele darauf hin, dass aus der Konstruktion des Walmes 
ein Bedürfnis für das Gieltelzeichen nicht hergeleitet werden kann, ja dass 





Abb. 18. Aus der Ars mfiiiorativa 1475. 





*f« 



11 



Abb. 20. 
Luttingen, Schwarzwald. 



Abb. 19. Hochstett im Donauried. 



es geradezu zweckwidrig ist, so lange der Walm ein bedeutsamer Teil des 
Daches ist. Erst als er langsam in die Höhe wächst und allmählich zum 
Giel)el geworden ist, ergibt sich für die Spitze die naheliegende Aus- 
schmückung durch ein solches Zeichen. Dahingegen ist dieser enge Raum 
— besonders noch, wenn ein Rauchloch nicht vorhanden ist — wenig 
geeignet, eine glatte Bindung der Strohwische von drei Ebenen und dem 
Firstbelag zuzulassen; man behalf sich entweder durch Plaggen oder durch 
eine knotenartige Schürzung über der Spitze, wie es die oben erwähnten 
beiden Hausurnen von Wilsleben schon belegen. In einem alten, 1475 in 
Augsburg erschienenen Buche, der Ars memorativa, ist diese Bildung 
deutlich erkennbar (Abb. 18), und es ist vielleicht auch kein Zufall, dass 
in dem Donauried bei Nördliugen diese Verknotung- au vielen Häusern in 
Stein nachzubilden versucht wurde (Abb. 19). In Mederdeutschland ist 
diese Verknotung allerdings selten, wenn sie auch nicht ganz fehlt; aber 



166 



Mielke : 



bei dem strohgedeckte« Schwarzwaldhause hat sie sich stellenweis noch 
klar erhalten (Abb. 20). 

Am meisten ausgebildet, so dass sie fast zur allgemeinen Geltung 
gelangt ist, hat sich die Befestigung mittels Holzstangen. Brettern oder 
Kloben. Sie ist besonders in Mittel- und Oberdeutschland nicht fremd 
und hat in den Kolonialländern eine sehr verschiedenartige Ausbildung 
erfahren. Das Holz wird nach Bedarf der Strohdecke aufgelegt und so 
regellos ergänzt, dass ein so zugerichtetes Dach oft recht wunderlich aus- 
schaut. Als Firstbelag scheint es schon recht früh den Erdplaggen- und 
Strohwulst verdrängt zu haben; denn die Querfurchen an den Dächern 
der Hausurnen deuten meines Erachtens auf diesen Holzbelag hin, der in 
gleicher Weise noch im Schwarzwald zu finden ist (Abb. 8). Die oft 
recht umfangreichen Holzkloben sind über dem First mit einem hölzernen 
Dübel scherenartig miteinander verbunden (Abb. il). Nach Bedürfnis 
liegen auch Längsruten darunter, die durch Weiden- oder Birkenruten an 



y/^/^ 





Abb. 22. Mödlicli a. E., 
Brandenburg. 




Abb. 21. Herzburg, Brandenburg. 



Abb. 23. Reichow. Prov. Sachsen. 

das Dachgesperre gebunden sind. In Mödlich bei Lenzen ist dieses 
Bindungsprinzip durch ein Gestell erreicht, das noch eine besondere First- 
rute trägt (Abb. 22). Als eine verhältnismässig späte Entwicklung, die 
schon durch das gänzliche Fehlen eines Walms nahegelegt wird, hat man 
in der wendischen Lausitz die Strohwische an dem vorderen und liinteren 
Ende des Daches, bisweilen auch den First selbst mit] einer Art Stroh- 
ummantelung geschützt, bei deren Bildung offenbar der Hohlziegel als 
Vorbild gedient hat (Abb. 23). Auch als tauartiges Strohgeflecht findet 
man den First in der Lausitz (Burg). 

Technisch am vollkommensten durchgebildet ist die Strohdeckung im 
Schwarzwald, obwohl sie mit denselben Mitteln und denselben Handgriffen 
hergestellt ist wie in Norddeutschland. Es steht diese Tatsache auch in 
Übereinstimmung mit der Ausbildung des Schindelbelages, der eine ganze 
Entwicklungsreihe vom Einfachen zum Kelchen durchlaufen hat. Die 
Übereinstimmung der Technik mit der niederdeutschen Strohdeckung geht 



Alte Bauüberlieferungen. 



167 



so weit, dass man versucht sein könnte, sie durch einen gewerbsmässigen 
Betrieb zu erklären, wenn nicht die auch als Hausgewerbe betriebene 
Strohindustrie sie näher legen würde. Wie in der wendischen Lausitz 
kehrt auch die Strohschaube am First wieder, die aber immer auf mehrere 
Längsstangen gebunden ist. Die Walmspitze ist häufig in der Weise 
der Ars memorativa (Abb. 18) geknüpft (Abb. 20, 24). Überall aber fällt 
die sichere Bildung, die zweckentsprechende Technik auf, die in Nieder- 
deutschland nur selten gefunden wird. Auch im Schwarzwalde ist das 
Eulenloch nicht immer vorhanden, oder es ist ganz klein in den engen 
Raum unmittelbar unter dem Firstende hineingedrängt (Abb. 25). Fast 
sieht es aus, als ob eine besondere Art des Firstes erst durch dieses Loch 




Abb. 24. Hozenhof bei Bergatingen. 




Abb. '2('). Welschensteinach, Schwarzwald. 



»»'Mi«iyri«i!p;i?^^^^ 



M^o'/^' lö 




Abb. 25. Gutach, Schwarzwald. 



.\bb. 27. Welschensteinach, Schwarzwald. 



hervorgerufen sei. Bei diesem, vorzugsweise von alten Häusern des Gutach-, 
des Schiltach- und Schapbachtales vorkommenden wuchtigen Firste sind 
die Strohgarben aufrecht auf den oberen Rand gesetzt und durch seitliche 
Längsstangen eingedrückt. An den Enden steht dieser First senkrecht 
auf dem schrägen abfallenden Walm, um das kleine Loch zu docken. 
Durch diesen Abschluss (Abb. 25) erhält das Haus ein schopfartiges Aus- 
sehen, das bei einiger Vernachlässigung sich fast verwildert zeigt. Sehr 
merkwürdig ist die Bildung des Walmes, wenn dieses Eulendach fehlt. 
Dann sind der Strohfläche drei Garben eingebunden, die sich schräg in 
dem engen Winkel zusammendrängen und durch die stets wiederkehrende 
Dreizahl etwas sehr Altertümliches erhalten^) (Abb. 26, 27). Ein Giebel- 



1) Virchow hat ein ähnliches aber aus Holz gefertigtes Befestigungsgestell, das er 
an einem Hause bei Mödlich a. E. beobachtete (Zeitschr. f. Ethnologie 1886, S. 426ff.) mit 
einer gleichen Bildung an einzelnen Urnen aus dem Albanergebirge in Beziehung gesetzt. 



168 Schaar: 

zeichen fehlt dem Schwarzwälder Dache, denn vereinzelte Versuche, dem 
Firstende ein kleines hölzernes Kreuz aufzustecken, sind selten und dann 
aus jüngster Zeit. Dagegen wachsen die drei Walmgarben bisweilen, 
namentlich über den Einfahrten in den grossen Kornboden, zu einer 
einzigen Strohspitze zusammen, wie sie bereits aus der Ars memorativa 
geschildert ist (Abb. 24). 

Berlin. 

(Fortsetzung folgt.) 



Plattdeutsche Eätsel. 

Ein Beitrag zur märkischen Volkskunde, 
gesammelt von Heinrich Schaar. 

Im folgenden veröffentliche ich eine Anzahl von plattdeutschen Rätseln, 
die ich in Strodehne gesammelt habe. Dies Dorf, zum Kreise West- 
Havelland gehörig, liegt 8—9 hn westlich von Rhinow in dem Winkel, 
den die Havel mit dem Prietzener oder Gülper See bildet, hart am rechten 
Havelufer, vom See aber etwa 2 — 3 /i?/i nördlich. Die Rätsel sind natürlich 
nicht alle ausschliesslich Eigentum von Strodehne, wir finden den grössten 
Teil von ihnen unter den Volksrätseln wieder, die R. Wossidlo in Mecklen- 
burg und K. Ed. Haase in der Grafschaft Ruppin gesammelt haben; 
immerhin sind einige darunter, die, soweit mir das Material zugänglich war, 
bisher noch nicht veröffentlicht sind: No. 9. 10. 19. 27. 28. 28a. 31. 41. 42. 

In den Sammlungen von R. Wossidlo (Mecklenburgische Volksüber- 
lieferungen, 1. Band: Rätsel), K. Ed. Haase (Volksrätsel aus der Grafschaft 
Ruppin: oben 3, 71—79. 5, .396-407), O. Schell (Volksrätsel aus dem 
Bergischen; oben 3, 293—299) finden sich auch verschiedene in hd. Mund- 
art, von denen eine Anzahl auch in Strodehne im Umlauf ist. Diese nur 
hd. vorkommenden sind in der folgenden Zusammenstellung alle fort- 
gelassen, da der Zweck dieser Sammlung nicht der ist, überhaupt Volks- 
rätsel, sondern lediglich Rätsel in nd. Mundart zu geben. Unter diesen 
finden sich solche, die auch im Hd. vorkommen oder, wie sich bei einzelnen 
nachweisen lässt, geradezu aus dem Hd. erst ins Nd. übertragen sind. 

Wenn ich mich nicht darauf beschränkt habe, lediglich den Wortlaut 
der Rätsel zu geben, wie es in den angeführten Sammlungen geschieht, 

Durch die Schwarzwälder Bindung wird diese Vermutung unterstützt, daneben aber auch 
wieder bewiesen, wie wenig sich die technischen Vorgänge an dem altertümlichen Stroh- 
dach in ihrer Grundform verändert haben. 



Plattdeutsche Rätsel. 169 

sondern einzelne sozusagen kritisch und hermeneutisch behandele, so ver- 
anlasste mich dazu die Wahrnehmung-, dass teils die Neigung, einen Vor- 
gang zu lokalisieren oder an bekannte Namen anzuknüpfen (z. B. No. 35), 
teils die Veränderung von Wörtern, die ursprünglich eine klare Darstellung 
gaben, in solche, die auf den ersten Blick scheinbar sinnlos sind (z. B. 
No. 43), den ursprünglichen Wortlaut oder auch die Lösung verändert 
haben. Es würde gewiss zu interessanten Ergebnissen führen, wenn 
Untersuclningen nach dieser Richtung hin weiter ausgedehnt würden. 

In der Schreibung ist das historische Prinzip tunlichst befolgt, eine 
konsequente Durchführung erwies sich jedoch als unmöglich; einige W^örter 
sind unübersetzbar; sie sind vielleicht zum Teil als Notreime anzusehen 
wie Tüllmüll (No. 31), der Eigenname Kühn (No. 39), rauh - rauh - riep 
(No. 48). Polepus (No. 8), zum Teil onomatopoetisch, wie Klingermann, 
Klappermann (No. 36), Nickenpicken (No. 32), holl, bell, gnickel, gnackel 
(No. !()), liüppel. hüppel (No. 19) u. a. Hinsichtlich der Aussprache ist, 
um nur das Wichtigste anzuführen, zu bemerken, dass g im Anlaut und 
Inlaut wie j, im Auslaut wie ch gesprochen wird; die Verbindung ng und 
gg entspricht der hochdeutschen Aussprache. Zur Bezeichnung des Misch- 
lautes zwischen a und o dient das bekannte Zeichen ä, wobei unberück- 
sichtigt bleibt, ob er dem hochdeutschen a (z. B. Häs' = Hase) oder o 
(z. B. schäten = geschossen) entspricht. Ein dem Strodehner Dialekte 
eigentümlicher Laut liegt zwischen ä und ei; man wird ihn ziemlich genau 
treffen, wenn man etwa das französische vin ohne Nasallaut spricht. Er 
findet sich z. B. im auslautenden -er (hinner = hinten) und in -erd, -ert, -ern 
(z. F]. werd = wird; Stert = Schwanz; knökern = knöchern), wobei das r 
nicht gesprochen wird. Eür die übrigen Fälle lässt sich keine Regel, die 
allgemein gültig wäre, feststellen, e am Schluss einiger Wörter bedeutet 
nur, dass das e scharf gesprochen wird, nicht, dass der Ton darauf liegt. 

Wenn man von den Scherzfragen und den wahrscheinlich aus dem 
Hochdeutschen übernommenen Rätseln absieht, so ist deren Einkleidung 
mit wenigen Ausnahmen derartig, dass sie ebensowenig wie das Rätsel 
Simsons, das er den Philistern aufgab, erraten werden können; andere 
sind so umschrieben, dass sie scheinbar sofort eine Lösung, und zwar 
zweideutiger Art, zulassen, während sie in Wirklichkeit harmlos ist 
(z. B. No. 9, 15, 17, 20, 25,26, 27, 28, 44, 49). Dass Rätsel dieser Gattung 
aus einer plattdeutschen Sammlung unmöglich auszuschliessen sind, hat 
Wossidlo S. V der Vorrede seines Buches so überzeugend begründet, dass 
nur falsche Prüderie an ihrer Aufnahme Anstoss nehmen kann. Das 
'Naturalia non sunt turpia' gilt auf dem Lande ganz besonders auch von 
solchen Rätseln; sie werden lediglich als höchst belachenswerte Scherze 
aufgefasst und ohne Unterschied des Geschlechtes aufgegeben. „Dabei 
denkt sick keen Minsch wat!" kann man bei etwaigen Bedenken oft genug 
hören. 



170 Schaar: 

Der Ideenkreis der Rätsel bewegt sich sowohl nach ihrer Einkleidung- 
wie ihrer Lösung überall in bekannten Erscheinungen von Haus, Hof, 
Tieren, Feld und Natur, dabei sind aber Berg und Wald ausgeschlossen, 
— beides ist nämlich auf der Strodehner Feldmark nicht vorhanden. 
Interessant ist es, wie sich diesem Umstände entsprechend zwei Scherz- 
fragen diesen örtlichen Verhältnissen angepasst haben. So heisst die 
Scherzfrage (No. 1) im Hd. (Wossidlo No. 775, Haase No. 14): „Warum 
läuft der Hase über den Berg?-' Den Strodehnern ist dieser Begriff, ob- 
wohl die Rhinower- und Kamernberge sichtbar sind, nicht geläufig, sie 
setzen dafür 'Diek' (Deich), denn die Strodehner Feldmark ist zum Schutz 
gegen die häufig eintretenden Hochwasser von Deichen eingeschlossen.^) 
Ferner lautete die Scherzfrage (No. 21) in der Fassung, wie sie von älteren 
Leuten mitgeteilt wurde: „Geiht näh 't Holt" usw. (so auch bei Wossidlo 
No. 283), die jüngere Generation, die einen Holzbestand auf der Feldmark, 
der früher vorhanden war, nicht mehr kenneu gelernt hat, setzt dafür ein: 
„Geiht näh Hüs" usw. No. 37 passt sich den örtlichen Verhältnissen in- 
sofern an, als sich im sogen. 'Holt' Viehweiden befinden. Dies 'Holt', in 
der Nähe der Dosse und an der Grenze der Rhinower Feldmark gelegen, 
besteht nur noch aus vereinzelten Buschgruppen und führt seinen Namen 
jetzt ohne jede Berechtigung. Die Erinnerung an ehemaligen Holzbestand 
bewahren die Rätsel No. 23 und 29, wo aber 'Holt" in der Doppelbedeutung 
von Holz und Gehölz gebraucht wird. Dem geläufigen Ideenkreise ist in 
einem Falle die Lösung angepasst; diese lautet von No. 6 im Hd.: Schuster, 
dreibeiniger Schemel, Hund (ähnlich bei Wossidlo No. 15m), in Strodehne 
dagegen: Frau, Spinnrad, Hund."). 

I. 

Im folgenden stelle ich zunächst die Scherzfragen (1 — 5) und die 
Rätsel (6—8) voran, die sich auch im Hochdeutschen finden, und bemerke 
noch für diese und alle folgenden, dass ein der Nummer vorgesetztes 
Sternchen auf die Anmerkung verweist. 

*1. Worum löppt de Has' iiwer'n Diek? — Det (-weil) 'o uniicr nich dörch- 
kämen kann. 

*2. Worum kickt sick de H:is' Um? — Det 'e hinnen keeno Owen hett. Hin- 
zugesetzt wird fast regelmässig: Nich, det de Jäger [Hund] hinner em is. 



1) Dass in No. :)G ein Berg genannt ist, widerspricht dem Gesagten nicht, weil hier 
die Vorstellung einer bedeutenden Höhe erweckt werden soll, die nur mit einer ziemlichen 
Anstrengung im Laufen zu gewinnen ist, und dazu die Vorstellung eines Deiches nicht 
ausreicht. 

-2) Diese Deutung bei Wossidlo in den 14 Varianten dieses Rätsels nur einmal No. löl); 
bei Haase No. 15, Schell No. <;0 und Wossidlo No. i:)a— 1, n andere Lösungen, Dreibein 
aber meist als Schemel (Hüker). 

*1. Wossidlo No. 775, Haase No. 14. 
*'2. Ebenso Wossidlo 7G9. 



Plattdeutsche Rätsel. 171 

*3. Up wat fönne (= für eine) Siet fällt de H:'is', wenn 'e schätcn word? — Up 
de rauhe (fast regelmässig mit dem Zusatz: 'ne änner het 'c jo nich). 

*4. Welle geiht up'n Kopp näh de Kerk? — De Näwel (Nägel) unncr "e Stäweln. 
*5. Nagen Burn slachten eenen Ossen, un Jeder kricht 'n Kopp. — Jeder 
(als Eigenname). 
6. Enns kämm Tweebeen, *7. Witt as Snee, 

De haar (= hatte) 'n Dreebeen; ^egg' niei de; 

Dünn kämm Vierbeen Grön as Gras, 

Un woll Tweebeen bieten. ^^gg' mei das; 

Dünn namp Tweebeen Rot as Blot, 

Sienen Dreebeen Segg't mei got; 

Un woll Vierbeen damet smieten. Swatt as Teer, 

— Frau, Spinnrad, Hund. Segg' mei 't ganze Rätsel her. — 

De Kesper (Kirsche). 
8. An unse Hus 

Da hängt 'ne Polepus. 

Wenn de leewe Sunn' schient, 

Unse Polepus weent. — Is-tappen. 

Diese letzten drei Rätsel sind zweifellos aus dem Hd. übernommen. 
;No. 6, worauf schon hingewiesen ist, mit yeränderter Lösung. Die häufigere 
Deutung, Schemel statt Spinnrad, passt entschieden viel besser; denn 
erstens eignet sich ein Spinnrad überhaupt nicht zum Werfen, und zweitens 
ist es ein zu wertvolles Gerät, als dass eine Frau seine Haltbarkeit durch 
Werfen auf die Probe stellte; dreibeinige Hocker sind aber in Strodehne 
nicht in Gebrauch, und so wurde statt dessen ein anderer dreibeiniger 
Gegenstand eingesetzt. No. 7 lässt schon äusserlich seine fremde, d. h. 
nicht plattd. Herkunft erkennen. Das Wort 'das' (als Reim auf 'Gras') 
kommt in der Strodehner Mundart überhaupt nicht vor und lässt sich auch 
nicht als Notreim ansehen. Die Schwierigkeit, dies Rätsel dem heimischen 
Idiom anzupassen, scheint eine andere Fassung erzeugt zu haben, die darin 
besteht, dass die Zwischenzeilen "i, 4, 6 häufig fortgelassen werden. In 
No. 8 ist die Bezeichnung „de leewe Sunn'" der Strodehner Anschauungs- 
und Ausdrucksweise fremd, ebenso zeigt die Assonanz schient - weent die 
Übertragung, während sich in der hd. Fassung zwanglos ein Reim ergibt. 
Wossidlo No. 45 führt es halb hochd. halb plattd. an, Haase No. 1 und 
Schell No. 3 nur hochdeutsch. 

Zweifelhaft seiner Herkunft nach scheint das folgende: 

9. Stief steiht 'e, 
Blank geiht 'e, 
Wupp! is 'e rin. — De Säbel. 

Obgleich es mir aus aus dem Hd. nicht bekannt bekannt ist, halte 
ich es doch nicht für ein plattd. Originalrätsel, da die Lösung völlig 



*3. Bei Wossidlo 832 ('Voss'), bei Haase 198 Ld. 

*4. Bei Haase 102 b hd. 

*5. Ähnlicli Wossidlo 958b. Haase 189. 

*7. Bei Wossidlo 217 hd. mit nd. Variauten. Haase 45 und Schell 15 lid. 



172 Schaar: 

ausserlialb des Ideenkreises lieot, in dem sich die übrigen bewegen, und 
der Säbel überhaupt ein viel zu selten gesehener Gegenstand ist, als dass 
die ländliche Rätseldiehtung sich seiner bemächtigte; auch unter der reich- 
haltigen Sammlung Wossidlos findet sich kein einziges, das den Säbel 
zum Gegenstande hätte. Dass sich das Rätsel bei hd. Übertragung zwanglos 
reimt, könnte ja Zufall sein, immerhin scheint in Verbindung mit den 
genannten auch dieser Umstand für nicht plattd. Herkunft zu sprechen. 

II. 

Von den folgenden Rätseln, die auch bei Wossidlo, soweit sie in 
seiner Sammlung enthalten sind, nur plattd. angeführt werden, beziehen 
sich 10 — 26 auf häusliche Gebrauchsgegenstände: 

10. Löppt un löppt un kann nich ut de Stuww kämen. — De Seiher 
(Wanduhr). 

*11. Hängt an 'e Wand 

Un gewwt jeden de Hand. — De Handook. 

Früher hing allgemein, jetzt nur noch bei kleinen Leuten, das Hand- 
tuch an einem Nagel, gewöhnlich unmittelbar neben der Tür. 

*12. Is noch kleiner as 'ne Mus 

Un het noch mihr Fenstern 

As 'n König sien Hus. — De Näjhot. 
*13. Isern Pilrd niet Aussen Stert, 

Räj mal, vvat is det? — Näjnädel mct Tweern. 
*14. Acht Jungfern slapen in een Bett, 

Un keen liggt vor. Wat is det? — Spinnradspeiken. 
■•15. Ick sitt up mien Klötzken 

Un lus' mei mien F'ötzken; 

Je länger det ick lus', 

Je kahler werd't. — Dunk He-i (Bausch Hede, die beim Spinnen 

abgezupft wird). 
16. Holl, boU Mutter, 

Guiggel, gnaggel Vater, 

Glattköppe Kinner. — De Spinnradspool. 

Das Rätsel wird folgendermassen erklärt. Holl, boll bezeichnet das 
Loch der Spule, gniggel-gnaggel onomatopoetisch das Geräusch, mit dem 
sich eine schon lange im Gebrauch befindliche Spule um den stählernen 
(eisernen) Stift dreht. Die glattköpfigen Kinder endlich sind die Draht- 
oder Stahlzinken, die an der Spule sitzen. Im Wortlaute ähnlich, dem 
Sinne nach gleich findet sich dies Rätsel auch bei Wossidlo 134f und 135a, 



*11. Älmlich Wossidlo 2^8; Haase CO hd. ^ 

*12. Ähnlich Wossidlo 224. 

*lo. Ebenso, aber ohne Zeile "2, Wossidlo 265; Haase 62 hd. 

*14. Ebenso Wossidlo 1(51 a; ohne Zeile 2 Haase 233. 

*I.j. Die Fassung bei Wossidlo 417a, b sagt in der zweiten Hälfte das Gegenteil. 

*17. Zum Wortlaut vgl. Wossidlo S. .309, Anm. m. 



Plattdeutsche Rätsel. 173 

wo Bohne oder Erbse als Lösung- augegeben ist. In diesem Falle ist 
Zeile 1 von der getrockneten Schote, Zeile 2 vom raschelnden Bohnen- 
oder Erbsenstroh gesagt. Diese Deutung scheint natürlicher als die vor- 
stehende, in der sich die glattköpfigen Kinder <lurch die Stahlzinken der 
Spule doch nicht ganz ungezwungen erklären lassen. 

*17. Krick up 'n K riller, 

Wenn 'e wippt, denn will 'e. — De holten Hamer an 'n Haspel. 

Über den Vorgang selbst ist zu bemerken, dass sich beim Drehen 
des Haspels ein an der Seite angebrachter hölzerner Hammer allmählich 
vermittelst eines Räderwerkes hebt und nach einer gewissen Anzahl von 
Drehungen auf ein Brett aufschlägt zum Zeichen, dass eine bestimmte 
Länge Garn (Fitze) abgehaspelt ist. Die Einkleidung des Rätsels ist 
scheinbar zweideutig. Unter Krick versteht man den penis kleiner Knaben; 
Kriller soll das Räderwerk bezeichnen, das deu hölzernen Hammer hebt, 
weil es ineinander greift (krillt), doch ist diese Erklärung sprachlich ge- 
zwuno-en; vermutlich ist Kriller nur ein Notreim. 

*18. Rund rupp mh t Dack un lang \vä raff. — Garnkläuen (Garnknäuel, 
das sich beim Herabrollen aufwickelt). 

19. Hüppel, liüppel in 'ne Stuww, 
Hüppel, hüppel in 'ne Koken, 
Hüppel, hüppel vor 'e Dör. — De Bessen. 
Hüppel, hüppel malt onomatopoetisch die hüpfende Bewegung des Besens 
beim Fegen. 

*20. Stund 'n klein Männing hinner 'e Gardien'n 
Un bosach sick sien'n; 
He wier doch men so slippkenslapp: 
„Wenn du wist to Bruthus gahn'n. 

Denn müsst du mei völ stiewer stähn'n." — 'n lerren Geldbüjjel. 
'To Bruthus guhn'n' bedeutet eigentlich 'Zum Besuch der Braut gehen', hier 
überhaupt 'auf die Freite gehen'. 

*21. Geiht nah 't Holt un kickt sick um. — De Äcksch. 
Die Axt, die auf der Schulter mit der Schneide nach hinten getragen wird. 
Über die Variante 'näh Hus' vgl. S. 170). 

*22. Isern Pärd schitt holten Kötel. — Nawelböhrer (beim Bohren). 
*23. Ligt in 't Holt und het 'n witt Käppken up. Fatt met Bier (aus dessen 
geöffnetem Spundloch der Schaum hervorquillt). 

*24. För 'n Dreier de ganze Stuww vull. — Dreierlicht, insofern es die ganze 
Stube erleuchtet. 



*18. Ebenso Wossidlo 3.34: etwas ausführlicher Haase 74. 

*20. Ziemlich gleichlautend bei Haase 221a; ähnlich bei Wossidlo 434 c* 2 und d* 2, 

S. 307, Anm., wo als var. Lösung auch 'Vorhemd' angeführt wird: zu vergleichen 

dem Sinne nach Schell 32. 
*21. Ziemlich gleichlautend bei Wossidlo 283. 
*22. Ebenso Wossidlo 26Gb und Haase 5.ö. 
*23. Ebenso Wossidlo 312 a. 
*24. Ebenso Wossidlo 34(5 mit der aus der Verschiedenheit der Münzverhältnisse zu 

erklärenden Abweichunf< 'Sössling'. 



][74 Schaar: 

*25. We is 'n swättsten mang- 'e Been? — De Dägel. 

*26. Knecht un Mäwd stahn'n bei' up 't Bett, hebbn jeder öhr Ding in 'ne 
Hand un willn 't dohn'n. — De Dreschflägel. 

Beide stehen auf einem Bett, d. h. zum Dreschen ausgebreiteten Korn, haben 
den Dreschflegel in der Hand und wollen dreschen. 

III. 

Folgende Rätsel beziehen sich auf häusliche Vorgänge, die beiden 
ersten in zweideutiger Einkleidung: 

27. In düt Land, wo ick hier bin, 

Da schruwen se 't Fleesch met 'e Lenn'n rin. 

Je wijjer doch, je enger 't Lock — 

Will 'e nich, so mütt 'e doch. — Stäwelantrecken. 

28. Satt 'ne Frau upp 'n Block 

Un bosach sick öhr swatte Lock: 
„Herr des Himmels un der Erden, 
Wat sali ut mien swatte Lock noch werden!" 
Sie sitzt auf einem sogen. Hackblock in der Küche und sieht in das schwarze 
Ofenloch, worin das Feuer nicht brennen will. 

28 a. Fleeschmann kickt ut Wullmanns Fenster. — Das Strümpfestopfen, in- 
sofern dabei die Hand (Fleeschmann) durch das Loch (Wullmanns Fenster) sieht. 

*29. Ligt in 't Holt un schreit to Hus. — Kind schreit in 'ne Weeg. 
Kenner ländlicher Verhältnisse werden kein Bedenken haben, auch 
den im folgenden Rätsel geschilderten Vorgang zu den häuslichen zu 
rechnen : 

*30. Keem'n fiew to jawen, 

Brocht'n een'n to drawen, 

Führt'n hen vor Richtraanns Dör, 

Knökern word he richt't. — Flööj fang'n un upknacken. 

Nehmen wir diese Lösung als richtig an, so lassen sich Zeile 3 und 4 
befriedigend gar nicht erklären. Die Ungenauigkeit, dass in Zeile 4 die 
Tötung mit dem Nagel als 'knöchern' bezeichnet wird, fällt dabei weniger 
ins Gewicht als in Zeile 3 'Richtmanns Tür', vor die er geführt wird. 
Beide Zeilen werden dagegen vollkommen verständlich, wenn wir als 
Lösung 'Brodbissen' annehmen; in diesem Falle erklärt sich Richtmanns 
Tür ungezwungen als Mund, unter 'knökern' sind dann die Zähne zu ver- 
stehen. Vgl. Wossidlo No. 29b, c. 



*25. Fast gleichlautend bei Wossidlo 584 mit der Lösung 'Bratpann'. 

*-2G. Ähnlich Wossidlo, Anm. zu 484 e. 1, S. 307. 

*:>!). xVhnlich Wossidlo '.yOG Var. Haase, Thüring. Rätsel (oben 5, 181) 5 hd.. aber ohne 

den irreführenden Zusatz 'to Hus'. 
*i>(). Zeile 1 und 2 ähnlich bei Wossidlo 2Sb; an Zeile .".— i iinden sich unter der 

grossen Anzahl von Varianten, die W. anführt, nirgends Anklänge. 



Plattdeutsche Rätsel. 175 

IV. 

Auf Haustiere oder deren Erzeugnisse bezieht sich die folgende 
Heihe von Rätseln: 

31. Hinner unsen Süll 
Da satt 'ne Tüllmüll; 
Da kämm de griese, grawe Knecht 
Un hält de Tüllmüll weg. — Katt, de 'ne Mus fangen het. 

Süll = Schwelle. In welcher Beziehung zur Maus die Bezeichnung 
Tüllmüll steht. Hess sich nicht ermitteln; vielleicht ist das Wort nur Not- 
reim. In einem Rätsel bei Wossidlo No. 20 d heisst die Maus Policker- 

polacker. 

*32. Kömmt 'n Mann van Nickenpicken, 
Het "n Rock van dausend Flicken, 
Het 'n rojen Bart — 
Hürt mal, wo he nut! — 'n bunten Hahn. 

Statt Nickenpicken lautet eine abweichende Fassung Pumpelnicken; 
die obige Form scheint die ursprüngliche zu sein, da Nickenpicken ono- 
matopoetisch die Bewegung des Hahns beim Fressen während des Gehens 
malt. Das Yerbum rärn bedeutet für gewöhnlich 'weinen'; daneben, aber 
viel seltener, ein übermässig lautes, angestrengtes Schreien. 

*33. Krüppt dörch 'n Tuhn, un släpen alle Darm näh. — Kluck met Küken. 

Glucke, die von ihren Küken gefolgt durch eine Zaunlücke kriecht, 
wobei die unmittelbar hintereinander folgenden Küken die Vorstellung 
eines nachschleifenden Darmes erwecken. Seiner Einkleidung wegen 
möchte ich im Anschluss hieran folgendes Rätsel anführen: 
*34. Twee Ricker vull witte Hünner 

Un 'n rojen Hähn'n mang'. — Tähn'n un Tung'. 

35. Kömmt 'n klein Fättken van Hamborg to driewen met twee-erlei Bier in. 
— Ful Ei. 

Die Lösung faules Ei wurde damit begründet, dass nur solche an 
der Oberfläche treiben, während gesunde Eier untergehen. Die Un- 
möglichkeit, dass ein Gegenstand von Hamburg nach Strohdehne, d. h. 
stromaufwärts treibt, blieb unberücksichtigt. Dass als Herkunftsort Hamburg 
genannt ist, wird durch die Neigung zum Lokalisieren begründet, insofern 
dieser Stadtname allen Strodehnern seit alter Zeit geläufig ist, weil der 
Schiffsverkehr zwischen Berlin und Hamburg den Ort berührt. Die Fassung 
bei Wossidlo No. 26 a, c und Haase No. 89 gibt richtiger als Herkunftsort 
Holland oder England, d. h. hohl Land und eng" Land, beides den Leib 
des Huhns bezeichnend; vgl. die Fassung bei Schell No. TG: „Es kommt 
ein Fässchen aus einem engen Land." 

*32. Wossidlo 21. Haase 12 (Hickenpickeii) und 217 (Hickcnpricken). Schell 11». 

*33. Ebenso Haase U; ähnlich Wossidlo 323. 

*34. Ebenso Wossidlo 27(;b; hd. Haase 97: Schell l». 



176 Schaar: 

*36. Klingerraann un Klappermann 
Rönn'n bei 'n Berg henan; 
Klappermann de rönnt so sihr, 
Klingermann kämm doch noch ihr. — Pärd und Wawen. 

Die Bezeiclmungen Klingermann (Pferd) und Klappermann (Wagen) 
sind nach dem Geräusch gebildet, das jedes verursacht. 

*37. Geiht nah 't Holt un drövvwt Tellern ut. — 'ne Koh (die im Gehen mistet). 

*38. Hinner unse Hus, 
Da steiht 'ne Kabus, 
Da kacken unse Hünner rin, 
Da stippen wei unse Brot in. — Been'nschur (Bienenkorb). 

In einer jüngeren, vielleicht durch zunehmende Prüderie veranlassten 
Fassung lautet die dritte Zeile 'da krupen (kriechen) unse Hünuer rin'. 
Der oben angeführte Wortlaut ist wohl der ursprüngliche, denn die letzte 
Zeile 'da stippen wei unse Brot in" setzt voraus, dass eine Masse, in die 
etwas eingetaucht werden kann, erwähnt wird; man müsste andernfalls 
auch dies zweite 'da' auf Kabus beziehen, eine Konstruktion, die zwar 
möglich ist, aber eine wenig anschauliche Vorstellung geben würde. 
Ausserdem wird durch die Vorstellung, dass wir in Exkremente der Hühner 
unser Brot tauchen, das Rätselhafte erhöht. 

Y. 

Auf Tiere überhaupt bezieht sich die Lösung folgender Rätsel: 

*39. Hinner unse Schün 
Plöjt Verrer Kühn 
Ahne Flog un ahne Schär, 
Un 't werd doch 'ne deepe Fahr. — Moll (Maulwurf). 

Der Eigenname Kühn ist hier lediglich Notreim und steht /.u dem 
Maulwurfe in gar keiner Beziehung. 

*40. Vor as 'n Säue), 

Middcn as 'n Knäuel, 

Hinn'n as 'n Wawenbrett, 

Räj' mal, wat is det? — Elster. 

Der spitze Schnabel wird mit einem Pfriemen (Säuel), der Leib mit 
einem Knäuel, der gestreckte Schwanz mit dem Bodenbrette eines Leiter- 
wagens verglichen. Eine Variante lautet für Wawenbrett — Waschholt, 



*3G. Ebenso Haase 80. Wossidlo 117a, b mit der Lösung Halfterkette und Wagen. 

*B7. Ähnlich Wossidlo 21).') a, b: Haase 2.') und Thür. Rätsel .". hd. 

*38. Erweitert und unbestimmter in der Fassung bei Wossidlo 43 und Haase 75. Die 
Übersetzung Haases: Kabus =^ Schlaf kammer, trifl't für Strodehne nicht zu: dort 
bedeutet Kabus' eine Art von kleinem Schuppen mit dem Nebenbegriff der Arm- 
seligkeit. 

*'-'>\). Ebenso Haase 2Gc; Wossidlo 53 a und Haase •itJa, b ähnlich. 

*40. Ebenso Wossidlo 239 c. 



Plattdeutsche Rätsel. 177 

ein plattes, mit einem Handgriff versehenes Holz, das zum Klopfen der 
nassen Wäsche dient. Diese Variante gibt ein anschaulicheres Bild; die 
oben angeführte Fassung des Rätsels ist jetzt gebräuchlicher, wahrscheinlich 
weil darauf die letzte Zeile einen Reim ergibt. 

Zu den wenigen Rätseln, die allenfalls erraten werden können, gehören 
die beiden folgenden: 

41. Wat is det för'n Langbeen? 
Steiht up unsen Sandsteen, 
Het roje Strümp an, 

Lött't em as 'n Eddelmann. — Kneppner (Storch). 

42. Vier Been un keenen Stert, 

Raj mal, wat is det? — Parücksch (Frosch) oder Muggel (Kröte). 

Da dies Rätsel sich in keiner der mir zugänglichen Sammlungen 
findet, so ist es w^ahrscheinlich nur eine Verkürzung des folgenden: 

43. Wippop — Werpup 

Gingen twee 'n Dick rup; 

Acht Pöt un een'n Stert, 

Räj mal, wat is det? — Parücksch un Mus. 

Die Wörter Wippop und Werpup sind nicht als Notreime anzusehen, 
sondern versinnbildlichen die Bewegung der Tiere; für das erste Wort 
lässt sich das noch nachweisen. Unter Wippop versteht man nämlich eine 
Schaukel, dadurch hergestellt, dass ein Brett mit seiner Mitte über einen 
Klotz gelegt wird; an jedem Ende des Brettes sitzt einer oder mehrere, 
die es abwechselnd durch Abstossen mit den Füssen in eine wippende 
Bewegung setzen; das Springen des Frosches lässt sich damit wohl ver- 
gleichen. Die Form Wippop ist als Korruption aus dem Imperativ 'wipp 
up!' anzusehen. Inwiefern aber das zweite Wort in Beziehung zur Be- 
wegung der Maus steht, konnte ich nicht ermitteln. Möglicherweise liegt 
jedoch eine falsche Deutung vor. Wossidlo nämlich (No. 113c) hat statt 
Maus die von ihm mit einem Fragezeichen versehene Lösung Maulwurf. 
Hierauf würde Werpup = werp up (wirf auf) sehr gut passen. Gegen 
den Maulwurf Hesse sich vielleicht einwenden, dass er nicht gerade durch 
seinen Schwanz charakterisiert wird, doch ist dies wohl ohne wesentliche 
Bedeutuno-. Ob etwa die aus Lesebüchern bekannte Fabel vom Frosch 
und der Maus vorgeschwebt und die Deutung beeinflusst hat? 

*44. Ick ging mal äwer 't Steg, 

Begägent mei 'n Fleescherknecht; 
De bot mei fi-fa-furameln an. 
Ick sä', ick haar (hätte) alleen 'n Mann, 
De mei fi-fa-fummeln kann. — Flöj. 



*44. Ähnlich Haase -227. Wossidlo ßOa— c, h, i, 1 mit vielen Varianten: in allen 

Fassungen ist übereinstimmend die Angabe: 'Ich habe selbst einen Mami'. 
Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. 12 



178 Schaar: Plattdeutsche Rätsel. 

VI. 

Hof, (r arten und Feld ist der Gegenstand der folgenden Rätsel: 

*45. Tuschen unse Hus un Nawers Hus 

Slahn'n sick twee met Rung'n dot. — De Rock. 

Die Einkleidung sowohl wie die Lösung- sind sehr unklar. Man ver- 
steht erstens nicht, warum der Vorgang zwischen den Häusern stattfinden 
soll; denn bei Windstille steigen beide Rauchsäulen hoch, ohne sich zu 
yermischen, bei bewegter Luft werden sie dagegen entweder parallel weg- 
getrieben oder sie erreichen sich erst über dem einen von beiden Häusern. 
Zw^eitens bleibt unklar, warum als Werkzeuge des Totschiagens Wagen- 
rungen genannt sind, die aus besonders festem und hartem Holze hergestellt 
werden und sich mit dem luftigen Rauchgebilde gar nicht vereinigen 
lassen, selbst w^enn man an sehr dicke schwarze Rauchsäulen denken 
wollte. Eine befriedigende Erklärung konnte niemand geben. 

*4G. Is so swatt as 'ne Raw' 

Un bajt sick alle Daw. — Püttemraer (Brunneneimer). 

*47. "n ganzen Stall vull brune Piir 

Un 'n Witten Schimmel mang. — Brot in'n Backawen 

(mit dem mit Mehl bestrichenen Schieber). 

*48. Rauh-rauh-riep, 

Wo gäl is miene Piep, 
Wo swatt is mien'n Sack, 
Wo miene Piep in stack. — Mürröw'. 
Die erste Zeile wird so erklärt, dass die Mohrrübe rauhes Kraut hat 
und in jedem Zustande ihrer Entwicklung- gebrauchsfähig, d. h. reif sei. 
Haase No. 47 erklärt sie als Rauhreif, es lässt sich jedoch nicht einsehen, 
in welcher Beziehung dieser zur Mohrrübe stehen soll. 

*49. Unse Knecht Knust 

Het "n Ding as 'ne Fust. 
Wäjt de Wind, 
Bummelt em 't Ding. — 
Appelboom met Aeppel [Bärboom met ßärn']. 
Knust ist hier als charakterisierender Eigenname, etwa in der Be- 
deutung 'knorrig-', gebraucht. 

*50. Löppt un löppt un liann nich to Dörp kam'n. — Windmöll. 



*45. Ebenso Wo.ssidlo ."JUa. Haase 112 mit der Var. liwer statt tuschen. R. Mielke 
hält dies Rätsel, wie er mir mündlicli mitteilte, für ein sehr altes und vermutet, 
es stamme aus der Zeit, wo die Häuser nocli ohne Schornsteine waren, und der 
Rauch sich seinen Weg ins Freie suchte. In diesem Falle können sich dann 
allerdings zwei Rauchwolken zwischen den Häusern treffen. 

*4G. Ebenso Wossidlo V>')H. Haase 71» hd. mit der Deutung 'Mühlenrad'. 

*47. Ähnlich Wossidlo 277: holten Pieter statt wittcn Schimmel. 

*48. Ebenso Wossidlo 1"21 a. Haase 17. 

*4i). Ebenso Wossidlo lS!»a. Haase ;}.'). 

'.')<). Ebenso Haase 85; hd. 152. 



Borneker: Das russische Volk in seinen Sprichwörtern. 179 

51. Hinn' rauh un vor rauh, 

Säwen Elhi rüinhor rauh. — De Hcumiet'. 

Die sieben Ellen werden teils auf den Umfanc^, teils auf die Höhe 
der Miete bezogen; eine Variante 'säwen Mieln' lässt sich nicht erklären, 
ist auch wohl nicht die ursprüngliche Fassung des Rätsels, diese wahr- 
scheinlich bei Wossidlo Xo. 262 und Haase No. 93. 

VII. 

Die folgenden Rätsel haben Xaturvorgänge zum Gegenstand; eine 
Neigung sie zu beseelen zeigt sich besonders im ersten: 
*52. Ens karam 'n Mann van Haken 
De haar 'n witt Laken; 
Woll de ganze Welt bodecken 
Un kann 't nich äwer 'e See-i trecken. — Snee. 

Haken bedeutet das Pflügen mit einem sogenannten Hakenpflug. Die 
Angabe des Sees lokalisiert den Vorgang; denn 'de See-i' bedeutet keinen 
beliebigen See. ebensowenig das Meer, sondern stets den Prietzener oder 
Gülper See. 

*53. Rrüppt dörch 'n Tun un rasselt nich. — De Sunn'. 

*54. Fällt in 'n Putten un plurapt nich. — De Sunn'. 

Berlin. 



Das russische Volk in seinen Sprichwörtern. 

Von Erich Berneker. 

(Schlnss zu S. 75 — 87.) 

Im allgemeinen ist indes die Lebensauffassung des russischen Volkes 
eine durchaus pessimistische, was sich genugsam aus seiner Vergangen- 
heit, der jahrhundertelangen Zeit der drückenden Leibeigenschaft, erklärt. 
Man erinnere sich au Turgenevs ergreifende Geschichte 'Mumu' und 
^Punin und Baburin', wo))ei er eigene Erlebnisse im Hause seiner harten 
Mutter Varvara Petrovna verwertet hat, oder an die grellen Schilderungen 
vom Elend der krepostnyje in dem 'Poschechonischen Altertum' des 
Saltykov-Sce<lrin. und man wird begreifen, wie die Volksseele die folgenden 



*52. Die Fassung bei Haase 3 und 213 und bei Wossidlo 22 ist ganz allgemein ge- 
halten; dagegen ist der Vorgang in der Variante bei Haase 124 lokalisiert (Elbe), 
ebenso in einigen Varianten, die Wossidlo zu 22, 3—4 anführt (Warnow, Elbe, 
Seeland). 

*r)3. Ebenso Wossidlo .372 a: Haase 5; hd. 154. 

*.j4. Wossidlo 372c mit anderer Lösung (Schatten), Haase 280 hd. 

12* 



180 Berneker: 

Sprichwörter schaffen konnte. 'Fürchte dich zu leben, aber zu sterben 
fürchte dich nicht', heisst das eine; ein "Weisheitsspruch, den man in fast 
denselben Worten im Nachlass Friedrich Nietzsches gefunden hat. Und 
immer von neuem wird die Mühsal des Lebens betont: 'Das Leben durch- 
leben ist mehr als einen Bastschuh flechten'; 'Das Leben durchleben ist 
mehr wie ein Feld überschreiten'; 'Das Leben durchleben heisst ein Meer 
dm-chschwimmen'; und lange vor Darwin kennt das russische Volk den 
Begriff des 'struggle for life': 'Leben — heisst andere schlagen und ge- 
schlagen werden'. 

Doch wie der Schatten des Achilleus zu Odysseus spricht: 

/») 8rj fioi ■&m'ax6v ys uiaoavöa, (paidifi' 'Oövoaev. 
ßovXoif.i}]v ii'EJtä.QOVQog iiov &>]T£VFfisv a?.?.co, 
dvöol Jiag' dxhjQro, o'> //?) ßiorog jroAtV elt], 
t] jiäoir vey.veoai xaTac/'&ifievotan' dvdaosiv, 

so erklären wiederum auch viele russische Spricliwörter in gesunder Reaktion 
gegen die lebeusfeindliche Stimmung der vorher erwähnten, dass selbst das 
elendeste Leben besser sei als der finstere Tod: 'Bitter zwar, bitter, aber 
lieber noch einmal solange'; 'Während du lebtest, hast du nicht gelächelt, 
aber kommt es zum Sterben, so wirst du heulen'; 'Das Alter ist keine 
Freude, aber auch der Tod ist kein Gewinn'; 'Lieber eine Ewigkeit leiden, 
als plötzlich sterben'; denn der Tod ist dem Menschen näher, als man 
denkt: 'Der Tod steht nicht hinter den Bergen, sondern hinter den Schultern'; 
'Wie das Hemd am Körper sitzt, so der Tod am Fleisch'; 'Heute noch 
getraut und morgen schon gestorben'. So umschreibt aucli ein Volks- 
ausdruck 'er ist gestorben' euphemistisch mit den Worten 'er hat geheissen, 
lange zu leben' gewissermasseu als letzten, aus eigenster Erfahrung des 
Schrecklichen geschöpften Ratschlag des Dahingegangenen. 

Im Preise der Gesundheit sind daher auch viele Sprichwörter einig: 
'Gott gebe nur die Gesundheit, das Glück werden wir schon linden", und 
mahnen, sie zu bewahren: 'Die Gesundheit geht pfundweise und kommt 
lotweise'. Ein liübsches Sprichwort drückt die jetzt auch von der Medizin 
vertretene Ansicht aus, dass Angst den Menschen für Infektionen empfäng- 
licher mache: 'W^er die Cholera nicht fürchtet, den fürchtet sie". Der Arzt 
steht nicht gerade in Ansehen: 'Der Bauch des Kranken ist klüger als 
der Kopf des Arztes', d. h. der Kranke weiss besser als der Arzt, was 
ihm zuträglich ist. 

Nur eine Krankheit gibt es, gegen die kein Kraut gewaciisen ist — 
das Alter. 'Das Alter heilt nur das Grab'. Das Alter — «las, wie das 
Sprichwort sagt, 'keine Freude ist' — hat aber doch vor der Jugend das 
voraus, dass es die wahre Einsicht in das Leben bringt: 'Wenn das Alter 
kommt, so wirst du alles wissen'; 'Was wir in der Jugend begehrten, das 
werfen wir im Alter fort'. Dass freilich niclit jedes Leben in gleichem 
Masse ausgelebt wird, lehrt das scliöne Sprichwort: 'Nicht der lebt mehr, 
der läno'er lebt'. 



Das russische Volk in seinen Sprichwörtern. 181 

Die ganze pessimistische Lebenserfahrung aber wird in dem Paradoxon 
zusammengetasst: 'Dreimal ist der Mensch wunderlich: er wird geboren, 
er heiratet, er stirbt'. Dieses Sprichwort zeigt, dass der Kusse auch das 
Glück der Ehe mit skeptischen Augen betrachtet. Doch gibt es wiederum 
auch viele S])richwörter, die das 'es ist nicht gut, dass der Mensch allein 
sei' lehren: 'Seihst im Paradies ist es langweilig allein zu leben'; 'In der 
Familie ist der Brei dicker'. Viele Vergleiche malen das Alleinsein aus: 
'Allein wie Gott, wie der Daumen, wie der Meilenstein im Feld, wie die 
Mohnblüte', '^\'ehe dem, der liebt, aber dreimal wehe dem, der niemanden 
liebt", ruft ein Sprichwort aus, und noch viele andere sind der Liebe 
gewidmet. 'Die Liebe ist ein King, und der Ring hat kein Ende'; 'Die 
Liebe ist kein Feuer, und doch, wenn sie entbrennt, ist sie nicht zu 
löschen'; 'Ein Herz fühlt das andere'; 'Liebenden ist es auch in einem 
Grabe nicht zu eng'; 'Wie der Hopfen sich die Stange sucht, so das 
Mädchen den Burschen'; 'Mit dem Liebsten scheint ein Jahr wie eine 
Stunde'. Der Bursche entwirft sich von der zu Erwählenden ein recht 
anspruchsvolles Idealbild; sie soll sein 'friedfertig wie ein Lamm, emsig 
wie die Biene, treu wie die Turteltaube und schön wie der Paradiesvogel'; 
und im einzelnen wird dieses Schönheitsbild noch breiter ausgemalt: 'der 
Busen wie beim Schwan, der Gang wie beim Pfauen, Augen wie der Falke, 
Brauen wie Zobelpelz'. Die Mädchen rufen den Freiern aber verständig 
zu: 'Liebe uns im schwarzen Kleid, im weissen wird uns jeder lieben'. 
Und ein anderes Sprichwort warnt: 'Wähle die Frau nicht mit den Augen, 
sondern mit den Ohren'. Obwohl Liel)esheiraten im russischen Volk nicht 
gerade die Regel bilden, so sagt doch ein Sprichwort: 'Man lebt nicht mit 
dem Reichtum, sondern mit dem Menschen'; 'Der Pope bindet wohl die 
Hände und den Kopf, aber das Herz kann er nicht binden'; und scherz- 
haft: 'Den Nichtgeliebten küssen ist wie ungesalzene Suppe essen'. Doch 
verraten andere auch realistische Auffassung: 'Die Frau mag hässlich wie 
eine Ziege sein, wenn sie nur goldene Hörner hat'; und eines tröstet in 
solchem Falle mit der Macht der Gewohnheit: 'Selbst eine Eule wird einem 
schliesslich lieber als der lichte Falke'. 

Alle aber sind sich einig, dass der auf Freiersfüssen Gehende vor- 
sichtig wählen und sich die nötige Zeit lassen solle: 'Der Wahn ist kurz, 
die Reu ist lang. 'Gehst du in den Krieg', heisst es, 'so bete, gehst du 
aufs Meer, so bete zweimal, gedenkst du aber zu heiraten, so bete dreimal'; 
'Zur Heirat reite nicht auf schnellem Ross!' und 'Heiraten ist kein Wett- 
rennen, du kommst schon noch zur Zeit'. Ist der entscheidende Schritt 
geschehen, so ist es zu spät: 'Heiraten ist anders als den Bastschuh an- 
ziehen'; 'Die Frau ist kein Stiefel, den du wieder ausziehen kannst'; 'Die 
Frau ist keine Laute, die du nach dem Spiel an die Wand hängen kannst'. 
Gar mancher erlebt die bittere Enttäuschung: 'Alle Mädchen sind gut, wo 
kommen aber nur die bösen Frauen her?' Das Mädchen versteht eben 



182 Berneker: 

den Liebhaber zu täuschen: 'Kommt der Freier ins Haus, nimm den 
Spinnrahmen heraus'. 'Das Mädchen', sagt ein Scherzwort, 'ist wie eine 
Deutsche: reden kann sie nicht, versteht aber alles'. 

Stellen diese Sprichwörter die Ansichten des Mannes von der Ehe 
dar, so gibt es auch solche, die zeigen, dass auch die Frau sich keinen 
rosigen Erwartungen betreffs ihres Lebens im Hause des Mannes hingibt. 
'Ledig bleiben — Kummer und Xot; heiraten — doppelt'. Und nur zu 
häufig entspricht dieses Wort den Tatsachen, denn nur selten wartet der 
verheirateten Frau aus dem Volke ein freimdliches Los. Ihre Stellung 
im Hause des Mannes oder gar noch in dem der Schwiegereltern ist im 
allgemeinen nicht viel anders als die einer Magd, der die härteste und 
schwerste Arbeit obliegt, unter der Jugend und Schönheit rasch vergehen. 
Dieser traurigen Weisheit sind auch die russischen Volkslieder voll; bei 
uns ist sie bekannt durch den viel gesungenen und gespielten 'Roten 
Sarafan', der aber, wie hier beiläufig bemerkt sei, weder was den Text 
noch was die Melodie anbetrifft, ein echtes Volkslied ist: er wurde zu 
Beginn des vorigen Jahrhunderts von Cyganov gedichtet und von Varlamov 
in Musik gesetzt. So singt z. B. ein echtes russisches Volkslied: 

Nicht lag's mir am Herzen, nicht hatt' ich's im Sinn, 

Das schöne Mädchen wollte nicht heiraten: 

Der strenge Vater zwang mich dazu. 

Da sagte mein liebes Mütterchen: 

Ich muss auf den Markt, will besuchen sie gehn, 

Gehe zu ihr vom Markt und bleibe zur Nacht, 

Will fragen mein liebes Töchterchen, 

Wie es unter Fremden ihr dort ergeht"? 

Ach Herrin, viel liebes Mütterlein, 

Gabst mich aus dem Haus und nun fragst du mich! 

Unter Fremden muss man zu leben verstehn, 

Muss halten das Haupt zur Erde gebeugt. 

In Demut zügeln das feurige Herz. 

Ach, gestern sehlug mich der Schwäher im Zorn, 

Die Schwiegermutter ging höhnend umher: 

Schön ist es, fremde Kinder zu ziehn, 

Die man selbst nicht geboren und selbst nicht gepflegt, 

Die man selbst nicht getränkt und selbst nicht genährt. 

Und ein zweites: 

In der Ferne wählt' mir die Mutter den Mann, 
Gar häufig zu kommen, versprach sie mir, 
Gar häufig zu kommen, lang bleiben zu Gast. 
Der Sommer vergeht — kein Mütterchen kommt, 
Der zweite vergeht — noch kam sie nicht. 
Da Hufschlag vorm Tor, die Mutter ist's. 
Doch Mütterchen — sie erkennt mich nicht. 
Was ist das für ein Weib, diese alte Frau? 
Ich bin kein Weib, keine alte Frau, 
Ich bin ja, lieb' Mutter, dein Töchterchen! 



Das russische Volk in seinen Sprichwörtern. 183 

Wo blieb deine Schönheit, sag an, mein Kind, 
Deine zarte Haut, deiner Wangen Rot? 
Nach der zarten Haut frag die seidene Peitsche, 
Nach der Wangen Rot frag des Mannes Hand! 
Unter Peitschenhieben schwindet die Schönheit, 
Unter Schlägen erbleicht der Wangen Rot. 

So malen auch die Spricliwörter <lie Lage der Frau im Hause des 
Mannes. Der Mann hat die unumschränkte Gewalt im Hause: 'Der Haus- 
herr im Hause ist gross wie der Chan in der Krym"; 'Der Mann ist im 
Hause, was die Kuppel auf der Kirche'; 'Der Mann ist im Hause wie 
Abraham im Paradies". Oder mit drastischen Worten: 'Der Hausherr ist 
wie ein Pickel: wohin er will, dahin setzt er sich'. Die Frau hat sich 
dem Manne in allem zu fügen; sie hat im Grunde genommen noch ganz 
die Stellung, die ihr der 'Domostroj' (d. h. Hausordnung), jene für die 
russische Kulturgeschichte so ungemein wichtige Schrift aus der Zeit 
Iwans IV. Groznyj (16. Jahrh.), anw^eist, wo es im 33. Kapitel heisst: 
„Es geziemt nun aber den Männern, ihre Frauen mit Liebe und mit ver- 
ständigen Anweisungen zu belehren, und die Frauen sollen ihre Männer 
in allen Sachen der Wohlanständigkeit befragen, wie sie ihre Seele zu 
retten haben, und sollen Gott und dem Manne wohlgefällig sein und das 
Haus wohl verwalten und sich in allem dem Manne fügen, was er anbe- 
fiehlt, und sollen mit Liebe und Furcht das vernehmen, und tun nach 
seinem Gebot und nach dieser Schrift." Ist die Frau aber unfolgsam, so 
hat der Mann das Recht der körperlichen Züchtigung, wie es im 38. Kapitel 
zu lesen steht: „Sobald die Frau . . . das Wort oder die Anweisung nicht 
annimmt, nicht hört, nicht beachtet und sich nicht fürchtet und nicht tut, 
was der Mann lehrt, so soll er ihr das Hemd aufheben und sie vorsichtig 
mit einer Geissei schlagen, indem er sie bei der Hand hält .... das ist 
verständig und schmerzhaft und furchterregend und gesund." 

Und dieses abstossende Bild des schlagenden Mannes tritt uns auch 
aus vielen Sprichwörtern entgegen: 'Freiheit verdirbt selbst ein gutes 
Weib' und 'Ohne Aufmunterung schlummert selbst der beste Erzähler ein". 
Ein Sprichwort sagt geradezu: 'Wer seine Frau nicht schlägt, der liebt 
sie nicht'; und ein anderes ermuntert: 'Liebe deine Frau wie deine Seele, 
aber schüttele sie wie einen Birnbaum', und 'Die Frau ist kein Topf, sie 
ü-eht nicht so leicht entzwei'. Der Frau bleibt nur eine Waffe: 'Der Mann 
mit dem Stock, die Frau mit der Zunge'; und von dieser Stärke der Frau 
wissen manche Sprichwörter zu erzählen: 'Wo ein Weib ist, da ist Markt, 
wo zwei zusammenkommen, da ist Jahrmarkt'. Darum darf man ihr nichts 
anvertrauen: 'Lieber in einem lecken Kahn auf dem Meere fahren, als <ler 
Frau ein Geheimnis anvertrauen'. 

Doch gesteht auch wiederum das stärkere Geschlecht dem schwächeren 
'mit dem langen Haar und dem kurzen Verstand" eine gewisse Überlegen- 
heit zu. Mutterwitz und Schlauheit zeichnet die Frau vor dem Manne 



184 Berneker: 

aus. Wie es im Volksmärchen meist die Frau ist, die den Teufel über- 
listet, die dem Manne oder dem Geliebten aus der Klemme hilft, wenn 
ihm von einem bösen Geist oder der Hexe schier unausführbare Arbeiten 
übertragen sind, so sagt auch das Sprichwort: 'Wo der Satan ratlos ist, da 
schickt er das Weib hin": 'Während das Weib vom Ofen springt, denkt 
es siebenundsiebzig Gedanken durch', und 'Der ist noch nicht geboren, 
der des Weibes Sinn ergründet'. 

Während ein zynisches Sprichwort versichert: 'Zweimal ist einem die 
Frau lieb: wenn man sie ins Haus führt und wenn man sie wieder heraus- 
trägt', gibt es andere, die das Verhältnis von Mann und Frau in lichteren 
Farben malen: 'Drei Freunde hat der Mensch: Vater, Mutter und ein 
treues Weib', oder, etwas realistischer: 'Ein gutes Weib und eine fette 
Schtsclii (eine Kohlsuppe), ein anderes Gut suche nicht'. Und wenn jemand 
über Unglück klagt, so pflegt man ihm zuzurufen: 'Kenust du überhaupt 
Unglück? Hast du die Frau verloren?' 

Und viele andere legen Zeugnis von dem zärtlichen Verhältnis der 
Eltern zu den Kindern ab: 'Mit ihnen hat man Not, aber ohne sie 
doppelt"; und wenn für die schmalen Bissen fast zu viel hungrige Mäuler 
da sind, so tröstet man sich: 'Viele zwar, doch keines überflüssig', und: 
'Wie man für den Feldzug nicht genug Heu mähen kann, so kann man 
für den Tod nicht genug Kinder zeugen'. Der Sohn steht in höherem 
Preise als die Tochter: 'Sohn und Tochter sind wie die lichte Sonne und 
der helle Mond'; kein Wunder, denn: 'Nähre einen Sohn — der kommt 
dir zuüute, nähre eine Tochter — die kommt fremden Leuten zustatten': 
'Eine Tochter ist ein Schatz für Fremde'; bald kommt der Freier — 'Er 
hat sie nicht genährt, er hat sie nicht getränkt, aber er küsst sie'. Ein 
warmer Herzenston bricht in den Sprichwörtern durch, die von der Mutter- 
liebe handeln: 'An der Sonne ist's warm, bei der Mutter ist's gut'; 'Wie 
sich der Vogel am Frühling freut, so das Kind an der Mutter'; 'Der Mutter 
Gebet schafft Verlorenes aus dem Grunde des Meeres herbei'; 'Wenn das 
Kind auch buckelig ist. sie liebt es doch', oder, humoristisch ausgedrückt: 
'Wenn man die Mutter und die Grossmutter hört, so ist auch das hässliche 
Ännchen schön'. Die Mutterliebe hört nimmer auf: 'Die junge Frau weint 
bis zum Morgentau, die Schwester bis zum goldnen King, die Mutter bis 
in alle Ewigkeit'. Darum ist es das grösste Unglück für das Kind, die 
Mutter zu verlieren. Die Stiefmutter spielt im Si)ricliwort fast dieselbe 
Rolle wie im Märchen: 'Warm, aber kein Sonmrer, gut, aber keine Mutter'; 
'W^enn die eigene Mutter schlägt, so streichelt sie, wenn aber die Stief- 
mutter streichelt, so tut es weh". Der Waise bitteres Los beklagen viele 
Sprichwörter: 'Alles findet man in der Welt, ausser Vater und ]\Iutter'; 
'Vogelmilch (wie oben erwähnt, als Sinnbild des Unmöglichen) findet man 
wenigstens im Märchen; aber einen zweiten Vater und Mutter findet man 
selbst im Märchen nicht'. 'Baue keine Kirche', mahnt ein Si)richwort 



Das russische "Volk in seinen Sprichwörtern. 185 

einen Wohltäter, 'sorge für eine Waise'. Die Waise erfreut sich des 
besonderen Schutzes von Gott: 'Der Waise Träne fliesst nicht vorbei, sie 
rinnt auf des Schuldigen Haupt'; 'Wer eine Waise annimmt, den kennt 
Gott'. 

Unter den Sprichwörtern, die dem Verhältnis von Eltern und Kindern 
gewidmet sind, gibt es l)esonders viele, die von der Kindererziehung 
handeln. Wie in den l)etre£Fenden Kapiteln des vorher erwähnten Domostroj 
als Erziehungsmittel nur Verbote, Drohungen und Strafen erscheinen, so 
variieren auch diese Sprichwörter fast ausschliesslich das Thema: o fxij 
dagelg üv&gco.-iog ov Jiatdeverai. 'Gott gab den Sohn, er gab auch den Stock"; 
'Ohne Stock gibt es keine Lehre'; 'Hast du den Sohn nicht gelehrt, als 
er noch quer über der Bank lag, jetzt, wo er sich der Länge nach auf 
die Bank streckt, wirst du ihn nicht mehr lehren können'. Dagegen be- 
tonen auch freilich manche Sprichwörter, dass alle Erziehung am Wesen 
des Menschen nichts zu ändern vermag. Wie Schopenhauer lehrte: 'Der 
Charakter ist konstant', so sagen russische Sprichwörter: 'Wie in der Wiege, 
so ins Grab": 'Der Wolf ist kein Hirt und das Schwein kein Gärtner'; 
'Wie einer geboren ist, so ist er auch: von oben lässt sich nichts antünchen'; 
'Stumpf geschmiedet, nicht zu schärfen; dumm g-eboren, nicht zu lehren". 

Wie wir oben Sprichwörter kennen gelernt haben, die das Familien- 
leben preisen, so gibt es auch solche, die auf ein inniges Verhältnis zur 
Verwandtschaft deuten. 'Der Russe kann ohne Verwandtschaft nicht 
leben'; und zahlreiche, oft recht humoristische Sprichwörter spotten über 
das Bestreben, den Begriff 'Verwandtschaft' zu weit auszudehnen. So 
heisst es von solcher weitläufigen Verwandtschaft: 'Das zehnte \Vasser auf 
dem Mehlbrei": oder: 'Das ist eine Verwandtschaft: unsere Hunde haben 
aus einem Trog geleckt', oder: 'Seiner Grossmutter brannte der Sarafan 
(das Brautgewand) am Leibe: da kam mein Grossvater hinzu und wärmte 
sich die Hände'. 

'Ein einzelner ist im Feld kein Soldat' und 'Ein einzelner ertrinkt 
selbst im Breitopf". Daher mahnen viele Sprichwörter, sich Freunde zu 
erwerben und singen das Hohelied der Freundschaft. Wie von den 
Liebenden heisst es: 'Zwei Freunden ist es in einem Grabe nicht zu eng'; 
und andere lauten: 'Zum lieben Freund sind sieben Werst kein Umweg'; 
'Das Wasser, das du beim Freunde trinkst, ist süsser denn Met'; 'Ein 
Freund ist mehr w^ert als Geld". Gleichheit ist die Hauptbedingung für 
die Freundschaft: 'Die schnelle Hirschkuh ist dem Pferde keine Schwester'; 
'Der Bär ist der Kuh kein Bruder'. Auch bei der Wahl des Freundes 
soll man behutsam zu Werke gehen: 'Den leiblichen Bruder kennst du, 
aber seinen Sinn kennst du nicht"; 'Die fremde Seele ist wie ein dunkler 
Wald'; 'Wie im Kiesel das Feuer nicht sichtbar ist, so auch nicht im 
Menschen die Seele'. Darum saot der Russe ganz ähnlich wie wir: 'Um 
einen Menschen kennen zu lernen, muss man mit ihm ein Pud Salz essen'. 



186 Berneker: 

ISTur ein erprobter Freund ist etwas wert: 'Ein nicht erprobter Freund ist 
wie eine ungeknackte Nuss'; 'Das Koss erkennt man im Krieg, den Freund 
in der Not'. Bis man ihn erprobt hat, gilt das Wort: 'Freunde dich an 
mit dem Freunde, aber hüte dich vor ihm, wie vor einem Feinde'. Ein 
hübsches Sprichwort lautet: 'Der Feind gibt dir nach, der Freund streitet'; 
und die, die nur ihren materiellen Vorteil bei der Freundschaft suchen, 
geisselt das Sprichwort: 'Sie assen und tranken und nannten dich Locken- 
köpfchen; als sie satt waren, hiess es: lebe wohl, Grindkopf!' 

Dieses Bild von den tafelnden Freunden mag uns überleiten zur Be- 
trachtung einer Grundtugend des russischen Volkes, der Gastlichkeit, 
die in Russland in einem Umfang und mit einer unverfälschten, echten 
Herzlichkeit geübt wird, wie nirgends anders mehr in unserer Zeit, und 
die sich von den sich aufdrängenden antiken Parallelen noch zu ihrem 
Vorteil dadurch unterscheidet, dass die Sitte der Gastgeschenke, die z. B. 
im alten Griechenland die Gastfreundschaft zu einem rein praktischen Akt 
machte, in Russland weder besteht noch nachweislich je bestanden hat. 
Wie viel Vorzeichen verkünden nicht allein das Xahen des Gastes! Wenn 
die Katze eine Krücke macht oder sich wäscht, wenn der Hund sich vor 
dem Hause wälzt oder im Schlafe bellt; wenn man unversehens die Kerze 
auslöscht, wenn das Holz im Ofen auseinanderfällt oder eine Kohle aus 
der Glut springt; wenn ein Scheit Holz aus dem Holzstoss zu Boden fällt, 
wenn das Feuer im Herd ausgeht, wenn die Elster schnattert — alles das 
bedeutet, dass ein Gast zu erwarten ist. Und pocht er endlich an die 
Türe, so wird er, wenn es ein Bekannter ist, mit dem herzlichen: 'Wieviel 
Sommer, wieviel Winter!' (sc. haben wir uns nicht gesehen!) begriisst, oder 
ein Fremder mit den Worten: 'Ehre und Platz, Gott ist über uns — setze 
dich unter die Heiligenbilder'. 'Ein Gast ins Haus, Gott ins Haus!' sagt 
ein Sprichwort; 'Frage nicht: wer? woher? wohin?, sondern sage: setze 
dich und iss!' 'Wer am Ofen gesessen hat, der ist schon nicht mehr ein 
Gast, der gehört zu uns'. So bald lässt man den (iast nicht fort: "Sind 
Gäste im Haus, so schiebe den Kiegel vors '^Por'. Um wenigstens ein 
literarisches Zeugnis für die russische Gastfreundschaft auzuführen, sei der 
Familie des kleinrussischen Magnaten Troscinskij gedacht, in der sich der 
iuuge Gogolj viel bewegte und aus der er bedeutungsvolle Eindrücke in 
sein späteres Leben mitnahm. „Das Haus der Troscinskijs glich" — so 
erzählt der grosse Schriftsteller von seinen Verwandten — „mehr einem 
geräumigen Klub oder einem Hotel, als einem gewöhnlichen Familien- 
hause . . . Gäste gab es in Kibincy das ganze runde .Fahr so viele, dass 
das Verschwinden der einen und das Auftauchen der anderen in diesem 
ewig wogenden Meere kaum bemerkt wurde .... Diese Gastfreundschaft 
erstreckte sich so weit, dass sich einst ein höchst origineller Fall mit 
einem zugereisten Offizier zutrug, der zufällig gerade zum Namenstage 
Troscinskijs in Kibincy eintraf uiul als Überraschung ein Feuerwerk 



Das russische Volk in seinen Sprichwörtern. 187 

arrangierte. Für diesen Dienst erwies man ihm soviel Liebe, und es 
gefiel ihm bei Troscinskijs so sehr, dass er gleich bei ihnen blieb inid 
fast drei Jahre bei ihnen zu Gast war." Was will es angesichts dieses 
klassischen Zeugnisses bedeuten, wenn es ein S])richwort gibt: 'Ein im- 
i'-ebetener Gast ist schlimmer als ein Tatar' ! Zum Überfluss wird es noch 
durch ein anderes Lügen gestraft, das das gerade Gegenteil aussagt: 'Ein 
unerwarteter Gast ist besser als zwei erwartete'. 

Es ist wohl sicher, dass bei dieser Freude am Gast auch stark die 
Freude am behaglichen guten Leben mitspricht, wozu das Erscheinen des 
Gastes die willkommene Gelegenheit gibt und wobei ein ausgiebiger guter 
Trunk den Höhepunkt des Vergnügens bildet. So paarte sicli schon l»ei 
Wladimir dem Heiligen (972 — 1015), dem 'milden' (laskovyj) Fürsten der 
epischen Volkslieder, nach den Berichten der Chronik weiteste Gastlichkeit 
mit der Wertschätzung des Trunkes. Denn wie sie von ihm meldet: „und 
veranstaltete ein grosses Fest und liess dreihundert Kübel Met kochen, 
und lud alle Bojaren ein und Statthalter, und die Ältesten aller Städte 
und viele Menschen und verteilte an die Armen dreihundert (iriven; der 
Fürst feierte acht Tage lang und nach Kiew zurückgekehrt, veranstaltete 
er wieder ein grosses Fest, zu dem er eine unzählige Menge A'olkes ein- 
lud .... Und so tat er jedes Jahr", so schreibt sie ihm auch das be- 
rühmte Wort zu, mit dem er die mohaniedanischen Glaubensboten al »fertigt 
— das Ganze ist freilich nur Legende — , die ihm die Herrlichkeiten des 
Paradieses ausmalen, es aber abhängig machen von dem Verzicht auf den 
Wein hier auf Erden: 'Den Russen ist es eine Freude zu trinken; ohne 
das können wir nicht sein'. Und diese Freude ist geblieben bis auf den 
heutigen Tag, wie viele Sprichwörter bestätigen. Zum Trinken ist der 
Russe immer bereit. 'Komm in die Kirche!' neckt ein Sprichwort. — 
*Es ist zu schmutzig! — Nun, so lass uns in die Schenke gehen! — Gut, 
wir werden uns schon irgendwie am Zaune vorbeidrücken". 'Ohne Aufguss 
vertrocknet selbst der Kohl'; 'Der Tod ist nicht zu umgehen, die Schenke 
nicht zu verfehlen'. 'Ein Trunkener ist kein Toter', tröstet ein Sprichwort, 
'er wacht schon wieder auf; ja es versichert ihn sogar des göttlichen 
Schutzes: 'Die Trunkenen wie die Kleinen nimmt Gott in seine Huf. 

Demgegenüber kommt die Arbeit in den russischen Sprichwörtern 
schlecht weg. Ganz im Gegensatz zu unserem 'Morgen, morgen, nur nicht 
heute, sprechen alle faulen Leute' gipfeln viele in dem Rat, die Arbeit 
aufzuschieben und zu vermeiden, wo man nur kann. Zwar heisst es: 
'Morgen ist ein Dieb, es betrügt und weg ist es', oder "Merk dir die 
Wochentage, die Feiertage kommen von selbst'; aber solche bilden die 
Minderheit gegenüber den vielen, die ganz anderes lehren: 'Schön wäre 
es zu pflügen, aber ich möchte mir nicht die Hände beschmutzen": "Die 
Katze ist lecker auf das Fischchen, aber ins Wasser will sie nicht"; 'Gott 
hat noch viele Tage, wir werden noch genug arbeiten'; 'Von der Arbeit 



;[gg Berneker: 

wird man nicht reich, sondern bucklig'. Ein Sprichwort bedauert gar, 
dass die Bohnen keine Pilze sind, d. h. nicht ungesät aufgehen. Alle 
möglichen Vergleiche müssen dazu herhalten, die Arbeit als etwas Anf- 
.schiebbares hinzustellen: 'Die Arbeit ist kein Falke, sie fliegt nicht davon'; 
*Die Arbeit ist kein Bär, sie geht nicht in den Wald'; sie 'ist keine Him- 
beere, sie fällt im Sommer nicht ab'; sie ist nicht 'wie Tauben, die aus- 
einanderfliegen'. 'Wovon ist der Kater feist und glatt?', fragt ein Sprich- 
wort, 'weil er isst und sich dann auf die Seite legt'; denn 'der Schlaf ist 
mehr wert als ein Arzt.' Zum Schlaf hat der Russe überhaupt eine ganz 
besondere Neigung; man sollte kaum glauben, wie lange Zeit der Bauer 
auf seinem Lieblingsplätzchen, dem Ofen, verschlafen kann: 'Kriegt er 
auch drei Tage nichts zu essen, so geht er doch nicht vom Ofen herunter', 
heisst ein Sprichw^ort. So liegt auch Oblomov in dem berühmten Roman 
Ooncarovs, dem er den Namen gegeben, fast während des ganzen ersten 
Bandes auf dem Sofa, und Tolstoj lässt in 'Krieg und Frieden' den alten 
Fürsten Bolkonskij das bezeichnende Wort sagen: 'Schlaf nach dem Essen 
ist Silber, Schlaf vor dem Essen ist Gold'. Und auch das Sprichwort er- 
weist dem Schlaf die gebührende Ehre: 'Schlaf ist lieber als Vater und 
Mutter'; 'Schlaf ist wie Reichtum, je mehr man davon hat, desto mehr 
will man'; 'Wer lange schläft, dem vergibt Gott'. 

Doch ein anderes warnt auch wiederum: 'Vom Ofen wird man nicht 
satt". So fehlen überhaupt auch nicht Sprichwörter, die zur Arbeit und 
Tätigkeit mahnen, als den einzigen Mitteln, um zu Besitz und zu Geld 
zu o-elanoen. 'Nach Gott ist Geld das erste' — dieses Sprichwort zeigt so 
recht die überragende Stellung, die in der Phantasie des Russen der all- 
mächtige Rubel einnimmt. 'Ohne Geld heisst ohne Hände'; 'Der wird ein 
Heiliger, für den der Rubel betet'; 'Hast du Geld, so hast du auch Ver- 
stand'; 'Man beurteilt dich nicht nach dem Verstand, sondern nach der 
Tasche'; 'Selbst der Herr ist des Geldes Knecht'. Der Reiche darf sich 
alles erlauben: 'Hast du zu klimpern, so darfst du schimpfen'. Zwar gibt 
es auch Spricliwörter, die die Last und den Fluch des Geldes kennen, wie 
'Durch Gold fliessen Tränen'; 'Willst du nicht in der Hölle sein, so darfst 
du keine Reichtümer erwerben'; 'Geld ist wie ein Stein, er lastet schwer 
auf der Seele'; die Zufriedenheit als höchstes Gut preisen: 'Was ist mir 
Gold, wenn nur die Sonne scheint!'; 'Ein Hüttchen aus Tannenholz — 
doch ein gesundes Herz, ein Schafspelz — doch ein reines Gewissen'; und 
den Armen trösten: 'Die Reichen essen Weizenbrot, aber schlafen weder 
bei Tag noch bei Nacht; der Arme schläft süss, was er sich auch nur ab- 
brockt'; aber sie verschwinden hinter denen, die die Macht und bevorzugte 
Stellung des Reichen ausmalen. 'Warum braucht der Reiche zu sterben?' 
fragt naiv ein Sprichwort, es geht ihm ja so gut auf dieser Welt. 'Der 
Reiche hat immer Feiertag'; 'Der Reiche ist überall zu Hause'; 'Der 
Reiche ist wie der Hecht im Wasser'; 'Der Reiche ist dem Armen kein 



Das russische Volk in seinen Sprichwörtern. 189 

Bruder'; 'Der Reiche geht zum (lelage, der Arme greift zum Bettelstabe'; 
'Der Arme findet nirgeuds Platz"; ihm geht es immer sclilecht: "Der 
Reiche hat Kälber, der Arme Kinder"; 'Für den Armen dunstet selbst der 
Weihrauch'; 'Auf den Armen tropft es selbst aus Nachbars Traufe"; 'Wenn 
der Arme heiratet, so ist die Nacht kurz'. 

Die Macht des Geldes offenbart sich nach der Anschauung der Yolks- 
weisheit namentlich vor Gericht. 'Ein goldener Hammer schlägt selbst 
eiserne Türen ein' und 'Das Gold schwimmt auch auf dem Wasser, und 
das Recht geht unter, während das Gold aufsteigt'. Nicht nur, dass Pro- 
zessieren an sich Geld kostet: 'Prozessiere nicht: der Bastschuh kommt 
dir teurer zu stehen, als der Stiefel'; 'Prozessieren ist anders wie zu Gott 
beten, mit einer Verneigung kommst du nicht los'; 'Aus dem Gericht wie 
aus dem Teich, trocken kommst du nicht heraus'; 'Vor Gott stelle eine 
Kerze auf, vor den Richter einen Geldsack'; 'Ach, Richter. Richter — du 
hast vier Schösse und acht Taschen!' Recht bekommt man nur, wenn 
man nachhilft: 'Vor Gott bestehst du mit dem Recht, vor dem Richter 
nur mit Geld'; 'Das Gesetz ist eine Deichsel, wohin man will, dahin 
wendet man es'; 'Der Richter ist ein Zimmermann: was er will, hobelt 
er heraus'; 'Gesetze sind wie Spinnweben: die Hummel fliegt durch, die 
Fliege bleibt hängen'. Wenn man es nur versteht, dem Richter eine 
'goldene Brille' aufzusetzen; denn 'Ohne Zunder fängt das Holz kein Feuer'^ 
oder 'Ein trockner Löffel kratzt den Hals". Auch aus den russischen 
Sprichwörtern tritt uns also lediglich die Gestalt des ungerechten und 
bestechlichen Richters entgegen, wie sie Gogolj so humorvoll in der Person 
des Ljapkin-Tjapkin seines Revisors gezeichnet hat, und wie sie die alte 
Volkserzählung von 'Schemjakas Gericht' aus der orientalischen Vorlage 
des weisen Kadi, der trotz der Tücke der Kläger dem Beklagten Recht 
zu geben versteht, charakteristisch umgebildet hat: der verzweifelte un- 
schuldig Verklagte droht Schemjaka mit einem im Tuch verborgenen 
Stein und wird freigesprochen, weil der Richter unter dem Tuch — (leld 
vermutet! 

Im Zusammenhang mit dieser Verehrung des Geldes steht es. dass so 
viele Sprichwörter die Sparsamkeit anempfehlen. 'Aus Krümchen — 
ein Häufchen, aus Tropfen — ein Meer'; 'Sammele je eine Beere, bald 
wirst du einen Korb haben'; 'Eine kleine Ersparnis ist besser als ein 
grosser Gewinn'; 'Spare die Kopeke für den schwarzen Tag!" Dann ist 
man auch nicht genötigt, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. 'Borgen 
macht Sorgen' — das kennt auch das russische Sprichwort: 'In Schulden 
ist wie in Disteln'; 'Fremdes Geld hat spitze Zähne'; 'Die Schulden brüllen 
nicht, aber lassen doch nicht schlafen'. 

Doch darf die Sparsamkeit nicht in Geiz ausarten: 'Ein reicher Geiz- 
hals ist ärmer als ein Bettler'; 'Der Geizhals spart nicht für sich, wenn 
er stirbt, kann er nichts mitnehmen'; er 'liegt wie ein Hund auf dem 



190 Berneker: 

Heu: selbst frisst er's nicht, aber anderen gibt er's nicht'; er sammelt das 
Geld, 'wie das Schaf die Wolle wachsen lässt und die Bienen den Honig 
saugen" — für andere. 

So geissein noch unzählige Sprichwörter die menschlichen Fehler und 
Laster. Wegen der Habsucht bekommen es namentlich die Popen zu 
hören. 'Wenn du geboren wirst, wenn du heiratest, wenn du stirbst: alles 
kostet (ield". Das verstehen sie sich zunutze zu machen: 'Ein Popenmagen 
ist aus sieben Schafsfellen zusammengenäht'; 'Der Pope nimmt vom 
Lebenden wie vom Toten'; 'Drohe dem Popen nicht mit der Kirche, er 
wird von ihr satt'; 'Ein Wolfsrachen und Popenaugen sind wie ein uner- 
sättlicher Abgrund'. Wir haben also in den russischen Sprichwörtern 
o-anz dieselbe Hervorhebung der schwachen Seiten der Geistlichkeit, wie 
in den epischen Yolksliedern, den Bylinen, wo aus dem kühnen Helden 
Aljoscha Popovic infolge seiner immer mehr und mehr betonten Auffassung 
als 'popovic", als Popensohn, allmählich der Freche, Treulose, Begehrliche, 
Feige wird. Der alte Kosak Bja Muromec warnt, ihn zur Verfolgung des 
Zidovin auszusenden: 

Aljoschenka ist vom Popenstamm, 

Popenaugen sind zum Neid geneigt, 

Popenhände, die raffen gern. 

Sieht Aljoscha beim Frechen das Gold, 

Wird Aljoscha begehren das Gold 

Und wird Aljoscha sein Leben verlieren! 

Tom Xeide sagt das Sprichwort: 'Das Auge wird nie satt", und 'In 
anderen Händen scheint der Brocke gross; bekommt man ihn, so sieht 
man erst, wie klein er ist'. Den Undank schildert das Sprichwort: 'Gib 
einem Xackten ein Stück Linnen, und er sagt, es sei zu dick" und 'Als 
er sank, versprach er das Beil; als man ihn herausgezogen, war ihm selbst 
der Stiel leid'. Dem Zänkischen wird gesagt: 'Ein raufsüchtiger Hahn 
wird nicht fett", oder 'Wenn die Hirten sicli beim Schöpfe kriegen, be- 
schleicht der Wolf die Schafe'; dem Schwätzer: 'Eine leere Mühle mahlt 
auch ohne Wind', und 'Schweigen ist ein goldnes Wörtlein'; den Leicht- 
sinnigen charakterisiert das Spricliwort: 'Nicht in jeder Wolke steckt der 
Blitz; und steckt er, so schlägt er nicht ein: und schlägt er ein, so nicht bei 
uns; und wenn schon bei uns — vielleicht sengt er bloss und tötet nicht'. 
Den Lügner warnt: 'Die Lüge geht auf Schabenfüsschen, hast du nicht 
gesehen, so brechen sie', und 'Die Ahle kann man nicht im Sack ver- 
bero-en'. Und doch ist die Wahrheit eiu seltener Gast auf Erden: 'Es 
o-ibt soviel Wahrheit wie Wasser in einem Sieb", und 'Die Wahrheit taugt 
fürs Leben nicht, sondern nur um in den Kiwot (y.ißonög, der Schrank für 
die Heiligenbilder) gestellt zu werden und davor zu beten'. Die Dumm- 
heit endlich verurteilt das Sprichwort: 'Vorm Teufel schützt das Kreuz. 
vorm Bären die Keule, vorm Dummen — nichts'. 



Das russische Volk in scineu Sprichwörtern. 191 

Natiirlicli bleiben auch die körperlichen Gebrechen nicht ver- 
schont. Vom Pockennarbigen sagt man: ^Auf seinem Gesicht haben die 
Teufel Ringspiel gespielt'; von einem Hässlichen: 'Mit deinem Gesicht 
sässe ich unter einer Matte'; von einem Menschen mit langer Nase: 'Deine 
Nase ist eine Brücke über die Wolga', oder 'ist sieben Jahre gewachsen"; 
von einem Dicken: 'Auf nüchternen Magen kann man nicht um ihn herum- 
o-ehen'; von einem Schielenden: 'Ein Auge sieht auf den Ofen, das andere 
nach Galizien'. Doch gibt es auch genug Sprichwörter, die lehren, dass 
es auf das Äusserliche nicht ankomme: 'Ein krummer Baum, aber süsse 
Äpfel": 'Nicht gut geschnitten, aber fest genäht', und -Von einem grätigen 
Fischchen schmeckt die Suppe gut'. 

So gibt es wohl kaum eine Lebenslage, eine Stimmung, eine Erfahrung, 
kurz überhaupt keine Gelegenheit, die nicht zu einem Sprichwort Anlass 
böte. So dürfte es auch kaum ein deutsches Sprichwort geben, dem 
nicht ein — oft auch mehrere — originell russische entsprächen. Hierfür 
wenigstens einige Beispiele: 'Viele Köche verderben den Brei' — 'Bei 
sieben Kinderfrauen ist das Kind ohne Augen'; 'Man soll den Tag nicht 
vor dem Abend loben' — 'Lobe den Traum, w-enn er sich erfüllt hat': 
'Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss' — 'Ich sitze am Ofen und 
wärme die Schultern"; 4^]s ist dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den 
Himmel wachsen" — 'Wenn es keine Kälte gäbe, würde der Hopfen über 
den Zaun wachsen": 'Gib dem Teufel einen Finger, so nimmt er die ganze 
Hand" — 'Nenne den Bauern Bruder, gleich will er dein Vater sein'; 'Wes 
Brot ich esse, des Lied ich singe' — 'Auf welchem Flusse man fährt, des 
Wasser muss man trinken"; 'Unter Blinden ist der Einäugige König' — 
'In der fischlosen Gegend ist der Krebs ein Fisch'; 'Wer im Glashause 
sitzt, darf nicht mit Steinen werfen' — 'Lache nicht, Brüderchen, über die 
fremde Schwester; auch deine ist noch nicht unter der Haube'; 'Es ist 
nicht alles Gold, was glänzt' — 'Nicht alles das ist eine Russalka (Nixe), 
was ins Wasser taucht'. 

Damit wollen wir schliessen, da die vorstehenden Seiten wohl ihren 
Zweck erfüllt haben, dem Leser eine Vorstellung von dem in Deutschland 
so wenig bekannten Spricliwörterreichtum der Russen zu geben. Mögen 
sie diesen oder jenen anregen, sich dem unerschöpflichen Original selbst 
zuzuwenden! Neben dem tiefen Einblick, den diese Sprichwörter in die 
russische Volksseele mit ihrem ganzen Denken und Empfinden gestatten, 
enthüllen uns diese anspruchslosen Schöpfungen der Volksweisheit auch 
viele jener allgemeinen moralischen und psychologischen Wahrheiten, die 
Schopenliauer 'goldene' nennt: 'denn sie sind die Quintessenz tausender 
von Vorgängen, die sich jeden Tag abspielen und durch sie exemplifiziert, 
illustriert werden'. 

Smichow bei Prag. 



292 Becker: 

Das Kunstgewerbe in Bosnien und der Herzegowina. 

Von Marie Luise Becker. 

(Hierzu Tafel II.) 



Unaufhaltsam dringt die abendländische Kultur iu den Gebirgsländern 
Dalmatiens vor. Noch freilich liegen gerade in diesen Distrikten zwei 
Kulturen im Kampf miteinander, und das Zusammentreffen von Occident 
und Orient hat hier ein Kunstgewerbe entstehen lassen, wie es eigenartiger 
kaum denkbar ist. Wohl dringt wie ein Strom des Neuen die Formen- 
sprache des Abendlandes vor, aber noch liegt der ganze Grund der künst- 
lerischen Kultur, besonders der Farbensinn, das dekorative Empfinden rein 
in der alten orientalischen und byzantinischen Kultur, von der sich dann 
tausend Modulationen bis zur Verfeinerung des Westens abstimmen.^) 
Nominell ist Bosnien ja noch der nordwestlichste Teil des osmanischen 
Reiches in Europa, wenn es auch Österreich seit 1878 besetzt hat. ^) 
Besonders stark türkisch sind noch heute Kroatien und die Herzegowina. 
Noch ist alles im Werden, und das Nebeneinander dieser Gegensätze 
bildet einen grossen Reiz in den bosnischen Distrikten: neben dem kleinen 
baufälligen, türkischen Haus aus Karstkalk, das mit seinem Fensterschmuck 
das Innere vor dem Männerauge wie eine kleine Festung abschliesst, das 
moderne, deutsche Wohnhaus, noch unverändert durch den Charakter und 
die Bedürfnisse des Landes, die hässliche, unschöne Tracht des Europäers 
neben der malerischen, alten bosnischen Nationaltracht mit ihrer reichen, 
wundervollen Stickerei. Der Mohammedaner trägt noch den verbrämten 
Pelz und den langen schwarzen Mantel, der beim Spaniolen «las llaupt- 
bekleidungsstück bildet. 

Ein märchenhafter Luxus, eine meisterhafte Kunst der Stickerei be- 
tätigt sich in den Frauengewändern. Geht auch die Mohammedanerin 
auf der Strasse in dickem, formlosem Mantel, dicht verschleiert, so ent- 
hüllen sich doch die Wunderwerke der Nadelkunst im häuslichen Gemache; 
und den Bemühungen der österreichischen Regierung ist es zu danken, 
dass durch die Vermittelung der Stickereiscliule von Sarajewo, der Haupt- 
stadt des Landes, Foca und Livno wie durch die Webeschule in Travnik 
die ausserordentlich eigenartigen, feinsinnigen Techniken und Muster auch 
über die Grenze des Frauengemaches hinaus bekannt wurden.^) Eigenartig 



1) Gustav Zieler, Im europäischen Orient. Unter der Hapag-Fhigge 1!>Ü2. 

2) H. Renner, Durch Bosnien und die Herzegowina (18%). J. von Asboth, Bosnien 
und die Herzegowina (1888). 

:>) Wissenschaftliche Mitteilungen aus Bosnien und der Herzegowina 18;).'! f. Glas- 
nik zemaljskog Mnzeja. 



Das Kunstgewerbe in Bosnien und der Herzegowina. 193 

offenbart sich diese Verschmelzung beider Kulturen der dalmatinischen Küsten 
in den Tänzen, die so oft ein klares und charakteristisches Bild eines 
Volkstypus geben. Die Zigeuner und Dorforchester spielen den sorbischen 
oder besser südslawischen Xationaltanz, den Kolo*), zu dem die Burschen 
und Mädchen in ihren phantastischen, farbenreichen, weichen Gewändern 
einen Ringelreigen mit lebhaft bewegten Gruppen tanzen. Dem türkischen 
Landmann aber gilt jede heftige Tanzbewegung als unanständig, und sein 
Tanz beschränkt sich mehr auf Gesten, Armbewegungen, wie sie die alten 
etruskischen Bildwerke zeigen.^) 

Das Land zwischen Sarajewo, der bosnischen Landeshauptstadt, und 
Mostar, der Hauptstadt der Herzegowina, ist landschaftlich unbeschreiblich 
schön, stellenweise von einer Grossartigkeit, die ihresgleichen sucht. Die 
Gebirge bilden die Wasserscheide zwischen dem schwarzen und dem 
adriatischen Meer, der Ivan und die Einöden zwischen den Gebirgsdörfern 
gewähren heute noch Bär und Gemse einen Zufluchtsort als berühmte Jagd- 
distrikte.^) Die lieblichen Ufer des wilden Bocihe di Cattaro oder die 
blühende Gartenpracht Ragusas wie die Stromgebiete der fischreichen 
Drina wechseln in leuchtenden Farben. Herrliche, alte Buchenwälder 
und graue Ruinen bilden den Hauptschmuck des Berglandes, und die 
Gegend leuchtet bald in lieblichster Anmut der Klematisranken und der 
Flora unserer Wiesen- und Alpenzierden, bald in einer schaurigen Wildheit 
mit engen, nur im Hochsommer schneelosen Gebirgsriesen und katarakt- 
durchtosten Schluchten, durch die zwischen gewaltigen, hohen Bergwänden 
die Flüsse brausen. An zwei Stellen stösst die Landschaft Herzegowina 
ans Meer; der zwischen beiden Zipfeln liegende Distrikt birgt noch eine 
reiche Fülle von eigenartigen Volkssagen. Die Südslawen, die im 7. Jahr- 
hundert in Bosnien eindrangen und die alten Illyrier verdrängten, bilden 
den Hauptstamm der Bosniaken und Herzegowiner; für alle gilt die ser- 
bische Sprache, trennend nur wurde die Religion. Unter einer Reihe von 
227 türkischen Statthaltern, die im Laufe der Jahrhunderte das Regiment 
führten, bildete sich dieser Zwitter zwischen Orient imd Occident in seiner 
charakteristischen Form aus. Und nichts ist ein deutlicherer Ausdruck 
der intellektuellen Empfindung eines Volkes als das volkstümliche Kunst- 
gewerbe. Das trotzige Bergvolk, hart und barsch, ist zugleich einfach 
und gastlich, sittenstreng und bigott.*) 

Ein schöner, grosser Volksstamm. Die Dörfer liegen in breiten Tal- 
einschnitten, von fruchtbaren Obstgärten, Wiesen und waldgekrönten hohen 



1) Vgl. C. Hörmann, Korrespondenzbl. der deutschen Gesellschaft für Anthropologie 
2G, 14 (1895). 

•2) M. L. Becker, Der Tanz 1901 S. 42. 158. 

3) G. Capus, A travers la Bosnie (1S9G). M. Hoernes, Dinarische Wanderungen (1894). 

4) R. Munro, Rambles and Studies. Ed. Eichler, Justizwesen in Bosnien und der 
Herzegowina (1889). 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. 1''' 



194 



Becker: 



Bergen umgeben. Im Xarentatale, das durch die gewaltige Wildnis seiner 
zerklüfteten Ivarstfelsen berühmt ist, ist die Kunst der Holzschnitzerei zu 
Haus und bildet für den Gebirgsbewohner einen bedeutenden Handels- 
artikel/) Jetzt, wo die Bahn diese Schluchten entlangklettert, bieten die 
Knaben überall geschnitzte Truhen, Löffel und Kästen zum Kaufe an. 

Die Muster sind einfach und frei 
erfunden und mit glücklicher, ge- 
schickter Sicherheit ausgeführt. 
Die Regierung lässt sich neuer- 
dings ihre Yeredelung angelegen 
sein. Die Höhlen, die sich der 
Fluss einst in den Felsen ge- 
graben, dienen heute den genüg- 
samen Herzegowinern als Yieh- 
stall, eine rauchgeschwärzte Wöl- 
bung, Yon geflochtener Hürde ver- 
schlossen. Auch die Hütten der 
schönen Bewohner selbst gleichen 
in ihrer armseligen Zerfallenheit 
mehrlluinen als W\ihnungen. Aus 
grauem Karststein ungefüge und 
kunstlos aufeinander geschichtet, 
sprechen sie wenig für den bild- 
nerischen Sinn und möchten kaum 
den dekorativen Kunstsinn er- 
warten lassen, der sich in den 
Arbeiten der Gebirgsleute in 
dieser kahlen Felsenwelt betätigt. 
Diese Gebiete waren im 17. und 
18. Jahrhundert die Schauplätze 
mehrerer Feldzüge derA^enezianer, 
die die wilden Bergstämmc unter- 
jochten und Kolonien anlegten. 
Der Holzreichtum Bosniens, der 
liier eine Industrie hervorrief, 
zeigt sich auch in dem land- 
schaftlichen Gesamtbild, in den 
hölzernen Minarets, von denen der 
lanuaezogene Sonnabendruf der 
In der Herzegowina, die ärmer an Bauholz scheint. 




Tracht eines vermögenden iluistlicheu Mädchens 
in der Herzegowina. 



Muezins schallt 

ind diese Minarets aus Steinen aufgeführt.^) 



1) La Revue generale des Sciences Monographie de la Bosnie-Herzegovine. 

2) E. Stix, Das Bauwesen in Bosnien und der Herzegowina (.1887). 



Das Kunsto^eweibe in Bosnien und der Herzegowina. 



195 



Die heutigen Holzarbeiten sind mit Berücksichtigung der industriellen 
Verwertung geschaffen, teils Schnitzereien, teils Inkrustationeu, und diese 
o-lückliche Vermählung beider Holztechniken gibt dem ganzen einen be- 
sonderen Reiz. Diese Holzformen, in den Holzgrund gefügt, bildeten 
während der Blütezeit der Renaissance als Intarsia einen herrlichen Zweig 
des italienischen Kunstgewerbes, und die Technik mag durch die Venezianer 
hierhergebracht und heimisch gemacht sein. Freilich war zur Zeit der 
ersten Kolonisation der Zustand der alten Slawenvölker durchaus nicht 
mehr so l)ar aller Kultur, wie man gern anninnnt. Die alten heidnischen 
Steindenkniäler. die Brücken, 
zeichnen sich durch eine ge- 
wisse Formenschönheit aus, 
mehr sogar, als die christ- 
lichen des 10. Jahrhunderts. ^) 
Doch zeigt sich auch neben 
der orientalischen eine starke 
römische Beeinflussung der 
Südslawen, wie sie in den 
Stickereimustern, die, der 
Technik nach kaukasisch, als 
Ornament, speziell in der 
Goldstickerei auftritt. 

Die Musterbildung zeigt 
teils einen orientalischen, ja 
direkt indischen Charakter, 
dem sich dann auch mit 
feinstem Verständnis die Tech- 
nik (eine altindische Stick- 
technik) anpasst, daneben die 
subtilen Variationen des italie- 
nischen Kreuzstiches, beson- 
ders türkisch-herzegowinische 

Muster, spitze Minaretmotive, stilisierte Fruchtbäume in Vasen, dann wieder 
ganz eigenartig umgebildete oder treu übernommene stilreine Muster der 
italienischen Renaissance, alles so wundersam verschmolzen, so eigenartig 
und selbständig erfasst und in den feinnuanciertesten Farbenstimmungen, 
durch Gold und Silber belebt, ausgeführt, in meisterhaftester Technik. 
Da ist kein Gebundensein an das eine oder andere: mit voller, genialer 
Sicherheit setzt die schlichte bäurische Stickerin Stich und Farbe, wie es 
Form und Stimmung impulsiv gebieten. Und welch feinsten Stickgrund 




Bosnische Frauentracht eu. 



1) Phil. Ballif und R. Patsch, Römische Strassen in Bosnien und der Herzegowina 
(1893). 

13* 



196 Becker: 

wählt sie! Alle Stickereien sind auf Bez, einem wunderfeinen, bosnischen 
Linnengewebe, ausgeführt, das neuerdings einen sehr beliebten Handels- 
artikel nach Europa bildet und als Hausindustrie gewebt in grossen 
Bezistans (Bazaren) in Sarajewo und Konstantinopel verkauft wird. Während 
der türkischen Herrschaft ganz abgeschlossen vom Handelsverkehr, er- 
reichten hier in der Stille alle Kunsttechniken eine hohe Vollendung; mit 
dem abnehmenden Wohlstande des Landes aber sanken sie nach und nach, 
da der Absatz aufhörte; nur die Frauen schufen noch weiter Schmuck- 
und Zierstickereien für ihre Gewänder. Mit der Eröffnung des Handels- 
verkehrs entstand nun die Gefahr, dass die alten schönen Muster der 
Heimatkunst verloren gingen und dass das Volk an fremder Fabrikware 
Geschmack fand. Die österreichische Regierung hat hier indes taktvoll 
eingegriffen und den Wolilstand des Landes auf die Güte seiner heimischen 
Erzeugnisse gestellt. Alte Muster wurden gesammelt, die letzten Meister 
alter Kunst veranlasst, neue Gesellen anzulernen, und so tatsächlich Tech- 
niken erhalten, die sonst unwiederbringlich verloren wären. Nirgends 
wird heut eine so zierliche Stickerei ausgeführt wie in den bosnisch- 
herzegowinischen Kunstschulen; und die herrliche Inkrustationstechnik, mit 
der einst die mittelalterlichen Waffen und Rüstungen geschmückt wurden, 
lebt fort in den tauschierten Waffen und Geräten der eingeborenen Hand- 
werker. Den Vertrieb der künstlerischen Stickereien und Geräte übernimmt 
teils die Regierung selbst, teils w^erden sie in den grossen Bazaren verkauft. 
Die Händler darin sind meist Mohammedaner und Spaniolen. der Bosniake 
ist nur der Fabrikant. Die Spaniolen sind Nachkommen jüdischer Familien 
spanischer Abkunft, die im Jahre 1257 vor der Liqnisition im Osten Schutz 
suchten und zwischen den slawischen Stämmen eine Nation für sich ge- 
blieben sind. Sie bilden mit Hilfe der kleinen bosnischen Trapppferdchen, 
die geduldig und o-leichüiiltig alles in ihren Körben forttragen, die Handels- 
vermittler der südslawischen Länder. Zur Weberei und Stickerei der 
feinen Bezware dienen: Baumwolle und Seidengarne, Stickseide, Spinn- 
seide und orientalische Goldgespinste, in denen tler Orient immer von 
alters her unser Meister war. 

Der österreichische Staat stellt den gelernten Weberinnen einen Web- 
stuhl für die häusliche Arbeit. Dieser Webstuhl, so primitiv er auch ist, 
fördert doch tatsächlicli alles zutage, was die Textilkunst kennt, von der 
ordinärsten Leinwand bis zum kunstvollsten Teppich. Die Teppiche sind 
im Gobelintechnik mit Wolle über Leineneinschlag gewebt, und das Muster 
trägt noch einen streng byzantinischen Charakter, als habe sich durcli die 
Kulturepochen eines Jahrtausends hier die alte Ornamentik so farbenreicli 
und lebensfrisch erhalten. Diese dalmatinischen Teppiche sind vom Bauern- 
hause zum Herrenhause gewandert, wo sich nach der Sitte des Landes 
spaniolische Weiber mit ihren Gehilfen und ihrem Handwerkszeug auf 
Wochen einquartierten, um so ein i)rächtig gemustertes, dichtes, wollenes 



Das Kunstgewerbe in Bosnien und der Herzegowina. 197 

Praclitstiick für die Hausfrau zu webou, wie es der Bauer zur Erwärmung 
und Innendekoration der armseligen Hütte benutzte. Das Material dazu 
ist die womöglich selbstgefärbte Schafwolle mit ihren leuchtenden Farben 
ganz unvermischt, oder für leichtere Ware Baumwollgarn und Angora- 
ziegenwolle. die den feineu Teppiclien, besonders den geknüpften, den 
seidenartigen Glanz gibt. Wortlos, mit untergeschlagenen Boiuou arbeitet 
die Webekünstlerin, die bunten FarbenschifFchen fliegen hin und her und 
werden mit dem Messerchen angedrückt. Der Bauer braucht Sommer- 
und Winterteppiche, Satteldecken und buntgemusterte Gurte. 

Künstlerisch geziert und fein in der Form sind auch alle Gebrauchs- 
o-eräte. Die Löffel in ihrer charakteristisch bosnischen Form sind teils 
Holzschnitzerei, mit feinen Gravierungen und mit in Silber ausgeriebenen 
Ornamenten bedeckt. Der oben breite Stiel ist durch ein spiralig ge- 
wundenes Glied mit der spitzovalen Laffe verbunden. Andere Gabeln und 
Löffel haben Kupfergriffe, die mit Knochenplatten belegt sind. Die ver- 
goldeten Schmalseiten der Griffe zeigen eine feine Gravierung, doch sind diese 
Ornamente der Hausindustrie meist nur noch schw^ache Verkrüppelungen des 
Stiles Louis XIY. Bezeichnend ist bei den Messern die Klinge mit dem 
graden Rücken und der wuchtig gebogenen Spitze. Auch die Zwinge der 
zweizinkigen Gabel ist profiliert und mit geschnittenen Blumen geziert. 
Einlaoen von Perlen und Korallen sind ein besonderer Schmuck für die 
Gabeln. Bisweilen bilden farbig bemalte Knochen in bunten Tönen, von 
einer Spirale gehalten, die Knäufe der Tischmesser und Gabeln; eine flotte, 
leichte, seit altersher hier geübte Technik. Die Gebirge sind reich an 
MetalP), und schon in römischer Zeit lieferte der Bergbau die Metalle zu 
den berühmten Inkrustationen, Tauschier- und Graveurarbeiten. Als 
Material dienen Stahl, harte Bronze wie Hartsilber in allen erdenklichen 
Kunstformen; ferner zur Tauschierung gezogene Drähte oder Platten aus 
999/1000 feinem Silber und 997/1000 feinem Gold. Auch Kupferbronze 
wird von den Graveuren verarbeitet zur Dekoration von Silber- und 
Stahlgegenständen. Zur Montierung der fertigen Arbeiten dienen Silber, 
Gold und Silber- und Messinglot. 

Zahlreiche Kunstgegenstände werden jetzt auf Anregung der Kunst- 
schulen der österreichischen Verwaltung ausgeführt. Foca insbesondere 
war in alter Zeit berühmt wegen seiner kunstvollen Eisenarbeiten und 
Ziselieruno-eu, weuen der tauschierten W^affen und Geräte; doch musste 
jetzt die Regierung durch die staatlichen Werkstätten hier in Livno und 
Sarajewo diese kunstvolle Industrie vor dem Verschwinden retten. Es 
sind die Geräte, die zum Mokka, zum Wein, zu den rituellen Waschungen 
des Mohammedaners dienen, und die sich neben der kunstreichen Arbeit 
der Ornamentverzierung durch aufgehämmerte feine Metallblättchen, durch 



1) Bruno Walter, Die Erzlagerstätten in Bosnien und der Herzegowina (1887). 



198 Zachariae: 

ihre schlichte, anmutige und zielbowusste Zweckform auszeichnen und als 
Zierg-eräte heute auch auf den Handelsplätzen des Abendlandes als oft 
hervorragende Kunstwerke erscheinen. 

Berlin. 



Zur indischen Witwenverbrennung. 

Von Theodor Zachariae. 



Im Anschluss an eine Mitteilung Sökelands, der zufolge in der Nieder- 
lausitz die Braut vor der Trauung zwei Zitronen auf den Altar legt, hat 
Weinhold in dieser Zeitschrift 10, 244 bemerkt, er kenne die Zitrone 
als sakrales Opfer aus Sizilien, aus Deutschland aber nur ihren Gebrauch 
bei Begräbnissen, indem die Leichenträger sowie der (Geistliche, der Kantor 
und der Küster, welche bei der Beerdigung sind, Zitronen erhalten, die 
sie in der Hand tragen; wahrscheinlich zum Schutz gegen den Leichen- 
geruch. So in Schlesien.^) 'Bei den Heanzen, den Deutschen an der 
ungarisch-steirischen Grenze im Ödenburger Komitat, schliesst den langen 
Hochzeitzug zur Kirche die einzige teilnehmende verheiratete Frau, die 
zwei Orangen in einem weissen Tuclie trägt, die rechts und links auf 
den Altar gelegt werden, als Opfer für den Geistlichen" (vgl. Ztschr. 10, 
365). Auf S. 352 wird hinzugefügt: Auch in Dorf Hornliausen im Magde- 
burgischen trägt eine der Brautjungfern, und zwar ein kleines Mädchen, 
zwei Zitronen und opfert sie für den Geistlichen auf dem Altar. ^) Eine 



1) Gustav Freytag, Soll uiul Haben, IJucli (i Kap. .j. Nacli Baumgart, Ztschr. ;>, 152 
und Drechsler, Sitte, Brauch uml Volksglaube in Schlesien 1, 30<l bekommen die Träger 
Sträusse oder Rosmarinzweige in die Knopflöcher; in der linken Hand halten sie eine 
Zitrone. Alles was die Träger sowie die sogen. Leidjungfern an sich tragen, die Sträusse 
und Kränze, auch die Zitronen werden ins Grab nachgeworfen. Vgl. E. H. Meyer, 
Deutsche Volkskunde S. "273. Derselbe Autor sagt in seinem Badischen Volksleben S. 502, 
dass der Rosmarinzweig an einigen Orten Badens als eine geringere Gabe ärmerer Leute 
gelte, die die Reichen durch eine Zitrone ersetzen, die zum Andenken an den Toten 
auch der Pfarrei, Lehrer und Mesner erhalten. Vgl. auch oben 13, 390. 

2) Diese Angabe geht vielleicht zurück auf H. A. Pröhle (der Pastor in Hornhauson 
war), Kirchliche Sitten, Berlin 1858. Hier heisst es bei der Beschreibung einer grossen 
ländlichen Hochzeit im Halberstädtischen auf S. 185: 'Gegen das Ende dos Brautgesanges 
wird von einer kleinen Brautjungfer für den Kopulator und für den Kantor ein Tuch nebst 
einem Bukett oder einer Zitrone auf den Altar gelegt, und sodann von der ganzen 
Hochzeitsversammlung ein Umgang um den .\ltar gehalten und eine Oblation für den 
Geistlichen dargebracht.' Eine ganz ähnliclie Sitte bestand, wie mir mitgeteilt wird, noch 
im Jahre 18ST in dem Dorfe Hayn (im Harz). Nach E. H. Meyer, Badisches Volksleben 
S. 296 (vgl. Deutsche Volkskunde S. 178) erhält oder erhielt der Pfarrer in Baden von 
den Brautleuten vor oder nach der Trauung eine Zitrone, ein Taschentuch und einen 
Rosmarinzweig. Ebenso in Hessen nach Bock in dieser Zeitschrift 13, .')80; vgl. Reichhardt 
ebenda S. 387 (aus Nordthüringen). 



Zur indisclicn Witwenverbrenimng. ]99 

Parallele zu diesem Brauche wird von E. Lemke, Zeitschrift lU, .'>j() nach 
der Schrift von Hevelke über kirchliche Sitten in Westpreussen S. 10 mit- 
geteilt: In Heia legt die Braut dem Pfarrer nach der Trauung eine Zitrone 
auf den Altar. 

Die vorstehenden Mitteilungen ül)er den Gebrauch der Zitrone (Orange, 
Pomeranze) lassen sich ergänzen und vermehren. Bei der Konfirmation 
trugen die Knaben in Schlesien einen langen Rosmarinzweig im Knopfloch 
nebst einigen Orangeblättern und einer Pomeranze, die mit rot- oder 
grünseidenen Bändern kreuzweis übersteckt war (A. Baumgart, Zeitschrift 
3, 145; vgl. 13, 387). An einigen Orten Badens schreitet beim Hochzeits- 
zuge der Bräutigam hinter der Musik mit dem Pfarrer zur Rechten und 
dem Lehrer zur Linken, die ausser dem Rosmarin noch eine Zitrone be- 
kommen haben (E. H. Meyer, Bad. Volksleben "jnO). Anderwärts bekommen 
die Toten einen Rosmarin oder eine Zitrone in die Hand; mit schwarzen 
Nadelknöpfen oder Nägele (Gewürznelken) wird auf ihrer Schale der 
Name des Toten gebildet (a. a. 0. S. 587), Dies erinnert an eine thürin- 
gische Sitte: Im Weimarischen pflanzen die Burschen und Mädchen des 
Ortes am Vorabend der Hochzeit grüne Tannen vor das Brauthaus und 
verbinden sie mit Blumengewinden, Kränzen, bunten Bändern und einer 
Zitrone, worauf die Namen der Brautleute eingestoclien sind 
(Fr. Schmidt bei Mannhardt, Baumkultus der Germanen S. 47). 

Nach Wuttke, Deutscher Volksaberglaube § 724 legt man dem Sterbenden 
eine Bibel, ein Gesangbuch oder eine Zitrone unters Kinn, damit der 
Mund nicht offen stehen bleibe. Auf der Insel Sardinien befestigt man 
Orangen an den Hörnern der Ochsen, die vor den Hochzeitswagen gespannt 
sind (nach A. de Gubernatis, Mythologie des Plantes 2, 268). In England 
scheint eine mit Gewürznelken besteckte Orange ein Neujahrsgeschenk 
gewesen zu sein. Von einer solchen Orange (oder Zitrone) glaubte man auch, 
dass sie den Wein vorm Muffigwerden schütze: John Brand, Observations 
on populär autiquities (ed. by Ellis, London 1841 — 42) 1, 8. Shakespeare, 
Liebes Leid und Lust 5, 2. Schliesslich soll die Zitrone im Schweinskopf 
nicht vergessen werden (Wuttke § 425; Brand, Observations 1, 291). In 
England w^urde der Schweinskopf, vormals das erste Gericht beim Weih- 
nachtsschraaus, auch mit Rosmarinzweigen besteckt (Brand 1, 264. 266). 
Ebenso in Hessen nach Adolf SchliidDen. Das Schwein in der Kultur- 
geschichte S. 22. 

Wie ist nun der Gebrauch der Zitrone in den Fällen, die wir kennen 
gelernt haben, zu erklären? Käme die Zitrone nur bei Begräbnissen z. B. 
in den Händen der Leichenträger vor, so könnte man mit AVeinhold an- 
nehmen, dass sie ursprünglich zum Schutze gegen den Leicliengeruch 
dienen sollte. Der Brauch könnte etwa in den Zeiten der Pest auf- 
gekommen sein. Die pestwidrige Zitrone sollte gegen Ansteckung schützen 
(vgl. M. Höfler, Zeitschrift 3, 445). So nimmt die Leichenfrau im Braun- 



200 Zachariae : 

schweigisclien beim Waschen eines Toten, der an einer ansteckenden 
Krankheit gestorben ist, ein paar Pfefferkörner in den Mund, um sich vor 
Ansteckung zu bewahren (R. Andree, Braunschweiger Volkskunde^ S. 315). 
Allein die Zitrone spielt vorzugsweise auch bei Hochzeiten eine Rolle. 
Das ist nur erklärlich unter der Annahme, dass sich die Zitrone bei uns 
durch ihr Aussehen, ihren Geruch, kurz durch ihre wirklichen oder ver- 
meintlichen vortrefflichen Eigenschaften die Geltung eines felix malum^), 
eines heilkräftigen, übelabwehrenden, glückbedeutenden Apfels erworben 
hat. Schon die Alten schätzten die 'modischen Äpfel' wegen ihrer gift- 
zerstörenden, Ungeziefer tilgenden, den Atem verbessernden Kraft. Alles 
aber, was als übelab wehrend gilt, kann bei den verschiedensten Handlungen 
und Vorkommnissen zur Verwendung gelangen, bei Hochzeiten so gut wie 
bei Begräbnissen.") Über die Bedeutung der Zitrone als eines sakralen 
Opfers wage ich kein bestimmtes Urteil auszusprechen. 

Jedenfalls kann der Gebrauch der Zitrone bei uns nicht alt sein. 
Die Früchte der Zitrusarten fanden erst etwa im 15. Jahrhundert in Deutsch- 
land Eingang. Irgend eine stark riechende Frucht oder ein stark riechendes 
Kraut muss aus den abergläubischen Vorstellungen des Volkes durch die 
Zitrone verdrängt worden sein. Das ist der Rosmarin^), der sich uns 
ganz von selbst darbietet, da wir ja gesehen haben, dass er oft statt oder 
neben der Zitrone erscheint; der Rosmarin, der immergrüne, duftende, in 
Deutschland hochgeehrte Strauch, der das ganze Leben der Familie von 
der Geburt bis zum Grabe als treuer Schutz begleitet (Wuttke S 140. 
Meyer, Deutsche Volkskunde S. 20G. A. de Gubernatis, Mythologie des 
Plantes 2, 315ff.). Auch mit der älteren*) Raute, 'die zur Teufelsabwehr 
dient", mag die Zitrone um den Vorrang gestritten haben. Im Süden 
unseres Erdteils hat die Zitrone dem Granatapfel den Platz geraubt, 
den er früher bei den Alten behauptete (nach Hehn, Kulturpflanzen*^ 
S. 238). 



1) Vergil, Georgica 2, 127. Helm, Kulturpflanzen'"' S. 431. 433. 

2) Vgl. meine Bemerkungen in der Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgen- 
landes 17, 150 ff. 

3) Ohne Zweifel hat die Zitrone auch den Apfel verdrängt; vgl. Wuttke § 42ö und 
das Zitat aus King's Art of Cookery bei Brand 1, 291: 

'Then if you wou'd send up the Brawner's Head, 

Sweet Kosemary and l>ays around it sprcad; 

His foaming tusks let somc large Pippin grace, 

Or, iiiidst these thund'ring spears an Orange place.' 
Umgekehrt wäre der 'Schmalzapfel' an die Stelle der Zitrone getreten nach Höfler in 
dieser Zeitschrift 3, 11.5, Anm. 

4) Der Rosmarin wird erst seit dem frühen Mittelalter in Deutschland angebaut. 
Nach 0. Sclirader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde S. 943 wäre die 
Wurzel des Rosmarins als Surrogat für den Weihrauch eingetreten. Über die Raute 
vgl. namentlich Meyer, Deutsche Volkskunde S. 17G. 205. Badisches Volksleben S. 285f. 
290. Gubernatis, Myth. des Plantes 2, ;;2Gff. 



Zur indischen Witwenverbrennung. 201 

Wenden wir uns jetzt den Ländern zu, wo die Zitrusarten seit alters 
heimisch sind. Zu diesen Ländern gehört vor anderen Ostindien.*) 
Es wäre interessant, wenn die Zitrone auch hier bei abergläubischen 
Handlungen verwendet würde. Das ist in der Tat der Fall. So pflegte 
die indische AVitwe, die ihrem verstorbenen Gatten in den Tod 
folgte, eine Zitrone^) in der Hand zu halten, wenn sie den 
Scheiterliaufen bestieg. Dies soll auf den folgenden Blättern an der 
Hand der Quellen gezeigt werden. Denn ich kann mich nicht einfach 
auf ein Buch oder einen Aufsatz berufen, worin über die indische Witwen- 
verbrennung gehandelt wird. So viel und so oft schon über die Witwen- 
verbrennung geschriel)en worden ist^), der von mir erwähnten Sitte wird 
sehr selten gedacht. Mir ist schlechterdings keine erschöpfende Darstellung 
der Vorgänge bei den Witwenverbrennungen bekannt. Es bleibt daher 
nichts übrig, als zu den Quellen aufzusteigen, aus denen wir uns über 
diese Yorgäuge unterrichten können. Zum besseren Verständnis des 
Folgenden glaube ich eine kurze Übersicht über die Quellen, die haupt- 
sächlich in Betracht kommen, vorausschicken zu müssen. 

Ich beginne mit den indischen Quellen. 

Zunächst sei l)emerkt, dass wir unsere Kenntnis von den Vorgängen 



1) Knglov' t6 'Ivöiy.ny lujXov. Hesychios. 

2) Ich bin ausserstande, genau anzugeben, was für eine Frucht die indische Witwe 
in der Hand hielt. Es lässt sich auch nicht feststellen, ob es immer dieselbe Frucht 
gewesen ist. Gewöhnlich wird in meinen Quellen eine Limone (Limonie) genannt. Das 
ist aber wohl die Frucht, die wir deutsch meist fälschlich Zitrone nenneu (Hehn'' S. 4o5), 
während der Name Limone noch in der 'Limonade' bei uns fortlebt. Über die verschiedenen 
Zitrusarten vergleiche man ausser den Lehrbüchern der Botanik Lassens Indische Alter- 
tumskunde- 1, o-22f. (wo die Öanskritnameu für Orange und Limone gegeben werden). 
Henry Yule and A. C. Burnell, Glossary of Anglo-Indian words (188C) unter den Wörtern 
lemon, Urne, orange. Hehn, Kulturpflanzen'' S. 42()ff. Schrader, Reallexikon unter Zitrone. 
Olck in Pauly-Wissowas Real-Encyclopädie 3, 2612 ff. — Die Frucht, die von den Juden 
am Laubhüttenfest beim Betreten der Synagoge in der linken Hand getragen wird, ist die 
Frucht der Citrus Pomum Adami Risso. The Jewish Eucyclopedia 5, 2Glf. 

3) Vgl. Colebrooke, On the duties of a faithful Hindu widow, 1795: in seinen 
Miscellaneous Essays 1 (London 1837), lUff. P. von Bohlen, Das alte Indien 1, 29off. 
(mit Benutzung einer nicht unbeträchtlichen Literatur. Doch war Bohlen mit den Reise- 
beschreibungen nicht genügend vertraut, was sich z. B. auch aus seiner Bemerkung in der 
Allgemeinen Literatur-Zeitung 182S, 2, 10 ergibt, wo er sagt, von dem Lebendig-Begraben- 
werden der Witwen sei nur das Zeugnis des Roger vorhanden; es komme höchst selten 
vor). J. Grimm, Kleinere Schriften 2, 298ff. H. H. Wilson, Select Works 2, 270-309. 
M. Müller, Essays^ 2, 30ff. 564ff. Yule-Burnell, Glossary GGG— 671. 859 u. d. W. Suttee 
(die zweite, von Crooke besorgte Ausgabe dieses vortrefflichen Werkes habe ich niciit 
benutzen können). L. von Schröder in der Baltischen Monatsschrift 88, 24öff. R. Garbe, 
Beiträge zur indischen Kulturgeschichte, Berlin 1903, S. 143—182 (mit dankenswerter Be- 
nutzung der Reisebeschreibungen von Heber, Sonnerat, Tavernier, Thevenot und 
des mir nicht zugänglichen Buches von Ward: Account of the writings, religion and 
mauners of the Hindoos). Viel verdanke ich dem Buche von Julius Jelly, (indisches) 
Recht und (indische) Sitte, Strassburg 1896, wo man auf S. 67—69 und 71 das Wichtigste 
über die Witwenverbrennung nach den Sanskritquellen zusammengestellt findet. — Weitere 
Literatur siehe im Verlauf. [Chauvin, Bibliographie des ouvrages arabes 7, 20.] 



202 Zachariae : 

bei den Witwenverbrenuuni;en nicht aus den alten Ritualbüchern schöpfen 
können, in denen die Bestattungsgebräuche sonst mit seltener Ausführlich- 
keit beschrieben werden. Die Grhyasütras, die 'Hausregeln\ erwähnen die 
Witwenverbrennung kaum; auch die älteren Rechtsbücher kennen die 
Sitte nicht. Erst in den jüngeren Rechtsbüchern sowie in den sogenannten 
Puränas wird die Witwenverbrennung erwähnt und beschrieben. AYas 
sich aus den letztgenannten Quellen gewinnen lässt, hat Colebrooke in 
seiner Abhandlung On the duties of a faithful Hindu widow^) zusammen- 
gestellt. Man vergleiche auch die zu wenig beachtete grosse indische 
Enzyklopädie Sabdakalpadruma u. d. W. sahamararja; Nirnayasindhu 
(Bombay 1891) 465fF. und ähnliche Werke.') 

Aber wenn wir aucli kein altes Ritual für die Witwenverbrennung 
besitzen, so besitzen wir doch jüngere Ritualschriften^), in denen die bei 



1) Mise. Essays', 114—122. Im Anschluss an Colebrooke S. 120 erwähnt Grimm, Kl. 
Sehr. 2, 302 die indische Sitte, wonach die Witwe eines in der Ferne verstorbenen nnd 
verbrannten Ksatriya [füge hinzu: Vaisya oder Südra] in der Heimat einen zweiten Scheiter- 
iiaufen besteigen darf; sie muss dann etwas von des ferngestorbenen Gatten Gerät, namentlich 
seine Sandalen, auf ihrer Brust zum Feuer tragen. Sartori in seiner erschöpfenden 
Abhandlung über den Schuh im Volksglauben (Zeitschrift 4, 1(59, Anm.) erwähnt die Sitte 
ebenfalls und meint: 'Dadurch will doch wohl die Witwe ihre enge, eheliche Zu- 
sammengehörigkeit mit dem Toten beweisen.' Einige Bemerkungen hierzu dürften 
am Platze sein. Die Angabe, dass die Witwe, ausser mit den Schuhen dos Gatten, auch 
mit irgend etwas anderem, das ihm gehört, ins Feuer gehen kann, findet sich schon in 
indischen Texten (s. Colebrooke und vgl. Q. Craufurd, Researches concerning the laws etc. 
of India 2, 133. Peggs, The Suttees' Gry to Britaiu'^ p. 07. Äin i Akbari, ti-auslated by 
Jarrett, vol. 1, p. 323). Statt der Schuhe werden anderswo besonders genannt: das Gewandi 
der Wanderstab, der Gürtel, der Turban des Verstorbenen: s. R. Heber, Narrative of a 
Journcy (London 1844) 2, 154. Craufurd, Sketches'- (1792; 2, 1(>. (Eine Verbrennung mit 
einem Schuh wird erzählt: British Chronicle 2, <S19; mit den Kleidern des Verstorbenen: 
Purchas bis Pilgrimage, 1G2G, p. 53.J, 19. Heber 2, 155; mit einer seiner Tullebanden oder 

Haubt-Binden: Wurffbains 14jährige ostindianische Dienste, 1G8(), S. 14').) Aber die 

alte Sitte scheint das Verbrennen mit den Schuhen gewesen zu sein. Wie ist die Sitte 
zu erklären? Sind die Schuhe als ein Substitut für den Verstorbenen anzusehen? Als ein 
solches Substitut sollte man eher die bekannte, z. B. von Grimm, Kl. Sehr. 2, 298 be- 
schriebene Figur, den 'Blättermann', parnaiiara, erwarten. (Eine solche Figur wird, als 
bei der Witwenverbrennung vorkommend, tatsächlich erwähnt von Vincenzo Maria di 
S. Caterina da Siena, Viaggio all' Indie Oricntali, 1(572, p. 322: (^uando il corpo del defonto 
non e presente, formata una figura, che lo rappresenti, con quella compiscono la medesima 
cerimonia.) Oder sind die Schuhe eine Mitgabe für den Toten? (Vgl. die Totenschuhe: 
z. B. in dieser Zeitschrift 4, 122fi'. 11, ],')1. 45.">ff.) Oder sind sie als ein Zeichen der 
Herrschaft des Mannes über die Frau aufzufassen? Sartoris Erklärung will mir nicht 
einleuchten. Mau beachte noch, dass auf den Denkmälern, die den verbrannten AVitwen 
zu Ehren errichtet wurden, Fusstapfen eingegraben sind (vgl. z. B. Barth, Religions of 
India, 1882, p. 9G; Ausland 1851, 10'29). Man liest auch, dass die Witwe auf einen Stein 
tritt, 'on which the outline of two feet had been traced with a chisel": British Chronicle 2,819: 
vgl. Asiatic Annual Register for 1800, Miscellancous Tracts, p. 3i'.7 - Philipp van Mökern, 
Ostindien (1857), 1, 327 f. 

2) JoUy, Recht und Sitte, S. 07. William Taylor, Catalogue Raisonne of Oiiontal 
Manuscripts 1, 3. 2, 107 (rule as to anugamanam). 

3) Yule-Burnell, Glossary 6G7a: Sutiee is a brahmanical rite, and there is a Sanskrit 
ritual in existence. It was introduced into Southern India with the brahman civilisation. 



Zur indisclieii Witwciiverbrennung- "203 

der AVitwenverbreiiuuiig zu heobaclitciidou Zeremonien zu.sanimengestellt 
sind. Dies sind kleine Texte, die zum Teil keine selhständioen Werke, 
sondern Kapitel von grösseren AVerkou sind, und die nuin in «U-n Katalogen 
der Sanskrithandschriften unter den Titeln Anugamanavidhi, Anumaraua- 
pradipa, Anumaranaviveka, Satividliuna, Baliaganianavidlii, Saluunaraiia- 
vidhi^), Saliänumaranaviveka usw. aufgeführt findet.^) Von solclien Texten 
sind mir zwei bekannt geworden: der Saliaganianavidhi, den Aufrecht 
vor Jahren in seinem Katalog der Oxforder Sanskrithandscdiriften S. ■Ji)4 
herausgegeben hat, und der gleichnamige Text in der Universitätsbibliothek 
zu Leipzig, auf den Fischöl in der Zeitschrift der dentsclien morgen- 
ländischen Gesellschaft 56, 626 mit Recht aufmerksam gemacht hat. Der 
kleine Text trägt die Nummer 612 und besteht aus 28 mit Prosa unter- 
mischten Yersen. Soweit ich die einschlägige Literatur zu ül^erblicken 
vermag, sind diese — oder ähnliche — Texte noch niemals von einem 
europäischen Gelehrten gehörig ausgebeutet worden. Ich habe sie daher 
für die vorliegende Abhandlung benutzt. Den ersten Text nenne ich den 
Oxforder, den zweiten den Leipziger Sahagamanavidhi. 

Weiter sind die in der Sanskritliteratur vorkommenden AVitwenver- 
brennungen zu beachten. Die beiden grossen indischen Epen enthalten verhält- 
nismässig nur wenige Fälle (Lassen, Ind. Altertumskunde^ 1, 787. 854. o, 347). 
Aber häufig kommen Witwenverbrennungen in den Geschichtswerken ^), in 



and was prevalent there chiefly in the strictly braliiiianical Kingdom of Vijayauagar. and 
among the Mahrattas. (Hopkins, Journ. of the American Or. Society lo, 17.'). 371 ist 
geneigt, die Witwenverhrennung für eine ursprünglich südindische Sitte zu halten. 
S. auch W. Crooke, Populär Religion and Folk-lore of Northern India^ 1, IHöl) 

1) Sahamaranavidhi, a work of mnch repute in Drävida (Südindien): H. H. \Yilson, 
Works 2, 298. 

2) Zur Erklärung dieser Titel sei bemerkt: iaiutgamann oder sahamaraun (das IMit- 
gehen oder Mitsterben) und nnugaman<i oder anumaraya (das Nachgehen oder Nachsterben) 
sind gewölmliche Ausdrücke für Witwenverhrennung, engl. 'Suttee'. (Man sagt auch sahänu- 
gamana; anväroha, anvärohana.) Strenger genommen bedeutet ««/(ß^amano, — maraija das 
Verbrennen der Witwe mit dem verstorbenen Gatten auf demselben Scheiterhaufen (ekaciti); 
dagegen anvgamana, — maraua das Verbrennen auf einem besonderen Scheiterhaufen 
{prtliakcäi), wenn der Gatte auswärts, in der Fremde, gestorben und verbrannt 
ist. Den Brahmanenwitwen ist nur das snhamarana gestattet; den Witwen anderer Kasten 
ist auch das anumaran'i erlaubt. Trotz dieser Bestimmung dürfte die nachträgliche Ver- 
brennung der Witwe, geraume Zeit nach dem Tode und der Verbrennung des Mannes, 
häufiger vorgekommen sein als man glauben sollte. Man vgl. z. B. den Bericht Josephs 
'des Inders' über die Bewohner von Cranganore im Novus Orbis regionum ac insularum 
(Basileae 1555) p. 204. Cesare Federici sagt: 'When any man dieth, his wife will take a 
moneths leave, two or three, or as shee will, to burne her seife in'; Hakluyt, Principal 
Navigations 2, 1 (London 1599) p. 220. Nach einem Erlass der englischen Regierung vom 
Jahre 1817 'Brähman widows were permitted to biirn onlij with their husband's corpse; 
not, as had formerly been the casc, days or weeks afterwards with some relic of Ins 
body'; W. J. Wilkins, Modern Hinduism, p. •■'>90. 

3) So z. B. in der kaschmirischen Chronik R^'ataran.igiul; s. Jelly, Recht und Sitte (18, 
der auch auf die Inschriften aufmerksam macht (den Zitaten füge man jetzt hinzu: Epi- 
graphia Indica G, 215). 



204 Zachaiiae: 

der Erzähluiigsliteratur (z. B. in dem Kathäsaritsägara des Somadeva) und 
in den Romanen vor. Am wichtigsten sind die in den Romanen erwähnten 
Fälle, wenn sichs hier auch meistens nur um beabsichtigte, nicht zur Aus- 
führung kommende Verbrennungen handelt. Im Harsacarita des Bäna, der 
der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts angehört, wird ausführlich beschrieben, 
wie sich Yasovati, die Gattin des todkranken Königs Prabhäkaravardhana, 
in die Flammen stürzt, noch ehe sie Witwe geworden ist (avidhacäy, siehe 
die englische Übersetzung von Cowell und Thomas S. 149 — 155. Man 
beachte hier die rotbraunen Gewänder und die rote^) Halsschnur, die 
die Könio-iu träo-t. Bemerkenswert ist ferner Harsacarita S. 244 — 49 in der 
angeführten Übersetzung. In der Kädambari^), dem anderen Roman des 
Bäna, vergleiche man S. 169ff. und 314ff. (Petersons Ausgabe); in dem 
Dasakumäracarita des Dandin vgl. S. 269 fP. in J. J. Meyers Übersetzung 
oder S. 105ff. in M. Haberlandts Übersetzung und dazu H. H. Wilson, 
Works 3, 368. 

Was wir aus der Sanskritliteratur über Witweuverbrennungen erfahren, 
wird in wesentlichen Stücken ergänzt, ja man möchte sagen an AVichtigkeit 
bei weitem tibertroffen durch die ausserindischen Berichte, durch die 
Berichte der griechischen und arabischen (persischen) Schriftsteller, be- 
sonders aber durch die Berichte der Europäer, die etwa vom 13. Jahr- 
hundert ab Indien bereist haben, die bei Witwenverbrennuugen selbst 
zu^eoen gewesen sind und die Vorgänge dabei mehr oder minder eingehend 
geschildert haben. An der Spitze dieser Berichte steht der ohne Zweifel 
von einem Augenzeugen herrührende Bericht des Diodor 19, 34 über 



1) Dass die Witwe rote Kleider, einen roten Schleier u. dgl. trä^t, wird auch sonst 
erwähnt: Colebrooke, Essays 1, 121. "Wilson, "Works •_*, BtK». Memoires ponr servir ä l'histoire 
des Indes orientales (1G88) 310. Yule-Bnrnell, Glossarj' p. (IUI u. d. W. Saree. British 
Chronicle 2, 819. ßose in der öfters mitgeteilten Schilderung der Verbrennung seiner 
Tante, z. B. bei Reuloaux, Reise quer durch Indien (188^1), S. llGff. — Gelbe Kleidung: 
Mit gelben Kleidern (pUavastra), mit Kränzen usw. geschmückt, geht die Witwe siebenmal 
um den Scheiterhaufen herum (Leipziger Sahagamanavidhi). Federici bei Hakluyt 2, 1, 220 
= Purchas .'), i35G, 2;]. Roger, Offne Tliür 2(>li. Herport, Ustindianische Reiss-Beschreibung 
(16G9) IG.'). D. Campliell, Journey over land to India (1795) 3, 140. 141. Stavorinus, Reize 
naar Batavia (179:!) 2, 4G; vgl. 49. Crooko, Populär Religion 2, 29. Wie es scheint, war 
es, wenigstens in einigen Gegenden Indiens, Sitte, dass sich die Witwe ein gelbes Kleid 
anziehen musste, nachdem sie das" vorgeschriebene Bad genommen hatte. (Rot und gelb 
sind auch Hochzeitsfarben; vgl. z.B. Crooke a. a. 0.) — Weisse Kleidung: Nicole 
Conti bei Fr. Kunstmann, Kenntnis Indiens im 15. Jahrhundert, München 18G;5, S. 5.'* (vestes 
exueus, loto de niore prius corpore tum sindonem albam induta, ad exhortationem dicentis 
in ignem prosilit). Della Valle 4, 94b. Saar, Ostindianischo Kriegsdienste (1G72) 117. 
Campbell, Journey .3, 138. Fra Paolino da S. Bartolomeo, Reise, deutsch von Forster (1798), 
S. 94. Haafner, Landreise 1, 44. British Chronicle 2, 820. In John Drydens Aureng-Zebe 
(1G75) tritt Melesinda, die sich verbrennen lassen will, 'in white' auf. (Weiss ist überhaupt 
die Kleidung der Witwen in Indien.) 

2) Die Stelle Kadambari 173, 19 ff. kann man als eine Polemik gegen die Witwen- 
verbrennung bezeichnen: 'Das anumaraija ist vollkommen nutzlos; nur törichte Leute 
huldigen einer solchen Sitte.' Vgl. Weber, Indische Streifen 1, -"»Gl, Änm. 



Zur indischen Witwenverbrcnuung. 205 

eine WitwenverbreiniuDg-, die in Paraitakenc, also ausserhalb Indiens^), im 
Jahre 816 v. Chr. stattfand. Keteus, der Führer einer indisclien Truppen- 
abteiiung, ist in der Schlacht zwischen Antigonos und Eumenes gefallen. 
Nach dem Gesetz der Inder muss sich die eine der beiden Frauen, die 
den Keteus begleitet haben, mit ihm verbrennen lassen. Der Wettstreit 
um die Ehre des Mitsterbens, der sich zwischen den Frauen ents])innt, 
wird zugunsten der jüngeren Frau entschieden, weil die ältere schwanger 
befunden wird. Schwangere Frauen, sagt Diodor, oder solche, die Kinder 
haben, dürfen nicht verbraunt werden; ganz im Einklang mit den Sauskrit- 
texten, wonach Witwen mit kleinen Kindern (bäläpatyäh) und Schwangere 
{garbhinyah) von der Verbrennung auszuschliessen sind. Der sehr inter- 
essante Bericht des Diodor ist oft mitgeteilt worden, so von .1. C-Jrimm, 
Kl. Sehr. 2, 300; vgl. auch Kückerts Gedicht: Der Flammentod von Keteus' 
Gattin (Poet. Werke 3, 382). Dass der Wettstreit zwischen den Frauen 
des Keteus stark an den Wettstreit zwischen Kuntl und Mädri im Mahä- 
bhära,ta erinnert, hat man längst bemerkt (Jelly, Recht und Sitte S. C8f.). 

An die Berichte des Diodor und anderer Klassiker reihen sich die 
zahllosen Berichte in den Reisebeschreibungen und in den Werken über 
die Religionen, die Sitten und Gebräuche der Inder. Die Reise- 
beschreibungen sind es, die in der vorliegenden Abhandlung haupt- 
sächlich und in möglichst umfassender AVeise ausgebeutet werden sollen. 
Dass dies geschieht, wird kaum einer Rechtfertigung bedürfen. Die Er- 
gebnisse der Untersuchung müssen für sich selbst sprechen. Indessen 
möchte ich nicht unterlassen, auf die treffenden Bemerkungen über die 
Reisebeschreibungen bei Jelly, Recht und Sitte S. 45 f., sowie auf das 
Beispiel von Wilhelm Hertz hinzuweisen, dessen Abhandlung über die 
Sage vom Giftmädchen (München 1803) zu einem guten Teile auf den 
alten Reisebeschreibungen beruht. 

Was die von mir benutzte Literatur — zumal die ältere, jetzt weniger 
beachtete — betrifft, so verweise ich auf Stucks Verzeichnis von älteren 
und neueren Land- und Reisebeschreibungen (Halle 1784 — 87) und auf 
Beckmanns Literatur der älteren Reisebeschreibungen (Göttingen 1807—1810). 
Noch immer brauchbar ist August Hennings, Versuch einer ostindischeu 



1) Das ist immerhin bemerkenswert, obwohl es ja bekannt ist, dass sich die Witwen- 
verbrennung- über die Grenzen Indiens hinaus v.erbreitet hat. So ist sie auf den Inseln des 
indischen Archipels, z. B. auf Bali und Lombok, eingeführt worden: s. Lassen, Indische 
Altertumskunde 3, 348. Humboldt, Über die Kawisprache auf der Insel Java 1, 87 — 95. 
Friederich, Journ. R. Asiatic Society 1877, p. 99— ]06. Yule-Bm-nell, Glossary (;G7b. 6(59. 

— Über eine Witwenverbrennung in Astrachan im Jalire 1722 sebe man den Auszug 
aus dem Bericht von Bruce im Indiau Antiquary 7, 235f. Unterm 15. Januar 1()71 erzählt 
Strujs, wie in Schemacha (Transkaukasien) eine alte christliche Sklavin mit dem Leichnam 
eines reichen Inders verbrannt wurde: Struys, Voyages (Amsterdam 1720) 2, ISOf., vgl. 192; 

- Straussens Reise, Gotha und Erfurt 1832, S. 328 f. und 33(5. Jan Janszoon Struys steht 
nicht in grosser Achtung: der Bericht jedocli, den er von der Verbrennung der Sklavin 
gibt, erscheint durchaus glaubwürdig. 



2()g Zachariae: 

Literaturgeschichte (Hamburg und Kiel 1786). Das Lob allerdings, das 
Weber (Zeitschr. der deutschen morgenl. Gesellschaft 7, l^SÖf.) und Gold- 
stücker (Pänini: his place in Sanskrit literature 142) diesem Buche ge- 
spendet haben, kann ich nicht unterschreiben. Unvollständig und unzu- 
verlässig istBoucher de la Richarderie. Bibliotheque universelle des Yoyages, 
tome 5: Yoyages aux Indes Orientales (Paris 1808). Eine gate Übersicht 
über die älteren Reisebeschreibuugen gewährt M. Chr. Sprengeis Erd- 
beschreibung von Ostindien, nämlich Hindostan und Dekan (ein Teil von 
Büschings Erdbeschreibung), Hamburg 1802, S. 579 ff.; dazu die Nachträge 
in dem folgenden, von S. F. G. AVahl bearbeiteten Bande S. 672 ff. 

Ältere Berichte ^ über die Witwenverbrennung (nach Nicolo Conti 
und anderen) findet man sehr gut zusammengestellt bei Claude Guichard, 
Funerailles, et diuerses manieres d'enseuelir des Rommains, Grecs, et 
autres nations, Lyon 1581, p. 381 ff.; neuere Berichte (nach Mandelslo, 
Andersen, Iversen, Tavernier, Roger) bei Arnkiel in dem von Grimm, 
Kl. Sehr. 2. 303 zitierten Buche; Berichte aus allen Zeiten, von Diodor 
ab, bei Yule-Burnell , Glossary p. 667ff. und 859. Diese — und einige 
andere — Zusammenstellungen sind mir von Nutzen gewesen; ich möchte 
jedoch bemerken, dass ich die ganze in Betracht kommende Literatur, 
soweit sie mir eben zugänglich war, selbständig durchgearbeitet habe. 
Leider habe ich einige sehr wichtige Werke nicht benutzen können, wie 
z. B. die (Jenerale Beschrijvinghe van Indien .... door Johan van Twist.*) 
Auch die Parliamentary papers on the immolation of Hindoo widows, die 
viel Material enthalten dürften, haben mir nicht vorgelegen. Öfters habe 
ich statt der schwer erreichbaren Originale Übersetzungen zu Rate ziehen 
müssen. 

Der älteste Autor, der die Zitrone in der Hand der indischen Witwe 
erwähnt, ist meines Wissens der venezianische Juwelier Gasparo Balbi, 
der von 1579—1588 Ostasien bereiste (Hertz, Sage vom Giftmädchen S. 162). 
Das italienische Original seiner Reisebeschreibung (Viaggio delV Indie 
orientali) ist mir nicht zugänglich. Icii benutze die dentsche nnd die 

1) Von diesen mögen hier die folgenden genannt werden: der Bericht des Odoric 
de Forden one, z.B. bei Hakluyt, Navigations 2, 1, 44. 4G; der des Jordanus, vgl. 
Yule-Burnell, Glossary (508; der des Ibn Batuta (s. unten); der gute Bericht des Nicolo 
Conti, z.B. bei Kunstinaiiii, Kenntnis Indiens'im 15. Jahrhundert, S. 52f. (vgl. S. o7. 38. 
49. 54), englisch bei Hugh Miirray, Historical account of discoveries and travels iu Asia 
(1820) 2, 13f.; der wundersame Bericht des Ludovico di Varthema, z. B. in der 
Scheferscheu Ausgabe der alten französischen Übersetzung (Paris 188.S) S. 214f.; und der 
ausgezeichnete Bericht des Duarte Barbosa (oder vielmehr des F. Magcllan? s. Hertz, 
Sage vom Giftmädchen 1G2) bei Ramusio, Navigation! et Yiaggi, terza ed., Venetia löd."., 
vol. 1, fol. 325 a f., in Henry Stanleys englischer Übersetzung des spanischen Textes (Hakluyt 
Society, first series, no. 35) auf S. 91— i)3. 

2) Die Amsterdamer Ausgaben von 165(» und 1G51 enthalten die Abbildung einer 
'femme indienne se jetant dans les tlammes sur le cadavre de son mari'. Van Twist hat 
also ganz sicher über die Witwenverbrennung gehandelt. Siehe P. A. Tiele, Memoire 
bibliographique sur les journaux des Navigateurs Neerlandais (1867) p. 245. 



Zur indischen Witwonvcrbrcnnnng-. "207 

lateinische^) Übersetzung des ii. Arthus in den 'Orientalisehen Indien' 
und der 'India Orientalis' der Gebrüder De Bry, Teil 7 (Frankfurt 160;). 
1606), die holländische Übersetzung in der Sammlung des Buchhändlers 
Pieter vander Aa (Naaukeurige Versameling der gedenkwaardigste Reysen 
na Oost en AVest-Indien) am Schluss des 18. Teiles (Leyden 1707) und 
den Auszug bei Samuel Purchas, Pilgrimes 2 (London 1620), 1722ft". 

Balbi spricht von dem Verbrennen der Witwen im 19. und 31., von 
dem Lebendigbegraben der Witwen') im 34. Kapitel seiner Reisebeschreibung. 
Für uns kommt die zweite Stelle in Betracht. In Negapatam an der 
Koromandelküste (im heutigen Tanjore Distrikt) sah Balbi, wie eine schöne 
junge Frau auf einem Sessel in Gesellschaft vieler anderer Weiber, ihrer 
Freundinnen und Gespielen, zu einer grossen Grube voll glühender Kohlen 
o-etragen wurde, um darin verbrannt zu werden: 'Die au ff dem Sessel 
hat in der lincken Handt einen Spiegel | vnd in der anderen ein 
Limon | mit deren sie^) spielet.' 



1) Siehe den Titel bei P. A. di San Filippo, Bibliografia dei Viaggiatori Italiani p. GO 
(wo durch ein Versehen der Name Arthus ausgefallen ist). Ich freue mich, dass ich. 
obwohl nicht Fachmann, oben im Text die bibliographischen Angaben des italienischen 
Gelehrten über Balbi vervollständigen kann. 

•2) Ausser dem Verbrennen ist das Lebendigbegraben der Witwen nicht selten 
vorgekommen. Beschrieben ist die grausame Prozedur z. B. von Barbosa bei Ramusio^ 
1, 326 a (dazu Tausend imd eine Nacht, übers, von Henning 10, 51 ff.). Bernier, Travels 
ed. Constable p. ^ilö. A. Roger, Offne Thür 211 ff. Stavorinus 2, 53 (in Lüders Über- 
setzung S. 1U7). Craufurd, Researches 2, 137. Zunächst war das Lebendigbegraben bei 
gewissen Kasten oder Sekten Sitte, wo man die Toten zu begraben, nicht zu verbrennen 
pflegt. So bei den Yogis, einer Unterabteilung der Weberkaste (vgl. Garbe, Beitr. z. ind. 
Kultui-geschichte S. 174ff. und den von Methold bei Purchas 5, lOOl, 50ff. erzählten Fall. 
Das Lebendigbegraben bei den Yogis wurde 1817 verboten: Peggs, The Suttees' crv to 
Britain- p. 7(>), und bei den Linga'iten: Frj-er, New Account (1G!.>8) 153. Aber auch sonst 
dürfte das Lebeudigbegraben häufig vorgekommen sein, und zwar aus dem einfachen 
Grunde, weil die Verbrennungen, wie die Hochzeiten noch heute in Indien, sehr teuer 
waren. Nach Peggs a. a. 0. S. 7 betrugen die Kosten einer 'Suttee', bei der er selbst zu- 
gegen war, 3 ^ 1 Pfuud Sterling. Die Beteiligten schienen sehr arme Leute zu sein. Nach 
Massie, Continental India 2, 170 beliefen sich die Geschenke an die Brahmanen bei den 
Suttees auf 40 oder 50 (!) Pfund. Arme Weiber mussten sich Holz erbetteln, damit sie 
sich verbrennen lassen könnten: Tavornier, Indianische Reise (Nürnberg 1G81) 3, 15i); vgl. 
DellaValle (GeufflG74) 4, 95 b. — Federici erzählt, dass sich in Bezeneger (Vijajanagara) 
die Frauen der Reichen und Vornehmen verbrennen Hessen; aber 'amongst the base sort 
of people" war es Sitte, dass die Witwe erwürgt und mit dem toten Gatten begraben 
wurde: Hakluyt, Navigations 2, 1, 22(1 f. Ähnliche Verhältnisse w^erden auch anderswo in 
Indien bestanden haben. Tavernier 3, IGO sagt, dass auf dem grössten Teil der Koro- 
mandelküste die Witwen lebendig begraben zu werden pflegten. Zu beachten ist, dass in 
dem Verbot der Witwenverbrennung durch die englische Regierung (1829) 'Suttee' definiert 
wird als 'burning or buryiug alive the widows of Hindoos'. Man vergleiche noch die 
auf Bali und Lombok herrschenden Verhältnisse nach den Schilderungen von Friederich 
und Zollinger (Journ. R. As. Soc, n. s. 9, 100: Journ. of the Indian Archipelago 2, IGGff.); 
Grimm, Kl. Sehr. 2, 302, Anm. 

3) In der lateinischen Übersetzung S. 89: 'Juvencula illa manu altera speculum, 
altera vero mal um aureum tenebat, variisque gesticulationibus se oblectabat'. Aus der 
Vergleichung der holländischen Übersetzung S. 70 ergibt sich, dass die deutsche über- 



208 Zachariae: 

Man beachte in Balbis Schilderung, dass die Witwe mit der Limone 
spielt; und weiter, dass sie noch einen anderen Gegenstand in der Hand 
hält: einen Spiegel. Es ist für die Untersuchung, die uns beschäftigt, 
entschieden von Wichtigkeit, dass wir bei unserer Wanderung durch die 
Reisebeschreibungen auf alle die Gegenstände achten, die die indischen 
Witwen, wenn sie sich verbrennen Hessen, in der Hand zu tragen pflegten. 
Was den Spiegel angeht, der unser Interesse fast noch mehr in Anspruch 
nehmen dürfte als die Limone, so finden wir ihn bereits bei dem berühmten 
Reisenden Ibn Batuta ^), der sich 250 Jahre früher als Balbi in Indien 
aufhielt. 

Ibn Batuta hat auf seiner Reise von Multän nach Dehli. also in 
Nordindien, der Verbrennung von drei Frauen, deren Männer in einem 
Kampfe gefallen waren, beigewohnt und schildert den ganzen Vorgang 
höchst anschaulich. Der Bericht beginnt: Die Frauen brachten die drei 
Tage, die bis zur Selbstverbrennung vergehen mussten, mit Gesängen und 
Lustbarkeiten hin. Am Morgen des vierten Tages führte man für jede 
der drei Frauen ein Pferd ^) herbei, das sie bestiegen. In der rechten 
Hand hielten sie eine Kokosnuss, mit der sie spielten, und in der linken 



Setzung dem Original näher steht: vgl. auch die englische Übersetzung bei Yule -Burneil, 
Glossary GG9a. 

1) In der französischen Übersetzung von Defremery und Sanguinetti. tome :'. (Paris 
1855), p. 13()— 141. Eine deutsche Übersetzung des Abschnitts im Ausland von 1856, 
S. 442f. Die oben mitgeteilten Einzelheiten fehlen in dem abgekürzten Text dos Ibn 
Batuta, den Samuel Lee, London 1820, ins Englische übersetzt hat: auch in Kosegartens 
Schrift De Mohammede Ebn Batuta Arabe Tingitano ciusque. itineribus, Jenae 1818, S. 23f., 
wo, Tvie bei Lee S. 108ff., nur allgemeines über die Witwenverbrennung gegeben wird. 

2) Dass die Witwe auf einem Pferde — und zwar auf einer Stute (vadavn) — 
reiten soll, wird in den Sahagamanavidhi-Texten vorgeschrieben. Die 'Verehrung' und 
die 'Besteigung' der Stute {vadnvrtrohana) ist ein feierlicher, von Sprüchen [dtjne dccliä usw.) 
begleiteter Akt. Der Oxforder Sahagamanavidhi gestattet ausserdem, dass die Witwe zu 
Fuss geht. Letzteres wird auch sonst erwähnt, vgl. z. B. Roger, Offne Thür S. 205. 
Oder es heisst, dass die Witwe in einer Sänfte oder dergL getragen wurd: Roger a. a. 0.: 
lläjataramgini 7, 478. 8, o67. Aber ganz im Einklang mit den Sanskrittexten wird in den 
Berichten auch oft genug gesagt, dass die Witwe zu Pferde sass. Es ist anzunehmen, 
dass diese Sitte besonders von Reichen und Vornehmen geübt wurde (Pferde sind in Indien 
teuer und selten). Man vgl. Ibn Batuta 3, 137 und 139. Federici bei Hakluyt 2, 1, 220 
(either on horsebacke or on an eliphant, or eise is borne by eight men on a smal stage). 
Della Valle 4, 92 a, S. de Vries, Curieuse Aenmerckingen 4, 1451. Dellon, Relation d'un 
voyage, Amsterdam 1699, p. 65 (eile est sur un cheval). British Chronicle 2, 819 (she was 
on horseback). Quarterly Review 89, 258 (mounted on horseback) = Ausland 1851, 1029. 
Interessant ist in dem Bericht des Barbosa über die Witweuverbrennungen in Narsinga 
(bei Ramusio'' 1, 325b) die Angabo, dass, wenn eine vornehme luid reiche Frau in feier- 
lichem Zuge, zu Pferde sitzend, durch die Strassen der Stadt nach dem Vorbronniings- 
platze geführt wird, 'il suo cavallo deve esser uno ronzino bianco trovaudosenc, per 
esser meglio vista'; in Stanleys Übersetzung des spanischen Textes: 'The horse must 
be grey, or very white if possible, for her to be seen better' (ob das wohl der wahre 
Grund ist? Vgl. von Negelein in dieser Zeitschrift 11, 415 f., 12, 387 f., im Globus 84, 348 f. 
und in der Zeitschrift f. Ethnologie 33, (12 ff.). Siehe noch Rogers Offne Thür S. 852 und 
besonders Kirchers China illustrata p. 150 (equum candidum conscendit). 



Zur indischen Witwenverbrennung. 209 

Hand einen Spiegel, worin sie ihr (lesiclit betrachteten.') — Der Bericht 
stimmt auffällig zu dem, was Balbi erzählt; auch das Spielen mit einer 
Frucht wird von Ihn Batuta erwähnt: nur ist die Frucht bei ihm keine 
Limone, sondern eine Kokosnuss. 

Den Spiegel treffen wir abermals und wiederum mit einem anderen 
Gegenstande gepaart, bei dem Venetianer Cesare Federici^), der der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts angehört. 

Im Jahre 1567 verweilte Federici sieben Monate in Bezeneger (Vija- 
yanagara), der einst berühmten Hauptstadt des Königreiches Xarsinga, wie 
es die Portugiesen zu nennen pflegten (Sprengel, Erdbeschreibung S. "29 ff.). 
Hier sah er viele Witweuverbrennungen, denn sein Haus 'was neere to 
the gate where they goe out to the place of burning'. Ihm verdanken 
wir eine der ausführlichsten Beschreibungen'^) der Yorgänge bei dem 
Flammentode der indischen Witwen. So erzählt er, dass die Witw^en, 
auf einem Pferde, auf einem Elefanten oder einem Palankin sitzend, 
gekleidet wie eine Braut, in der Stadt herumgeführt wurden*); dabei 
trugen sie in der linken Hand einen Spiegel und in der rechten Hand 
einen Pfeil. 

Ich will schon hier bemerken, dass wir den Spiegel und den Pfeil 
nebeneinander auch anderswo antreffen, und zwar unter den Hochzeits- 
bräuchen, in den Händen der Braut. Noch heute herrscht in Travancore 
(Südindieu) bei den Ksatriyas die Sitte ^), dass die Braut während einer 
gewissen Zeremonie 'holds in her band a bamboo stick pointed like an 
arrow and a looking glass'. Diese Übereinstimmung mag auf den 
ersten Blick seltsam erscheinen. Aber an solchen Übereinstimmungen 
fehlt es auch sonst nicht. Fast werden wir zu dem Schlüsse gedrängt: 



1) Grey in seiner Ausgabe der Reisen des P. della Valle in Indien (Hakluyt Society 
1, 84 — 85) S. 2GG zitiert aus den Percy Anecdotes 4, .393 eine Geschichte von einer 
Frau, die sich opfern wollte, und die 'held in her right band a cocoa-nut, and in the 
left a knit'e and a small looking-glass, iuto which she continued to lock'. — Ich 
habe dieses Zitat in den Percy Anecdotes, in denen übrigens öfter von der AYitwenver- 
brenuuQg die Rede ist, nicht auffinden können. 

2) Dies ist der 'Engländer Cäsar Friederich' bei Sprengel, Erdbeschreibung Oo. 214. 589, 
der 'Kaiser Friedrich' bei S. F. G. Wahl, Altes und neues Vorder- und Mittelasien 1, 79. 
— War Federici etwa ein Engländer von Geburt? 

3) Bei Hakluyt, Principal Navigations 2, 1, 220: in der Reisesammluug des Vander Aa 
am Schluss des IG. Teiles, S. Tff. (mit Abbildung): bei Purchas, Pilgrimes, London 1G25, 
part 2, p. 1705 (danach der Bericht in den Cercmonies et Coutumes religieuses des peuples 
idolätres, Amsterdam 1728, tome 2, 1, p. 25 — 2G, mit zwei wertlosen Abbildungen: die eine 
stellt das Verbrennen, die andere das Lebendigbegraben einer Witwe dar); vgl. Purchas 
his Pilgrimage, London 1G26, p. 55G. 

4) Dieser, einem Hochzeitszuge vergleichbare Umzug durch die Strassen der Stadt 
(per celebriores urbis plateas; Kircher, China illustrata 151a) wird öfters erwähnt. 

5) Mitgeteilt von .Julius JoUy im Kern - Album (Opstellen geschreven ter eere van 
Dr. H. Kern. Leiden 1903) S. 179. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. 14 



210 Olrik: 

die Zeremonien bei der Witwenverbrennuug stellen sich, soweit 
das möglich ist, als eine Wiederholung der Hochzeitszeremonien 
dar/) Die Witwe, die sich mit ihrem verstorbenen Gatten im Tode ver- 
einigen will, tritt dabei nochmals als Braut auf. 

Halle a. S. 

(Fortsetzung folgt.) 



Kleine Mitteilungen. 



Der Souueu wagen von Trundholm. 

(Hierzu Tafel III.) 

Eine merkwürdige Reihe von Denkmälern aus dem religiösen Leben der 
Vorzeit ist auf dänischem Boden ausgegraben: in Schleswig die beiden grossen 
goldenen Hörner aus der Zeit der Völkerwanderung, in Jütland die Kultwagen von 
Dejbjerg und der silberne Kessel von Gundestrup aus der keltischen und keltisch- 
römischen Zeit und endlich jetzt der bei Trundholm auf Seeland gefundene Wagen 
mit der goldbelegten Sonnenscheibe aus der älteren Bronzezeit, das älteste und in 
seiner Art einzig dastehende unter diesen Denkmälern. 

Dieser merkwürdige Fund ist jetzt dem Publikum ungewöhnlich rasch zu- 
gänglich gemacht durch die Ausgabe und Erläuterung des Direktors des National- 
museums, Sophus Müller, im letzten Hefte des 1. Bandes der 'Nordiske Fortids- 
minder (Kopenhagen liH)3), wo derselbe Forscher früher über die Darstellungen 
an dem Silberkessel von Gundestrup gehandelt hat. Den Inhalt dieser Abhandlung 



1) Da ich diesen Gedanken nur selten (vgl. z. B. Wilson, Works "2, '2Wi.) und nirgends 
scharf ausgesprochen tinde, so sei hier einiges zur Bekräftigung des im Text Gesagten 
angeführt. Zunächst wird häufig gesagt, dass die Witwe wie eine Braut geschmückt auf- 
tritt u. dgl.: Diodor 19, 34 von der Witwe des Keteus: xEy.oaiuj/nh-tj Sia:ioe:TMc: wo.-rst) st'^ rira 
ycmov -tooE:ien:iExo vjio xwv avyyevojr. Vgl. ferner Federici bei Haklnyt 2, 1, 220. Della 
Valle 4, 94b. Tavernier 3, 159. Methold bei Purclias ö, 1(H)1, 56. [Des Challes,] Journal 
d'un voyage (Rouen 1721) 2, 188. Gemelli Careri, Voyage du tour du monde (1719) '■), 145. 
Quarterly Review 89, 2(j2. Melosinda in Drydens Aurengzebe: Adorn'd with flames, I '11 
mount a glorious Bride. — Von Einzelheiten will ich erwähnen: Die Witwe muss ein Bad 
nehmen (ein in den Sanskrittexten vorgeschriebener Akt) und danach zwei reine Kleider 
(dhautaväsoijuga) anlegen (Colebrooke, Ess. 1, 114: Craufurd, Researches 2, 134); sie muss 
einen Stein 'verehren' und auf ihn treten (Oxforder Sahagamanavidhi 294a; Ph. vanMökern, 
Ostindien 1, 327 f.; British Chronicle 2, 819); sie muss mehreremal, von links nach rechts, 
um den Scheiterhaufen herumgehen. Zu den wichtigsten Hochzeitszeremonien 
gehören das Brautbad und das Anlegen neuer Kleider, die Steinbetretung und das Rechts- 
umwandelu des Feuers (Winteruitz, Hochzeitsrituell S. 40 f. 57 ff.). Erwähnt wurde bereits 
das Hervortreten der roten und der gelben Fafbe in der Kleidung von Braut und 
Witwe. Im Leipziger Sahagamanavidhi ist von einer Lampe (dtpik-ä) die Rede, die, den 
Berichten zufolge, vor der Witwe steht: Ausland 1857, 1058a. Reuleaux, Reise S. 117: 
vgl. Stavorinus 2, 50 (een klein brandend aarde lampje). Peggs, The Suttees' Gry* p. 11, 1. 
Mökern. Ostindien 1, 328. Eine Lampe kommt auch bei den Hochzeitszeremonien vor 
(Winternitz S. Gl). — Anderes siehe im Verlauf. 



Kleine Mitteilungen. 211 

über den Sonnenwagen möchte ich hier etwas ausführlicher wiedergeben, da jene 
A'eröffentlichung der Altertumsgesellschaft kaum zu allen denen gelangen wird, 
die an der religiösen Entwicklung der germanischen Volksstämme ein lebendiges 
Interesse nehmen. 

im September 1902 pflügte man zum erstenmal ein Stück Land im Moor bei 
Trundholm im nordwestlichen Seeland. Da zog der Pflug ein bronzenes Pferd 
aus der Erde, in der nächsten Furche kam eine grosse runde Scheibe mit Gold- 
belag zutage, und darauf fand man Trümmer von einem kleinen bronzenen Wagen. 
Für die Forscher war es leicht, diese Stücke zusammenzufügen: zu unterst der 
sechsrädrige Bronzewagen, über dem Hinterrade hatte die senkrechtstehende Scheibe 
ihren Platz und über den beiden Vorderräderpaaren das Pferd. Dies stand also, 
wie wenn es die Scheibe hinter sich herzöge; an dem nächstgelegenen Rande der 
Scheibe und unter dem Pferdehalse befinden sich Ösen, die beweisen, dass Pferd 
und Scheibe einst durch eine Leine verbunden waren. 

Diese goldbelegte Scheibe, die von einem Pferde gezogen wird, stellt un- 
zweifelhaft die Sonne dar. Das Werk gehört in die nordische Bronzezeit, in 
die letzten Jahrhunderte vor 1000 vor Chr. (so Müller; nach Montelius Berechnung 
fällt diese 'ältere Bronzezeit' etwas früher). Die Ornamentik, der Guss und der 
Goldbelag gehört ausgesprochen dieser Periode an; die verhältnismässig wohl- 
gelungene Darstellung des Pferdes steht weit über dem, was wir sonst kennen; nur 
die besten Tierbilder aus Mykenä können mit ihr verglichen werden. 

Religionsgeschichtliche Fragen knüpfen sich an diese seltene Darstellung der 
Sonne als einer freistehenden, etwas starken Scheibe, die mit der gewöhnlichen 
Ornamentik jenes Zeitalters verziert ist. Eine solche Darstellung der Sonnenscheibe 
erscheint unter den alten Kulturländern im Orient und in Griechenland (mykenische 
Kultur); im übrigen Europa ist sie nur in einer Reihe von Steinbildern aus der 
Gegend von Bologna bekannt, die teilweise mit ähnlichen Spiralornamenten wie 
unsere nordische Sonnenscheibe verziert ist und zu einer Gruppe gehört, die „auf 
die Zeit ums Jahr 1000 zurückweist". „Hier scheint eine nahe Verwandtschaft zu 
bestehen, die nicht ganz daraus erklärt werden kann, dass man an beiden Stellen 
Züge der Kunst wie der Religion aus einer gemeinsamen Quelle in der uralten 
Kultur der östlich A^om Mittelmeere gelegenen Länder entlehnt hat." 

Ein geringeres Interesse erregt der Wagen, der das Sonnenbild trägt. Ähnliche 
Miniaturwagen aus Bronze aus demselben Zeiträume, die religiöse Darstellungen 
tragen, kennen wir aus Mitteleuropa. Eine andere Möglichkeit der Deutung aber 
besteht sicherlich darin, ihn als eine Darstellung des himmlischen Sonnenwagens 
aufzufassen, wobei das Pferd infolge der Unbeholfenheit des Künstlers auf dem Wagen 
fahrend, anstatt ihm vorangehend, angebracht wurde. Wenn wir jedoch auf die 
ganze Reihe gleichzeitiger Miniaturwagen blicken, müssen wir die Deutung vor- 
ziehen, die uns das Denkmal unmittelbar darbietet, dass der Wagen nur eine 
Unterlage für die künstlerische Gruppe der Sonnenscheibe mit ihrem Pferde ist. 
Entscheidend ist nach S. Müllers Ansicht, dass sonst nirgends eine Darstellung 
des Sonnenwagens aus so früher Zeit bekannt ist. 

Welche Rolle nun solche Broozewagen gespielt haben, ist nicht aufgeklärt. 
S. Müller denkt zunächst daran, dass es kleine Wiederholungen wirklicher Kultus- 
wagen sind wie der Nerthuswagen bei Tacitus oder der phönizische Umzugswagen 
mit dem in einem terapelartigen Überbau stehenden Bilde der Sonnenscheibe. Es 
besteht wohl eine naheliegende Möglichkeit, dass die Bewohner Seelands im 
2. Jahrtausend vor Chr. einen ähnlichen grossen Rultuswagen mit der Sonnen- 
scheibe darauf besessen haben; sicher ist jedoch nur, dass solche kleinen 

14* 



212 Olrik: 

Bronzewagen sich als Kultusgegenstände der einen oder anderen Art zu erkennen 
geben. 

Das Wichtigste ist für uns die Sonnenscheibe. Wir haben hier eine andere 
Darstellung vor uns als den gewöhnlichen Typus des menschenähnlichen, auf einem 
Wagen stehenden und sein Sechsgespann antreibenden, häufig mit einem Strahlen- 
kranz versehenen Sonnengottes Helios, wie er in der nachhomerischen Zeit in 
Griechenland auftaucht und im Norden aus den Eddaliedern bekannt ist. Der 
Trundholmer Wagen verehrt das sichtbare Sonnenbild, die goldene Scheibe, ohne 
sie in ein rollendes Rad oder einen strahlenumflossenen Wagenlenker umzuwandeln. 
Von diesem Denkmale ausgehend betrachtet S. Müller auch andere Überreste der 
Bronzezeit als Sonnenbilder. So ein scheibenförmiges Goldblatt mit Strahlen- 
ornamenten, das in einem seeländischen Grabe gefunden ist; ebenso eine Bronze- 
scheibe aus Schonen, deren Unterbau vier Radfiguren enthält, und insbesondere 
die grosse Menge von symbolischen 'Ringkreuzen' und 'Kreisen", die man in 
grösseren Felszeichnungen auf einzelnen Steinen, auf Gräbern usw. eingehauen 
findet, und die mit einer Unzahl von Abweichungen von den anscheinenden Rad- 
bildern bis zu den strahlenurakränzten Scheiben auftreten. Nach Müllers Ansicht 
sind dies alles Sonnenscheiben und der Bronzezeit eigentümlich, da er im Gegen- 
satze zu früheren Forschern annimmt, dass kein einziges der nordischen Kreis- 
zeichen mit Sicherheit auf die Steinzeit zurückgeführt werden kann.^) 

Diese in der orientalischen Kultur wurzelnde Anbetung der Sonnenscheibe ist 
das neue Moment, das uns dieser Fund bringt. Der Trundholmer Wagen gibt 
uns eine ältere Entwicklungsstufe als die Lieder des Rigveda, in denen die per- 
sönlicher gedachte Sonne mit ihrem Wagen und ihren Pferden häufig genannt 
wird. Das religionsgeschichtliche Ergebnis seiner Untersuchung fasst S. Müller in 
folgenden Worten (S. 317) zusammen: „Die Stellung, die die Sonnenverehrung in 
der ältesten Religionsentwicklung einnimmt, kann, nach dem geringen bisher vor- 
liegenden Stoffe zu urteilen, ungefähr folgende gewesen sein. In der jüngeren 
Steinzeit des Nordens und noch in der Bronzezeit scheint eine Geister- und Natur- 
verehrung bestanden zu haben, wie man sie allgemein für die primitiven Völker 
annimmt; über die religiösen Vorstellungen in der älteren Steinzeit weiss man 
nichts. Stein- und Bronzebeile sowie allerlei andere Gegenstände können im 
Norden Kultusobjekte gewesen sein-), gleich der Keule, dem Beil und Spiess oder 
der Peitsche in Chaldäa, wo man diese als Gegenstand der Anbetung an den Ahären 
angebracht sieht. Die eigenartig zusammengesetzten nordischen Opferfunde, deren 
Zahl sich bedeutend vermehrt hat, seitdem sie vor einem Jahrzehnt zuerst be- 
sprochen wurden, könnten auf eine A'"erehrung von Bäumen, Steinen, Erde und 
AVasser hinweisen, wie diese auf orientalischen Denkmälern dargestellt ist. Hierzu 
möchte man die Sonnenverehrung in der älteren Bronzezeit hinzufügen, da diese 



1) Es wäre übrigens sehr zu wünschen, dass ein tüchtiger Archäolog die ganze Frage 
nach den einfachen Figuren behandelte, die sich bei primitiven Völkern auf Felsllächen 
eingehauen finden. Hier vermag ich nur auf das eipcntüinliclie Verhältnis hinzuweisen, 
das noch bei inneraustralischen Stämmen auf sehr niedriger Kulturstufe vorliegt (Andrew 
Lang, Magic and rehgion p. 241— 2.')6,i: hier sind solche Zeichen wie Vertiefung, Kreis, 
Strich nur kindhche Versuche zu bildlicher Darstellung; ein Kreis mit einer Zickzacklinie 
bedeutet eine Schlange, die aus einem Loch im Felsen kriecht usw. Man wird zu der Frage 
gedrängt, ob die 'religiösen Symbole' einer höheren Kultur auf Felsfläclien nicht umge- 
deutete Reste einer ganz primitiven Bilderschrift sind. 

2) S. Müller, Vor Oldtid 1897 S. 154, 422 und Register miter Oller. |S. Müller, 
Nordische Altertumskinide 1, 171. 4;{'.) (1897).] 



Kleine Mitteilungen. 213 

ein wichtiges geistliches Element in der grossen Kulturmasse war, die diesmal von 
Süden her eindrang." 

Mit der Römerzeit um Christi Geburt beginnt dagegen die Periode der per- 
sönlichen Götter; der silberne Kessel von Gundestrup mit seiner grossen Reihe 
individualisierter Göttertypen. Die alte Sonnenverehrung verblasst; „die jüngste 
Vorstellung, die sich mit einiger Wahrscheinlichkeit als ein Sonnenbildnis der 
älteren Art bestimmen lässt, entstammt dem 1. Jahrh. nach Chr." In den Edden 
ist der Gott, der den Sonnenwagen übereinstimmend mit dem griechisch-römischen 
Helios über den Himmel hinlenkt, ein ganz untergeordnetes Wesen. 

Kürzer kann man somit S. Müllers Gedanken folgendermassen ausdrücken: 
die Götterverehrung der jüngeren Steinzeit war ein Petischdienst (vermutlich auch 
gemischt mit Ahnenkult); der religiöse Durchbruch der Bronzezeit besteht in dem 
Verhältnis zu den grossen Naturerscheinungen, besonders zur Sonne; die Eisenzeit 
bringt die stark personifizierten und zahlreichen Gottheiten. Dies ist S. Müllers 
Auffassung, die er in seiner Schrift so kurz als möglich dargelegt hat, da er es 
zuvörderst als seine Aufgabe ansah, den merkwürdigen Fund zu veröffentlichen 
und die Aufmerksamkeil des Publikums darauf hinzuweisen. Aber selbst diese 
kürzere Darlegung enthält die Übersicht eines weitblickenden und doch nüchternen 
und methodischen Forschers über die religiöse Entwicklung. Mir scheint es un- 
zweifelhaft, dass er in archäologischer Hinsicht Recht hat und in religionsgeschicht- 
licher Hinsicht im wesentlichen Recht hat. 

Wenn ich eine einzelne Beziehung an dem Denkmal hervorheben sollte, die 
stärker betont zu werden verdient, so wäre dies die Verbindung von Sonnenscheibe 
und Pferd. Wie unbeholfen sich auch der Künstler ausgedrückt hat, so war es 
doch augenscheinlich seine Meinung, dass die Sonne vom Pferde über den Himmel 
hin gezogen wurde. Die ganze Vorstellung von der Sonnenscheibe hinter dem 
Pferde erinnert auffällig an griechische Vasenbilder aus dem 6. Jahrhundert, auf 
denen man Helios aus dem Meere auftauchen sieht in Gestalt eines (dem Betrachter 
zugewandten) feurigen Viergespannes und einer von einem Strahlenkranz umgebenen 
Sonnenscheibe darüber (d.h. dahinter).^) 

Eine unmittelbare Verbindung zwischen diesen Bildern und dem seeländischen 
Sonnenwagen besteht schwerlich; dazu ist der Abstand in der Zeit zu gross, und 
die Übereinstimmung in Einzelheiten fehlt; allein es sind augenscheinlich gleich- 
artige Sonnenvorstellungen, ein merkwürdiges Mittelglied zwischen der blossen 
Darstellung der sichtbaren Scheibe und dem wagenlenkenden Sonnengotte. Gerade 
weil diese Darstellung sonst nicht zur Kulturbewegung gehört, die in der Bronze- 
zeit von den Mittelmeerländern nach dem Norden geht, ist sie von Wichtigkeit 
als Ausdruck der Sonnenauffassung des nordeuropäischen Volksstammes im '2. Jahr- 
tausend vor Chr. Wir gewahren hier die beginnende Vorstellung von der Sonne 
als Waffenlenker, vermutlich auf einer ähnlichen Stufe wie in den Vedaliedern, 
wo die Sonne bald mit zwei Pferden, bald mit einem fahrend, bald reitend gedacht 
wird, und wo einmal 'der goldmähnige Surya' selbst als Pferd aufgefasst zu 
werden scheint oder Mann und Ross so untrennbar zusammengehört, dass die 
Sonnenstrahlen nicht nur vom Wagen, sondern von der Mähne des Tieres aus- 
gehend gedacht werden (vgl. Skinfaxi, den Namen für das Ross des Tages im 



1) Eoscher, Mytholog. Lexikon s. v. Helios. Laborde, Collectiou de vascs grecs de 
m. le comte de Lamberg 2, 13, Vignette ;'.: vgl. S. Go. (Nicht gesehen habe ich Dubois- 
Maisonneuve, Introduction k Fetude des vases 29, 2 und Furtwängler, Sammlung Sabouroff 
Taf. 63.) 



214 Olrik: 

Nordischen).^) Man hat diese fahrende Sonne zu einer Urvorstellung des indo- 
germanischen Volkes machen wollen; doch erscheint dies recht zweifelhaft, nicht 
so sehr, weil der Sonnenwagen bei Homer unbekannt ist, als weil das indoeuro- 
päische ürvolk schwerlich den schnellen, mit Pferden bespannten und mit Rad- 
speichen versehenen Wagen kannte, der ein so bezeichnendes Glied der Bronze- 
kultur bildet.^). Im Krieger- und Wagenlenkerleben der Bronzezeit oder einer 
kurz darauf folgenden Periode nimmt die Sonne überall die Gestalt eines vorwärts 
eilenden Wagenlenkers an: im Rigveda wie in Dänemark und Griechenland; die 
Vorstellung ist so stark, dass sie trotz des passiven Widerstandes der alten Mittel- 
meerkultur in das klassische Altertum eindringt. Für die nordische Bronzezeit 
bezeichnet die nähere Verbindung zwischen Sonnenwagen und Pferd, dass die 
Götter keineswegs blosse Naturerscheinungen bedeuten, sondern zugleich ziemlich 
weit in der Personifizierung fortgeschritten sind. Vermutlich stehen sie auf einer 
ähnlichen Stufe wie in den Vedaliedern. 

Wenn wir neben der Sonnenscheibe das Beil als das zweite grosse und 
kenntliche Göttersymbol in der Bronzezeit antreffen, so müssen wir erwarten, dass 
man darunter eine Macht verstand, die halb Naturelement, halb vom blossen 
Phänomen losgelöst und verleiblicht ist. Doch ich will diesen Gedanken nicht 
weiterzuführen versuchen. 

Über die spätere nordische Mythologie sind wir nicht viel klüger geworden, 
als wir vorher waren. Am wichtigsten ist, dass wir auch dort die Sonne als 
fahrend kennen (wenngleich als eine ganz untergeordnete Gottheit oder richtiger 
einen Götterdiener). Dies kann auf einer Einwirkung des Helios des klassischen 
Altertums beruhen; es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass die Vorstellung 
sich auch aus der Vorzeit erhalten hat. Ob sie einspännig oder zweispännig 
fährt, ist ein ganz unwesentlicher Unterschied, solange die Göttervorstellungen 
zumeist im Liede und Mythus leben; auch in den Vedaliedern ist die Sonne 
bald ein-, bald zweispännig; nur die klassische griechische Kunst hält an einer 
bestimmten Anzahl von Sonnenrossen fest. Ein Zusammenhang zwischen der 
Bronzezeit und der Zeit der Edda ist also möglich, vielleicht wahrscheinlich, aber 
nicht bewiesen. 

Noch weniger erhalten wir Aufklärung darüber, ob andere mehr persönliche 
Götter, welche die Eddadichtung nicht in Verbindung mit den Naturerscheinungen 
setzt, ursprüngliche Sonnengötter sind: man hat ja nicht selten bei Frey, Balder 
und Heimdal an dergleichen gedacht. Aber keiner dieser Götter wird in der 
eigentlichen Sagenwelt durch einen Wagen charakterisiert, wenn auch die beiden 
ersten in der einen oder anderen Sagenüberlieferung etwas mit einem Wagen zu 
tun haben. Und im übrigen wissen wir streng genommen nicht, ob die fahrende 

1) S. Müller scheint mir den Gegensatz zwischen dem Rigveda und dem dänischen 
Sonnenwagen etwas zu stark zu betonen. Sicher ist es richtiger, das Trundholmer Bikinis 
als eine Zwischenform zu bezeichnen, das sich einerseits an die Sonnenvereliriing der 
Bronzezeit (die von den Mittebneerländern ausgegangene Bewegung) anschliesst und ander- 
seits eine mehr bodenständige Vorstellung von der Sonne als einem lebenden Wesen, das 
bereits den Charakterzug erhalten hat, mit Hilfe eines Pferdes über den Himmel hin zu 
ziehen. Der Unterschied zwischen der Sonne des Rigveda und des Trundholmer Wagens 
ist kein Unterschied zwischen zwei religiösen Entwicklungsstufen, sondern zwischen zwei 
verschiedenartigen Quellen: in den Vedatexten ist die Beseelung stärker, weil sie 
Gedichte sind; der Trundholmer Wagen ist abhängiger von dem gangbaren Kunststil, weil 
er eine plastische Darstellung ist. 

2) Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde s. v. Wagen. 



Kloine Mitteilungen. 215 

Sonne der Bronzezeit eine männliche oder eine weibliche Gottheit war. Sicher ist 
nur, dass sie eine Gottheit war, die sich durch ihren Naturcharakter wesentlich 
von den persönlichen Göttern der eddischen Mythologie unterschied. 

Kopenhagen. Axel Olrik. 



Eiserne Votivflguren aus Oberbayern. 

In alten Wallfahrtskapellen Südbayerns, namentlich in Leonhardskapellen, 
konnte man früher unter den Votivgaben häufig ganz roh aus Eisen geschmiedete 
Männlein in verschiedenster Grösse mit bittweise gefalteten Händen oder zum 
Gebet aufgerichteten Armen finden, die in stets gleichen Typen von den Dorf- 
schmieden auf die primitivste Weise hergestellt wurden. Vielfach kamen sie auch 
in Bodenfunden zutage und gelangten dann oft in die Museen und Sammlungen 
der historischen Vereine, wie sich auch bereits eine Literatur über diese für die 
Volkskunde interessanten Erscheinungen entwickelt hat.') 

Jetzt werden statt dieser eisernen Männlein Figuren von Wachs im Kostüm 
des l!S. Jahrh. geopfert, wie man sie noch allenthalben in den Wallfahrtskirchen 
sehen kann. Die Kirche nahm und nimmt diese Votive als Dankopfer für Heilung 
von Krankheit und Gebresten entgegen, und es mag sich auch diese Auffassung 
im Volke jetzt mehr und mehr eingebürgert haben. 

Ursprünglich war dies aber nicht Zweck und Absicht der Weihgaben dieser 
Mannsfiguren, wie ein bis jetzt unter den zahlreichen Typen vereinzelt dastehendes 
Pigürchen nahe zu legen scheint, das zu Diessen am Ammersee "2 m tief unter 
der Erde gefunden wurde und, bisher weiteren Kreisen unbekannt, in der reich- 
haltigen Altertumssammlung des Klosters Andechs sich befindet. 

Dieses Figürchen, sonst in Technik und Stil ganz den bekannten Typen 
gleichend, trägt phallische Bildung und hat die Arme (die nicht mehr gut er- 
halten sind) nach abwärts gegen den Phallus gerichtet.^) Dieser Umstand kenn- 
zeichnet einerseits das B^igürchen als einen älteren Typus und wirft andererseits 
auf den ursprünglichen und eigentlichen Zweck dieser Figuren ein helleres Licht. 
Offenbar hingen diese bildlichen Darstellungen mir dem Fruchtbarkeitskult vor- 
christlicher Zeiten zusammen und waren entweder Idole der Verehrung oder Bitt- 
opfer um Verleihung von Kindersegen. 

Bekannt ist die Schilderung des Gottes Fricco in einem Heiligtume der Nord- 
germanen in Ubsola aus der Hamburger Kirchengeschichte (IV, c. i(i) des Adam 
von Bremen. Solche Idole waren sicher auch bei den Südgermanen verbreitet, 
wie aus dem Indiculus paganiarum^) hervorgeht. 

Das Diessener Pigürchen, dem natürlich keinesw^egs ein in die heidnische Zeit 
hinaufreichendes Alter vindiziert werden soll, sondern das — es ist in der Nähe 



1) V. Kaiser, Reise von Augusta nach Viaca S. 4ff", Taf. I, Fig. 1» u. 10. Der Ober- 
donaukreis unter den Römern 3, 6G und Taf. I, Fig. 17; Jahresbericht des histor. Vereins 
im Oberdonaukreis f. 1836, 3. Abt., S. 5Sf., Taf. '2, 4; Jahresbericht des histor. Vereins von 
Mittelfranken f. 1836, Fig. 1-4. M. Höfler, Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte 
Bayerns 9 und 11. W. M. Schmid, Monatsschrift des histor. Vereins von Oberbayern 
1896, 51 ff. [Tieriiguren aus Niederösterreich oben 9, 324. 463. Bärmutter oben 10, 420.] 

2) Die Abb. c gibt das Diessener Figürchen; Abb. a und b siud Figuren von Leonhards- 
buch und Penk aus dem Besitze des histor. Vereins von Oberbayern. 

3) Gap. 27 'de simulacris de pannis factis'; cap. 28 'de siniulacro cpiod per campos 
portant'. 



216 



Weber: 



des Fundortes eine alte Leonhardswallfahrt — sicher aus christlich mittelalter- 
licher Zeit stammt, scheint aber noch ein altes Überlebsel vorchristlichen Kults 
zu sein und zeigt, dass die christliche Kirche die alte Volksanschauung und den 
alten Brauch nicht gleich verdrängen konnte oder wollte, sondern in ihren Bereich 
aufnahm und nur das anstössig Heidnische allmählich zu entfernen und umzumodeln 
sachte. Offenbar liegt dem Figürchen alte Erinnerung an vorchristliche Vorbilder 
zugrunde. Wie die kunstlos rohen Figürchen mit zum Gebet erhobenen Händen 
immer wieder in der alten Weise und Form Jahrhunderte hindurch geschmiedet 
und geopfert wurden, war dies sicher auch früher mit den phallischen Figuren 
der Fall, bis es der Kirche gelang, eine den christlichen Anschauungen mehr ent- 
sprechende Form durchzusetzen und auch die ursprüngliche Absicht der Gabe oder 
des damit verbundenen Glaubens des Volkes umzumodeln. 

Dass das Diessener Figürchen in der Nähe einer Leonhardswallfahrtskapelle 
gefunden wurde, erhöht die Annahme des Zusammenhanges mit dem Fruchtbar- 



Abb. 1. 



Abb. 





keitskult. Wie Dr. Höfler nachgewiesen hat, sind eine Menge der im Mittelalter 
wie in der späteren Zeit bei den Leonhardswallfahrten üblichen Gebräuche auf 
diesen zurückzuführen, und alter, heidnischer Volksglaube schimmert gerade in 
der Verehrung dieses volkstümlichsten Heiligen Altbayerns ganz besonders unver- 
hüllt durch. 

Erwähnt mag noch werden, dass eiserne weibliche Figürchen ausserordentlich 
selten sind und dass die vorhandenen das Kostüm des IG. und 17. Jahrhunderts 
tragen. Ursprünglich waren vielleicht auch diese Figuren nackt und mit dem 
Geschlechtsabzeichen versehen, wurden aber von der Kirche früher unterdrückt 
als die männlichen. Kindsfiguren von Eisen kommen nicht vor — was charakte- 
ristisch erscheint — , wohl aber werden sie in Wachs wie die weiblichen noch 
heute geopfert. 

München. Franz Weber. 



Kleine Mitteilunsren. 



217 



Zum deutschen Tolksliede. 

(Vsl. oben 12, 101. 21.'). .".1.".. l-'!, 219.) 
16. Das Lied von der Narrenkappe. 









=1: 



-— *— - 



1. Ihr her-ren, wölt yhr schweygen Vud hörn ein faß -nacht - spiel 
Merckt von den schönen wey - ben, Wie sie eyin stecken eyn ziell 



Wenn 







'M^^^ 



::1=:^iB=^z:4£J=:a==zi:l=:l: 
sie der bulschafft iDÜegen, sie greyffens weyßlich an, Schüppn manchen künen 









de - sren, Vnd wenn 




^1 



gen, Seyn tasch muß vor dar - an. 



Ein schön Lied von der Narren kappen, daryunen fast alle Stende der menschen 
berürt werden, wie sich eyn yeder vmb die Kappen reysset, gantz lustig tzu singen. 
M. ü. XXX. (Folioblatt des Gothaer Museums, Samraelbaud 2, 317). 

Der Text (2U Str.) ist vollständig in meiner Ausgabe von Georg Wickrams 
Werken .3, XCIII f. (Tübingen l!»0o) mitgeteilt und dort auch über die anderen 
Drucke des nicht lange vor 1500 entstandenen Liedes und seiner geistlichen Parodien 
Nachricht gegeben. Die bei Erk - Böhme (Deutscher Liederhort o, 375 f.) vor- 
geschriebene Melodie 'Von üppiglichen Dingen' stimmt nicht zum Strophenbau, 
da sie vier Zeilen mehr enthält. 

17. Die Erstürmung von Prag (1648). 



1. Ach weh, du armes Prag, 

Wo komst doch [1. durch] deine Hoffart hin, 
Daß du so wirst verachtl 
Zuvor wollst allzeit lustig seyn: 
Warumb stellst du jetzt alles ein? 
Das macht die Niderlag. 

2. Was vor ein Niderlag? 

Wol an dem sechs und zwaintzigsten 
Deß Monats Julij Tag 
Der General von Königsmarck 
Kam an mit einem Troppen starck, 
Eh dann der Tag anbrach. 

3. Er hat zwey Tausend Mann; 
Fünffhundert bey der Pagagi blieb, 
Fünffzehnhundert zu sich nahm. 
Setzt an vnd wurff die Leitern an, 
Stieg nein und die klein Seit bekam, 
Verlohr dafür kein Mann. 

4. Umb drey Uhr Morgens früh 
Fieng sich der rechte Lermen an 
Ohn alle Rast und Euh, 
Besetzte erst die Thor und Wacht, 
Sie wurden schier all nidergemacht. 
Zersprengt das Thor darzu. 



5. Hernach giengs weiter fort. 
Die gantze Stadt berennet ward 
Durch alle Gassen und Thor. 
Druff, druff, sa, sa, giengs auff und auff. 
Das Schiessen gieng gewaltig drauf. 
Als man vor nie gehört. 

G. Darnach giengs plündern an; 
Sie schlugen Thruhen und Kasten auff, 
Es plündert, wer nur kan. 
Sie sagten: 'Gib nur her das dein! 
Was du jetzt hast, ist alles mein; 
Du bist mein gfangner Mann.' 

7. Mancher lag da im Schlaf, 

Da ward erdapt der Arm und Reich, 

Der Edelmann und Graf: 

Keiner kunt da entlauffen nit. 

Es war kein Hülf, es war kein Bitt, 

Man trieb sie wie die Schaaf. 

8. Ein Soldat bekam ein Ring, 
Umb 20. Thaler er in verkaufft; 
Es war noch viel zu gering, 

Er war 3000. Thaler werth. 

Kam unter die Gottloß Juden-Herd, 

Die nahmen den Gewin. 



218 



Bolte: 



11. Da war gnng Bier und Wein, 
Ein jeder Soldat Keller war, 
Schencket ihm selber ein. 
Man soff sich toll und voll im Hauß, 
Und was man nicht kunt sauffen auß. 
Das ließ man lauffen hin. 



12. Bey mancher Gasterey 
Musten Spilleut die meng seyn, 
Musicanten mancherley: 
Aber jetzt hört man anders singen, 
Nichts dan Stück und Mußqueteu klingen. 
Damit ist man kostfrey. 



9. hoher Edler Stand, 
Warumb gehst du so schlecht herein, 
Wo bleibt dein Seiden Gewand! 
Der schlechtest Soldat in gemein 
Geht jetzt in Sammet und Seiden herein, 
Spricht: 'Das ist mein Gewin'. 

10. Der Stadthalter sprang auf. 
Zu Pferd Er sich bald setzen wolt. 
Es war schon da der Hauff; 
Gieng stark und säumet sich nicht lang. 
Die Menge Volck macht ihm schier bang, 
Gieng stracks in Weinberg nauß. 

Drey schone neue | Weltliche Lieder. \ Das Erste: | Ach weh du armes Prag, etc. 
I Das Ander: | Ich bin ein armer Ca valier, etc. | Im Thon; Laß ab, laß ab mein Cavalier. 
Oder I Eiusmal da ich Lust bekam. | Das dritte: | Wie geschieht mir, bin ich truncken» 
1 oder ficht der Todt mich an, etc. | [Holzschnitt: ein Landsknecht,] | Gedruckt im Jahr. | 
4 Bl. S". 0. 0. u. J.') — Aus einem Sammelbande des Städtischen Museums in Salzburg 
1887 von K. Weinhold abgeschrieben (Berlin, Mgo. 4-2t), Bl. 10a). 

Das Lied steht auch in dem Liederbuche 'Gantz neuer Hans guck in die Welt', 
bey Job. Jon. Felseckers sei. Erben o. J. (Berlin Yd 511G) No. 58; doch fehlt es 
in dem einzigen mir bekannten Exemplare mit dem ganzen Bogen F. Seine einstige 
Beliebtheit erkennt man aus den häufigen Erwähnungen der Melodie.-) 

In der Nacht zum 1G./26. Juli 1648 machte der schwedische General Graf 
Hans Christoph von Königsmark, von dem früheren kaiserlichen Oberstleutnant 
Ottowalsky geführt, einen kühnen Überfall auf Prag, eroberte den Hradschin und 
die Kleinseite fast ohne Schwertstreich und gewann reiche Beute. Der Stadt- 
kommandant Graf Rudolf Colloredo entkam mit knapper Not auf einem Kahne 
über die Moldau (Theatrum Europaeum 6, 320—328. 1663. M. Koch, Geschichte 
des Deutschen Reiches unter Ferdinand IIL 2, 430. 1806. Dudi'k, Schweden in 
Böhmen und Mähren 1879 S. 289— 307). Einen Ring, der 6000 Reichstaler wert 
war, verkaufte ein Musketier für 5 Taler an einen Reiter; dieser überliess ihn für 
20 einem Offizier, der von Königsmark dafür lOOO Taler und ein Pferd erhielt 
(Theatrum Europaeum 6, 328. Dudik S. 307). 

18. Schwedischer Abzug aufs dem Römischen Reich (1649—1650). 



1. Teutschland, ed - les Vat - ter - land, Jetzund kombt dir Glück zuband. Laß 



ein - mahl ab 



--Bh^ 



ri — ^ * • • • — r — n ^ 



von Wei - nen! Schlag das V - bei auß 



den Sinn! 

/TS 



10 ,—... 



:[:=t:=: 



:t: 



:,—i—0 — • — ß •— i-c( -3=33 



Trie - be Wolcken gehn da - hin, die Sonn will widrumb schei-nen. 



1) Das zweite dieser drei Lieder folgt unten als No. 19: das dritte hat Ditfurth (Deutsche 
Volks- u. Gesellschaftsliedor des 17. u. 18. Jahrh. 1872 S. 272) aus einer Handschrift mitgeteilt. 

2) Vier Anführungen des Tones 'Acli weh du armes Prag' sind nachgewiesen bei Bolte, 
Die Singspiele der engHschcn Komödianten 189;> S. 42 u. 187. Auch ein 1G78 'dem Gallasch 
zu Ehren' gemachtes Schimpflied, das eine hsl. Nürnberger Chronik im Münchner Cod. 
germ. 3587, Bl. 324a aufbewahrt hat, geht in diesem Tone. 



Kleine Mitteilung-en. 



219 



2. Was all Welt so lang begehrt, 
Ist vns nun von Gott beschert, 
Die Zeit hats endlich geben: 
Trauren sich in Freud verwendt; 
Hat es keinem je bekennt, 
Das ichs noch wurd erleben. 

o, Mord vnd Krieg hat auffgehert, 
Rauben, Brennen nicht mehr wehrt, 
Der Frid hebt an zu blicken. 
Krieger ziehen auß den Feld, 
Reissen nider die Gezelt: 
Es wird sich besser schicken. 

4. Auß den Posten wohl bestellt 
Ziecbt nun auß der Schwedisch Held, 
Er ließ jhms nicht entraumen. 

In den gantzen Römisch Reich, 
Mähren vnd in Boheimb zgleich 
Die Vestung mueß er räumen. 

5. Romisch Reich, der Teutschen Macht, 
Wo bat dich der Krieg hinbracht, 

Wie übel ist dir gangen! 
All dein Reicht])umb gieng dahin, 
Schwerd vnd Fewer war dein Gwin, 
Den Lohn hast du empfangen. 

6. Schweden ruefst von weitten her, 
Als in dem dein Hoffnung war. 

Die du herauß geladen. 
Hast dir selbst das Schwerd gewetzt 
Vnd die Läuß in Poltz gesetzt, 
Die Schand hast mit dein Schaden. 

7. Es war alles wohl gemeint, 
Kamen als die besten Freund, 
Sie sollten dich beschützen. 
Siehe, was geschehen ist! 

Da du also sicher bist, 

Bluet machen sie dich schwitzen. 

8. Deine Macht die wurd zertrennt, 
Gantze Statt vnd Märckt verbreut 
Durch jhr tyrannisieren. 

Gold vnd Silber, Land vnd Leuth, 
Alles worden ist zur Beuth: 
Haist daß dich defendiren? 

9. Vberall war groß Vnruhe, 
Elend, Hunger, Flucht darzue. 
Der Feind thät darzue lachen. 
Kommen war es doch zu weit, 
Rew kombt offt nach rechter Zeit, 
Man mochts nicht änderst machen. 



10. du lang gewüntschter Frid, 
Wer begehret deiner nit! 

Nach dir ist immer gangen 
All mein Seufftzcn groß vnd klein, 
Stund allzeit nach dir allein 
Mein Hoffnung vnd Verlangen. 

11. Schwed, wolan, nun forth nach Haußl 
Die Comedi ist schon auß. 

Marschier, hast gnug gespillet. 
Die Fortun den Krebsgang hat, 
Euer Anschlag nit gerath, 
Nach dem jhr habt gezillet. 

12. Redlichkeit bracht jhr in Noth, 
Glaub vnd Trauen war ein Spott, 
Der Zuesag gantz zu wider 

Habt die Herberg schlecht belohnt, 
Nembt mit euch hin diese Schand. 
Geht hin, kombt nicht mehr wider! 

1.']. Schilf vnd Segl stehn bereith; 
Wenn jhr dann in Fahren seyt, 
Mein Hertz im Leib wird lachen. 
Habt jhr aber nicht gnueg Wind, 
Mit dem jhr heimbfahren kündt. 
Mau wird euch Wind schon machen. 

14. Allen Raub, den jhr weck führt, 
Kirchen vnd Altar-Gezierd, 

Mau wird daran gedencken. 
Bey vnrecht gewannen Guet 
Kan nit wohnen Lust vnd Mueth, 
Laug borgen haist nit schencken. 

15. Wann es auff der Raiß ergieng, 
Das der Sturmwind anfieng 

Vnd euch das Schiff soll sincken 
Vnd der Trunck ins Maul einlieff, 
In den Meer sechs Klaffter tieff 
Thuet das Valete trincken! 

16. Teutschland, thue die Augen auff, 
Teutsche Hertzen, merckt darauff, 
Wem jhr hinfür sollt trauen! 

Lasset falsche Freund nicht ein, 
Wolt mit Schaden witzig seyn 
Vnd auff' sie nimmer bauen! 

17. Vber Meer geflogne Gast 
Last nicht sitzen in euer Nest! 
Sie seynd hart außzutreiben. 
Schwedisch Hertz vnd Teutsches Bluet 
Thun beysammen selten guet; 

Last die La])lender bleiben! 



Dies von einem Österreicher auf den Abzug der schwedischen Truppen ge- 
dichtete kräftige Lied, das ebenso wie die vorige Nummer in den Sammlungen von 
Soltau, Hildebrand, Weller, Opel-Cohn und Ditfurth fehlt, entnehme ich aus der 
schon oben 4, 459 f. angeführten Sammlung: Ehrliche ] Gemüths-Erquickung, | Das 



220 



Bolte: 



ist: I Vnterschiedliche annehmliche | Gesänger, | Mit Trostreichen sittlichen | Lehren 
vnterraischet, | Sambt beygesetzten Melodeyen, von neuen | gemacht vnd zusammen 
getragen. | □ | Gedruckt im Jahr, 1G77. | 162 S. 8« (Aschaffenburg), S. 157, No. 32. 
Herr Prof. A. Englert in München hat mir seine Abschrift des Bandes freundlichst 
zur Verfügung gestellt. Eine zweite Ausgabe (Wienn, bei Susanna Christina Cos- 
merovin K. K. M. Hoffbuchdruckerin 1687), die um einen zweiten Teil vermehrt 
ist, beschrieb Weinhold oben 4, 3.36. 

Nach dem Abschlüsse des westfälischen Friedens ward Böhmen von den 
Schweden im Laufe des Jahres 1649 geräumt; in Mähren standen sie noch bis 
Mitte 1650 (Dudik, Schweden in Böhmen und Mähren 1879 S. 365). 



19. Soldatenliebe. 

Im Thon: Lafs ab, lafs ab, mein Cavalier, 
oder: Einsmal da ich Lust bekam. 



1. Ich bin ein armer Cavalier, 
Solches bekenn ich selber ihr. 
Mein allerschönste Dame. 

Ich hab kein Reichthum, ich hab kein Gut, 
Jedoch hab ich ein ehrlichs Blut 
Von eim ehrlichen Stande. 

2. Mein Schloß das ist ein Zeltleiu klein. 
Darin muß moiue Wohnung seyn, 

Gar schlecht ist es gezieret. 
Auf grüner Heyd und kühler Erd 
Hat mir GOtt offt mein Glück beschert, 
Damit favorisiret. 

3. Mein Tractameut ist Käß und Brod 
Und was mir sonst bescheret GOtt, 
Alles thut mir belieben. 

Wenn ich nur Lebens Mittel hab, 
Brod, Wasser und ein Pfeifif Taback, 
So laß ich mich begnügen. 

4. Meine Pistol sind mein Gewehr, 
Darauf ich mich verlasse sehr, 

Muß Ehr damit erwerben. 
Wann ich komm vor mein Feind ins Feld, 
So muß es heissen Blut oder Geld, 
Oder muß darauf sterben. 

5. Mein Beth das ist ein schwartze Erd, 
Zu mir leg ich mein scharpfles Schwerd, 
Solches muß mich bewahren: 

Ob ich zwar bin ein armer Soldat, 
Der keine grosse Mittel hat, 
Thu ich es doch nicht achten. 

G. So bin ich warlich doch nicht thum. 
Blind, lahm, sprachlos oder gar krum, 
Hab nicht gelehret Liegen. 
Mein Hertz das ist aufrichtig gut, 
Und habe keinen falschen Muth, 
Ma? auch niemand betriegen. 



7. Sondern wo man schießt Tag und Nacht, 
Daß eim das Hertz im Leibe lacht, 

Wo die Pistolen knallen. 
Wo die Trompeten brausen sehr, 
Stuck und Carthauuen noch vielmehr. 
Da thut mirs Wohlgefallen. 

8. Wo man sich rüst zu Roß und Fuß, 
Daß einer Stürmen lauffen muß. 

Da laß ich mich befinden, 
Mit grossen Freuden lauff ich an. 
Wies pflegt zu thun ein Rittersmann, 
Bleib nicht gern dahinden. 

9. Ich weiß nicht, ob ich widerumb 
Mit dem Leben von hier abkomm, 
Doch thut mir auch nicht grauen; 
Daß mir kein Kugel schaden thut, 
Gedenck ich offt in meinem Muth, 
Thu alles Gott vertrauen. 

10. Verliehr ich dann das Loben mein, 
Hab ich kein Weib noch Kinderlein, 
Die sich nach mir thun plagen. 

Da wird man mich gautz ritterlich. 
Wie es Soldaten gebühret sich, 
Mit Trompeten begraben. 

11. Drei Salva gibt man mir darzu, 
Dort lig ich sanfft in meiner Ruh, 
Schlaff süß in meinem Grabe, 

Biß daß wir werden allzumahl 
Erscheinen in deß Himmels Saal 
Wohl nach dem Jüngsten Tage. 

12. Eins bitt ich sie, mein Schiitzelein, 
Wenn ich verlier das Leben mein 

Und soll erfahren werden. 
So gedenck sie: der ists geweßt. 
Der sein Leib für mich hat gesetzt, 
Kont doch kein Gunst erwerben. 



Kleine Mitteilungen. 221 

13. Ein Brieflein hab empfangen ich 14. So weiß ich doch fürwahr gewiß, 

Von ihr, mein Schatz, das freuet mich. Daß sie unrecht berichtet ist, 

üarauß hab ich verstanden. Mein allerschönste Damen. 

Daß sie vermeynt, ich w-fir gottloß Dann mein Hertz ist aiiffrichtig gut, 

Und hatt geführt mein Leben boß Und hab fürwar ein ehrlichs Blut, 

Allzeit in fremden Landen. Darzu ein redlichen Namen. 

15. Habe also erfahren bald, 
Die Lieb sey gegen mir gar kalt, 
Das mag sich GOtt erbarmen. 
Ich bin das unglücksceligst Kind, 
Das keine Gnad bey Damen lind. 
Man liebt jetzt nicht die Armen. 

Dies Stück ist dem zu No. 17 zitierten Flugblatte aus der zweiten Hälfte des 
17, Jahrhunderts entnommen. Es geht zurück auf ein elfstrophiges Lied: 'Ich 
bin schon lang ein Cavalier, Wie ich von vielen Jahr probier, Von ritterlichen 
Namen', das DitCurth (Deutsche Volks- und Gesellschaftslieder des 17. und 18. Jahr- 
hunderts 1S72 No. 143: 'Militis explanatio') aus dem Münchener cod. germ. 4055 
abgedruckt hat, und das ich auch im Münchener cod. germ. 4088, BI. 58b fand. 
Die Anregung zu diesem aber gab wieder eine vor 1G41 im selben Versmass ver- 
fasste Dichtung Gabriel Voigtländers: 'Einsmals da ich Lust bekam' (Venus- 
Gärtlein 165(; S. 144 = 1890 S. 109. Arnim - Brentano, Des Knaben Wunderhorn 
2, 32 ed. Birlinger-Crecelius. Alemannia 9, 72. Wiffueke Bilds Liederhandschrift 
Bl. 214a, wo auch auf Bl. 217a eine dänische Übersetzung folgt). Allerdings 
stellt sich hier nicht ein 'Cavalier', sondern ein 'gut Kerl' der Dame vor: „Fürs 
erst bin ich echt vnnd von einem guten Geschlecht . . . Jedoch bin ich auch nicht 
dum, blind, lahm, sprachloß oder krum . . . Ich hab keinen stoltzen Muht, mein 
Hertz ist auffrichtig gut, ich mag auch nicht liegen" usw. — Interessant ist, dass 
der Dichter der elfstrophigon 'Militis explanatio' von Voigtländer abweichend nur 
den kriegerischen Beruf seines Cavaliers schildert und von jeder Beziehung zum 
weiblichen Geschlechte absieht, dass aber der Bearbeiter der oben abgedruckten 
'Soldatenliebe' durch Abänderung der ersten Zeilen und Hinzufügung von vier 
neuen Strophen (12—15) wiederum eine Liebeswerbung hineinbringt. 

Voigtländers Weise steht nicht in seinen 1642 erschienenen 'Oden', sondern 
ist (wie L. Erk bei Birlinger-Crecelius bemerkt) nur durch den Stralsunder Orga- 
nisten Johannes Vierdanck überliefert, der im 2. Teile seiner 'Newen Pavanen, 
Gagliarden, Balletten und Correnten' (Rostock 1641) als No. 31 eine Sonate für 
drei Posaunen und zwei Hörner gibt, 'worin die Melodia des Liedes: Als ich 
einmahl Lust bekam etc. enthalten'. Ich entnehme dieser Sonate die Oberstimme 
des in dreiteiligem Takte gehenden Mittelsatzes, der Herr Prof. Dr. M. Friedländer 
freundlichst die Worte untergelegt hat, und lasse nur die Wiederholungen der 
Melodie zur 2., 3. und 5. Textzeile fort. Auch der erste Teil der Sonate enthält 
dieselbe Weise, aber, wie mir scheint, in etwas willkürlicher Anpassung des 
Rhythmus an die gerade Taktart und mit Zwischenspielen. 







Einsmahls da ich last be - kam, an - zu - sprechen ei - ne Dam, 



JSES 



jm^^^=m^^^^^^^. 



vnd sie freundlich frag - te, ob ich ihr auch wol ge - fiel, 



222 



ßolte: 



^l^^-^f^Üisfeffc 



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-1/ 



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'\Yahrlich nicht be-son-ders viel, wahrlich nicht be - son - ders viel', 

sie gar spöt-lich sag - te. 

Die andere zu unserem Liede angeführte Weise gehört dem Liede 'Lass ab, 
lass ab, mein Cavalier' an, das im 'Tugendhaffter Jungfrauen und Jungen- 
gesellen Zeit -Vertreiber durch Hilarium Lustig ron Freuden -Thal' (um 1690. 
Berlin Yd 5111) No. 57 gedruckt ist: 

Laß ab, laß ab, mein Cavalier, Daß ich und du nur allebeyd 

Und mit Manier dich reterier, In ruhiger Zufriedenheit 

Weil die Götter nicht haben wollen. Unsere Tag beschliessen sollen. (15 Str.) 

Hier enthält indes die o. und 6. Zeile zwei Silben mehr als unser Lied; 
diesem entspricht im Strophen bau vielmehr die inhaltlich verwandte No. 81 des 
Zeitvertreibers: 

Laß ab, laß ab, Cupido klein, Mein Hertz vergehen muß vor Qual: 

Thue doch nicht so tj'rannisch sejn Erbarmet euch, ihr Götter alll 

Mit deinem Feur zu brennen I | Kein Schäfferin will mich kennen. (18 Str.) 

20. Soldatenlob (1644). 



Efcie= 



— I. 



■diz 



5^E^E^=^=P^S^^ 



1. Donner, Plitz vnd Hagel - steine, AI - le Wet - ter groß vnd kleine, 



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--X 



--^ 



Wolcken - brüche, "Was - ser - fluth , Erd - be - ben vnd Fewer - gluth. 



t^_^ ? — ^ — — ^ — ^ — j^_r_,_;f* ^ — / ^-1.-1^ — / ij 

Drüsen, Pes - ti - lentz vnd Feigen, die biß an das Her - tze steigen. (36 Str.) 

Diese ingrimmige Verwünschung alles durch die verwilderten Soldaten des 
dreissigjährigen Krieges über Deutschland gebrachten Unheils ist schon mehrmals 
abgedruckt worden (Hoffmanns Monatsschrift für Schlesien 1829, 689. R. M. Werner, 
Vierteljahrsschrift f. Litgesch. 6, 433. Ein Auszug von 22 Strophen bei H. Ziegler, 
Deutsche Soldaten- und Kriegs-Lieder 1884 S. 227), aber immer ohne die dem 
ersten Drucke (Soldaten-Lob. Im Jahr Anno 1644. GBl. 4». Kerlin Ye 7091 und 
Zittau) beigegebene Melodie. Über zwei spätere Drucke und eine Handschrift 
vgl. Weller, Annalen 1, 405. 2, 561 und Werner a. a. 0. 



21. Der Waffenschmied freit eine Verlassene. 



1. Ich stund an einem Berge, 
Schaut in das Thal hinab, 
Sah ich gut Hänßle Waffen-Schmid 
Bey einem braun Annelein stahn, 
Bey einem braun Anuelein stahn. 



•2. 'Ach Waffen-Schmid, lieber Waffen- 
Mein Leid das klag ich dir: [Schmid mein, 
Ich hab mein Lieb verlohren; 
Hast dus gesehen nie. 
Weil du allein stehest hie?' 



Kleine Mitteilungen. 



223 



3. "Hast du dein Lieb verlohren 
Und klagest mirs jetzund, 
Thu dir ein anders erwehlen 
Allhie zu dieser Stund I 
So wird mein Hertz gesund." 



9. 'Ich darf nicht mehr antragen 
Ein guldnes Riugclcin, 
Trag ich unter meinem Hertzen 
Ein kleines Kindelein: 
Wer wird der Vatter seyn?' 

10. "Trägst du unter deinem Hertzen 
Eiu kleines Kindelein, 
Ich will dirs helffen erziehen, 
Wil selbst der Vater seyn. 
Das Kind ist dein und mein." 



4. Sie sich nicht lang bedachte 
Und macht nicht Wunders viel, 
Freundlich sie ihn anlachte, 
Thut, was er haben will: 
War ihrer beyder Will. 

5. Der Waffeu-Schmid thät sich schwingen 

Wol in das grüne Gras; 

Er biiut [I] dasselbig braun Annelein, 

Biß daß sie zu ihm saß 

Wol in das grüne Graß. ^„ , . ^ 

[Schmid mein, 

6. 'Ach Waffen-Schmid, lieber Waffen- 
Wie thut mir mein Hertz so wehl 
Laß mich ein kleine Weil ruhen, 
Biß mir der Schwindel A'ergeh 
Wol in dem grünen Kleh!' 

7. Der Waffeu-Schmid grif in die Taschen, 
Zog rauß drey Muscatbluh: 
"Nimb hin, du holdseeliges Annelein, 
Hab dir die Muscatbluh, 
Biß dir der Schwindel vergeh!" 

8. Was hätt er an der Hände? 
Von Gold ein Eingelein: 
"Jungfrau, das wil ich dir schencken, 
Solt allzeit dincken mein 
Und statigs bey mir seyn." 

Zwey schöne newe | Weltliche Lieder, | Das Erste: | Vom Edlen Lindeuschmid. 
! Im Thon: | Es geht ein frischer Sommer daher. | Das Andere: | Ich stund auf einem 
Berge, etc. | Der Waffenschmid genannt. | [Holzschnitt: ein Reiter.] | Augspurg, | Gedruckt 
bey Jacob Koppmayer. | -iBl. S" o. J. [um 1G8U]. — Aus einem Sammelbande des Städtischen 
Museums in Salzburg 1887 von K. Weinhold abgeschrieben (Berlin, Mgo. 42i), Bl. Sb). 

Dass sich ein Jüngling des von einem anderen verführten Mädchens annimmt 
und sie zu ehelichen verheisst, ist eine dem älteren Volksliede sonst fremde 
Situation; höchstens könnte man 'Ich armes Meidiein klag mich sehr' in G. Porsters 
Frischen Liedlein 2, 67 (1540. Neudruck von E. Marriage l!»0o) heranziehen. Doch 
klingt unsere Ballade öfter im Ausdrucke an bekannte Lieder an; an die Nonne 
(Erk-Böhme, Liederhort No. 89 a— c): 'Ich steh auf einem hohen Berg, seh nunter 
ins tiefe Tal . . . Was zog er von dem Pinger? Ein goldnes Ringelein. Sieh da, 
du Hübsche, du Peine, das soll dein Denkmal sein', — an die Liebesprobe (Erk- 
Böhme No. G7e— f): 'Ich hab verloren mein schön Herzlieb; habt ihr ihn nicht 
Ternommen? . . . Was zog er von seinem Pinger? Von rotem Gold einen Ringe. 
Schöne Jungfrau, das will ich euch schenken, wollt eures Buhlen nimmer gedenken', 
— und an den Totwunden (Erk-Böhme No. 96a, vgl. No. 122): 'Ich geh mit einem 
Kinde. Gehst du mit einem Kinde, wollt Gott, ich sollt der Vater sein.' 

Berlin. Johannes Holte. 



11. Was zog er aus der Taschen? 
Drey Gulden, die waren roth: 
"Nim hin, du holdseeligs Annelein, 
Und kauff dir Wein und Brodt, 
Leid mit dem Kind keine Noth." 

12. 'Wo soll ich mit dem Kiudlein hin? 
Ich darffs nicht sehen lahn. 

Geh ich für Ritter und Grafen, 
Sie schauen mich darumb an, 
Wo ichs genommen han.' 

13. "Gehst du für Ritter und Grafen, 
Wann sie dich schauen an, 

Sag du, es gehör eim Waffen- Schmid, 
Er sey dein ehelich Mann, 
Der wird dich nicht verlahn." 

14. Wer ist, der uns diß Liedlein 
Zum erstenmahle sang? 

Das hat ein Waffen-Schmid gethan. 
Ein frischer junger Mann, 
Der Schmiden gar wol kan. 



224 Abeking: 

Stern- und Wetterkunde des portugiesischen Yolkes. 

In der 'Tradieao' 4, 123f. 137-139 (1902) teilt Arronches Junqueiro unter 
den abergläubischen Meinungen und herkömmlichen Gebräuchen von Setubal 
folgendes über Stern- und Wetterkunde mit. 

Fest glaubt das portugiesische Landvolk an den Einfluss des Mondes auf die 
Erde und ihre Bewohner. Der Mond ist beim Witterungswechsel wirksam; er 
beeinflusst Pflanzen, Tiere, Männer, Frauen, Eier, Samen, kurzum alles, und ist 
auch in allerlei Redensarten eingedrungen, vom Honigmond (lua de mel) bis zum 
Märzmond (lua marcalina). Im März soll der Mond den Pflanzen und Prucht- 
knospen Frost bringen. Das entspricht dem französischen Glauben an die 'lune 
rousse'. „Der Mond frisst die Wolken", sagen die Männer an der See, in der An- 
nahme, dass sein Licht die Wolken auflöse. Die Mondphasen haben Einfluss auf 
die Witterung: „Bei Neumond Donnerwetter gibt dreissig Tage Regenwetter." „Der 
Mond liebt Wasser", sagen die Landleute; „das Jahr, das er regiert, ist ein Regen- 
jahr." Auch die Stellung der Mondviertel wird in meteorologischer Hinsicht ge- 
deutet. „Liegt der Mond, steht der Seemann" (schlechtes Wetter). „Steht der 
Mond, sitzt der Seemann" (gutes Wetter). Der Strahlenkranz um den Mond kündigt 
sicher Regen an. — Auch die Pflanzen beeinflusst der Mond. Je nach seinen 
Phasen wird das Säen, das Ab- und Beschneiden, Pfropfen, Jäten, kurz jede land- 
wirtschaftliche Arbeit ausgeführt. Die Saat muss bei dunkelem Mond geschehen, 
d. h. einige Tage vor oder nach Neumond; Holz-, Rohr-, Weinschneiden, alles 
was trocknen soll, bei abnehmendem. Beschneiden und Pfropfen bei zunehmendem 
Monde. Alle Saaternten verlegt man auf den Vollmond, ebenso vermutlich aus 
demselben Grunde den Fang der Schaltiere (mariscos). „Der marisco füllt und 
leert sich mit dem Mond", sagen die Fischer, behaupten, dass diese Meerestiere 
nur bei Vollmond dick und voll seien. Nach altem Glauben hängt auch das 
Wachstum mancher Pflanzen vom Monde ab. Wer Gurken an eine Stelle sät, 
die der Mond nicht trifft, wird keine ernten. „Gurke ohne Mond bleibt unreif", 
sagt das Sprichwort. Dagegen sollen sie beim Mondlicht so stark wachsen, dass 
man es knistern hört. — Der Einfluss des Mondes zeigt sich auch bei den Tieren. 
Während er jedoch auf die Pflanzen immer wohltätig wirkt, abgesehen vom März- 
mond, verhält er sich bei den Tieren etwas anders. Der Mond beherrscht den 
Fischfang, die Jagd, die Aufzucht usw. Die Bäuerin, die ihre Henne setzt, achtet 
darauf, dass das Auskommen der Küchlein mit Neu- oder Vollmond zusammenfällt. 
Sie ist überzeugt, dass die bei abnehmendem Mond ausgekommene Brut schwach 
ist und nach einigen Tagen stirbt. Der Mond bestimmt auch die Brunstzeit der 
Tiere. Vom Tier in diesem Zustand sagt man: „Es ist mondsüchtig." Ebenso 
sollen periodische Augenkrankheiten der Pferde mit den Mondphasen in Zusammen- 
hang stehen. — Beim Menschen beginnt der Einfluss des Mondes schon in der 
allerfrühesten Entwicklungsperiode vor der Geburt und endigt nicht einmal beim 
Tode. Glauben doch manche, dass in Mondnächten die Toten herauskommen, aus 
Sehnsucht nach der Sonne. Nach der Geburt wird der Einfluss des Mondes dem 
Kinde verderblich. Die Mütter vermeiden sorgsam, das Kind den Strahlen des 
Mondes auszusetzen, und dehnen diese Vorsicht sogar auf die Wiege und die 
Wäsche aus. Irgend eine Änderung im Befinden wird auf den Mond geschoben; 
dann heisst es sofort: „Das Kind hat den Mond." Die Haare der Kinder werden 
bei zunehmendem Monde geschnitten, damit sie wieder schnell und reichlich 
wachsen. Das Volk glaubt an den Einfluss des Mondes auf das Nervensystem. 
Epileptische Anfälle sind Einwirkungen des Mondes. Irre leiden bei Mondwechsel. 
Natürlich hat der Mond wie alles, was die inenschliche Neugier reizt, seine Sagen. 



Kleine Mitteilungen. 225 

Manche erkennen im Monde einen Mann mit einem Holzbündel, als Strafe für 
Sonntas'sentheiligung, andere sehen in den Flecken ein menschliches Gesicht. 
Trotzdem das Volk vom Einfluss des Mondes auf Ebbe und Flut nichts weiss, 
beachtet es doch die Übereinstimmung dieser Phänomene mit der Stellung des 
Erdtrabanten: „'Vollmond oder Mond, der neu, Meeresstrand dann um halb zwei." 
Auch ist der Mondglanz Gegenstand der Beobachtung: „Januarmond hat nen 
Partner nicht, Augustmond fallt aufs Gesicht." Ebenso bemerkt man das Zu- 
sammentreffen des Vollmondes mit Ostern: „Keine Passion ohne zunehmenden 
Mond, kein Gründonnerstag ohne vollen Mond." Zum zerstreuten Menschen spricht 
man: „Du wandelst auf dem Mond", oder: „Du bist wohl im Mond!" In der Tat 
passt der Mond mit seinen verschiedenen Phasen und Flecken vorzüglich für die 
ihm im Volksglauben zugewiesene Rolle, dem Beobachter schädliche oder nützliche 
Ereignisse vorauszusagen und über alle irdischen Wesen die Oberaufsicht zu führen. 

Unter den Sternen werden zwar nur wenige vom Volke mit besonderen 
Namen bezeichnet, doch sind diese samt den daran geknüpften Beobachtungen 
und abergläubischen Vorstellungen interessant genug. Man unterscheidet den 
Nordstern (Polarstern), den Morgenstern, Ochsenhirten- oder Hirtenstern, den 
Abendstern, den Schwanzstern und Fallsterne. Neben diesen alleinstehenden 
Sternen kennt man als Sterngruppen: Sankt Peters Stuhl (den grossen Bären), die 
drei Marien (Delta, Epsilon und Zeta im Orion), und das Siebengestirn (die Plejaden 
im Stier). Die Landleute sagen, dass der Hirt (Sirius) den Hirtenstab (die drei 
Marien) in die Herde (Siebengestirn) werfe. Natürlich sind auch die unbenannten 
Sterne ihrer Stellung nach bekannt. Fragt man einen Hirten nach der Zeit, so 
blickt er zum Himmel auf und bestimmt die Zeit annähernd auf die Minute. Man 
bemerkt auch, das Verschwinden der Konstellationen: „Es ging keiner aus und 
wird keiner gehn, den Siebenstern im Mai schon zu sehn", ohne damit aber den 
Lauf der Sonne im Tierkreis zu verbinden. — Den Nordstern suchen die Fischer 
am Firmament als ihren Führer. Kein Seemann, der ihn nicht kennt; der Land- 
mann dagegen schätzt die Wetterkunde höher. Ihm gibt der Morgenstern, 
Ochsenhirtenstern oder Hirtenstern, ein Stern oder Planet erster Grösse, der vor 
der Sonne aufgeht, das Zeichen, mit der Tagesarbeit zu beginnen. Der Abend - 
Stern, ein Stern erster oder zweiter Grösse (Venus oder Merkur), ist nicht so 
wichtig, da ja schon der Sonnenuntergang das Aufhören dei Feldarbeit veranlasst. 
Der Abendstern ist der Stern der Dichter und der Faulen, die den Morgenstern 
selten sehen. — Ins Gebiet des Aberglaubens führt uns der Schwanzstern, 
worunter man allerhand Vagabunden des Weltenraumes versteht. Seit dem grauen 
Altertum waren ja die Kometen ein Gegenstand des Schreckens für die Völker; 
Krieg, Pest, Erdbeben wurden durch ihr Erscheinen verkündet. Dank der allge- 
meineren Aufklärung erscheinen sie zwar heute nicht mehr als Schreckbilder; 
immerhin betrachtet das Volk sie keineswegs mit Wohlwollen. Wenn der Nacht- 
himmel einen Kometen zeigt, betet man im Dorf, dass jener doch verschwinden 
möge; .,wenn er auch nichts Böses tut, tut er auch niemand Gutes." Er wird auch 
Signal genannt, Vorbote kommenden Unglücks. — Der Fall der Sternschnuppen, 
den man 'Sternentanz' nennt, zeigt den Tod des Königs oder einer Person aus 
königlichem Hause an. Wenn ein Stern in einem Lichtstreifen am Himmel ver- 
schwindet, ist es eine Seele, die zur Hölle fährt. — Von den Planeten gilt im Volks- 
munde nur, dass jedes Jahr von einem solchen regiert werde; aber man weiss nichts 
Besonderes von ihnen und beachtet ihre Bewegung in den Konstellationen nicht. 

Charlottenburg. Marie Abeking. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. 15 



226 Lauffer: 

Berichte und Büclieranzeigen. 



Neue Forschungen über Wohnbau, Tracht und Bauernkunst 

in Deutschland. 

(Schluss zu i;'), o.jU — o4().) 

Unter denjenigen Arbeiten, die sich mit Trachtenkunde befassen, nennen wir 
zunächst das längst bekannte Werk: 'Zur Geschichte der Kostüme'*), welches 
in einer neuen Auflage erschienen ist. Das die verschiedensten Zeiten und Völker 
umfassende Werk ist auch jetzt noch nach der Nummer der Münchener Bilderbogen, 
aus welchen es zusammengesetzt ist, geordnet, und um den i'berblick zu erleichtern, 
ist ein alphabetisch nach Völkern und bei diesen nach der Zeitfolge geoi'dnetes 
Sachregister beigefügt. An der Hand dieses Registers haben wir uns ja längst 
gewöhnt, das W^erk zu benützen, allein es ist doch wohl zu wünschen, dass bei 
künftigen Neuauflagen an Stelle der äusserlichen Zusammenstellung nach der 
Reihenfolge der Nummern eine mehr systematische Anordnung gewählt werde. Im 
übrigen aber wünschen wir dem Werke, welches mit seinen hinreichend grossen 
und gut gezeichneten Abbildungen schon so viel dazu beigetragen hat, die Trachten- 
kunde populär zu machen, auch fernerhin eine reichliche Verbreitung. Für 
diejenigen, denen es besonders auf deutsche Trachten ankommt, hebe ich noch 
ausdrücklich hervor, dass Deutschland allein mit 45 Blättern, das sind 180 Kostüm- 
gruppen, bedacht ist, und unter diesen wieder befindet sich neben den historischen 
Kostümen auch eine grosse Reihe ländlicher Trachten, eine Nebeneinanderstellung, 
die sehr gut ist. Hoffentlich werden dadurch recht viele veranlasst, beide mit 
einander genau zu vergleichen, um die vielen zwischen ihnen bestehenden Ver- 
wandtschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse zu erkennen. 

Von kleineren Mitteilungen zur Geschichte deutscher Bauerntrachten erwähne 
ich einen Aufsatz von E. Clemenz, 'Die Föhringer Tracht seit dem Ende des 
18. Jahrhunderts'-), welcher auch die volkstümlichen Bezeichnungen der Einzelteile 
dieser nordfriesischen Tracht enthält und mit vier farbigen Trachtenbildern versehen 
ist. Ferner verweise ich auf den Vortrag von E. Kück, 'Die alte Frauentracht 
der Lüneburger Heide', der im Auszuge in dieser Zeitschrift 12, 47-J wieder- 
gegeben ist. 

Mit ganz besonderem Lobe möchte ich aber, obwohl es aus dem Rahmen der 
deutschen Volkskunde herausfällt, auch hier nennen: Franz Kretz, 'Mährisch- 
slowakische Hauben'^). Über die slowakische nationale Kunst ist bislang trotz ihrer 
Bedeutung noch nicht gearbeitet worden. Kretz hat sich ihre planmässige Be- 
arbeitung vorgenommen und macht den Anfang dazu mit vorliegendem vortrefflich 
ausgestatteten Werke über die Hauben. Dieses Kleidungsstück ist das Zeichen 
der verheirateten Frau und wird daher mit besonderer Sorgfalt behandelt. Alle 
Fertigkeit der Stickerei, die das kunstvollste Gebiet der slowakischen Volkstätigkeit 
ausmacht und sich auch auf Kopftücher, Hemdärmel, Hochzeits- und Taufgangs- 



1) Münchener Bilderbogen. München, Braun & Schneider. 1 1:1 Bogen mit l.'vj Kostiim- 
bildern. Preis: schwarz i;!,l(t Mk., koloriert 24,-2Ö Mk. (Einzelne Bogen K», kol. 20 Pf.). 

2) Mitteilungen aus dem Altonaer Museum 1902, Heft:'., S. 47—51. 

:)) Mit Einleitung. ."8 farbige Tafeln. Wien, Anton Schroll & Co. 11)02. 4°. 10 Mk. 



Berichte und Bücheranzeigan, 227 

Umhängtücher, Wöchnerinnenvorhänge und Männerhemden erstreckt, wird auf die 
Ausstattung der Hauben übertragen. Daher sind dieselben, wie Kretz sagt, 'die 
ältesten Quellen des nationalen Ornamentes, welches ein Zeugnis ablegt für die 
Lebenslust und künstlerische Schaffensfreude, die noch heute ein wesentliches 
Charakteristikum der Slowaken bilden'. Die Hauben sind unter gleichzeitiger An- 
wendung von reichem Durchbruch mit Seide auf Leinen gestickt, und zwar zeigen 
alle dreierlei Stickerei: einen schmalen Rand, ferner den Hauptrahmen und endlich 
das Mittelfeld mit dem Hauptornament. Besonders dieses letztere zeigt eigentlich 
nur wenige verschiedene Muster, aber die bäuerlichen Stickerinnen beherrschten 
sie so sehr, dass sie je nach Notdurft oder Belieben sie zu verändern in der Lage 
waren, worin der Verfasser mit Recht ein sicheres Zeichen für die hohe Blüte dei 
Kunststickerei erkennt. Ebenso ist die Verteilung der wenigen Farben mit einem 
ganz erstaunlichen Geschmack vorgenommen. Die Ornamente haben alle besondere 
volkstümliche Bezeichnungen, die Kretz für unübersetzbar erklärt. Immerhin wäre 
es sehr wünschenswert gewesen, dass sie mit einer, wenn auch nur annähernden 
Erklärung wiedergegeben wären. Die Reproduktionen, die den Inhalt der aus 
Kunovic und Umgegend zusammengebrachten Privatsammlung des Verfassers wieder- 
geben, sind ganz vortrefflich. Muster sowohl wie Sticktechnik lassen sie bis ins 
einzelne deutlich erkennen, und so könnten diese Abbildungen für manche Publi- 
kation deutscher Trachtenstücke, man denke nur an die Stickereien auf Tüchern, 
Strumpfzwickeln oder Brustschmuck, an Brautkronen, Passauerhauben, Hessen- 
käppchen usw., als gutes Muster dienen. Was die Frage der Weiterbildung bezw. 
Wiederbelebung der slowakischen Stickereikunst angeht, so glaubt der Verfasser, 
meines Erachtens mit vollem Recht, nicht an eine solche, und in diesem Sinne 
zitierte er eine ebenso schöne wie richtige Äusserung des dänischen Gelehrten 
Svend Grundtvig: „Was den Ursprung der nationalen Kunst anbelangt, so bildet 
sie etwas historisch in sich Beendigtes und Abgeschlossenes; sie wiederholt sich 
nicht mit der Zeit, sondern nimmt in der Entwicklung der Völker einen bestimmten 
Platz ein. Nur eine einzige Epoche in dieser Entwicklung ist ihr günstig; falls 
sie in dieser nicht aufwächst, geschieht dies nimmermehr. Gleichwie die Märchen- 
zeit den Völkern niemals wiederkehrt, so ähnlich auch die Volkskunst; denn sie 
bildet gerade so etwas in sich Abgeschlossenes, eine so nötige Periode in der 
geistigen Entwicklung der Völker, wie die Zeit der Märchen." 

Damit sind wir schon in eine Frage hineingekommen, welche die wissenschaft- 
liche Beschäftigung mit der eigentlichen Bauernkunst zurzeit fast völlig beherrscht. 
Wir werden daher noch öfter genötigt sein, in dieser Frage entschieden Stellung 
zu nehmen und unsere Meinung durch Zustimmung oder Ablehnung bei Behandlung 
der einzelnen literarischen Erscheinungen zu erkennen zu geben. Zunächst ist 
aber über den stetigen Portgang zu berichten, den die allgemeine Anerkennung 
der volkskundlichen Altertümer als Ausstellungs- und Sammelobjekte auch im ab- 
gelaufenen Jahre erfreulicher Weise genommen hat. So hat das Germanische 
Nationalmuseum von einer neu angelegten umfangreichen Sammlung bäuerlicher 
Altertümer zunächst bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Jubiläums eine stattliche 
Reihe von Bauernstuben eröffnet, über die ich in den nächsten Heften des 'An- 
zeigers' des Museums eingehend Bericht erstatten werde. So hat die grosse 
Düsseldorfer Ausstellung auch volkskundliche Denkmäler in ihren weitgespannten 
Kreis gezogen. So ist eine grössere Reihe kleinerer volkskundlicher Ausstellungen 
veranstaltet worden: ich erinnere an diejenige in Peuchtwangen und besonders an 
die 'Ausstellung für Volkskunst in Kaufbeuren', auf die wir weiterhin noch näher 
zu sprechen kommen werden. 

15* 



228 Lauffer: 

Diese immer mehr um sich greifende Sammeltätigkeit hat zunächst zur Folge 
gehabt, dass eine Anzahl museumstechnischer Schriften erschienen sind, auf die 
wir hier kurz eingehen müssen. Am 1. März 1902 hat Oberamtsricliter a. D. 
F. Weber im historischen Verein in Oberbayern einen interessanten Vortrag ge- 
halten über: 'Die lokalen historischen Vereine und Museen in Oberbayern', der in 
der Altbayerischen Monatsschrift Bd. S gedruckt und auch als Sonderabdruck er- 
schienen ist. In dieser Form ist er offenbar als eine Art Arbeitsprogramm für 
die Lokalmuseen gedacht, und er eignet sich in seiner klaren Form und, wie mir 
scheint, sehr richtigen Anschauungsweise auch gut dazu. Nach Weber verteilen 
sich die Aufgaben jener Museen, wenn man von ihrer Sammeltätigkeit absieht, auf 
die Vorgeschichtsforschung, die Ortsgeschichte, die lokale Kultur- und Kunst- 
geschichte und insbesondere auf die Volkskunde. Diese Aufgaben werden im 
einzelnen näher behandelt und der Nutzen solcher Tätigkeit dargelegt, wobei die 
Schrift zum Schluss dann freilich in eine recht heftige Polemik gegen 'die um- 
klammernde Tätigkeit des Museums für Völkerkunde in Berlin' ausläuft. Jedenfalls 
ist die kleine Schrift allen, welche lokale Sammlungen zu pflegen haben, zur 
Kenntnisnahme zu empfehlen. Sie bietet auch manche wertvolle Anregung für 
denjenigen, der sich die wissenschaftlichen Aufgaben der grossen historischen 
Museen klarmachen will, eine Frage, die infolge der überaus kräftigen Einwirkungen 
der Kunstsammlungen und der Kunstgewerbemuseen mehr und mehr verdunkelt 
ist und möglichst bald einer grundsätzlichen Klärung dringend bedarf. 

Eine Besprechung der verschiedenen Arten von Sammlungen sowie ihi-er 
wissenschaftlichen Aufgaben ist zum Teil vorgenommen worden von Robert 
Mielke, 'Museen und Sammlungen. Ein Beitrag zu ihrer weiteren Entwicklung' '). 
Leider kann ich nicht finden, dass es immer mit der wünschenswerten Klarheit 
geschehen ist. Vor allem sind mir die verschiedenen ästhetischen und archäo- 
logischen Aufgaben nicht genug auseinandergehalten. Zwar müssen ja in der 
Praxis viele Museen beide Aufgaben gemeinsam erfüllen, aber das hindert doch 
nicht, sie theoretisch scharf zu trennen. Ibrigens sind die betreffenden Stellen für 
Mielke nicht die Flauptsache. Ihm kommt es vor allem darauf an, energisch für 
die jetzt mehr und mehr entstehenden kleinen Ortsmuseon einzutreten. Er meint 
(S. ''22) in ihrem Erscheinen 'eine Bewegung von rein ethischer Bedeutung' erkennen 
zu sollen, 'die in letzter Linie wieder befruchtend auf die Kunst zurückstrahlen 
wird'. In den Vortrag spielen hinein die von mir meistens nicht geteilten modernen 
Ideen von Heimatkunst und Kunsterziehung, auf die wir hier nicht näher eingehen 
können. Ich schliesse mich aber Mielke völlig an, wenn er zu dem Schlüsse kommt, 
dass der Staat 'auch in den Ortsmuseen eine starke, von der Entwicklung getragene 
Form wird erkennen müssen, die ihre Kräfte vorurteilsfrei in den Dienst der 
Allgemeinheit und eines echt volkliclien Gedankens stellt'. Ebenso begrüsse ich 
mit Freuden die warme Fürsprache, mit der der Verfasser für das Museum für 
deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes in Berlin eintritt. Die 
Verhältnisse dieser vortrefflichen Sammlung volkskundlicher Denkmäler liegen 
leider in der Tat so, wie Mielke (S. 7) sagt: „Der preussische Staat, der das Museum 
geschenkt erhalten sollte, hat keine N'eigung gezeigt, das Unternehmen zu über- 
nehmen und fortzuführen, und die Gefahr, dass die Sammlung wieder auseinander- 
fällt oder nach ausseriialb an den ersten besten Staat oder eine Stadt gegeben 
werden muss, die die Fortsetzung gewährleistet, rückt immer näher." Aufrichtig 
wünsche ich, dass Mielkes Notschrei Erfolsr haben und das Museum aus seiner 



1) Berlin, Franz Wunder litOo. .!!) S. S' 



Berichte und Bücheranzeigen. 22I> 

unwürdigen Lage befreit werden möge. Ich selbst habe gleichfalls im abgelaufenen 
Jahre einen schwachen Versuch gemacht, auf die traurigen äusseren Verhältnisse 
jenes Museums hinzuweisen, indem ich zugleich vorschlug, seine Sammlungen mit 
einem deutschen Freiluftmuseum zu verbinden i). Aliein ich fürchte, solche litera- 
rische Hilferufe werden nicht viel ausrichten, hier können nach wie vor nur niuseo- 
logische Taten und wissenschaftliche Leistungen den Weiterbestand und den wohl- 
verdienten Ausbau des Museums gewährleisten. 

Weshalb übrigens Mielke der Tatsache, dass das germanische Museum eine 
den Berliner Sammlungen an Umfang nicht viel nachstehende Abteilung bäuerlicher 
Altertümer eröffnet, ein so wenig freundliches Interesse entgegenbringt, ist mir 
nicht recht verständlich. Dem Volkstrachtenmuseum wird durch jene Sammlungen 
in keiner Weise Eintrag getan, und im Interesse der Volkskunde sind sie meines 
Erachtens mit allerlebhaftester Freude zu bcgrüssen. 

Wir wenden uns nun den Arbeiten zu, die speziell der Erforschung deutscher 
Bauernkunst gegolten haben. Ich sage 'Bauernkunst', obwohl ich weiss, dass 
zu der hierhergehörigen Gruppe äusserer Denkmäler auch viele kleinbürgerliche 
Leistungen zu zählen sind. Allein der Ausdruck 'Bauernkunst' scheint mir 
immer noch viel besser als der Name 'Volkskunst', der nur geeignet ist irre- 
zuführen. Wer sich ein meines Erachtens zutreffendes Bild von dem machen 
will, was man unter der sogenannten 'Volkskunst' zu verstehen hat, dem 
empfehle ich dringend einen Aufsatz von Albrecht Kurzwelly, 'Lage und 
Zukunft der Volkskunst' 2). Um zu einer sicheren Beurteilung unserer ländlichen 
Kunstübung zu kommen, und um auf die heute fast immer unmittelbar damit 
verbundene Frage nach der Möglichkeit ihrer Wiedererweckung und Weiter- 
bildung eine begründete Antwort zu finden, schlägt Kurzwelly zwei Wege ein. 
Einmal beobachtet er die Lebensbedingungen der heute noch bei anderen 
europäischen Nationen bestehenden Bauernkunst, und er stellt fest, 'dass die 
Volkskunst überall da noch lebendig wirkt und blüht, wo die breite Masse des 
Volkes in strenger Abgeschiedenheit von den Grossstädten mit ihrer nivellierenden 
Kultur lebt und schafft, wo sie sich noch gesunde Naivität und geistige Selbständig- 
keit bewahrt hat, mit anderen Worten überall da, wo eine eigenartige starke Land- 
bevölkerung in scharfem Kontrast zu den Städtern verharrt, und es ergibt sich 
weiterhin, dass die Volkskunst überall dort im Absterben begriffen oder ver- 
schwunden ist, wo Bildung und Fortschritt die grossen Massen der Landbewohner 
bereits erfasst haben und ihr Sonderleben mehr nnd mehr einengen und auf ent- 
legene Gegenden beschränken'. Weiterhin verfolgt Kurzwelly die Geschichte der 
Bauernkunst im eigenen Lande, ihr Werden, ihr Blühen und ihr Vergehen, eine 
Entwicklung, die im grossen und ganzen etwa drei Jahrhunderte, von der Mitte 
des 16. bis zu der des 19. Jahrhunderts, umfasst. Nach alledem kommt er zu dem 
Schluss, dass 'für die Zukunft unserer Volkskunst nicht viel zu hoffen ist". Dabei 
bitte ich besonders zu beachten: der das sagt, ist ein Mann, der den Erzeugnissen 
der bäuerlichen Kunst selbst mit offenen Augen und empfänglichem Herzen nach- 
gegangen ist, dem wir z. B. den schönen Abschnitt über die bäuerliche Kiemkunst 
in Wuttkes Sächsischer Volkskunde zu verdanken haben. Voll und ganz teile ich 
den Standpunkt, den Kurzwelly der Bauernkunst gegenüber einnimmt und S. 107 



1) Vgl. 0. Lauffer, 'Ein deutsches Freiluftmuseum'. In 'Deutsche Stimmen', Halb- 
monatsschr. f. vaterl. Politik und Volkswirtschaft 4, 91ff. {VM2). 

2) Bei Eichard Graul, 'Die Krisis im Kunstgewerbe'. Studien über die Wege imd 
Ziele der nioderaen Richtung. Leipzig, S. Hirzel, 1901. VIII, "237 S. 8 Mk. S. 88—108. 



■23(» Lauffer: 

mit den Worten zum Ausdruck bringt: „Unsere Bauernkunst hat allen Anzeichen 
nach ihre Rolle ausgespielt und kann bereits zu den abgeschlossenen Entwicklungen 
der Kunstgeschichte gerechnet werden. Suchen wir ihren besten Erzeugnissen für 
unsere veränderten Bedürfnisse, für unsere neuen künstlerischen Zwecke abzulernen, 
was immer sich ihnen an Vorbildlichem absehen lässt, suchen wir im Interesse 
geschichtlicher Wahrheit ihre Reste methodisch zu sammeln und gewissenhaft 
ihre Entwicklung zu erforschen, und wenden wir uns in der Praxis mit allem 
Nachdruck von vergeblichem Erträumen eines Volkskunstideals ab und der Durch- 
führung der wichtigen neuen Aufgaben zu, die die wirtschaftliche, soziale und 
Geschmacksentwicklung unserer Tage der Kunstpflege auferlegt." 

Ähnlich nun, wie Kurzwelly hier die Bauernkunst im Zusammenhange mit 
modernen kunstgewerblichen Fragen behandelt, finden wir sie auch bei W. Fred, 
'Die Wohnung und ihre Ausstattung'^) beurteilt. Der Verfasser möchte vor allem 
durch praktische Vorschläge den Modernen anregen (worauf wir hier nicht weiter 
eingehen), aber auch vom historischen Wohnungswesen ist mit einiger Ausführlich- 
keit die Rede, so werden auch eine Reihe von Stuben abgebildet, die für uns von 
grossem Interesse sind, weil sie die Bauernstuben lediglich als eine rückständige 
Nachahmung früherer Bürger- und selbst Herrenstuben darstellen. Ich verweise 
z. B. auf die durchaus bäuerliche gotische Stube aus Schloss Reineck (Abb. 3). 
auf die ebenso bäuerliche gotische Stube aus Sarnheim (Abb. 8) und auch auf 
den in Tiroler Gotik ausgeführten Erker in Schloss Meran (Fig. 11). Hier wie 
überall, wo es sich um die Behandlung mittelalterlicher Wohnräume handelt, wird 
auf die fast nirgend über das 16. Jahrhundert zurückreichende Tiroler Gotik oder 
auf die daraus entstandene noch spätere Tiroler Bauernstube verwiesen, wodurch 
selbstverständlich die ununterbrochene Entwicklung zugegeben ist. Gelegentlich 
bemerke ich, dass Freds Darstellung des historischen Wohnwesens in einigen 
Einzelheiten wohl der Korrektur bedarf. Auch scheint mir die Behauptung (S. 21), 
dass eine ästhetische Kultur wie die der Renaissance 'ein Sehnsuchtsziel der 
Besten unserer Zeit' sei, eine unnötige und dabei eine nicht einmal richtige Kritik 
über diejenigen zu enthalten, die eine ethische Kultur für das zunächst Wünschens- 
werte erklären. Das nebenbei. Im übrigen freue ich mich, bei dem Verfasser 
eine Beurteilung der Bauernkunst (S. '23) zu finden, die ich für völlig richtig halte 
und die in folgende Sätze zusammengefasst ist: „Es wandeln selbstverständlich die 
einzelnen Stämme jeden Stil nach der Artung der Volksseele ab, lassen Perioden 
vorbeigehen, setzen je nach Besitzstand, friedlichen oder kriegerischen Zeiten früher 
oder später ein, lassen diese oder jene Form fallen, nehmen ein Ornament des 
einen Stils zu einer Konstruktion dos anderen — die Stilreinheit ist erst eine 
Forderung unserer Zeit; wo es sich um Bildungen handelt, die nicht der einzelne, 
sondern eine Masse vornimmt oder erfährt, da gibt es keine Abgienzungeii, und 
was historisch betrachtet eine Halbheit, ein Kompromiss ist, das war im Gefühl 
der Zeitgenossen sehr oft eine naive Schöpfung aus der Unmittelbarkeit des Tages 
heraus. Unter solchem Gesichtswinkel sind die Bauernstuben zu sehen oder die 
Räume mancher deutschen oder österreichischen Stadt." — 

Die genannten Werke befassen sich alle mit einer mehr theoretischen Be- 
urteilung der Bauernkunst im allgemeinen, ohne sich auf Spezialuntersuchungen 
einzulassen. Im Gegensatz zu ihnen ist nun aber ein Werk zu nennen, das die 
Bauernkunst einer einzelnen deutschen Landschaft behandelt: Franz Zell, 'Volks- 



1) Sammhmg illustrierter Monographien, hciausg. von H. v. Zobeltitz, Heft 1 1 . Biele- 
feld u. Leipzig, Velhagen & Klasing V.m. 14S S. 8" mit KK; Abb, 



Berichte und Büclieranzeigen. 231 

kunst im Allgäu'^). Es bildet auch insofern einen gewissen Gegensatz, als der 
Verfasser, wie man aus seinen früheren verdienstvollen Arbeiten ja schon weiss, 
auf einem anderen Standpunkte steht.. Er meint (S. 26): „Es wird häufig Volks- 
kunst, Bauernkunst oder volkstümliche Kunst mit der Erklärung abgetan, dieselbe 
sei doch eigentlich nur ein Abklatsch, ein Niederschlag der höheren, der aka- 
demischen oder sagen wir der städtischen Kunst oder noch besser 'einer in der 
Schule eingepaukten Kunst'. Aber was hat beispielsweise so eine Gunkel (für 
uns das Kunstwerk eines Dorfhandwerkers) mit der 'höheren Kunst' zu tunV Man 
kann eben zu diesem Urteil nur kommen, wenn man die im Volke ausgeübte Kunst 
nur dem Verstände nach kennt, sie aber nicht mit dem Herzen erfasst und in ihr 
innerstes Wesen eingedrungen ist, mit einem warmen, verständigen Herzen, das 
all die feinen, zusammenhängenden Impulse der Volksseele, des Volksempfindens 
kennt und zu würdigen versteht. Volkskunst ist eben Herzenssache, kein 
'Kunststü', keine künstlich gemachte Erscheinung. Es war eine mit all den 
Bräuchen des Volkes und seinen Lebensanschauungen zusammenhängende Äusserung 
seines natürlichen Schönheitsgefühls und Kunstbedürfnisses, geschaffen ohne 
Museen und Kunstschule, ohne Kunstausstellung und Kunstzeitschriften. ^ 

In gewissem Sinne tut es mir leid, gerade diese Stelle anführen zu müssen, 
weil sie in einem etwas gereizten Tone abgefasst ist, allein einem Manne von 
so warmer und ehrlicher Begeisterung und von so grossen Verdiensten um die 
Erforschung der Bauernkunst, wie Zell sie besitzt, lassen wir manches hingehen, 
was wir einem anderen vielleicht etwas verübeln würden, und Zell hat in den 
bislang vorliegenden drei Lieferungen seinen Standpunkt nirgend so präzisiert wie 
hier. In manchen wesentlichen Punkten halten wir die Ansichten Zells, mit dem 
wir uns auch sonst durch das gleiche Interesse verbunden fühlen, für richtig. Wir 
bestreiten durchaus nicht, dass im bäuerlichen Hausrat den einzelnen Gebrauchs- 
gegenständen manche reizenden Sitten anhängen, und nicht minder erfreuen wir uns 
an dem tiefen Gemüt oder dem erquickend derben Humor, die sich in ihrer Aus- 
stattung betätigen. Aber durch solche Zuneigung unseres Herzens können doch 
die verstandesmässigen Erkenntnisse nicht beeinträchtigt werden. Dazu schadet es 
auch der Bauernkunst durchaus nicht, wenn sie auf ihre städtischen Vorbilder 
zurückgeführt wird. So hebt Zell denn auch selbst den bedeutenden Einfluss 
Augsburgs auf die bäuerliche Kunst des Allgäu hervor (S. 19), so geht er auch 
der Ausstattung der einzelnen Möbel mit Sorgfalt nach und zeigt, wie sie aus der 
Stadt auf das Land kommt, um dort dann von der Bauernkunst verarbeitet zu 
werden. In einigen anderen Punkten dagegen weicht unsere Auffassung von der- 
jenigen Zells ab. Das überall hervortretende Bestreben nach Wiedererweckung 
der 'Volkskunst' oder bestimmter Gebräuche (vgl. z. ß. die Sitte der Leinwandkästen 
S. 9) halten wir für aussichtslos. Ebenso lehnen wir den Begriff der Volkskunst im 
Sinne Zells ab. — Eine kurze Bemerkung zu Zells Ausspruch S. 26: 'Parbenfreudigkeit 
ist das hervorstechendste und erfreulichste Merkmal jeder unverdorbenen Bauern- 
kunst'. Es mag sein, dass das für die slavische oder für die nordische Bauernkunst 
wörtlich zutrifft, für die deutsche Bauernkunst aber bedarf es zum mindesten insofern 
der Einschränkung, als die Parbenfreudigkeit sich hier nicht immer oder nicht 
überall am Möbel äussert. Letzteres hat sogar mancherorts ganz unkoloristische 
Epochen, bei denen fast allein die Plastik (Schwarzwald, Friesland, Oberhessen, 
auch Tirol) oder die Intarsia neben der Plastik (Vierlande) herrscht. 



1) Originalaufnalimen aus der Ausstellung für 'Volkskunst und Heimatkunde' in 
Kaufbeuren — September i;»0]. Mit 3<'> Tafeln und 8G Abbildungen im Text. Vereinigte 
Kimstanstalten Kaufbeuren-München-Zürich A.-G. 190-2. Lfg. 1 — '■'>. 



232 Lauffer: 

Nun aber sehe ich ab von den Einzelheiten der Auffassung usw., die hier 
natürlich nicht übergangen werden durften, und indem ich auf das ganze Werk 
als wissenschaftliche Leistung zu sprechen komme, spende ich ihm das wohlverdiente 
g-rösste Lob. Zell hat uns mit diesem Werke ein vortreffliches Gegenstück zu 
seinen früheren Publikationen aus Oberbayern geboten, und die Grundlagen dafür 
fand er in der schönen und reichhaltigen 'Ausstellung für A'olkskunst" in Kauf- 
beuren, aus der dann das jetzige 'Museum für Volkskunst' ebendort entstanden 
ist, und aus der Zell die allermeisten Abbildungen genommen bat. Diese 
Bilder selbst, zum Teil im Text, zum Teil auf schwarzen und farbigen Tafeln, 
bieten in vorzüglicher Ausführung und bei hinreichender Grösse ein ausge- 
zeichnetes Anschauungsmaterial, aus dem wir ein wirklich klares Bild von der 
lokalen Bauernkunst des Allgäu gewinnen können. Dazu gibt Zell selbst eine 
gewandte und liebevolle Einführung in diese Kunst. Mit dem Alter derselben steht 
es hier wie fast überall in Deutschland. Über den dreissigjährigen Krieg reicht sie 
nicht zurück. Die ältesten aufgefundenen Stücke stammen erst aus dem Anfang des 
18. Jahrhunderts. Die Bemalung, die sich hier in etwas gedämpften, grauen und 
grünen Tönen hält, bedeckt das Möbel vollständig erst in der Mitte des 18. Jahr- 
hunderts, und ist von da an allgemein üblich. Hier wie auch sonst finden sich in 
der Bemalung manche Surrogate, denn, wie Zell S. 20 sagt, 'der Bauer liebt den 
Prunk, und bei Freund und Xachbar soll Bewunderung, ja vielleicht auch Neid 
erregt werden'. Das bietet nicht nur, wie mir scheint, die Veranlassung, dass in 
die bäuerliche Kunst immer wieder die formvollendetere Stadtkunst Eingang findet, 
sondern führt auch innerhalb der Bauernkunst selbst dahin, dass durch die Be- 
malung häufig eine Ausstattung oder Technik vorgetäuscht werden soll, die eben 
tatsächlich nicht vorhanden ist. So bietet Zell z. B. auf Tafel 10 eine Bettlade, 
bei der die gestemmte Arbeit von Füllung und Rahmenwerk, oder Tafel 17 einen 
Schrank, bei dem die Einlage von Holzintarsia auf Nussbaum durch die Beraalung 
nachgeahmt wird, beides gewiss ganz geschickt und ganz schön, aber ein Surrogat 
bleibt es darum doch. Rühmend ist hervorzuheben, wie Zell die einzelnen Möbel 
überall in Beziehung setzt zu Sitte und Brauch der Benutzer, und so möchte ich 
auch das sehr lehrreiche Kapitel 'Gunkel, Spinnrad und WerggabeF mit seinen 
vielen interessanten Angaben über das Spinnen und die dazu gehörigen Geräte 
besonders hervorheben. Ich kann trotz der erwähnten Meinungsverschieden- 
heiten mein Urteil über das Werk nicht besser zum Ausdruck bringen, als 
indem ich allen deutschen Landschaften eine so vortreffliche und liebevolle Be- 
handlung ihrer Lokalkunst wünsche, wie hier derjenigen des Allgäu durch Zell 
zuteil wird. 

In unmittelbarer Anlehnung an die 'Volkskunst im Allgäu" möchte ich dann 
auch jetzt schon der vom 'Verein für Volkskunst und Volkskunde' in München 
begründeten Monatsschrift 'Volkskunst und Volkskunde" gedenken, um deren 
Herausgabe wiederum Franz Zell sich verdient macht. Die Zeitschrift erscheint 
erst seit 1. Januar 1903, und ich spare daher füglich den Bericht für später auf, 
aber wir dürfen es hier nicht unterlassen, diesem schönen Unternehmen einen 
herzlichen Geburtstagsgruss entgegenzurufen. — 

Wir wenden uns nun im letzten Abschnitt denjenigen Werken zu, die mit 
mehr oder weniger lokaler Beschränkung sämtliche Gebiete der äusseren Volks- 
kunde: Wohnungswesen, Tracht und Bauernkunst in den Bereich ihrer Darstellungen 
ziehen. Da muss ich an erster Stelle erwähnen ein Werk, welches im Vorjahre meiner 
Aufmerksamkeit entgangen war: Franz von Pelser-Berensberg, 'Mitteilungen 
über alte Trachten und Hausrat, Wohn- und Lebensweise der Saar- und Mosel- 



Berichte und Bücheranzeigen. "233 

bevölkerung ')• Dieses Buch ist in zwiefacher Beziehung für uns von grossem 
Interesse, einmal wegen der Art, in der die Trierer Sammlungen, auf die das Buch 
sich stützt, zusammengebracht sind, und sodann wegen des Tatsächlichen, was uns 
hier dargeboten wird. Das Vorwort gibt darüber Auskunft, wie in Trier mit geradezu 
staunenswerter Geschwindigkeit eine recht ansehnliche Lokalsammlung entstanden 
ist. Der Grund für dieses rasche Gedeihen liegt darin, dass das Unternehmen von 
den beiden massgebenden Paktoren des Regierungsbezirks in überaus kräftiger 
Weise gefördert worden ist. Der Regierungspräsisent Dr. zur Nedden richtete 
selbst eine Aufforderung an die ihm unterstellten Behörden, nach bäuerlichen Alter- 
tümern zu forschen und in gleicherweise Hess der Bischof Korum ein ähnliches 
Rundschreiben an seine Dechanten ergehen. Weltliche und kirchliche Behörden 
haben sich dort in höchst vorbildlicher Weise zur Erforschung der lokalen Alter- 
tümer vereinigt, und der Erfolg 'übertraf die kühnsten Erwartungen'. Es wird unter 
solch günstigen äusseren Verhältnissen unzweifelhaft der Regierungsbezirk Trier 
bald zu denjenigen deutschen Landschaften gehören, über deren äussere Volkskunde 
wir weitaus am besten unterrichtet sind, znmal auch der Vorsteher der Sammlung 
V. Pelser-Berensberg sich als verständnisvollen und begeisterten Interpreten 
durch vorliegende Schrift bewährt hat. Es kommt ihm dabei zunächst darauf an, 
die Ergebnisse der gesammelten reichen Unterlagen möglichst anschaulich wieder- 
zugeben und dadurch das Interesse für die bäuerlichen Altertümer an Saar und 
Mosel zu wecken. Durch die aufeinanderfolgende Schilderung von Trachten, 
Hausrat, Hausindustrie, Bauernhaus und Bräuchen, die durch fünf vorzügliche 
Abbildungstafeln erläutert sind, gelingt ihm das in sehr schöner Weise. In sorg- 
fältigem Aufmerken auf viele Einzelheiten in Tracht und Hausrat (sehr sind auch 
die mir besonders am Herzen liegenden Herdgeräte hervorgehoben) zeigt der Ver- 
fasser grosses volkskundliches Interesse und Verständnis; so gibt er auch z. B. 
S. 41 eine gute Zusammenstellung der Gründe, die den Untergang der bäuerlichen 
Trachten herbeigeführt haben und ferner herbeiführen werden. Ebenso schildert 
er S. o3ir. die Hauptmerkmale des alten Bauernhauses im Hochwald- und Eifel- 
gebiet. Ich bemerke freilich, dass gerade in Bezug auf das Bauernhaus uns noch 
weitere genaue Mitteilungen sehr erwünscht sind, vor allem auch die volkstümlichen 
Namen der einzelnen Räume und Bauteile, über die bislang, wie es scheint, noch 
keine B'orschungen angestellt sind. Dagegen ist sehr gut die Art, wie die Haus- 
industrie behandelt ist. Dieselbe übt überall direkten Einfluss auf Tracht und 
Wohnung aus, wie man z. B. gleich aus des Verfassers Mitteilung entnehmen 
kann, wenn er S. 34 sagt: „Wurde im Dorfe Weberei getrieben, so fehlte dafür nie 
ein kleiner Raum zu ebener Erde." Kurz, wie wir für das weitere rasche Gedeihen 
der Trierer Sammlungen gute Bürgschaft haben, so sind wir auch überzeugt, dass 
das vorliegende Buch seinen Zweck vollauf erreichen wird. Das gute Verständnis 
und die ehrliche Begeisterung des Verfassers werden eine höchst schätzbare 
werbende Kraft für die weitere volkskundliche Forschung im Trierer Gebiete ent- 
falten. Leider, leider fehlt ein alphabetisches Verzeichnis der Einzelheiten. Einen 
Nachtrag zu vorgenannter Schrift hat v. Pelser-Berensberg inzwischen in der 
Kunstzeitschrift 'Die Rheinlande' geboten"), in der er unter Beigabe weiterer Ab- 
bildungen seine neuesten Forschungen über Hausrat, Tracht (Brautkrönchen), Sitten 
und Gebräuche vorträgt. 

In unmittelbarem lokalen Anschluss an jene Nachrichten aus Saar- und Mosel- 
gegend ist sodann zu verweisen auf Theodor Wolff, 'Volksleben an der oberen 



1) Trier ÜK)]. 42 Seiten 4" mit V Tafeln. 

•2) Hrsg. von Carl Schaefer. Düsseldorf, Aug. Bagel lUOi', Mai. 



234 Lauffer: 

Nahe'^). Naturgemäss finden sich denn auch manche Ähnlichkeiten, so in Küchen- 
und Stubenhohl, so vor allem auch in der höchst interessanten Anlage des 'Tack' 
mit der eisernen Tackenplatte, über deren Entstehung nähere Nachforschungen sehr 
erwünscht wären. Ebenso müsste der Geschichte des Wohnhauses näher nach- 
gegangen werden, bei dem an der Giebelseite Stube, Rüche und Kammer liegt, 
und breit davorgelagert durch die ganze Breite des Hauses der Hausgang, von dem 
aus man früher nicht direkt, sondern nur von der Küche aus in die Stube gelangen 
konnte. Alle weiteren Angaben Wolfis, besonders auch diejenigen über die Kleidung, 
darf ich bei den Lesern dieser Zeitschrift als bekannt voraussetzen. 

Wieder ist es geographisch nur ein kleiner Schritt, der uns führt zu C. Klee- 
berger, 'Volkskundliches aus Fischbach in der Pfalz'-). In einer Hinsicht bedaure 
ich es, dass der Verein für bayrische Volkskunde seine Publikationen gerade mit 
dieser Sammlung begonnen hat; denn, offen gesagt, das, was der Verein sonst bietet, 
steht wissenschaftlich bedeutend höher, als man nach Kleebergers Arbeit annehmen 
könnte. Darum hätte ich um des wissenschaftlichen Ansehens des Vereins willen 
es viel lieber gesehen, wenn man die Vereinspublikationen mit einer wissenschaft- 
lichen Arbeit, einer volkskundlichen Einzeluntersuchung, usw. begonnen hätte. Mit 
diesem Urteil will ich freilich auch Kleeberger nicht unrecht tun, den ich aus 
seiner Arbeit als einen fleissigen Sammler kennen gelernt habe. Das Buch ist 
eine sehr vielseitige Materialsammlung, die aus allen möglichen volkskundlichen 
Gebieten etwas mitzuteilen hat, ohne aber irgend einen Teil derselben für den 
betreffenden lokalen Bezirk abschliessend zu bearbeiten. So hat denn auch der Vor- 
stand des A^ereins diese reichhaltigen Zusammenstellungen, die ja von vornherein 
unter dem Titel 'Sammlungen' gegeben sind, in erster Linie wohl deshalb drucken 
lassen, um den im Lande verbreiteten für Volkskunde interessierten Dilettanten an 
einem Beispiele zu zeigen, was etwa alles zu sammeln ist. Ich zweifle auch nicht, 
dass das Ruch in dieser Hinsicht anregend wirken und den Repertorien des Vereins 
manche weiteren schätzbaren Beiträge zuführen wird. Entsprechend dem mehr 
zufälligen Sammlungscharakter des Buches kommen die einzelnen Gebiete der 
äusseren Volkskunde verschieden gut dabei weg. So finden sich über Tracht nur 
zwei Ausdrücke (S. 124), während andererseits S. 121 — TJÖ die volkstümlichen 
Bezeichnungen für die landschaftlich üblichen Geräte und ihre Teile sowie für alle 
möglichen Verhältnisse des bäuerlichen Lebens mit Sorgfalt zusammengestellt sind, 
leider freilich in alphabetischer und nicht, wie es unbedingt besser gewesen wäre, 
in systematischer Anordnung. 1 ber den Hausbau wird, wie übrigens auch Professor 
Dr. 0. Brenner, der hochverdiente Vorsitzende des Vereins, in seinem Vorwort 
ausdrücklich hervorhebt, 'noch viel mehr beigebracht werden müssen, als hier ge- 
schehen ist'. Jedoch bietet das Buch über dieses Thema einige sehr willkommene 
Angai)en begleitet von drei Abbildungen, von denen eine das Haus eines Gäuls- 
bauern, die andere das eines Kühbauern und die dritte das eines Arbeiters nach 
Ansicht und Grundriss vorführt. Kleeberger macht dabei ganz richtig darauf auf- 
merksam, „wie die Anordnung im grösseren Haus auf dieselbe Grundform zurück- 
geht wie im kleineren." Freilich zeigt auch diese 'Grundform" schon das entwickelte 
vierzellige oberdeutsche Haus: zunächst den Hausgang und dahinter die Küche, 
neben dem Hausgang nach vorn die Stube und hinter dieser neben der Küche die 
Kammer. Iber das Entwicklungsstadium, welches jener 'Grundform' vorausging. 



1) lu dieser Zeitschrift J-J, .".()8fi'. 

■J) Sammlungen des Vereins für bayerische Volkskunde und Mundartforschung Heft I . 
Kaiserslautern, Herrn. Kayser T.i(>2. VII, i:'.0 S. mit 1 Tafeln und '.i Abbildungen. 



Berichte und Bücheranzeigen. 235 

berichtet Kleeberger ebenfalls noch, indem er mitteilt, tlass die Küche in den 
älterenUcleinen Häusern mit dem Hausflur nur einen Raum bildet. Wo das aber 
der Fall ist, werden sich unzweifelhaft auch noch Häuser finden, die neben diesem 
Küchenflur nur noch die Stube aber keine Kammer weiter haben und also das 
zweizeilige oberdeutsche Haus repräsentieren. Ein weiteres Nachforschen in dieser 
Hinsicht würde sehr verdienstlich sein. Der Herd, das Hauptstück der Küche, 
wird von Kleeberger ganz anschaulich beschrieben. Leider ist aber seine Lage 
nicht in die Hauspläne eingezeichnet, ebensowenig wie diejenige des Stubenofens. 
Eine genaue Angabe über diese beiden höchst wichtigen Hausteile und ihre Lage 
zu einander darf aber nicht versäumt werden. Das Inhaltsverzeichnis des würdig 
ausgestatteten Buches ist sorgfältig und genau. Leider hilft uns das aber nicht 
über die Tatsache hinweg, dass das für eine Materialsammlung unumgänglich not- 
wendige alphabetische Verzeichnis völlig fehlt. 

Wenn ich somit trotz aller Anerkennung für Kleebergers Sammeleifer sein 
Buch doch noch nicht als Muster für die Volkskunde eines einzelnen Dorfes hin- 
stellen kann, so glaube ich, darf man dieses hohe Lob unbedingt erteilen dem 
Buche von Alois John, -Oberlohma. Geschichte und Volkskunde eines egerländer 
Dorfes'^). Freilich war es von vornherein als selbstverständlich anzunehmen, dass 
John, dieser unermüdliche und federgewandte Forscher egerländer Volkskunde, 
sein bestes geben werde, wenn er es unternahm, die Geschichte und Volkskunde 
seines Heimatsdorfes Oberlohma zu schreiben. Diese Erwartung hat sich durchaus 
bestätigt, und ich stimme Hauffen völlig bei, wenn er in seinem Nachworte Johns 
Arbeit als vorbildlich bezeichnet. Das Buch gliedert sich in einen geschichtlichen 
und einen volkskundlichen Teil, von denen der erste auf eifrigem und ausgedehntem 
Quellenstudium sich aufbaut, während der zweite zumeist auf der eigenen An- 
schauung beruht, die John in den Jahren IS.jU— 1900 sich in liebevoller Teilnahme 
an Sitte und Art der Heimat gesammelt hat. Ein überaus reiches Material weiss 
«r uns in angehmer Form darzubieten. Er geht aus von der Dorfanlage und der 
Hufen- und Flureinteilung, indem er durch die Behandlung derselben eine gute 
Grundlage für die weitere Darstellung findet und zugleich aus dem sprachlichen 
Wesen der Flurnamen feststellt, dass wir es mit einer durchaus deutschen Land- 
schaft zu tun haben. Die Geschichte der Höfe berücksichtigt zunächst die ganzen 
und halben Höfe des Dorfes nebst den dazu gehörigen Taglöhner- oder Auszugs- 
häuseln. Dann kommen die dazwischen unregelmässig eingestreuten und angelehnten 
kleineren Höfe (V^-, Vs-Höfe, Tripfhäuseln, Herbrigen), die den Kleinbauern, zumeist 
aber den im Dorfe sich ansiedelnden Handwerkern gehören. Für die Geschichte 
des Hauses bieten die archivalischen Quellen manche interessante Einzelheit. So 
begegnet uns das Schulhaus des Dorfes in der Form eines schindelgedeckten 
schlichten Häuschens. Darin wird im Jahre 1568 ein Ofen gesetzt und die Fenster 
verglast (S. 74), ferner wird in den Jahren 1643— .S4 mehrfach daran gebessert, 
denn die Kirchenrechnungen der Zeit weisen verschiedene auf das^ Schulhaus be- 
zügliche Posten auf: für Dachdecken, Ausbessern der 'Überlag' [üawa-liagh], der 
'Walln' [d. i. die vordere Giebelfront], der Türen, der Öfen, des Backofens, ferner 
an Ausstattung für einen neuen 'Lienhut', eine 'Leichten', neue 'Häfen', einen 
'Brandrost' und einen 'Brandtrager', einen 'Schlot' usw. Ebenso zeigen die Jahre 
1760—66 wieder neue Herstellungsarbeiten: Einsetzen von vier Bleifenstern, Ein- 
decken des Daches mit Schindeln, Ausräumen und Neuaufmauern des Brunnens. 



1) 'Beiträge zur deutsch-böhmischen Volkskunde'. Geleitet von Prof. Dr. Adolf Hauffen, 
4. Bd., -2. Heft. Prag, J. G. Calve 1908. IV, i;»S Seiten. Mit ;! Photographien, ". Plänen 
und einer Kartenskizze. .'! Mk. 



236 Lauffer: 

Gleichzeitig finden sich ähnliche Posten für das Pfarrhaus: Herstellung der oberen 
'Stubenkaramer' und Ofensetzen, Eindecken des Daches mit Schindeln, Herstellung 
eines Backofens und einer Gartenrinne usw. (S. 82). John gibt dann (S. lOS— 123) 
eine zusammenhängende Darstellung von Haus und Hof. Danach schliessen sich 
Haus, Stall, Scheuer und Schupfe, durch Tore verbunden, im Viereck zusammen, 
und so entsteht der egerländer Vierkant 'als charakteristische Gehöfteform des 
Egerlandes'. Die Ansicht eines solchen Gehöftes wird in einem guten Lichtdruck 
wiedergegeben, auf dem besonders das überreiche Riegelwerk gut zur Wirkung 
kommt. Das Haus selbt ist folgendermassen eingeteilt. Man betritt von der Trauf- 
und Hofseite aus zunächst den Pfletz. Dahinter liegt die Küche, die nur im 
Sommer und an Festtagen benutzt wird, mit Backofen und Speisekammer. Rechts 
vom Pfletz ist die grosse Stube mit dahinter liegendem kleinen Stübchen, links 
der Stall. Der entsprechende Grundriss, den John bietet, hätte wohl etwas mehr 
Einzelheiten geben können. Die Einzeichnuug von Herd und Ofen fehlt hier ebenso 
wie die von Möbeln und Geräten. Auch findet sich keine Angabe über Ausstattung 
und Gebrauch des kleineren Stübchens. Die Scheune wird durch eine hölzerne 
Scheidewand, das 'Lod', in 'Tennen' und 'Bansen" geschieden. Die volkstümlichen 
Namen für die einzelnen Teile von Gehöft, Wohnhaus und Stube werden S. l'S,3 
dargeboten. Dort finden sich auch die Namen für die einzelnen Geräte, die meist 
vorher schon eingehend behandelt sind: der Pflug mit seinen Teilen (S. 117), Egge 
und Sense (118), Dreschflegel (llü), Elachskultur und zugehörige Geräte (12ü), 
Kachelofen und Herdgeräte (124), Backgeräte und Essgeräte (127). Über die Frage 
nach der Vergänglichkeit und Feuergefährlichkeit der Häuser gibt eine Zusammen- 
stellung auf S. 104 Auskunft, wo sich sämtliche grössere Brände des Dorfes 
aufgezählt finden: 1545 brannte das halbe Dorf ab, 1657 das ganze Dorf, aus 
den Jahren 171)3— lüOO sind aber nur elf grössere Brände erwähnt, die sich zum 
Teil allerdings auf mehrere Häuser oder Höfe erstreckten. 

Über die Egerländer Tracht, die sich schon in den sechziger Jahren des 
19. Jahrhunderts verloren hat, gibt John S. 12.s~130 Auskunft, wie er auch S. 183 
die Namen für die einzelnen Teile zusammenstellt. Eingehend beschreibt John 
die Hochzeitstracht, bei der alle Teilnehmer mit Rosmarin geschmückt sind. Der 
Bräutigam trägt Pelzhaiidschuhe und Pelzmütze unter dem Hut, ursprünglich auch 
ein kleines Krönchen auf dem Kopfe (S. 141). Die Braut trägt Brautkroue, Masche 
mit Doppelzopf, um die Stirne den Glockenbändel, Pelz und rotgefütterten Braut- 
mantel, Rosenkranz und Gebetbuch. Der Brautmantel hat besondere Kraft, er 
vertreibt die Unholde und wird zu diesem Zwecke wieder umgetan, wenn die Frau 
der Niederkunft entgegensieht und im Wochenbette liegt (S. 16(i). Leider vermisse 
ich eine Angabe über die Egerländer Totenkronen, über die höchst wahrscheinlich 
noch manches beigebracht werden kann, (her die christliche Kunst der Bauern 
gibt der geschichtliche Teil einige Notizen. Im Jahre 1652 finden sich Angaben 
für Hirsche, Ochsen und Eselein zur Krippe (S. 79) ferner 1760—66 „for o Engl 
zur Krippen und das Jesu Kindlein butzen, dem Tischler Meister vor das hl. Grab 
zu repariren ... für zwey Hirthen zur Krippen neu zu machen und Nägl dazu" 
(S. 82). Auch das „am Xepomukaltar errichtete heilige Grab"" des Karfreitags wird 
erwähnt (S. 150). 

Nehmen wir zu alledem noch die zahlreichen Mitteilungen über Sitten und 
Gebräuche, ferner das meines Erachtens durchaus richtige Urteil des Verfassers, 
der den Untergang des lokal Volkstümlichen als eine Folge der natürlichen Ent- 
wicklung erkennt (S. l'S7) ebenso wie er „den inneren Zusammenhang zwischen 
Geschichte und Volkskunde" zum Ausgangspunkte und zur Grundlage seiner Dar- 



Berichte und Bücheranzeigcii. 237 

Stellung nimmt, so muss unser Urteil über Johns inhaltreiches Buch ein sehr gutes 
sein, ün begreiflicherweise fehlt auch hier das alphabetische Register, welches 
ich stets und bei jedem derartigen Buche mit allem Nachdruck verlangen werde, 
nicht aus Pedanterie, sondern weil ich es für unentbehrlich halte; denn ohne sie 
werden volkskundliche Einzeluntersuchungen, deren wir so dringend bedürfen, in 
geradezu unsagbarer Weise erschwert, wenn nicht für lange Zeit überhaupt un- 
möglich gemacht. 

Die Besprechung von Johns 'Oberlohma' gibt mir nun willkommene Gelegen- 
heit, zurückzugreifen auf ein anderes Werk, das wir demselben Forscher im vor- 
hergegangenen Jahre zu verdanken hatten: Alois John, Sebastian Grüner über 
die ältesten Sitten und Gebräuche der Egerländer *). John hat hier ein altes 
Manuskript über Egerländer Volkskunde der Vergessenheit entrissen, das in mehr- 
facher Beziehung Anspruch auf ein besonderes Interesse bei allen Freunden der 
Volkskunde erheben kann. Einerseits ist dasselbe für keinen Geringeren als Goethe 
geschrieben, und John schildert uns aus des Dichters Briefwechsel mit dem Rat 
Grüner sehr hübsch, wie Goethe die Sammelarbeit des Freundes mit lebhafter 
Teilnahme begleitet, und wie er immer wieder zu einer Zusammenstellung des 
gesammelten Materials anspornt. Andererseits aber sind auch Grüners Resultate 
selbst für uns von grosser Wichtigkeit, denn sie sind von einem geborenen Eger- 
länder zu einer Zeit gewonnen worden, wo das Volksleben mit allen seinen Sitten 
und Bräuchen noch ganz anders als heute den lokalen Charakter in scharfer Aus- 
prägung zeigte. Dabei ist besonders anzuerkennen, dass Grüner, dem die Volks- 
kunde als Wissenschaft noch ein fremder Begriff war, schon fast alle die Gebiete 
volkstümlichen Lebens und Denkens in den Kreis seiner Betrachtung gezogen hat, 
die auch heute noch den Inhalt der volkskundlichen Forschung ausmachen. Be- 
sonders gilt das von der inneren Volkskunde, während es für einige Abteilungen 
der äusseren Volkskunde leider nicht zutrifft. So ist der Hausbau gar nicht be- 
handelt, eine Lücke, die sich glücklicherweise heute noch ziemlich ergänzen lässt, 
wie Johns 'Oberlohma' beweist. Dass indes auch die Egerländer Bauernkunst 
ausser Betracht geblieben, müssen wir um so mehr bedauern, als Grüner seine 
Arbeit gerade in der Zeit zustande brachte, wo die Bauernkunst des Egerlandes 
auf der Höhe ihrer Produktion und auf der Höhe ihrer künstlerischen Kraft stand, 
nämlich im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Für diese Lücke heute noch Ersatz 
zu schaffen, ist schon bedeutend schwieriger. Glücklicherweise aber gibt Grüner 
gerade für den Teil der bäuerlichen Hausaltertümer, der heute schon fast ganz 
dahin ist, eine sehr erwünschte Auskunft, nämlich über die Tracht. Mit anerkennens- 
werter Vollständigkeit schildert er in der Reihenfolge, „wie sie nach und nach 
angezohen werden", die Kleidungsstücke zuerst des männlichen und dann des 
weiblichen Geschlechts. Und nicht genug damit, unterstützt er seine Beschreibung 
noch durch eine Reihe kolorierter Abbildungen. Auch diese sind in Johns Buche 
in wohlgelungenen Dreifarbendrucken publiziert worden, was der herausgebenden 
Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen 
ganz besonders hoch angerechnet werden muss. Somit ist auch dieses Buch, in 
Anerkennung für den Sammler Sebastian Grüner und in Dankbarkeit für den 
Herausgeber Alois John, bestens zu empfehlen. 

Im Anschluss an diese Egei'länder Arbeiten möchte ich auch ein Büchlein 
erwähnen, welches freilich nicht mit wissenschaftlichen Ansprüchen auftritt: Paul 



1) 18'25 für J. W. von Goethe niedergeschrieben, (Beiträge zur deutsch -böhmischen 
Volkskunde, geleitet von Prof. Dr. Hauffen. 4. Bd., 1, Heft. Prag, J, G. Calve 15)01. 
1.".7 Seiten, Mit S farbigen Holztafeln, .') Mk.). — Vgl, oben 12, 1'27. 



238 



Lauffer: 



Y. Gerstenb erger, 'Natur und Volksleben im Erzgebirge'^). Es ist eigentlich 
mehr als Unterhaltungsschrift zu beurteilen, aber es bietet dem Volkskundler 
manches Interessante. So schildert es die als Heimarbeit betriebene ausgedehnte 
Spielwarenindustrie der auf dem Kamme des Erzgebirges unweit der böhmischen 
Grenze gelegenen Orte Seiffen, Heidelberg und Umgebung. Den Bilderkreis dieser 
Bauernkunst beschreibt Gerstenberger S. 11: „Fast in jedem Hause stellt man etwas 
anderes her: hier weisswollige Schafe, dort wilde Tiere, hier zierliche Häuschen 
oder Wagen, dort Laub- und Nadelbäume und allerlei Vögel; hier hölzerne Kanonen, 
Flinten, Soldaten, Schiffe oder Eisenbahnen, dort Dominospiele, Räuchermänner, 
Zappelmänner, Klimperkästchen oder Karusselle. Einige stellen 'Sätze" zusammen: 
Puppenstuben, Jagden, Viehweiden, Holzschläge; ein anderer liefert dazu die 
leichten Holzschachteln, in denen diese Spielwaren verpackt werden. Hier und 
dort werden Tiere aus Teig gebildet, die sich durch volle, runde Formen aus- 
zeichnen. In den Drehwerken und einzelnen kleinen Fabriken werden nicht allein 
Reifen gedreht, sondern auch Kreisel, Sparbüchsen, Bau- und Schieferkästen und 
andere Massenartikel erzeugt." Eine Reihe verschiedener volkskundlicher Gebiete 
finden in dem Buche gelegentliche Erwähnung, das häusliche Leben und besonders 
die Nahrung (S. 15—17), bei deren Verspeisung Teller, Messer und Gabeln zu 
gebrauchen viele für überflüssig halten, ferner die Eigennamen, das Volkslied, 
Aberglauben, Kinderreime, Lustbarkeiten und Winterleben. Besonders möchte ich 
anführen, was der Verfasser über Weihnachten sagt: „Hier sehen wir einen kleinen 
geputzten Christbaum mit bunten Kerzen, dort eine Pyramide; hier einen schwebenden 
Engel, der Lichter trägt, dort einen vielarmigen Leuchter." Es wäre ungerecht, 
wenn wir mit dem Verfasser wegen des einen oder anderen rechten wollten, z. B. 
dass die Sprache besser behandelt sein dürfte, als es geschehen ist. Das Buch 
bietet uns ein erfreuliches Zeichen für die fortschreitende Anerkennung volks- 
kundlicher Bestrebungen. 

Zwar auch in populärer Form, aber doch mit Bewusstsein als volkskundliche- 
Arbeit bietet sich: C. Beyer, Kulturgeschichtliche Bilder aus Mecklenburg^}, welchesr 
in seinem zweiten Teile (S. 47—84) 'Des Bauern Leben und Sitte" schildert. 1 ber 
die äusseren Denkmäler, die uns hier angehen, fuiden sich dort manche Angaben, 
zunächst über das Haus (S. 76 ff.). Die Diele, an der rechts die Pferde und 
Ochsen, links die Kühe und das Jungvieh stehen, zeigt reichliche Verwendung von 
Eichenholz. Die gelehmten glatt gestrichenen Wände bestehen aus Stangen, die 
mit Stroh umwickelt und mit Lehm dick verschmiert sind. Der Boden der Diele 
ist aus hart geschlagenem Lehm hergerichtet. Hinter ihr befindet sich, durch ein 
Gatter abgetrennt und mit dem gleichen Lehmboden versehen, die sogenannte kleine 
Diele. Auf dieser steht der Herd, noch meist ohne Schornstein, gegen den die 
Bauern früher ein hartnäckiges Widerstreben gezeigt haben. Über dem Herdfeuer 
hängt der Kessel an eisernem Haken (S. 77). Die Ausstattung der Stube zeigt 
einen Tisch mit zwei Bänken. Ein mächtiger Ofen, aus Backsteinen roh auf- 
gemauert und mit hellem Lehm übersetzt, füllt ein Drittel der Stube, während das 
letzte Drittel von einem hochaufgeschütteten Ehebette eingenommen wird. Und 
dieser ganze Hausstand wird, wie Beyer ausdrücklich hervorhebt, von den Be- 
wohnern in grosser Sauberkeit gehalten. — Über die Anfertigung der Tracht lesen, 
wir S. 79: „In einer Kammer neben der Stube steht ein Webstuhl; die Bäuerin 

■2) „Getreue Schilderungen eigener Erlebnisse aus der Heimat der Spielwaren." 
Dresden, E. Pierson, 11)02. T2 S. H». 

]) Mecklenburgische Geschichte in Einzeldarstellungen, Heft 7. Berlin. ^Villl. Süssorott-, 
19():i 84 S. S". ::5,50 Mk. 



Berichte und Bücheranzeigen. 235^> 

webt selbst das von ihr im Wetteifer mit den Mägden an den Winterabenden 
gesponnene Garn und fertigt alle Kleider ihrer Familie, alles Leinenzeug für die 
Wirtschaft an, auch versteht sie das einfachere Färben recht gut. Die eigen- 
gemachten Stoffe sind unverwüstlich, wie der Bauer versichert, seinen leinenen 
Kittel nützt er seit vielen Jahren im Winter und Sommer bei der Arbeit und kann 
ihn voraussichtlich bis in sein Alter gebrauchen." Über die Brautkronen berichtet 
Beyer S. 70: nur die reichen und 'stolzen' Mädchen liessen sich eine eigene an- 
fertigen. Die ärmeren liehen sich eine solche, welche die Ortschaft als 'ßauern- 
kranz' hatte anfertigen lassen und gegen eine Abgabe bereit hielt. Aber auch die 
Pastorin hielt nach älterer Sitte einen Kranz, den sie gegen eine Abgabe herlieh. 
Freilich war ihre Forderung grösser als die des Dorfes, aber sie setzte selbst der 
Braut den Kranz auf und erhielt so meistens den Vorzug." Auch sonst gibt das 
Buch manche Nachrichten über Leben und Sitte in Mecklenburg, über Hochzeiten, 
Lustbarkeiten und Tanz, wie über Volksmedizin usw. Leider enthält es keine 
Abbildungen, die für die Behandlung der äusseren Volkskunde immer sehr 
wünschenswert sind, und nur sehr wenig Literaturnachweise; letztere freilich waren 
für den mehr populären Zweck des Buches nicht so nötig. — 

Zum Schlüsse möchte ich noch einige Werke aus dem der Volkskunde be- 
nachbarten Gebiete der Landeskunde nicht unerwähnt lassen. Aus den von 
A. Scobel herausgegebenen Monographien zur Erdkunde 'Land und Leute' ^) 
haben die neuerschienenen Hefte 13, 14 und 16 besonderes Interesse für uns. 
'Berlin und die Mark Brandenburg' schildert Fedor v. Zobeltitz^) in sehr an- 
ziehender Weise. Dass neben dem Landschaftlichen das historische Moment stark 
im Vordergrunde steht, ist kaum überraschend. Daneben aber ist auch das Volks- 
tümliche nicht vergessen. Unter den zahlreichen Abbildungen sind in dieser 
Beziehung besonders hervorzuheben Nr. ö: Schifferhaus bei Küstrinchen, Nr. 6 
Frühling in Burg im Spreewald, Nr. 1U>: Altes Haus in Warenthin, Nr. 158: 
Märkischer Bauernhof, sowie Nr. 164—169 mit Darstellungen von Spreewälder 
Trachten und Landschaftsbildern. Der Spreewald gibt natürlich am meisten Ver- 
anlassung zu volkskundlichen Bemerkungen, seine uralten Blockhäuser mit ge- 
schwärzten Balken und tiefen, weit vorgebauten Schilf- und Strohdächern und mit 
winzigen Fensterchen', das Dach mit den gekreuzten Giebelstangen geschmückt 
(S. 156), dazu seine alte Frauentracht: „das Mieder besteht aus verschossenem 
schwarzen Sammet, darüber ein am Halse geschlossenes weisses Hemd mit kurzen 
Ärmeln"; der Rock ist aus rotem Wollenstoff gefertigt (S. 155). Als Alltagskleid 
dient dieser Anzug schon nicht mehr, denn „die wendische Sitte ist ganz er- 
loschen, und die hübsche malerische Tracht tragen die Frauen und Mädel höchstens 
noch zum Kirchgange oder in den Schenken als Kellnerinnen oder als — Ammen 
drinnen in der grossen Stadt" (S. 156). So macht Zobeltitz auch darauf aufmerksam, 
dass in der Prignitz die Dorfnamen einen doppelten Klang zeigen: deutschen und 
slavischen, und dass ebenso auch im Bauplan der ältesten Dörfer die Ver- 
schiedenheit zu erkennen ist, indem wir hier Rund-, dort Reihendörfer finden 
(S. 111). 

Dem Buche von Zobeltitz sowohl im Wesen wie in der Disposition sehr nahe 
verwandt ist Sophus Rüge, 'Dresden und die sächsische Schweiz'''). Auch hier 
findet zunächst die Grossstadt und dann die umgebende Landschaft ihre Darstellung- 



1) Bielefeld und Leipzig, Velhagen & Klasing. 

2) Mit 18.") Abbildungen und einer Karte H)U2. IUI S. 8». 4 Mk. 

3) Mit 148 Abbildungen, zwei Skizzen und einer Karte 190:'.. 174 S. 8^ 4 Mk. 



•240 Lauffer: 

Auch hier fällt bei der Absicht des Verfassers, die Heiraatliebe zu pflegen, manches 
für die Volkskunde ab. Die ersten deutschen Ansiedler der Gegend sind aus 
Franken und Thüringen gekommen, und so ist auch das fränkische Wohnhaus im 
ganzen Lande verbreitet und zwar in der Art, dass Wohnhaus und Kuhstall recht- 
winklig zur Strasse stehen. Sie „sind gegen die Strasse durch eine Mauer, die 
den Hof abschliesst, verbunden. Durch diese Mauer führen das oft hochgewölbte 
Einfahrtstor und die bescheidenere Pforte für die Fussgänger. Nach hinten schliesst 
die Scheune den Hofraum ab. Auf der dem Hof zugekehrten Langseite des Wohn- 
hauses lief sonst im Obergeschoss ein Laubengang entlang, der aber in neuerer 
Zeit schon vielfach verschwunden ist. In den Dörfern des Elbtales findet sich 
noch die Eigentümlichkeit, dass die Hofmauer nach der Strassenseite über die 
Giebelfront des Wohnhauses in die Strasse hineingerückt ist, so z. B. in Radebeul 
und Kötzschenbroda; vielleicht geschah es, um das Weinspalier nicht unmittelbar 
an der Strasse pflanzen zu müssen, sondern durch einen Zaun schützen zu können. 
In dem sehr charakteristischen Rundling von Radebeul ist so fast der ganze innere 
Dorfplatz von den vor den Häusergiebeln liegenden Weingärten eingenommen, so 
dass nur schmale Fusswege vom Platz zwischen diesen Weinpflanzungen zu den 
Häusern führen" (S. 30). Das oberfränkische Bauernhaus ist dort also noch gut 
zu studieren. Dagegen sind die Volkstrachten, nicht bloss im Eibtalkessel und in 
der Umgebung der Grossstadt, sondern auch im Gebirge im Laufe des 19. Jahr- 
hunderts fast völlig verschwunden. Jetzt erinnern nxir noch Bilder an diese Ver- 
gangenheit. „Da sehen wir eine Mutter im Sonntagsstaat mit dem Gebetbuche in 
der Hand und einer Pelzmütze auf dem Haargeflecht, daneben ein Mädchen mit 
buntgestreiftem Kopftuch nebst langer und breiter Schürze. Die Männer trugen 
Kniehosen, dazu eine frackartige Jacke mit ganz kurzen Schössen. Die Erwachsenen 
trugen einen Hut, die Knaben eine Mütze mit zwei roten Streifen, was an die 
Uniformmütze unserer Postboten erinnert. Wie nun alle solche Trachten sich 
aufs Land verbreiten, wenn sie in der Stadt ausser Mode gekommen sind, in der 
Nähe einflussreichcr Städte aber die Tracht auf dem Lande noch etwas moderner, 
manchmal allerdings auch hundert Jahre jünger ist, als in abgelegeneren Orten, 
so ist es auch in den Dörfern der sächsischen Schweiz gewesen. In den Wald- 
gegenden wurden Jacken und Beinkleider von ungebleichter Leinwand getragen 
und im Sommer sehr oft hohe und schwarze Pelzmützen. Diese Tracht erstreckte 
sich westwärts bis ins Erzgebirge, wo man im Weisseritztal um Schmiedeberg 
schon die erzgebirgische Tracht beginnen sah". — Von den Volkssitten wird be- 
sonders das 'Todaustreiben' in eingehender und interessanter Weise geschildert. 
Allen diesen volkskundlichon Dingen bringt Rüge ein liebevolles Verständnis und, 
wie mir scheint, auch ein richtiges Urteil entgegen, wenn er in Bezug auf die 
Frage der Wiederbelebung der Volkssitton schreibt: „Man muss befürchten, dass 
auf dem Naturboden des Volkstums künstliche Blumenzucht nicht gedeihen kann" 
(S. 161). 

Das lo. Heft der Monographien ist: Ludwig Neumann, 'Der Schwarzwald' ^). 
Auch dieses Werk, von einem sehr landeskundigen Manne geschrieben, erscheint 
wohl geeignet, um für denjenigen, der sich mit Volks- und Landeskunde des 
Schwarzwaldes befassen will, als erste Einführung zu dienen. Mehr noch als in 
den beiden vorgenannten Monographien tritt uns hier unter den zahlreichen Ab- 
bildungen eine liebevolle Berücksichtigung der äusseren Volkskunde entgegen. 
Nicht weniger als '21 Abbildungen sind den verschiedenen bäuerlichen Trachten 



1) Mit 171 Abbildungen und eiuer farbigen Karte. \'M2. KiT S. 8". 1 Mk. 



Berichte und Bücherauzeigen. 241 

gewidmet, und Neumann geht mehrfach auf sie ein. So sagt er S. 53: „Tritt uns 
die Schwarzwälder Bevölkerung in körperlicher Kraft und geistiger Gesundheit 
gegenüber, so zeigt auch ihre Kleidung und Wohnung die Freude an Schmuck 
und Farbenpracht, den Sinn für Behäbigkeit. Noch werden in vielen Gegenden, 
von den Frauen mehr als von den Männern, besonders an Sonn- und Feiertagen, 
sowie bei festlichen Anlässen, malerische Trachten getragen, deren Herstellung 
viele Kräfte beschäftigt, und deren Erhaltung sich neuerdings rührige Vereine zur 
Aufgabe machten. Die Volkstrachten sind nicht überall schön, aber in ihrer von 
Tal zu Tal wechselnden Eigenart erregen sie das Interesse des Beschauers. Als 
Ausdruck eines gesunden Bauernstolzes und einer verständig konservativen Ge- 
sinnung haben sie eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, ja man darf wohl 
sagen, einen gewissen moralischen Wert" (S. .53). Neben diesen allgemeineren 
Bemerkungen geht der Verfasser an passender Stelle auch näher auf die Trachten 
ein, so macht er auf die Unterschiede zwischen ihnen aufmerksam, die durch 
frühere politische Abgrenzung herbeigeführt sind (S. 55), und zeigt, wie an der 
Grenze des einst St. Blasianisch-vorderösterreichischen und des altbadischen Gebietes 
sich auch heute noch scharf und bestimmt Konfession, Tracht und Mundart trennen 
(S. 105). Ebenso vergisst er z. B. nicht hervorzuheben, dass die Bevölkerung, 
männliche und weibliche, von Petersthal und seiner Umgebung noch fest an der 
alten Tracht des Tales hängt (S. 128). — Neben den Trachten finden wir nun 
auch eine grosse Reihe von Hausabbildungen. Der Nachdruck bei diesen liegt, 
der Art des Buches entsprechend, auf dem malerischen Verhältnis zwischen Haus 
und Umgebung. Aber es sind doch meist typische Häuser aufgenommen. Grund- 
risse sind selbstverständlich nicht dabei, aber wer gewohnt ist, aus der äusseren 
Erscheinung schon einen Teil der inneren Anordnung zu erkennen, findet auch hier 
manches. „Das alte echte Schwarzwaldhaus, das leider aus feuerpolizeilichen 
Gründen nicht mehr als Neubau entsteht, gewährt einen überraschend stattlichen 
Anblick. Unter dem gewaltigen, weit vorspringenden Stroh- oder Schindeldach 
glänzen die zahlreichen kleinen Fenster des wettergebräunten Holzbaues freundlich 
hervor, die in der guten Jahreszeit nie eines reichen Blumenschmuckes entbehren. 
Ein gedeckter Gang mit dem Brunnen führt meist an einer Hausflucht entlang, das 
obere Stockwerk hat eine Holzgalerie. Gern wird das Haus so an die Berglehne 
gebaut, dass man von der Rückseite unmittelbar in die grosse Scheune unter dem 
Dach einfahren kann. Als Nebengebäude gesellen sich oft noch eine Säge- oder 
Mahlmühle, ein Backhaus und bei den stolzen Einzelhöfen eine kleine Kapelle 
bei. In der geräumigen Wohnstube fehlt niemals der gewaltige Kachelofen als 
wonniger Wärmespender, mit der Ofenbank . . . und mit der 'Kunst', einer Wärme- 
anlage, die mit dem Küchenherd in Verbindung steht; es fehlt auch nie das immer 
mit Blumen eingefasste Kruzifix in der Kante zwischen den zwei Fenstervvänden. 
Es ist das der 'Herrgottswinkel', unter welchem der von Bänken und Stühlen 
umstellte, grosse Tisch seinen Platz findet" (S. 53 f.). Von ganzen Bauernhäusern 
sowohl wie von einigen Innenräuraen sind Abbildungen beigegeben (vgl. das Ab- 
bildungsverzeichnis!), die Bilder gehen sogar zum Teil noch mehr ins einzelne, 
indem auch einige Erzeugnisse der bäuerlichen Kunstübung vorgeführt werden als 
Glasarbeiten (Abb. 13) ,1 Grabkreuze (Abb. 25), ein Schwarzwälder Fayencekrug 
von lSO<i (Abb. 14) oder die älteste Schwarzwalduhr aus dem 17. Jahrhundert 
(Abb. 15). — 

Neben dieser Schwarzwaldmonographie ist schliesslich noch eine ebensolche zu 
nennen, die gerade in vierter Auflage erscheint: L. Neumann und Fr. Doelker, 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. l(j 



242 Lauffer: 

Der Schwarzwald in Wort und Bild^). Das Buch ist wohl zumeist aus den Inter- 
essen des Schwarzwaldvereins erwachsen. Es bietet in seinen Illustrationen viele 
schöne Landschaftsbilder und in seinem Texte anziehende Naturschilderungen, 
und so gewährt es dem Naturfreunde einen hohen Genuss. Daneben aber findet 
auch der Historiker und der Volkskundler reiche Belehrung. Wir werden über 
das hochbegabte, tüchtige und ehrenfeste Schwarzwaldvolk unterrichtet. In den 
inneren abgelegeneren Tälern und auf den sie umschliessenden Höhen gehört es 
einer kleineren dunkelhaarigen, brünetten und schwarzäugigen Rasse an, in der 
wir wahrscheinlich die zersprengten Überreste der alten Reiten vor uns haben. 
Daneben sitzen die germanischen Stämme, von denen zu allermeist die Alemannen 
den Hauptbestandteil der Schwarzwaldbevölkerung ausmachen, zu denen sich aber 
im Süden Burgunder, im Norden Franken gesellen. Davon, dass die Römer der- 
einst hier gesessen haben, ist ethnologisch nichts mehr zu bemerken. Sie haben 
vielmehr, nachdem sie von den Alemannen verdrängt waren, dem Blute nach keine 
sichtbaren Spuren zurückgelassen (S. 4). Bei den Siedelungen dieser Bevölkerung 
fällt auf, dass sie noch in beträchtlicher Höhe (bis über 1100///) sich finden, und 
dass an Stelle geschlossener grösserer Ortschaften mehr und mehr die kleinen 
Weiler und Einzelgehöfte treten. Dabei gewinnt die Viehhaltung gegenüber dem 
Ackerbau durchaus die Oberhand (S. 82), was wieder infolge der benötigten grossen 
Futtervorräte unmittelbaren Einfluss auf den Charakter der Schvvarzwaldhäuser 
ausübt. „Mit ihren weit überhängenden Dächern, ihrer Galerie, ihren blitzenden 
Fensterreihen, die mit blühenden Blumen dicht besetzt sind, lehnen sie sich ge- 
wöhnlich an eine Anhöhe, so dass der Bauer mit dem Wagen direkt unter das 
Dach auf die Heu- und Futterbühne fahren kann" (S. 6G). 

Hatte Neumann in jener erstgenannten Schwarzwaldmonographie die bäuer- 
lichen Trachten in einer ziemlichen Reihe von Abbildungen dargestellt, so tritt 
vorliegendes Werk hier gewissermassen ergänzend mit dem beschreibenden Wort 
dazu. So schildert Neumann die Tracht des Renchgebietes: Langer schwarzer, 
rotgefütterter Rock, der offen getragen wird, rote Weste, schwarze Kniehosen, 
weisse Strümpfe, runder Filzhut, an dessen aufgestülptem Rande ein stolzer Feder- 
busch aufragt. Bei der Frauentracht des Renchtales ist hauptsächlich der fiache 
Strohhut mit den roten Knollen darauf charakteristisch (S. 47). Ebenso hält der 
tüchtige und schöne Menschenschlag im Schappachertal noch fest an der alten 
Tracht, die bei den Männern sich nicht wesentlich von derjenigen des Renchtales 
unterscheidet, während sie bei den Frauen viel ausgeprägter ist. Diese tragen 
kurze schwarze oder blaue Röcke, bunte Schürzen, Häubchen mit goldgestickten 
Borten und Spitzenbehang; den Scheitel deckt ein grosser Schlupf, dessen Enden 
zwanglos in die Stirne fallen (S. 59). Auch im mittleren Kinzigtal haben sich alter 
Brauch und alte Tracht besonders fest erhalten. Die Tracht mit den uekanntcn 
Hutballen, die bei Frauen schwarz, bei Mädchen rot sind, wird von Neumann ein- 
gehend beschrieben (S. 66). Im Simonswäldertal erinnert die Tracht der Männer 
wieder an jene im Kinzig- und im Renchtal, während bei den Frauen die dick- 
wulstigen Ärmel der meist dunkeln Kleider und die gelben, glänzenden Cylinder- 
hüte ein auffälliges Charakteristikum bilden (S. 79). Ganz ähnlich den Simons- 
wälderinnen führt die auffallende, wenn auch nicht gerade anmutige Tracht der 
Frauen des Glottertales den gelben Cylinderhut, die dick wattierten Ärmel und dazu 
einen meist violetten Rock, um die Hüften hoch gebauscht, und eine hellgrüne 
Seidenschürze (S. SO). An Abbildungen von Trachten bieten die ersten fünfzehn 



1) Stuttgart, J. Weise. Lfg. 1— ].j. Vollständig in ."»O i^ieforungeii zu 0,60 Mk. 



Berichte und Büchcranzeigen. 243 

Lieferungen des Werkes eigentlich nur den schönen Dreifarbendruck, der zugleich 
ein Spinnstubenbild ist und eine interessante Darstellung eines Teiles der Stube 
und ihrer Ausstattung gibt. Ijcider sind freilich, wie mir scheint, auf diesem Bilde 
die spinnenden Frauen nur kostümierte Bürgermädchen, und auch in bezug auf den 
dargestellten Raum habe ich Zweifel, ob er typisch ist, denn hier liegen Ofen und 
Herrgottswinkel an den beiden Ecken einer und derselben Wand, während auch im 
Schwarzvvalde der Herrgottswinkel gewöhnlich in der Ecke zwischen den beiden 
Fenstervvänden, der Ofen aber in der diagonal gegenüberliegenden Ecke sich be- 
findet. Da das Bild 'mit Genehmigung des Volkstrachtenvereins in Preiburg i. Br.' 
wiedergegeben ist, so stammt es wohl von einem Trachtenfeste dieses Vereins, 
von dem der Verfasser S. 4 sagt: „Dem Verschwinden der überlieferten, meist 
überaus malerischen Trachten suchen neuerdings die Volkstrachtenvereine, die 
ihre Zentrale in B"'reiburg i. B. haben, durch Prämien und durch rasch beliebt 
gewordene Trachtenfeste mit Geschick entgegenzuwirken." Wie weit dies Bestreben 
Erfolg haben wird, niuss die Zeit lehren. Ich erhoffe nicht viel davon. Freilich 
kann es an und für sich noch nicht als Zeichen für den Niedergang der Volks- 
trachten gelten, wenn in Neustadt unter anderen städtischen Industrien auch die 
'Goldstickerei für Schwarzwaldtrachten' betrieben wird (S. 110). Derartige Arbeiten 
sind, auch während der höchsten Blüte der Bauerntrachten, in der Stadt für das 
Land hergestellt worden. 

Kurz möchte ich dann noch auf einige Ausführungen Neuraanns verweisen 
Von der Schwarzwälder Hausindustrie berichtet er (S. 83) über die Zunder- und 
Bürstenfabrikation, die Holzschneflerei und die höher ausgebildete Schnitzerei, 
früher schon die Hausspinnerei, Weberei und Stickerei, endlich die besonders seit 
1725 erblühte Uhrenfabrikation und all das, was mit ihr zusammenhängt. Ferner 
schneidet er in einem sehr schönen Absatz über Heimatliebe die Frage nach dem 
Naturgenuss als meist einziger Quelle der ästhetischen Bildung an. Für die 
modernen Stadtmenschen trifft das, wie mir scheint, zu. Wie es aber um die 
Naturgenussfähigkeit unserer Bauern bestellt ist, das zu untersuchen, bleibt eine 
lohnende Aufgabe. — 

Somit haben auch diese landeskundlichen Darstellungen uns mancherlei Inter- 
essantes geboten, und ich möchte nicht versäumen, auf ihre Wichtigkeit für die 
Volkskunde hinzuweisen. Einmal bereiten sie derselben in weiteren Volkskreisen 
einen günstigen Boden, und sodann sind sie von vielgewanderten Männern ge- 
schrieben, die mancherlei über Hausbau, Tracht und Sitte zu sagen wissen. Diese 
letzteren aber können nur im Verhältnisse zur umgebenden Landschaft recht 
verstanden werden, w^odurch wiederum die Jünger der Volkskunde auf landes- 
kundige Studien hingewiesen werden. — 

Wenn im vorstehenden die volkskundlichen Monographien äusserlich betrachtet 
vielfach kürzer behandelt sind als diejenigen Werke, die der Volkskunde nur mehr 
nebenbei dienen, so liegt das daran, dass ich mich bestrebt habe, nicht nur eine 
Besprechung der einzelnen Arbeiten, sondern zugleich auch ein Stück Material- 
sammlung für die äussere Volkskunde zu bieten, und dabei brauchten natürlich die 
Facharbeiten selbst nicht so sehr berücksichtigt zu wei-den. Alles in allem hat 
das letzte Jahr manch guten Fortschritt gebracht. Es ist eine Lust, an dem rüstig 
gedeihenden Werke mitzuarbeiten, und wir hoffen, dass täglich mehr sich daran 
beteiligen werden. 

Frankfurt a. M. Otto Lauffer. 



16* 



244 Bolte: 

Neuere Märchenliteratur. 

Noch immer fliesst in Deutschland, wie die neulich (oben S. 125) erwähnte 
Wissersche Sammlung- zeigt, der Born volkstümlicher Märchenüberlieferung, doch 
scheint in der Hauptsache der Vorrat der Stoffe durch die fleissigen Aufzeichner 
erschöpft zu sein. Um so dankenswerter ist der von Dähnhardt^) gemachte 
Versuch, den klassischen Kinder- und Hausinärchen der Brüder Grimm eine Nach- 
lese aus den späteren Sammlungen zur Seite zu stellen, die nur solche Stücke 
enthält, die dort überhaupt nicht oder doch in wesentlich anderer Form vorhanden 
sind. Die 95 in zwei allerliebst ausgestatteten und illustrierten Bänden vereinigten 
Nummern sind in der Tat mit Geschmack und Sachkenntnis ausgewählt und bieten 
der Jugend einen Schatz echter und erquickender Volksdichtung dar. Um das 
Werk auch für die Wissenschaft recht nutzbar zu machen, wäre allerdings zu 
wünschen, dass D. ähnlich wie Joseph Jacobs in seinen 'English fairy tales' in 
einem Anhange Verbreitung und Alter der Stoffe nachwiese. — Eine sich ebenso 
schmuck darstellende Gabe für die Kinderwelt bietet Fräulein v. Nathusius^) in 
ihren sieben 'Alten Märchen', die sie dem schon von Brentano gewürdigten und 
nachgeahmten Pentamerone des Neapolitaners Basile (und zwar 4, 1. 1, 4. 4, 5. 
5, 10. 4, 7. 2, 6. 1, 9) nacherzählt hat. Der üppige Stil des Italieners ist in 
eine unserem Kindermärchen ziemende ansprechende Schlichtheit umgewandelt; 
ebenso haben sich Lokal und handelnde Personen zumeist eine Verdeutschung 
gefallen lassen müssen; warum aber wird nirgends etwas über die Quelle dieser 
Erzählungen gesagt? — Eine wissenschaftliche Leistung von Wert begrüssen wir 
in Singers'') aus einer Universitätsvorlesung hervorgegangenem Kommentar zu 
den ersten acht Nummern von Sutermeisters Märchensammlung. Der Verfasser 
zeigt an den Motiven der guten und bösen Tochter, der von der Schwester erlösten 
Brüder, des Gespensterschlosses, des starken Hans die Entwicklung, Verzweigung 
und Verbindung verschiedener Stoffe und führt Beispiele ätiologischer Märchen 
vor; in den Häufungsmärchen und Abzählreimen sieht er Erzeugnisse einer als 
Vorstufe der Poesie zu betrachtenden 'Sprachkunst': die verkehrterweise unter die 
Märchen geratene Wundersage vom Kornkinde, die sich angeblich KiSG zugetragen 
hat, führt er zurück auf uralte Vorstellungen von Korndämonen, die noch in 
manchen Schreckbildern der Kinderwelt fortleben. Auch die Frage nach Ent- 
stehung und Heimat der Märchen wird S. 70 berührt. Eine Fortsetzung dieser 
anregenden Forschungen ist lebhaft zu wünschen. 

Eine kritische Arbeit anderer Art vollzieht Lenz^), indem er die englischen 
Märchensammlungen von Hartland (English Fairy Tales 1890), Jacobs (189;> — 1893) 
und Addy (Household Tales 1895) und einige minder bedeutende Werke auf ihren 
Inhalt und ihre wissenschaftliche Brauchbarkeit hin prüft. Er zeigt ausführlich, 
dass die mit reizenden Bildern geschmückten und mit gelehrten Anmerkungen 



1) Deutsches Märchenbuch, heraiisg. von Oskar Üähnhardt, mit Zeichnungen und 
farbigen Originallithographien von E. Kuithan. 1.— 2. Bändchen. Leipzig, Teubner, 1903. 
VI, 154. IV, 15G S. 4", je 2,20 Mk. 

2) Alte Märchen, den Kindern neu erzählt von Elsbeth v. Nathusius. Bildschmuck 
von 0. Fikentscher. Halle a. S., Gebauer-Schwetschke, o. J. (1903). III, 90 S. 8". 1,50 Mk. 

3) S. Singer, Schweizer Märchen. Anfang eines Kommentars zu der veröfTcntlichten 
Schweizer Märchenliteratur. Mit einer Abbildung. Bern, A. Franckc, 1903. 78 S. 8". 1,20 Mk. 
(Untersuchungen zur neueren Sprach- und Literaturgeschichte hrsg. von 0. F. Walzel 3.) 

1) Ludwig Lenz, Die neuesten englischen Märchcnsaramlungen und ihre Quellen. 
Kassel, C. Victor, 1902. 3 Bl., 100 S. 8". 2 Mk. 



Berichte uud Bücheranzeigen. 245 

A^ersehenen Bände von Jacobs wegen der kühnen Behandlung der Überlieferung 
und der oft willkürlichen Einschiebung anderer Motive keine lautere Quelle dar- 
stellen und dass Hartland nur eine Lese bereits gedruckter Märchen und Sagen 
bietet, während Addy, der 'r2 Märchen treu dem Volksmunde nacherzählt, die 
wissenschaftlich wertvollste Leistung geliefert hat. Die etwas breite Untersuchung 
erweist sich auch durch die eingestreuten Inhaltsangaben nützlich; lohnender indes 
-wäre sie geworden, wenn L. die Quellenkritik auch auf die S. 1 — 10 aufgezählten 
älteren Sammlungen ausgedehnt und dann den gesamten englischen Märchenschatz 
nach Alter und Herkunft der Stoffe gruppiert und besprochen hätte. — Einem 
mittelalterlichen Märchen, das Chaucer in seine Canterbury Tales aufgenommen 
hat, gilt das fleissige und scharfsinnige Buch von Maynadier^), das schon längst 
hier hätte Erwähnung finden sollen. Ein Jüngling muss, um sein Leben zu retten, 
eine hässlicho Alte heiraten, die sich dann in eine schöne Jungfrau verwandelt 
und ihm scherzend die Wahl lässt, ob sie fernerhin hässlich und keusch oder 
schon und flatterhaft (bei Gower heisst es einfacher: nachts schön und bei Tage 
hässlich oder umgekehrt) bleiben soll. Diesen verschiedenen englischen Dichtungen 
zugrunde liegenden Stoff leitet M., der auch die historisch nachweisbaren Be- 
ziehungen zwischen den mittelalterlichen Völkern nach Möglichkeit berücksichtigt, 
aus einem irischen Märchen ab, das ebenso nach Skandinavien (Helgi und die Elfin 
in der Hrölfs saga Kraka) drang und auf die französische Gralsdichtung einwirkte 
(ein Stammbaum steht hinter S. 128). Ob er die ruhe Else im deutschen Wolf- 
dietrich und die starke Rüel im Wigalois mit Recht heranzieht, ist mir zweifel- 
haft. Dagegen hätte er wohl noch genauer auf das weitverbreitete Motiv der Ent- 
zauberung eines hässlichen (tiergestaltigen) Wesens durch Heirat oder Kuss ein- 
gehen können, das z. B. im deutschen Märchen vom Froschkönig (Grimm No. 1) 
oder im dänischen von König Lindwurm erscheint, das soeben durch Olrik^) 
trefflich behandelt worden ist^); der periodische Wechsel zwischen Schönheit und 
abschreckender Gestalt findet sich z. B. auch in der Melusinensage und im italie- 
nischen Gedicht vom Mörserstössel (R. Köhler, Kl. Schriften 2, 436. Paris, Legendes 
du moyen äge 1904 S. 81. Toldo, Zs. für roman. Philologie 27, 278). 

Der schwedische Märchenschatz, über den A. Ahlström (Om folksagorna: 
Svenska landsmalen 11, 1) 1895 eine gute Übersicht geliefert hat, ist durch 
Steffen-*) bereichert worden, der die eigenen Aufzeichnungen zweier Märchen- 
erzähler ohne stilistische Verschönerungen wiedergibt: 11 vor Jahren von einer 
7.3jährigen Predigertochter in Linköping nach Jugenderinnerungen aufgezeichnete 
Märchen und 14 Stücke, die ein Smäländer Bauer 1844 für Hylten-Cavallius nieder- 
schrieb. Es fehlt daher nicht an Lücken (1, 24), Fragmentarischem (1, 27 u. a.) 
und Verwechselungen (2, 1 der Perraultsche Marquis de Carabas mitten im 'Juden 
im Dorn') und selbst nicht an einer umfangreicheren eigenen Komposition (2, 106 
Bussenkiss). Die Stoffe sind uns meist aus der Grimmschen Sammlung geläufig 
(Drosselbart, Tanz im Dornbusch, Schneider und Riese, AVasser des Lebens, Schelm 
im Sacke, Löweneckerchen, Hansel und und Gretel, Tischlein deck dich, Meister- 



1) G. H. Mayuadier, The Wife of Bath's Tale, its source.'^ and analogues. London, 
D. Nutt, 1901. XII, 222 S. S". 6 Mk. (Grimm Library No. 13.) 

2) Axel Olrik, Kong Lindorm, Danske Studier 1, 1—34 (1904). 

3) Auch das Schlafen zu Füssen eines Hochzeitspaares hebt in isländischen Märchen 
(Rittershaus 1902 S. 7. 34. 37. 46 usw.) die Tierverwandlung auf. 

4) Svenska Sagböcker, efter berättarnes egna uppteckningar utgifna af Richard 
Steffen, 1: Gamla Maj-Lenas Sagor. — 2: Ur Michels i Länghult Sagbok. Stockholm, 
A. ßonnier, 1902. 43 + 147 S. 8«. 0,75 + 2 Kr. 



246 Bolte : 

dieb; Bauer und Schelme, der geäffte Teufel, sechs gute Lehren); ferner begegnet 
der aus E. M. Arndts Jugenderinnerungen bekannte Klas Avenstaken (1, 31), der 
Redekampf von Prinzess und Dummling (R,. Köhler, ' Kl. Schriften 2, 46.')), die 
Zahlendeutung (oben 11, 404). Verweise auf andere schwedische Sammlungen 
sind leider nicht beigefügt. 

Eine weitaus grössere Bereicherung erfährt unsere Kenntnis der isländischen 
Volksmärchen durch ein stattliches, solid gearbeitetes Buch von Frau Ritters- 
haus ^). Im Gegensatze zu Poestion, der 1884 36 Märchen aus Jon Arnasons 
Islenzkar pjoiTsögur og sefintyri nicht ohne Willkürlichkeit in der Verschmelzung- 
verschiedener Varianten ins Deutsche übertrug, gibt die A^erfasserin 127 Märchen, 
Schwanke und sich den Märchen nähernde Sagen in ausführlichem Auszuge wieder, 
die sie nur teilweise aus gedruckten Vorlagen entnimmt; etwa 40 bisher unbe- 
kannte Märchen, dazu einige Varianten zu den bereits veröffentlichten hat sie aus 
Handschriften der Landesbibliothek zu Reykjavik und im Privatbesitz übersetzt. 
Dieser wohl einigermassen erschöpfenden Übersicht über den heut in Island um- 
laufenden Märchenvorrat sind ferner sehr dankenswerte Untersuchungen über dessen 
Geschichte und Herkunft eingeflochten und voraufgeschickt. Nicht bloss folgen 
jeder Nummer Angaben über anderweitiges Vorkommen der Hauptmotive und 
fleissige Hinweise auf R. Köhlers und Cosquins Zusammenstellungen^), sondern 
wir finden auch in der Einleitung eine zusammenhängende Auseinandersetzung 
über allgemeinere Fragen. Am besten gelungen ist die auf S. XXIII — XXXV 
gegebene Musterung der altertümlichen Züge der isländischen Märchen, der primi- 
tiven Kulturverhältnisse, des Zauberglaubens, ebenso der Hinweis auf ähnliche 
Charaktere und Motive der altnordischen Literatur und (S. XLIX) auf das Fehlen 
von Kinder- und Tiermärchen. Minder abgeklärt und einheitlich scheint mir das 
über den Ursprung und die Wanderung der Märchen Vorgetragene. Anfangs eifrige 
Anhängerin von Benfeys Theorie der indischen Herkunft sämtlicher Märchen, ist 
die Verfasserin später einem unfruchtbaren Skeptizismus verfallen. Sie betont 
die konservative Natur der Volksüberlieferung und zieht aus der Tatsache, dass 
nur eine der von dem isländischen Bischof Jon Halldorsson im 14. Jahrhundert 
aufgezeichneten fremden Erzählungen noch jetzt im Volke fortlebt, den übereilten 
Schluss, dass solche fremden Stoffe überhaupt nicht ins Volk übergegangen seien 



1) Adeline Rittershaus, Die neuislündischcu Volksmärchen, ein Bcitraj;: zur ver- 
gleichenden Märchenforschung. Halle, M. Niemejer, 1902. L, 457 S. 8'. 12 Mk. 

2) Dass hier manches nachiretragen werden kann, ist natürlich und bedeutet keinen 
Vorwurf. Vgl. beispielsweise zu S. 101 (Auswerfen auf der Flucht) K. Köhler, Kl. Schriften 
1, 171. — S. 211 (verkleidetes Mäflchon auf die Probe gestellt) Köhler 3, 221. — S. 225 
(Fortunat) Köhler 1, 18G. — S. 281» (Völski) oben 13, 27. — S. 3B2 (bodenloser Pfaffensack) 
H. Sachs, Schwanke ed. Goetze 2, 532. 4, 502. — S. 338 (Wunderniühlen) Liebrecht, Zur 
Volkskunde S. 302. — S. 350 (Fliege auf der Nase erschlagen) Benfej, Pantschatanti-a 1, 
283. Pauli, Schimpf und Ernst No. 673 und Anh. 19. — S. 356 (Botschaft aus .dem Himmel) 
Wickram, Werke 3, .391. — S. 358 (Luftschlösser) Montanus, Schwankbücher 1S99 S. 603. 
— S. 367 (Papst nach Rom) Köhler 2, 598. — S. 367 (hundertfältige Vei-geltuug) Montanus 
S. 629. — S. 375 (Kopf verkehrt aufgesetzt) oben 11, 262. 12, 454. Revue des trad. pop. 
17, 54. — S. 383 (Sieben auf einen Streich) Montanus S. 560. — S. 393 (treulose Witwe) 
Köhler 2, 533. — S. 394 (drei Buhler erschlagen) Frey, Gartengesellschaft 1896 S. 2S1 zu 
No. 19. — S. 416 (Pervonto) Köhler 1, 588. — S. 420 (Sack mit Wahrheiten füllen) 
Köhler 1, 554. — S. 432 (verkehrte Begrüssungen) Frey S. 216. Montanus S, 602. — 
S. 447 (drei Buhler geäfit) Frey S. 286 zu No. 47. — S. 449 (Buhler als Heiligenstatue) 
Köhler 2, 469. — Leider fehlt ein alphabetisches Register der vorkommenden Erzählungs- 
stoffe. 



Berichte und Bücheranzeigen. 247 

(S. XXII). Wie will sie denn die von ihr selbst (S. I.s7. 'ilti. '2:H). 2;i(». "iöT. -277. 
897. 435) bemerkten Übereinstimmungen mit 1001 Nacht erklären? Und sollen 
alle sonstigen Parallelen zu europäischen Märchen bis in die Zeit der ersten Be- 
siedelung Islands zurückgehen, während doch Nyerup (Almindelig Morskabsläsning), 
Kalund (Katalog der Arnemagnaeanischen Sammlung) und Ward (Catalogue of 
Romances) längst auf die seit dem Mittelalter fortdauernde Einfuhr europäischer 
Novellenstofl'e nach Island aufmerksam gemacht haben? Ein völlig getrenntes 
Nebeneinanderbestehen der gelehrten und der volkstümlichen Erzähhmgsliteratur 
widerspricht doch gerade in Island aller Wahrscheinlichkeit. 

Unter den Forschungen zur orientalischen Märchenkunde mu.ss ich vor 
allem das grossartige Werk des Lütticher Orientalisten Chauvin^) über die ara- 
bische Sammlung 1<Ȇ1 Nacht hervorheben. Als eine Fortsetzung von Schnurrers 
Bibliotheca arabica angelegt, bietet es weit mehr als eine Bibliographie; denn auf 
das Verzeichnis der Handschriften, Textausgaben, der orientalischen und euro- 
päischen tJbersetzungen und der ähnlichen Sammlungen (nebst Inhaltsangabe) im 
1. Bande folgt in den übrigen drei Bänden eine alphabetische Liste der 448 in den 
verschiedenen Redaktionen enthaltenen Erzählungen, bei deren Anordnung soviel 
als möglich Verwandtes unter gleichen Stiehworten (z. B. Amoureux, Faceties. 
Freres jaloux, Galants, Jugements, Merveilles, Pedants, Reparties et traits d'esprit, 
Reunion, Ruses des femmes, Saintete, Subtilites juridiques, Voleurs) vereinigt ist. 
Vor jeder Erzählung wird der Inhalt in knapper, aber vollkommen ausreichender 
Weise (bis zu 7 Seiten) unter Zugrundelegung der ägyptischen Redaktion an- 
gegeben, die Handschriften, Textausgaben, tibersetzungen und das Vorkommen in 
anderen Erzählungswerken werden verzeichnet und endlich ausführliche Parallelen 
nicht bloss zu dem Hauptstoffe, sondern auch zu den Nebenmotiven beigefügt, in 
denen sich die ausserordentliche Belesenheit und der kritische Sinn des Verfassers 
aufs glücklichste offenbart. Jeder Forscher auf dem Gebiete der vergleichenden 
Literaturgeschichte ('Storyologist' sagen neuerdings die Engländer) findet hier 
reiche Ernte; und es wäre dringend zu wünschen, dass hinfort die 1001 Nacht 
nicht bald nach dieser, bald nach jener Übersetzung zitiert, sondern jedesmal 
dabei auf Chauvins imentbehrliche t'bersicht verwiesen würde. — Interessant und 
verdienstlich sind auch Bassets Contes populaires d'Afrique'-;, in denen der 
rühmlich bekannte Sammler der berberischen Märchen und eifrige Mitarbeiter der 
Revue des trad. pop. einen Plan zur Ausführung bringt, den bereits 189(i A. Seidel 
in seinen Geschichten und Liedern der Afrikaner verfolgt hatte. Er stellt in neun 
Gruppen 170 Märchen der Eingeborenen von Afrika und Madagaskar und der 
Neger in Nord- und Südamerika zusammen, die er mit glücklicher Hervorhebung 
des Charakteristischen aus deutschen, englischen und französischen Publikationen 
entlehnt. Vor Seidel zeichnet er sich durch die grössere Fülle von Märchen und 
durch die genauen Quellenangaben aus; auf Parallelennachweise hat er diesmal 
verzichtet. — Keine gelehrten Ansprüche erhebt die Verdeutschung der gegen 
Ende des 15. Jahrhunderts entstandenen türkischen Bearbeitung des Kalilah 



1) Victor Chauvin, Bibliooraphift des ouvrages arabes ou relatifs aux Arabes 
publies dans l'Europe chretienne de 1810 ä 1885, Vol. 4—7: Las Mille et une nuits. Liege, 
H. Vaillaut - Carmanne IIMX)— 1903. 228, XIl + 297, 204, 192 S. 8". 28 Fr. — Die drei 
ersten Bände (1892—1898) umfassen die Sprichwörter, Kalilah, Loqmans Fabeln, Barlaam 
und 'Antar; die weiteren sollen Sjntipas, Secuudus, Petrus Alphonsus u. a. behandeln. 

2) Rene Basset, Contes populaires d'Afrique. Paris, E. Guilmoto [190oJ. XXII, 
455 S. kl.-8". G Fr. (Les litteratures populaires de toutes les nations t. 47.) 



248 Roediger: 

'Humajün name' durch Souby-Bey*), obwohl hier eine Verweisung auf die 
Forschungen Benfeys (Pantschatantra 1, 84) und späterer Gelehrter sehr am Platze 
gewesen wäre. 

Als ein für die Märchenforscher wie für die 'Stoffhuber' überhaupt nützliches 
unternehmen * möchte ich endlich Jellineks Bibliographie der vergleichenden 
Literaturgeschichte") empfehlen, die sich jetzt, nachdem sie zwei Jahre in Max 
Kochs Studien zur vergleichenden Literaturgeschichte erschienen war, zu einem 
selbständigen Unternehmen ausgewachsen hat. Wer aus eigener Erfahrung weiss, 
wie schwer es gerade dem stoffgeschichtlichen Forscher fällt, die an unzähligen 
Orten verstreuten Beiträge zu seinem Fache zu verfolgen, der wird dem um- 
sichtigen und sorgfältigen Bibliographen aufrichtigen Dank zollen, der uns hier 
931 Nummern über Allgemeines und Theoretisches, Stoffe und Motive, literarische 
Beziehungen und "Wechselwirkungen samt drei Registern vorlegt. 

Berlin. J. Bolte. 



ßaimmid Friedrich Kaiildl, Die Yolkskimde. Ihre Bedeutung, ihre Ziele 
und ihre Methode mit besonderer Berücksichtigung ihres Yerhältuisses 
zu den historischen Wissenschaften. Ein Leitfaden zur Einführung 
in die Volksforschung. Mit 59 Abbildungen. Leipzig und Wien, 
Franz Deuticke, 1903. XI und 149 S. gr.-8". ö Mk. (Die Erdkunde. 
Eine Darstellung ihrer Wissensgebiete, ihrer Hilfswissenschaften und 
der Methode ihres Unterrichts. Herausgegeben von Maximilian Klar. 
XVII. Teil.) 

In dem umfänglichen Unternehmen, das die Überschrift nennt und das oO Teile 
umfassen soll, tritt dem Haupttitel nach die Volkskunde als Hilfswissenschaft der 
Erdkunde auf. Kaindl aber bekennt sich in der Vorrede als Historiker und zu 
der Überzeugung, dass die Volkskunde eine wichtige Hilfswissenschaft der Ge- 
schichte sei oder werden könnte. Später legt er dar, dass sie auch eine Hilfs- 
wissenschaft der Ethnologie sei. Ich tadle dieses Schwanken nicht. Man dürfte 
die Volkskunde auch Hilfswissenschaft der Philologie, der Religionsgeschichte usw. 
nennen und hätte, je nach Standpunkt und Ziel des Forschers, auch das Recht, 
sie als die Hauptwissenschaft und jene anderen als ihre Helferinnen zu bezeichnen. 
Welcher Wissenschaft ginge es nicht ebenso und welcher müssten diese Berührungen 
als Beweise für ihre Bedeutsamkeit nicht erfreulich sein? Der Verfasser unseres 
Buches sieht es so wenig wie ich als Zeichen der Inferiorität an, dass die Grenzen 
der Volkskunde sich nicht scharf ziehen lassen, gewiss auch in Zukunft nicht. 
Mit ihrem Verhältnis zur Ethnologie und ihren Verwandten beschäftigt Kaindl sich 
genauer und empfiehlt eine neue Nomenklatur. Die Ethnologie, für ihn die Philo- 
sophie der Zukunft, dehnt sich über alle Völker der Erde aus. Er verdeutscht 
ihren Namen durch „Völkerwissenschaft", wozu „Völkergedanke" passe. „Völker- 
kunde" ist ihm zu gering, da Kunde nur soviel wie Kenntnis besage, Wissen- 



1) Fabeln und Parabeln des Orients. Der türkischen Sammlung 'humajün namc' 
entnommenen [I] und ins Deutsche übertragen von Souby-Bej. Mit einem Vorwort von 
Prof. Dr. Rieder Pascha. Berlin, Fontane & Co., 19U.!. XII, VMS. 8». "2 Mk. — Es sind 
53 Fabeln, die grösstenteils der Weltliteratur angehören. 

2) Arthur L. Jellinek, Bibliographie der vergleichenden Literaturgescliichte, I.Band. 
Berlin, A. Duncker, 1903. 2 Bl., 77 S. 8^. 4 ML 



Berichte und Büchcranzeij^en. 249 

Schaft dagegen „das höchste, beste, in ein System gebrachte Wissen'' bezeichne. 
Die Ethnographie ist „die nicht tiefer eindringende Völkerbeschreibung; sie 
hält sich im Gegensatze zur Ethnologie mehr an das Sinnenfällige. Ein ähnlicher 
Unterschied besteht bekanntlich zwischen der Geographie oder Erdbeschreibung 
und der Erdkunde". Wo bleibt die Erdwissenschaft? Der Anthropologie oder 
Völkerkunde ordnet der Verfasser die Ethnologie oder Völkerwissenschaft über, 
die Geographie (im üblichen Sinne) scheint es aber noch nicht zum Rang einer 
Wissenschaft gebracht zu haben! Dann darf sich freilich die jüngere Volkskunde 
nicht beklagen! Indessen meint es Kaindl nicht so schlimm: es versagt hier nur 
seine Verdeutschung, und vorher gesteht er der Volkskunde den Charakter einer 
Wissenschaft ausdrücklich zu. Wie könnte sie auch befriedigendes leisten, wenn 
sie nicht wissenschaftlich und zwar nach philologisch-historischer Methode arbeitete! 
Diese schliesst die Vergleichung im engeren und weiteren Sinn ein. Gern hätte 
ich. was der Verfasser nur andeutet, recht scharf hervorgehoben gesehen, dass 
auch der „ethnologisch - naturwMSsenschaftliche" Sammler und Forscher für eine 
Verwertung seines Materials, die über die Beschreibung hinausgeht und, wie sich 
gebürt, nach Ursprung und Entwicklung fragt, die vergleichende, historische 
Methode nicht entbehren kann, mag er dingliche oder geistige Objekte bearbeiten. 
Nach dieser Richtung genügt mir weder das 4. Kapitel noch das 5. Im übrigen 
enthalten sie die beiden Hauptstücke des Buches, vortreffliche Ausführungen über 
die Methode der Volksforschung und das Sammeln volkskundlichen Materials 
sowie seine Veröffentlichung und Bearbeitung, nur dass die Realien bei der Lehre 
von der Bearbeitung hinter die geistigen Erzeugnisse — Redensarten, Sprüche, 
Sagen, Märchen, Mythologisches — ganz zurücktreten. Das Volkslied fällt hier 
völlig aus. Das Hauptgewicht wird auf die Charakteristik der verschiedenen 
Methoden der Mythenforschung gelegt, die natürlich nicht bis in alle ihre Aus- 
läufer hinein, sondern nur im grossen als linguistische, analogische, ethnologische 
vorgeführt und mit unbefangener Gerechtigkeit gewürdigt werden. 

Die beiden ersten Kapitel habe ich zu Anfang berührt. Sie behandeln „Die 
Völkerwissenschaft (Ethnologie), ihre Entwicklung und ihr Verhältnis zu den ver- 
wandten Disziplinen'*' und „Die Volkskunde (Folklore) und ihre Abgrenzung gegen 
die verwandten Wissenszweige. Ihre Entwicklung und Literatur". Sie sind also 
historisch-kritischen Inhalts, und ich habe an ihren klaren und gesunden Dar- 
legungen nicht mehr als das oben Erörterte auszusetzen. Das o. Kapitel schildert 
die Bedeutung der Volkskunde für das Leben und für die Wissenschaften und 
streift dabei manche wichtige Punkte, wie z. B. die Entstehung von Sagen und 
Gebräuchen und die Hilfsmittel zur Aufklärung der Besiedelungsgeschichte eines 
Landstriches. Bezüglich der Ortsnamenforschung möchte ich doch gegen Lehren, 
wie die, dass Tauren deutsch sei und Tore bedeute (S. 65), Vorsicht empfehlen: 
man vergleiche Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2, 83, Anm. 205, Anm. S. 71 
wird gelehrt, wenn man beim Gähnen die Hand vor den Mund halte, so sei dies 
eine Abschwächung der älteren Sitte, vor dem offenen Munde ein Kreuz zu schlagen, 
damit nicht der Teufel [oder Kröten oder Böses im allgemeinen] durch ihn in 
den Menschen fahre. „Die Bauern in Spanien und Italien halten sich noch immer 
daran." Wuttke-Meyer belegen das im Volksaberglauben 418, 507 auch aus Tirol, 
Baden, dem Vogtland, Erzgebirge, Thüringen, Schlesien. Es wäre aber am Platze 
gewesen, darauf hinzuweisen, dass solche Bräuche mitunter den umgekehrten Weg 
der Entwickelung gehen: die Befolgung ästhetischer, ethischer, praktischer Vor- 
schriften soll dadurch gesichert werden, dass man ihren Verächtern üble Folgen 
in Aussicht stellt. Ob es sich in diesem Falle so verhält, weiss ich nicht, weil 



250 Mogk: 

ich in den mir zu Gebote stehenden Tisch- und Hofzuchlen u. dgl. nichts Ein- 
schlägiges gefunden habe. Aber wenn man z. B. verbietet, Brot mit der gerundeten 
Schauseite auf den Tisch zu legen, damit der Segen nicht aus dem Hause gehe, 
so scheint mir die Angabe dieses Grundes nur ein unzweckmässiges und unschönes 
Verfahren desto sicherer abwehren zu sollen. 

Das 6. und letzte Kapitel ist der Volkskunde in der Schule gewidmet. Der 
Verfasser ist zu verständig, als dass er verlangen sollte, sie zum besonderen 
Gegenstand des Unterrichts zu machen; aber er gibt Winke, wie der Lehrer bei 
so manchen Gelegenheiten den Sinn der Schüler für Volkstümliches offnen und es 
ihnen verständlich und lieb machen könne. Schriften, die zur Einführung in die 
Volkskunde Deutschlands und Österreich - Ungarns für den Lehrer selbst geeignet 
sind, werden angegeben. Für diese Kreise und Länder ist das Buch in erster 
Linie bestimmt, wird aber auch jedem anderen, der in die Volkskunde eintreten 
will, nicht minder dienlich sein. Es ist mit gewinnender Liebe zur Sache ge- 
schrieben und verdient um seines Lihalts willen warme Billigung und weite Ver- 
breitung. 

Einige Druckfehler möchte ich zum Schluss noch verbessern. S. 1, Anm. 
MavkiiHl. S. 10 unten Blumenbach. S. 19 unten IJhmchs. S. 31 Mitte Carstens. 
S. 35 Mitte croyances. unten legendes. S. 127 Mitte mehrmals Sie. S. 148 Deecke. 
S. 24 Mitte kann der Plural die Veda zu dem nicht seltenen Fehler verleiten, 
Veda für einen femininen Singular zu nehmen. 

Berlin. Max Roedijjer. 



A. Olrik, Danmarks Heltedigtuing. Ferste Del: Rolf Krake og den aeldre 
Skjoldungrffikke. Kobenhavn, E. C. Gad, Um. 352 S. 8". 

Olriks Rolf Krake ist das erste saggeschichtliche Werk, das auf Grund genauer 
literar- und zeitgeschichtlicher Forschung die ganze Entwicklungsgeschichte eines 
Sagenkomplexes gibt, wie sie Referent für die deutsche Heldensage gefordert hat 
(N. Jahrb. f. d. klass. Altertum 1, (i9). Daher habe ich das Buch mit aufrichtigster 
Freude begrüsst, und wenn ich auch in manchen Punkten anderer Ansicht bin als 
der Verfasser, so muss ich doch seiner Methode vollste Anerkennung zollen und 
die Hauptergebnisse seiner Forschung für gesichert halten. A. Olrik schält aus 
den älteren Zeugnissen zunächst den geschichtlichen Kern heraus: er findet diesen 
in der dänischen Geschichte zur Zeit der Völkerwanderung und zeigt, wie diese 
Zeit in den Namen und in der ganzen ethischen Auffassung des Lebens sich auch 
noch in der späteren Dichtung widerspiegelt. Zugleich weist er auf die Keime 
zur Sagenbildung hin und verfolgt dann unter steter Berücksichtigung der einzelnen 
Zeitperiodeii und der Lebensauffassung des Volkes, dem die poetische Quelle zu- 
gehört, die Entwicklung dieser Keime bis zur Blütezeit des isländischen Saga- 
literatur. Dabei zeigt sich recht klar, was man bei der Erforschung unserer 
Heldensage viel zu wenig berücksichtigt, wie auch hier die Fama fama crescitur 
und wie oft das, was man bei der mythensuchenden Methode saggeschichtlicher 
Forschung als das älteste angesehen hat, in Wirklichkeit weiter nichts ist als ein 
ganz junger Auswuchs. So hat 0. mit den alten Göttermythen, die man bei uns 
immer noch aus der Beowulf- und Scyldingensage herauslesen will, endlich tabula 
rasa gemacht und die Dichtung mit ihren zahlreichen Sagen- und Märchenmotiven 
in die ihr gebührenden Rechte eingesetzt. Nicht zuletzt ist der Arbeit nachzu- 
rühmen, dass jeder Held, jeder saggeschichtliche Zug vom Verfasser besonders 
unter die Lupe genommen und sowohl für sich allein als auch als Teil der Dichtung, 



Berichte und Bücheranzeigen. 25 1 

die ihn überliefert, behandelt wird. Nicht selten werden zur psychologischen 
Klärung saggeschichtliche und volkskundliche Parallelen herangezogen (vgl. S. -i;). 
38. 72f. 80f. 118. 121. 12!). \')bL l(i4. 211. 237. 251. 25.;. 28!){r. 2!i:t usw.). Nur 
ein Beispiel, wie durch solche Forschung sich endlich ein Wandel in der Auf- 
fassung unserer Heldensage vollziehen muss. Fast in allen Deutungen der Beowulf- 
dichtung liest man. wie Scyld mit der Korngabe der Bringer der Kultur gewesen 
sein soll. Nun hätte schon die Tatsache stutzig machen müssen, dass der Ge- 
treidebau bereits in uralter Zeit im Norden heimisch gewesen ist (vgl. S. Müller, 
Nord. Altertumskunde 1, 205 u. ö.), ganz abgesehen davon, dass die Anschauung 
vom Ackerbau als dem Keime höherer Kultur eine ganz moderne ist auf Grund 
griechischer Mythen. Da zeigt 0., dass die Korngarbe bei Scyld, die sich über- 
haupt nur in der jüngsten altenglischen Quelle findet, bei William von Malmes- 
bury, weiter nichts ist als eine späte Variante der Waffen, die die älteren 
Quellen kennen, und die erst im 12. Jahrhundert in Anlehnung an Sceaf und 
durch Übertragung des Pindelkindmotivs auf die Scylddichtung entstanden ist, also 
in einer Zeit, da auch in England die alte episch-heroische Sagendichtung bereits 
erstorben war. 

Durch solche Forschung kommt 0. zu dem Ergebnis, dass der Keini der 
dänischen Skjoldungensage in geschichtlichen Ereignissen der Völkerwanderung 
liegt, zu welcher Zeit die Dänen eine ähnliche Rolle gespielt haben wie die anderen 
germanischen Stämme. An ihrer Spitze stand ein Königsgeschlecht, das seinen Sitz 
in Lethra auf Seeland hatte und von dem Halvdan, Hroar und Rolf mit Namen 
begegnen. Den Königen zur Seite stand die Gefolgschaft der Skjoldungen, d. i. 
der Schildmänner, von denen besonders Bjarki, der Manne Rolfs, hervortritt. 
Mit einem südgermanischen Stamme, den Hadbarden, leben diese Dänen in Fehde, 
und auch mit den Schweden findet man sie im Kampfe. Familienzwist, wie bei 
den Merowingern, herrscht auch in Halvdans Geschlecht, das mit Rolfs Fall dahin- 
schwindet. An diese historischen Ereignisse knüpft bald die Sage an; Rolf, und 
besonders sein Tod, tritt in den Vordergrund, ebenso Bjarki. Aus den Skjoldungen 
entsteht ein Skjold, den man zum Ahnherrn von Halvdans Geschlecht macht und 
auf den man die südgermanische Stammvatersage von Ing überträgt. So kommt 
die Sage nach England, und hier wird die Beowulfsage mit ihr verbunden, die Sage 
von dem gewaltigen gautischen Trollentöter, die nie im Norden heimisch gewesen 
ist. — Bei den Dänen knüpft die sagenschaffende Phantasie vor allem an Rolf an: 
Rolfs Ermordung des Hr0rik, Bjarkis Kampf gegen die südlichen Nachbarvölker 
und Rolfs Zug nach Schweden sind die Grundlagen der Weiterbildung. Die alten 
Familienfehden treten zurück; Intrigen und Blutschande begegnen. Die weitver- 
breitete Sage vom goldenen Zeitalter, die PröiTisage, wird an die Geschichte der 
Skjoldungen geknüpft, und mit ihr kommt das Märchen von der Goldmühle in die 
Heldensage. Um Rolf sammeln sich neue Recken; sein und dieser Kampf leben 
beherrscht die Zeit: es ist die Zeit der Wikingerkämpfe. Diese spricht vor allem 
aus den Bjarkamäl, die um 900 entstanden sind. Nach ihr beherrscht das Leben 
am Königshofe die Dichtung. Schon treten Roman- und Novellenmotive auf: Zwei- 
kampf, Übung in Künsten u. dergl. Von den Dänen ist dann die Sage durch die 
ßjarkamal zu den Norwegern gekommen und von diesen wesentlich um- und 
weitergebildet worden. Übernatürliche Mächte greifen jetzt überall ein, und die 
einzelnen Sagen und Sagenzüge werden in der Saga künstlerisch untereinander 
verbunden und wesentlich ausgeschmückt. Neben Rolf tritt Helgi im ersten 
Teile der Saga in den Mittelpunkt; Berserker befinden sich im Gefolge des 
Schwedenkönigs; Gifinn greift in die Geschicke des Helden ein; Zauberei macht 



252 Heusler: 

dem Helden einen Strich durch die Rechnung. Wir finden hier fast alle Motive 
der nordischen Fornaldarsögur wieder. Gestalten wie Bjarki, Svipdag, Prode 
geben Stoff zu neuen, selbständigen Sagas oder besser psettir. Nicht unwesentlich 
hat das Leben auf den Inseln des Westmeeres und in England und der Verkehr 
mit den dortigen Bewohnern auf die Umgestaltung der Sage eingewirkt. So zeigt 
sich die Skjoldungensage in der Hrolfs Saga Kraka. Ihre letzte Umbildung 
hat jene endlich durch die isländischen Historiker des 12. und 13. Jahrhunderts 
erfahren, durch die fröiTir menn, die auf Grund ihrer grossen Belesenheit ein 
historisches Gebäude aufzurichten suchten und zu diesem Zwecke alles, was sie 
über altdänische Sage erfahren konnten, sammelten und als historische Tatsachen 
ausbeuteten. Diese gelehrte Arbeit, die natürlich wenig saggeschichtlichen Wert 
hat, repräsentieren die Langfedgatal und die SkJ9ldungasaga. 

Leipzig. Eugen Mogk. 



A. Chr. Bang, Norske Hexeformularer og inagiske Opskrifter. (Viden- 
skabsselskabets Skrifter, IL Historisk-filos. Klasse, 1901, No. 1.) Udg. 
for Hans A. Benneches Fond. Kristiania, Jacob Dybwad, 1901 — 1902. 
XXXXII, 762 S. Lex.-8». 

Auf dem Felde der Volkskunde hat Norwegen weniger veröffentlicht als die 
skandinavischen Bruderländer. Der vorliegende umfangreiche Band mit seinen 
l.i76 Nummern von Zaubersprüchen, Schaden- und Heilvorschriften, Quacksalber- 
rezepten, Amuletten usw. gibt von dem Reichtum der norwegischen Überlieferung 
einen hohen Begriff, wie er gleichzeitig der methodischen Sorgfalt des Heraus- 
gebers das beste Zeugnis ausstellt. Bang hat die Arbeit vor 20 Jahren begonnen 
und weit zerstreute, gedruckte und ungedruckte Quellen ausgeschöpft. In der 
Einleitung gibt er einen knappen l'berblick über die äussere Geschichte dieser 
abergläubischen Kleinlitcratur in Norwegen. Die Akten eines Hexenprozesses von 
1325 bringen das älteste Stück an die Oberfläche, und weiterhin liefern im 16. 
bis 18. Jahrhundert die Hexenprozesse Material. Reichlicher spenden die der 
Praxis aller Stände dienenden handschriftlichen Sammlungen, von denen die älteste 
noch dem Ende der katholischen Zeit angehört, worauf seit Anfang des 17. Jahr- 
hunderts durch die Verbreitung und mannigfache Bearbeitung des dänischen 
'Cyprianus' eine neue Richtung eintritt. Aber 'das Älteste und Eigenartigste von 
diesem Stoffe", sagt der Herausgeber, 'ist der Vergessenheit anheimgefallen und so 
7um Heile der Moral für die Wissenschaft verloren gegangen.' 

Bang hat die Stoffmasse nach sachlichen Gesichtspunkten in 14 Gruppen geteilt, 
z. B. I. 'Odin und das Füllenbein' (34 Nummern, doch Odin überall durch Jesus 
ersetzt), III. 'Formeln, worin eine übersinnliche Person auftritt und den Gebrauch 
eines Heilmittels vorschreibt.' Auch die Unterabteilungen sind mit feinem Ver- 
ständnis vorgenommen, und die Orientierung über Alter und Heimat jedes Stückes 
hat Bang dem Leser so bequem wie möglich gemacht. Sollte in Deutschland eine 
ähnliche Sammlung veranstaltet werden, sie könnte schwerlich ein besseres Vorbild 
finden als diesen Band. Der grosse Kenner auf volkskundlichem Gebiete, Moltke 
Moe, hatte beabsichtigt, geschichtliche Einleitungen und Hinweise auf ausländische 
Parallelen zu der Sammlung beizusteuern. Wir schliesscn uns dem Wunsche des 
Herausgebers an, dass Moe in einem Ergänzungsbande den Freunden der Volks- 
kunde dieses Geschenk bescheren möge. 

Berlin. Andreas Heusler. 



Berichte und Bücheranzeigen. 25H 

Das Paradies der Bibel, der arischen Völker und Götter Urheimat, ultima 
Thule sowie das varianische Schlachtfeld mit Hülfe niederrheinisch- 
bergischer Mythenforschung aufgefunden in den Rheinlandon von Ernst 
Hymmen. 2. Auflage. Leipzig, Gustav Fock, 1902. VIII, 107 S. 8". 

Das 'Urreich der Ascn' hat neuerdings ein Wajtes j^rusisk in Ost- und West- 
preussen aufgefunden, wo die Nehrungen am Kurischen und Prischen Haff ganz 
deutlich die Schwänze von Preyjas Katzen darstellen. Meistens aber sucht und 
findet man in den unteren Rheinlanden. So auch unser Verfasser, der vor den 
Schierenberg, Pischbach u. Gen. den Vorsprung hat, dass er gleich auch noch den 
Garten Eden mitnimmt. Hinter dem Titel des Buches mit seiner erschöpfenden 
Offenherzigkeit müsste jode Kritik zurückbleiben. Nur noch eine kleine Probe aus 
dem Innern der Schrift! S. 35: „Der griechische Weltenträger Atlas — der eddische 
Atli, der Sohn des Hring — ist die in der eddischen Hringstadt, im Mittelpunkte 
des Rheinringes, der grossen Schlange, stehende weltentragende 'Ormensul',. 
d. h. 'Schlangensäule' oder 'Schlangenbaum'." 

Berlin. Andreas Heusler. 



Karl Bader, Turm- und Glockenbüchlein. Eine Wanderung durch deutsche 
Wächter- und Glockenstuben. Giessen, Rickers Verlag, 190e3. XII, 
222 S. 8°. 4 Mk. 

Dies hübsche Büchlein verdankt seinen ansprechenden Charakter vor allem 
dem liebevollen Eifer, mit dem der Verfasser allen Seiten seines glücklich ge- 
wählten Themas nachgestiegen ist. Wir erfahren grosses und kleines, von der 
Symbolik des Turms (S. 22) und den Glockensagen (S. 129 f) und Turmlegenden 
(S. 36), vom Glockenrecht (S. 103) und dem Alter (S. 136), den Namen (S. 105) 
und Inschriften (S, 109 f.) der Glocken; aber auch wie am 11. November 1836 auf 
dem Münchener Prauenturm sich Johann Hirn, Johann Herz und Johann Leberwurst 
ganz zufällig trafen — eine eherne Tafel preist das welterschütternde Ereignis 
(S. 171), oder wie ein armer Gärtner, der 1658 beim Einzug Leopolds I. in Wien 
die Pahne auf dem Domknopf von St. Stefan schwang, als Dank vom Hause 
Österreich 12 Taler bar erhielt, nachdem man ihn die Nacht über in furchtbarer 
Lage vergessen hatte (S. 201). Schliesst der berichtende Teil sich naturgemäss 
gern an Ottes 'Glockenkunde' an — neben der aber noch mancherlei Literatur 
benutzt ist — , so ergänzt er von seiner Seite Wichners treffliche 'Nacht- 
wächterrufe'. 

Er bringt aber auch manches, das nicht nur den Polkloristen oder Sagen- 
forscher, sondern auch den Literarhistoriker interessiert: Nachweise über die 
Schillerglocke in Schaffhausen (S. 110) oder die mir besonders erwünschten Belege, 
dass zwei berühmte Pälle literarischer Namengebung nicht auf freier Erfindung 
beruhen (S. 109), der Prankfurter 'Geraperlin' hat wohl den Preiherren v. Gemperlins 
der Pr. v. Ebner, der Bamberger 'Bemperle' Spielhagens Magister Bemperlein vor- 
geläutet. Auch für die Vokalisierung des Glockenschalls (S. 96. 109) findet man 
charakteristische Beispiele. Auffallend aber ist, dass der belesene Verfasser, wo 
er vom Turmhahn (S. 205) spricht, den berühmtesten verschweigt: den von Klever- 
sulzbach. Ein schmerzlicher Beweis mehr, wie wenig Mörike selbst in Kreise ein- 
gedrungen ist, denen seine christlich volkstümliche Art besonders nahe liegen sollte. 

Berlin. Richard M. Meyer. 



^54 Bolte: Berichte und Bücheranzeigeu. 

Vlämisclie Kinderspiele. 

Die grosse, im Auftrage der Genter Akademie von A. de Cock und I. Teirlinek 
herausgegebene Sammlung vlämischer Kinderspiele^), deren Beginn oben 12, 374 
angezeigt wurde, ist nun glücklich bis zum dritten Bande fortgeschritten. Wiederum 
haben wir den Reichtum des Stoffes und die wohldurchdachte Anordnung zu 
rühmen, in der uns die Tanzspiele der Mädchen (165 Nummern mit vielen Varianten), 
die Werfspiele der Knaben und die Finger- und Handspiele samt allen Kunstaus- 
drücken, Reimen, Melodien und mit vielen Abbildungen vorgeführt werden, unter 
den Tanzreimen finden wir manchen guten Bekannten, wie 'Adam hatte sieben 
Söhne' (2, 181), Puthöneken (2, 79; vgl. Böhme, Kinderlied S. 138), Baum Ast 
Nest Ei (2, 82; A'gl. Böhme S. 267 und Terry et Chaumont, Cramignons ä Liege 
188i) S. 152), den Bauer (2, 189. Terry-Chaumont S. 241. 516), den Rirmesbauer 
(2, 225; vgl. 2, 102 und Kopp oben 14, 63), das Nonnenspiel (2, 295; vgl. Singer 
oben 13, 174). Der Refrain 'Marionnette - Maria' (2, 361) erinnert sehr an das 
französische Lied: 'Qui t'a fet lo mal de peu, la Marionela' (Geibel-Heyse, Spanisches 
Liederbuch 1852 S. 118). 

Ohne gelehrten Apparat und Illustrationen tritt die Sammlung von P. van 
den Brocck und A. d'Hooge-) auf, die 137 Kinderspiele aus der Gegend von 
Dendermonde sorgfältig und anschaulich beschreibt. Die Anordnung ist alphabetisch, 
Spielreime erscheinen verhältnismässig selten. J. B. 



J.-(x. Frazer, Le rameau d'or. Etüde sur la magie et la religion, tradiiit de 
Tariglais par R. Stiebel et J. Toutaiu, tome 1: Magie et religion; les 
taboiis par R. Stiebel. Paris, Schleicher freres & Cie. 1903. V, 403 S. 8». 

Prazers bekanntes Werk 'The golden bough' (1S90; 2. Auü. 1!H>0) hat das 
grosse Verdienst, an die vergilische Erzählung vom Eintritte des Aeneas in die 
Unterwelt anknüpfend, viele abergläubische Vorstellungen der antiken Welt durch 
umfassende Heranziehung der Beobachtungen moderner Ethnologen und Volks- 
kundler in eine neue Beleuchtung gerückt zu haben. Die auf L. Marilliers An- 
regung von Stiebel (f 1902) unternommene und von Toutain fortgeführte vor- 
treffliche französische Übersetzung unterscheidet sich von dem Originale dadurch, 
dass sie an Stelle der lockeren, durch manche Abschweifungen das Studium er- 
schwerenden Komposition eine systematischere Anordnung des ungemein reichen 
Materials einzuführen sucht. Der erste Band behandelt Zauberei und Religion als 
zwei Entwicklungsstufen im Verhältnis des primitiven Menschen zur Natur und 
schildert die verschiedenen Arten der Zauberei durch Nachahmung der gewünschten 
Wirkung (z. B. das Durchstechen eines Wachsbildes), durch Sympathie (Haare, 
Zähne, Nabelschnur), die Einwirkung auf Regen, Sonne, Wind, sowie die Stellung 
des Priesters oder Fürsten, in dem man oft eine Inkarnation der Gottheit oder 
doch einen von ihr Inspirierten sah. Dann geht die Betrachtung zu den mannig- 
fachen Beschränkungen (Tabu) über, die man den Königen und Priestern hin- 
sichtlich ihrer Nahrung und Lebensweise auferlegte, um ihr kostbares Leben zu 



1) A. de Cock en Is. Teirlinek, Kinderspel en kinderlust in Zuid-Nedorland, mot 
Schemas en teckeningen van H. Teirlinek, 2. deel: Dansspelen. — 3. decl: Werpspclen; 
Vinger-, hand- en vuistspelletjcs. Gent, A. Siffer, 1903. 389 und 284 S. 8". 

2) P. van den Broeck en Am. d'Hoogo, Kinderspelen uit het land van Dender- 
monde, beschreven. Eene bijdragc tot de folklorc, gedeoltelijk overgedrukt uit 0ns volks- 
leveii. Brecht. I.. Braeckmans. 1902. 102 S. 8". 



Minden: Protokolle. 255 

bewahren, beleuchtet die Vorstellungen von der Gestalt der Seele (S. I-So — 229), 
die zauberische Macht der Knoten, die Wichtigkeit der Namen und die auf be- 
stimmte Worte gelegten Verbote. — Wir erwarten mit Ungeduld die beiden anderen 
Bände, die uns die Ritualmorde, die Gefahren und Wanderungen der Seele, sowie 
die Feld- und Waldkulte vorführen sollen. J. B. 



0. Crimi Lo-Giudice, Maglieria o Aniore per forza. Sccme po})olari siciliano 
in 2 atti. Acireale, Tipografia. Umberto I, 1903. 48 S. 8°. — Vendetta! 
Raeconto campagnuolo siciliano. P]bd. 1903. 29 S. 8". 

Im Dienste der Aufklärung schildert das von Pitre (1888) bevorwortete 
dramatische Bild aus dem sizilischen Volksleben die noch immer lebendige Gewalt 
des Aberglaubens. Als der leidenschaftlich verliebte Antonio von Tecla kühl ab- 
gewiesen wird, sucht er durch eine geheimnisvoll zubereitete und in einen Brunnen 
versenkte Orange und durch ein täglich vor Teclas Fenster gesungenes Zauberlied 
sie zur Liebe zu zwingen; und so fest glauben alle Nachbarn, selbst der Priester 
an die unentrinnbare Macht des Liebeszaubers, dass Tecla aus Furcht endlich in 
die Heirat mit dem unwillkommenen Freier willigt. Im Vergleich mit diesem in 
Naso bei Messina gespielten und manche sprichwörtliche Redensarten verwertenden 
Volksstücke besitzt die Erzählung desselben Verfassers weniger volkskundliches 
Interesse. J. B. 



Aus den 

Sitzuii^s-ProtokoUeii des Vereins für Volkskunde. 



Freitag-, den 22. Januar 1904. Herr Privatdozent Dr. Paul Bartels verlas, 
da sein Vater, Herr Geheimrat Prof. Dr. Max Bartels, leider durch Krankheit 
am Erscheinen verhindert war, dessen Vortrag über japanische Fabel- und Wunder- 
tiere, der durch zahlreiche Lichtbilder erläutert wurde. Die Drachen, Schlangen, 
Affen, Einhörner, Spinnen, Tausendfüsse u. a. sind in der Volksphantasie der 
Japaner vielfach umgestaltet und von der bildenden Kunst zur Darstellung mytho- 
logischer und sagenhafter Ereignisse verwertet worden. — Herr Prof. Roediger 
erstattete den Jahresbericht über die Tätigkeit des Vereins, der im verflossenen 
Jahre 194 Mitglieder zählte, und sprach dem hohen Unterrichtsministerium für die 
wiederum gütig gewährte Unterstützung den Dank des Vereins aus. Herr Meyer 
Cohn erstattete den Kassenbericht. In den Ausschuss wurden gewählt: Frau 
Geheimrat Weinhold, Fräulein E. Lemke und die Herren Bartels, Bastian, Bohrend, 
Friedel, Heusler, Mielke, Moebius, Erich Schmidt, Schulze -Veltrup, Voss. 

Freitag, den 26. Februar 1904. Herr cand. phil. Wilhelm Müller legte 
einige volkskundliche Gegenstände aus Mecklenburg (Feuerkieken, Haubon, bemalte 
Schachteln) vor, an deren Besprechung sich die Herren Hahn, Maurer, Schulze- 
Veltrup und Sökeland beteiligten; Herr Sökeland vermutete, dass solche, auch in 
Pommern vorkommenden Schachteln von einem gemeinsamen Fabrikationsort ver- 
breitet worden seien. Dann sprach Herr Dr. Ed. Hahn über die Sage vom 
Däumling. Er ging von den Zwergvölkern aus, die früher auch in Europa existiert 
haben müssen, und die in der alten Mythologie mit der Herstellung von Metall- 



256 Minden: Protokolle. 

arbeiten in Verbindung gebrar.ht werden, wie man auch den Schmied Hephaistos 
und Wicland lahm oder missgestaltet dachte. Das Däumlingsmärchen setzte er in 
Verbindung mit dem Namen des kleinen Sterns im Sternbilde des Wagens, des 
'Kutschers', und nahm an, dass der Däumling in einer gewissen Beziehung zu der 
Einführung des Ackerbaues stehe. Der Vortrag rief eine Debatte hervor, an der 
die Herren Bolte, Minden und Roediger teilnahmen. 

Freitag, den 25. März 1904. Herr H. Sökeland legte eine Reihe gestickter 
Tücher, Kissenbezüge, Hauben, Schuhschnallen u. a. aus Hessen und aus dem 
Lüneburgischen vor, unter denen namentlich Umschlagetücher interessierten, die 
auf der einen Seite schwarzweisse, auf der anderen bunte Muster zeigten und 
sowohl bei traurigen wie bei freudigen Anlässen umgebunden werden konnten. 
Herr Bolte besprach einige Aufsätze aus der neuen Zeitschrift des Vereins für 
rheinische und westfälische Volkskunde und den Danske Studier. Darauf hielt 
Herr Oberlehrer Dr. E. Samter einen Vortrag über antike und moderne Toten- 
gebräuche. Die Kerze, die dem Sterbenden in die Hand gegeben wird und die 
auch bei der Leiche brennen bleibt, brachte er in Verbindung mit den Packeln 
bei altrömischen Leichenbegängnissen und mit der reinigenden und sühnenden 
Kraft des Feuers. Den Brauch, den Todkranken vom Bette herunterzuheben und 
auf die Erde zu legen, der sich in Deutschland, im alten Rom (depositus), in 
Indien und in China findet, erklärte er aus dem Gedanken, den Sterbenden der 
Mutter Erde näher zu bringen. Wenn vielfach der letzte Atemzug des Sterbenden 
von einem Verwandten aufgefangen wird, so soll dadurch die scheidende Seele in 
den Körper des Erben übergehen, wie man auch den Namen der Vorfahren auf 
die Nachkommen überträgt. Auch der römische Brauch, das Haus des Verstorbenen 
auszukehren (vgl. die am Palilienfeste übliche Sühnezeremonie und die Göttin 
Deverra) und die Scheu vor dem Genüsse der den Toten geheiligten Bohnen bei 
den Pythagoräern und beim Flamen dialis findet in neueren Volksbräuchen, z. B. 
in dem Verbote, während der Zwölften Hülsenfrüchte zu essen, seine Entsprechung. 
An der durch den Vortrag angeregten Diskussion nahmen die Herren Bolte, Kopp 
und Roediger teil. — Der Vorsitzende teilte die Wiederwahl des Herrn Geheimrat 
Priedel zum Obmanne des Ausschusses mit. 

Georg Minden. 

Nachrichteu. Erfreulich wächst die Teilualmie für unsere Wissenschaft: am 2ti. Februar 
1904 wurde in Heidelberg ein badischer Verein für Volkskunde unter dem Vorsitz von 
Prof. Kahle, Sütterlin und Lorentzen gegründet, und im Auftrage des am 5. April 1903 
zu Köln zusammengetretenen Vereins für rheinische und westfälische Volkskunde 
haben K. Prümer, P. Sartori, 0. Schell und K. Wehrlian das stattliche erste Heft seiner 
Zeitschrift herausgegeben. 

Am 6. April 1904 tagte zu Leipzig eine von Prof. Mogk und Strack einberufene 
Versammlung von Vertretern deutscher volkskundlicher Vereine und verschiedenen Forschern 
auf diesem Gebiete, um durch einen Zusammenscliluss ihre wissenschaftlichen und praktischen 
Arbeiten zu fördern. Dreizehn Vereine hatten Abgeordnete entsandt, andere schriftlich 
ihre Zustimmung erklärt. Man beriet die von Prof. Strack vorgelegten Satzungen dieses 
Verbandes, dessen Ausschuss ein Korrespondenzblatt herausgeben und regelmässige Zu- 
sammenkünfte der Abgeordneten berufen soll. Möchte diesem schönen, so hoffnungsvoll 
eingeleiteten Unternehmen allgemeine und dauernde Teilnahme zufallen! 

Der zweite internationale Kongress für allgemeine Religionsu^eschichte soll vom 
:iO. August bis 2. Septembei 1904 in Basel gehalten werden. Anmeldungen sind an 
Prof. A. Bertholet (Basel, Leouhardstr. 8) zu richten. 



Die Gebäcke des Dreikönigstages. 

Von Max Höfler. 



Der heil. Dreikönigstag ist Christi Tauftag, Christi Erscheinungstag 
Epiphania (ital. befana), Ebenweihtag und bis zur ersten Hälfte des 
4. Jahrhunderts neben Ostern und Pfingsten das Hauptfest der römischen 
Kirche (Tille, Deutsche Weihnacht, S. 2), wozu auch im 5. Jahrhundert 
noch der Unschuldige Kindertag gehörte, welcher später dem Weihnacht- 
zyklus augegliedert wurde. Die alten Deutschen, welche noch nach Nächten 
rechneten, benannten diese Nacht giperahta naht^), d. h. die prächtige, 
glänzende (lucens), leuchtende Nacht der Mittwinterzeit; das Mittelalter 
hiess sie auch perhten naht; daneben auch perhtentac, in Nürnberg 1616 
Bergnacht (E. Mogk, German. Mythologie S. 51). Nach Golther (German. 
Mythologie S. 493) „entwickelte sich daraus die im Sinne einer Kalender- 
heiligen persönlich gedachte Perhtennacht, d. h. Nacht der Perhta (im 
13. Jahrhundert domina Perchta), wie entsprechend bei den Italienern aus 
Epiphania (befania) die Kinderscheuche Befana ward". E. Mogk ist aber 
gegen diese Deutung der Perchta aus dem Kalendernamen; auch E. H. Meyer 
(Mythologie der Germanen S. 425) meint: „Ihr Mythus bestand schon 
vorher und kann nicht aus dem Namen eines Tages erwachsen sein, der 
nicht einmal in alten Kalendern vorkommt." Wir wollen hier nicht ent- 
scheiden, ob diese Perchta eine Totengöttin war (Herrmann, Deutsche 
Mythologie S. 23) oder sonst eine andere germanische Gottheit (?) vor- 
stellte; jedenfalls verdankt sie nur ihrer Stellung als weibliche Anführerin 
der Seelen (= Perchteln) den reichen Sagenkranz, der um ihre Person 
sich windet; sie ist das weibliche Gegenstück zum wilden Jäger oder 
Schimmelreiter ^), nur dass sie selten reitet, sondern häufiger im Goldwagen 
fährt. Mit dem Anbruche des neuen Jahres verlässt sie, nachdem sie ihre 
Opfergaben erhalten hat, das Land, dem sie Wohlstand und Fruchtbarkeit 
verleiht, worauf sie auf Jahresfrist sich wieder in ihr Heiligtum zurück- 



1) Vgl. altsächs. thiu berhta sunna im Heliand (Hejne, Deutsche Hausaltertümer 
3, 239). 

2) Abbildung s. oben 12, Tafel I, Fig. 1 u. 2. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. 17 



258 Höfler: 

zieht. Dieser Perchtentag heisst in der Schweiz: Pechteli-, Bechtelis- 
Berchtelis-, Berchtoldtag, auch Berchtentag (1501); in Tirol: Brechentag 
oder Gstampanacht (Stampe = die stampfend auftretende Perchta); md. 
Erau Holleabend; Westfalen: Höllentag; Tirol und Bayern: Göbnächttag, 
Gemmichtag (Göb = Gabe^), quasi donum dei, Kind als Gottesgabe), 
Grossneujahr, hohes Xeujahr, hoher Tag; in Steiermark: oberste Nacht, 
Reichemahlnacht, die das Ende der zwölf schaurigen, dem Geisterkulte 
gewidmeten Zwischen- oder Rauchnächte bildet (Ztschr. f. österr. Yolksk. 
1903, 15); daher heisst dieser Perchtentag mnd, derten-, dertiendach; 
vlämisch: dertiendag; schwedisch: trettonde dagen, d. h. dreizehnter Tag, 
trettondagjul; englisch: twelfth day ^= zwölfter Tag; altfriesisch: twilifta di 
(Ztschr. d. Vereins f. Volkskunde 1893, 271). Au ihm erreichte die die 
Zukunft günstig beeinflussende Abfütterung der Seelengeister ihr Ende, 
und den Lebenden gehörten nunmehr die durch Brauch festgesetzten 
Speisen und Festgerichte; daher: Reichemahlnacht, sieben oder neun 
(Ge-) Richtelnacht usw. 

Schon am Vorabend zeigt sich dies deutlich durch den sogen. Perchten- 
tisch (tabula fortunae). In der Sylvesternacht alten Stils, d. h. in der 
Göbnacht vor dem Grossneujahre, legten z. B. die Bauern im Kanton Bern 
ein Stück Brot und ein Messer auf den Tisch — „Göbnacht ist unseres 
Herrn Tischelnacht" (Oberbayern) — , um die Hausgeister, die elbischen 
Zwerge, günstig zu stimmen. Dienstboten, die sich mit dem hauswaltenden 
Kobolde (= Kobelwalter) gut stehen, setzten von den Speisen besondere 
Näpfchen beiseits (Schweizer. Archiv f. Volkskunde 1, 219. Grimm, D. 
Myth.* 422). In Tirol wird am Göbnachtabend von allen Speisen ein 
Löffel voll ins Feuer geworfen (zur Vermittelung des Gerichtes an die 
Windgeister) und der Perchta, der Anführerin der Seelengeister, aufge- 
tischt als Opfer an die „milde Frau Percht" (Schoepf, Tirol. Idiot. S. 181. 
Zingerle, Sagen ^ S. 19) oder auch für die Stempe (Stampe), damit auch 
während des Schlafes der Menschen sich „die Perchtl mit ihrer Kinder- 
schar" an den aufgetischten Speisen der Nachtmahlzeit erletze und erlabe; 
zu diesem Behufe setzte man letztere auf die Hausdächer. Am heil. Drei- 
königstagabend kam einmal die Perchtl auf den Bauernhof Köglern im 
Alpbachtal mit der zahlreichen Schar ihrer Kinder (Seelen) gezogen; auf 
dem Tische stand Essen, das für sie hingesetzt war, wie man fast auf 
allen Höfen zu tun pflegte. Sie bestrafte den unberufenen Lauscher, der 
dabei aus einer Wandspalte zuluegte, mit Stockblindheit (Alpenburg-Bech- 
stein, Tiroler Sagen 48. 63). Auch an anderen Orten stellte man in der 
Perchtennacht dieser und den Schrättlein Speise hin; auch für die Berg- 
männlein wurde ein Tischchen gedeckt, Milch und Honig darauf gesetzt 



1) Vgl. die altgerman. Alagabiae, die keltischen OUogabiae, die nordische Gefjon, 
die litauischen Gabiae, die suevische Garmangabis, die englische Godgifu (Meyer, Mytho- 
logie der Germanen S. 213. 417). 



Die Gebäcke des Dreikönigstages. 



259 



und in diese Speise das Blut einer „schwarzen" Henne (= Seelenopfer) 
getropft (Grohmann, Apollo Sniintheus, S. 26). Im 15. Jahrhundert legte man 
in Bayern sogar praeoccupando die Pflugschar unter den Perchtontisch, 
damit die durch Speisen versöhnte Perchta die Pflugarbeit des Frühjahrs 
segne (Meyer, Mythol. S. 428); desgleichen liess man in Altbayern für 




Fig. 1. Perchtentanz im Salzbur^ischen, gezeiclinet von .7. Rattensberger um 1845. 
(8 Perchten, Hanswurst, Läpp, Lappin, Wurzengraber, Öltrager, Einsiedler, 3 Musikanten.) 




Fig. -j. l'oieiitontanz im Pinzgau, Zeichnung von Grögler. 

dieselbe einen Teil der Küchlein auf dem (Glücks-) Tische stehen (Germania 
4, 101). In Elberstalzell (Oberösterr.) gibt man sogar dem hausgenossigen 
Viehe kleine Brotlaibchen, die in der Weihnachtszeit schon als sogen. 
„Viehstöri" (Steuer, Abgabe an die Haasgeister) gebacken werden (Baum- 
garten, Das Jahr, S. 9); auch wird, wenn es finster geworden ist, ein 

17* 



260 Höfler: 

sogen. Störibrot (= Brotopfer, zusammengesteuerte Abgabe an die Elementar- 
geister) auf einen Baum gesteckt; ein anderes wird in die Hauslake ge- 
worfen. Im steiermärkischen Oberland wandert in der heil. Dreikönigs- 
nacht die Perchtl - Goba (vgl. die oben erwähnten german. Alagabiae = 
Allgeberinnen: Meyer, Mythol. S. 213) als alte runzelige Frau hatschend 
über Berg und Tal an der Spitze der unschuldigen Kinder (= Seelenschar) 
(Ztschr. f. österr. Volkskunde 1896, 302); die Göbnachtperchteln sind die 
in dieser Perchtennacht schwärmenden. Gaben heischenden und empfangenden 
Seelengeister, die mit der Perchta als deren Kinder (= Göb) herumziehen. 
Dieser Umzug der elbischen Wesen am Perchtenabend wird in Tirol beim 
sogen. „Perchtellaufen" vorgespielt. Je mehr Perchteln dabei mitlaufen 
in den Rauchnächten oder an dem diese beschliessenden heil. Dreikönigs- 
tage, desto besser und fruchtreicher wird (durch die Gunst der Seelen- 
geister) das ganze Jahr, welches nun neu beginnt; denn man bewirtet die 
unter dieser Dämonengestalt laufenden (anord. ham-hleypa) Personen, d. h. 
die Perchtenläufer (als Stellvertreter) mit Schnaps und Klötzenbrot; diese 
aber werfen kleine Kinderpuppen den jungen Weibern an Schnüren zu. 
(Crefällige Mitteilung von Frau Professor Audree-Eysn, der wir auch bei- 
gefügte Illustration [Fig. 1 u. 2J der Perchtenläufer') verdanken: Zingerle, 
Sagen ^ S. 25. Vgl. 7. Jahresbericht des Sonnenblickvereins 1898 S. 7.) Die 
Stempa oder Stampa, ebenfalls die Perchta, nur unter anderem Namen, isst, 
wenn sie um diese Zeit umgeht, namentlich Nüsse (= Körneropfer) gern 
(Zingerle, Sagen^ S. 27). Der Glaube an die Umzüge dieser Dämonengestalten 
(Perchta, Stampa, Holla, Hei, wilde Jagd) laufend, reitend (Schimmelreiter), 
fahrend (in der Geisterkutsche, Goldwagen, als Galawagen oder Galaschlitten 
auf Lebkuchen dargestellt, s. Fig. 3 — 5) war in Deutschland bis auf die 
Neuzeit besonders am Abend vor heil. Dreikönig haftend (Tille, Weih- 
nacht S. 49. Weinhold, Weihnachtslieder 14); an manchen Orten war das 
„Perchteln auf den Strassen" im 15. — 16. Jahrh. schon auf den modernen 
Neujahrstag verlegt (s. Zeitschr. f. österr. Volkskunde 1903, 188); wieder 
an anderen Orten trieb die wilde Jagd um Martini, einem alten Neujahrs- 
tage im wirtschaftlichen Volksbrauche (Archiv f. Schweizer. Volkskunde 
1902, 22) ihr Unwesen, während in Oberösterreich diese bis zum hl. Drei- 
königstage schwärmte und an diesem Tage dann die für sie am Glücks- 
tische bereitgestellten Speiseopfer erhielt (Baumgarten, Das Jahr S. 81); 
auch die Hausgeister, nicht bloss die Elementargeister in den Lüften er- 
hielten in der Perchtennacht ihren Tisch mit guten Speisen gedeckt. In 
Niederbayern wünschen die Neujahransinger dem Hausherrn einen „goldenen 
Tisch", der Hausfrau einen „goldenen Rock", den Kindern einen „goldenen 



1) Mit den Fastnachtmasken, die aus den römischen Luperealien abstammen und ein 
die Dämonen vertreibender Mummenschanz der römischen Frühlings- (Neujahrs-) Zeit sind, 
haben diese Perchtenläufer viele Ähnlichkeit. Mau wollte similia similibus, Angst mit 
Schreck verscheuchen. 



Die Gebäcke des Dreikünierstai'es. 



261 



Wagen", mit dem sie in den Himmel fahren können (Deutsche Gaue 83 — 84, 
S. 32). Dies erinnert wieder an den eben erwähnten Goldwagen, der 
in den Niederlanden als Hellewagen oder Ziele- (= Seelen-) Wagen in 
der Nacht umfährt und die Seelengeister „nach dem anderen Lande" führt 
(J. W. Wolf, Deutsche Götterlehre S. 118). Schmeller (Bayer. Wörterbuch ^ 
1, 270) und Schönbach (oben 12, 5. Wiener Sitzgsber. (1900) 142, S. 22) 
führen aus Thomas von Haselbach (f 1464) an: „3° videant, qui in certis 
noctibus ut Epiphanyae Pericht (Perchte) alias domine habundiae (vulga- 
riter phinczen aut [ante?] sabbato oder sack semper Tamfana? Volla? 




Fig. 3. Honigkuchen (Mark Brandenburg). 





Fig. 4. Marzipangebäck (München). 



Fig. 5. Gebäckmodel aus dem ]\[uscum 
zu Kaufbeuren: Galaschlitteu deslT.Jahrh. 



Fulla?) ponunt cibos et (vel) potus aut (et) sal, ut isto anno huic domui 
propicia et largia(n)tur satietatem et habundantiam unde et Habundantia 
(= Fulla, Fülle) vel Satia vocatur." Pfinzen und Sacksemper sind hier 
Namen für weibliche Dämonen (daemones in specie mulierum apparentes; 
Schönbach oben 12, 6) und wahrscheinlich Beinamen der Perchta. Mones 
Anz. 4, 451 teilt folgende Stelle aus dem 15. Jahrh. mit: „Auch etlich 
glauben haben, ieglich Haus hab ein schrezlin; wer das ert, dem geb es 
gut und er; auch vint man, das (man) an der Berahtnaht seinen tisch 
richte". Aber nicht bloss diese erhielten ihre Speiseopfer, sondern auch 
die 3 Schicksalsschwestern, welche als Ainbet, Wilbet und Werbet (= ge- 
bietende, bestimmende Wesen), 3 Schwestern, 3 Weiber, 3 weisse Jung- 



262 Höfler: 

frauen, 3 Basen, 3 Muhmen, 3 Jungfrauen, 3 Heilrätinnen, salige Fräulein 
(felices dominae), 3 heidnische Schwestern, 3 wilde Frauen, 3 Feien be- 
nannt werden und zum Volksglauben der europäischen Indogermanen 
gehören. Im 9. Jahrh. heisst es bereits (nach Schmeller 1, 270): „Aliqui 
etiam rustici in ista nocte quae praeteriit (Perchtennacht) meusulas suas 
plenas multis rebus, quae ad mandicandum sunt, necessaria componentes, 
tota nocte sie compositas esse voluerunt credentes, quod hoc illis Kalendae 
Januariae praestare possent, ut per totum annum continua illorum in tali 
habundantia perseverent"; also ganz der gleiche Brauch war hier herrschend 
wie bei den Römern (tabulae fortunae) und beim nordischen Julfest, das 
in die gleiche Zeit (um Neujahr) fiel. 

Aus der Dekretensammlung des Burchard von Worms (f 1024) führen 
Wasserschieben (Bussordnungen 658. 643) und Jahn (Deutsche Opfer- 
gebräuche 282) an: „Observasti Kalendas Januarias ritu paganorum, ut 
vel aliquid plus faceres propter novum annum, quam antea vel post (quod) 
soleres facere, ita dico, ut aut mensam tuam cum lapidibus (I. lampadibus) 
vel epulis in domo tua praeparares eo tempore aut per vicos et (per) 
plateas cantores et choros duceres" .... „vel si panes praedicta nocte 
coquere fecisti tuo nomine, ut si bene elevarentur et spissi et alti(us) 
fierent, inde prosperitati (em) tuae vitae anno provideres ideo, quia Deum 
creatorem tuum reliquisti et ad idola et ad alia (illam) Yanitate(m) (te) 
convertisti et apostata effectus es II annos penit(eat)" .... „Fecisti, 
(quod) ut qu^edam mulieres in quibusdam temporibus (anni) facere solent, 
ut in domo tua mensam praeparares et tuos cibos et potum cum tribus 
cultellis supra mensam poneres, ut, si venisseut tres illae sorores, quas 
antiqua posteritas et antiqua stultitia Parcas (=Nornen; vgl. E. Mogk, Germ. 
Myth. 55) nominavit, ibi reficerentur. Et tulisti divinae pietati potestatem 
suam et nomen suum et diabok) tradidisti, ita dico, ut crederes illas, quas 
tu dicis esse sorores, tibi posse aut hie aut in futuro prodesse?" Schmeller 
1, 271 führt ferner aus einem Tegernseer Codex des 15. Jahrh. an: „Multi 
in domibus in noctibus praedictis (inter natalem diem Christi et noctem 
Epiphaniae) post coenam dimittunt panem et caseum, lae, carnes, ova, 
vinum et aquam et hujus modi su]ier mensas et coclearea, discos, ciplios, 
cultellos et simili propter visitationeni Perhtae cum cohorte sua (= Nacht- 
volk) ut eis complaceant." 

Martin von Amberg (Mitte des 13. Jahrh.) erzählt, dass die Leute der 
Percht mit der eisnen (= Eis oder Schrecken erregenden) Nase an der 
Perchtnacht Essen und Trinken stehen lassen. Du Gange 6, 132. 135 
erwähnt aus dem Jahre 1159 aus Salzburg: „Oblationes panum, quae in 
Epiphania Advocato fiebant"; forner 1312: „panis epiphaniae, qui in epi- 
phania praestationis nomine offertur". Das neujährliche Spendebrot, das 
ehemals dem dämonenvertreibenden Priester gehörte, hatte sich also 
schon damals in ein Lehen- oder Zinsbrot für den Kirchen- oder Kloster- 



Die Gebäcke des Dreikönigstages. 263 

vogt verwandelt; an anderen Orten erhielten es die im Advent verwendeten 
Singknaben als sogen. Singbrot. 

An Stelle der erwähnten 3 Schicksalsfrauen treten im Yolksbrauche 
die heil. 3 Könige der Legende; im Frankenwalde werden die 3 heil. 
Könige zu Gast geladen, indem der Bauer Brot und Wasser Nachts auf 
den Tisch stellt (Bavaria 3, 309). In Flandern kommen nach dem Volks- 
liede die heil. 3 Könige an der Bäckerei vorbei und kochen daselbst Brot; 
auf ihrem Umzüge gab man ihnen auch bei der Einkehr in die Häuser 
Brot zum Geschenke (Volkskunde, tijdschrift voor nederl. folklore 8, 3. 
11, 124). In der nordöstlichen Steiermark dagegen ziehen die 3 Fräulein 
als heil. 3 Königssängerinnen, eine weiss, eine rot und die dritte schwarz*) 
gekleidet und gaben empfangend durch die Dorfschaften (Ztschr. f. österr. 
Volkskunde 1896, 304). Wir werden später wiederholt sehen, dass sich 
hinter diese 'felices dominae' oder 3 Schicksalsschwestern oder 3 Perchteu 
(salige Fräulein) auch in den Gebildbroten die heil. 3 Könige einschoben, 
von denen aber die Bibel weder sagt, dass es 3, noch dass es Könige 
waren, sondern „Magier aus Arabien" ; doch schon Beda (f 735) nennt sie 
Kaspar, Melchior und Balthasar, und in den römischen Katakomben tragen 
sie orientalische Kleidung^); jedenfalls ist die volksübliche schwarze Mohren- 
figur des Kaspar ein Hinweis auf die schwarze Hei der 3 Schicksalsfrauen; 
auch das Patronat der Eeisenden^), welches in der Schweiz den heil. 
3 Königen zukommt (v. Stückelberg, Reliquienverehrung in der Schweiz, 
CVII), entspricht der Aufgabe der 3 Schicksalsfrauen; kurz, wir dürfen 
die letzteren durch die heil. 3 Könige der Legende abgelöst betrachten. 

Dem Leser wird schon aufgefallen sein, dass so viele weitzurückreichende, 
durch die Geistlichkeit in lateinischer Sprache vermittelte geschichtliche 
Notizen über das Fest Epiphania sich vorfinden; es erklärt sich dies eben 
aus der allgemeinen Verbreitung des Neujahrsbrauches und aus der grossen 
volkstümlichen Bedeutung des Neujahrsfestes bei den Römern wie Ger- 
manen und Deutschen. 

Dem voraufgegangenen Kulte der Dunkelelben in den abscheulichen 
Rauchnächten folgte am heil. Dreikönigs- oder Grossneujahrstage der Kult 
der seligen, glücklichen Schicksalsgeister, der durch ein „prächtiges" Fest- 
essen mit bestimmter Speiseordnung vor allem sich äusserte. Der Toten- 
kult, aus dem der Geisterkult sich ableitet, verlangte vor allem Ver- 
söhnung der verstorbenen Sippengenossen und Ahnengeister; diesen ge- 



1) Auch die Hei als Schicksalsgeist ist halb schwarz, halb menschenfarbig, wie auch 
unter den 3 heil. Königen immer ein Weissbärtiger und ein schwarzer Mohr figuriert. 

2) Vgl. J. Wilpert, Fractio pauis (1895) Tafel VII. Keine der drei Magierfiguren 
(2. Jahrh.) in deu Katakomben hat Mohrentypus; sie tragen alle drei die phrygische Mütze. 

3) Bei den Finnen ist St. Stephan, der ebenfalls um diese Neujahrszeit seine Ver- 
ehrung hat, Patron der Reisenden (Matka-Teppo = Reisestephan), der als Gott des Weges 
(tie-jumala) angerufen wird (Maunhardt, Baumkultus 404). Die christlichen Missionare 
haben diese Stellvertretung nolens volens gelten lassen müssen. 



264 Höfler: 

hörte zuerst die Festspeise, deren mau sich durch Entsagung-, d. h. durch 
festes Binden (= Fasten in german. Bedeutung) an die Speiseordnung ent- 
hielt; erst nachdem die glückspendenden Seelengeister auf dem Glücks- 
tische ihre gebührende Festspeise erhalten hatten (= Tagesfasten), dann 
erst folgte „das reiche Mahl" für die überlebenden Sippengenossen, von 
dem alles, Kind und Kegel, Gesinde, Gäste, selbst das symbiotische Haus- 
vieh seinen Anteil erhielt. 

„Nach wihen nehten, aht tage 

Den man da heizzet ebenwihe, 

Do man ezzen wolt ze naht, 

Do sprach der wirt zem gesinde 

Und zuo sin selbes kinde: 

Ir sült vast ezzen, daz ist min bete, 

Daz iuch Berhte niht trete." (Schraeller 1, 271.) 

In diesem mhd. Gedichte werden also Kinder und Gesinde aufge- 
fordert, am Perchtentage recht viel zu essen, um sich so vor dem Tritte 
der stampfenden Perchta im Alptraume zu sichern. Wer andere Speisen 
als die festgesetzten oder zu wenig vorsetzte, an dem rächten sich die 
Geister im Alptraume. Als die Kinder in Tirol ihren Yater nun fragten, 
was denn die Stempa sei, der zu Ehren sie so sehr fest essen sollten, 
antwortet derselbe: „es ist so griuwelich getan, daz ich dir'z niht gesagen 
kan; wau swer des vergizzet daz er niht fast izzet, üf den kumt ez und 
trit(et) in" (Golther, DM. 493). Man sieht, wie die Furcht des Menschen 
diesen stets zum alten Dämonenkult drängte. Je mehr an Speisen ver- 
zehrt wurde, 'plenius inde recreantur mortui'. 

Die 'Oberste Nacht', die Perchtennacbt machte den Schluss der winter- 
lichen Sonnenwende. Bei den Germanen hatte das Neujahr mit dem wirt- 
schaftlichen Abschlüsse des alten Jahres begonnen, und das war ein land- 
schaftlich verschiedener Termin. Die verschiedenen Berechnungsstile der 
Kalendermacher brachten in die Bestimmung der Neujahrszeit eine gross- 
artige, fast verwirrende Abwechselung. Nach dem Nativitätsstile begann 
das Neujahr am Christi Geburtstage, d. h. auf Weihnachten; später wurde 
es nach dem Circumcisionsstile auf den 1. Januar verlegt; im Yolksbrauche 
aber blieb das alte Neujahr nach den 13 Unternächten oder 12 Kauch- 
nächten auf dem Tage der Erscheinung Christi (Epiphania) haftend. 

An diesem Hauptfesttage, 'Obersten Tag', der früheren Zeit konnte 
man sich die Gunst der Seelengeister nur durch die Einhaltung der festen 
Speiseordnung gewinnen. Nach der Volkssage schneiden die Dämonen 
den Bauch des an derselben sich Verfehlenden auf. Nachts vor dem heil. 
Dreikönigstage untersucht im Orlaugau die Perchta alle Kockenstubon 
und schneidet bei dieser Gelegenheit allen, die an diesem Abende nicht 
eine sogen. „Zemmede", d. h. einen aus „zusammen"gesteuerten Beiträgen 
(Mehl, Wasser und Milch) bereiteten und in einer Pfanne gebackeuen 



Die Gebäcke des Dreikönigstages. 265 

Brei gegessen haben, den Leib auf und nimmt die andersartige genossene 
Speise heraus und füllt den Leib mit Wirrbüscheln und Backsteinen aus 
(Köhler, Volksbrauch S. 490). An dieses gemeinsame Sippenmahl erinnert 
auch der schweizerische Bertolds- oder Bertelischmaus der Bürger zu 
Frauenfeld, der auf den Sonntag nach heil. Dreikönig fällt (Schweiz, 
Archiv f. Volkskunde 3, 164. 250. 4, 153). 

Die für diesen heil. Dreikönigstag vom Volksbrauche vorgeschriebenen 
Speisen (abgesehen von den nur kirchlich eingeführten Fischen in West- 
falen, Voigtland und Braunschweig) sind folgende: 

1. Der nach uralter Sitte, namentlich aber bei Leichenschmäusen 
herkömmliche Brei, der schon in indogermanischen Zeiten eine Seelen- 
speise war und auch am modernen Xeujahrstage (Ztschr. f. österr. Volks- 
kunde 1903, 188) noch üblich geblieben ist. Wer im Voigtlande es 
unterlässt, an diesem heil. Dreikönigstage den dicken Mehlbrei, Polse 
(= puls) genannt, zu essen, dem reisst die Werre (= die verwirrt machende 
Perchta) den Bauch auf (Scheibles Kloster 7, 96. Grimm, DM. 25 L 
Köhler, Volksbrauch S. 476). Während am modernen Neujahrstage die 
indogerman. Hirse das Material zum Brei hauptsächlich abgibt, wechselt 
an diesem Grossneujahrstage dieser Stoff: Heringsbrei (Wuttke^ 65) im 
Voigtlande, Thüringen, Brandenburg; Erbsenbrei (an anderen Orten); 
Mohnstampf (Tirol); Hafergrütze (Norddeutschland); s. Henne -Am Rhyn, 
Die d. Volkssage ^ S. 556. Zs. des d.-öst. Alpenver. 1881, 355. Zs. f. öst. 
Volksk. 1896, 363. In Steiermark wird den Dirnen 'die P er chtel milch' 
gegeben, der Rest gehört 'für die Perchtel'; die Schüssel mit daran ge- 
legten Löffeln wird nachtsüber stehen gelassen; diejenige, deren Löffel 
während der Nacht herunterfällt oder umgekehrt ist, muss im angehenden 
Jahre sterben (= Opferaugurium^ (Weinhold, Weihnachtsspiele S. 26; Zs. 
f. öst. Volksk. 1896, 303. 1898, 440). In Oberösterreich wird nach dem 
Abendessen vorm heil. Dreikönigstag noch eine Schüssel Milch (= Milch- 
brei) aufgetragen; nachdem man einen Löffel voll davon genommen hat, 
lässt man die Schüssel stehen, wobei die Löffel mit der Höhlung in die 
Milch getaucht sind, wie sonst das Messer im Opferbrotlaib steckend ist. 
Nachts kommt nun Frau Percht mit ihrem Ingesinde (Seelenschar), hält 
im ganzen Haus Nachschau und stellt sich auch bei der Milchschüssel ein. 
Morgens früh läuft jedes gleich nach dem Aufstehen zur Schüssel, um nach- 
zusehen; derjenige, an dessen Löffel sich etwas Rahm angesetzt hat, mit 
dem also Frau Percht etwas genossen hatte, erhofft sich besonderes Glück 
und Segen dafür. In Tirol heisst der heil. Dreikönigstagbrei „Bachlkoch" 
= Perchtelmus. 

2. Das aus dem gebrauten Breie entwickelte Brot wird an manchen 
Orten nach uralter Seelenmahlsitte an diesem Tage hauptsächlich als Brot- 
schnitten (in Milch oder süsser Klötzenbrühe) verwendet in unbewusster 
Erinnerung an die Anteilnahme der Sippe am Totenopfermahl. In Böhmen 



266 Höfler: 

deckte man am Perclitenabend einen festlich zubereiteten (Glücks-) Tisch, 
setzte Geschirre darauf, legte Brot hin und Wasser dazu und liess es un- 
berührt die Nacht über stehen, ,.damit die Götter kämen und es verzehrten" 
(Tille, Weihnacht S. 49). Das, was hier die Dämonen erhielten, gab man 
anderwärts den Kindern; so stellten in der katholischen Schweiz die 
Kinder die leeren Körbchen hin, um in der Nacht von den heil. 3 Königen 
Früchte und Zuckerwerk zu erhalten (Schweiz. Idiot. 3, 334). In Yordern- 
berg in Obersteiermark stellt man Milch und Brot, von dem man jedoch 
zuvor selbst gegessen hat, „für die Perschtl" in das Yorhaus und ver- 
schliesst alle Türen; am Morgen ist dann Milch und Brot verschwunden 
(Jahn a. a. 0. 283). Zu Rotenkirch im Frankenwalde stellt der Bauer, 
ehe er zu Bette geht, einen Krug Wasser und einen Brotlaib auf den 
Tisch und ladet die heil. 3 Könige, d. h. die 3 Schicksalsfrauen, zu Gast 
(Bavaria 3, 309). Am heil. Dreikönigsvorabend gab es im 17. Jahrh. im 
Sepulchrinessenkloster zu Jülich als Festspeise Weckpapp (= Brei aus 
Weckbrot), Waffeln und Fladen (als ehemaliges Opferbrot) und sogen. 
„Yerwendtbrot", d. h. in Honig mit Rotwein (Minnetruuk) umgewendete 
Brotschnitten, sogen, goldene Schnitten (panis ovis maceratus s. resolutus) 
(Ztschr. d. berg. Geschichtsver. 1896 32, 126). Dieses Yerwendtbrot heisst 
in Flandern gebonden oder gewonden brood; es entspricht den „goldenen 
Schnitten" (in Wein umgewendet heissen diese „versoffene Kapuziner"); 
sie erinnern an die böhmischen 'Goldschweinchen' der Weihnachtszeit, die 
als Teio-^ebilde in Eberüestalt goldoelb aus Schmalz herausgebacken werden 
(Lippert, Christentum 1, 677), sowie an die altägyptischen Schweinchen, 
welche (nach Herodot 2, 47 und Lobeck, Aglaophamus 1081) die armen 
Leute als Mehlteigfiguren in Ebergcstalt fertigten und aus Fett heraus- 
buken. Über das Störibrot in Oberösterreich haben wir oben schon ge- 
sprochen. Das schwäbische Berchis-, Bohret- oder Bechtenbrot (Birlinger, 
Yolkstümliches 1, 324) ist vermutlich ein entstelltes Perchtenbrot (Tille 
S. 49), welches in der Schweiz die Form eines sogenannten Hirschhörnl 
(= Schwabenbrötli: Fig. 6 u. 7) haben soll. Nach Birlinger ist es aber 
ein flacher Brotkuchen (Fladen), welcher durch eingedrückte Schlüssel- 
oder Fingerspitzen „gepipt" wird, damit keine Hexe daran kann; es schützt 
wie das Heilbrot „Agathabrot" vor Brand; überhaupt haben verschiedene 
kirchliche Heiligenbrote, die in diesen Neujalirzyklus fallen wie St. Hilari- 
brot, St. Sebastiansbrot, St. Erhardbrot, St. Antouiusbrot, die Rolle des 
durch den Zauber der Kultzeit heilkräftigen Neujalirsbrotes übernommen, 
das die elbischen Krankheitsdämonen vertreiben kann.*) In Altbajern 
und Schwaben dauert seit Nikolaus bis zum heil. Dreikönigstag das in 
jedem Bauernhause hergestellte Hutsei- oder Klötzenbrot, dessen ver- 
süssender Zusatz von zerschnittenen Birnklötzchen das Honigbrot ersetzt. 



1) Vgl. Janus 7 (190-J): Heilbrote. 



Die Gcbäcke des Dreikönigstages. 



267 



Wer nach heil. Dreikönige noch Hutselbrot (Hutsei, von der vertrockneten, 
geschrumpften Birnhaut so genannt) im Haus hat, der schmeissts hinaus, 
meint das Volk im Allgäu (gefällige Mitteilung des Herrn Kurat Frank). 
In Muggenstein (Baden) wird Salz und Brot geweiht, von dem am Mittag 
jedes Familienmitglied sowie jedes Haustier einen Brocken erhält, um vor 
Krankheit gesichert zu sein; in Kreekingen (Baden) bekommt die Kuh nach 
dem Kalben einen mit Schweinesclimalz bestrichenen und mit heil. Drei- 
königsalz bestreuten Brotschnitt (Meyer, Bad. Volksl. S. 494). Das hollän- 
dische Königsbrot (koningsbrood) ist ein quadratischer, 5 X 5 cm grosser, 
dünner Platz (placenta) aus Butterteig mit vielen Mandelkernen (= Bohnen- 
ersatz) und süssen Fruchtschalen belegt und braun gebacken. Im Schweizer 
Simmentale heisst es: „Es kamen 3 ding vom Heimmel herab, dass einte 
das war die sunen, dass andere wass der mon, dann 3 dass was das heilig 






Fig. 7. Hirschhönili (Schwabenbrötle). 



Fig. 6. Hirscbliörnli (Scbwabenbrötle), 



däglich brot, dass schlug alle bösse gichte und gesuchte dott" (Zahler, 
Volksglauben im Simmenthai 1898 S. 107); hier ist jedenfalls auf das heil. 
Dreikönigbrot angespielt. Über das Timpenbrot zu Enger in Westfalen, 
das beim Timpkenfeste als Wittekindspende (= Seelenbrot) in Schnitten 
verteilt Avurde, haben wir schon oben 12, 430 gesprochen. In Veitenhof 
(Brauuschweig) hat dieses Timpenbrot die Form eines Knaufgebäckes 
(= Schienbeinopfer); das nach diesem Gebildbrote benannte Timpkenfest 
war früher am 1. Oktober (Zeit des germanischeu Neujahrs) und wurde 
erst später auf Grossneujahr verlegt (Rochholz, D. Glaube 1, 313. Oben 
12, 198). 

3. Die aus den Schnitten des Neujahrsbrotes hergestellten Klösse 
oder Knötel (Thüringen, Bayern, Österreich, Schweiz nach Grimm, DM. 
S. 250f.) sind besonders am Perchtentage üblich; in Westfalen werden 
sie mit gesalzenen Heringen oder Slapermann (= Fisch) vereinigt, wobei 



26g Höfler: 

die Fische als solche nur bedeutungsloses Festgericht sind (s. unten). Im 
Voio-tland muss man Fische mit Klössen essen, sonst kommt Perchta und 
schneidet den Ungehorsamen den Leib auf und füllt ihn mit Häckerlein 
und näht ihn mit einer Pflugschar oder mit einer Eisenkette (die früher 
in Bayern unterm Perchtentische waren) wieder zu (Ortwein, Deutsche 
Weihnachten S. 129 ff.), ein Speisegebot, das öfters wiederkehrt, um den 
festgesetzten Brauch nicht leichtsinnig brechen zu lassen. 

Klösse und Knötel, die Verwertung der Abschnitte des Kultbrotes, 
werden auch oft in Sagen und Märchen als Speisen der elbischen Geister 
erwähnt (Jahn, Volkssagen aus Pommern S. 117. 130. Panzer, Beitrag 
zur Mythol. 2, 193); sie sind sicher eine uralte Festspeise der germanischen 
Volksstämme. Wenn F. Nork (Sclieibles Kloster 9, 496) von 'Frau Perchthes 
Klösen' spricht, so ist das eine Bezeichnung, die erst Xork selbst machte; 
jedenfalls meinte er damit nur die am Perchtentage üblichen Klösse. 
Nach der bayerischen Volkssage (Panzer 2, 193) darf die sie herstellende 
Bäuerin sie nicht in den Topf hineinzählen (sondern zahlreich genug 
machen), sonst wandern die Quergeln (zwerghafte Hausgeister) aus und 
bringen schlechte Zeiten. Die Speiseordnung verlangte an diesem obersten 
Tage überhaupt eine möglichste Reichhaltigkeit an manchen Orten; im 
Steiermärkischen heisst der Tag nicht imisonst 7 oder 9 Richteltag (Zs. f. 
Ost, Vk. 1896, 306); auch im Erzgebirge bewirkt der Genuss von sieben- 
oder neunerlei Speisen rote Backen und Befreiung von Kopfweh; auch 
verhindert er, dass das Geld im Hause ausgeht (Wuttke). Im Braun- 
schweigischen gibt es auch ein aus neun Bestandteilen zusammengesetztes 
Gericht, welches negenstärke heisst (= Neunstärke; über diese Neunzahl 
s. Andree, Braunschweig. Volksk. S. 245. Höfler, Krankheitsnamenbuch 
S. 444b) und welches schon durch seinen Namen sein hohes Alter be- 
kundet. Die Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit der zusammengetragenen, 
zusammengesteuerten Beiträge zum Sippen-Opfermahle erhöhte auch die 
Zuversicht zur heilsamen und segensreichen Wirkung; „plenius inde recre- 
antur mortui", d. h. desto grösser war die Gunst der Seelengeister, die 
beim Beginn des neuen Jahres durch solche Opfergaben versöhnt worden 
waren; nach dieser Versöhnung erfolgte dann die Vertreibung der übel- 
gesinnten Dämonen durch den Rauch; über letzteres Mittel haben wir 
bereits in Zs. f. öst. Vk. 1903, 15. 19 gesprochen. 

4. Besonders fein, besser als das Brot, war der Opferkuchon. Es 
ist nicht unwahrscheinlich, dass der dänische und englische Schwester- 
kuchen (dän. S0sterkage, auf Fehmarn süsterkoken; engl, sistercake), eine 
„Broftorte aus Brot (also vermutlich wieder Verwendung des übrig ge- 
bliebenen Kultbrotes), Eiern und Zucker, zu dem Kulte der 3 Schwestern 
(Schicksalsfrauen) Bezug haben kann; denn aucli die Engländer kennen 
3 Weirdsisters (Meyer, Myth. der German. S. 252). Die Volksetymologie 
brino-t in einem Dorfe bei London den Schwesterkuchen mit der Stiftung 



Die Gebäcke des Dreikönigstages. 269 

einer nach Art der siamesischen Zwillinge verwachsenen und angeblich 
im 11. Jahrh. lebenden Schwester in Zusammenhang, die nach dem Tode 
ihrer Zwillingsschwester solche Schwesterkuchen als Spendebrot stiftete? 
(Gefällige Mitteilung von Herrn Dr. Arning in Hamburg.) 

Die in Deutschland am heil. Dreikönigstage üblichen Kuchen (mit 
Ausnahme des aus Frankreich stammenden Bolmenkuchens) und Küchlein 
sind jedenfalls eine Fortsetzung der alten germanischen Totenopfer, die 
mit dem neuen Jahre verbunden waren. In Herdersen (Flandern) kommen 
am Neujahrs- oder heil. Dreikönigstagabend alle Kinder der Gemeinde, reiche 
und arme, auf dem Hofe von drei oder vier der angesehensten Bauern 
zusammen und empfangen eine Münze; an anderen Orten von Flandern 
erbetteln sie sich an diesem Vorabende den „Gottesteil", godsdeel, li part- 
Dieu, la part ä Dieu (la part des niorts), d. h. einen Teil von dem Bohnen- 
kuchen, der für die Armen (= armen Seelen) bestimmt war; vielleicht eine 
Wanderung des niedersächsischeu vergoden-deel = Frau Goden Teil = Teil 
der Frau Holde, Holle, die man im Eisfeldischen am Obersten Tag verbrannte 
und begrub; als quasi-Totenopfer gibt es dann einen Anteil an Frau Godens 
Totenmahl (Volkskunde 1902, 137). Am Perchtentag sind in Oberbayern, 
Tirol, Franken, Schweiz die 'Höllküchel' üblich (Deutsche Gaue 78. Heft, 
S. 10), die in verschiedenen Formen gebacken werden; der hier sehr nahe- 
liegende Zusammenhang mit Hei, einer der drei Schicksalsfrauen, scheint 
nicht gegeben zu sein, obwohl die weite Verbreitung des Namens auf- 
fallend ist; meist deutete man sie bisher als Kücheln, die in der Hell 
(= Ofenraum zwischen Wand und Ofen) gebacken werden. Zur Zeit des 
Hans Sachs waren sie u. a. auch ein bekanntes Geschenk an Richter und 
Advokaten (Schmeller 1, 1221. 2, 723), was für einen Xeujahrsbrauch 
sprechen würde (Henne -Am Rhyn 557. Schweiz. Idiot. 3, 135. Schoepf, 
Idiot. 351). Ein Zusammenhang mit der „Hei" (= Schicksalsfrau) ist nicht 
absolut zu verneinen.^) „Beim Kafmann im Kafmanntal, dem ehemaligen 
Linderhofe in Wälschnoven, buk die Bäuerin am heil. Dreikönigsabend 
Kücheln, das erste (noch heisse) gab sie der Dirne und befahl ihr, dreimal 
um den Hof zu gehen und es dem zu geben, der ihr begegnen würde. 
Als nun die Dirne das dritte Mal ums Haus kam (ein Opferaugurium an 
diesem schwäbischen Allossertage, d. h. Haupttag aller Lostage), begegnete 
ihr der Bauer; dem gab sie das Küchel, wie es die Bäuerin geheissen 
hatte; die Bäuerin frug sie, wem sie das Küchel gegeben habe, und als 
die Dirne es sagte, da jammerte die Bäuerin: '0 weh, jetzt muss ich 
meine Sachen zusammenrichten und gehen; ich sterb noch dieses Jahr, 
und du wirst nach mir Bäuerin beim Kafmann.' So geschah es denn 
auch" (Heyl, Tiroler Volkssagen S. 417). Man sieht, wie der heil. Drei- 
königstag ganz die Rolle eines Neujahrstages fortführte, wie das auch in 



1) Vgl. Hellgasse = Weg zum Totenacker. 



270 Höfler: 

Skandinavien am Weihnachtstage übliche Auguriura beweist. In Mittel- 
franken kocht man sogen. Löffelkücheln, die mit dem Löffel aus der Teig- 
masse in heisses Schmalz gesetzt werden (Bavaria 3, 2, 941). In Mühl- 
dorf (Oberbayern) stellte man in der heil. Dreikönigsnacht „für die Frau 
Bert" (= Perchta) Kücheln auf den Tisch (Panzer 2, 11 8 f.); in der Schweiz 
wurde dieses Dreikönigsküchel sogar eine Abgabe jener Schweizer Offiziere, 
die als Hauptmann und Leutnant beim hl. Dreikönigsumzug sich beteiligten 
und dann den Gesellen auf jeden Tisch eine Platte mit Sulz und eine mit 
Küchlein gaben (Schweiz. Idiot. 3, 133). Am Abend des 12. Tages (on 
the eve of twelfth day) nach Weihnachten wird (nach Mannhardt, Baum- 
und Waldkult 538) in Gloucestershire und in Herefordshire auf einem mit 
Winterweizen besäten Felde, auf dem die grüne Saat zu sprossen beginnt 
(where wheate is growing), ein Feuer angezündet. Nach Hause zurück- 
gekehrt, trinkt man allen Pflugochsen ^) zu und spiesst dem Hauptochsen 
einen durchlochten Pflaumenkuchen feierlich auf das Hörn. Diese Be- 
gehung heisst wassailing (watsail) d. h. „Gutheil wünschen"; es wird ein 
Eimer voll Zider über das Kind gegossen, welches sich natürlich schüttelt, 
wobei der Kuchen zu Boden fällt; fällt er vorwärts, so zeigt es für das 
nächste Jahr eine gute Ernte an, rückwärts eine schlechte (Kloster 7, 763). 
Dieses ist ein Opferaugurium für die nächste Ernte, das beim neuen 
Jahresbeginn vollzogen wird. Schon am Weihnachtstage ist dieses Opfer- 
augurium gegeben, da dieser Tag ehemals auch ein Neujahrstag gewesen war. 
Auf gallo-fränkischem Importe beruht vermutlich der 'Bohnenkuchen', 
der auch (heil. Drei-) 'Königskuchen' heisst und der in einem Kloster 
zu Düsseldorf bereits 1607 durch einen Kuchenpfennig abgelöst wurde 
(Zs. d. berg. Geschichtsver. 11, 101). Wir haben dabei zwei Arten fest- 
zustellen, die mit einer Bohne und dann die mit einer Münze als Inhalt. 
J. Boemus (Mores et ritus omnium gentium 1520 p. 58 = 1620 p. 266. 
Schmeller 1, 867) gibt die erste literarische Notiz von diesem Brauche des 
gemünzten Königkuchens in Franken: „In Epiphania Domini singulae 
familiae ex melle, farina libum (Lebkuchen) conficiunt et Regem sibi legunt, 
cui absque consideratione inter subigendum denarium (Schilling) unura 
immittit; postea amoto igne supra caliduin focum illud torret; tostum in 
tot partes frangit, quot homines familia habet; demum distribuit cuique 
partem unam tribuens; in cujus autem portione denarius repertus fuerit, 
hie Rex (Bohnenkönig) -ab omnibus salutatur. Ipse in dextra cretam 
(Kreide und heil. Dreikönigssalz vertreiben die Dämonen) habet, qua toties 
Signum crucis (an Stelle der Runen) supra in triclinii laqueariis (= Tür- 
pfosten, Zimmerdecke, Kammerbretter) delineat, quae cruces quod obstare 
plurimis malis credantur" (vgl. auch Schoeppner 2, 250 No. 711). Ortwein 



1) In England führt der Montag nach Epiphania allgemein den Namen Plough- 
monday wegen des ümziehens mit den plough-bullocks (Pflugochsen) (Mannhardt S. 557). 



Die Gebäckn des Dreikönigstages. 271 

S. 119); auch beim Kalwer Totenmahle steckte im sogen. Hüllwecken 
eine im Teige verhüllte Münze (Rochholz 1, 311). Über die Bedeutung 
dieser Münze, die nach Scheibles Kloster 7, id2. 68. 75 ein Viatikum für 
den Toten sein soll, haben wir schon bei den Neujahrsgebäcken (Zs. f. öst. 
Vk. J903, 199) gesprochen; hier soll nur wiederholt sein, dass es sich 
dabei eigentlich um den Kauf des Totennachlasses handelt, der durch das 
Geld in der Totenspeise symbolisiert werden sollte. Viel häufiger findet 
sich namentlich in Frankreich, in der französischen Schweiz, in den Reichs- 
und Rheinlanden, an Stelle der Totenmünze eine Bohne. Martin-Lienharts 
Elsässisches Wörterbuch 1, 227 führt aus dem Jahre 1572 an: „noch werden 
die bouen im konigküchen auff die heyligen dreykonigtag gefunden", aus 
1625: „uff den hl. Dreikonigstag pflegen sie Königskuchen zu backen und 
in einem iedwedern Kuchen steckt eine Bohne, und wer dan dieselbige 
bekompt, der wirdt für den König gehalten" (ebd. 1, 422). [J. Frey, 
Gartengesellschaft hsg. von Bolte 1896 S. 300: 'Königreich'. Wickram, 
Werke 5, VI.] In Flandern ist das coningskenspelen, das Königchenspiel 
am Vorabende des heil. Dreikönigstages gebräuchlich, wobei der König 
durch die Glücksbohne gewählt wird, welche im 'boonkoek' oder in 
't' coninckx brood' versteckt ist; oder man wirft das Los mit (Glücks-) 
Bohnen ; das höchste Los weist den König (= roy de la feve. Rolland, 
La flore populaire 4, 238) auf, der sich aus den Mädchen eine Königin 
wählt; beide werden dreimal auf einem Stuhle emporgehoben unterm 
lauten Jubel der ganzen Gesellschaft (Volkskunde 12, 170f.); auch im 
Elsass steigt der Bohnenkönig auf den Thron und muss etw^as zum Besten 
geben; die Bäcker schenkten früher dort den Königskuchen (goughe du 
roi, gäteau de rois) ihren Kunden. Dieser Königskuchen scheint sich 
durch einzelne Familien nach Ostpreussen (Zs. d. Ver. f. Vk. 1897, 316), 
Thüringen, Sachsen und in die Eifelgegend verpflanzt zu haben. In Alt- 
bayern, Tirol und Österreich ist er nicht volksüblich; nur im Kloster der 
Salesianerinnen, deren Orden aus der französischen Schweiz (Genf) stammt, 
zu Beuerberg (Oberbayern) wird der Bohuenkuchen mit allen hergebrachten 
Zeremonien angeschnitten, und diejenige Klosterfrau, welche das Stück 
mit der Bohne erhält, wird von den übrigen Klosterfrauen beglückwünscht, 
als ob sie der Bohnenkönig wäre (gefällige Mitteilung des Herrn Pater 
Aventin). Dieser ganz vereinzelte Klosterbrauch ist ein Beweis, wie solche 
sonst lokalfremde Gebräuche verpflanzt werden können. Die in Königs- 
berg in Preussen existierende 'Gesellschaft der Freunde Kants' hält jedes 
Jahr das Bohnenkönigsfest ab (Knortz, Folkloristische Streifzüge S. 168). 
Auch in England hat der weihnächtliche Plumpudding eine das Schicksal 
andeutende Münze im Teige. Überhaupt haben in Deutschland von jeher 
die Frauenklöster viel zur Verbreitung italienischer bezw. römischer Ge- 
bäcksformen beigetragen. In der Eifelgegend wird manchmal eine schwarze 
und eine weisse Bohne eingelegt; der Finder der schwarzen Bohne wird 



272 Höfler: 

König, der der weissen Königin; auch im schwäbischen Renchtal (Ober- 
kirch) sowie in Kolmann, auch im Elsass machte man den „Zunftkönig'' 
an diesem Tage (Meyer, Bad. Volksleben 494. Alemannia 9, 43. 45. 17, 6); 
immer aber wird der Königskuchen gemeinsam verzehrt. 

Manche (vgl. Kluge" S. 54) deuten hierbei die Bohne als Symbol der 
Weiblichkeit und Unkeuschheit und vergleichen das Bohnenkönigfest des 
Mittelalters mit der altgriechischen nvavexpia (Bohnenesseu, das im Oktober 
stattfand) und mit dem römischen priapeum. Sicher ist, dass das ganze 
Bohnenfest in Deutschland ein fremder Import ist. Wahrscheinlicher ist, 
dass die Bohne eine Erinnerung an die Seelenspeise ist, ebenso wie die 
Münze eine Totenmünze ist, mit der dem Toten das Anrecht auf seinen 
ganzen Rücklass abgekauft werden soll (Rohde, Psyche S. 282); schon 
Nork (Kloster 7, 68) bezeichnete den Königskuchen als Seelenbrot. Die 
Bohne war nicht bloss das Symbol des keimenden Lebens, sondern auch 
ein Opfer an die Seelengeister bei den Römern. An den Tagen, an denen 
der Mundus offen stand, also auch am Xeujahrsabend, unternahmen die 
altrömischen Hausväter zur Versöhnung der Lemures (larvae) eigentümliche 
Handlungen; sie gingen um Mitternacht barfuss vor die Türe des Hauses, 
wuschen sich dreimal die Hände in fliessendem Wasser, drehten sich um 
und nahmen drei schwarze Bohnen in den Mund; diese warfen sie dann 
hinter sich und sprachen dann neunmal ohne sich umzusehen: Diese 
(Bohnen) lasse ich euch; 'haec ego mitto, his redimo meque meosque 
fabis'. Die Geister sammelten die Bohnen; nach abermaliger Beuetzung 
mit Wasser schlug man (zur lärmenden Yerscheuchung der Geister) eherne 
Becken zusammen^) und rief wieder neunmal: „Manes exite paterni!" 
(Sonntag, Die Totenbestattung S. 156. Kloster 7, 60). Mit der Spende 
der Bohnennahrung (auch in dem Bohnenkuchen) wurden die am Jahres- 
schluss etwa wiederkehrenden Ahnengeister abgespeist und wieder in die 
Erde zurückgebannt. Auch der Medizinalgöttin Carna wurde au den 
Kalendae fabariae (1. Juni) Bohnenbrei mit Speck geopfert; Apollo erhielt 
im Oktober das IIvavexiHov eiprjjiia, ein uraltes Bohnengericht; ebenso er- 
hielten die altgriechischen sogen, chthonischen Gottheiten Hermes, Dionysios, 
Hades Erbsen und Bohnen als altes Seelenkultopfer (Lobeck, Aglaophamus 
S. 1077). Die Bohne, obwohl als Pflanze urgermanischer Besitz, ward 
erst, wie auch die Erbse, zur Zeit der fränkischen Christianisierung ein 
häufigeres Traueressen, z. B. in der Karwoche, oder ein Fastenmus (ahd. 
bön-bri = pultes), dem bei den Kapitelherren an Stelle des Bratenfettes 
Fastenfische beigemengt waren. Am Allerseelentage verzehrt man in Rom 
noch Mandelkonfekt in Form von Bohnen (Kloster 7, G6); in der roman. 



1) Auch die indianischen Medizinmänner füllen häufig ausgehöhlte Kürbisse mit 
Bohnen und klappern dann damit, um die ihre Patienten quälenden Plagegeister zu ver- 
jagen (Knortz, Streifzüge S. 1G5); ob aber hierbei die Bohne das hörbar gemachte Seelen- 
opfer oder die Totenspeisc vorstellen soll, ist sehr fraglich. 



Die Gebäcke des Dreikönigstages. 273 

Schweiz spielen die Bohnengebäcke ebenfalls eine kulinarische Holle im 
Volksbrauche. Im schwedischen Smälaud setzt mau auf den Jultisch ein 
Gefäss mit Bohnen, welche Übergossen sind mit dem fliessenden Fett, 
welches beim Kochen des Julbratens abschäumt; aus diesem Fasse zog 
sich jeder nach der Julmahlzeit eine Bohne heraus; nach dem schwedischen 
Volksglauben werden auch die Weiber, welche eine in die Julgrütze oder 
in die mövälling (Mädchen- oder Jungfernabendbrei) gelegte Bohne ver- 
zehren, zu Bräuten im kommenden Jahre. Dieser den alten Bohnenbrei 
als Totenopfer symbolisierenden Samenfrucht wohnte der Lebenssamen 
'in nuce' inne durch die Kultzeit oder den Kultort. Schon Persephone 
wurde durch das Verzehren eines Granatapfelkernes für eine Zeit des 
Jahres die Frau des Gottes der Unterwelt (Hades). Das Früchteopfer an 
die Vegetationsgeister in den Lüften, durch Auswerfen von Keiskörnern, 
Haselnüssen usw. über das Brautpaar ist eine urindogermanische Sitte; 
bei den Römern hat die schwarze Bohne diese Stelle des Totenopfers 
übernommen. Einige Römer glaubten auch, die Bohnen seien von den 
Seelen Verstorbener (larvae, Maden würmer) bewohnt; ihre Verwendung 
bei den jährlichen römischen Totenfesten war aber von diesem Gedanken- 
gange nicht beeinflusst; die Römer hätten sich gewiss gescheut, solche 
mit Madenwürmern angefüllte Bohnen als Opferspeise zu betrachten. Wer 
in Venedig oder den dalmatinischen Küstenstädten am Allerseelentag einem 
Bekannten begegnet, der bittet ihn, ihm etwas für die Toten zu geben, 
worauf er gewöhnlich eine Bohne (oder eine Feige) erhält; das erinnert 
wieder an das italienische bohnenförmige Mandelkonfekt auf Allerheiligen 
(Knortz S. 164) und an die Glücksbohne in dem Königskuchen. Kurz, 
die ganze Sitte des Bohnenkuchens, ihre Hauptverbreitung an der gallisch- 
fränkischen Grenze, am Niederrhein und in der französischen Schweiz 
sprechen für Import des Bohnenkuchens aus ehemals römischen Gebieten, 
in welchen die schwarze Bohne das Symbol oder Rudiment eines Seelen- 
opfers war, das sich dann in ein Geldopfer umwandelte; denn mit Geld 
kann man ja auch die Gunst und das Glück der Seelengeister noch heute 
erkaufen, die dann Gesundheit und Fruchtbarkeit spenden. 

5. Die flach ausgedehnte Form des Kuchens bezeichnet der Fladen 
oder Zelten. Der mit Pfeffer (Gewürz) versetzte Lebkuchen in Fladen- 
form war der Leb- oder Pfejfferzelten. In den sogen, heiligen Dörfern 
bei Ebern (Unterfranken) war der heil. Dreikönigstag nach alter Sitte ein 
sogen. Pfeffertag für die Dorfmädchen, die einen rässen Pfefferzelten geben 
mussten, um nicht von den Burschen gefitzelt, d. h. mit der Lebensrute 
gestrichen zu werden. Der Oberpfälzer Rinderhirte, welcher mit dem 
Schlage der Martinsgerte (Juniperus) die Herde fruchtbar machen wollte, 
liess diese immer noch am hl. Dreikönigsabend kirchlich weihen (Mannhardt 
S. 273); es ist dies ein auch auf den 28. Dezember (Pfefferleinstag) über- 
tragener, erotischer Neujahrs- bezw, Frühlingsbrauch gewesen, = Schmack- 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. 18 



274 Hötler: 

Ostern, Auf kindelu ; darum heisst es auch in Rosenpluets Kalender: „Die 
lieben heiligen drey Kunig, die machen die Dienstmaid geil." Im Elsass 
und im Hennebergschen sank dieser Pfefferzeltentag zu einer einfachen 
'Kaffeenacht' herab, wobei die Mädchen ihre Burschen mit allerlei Fest- 
gebäck (Kingelkuchen, Weck) und mit Kaffee zu bewirten pflegen (Elsäss. 
Wörterbuch 1, 756). An die früheren Lebzeltenspende erinnert auch der 
Züricher Brauch auf den Zunft- und Gesellschaftstuben am Berchtoldstage 
an die Kinder sogen. Leckerli (Lebzeltchen) auszuteilen (Schweiz. Idiot. 
3, 1248). Zur Fladen- oder Zeltenform gehören auch die den runden, 
flachen Salzscheiben ähnlichen, gesalzeneu harten, sogen. Fässelscheiben, 
die am heil. Dreikönigstage, dem Tage der kirchlichen Weihe des Ge- 
meindesalzes, in Annaberg (Sachsen) gebacken werden (Boettiger, Über 
das Bauzener Gebäck, in der Lausitzischen Monatschrift 1793, S. 155). 
Der Trausport der Salzscheiben geschah früher in Fässern auf der sogen. 
Scheibenstrasse (Schmeller 2, 357) ; das Salz gehört zu den sogen, drei 
weissen Gaben beim Totenopfer; es ist auch ein Opfer an die schon oben 
erwähnten drei Fräulein, die hinter den heil, drei Königen sich verstecken; 
es wird auch als Dreikönigssalz (Dreifaltigkeitssalz) der W'öchnerin in die 
Suppe, dem Yieh ins Futter gegeben als Krankheitsdämonen verscheuchendes 
Mittel (Meyer, Bad. Volksleben 389. Meine Volksmedizin 173); auch das 
Salz auf den Fastenbretzeln deutet auf den Trauerkult, ebenso dürfte der 
salzreiche Hering als heil. Dreiköuigstaggericht mit dem heil. Dreikönigs- 
salze bezw. mit dem Totensalze Beziehung haben. In Oberbayern segnet 
der Pfarrer an diesem Tage das sogen. Gemöansalz, von dem er für jeden 
Bauernhof der Gemeinde kleine Portionen abteilt, und das dann gegen 
Aisse (Furunkeln) helfen soll. 

G. Aus dem flachen Fladen oder Zelten (auch Scheibe) entwickelte 
sich als Opfergebäck der Krapfen, welcher den süssen Honig- oder 
Fruchtaufguss auf der Oberfläche des Fladens mit gekrüpften Teigklammern 
umfasst und in Schmalz gebacken wird; in Tirol heissen so 'Krapfen' auch 
die Nudeln^), welche ausgezogene Teigfladen vorstellen, die im heissen 
Schmalz haubenartig in der Mitte sich aufblähen und mit Honig oder 
Klötzenbrühe Übergossen als 'Krapfenstock' aufgetragen werden; eliedem 
wurden sie für die Frau Percht (Rauris) als 'Dreikönigskrapfen oder 
Stampfakrapfen', Krapfennudeln auf das Hausdach für die Stempa 
(= stampfend auftretende Dämonin, Perchta) gelegt (Heyl S. 815. Schmeller 
1, 271); im Berchtesgadenschen stellte man der Frau Perchteu über Nacht 
einen Krapfen auf den Ofen. Im Traunviertel findet in der Perchtennacht 
das Baumküssen statt. Man füllt den Mund mit Krapfen und küsst einen 
Apfelbaum mit den Worten: „Baum! Baum! ich küss dich, werd so voll 

1) Im Tiroler Zillertal heisst Anthyllis vulneraria L.: „Uuser Frauen Kräpflein" 
(Jessen, PHanzennanien 3;>), jedenfalls wegen der geballten Kugel- oder Krapfcuform des 
Blütenkopfes. 



Die Gebäcke des Dreikönigstages. 275 

wie mein Maul!" Die Kinder haben hierzu, indem sie alle Obstbäume 
des Wiesgartens abgehen, oft den ganzen Sack voll Krapfen, die sie als 
Opfer an die Vegetationsgeister im Baume verzehren. Auch im Achental 
wurden am Vorabend des heil. Dreikönigfestes Krapfen auf das Hausdach 
(für die Windgeister) gelegt (Zingerle, Sagen S. 81); sie heissen dort auch 
(nach Heyl S. 753. Simrock, DM. 550. 573) Gstampanudeln. In Gold- 
Burghausen (Hertfeld, Schwaben) bekommen die fleissigen Wirtschafts- 
kuuden, die mit zur Sippe des Wirtes gerechnet werden, die sogen. 
Krapfenzeche am heil. Dreikönigstage (Birlinger, Aus Schwaben 2, 27); 
auch bei Travmstein (Oberbayern) backt man sowohl am modernen Neu- 
jahrs- als an diesem alten Grossneujahrtage fette Krapfeu: „Man muss 
sich den Leib damit schmieren, dann gleitet Perchta (oben S. 265) mit 
ihrem Messer ab" (Wuttke^ 27. Schmeller 1, 269), d. h. sie macht dann 
nicht den Kaiserschnitt zur Strafe für Übertretung der Speiseordnung. In 
Kärnten und Steiermark werden am Vorabend des heil. Dreikönigstages 
Brot und gefüllte (Krapfen-) Nudeln für die Perchtel auf dem Küchen- 
tische ausgesetzt; kommt sie und isst sie kostend davon, so wird es ein 
gutes Jahr (Jahn, Vs. aus Pommern S. 283. Kühnau, Die Bedeutung des 
Brotes, Progr. Patschkau 1900 S. 24. Wuttke' 298); auch in Österreich. 
Schlesien stellt man in derselben Nacht Speise 'für die Engel' hin (Wuttke), 
d. h. für die glückbringenden guten Seelengeister, für welche nach der 
«lunkelsten Zeit des Jahres während der Mittwinterzeit ein eigenes (Toten-) 
Fest (Jul) in germanischer Zeit gefeiert wurde; ein solches lässt sich bei 
allen indogermanischen Völkern nachweisen (Schrader 980). Bemerkens- 
wert ist, dass der Kult der drei Fräulein sowohl mit dem heil. Dreikönigs- 
tage als mit dem St. Michaelstage Zusammenhang hat; denn seit ältesten 
Zeiten bis auf den heutigen Tag wird zu Stotzard bei Aichacli in Ober- 
bayern nach St. Michaelstag ein Jahrtag für die drei heidnischen Fräulein 
als Guttäterinnen der Gemeinde gelesen (Deutsche Gaue 83 — 84, S. 46); 
hier spielt also St. Michaelstag die Rolle eines Neujahrstages, was ja auch 
der heil. Dreikönigstag ist. Das Wiesen der drei Schicksalsfrauen wird 
damit deutlich gekennzeichnet. 

7. Diese guten Geister, die am heil. Dreikönigstage so sehr in Vorder- 
grund des Volksbrauches treten, wurden von der christlichen Legende als 
die heil. 3 Könige bezeichnet; diese rein legendären 3 Könige übernahmen 
in den germanischen Ländern die Rolle der 3 Schicksalsfrauen, von denen 
ebenfalls eine ganz schwarz nach dem Volksglauben ist. Auch auf den 
Lebkuchen wie als hausbackene Gebildbrote erscheinen die 3 heil. Könige 
und zwar in ähnlichem Gestaltstypus. Auf dem flachen, zeltenförmigen 
Lebkuchenmodel (Fig. 8) haben die zwei Nürnberger Bürger, in der Ge- 
wandung des 16. Jahrh-, eine gekrönte (weibliche) Figur zwischen sich; 
die sechs Hände verlaufen hier sowohl als bei der hausbackenen Form 
aus dem Schwarzwalde (31 cm laug, 29 cm hoch), die dort vom Bäcker 

18* 



276 



Höfler: 



aus freier Hand hergestellt wird, in einer die Mitte des Körpers einhaltenden 
Linie; bei der letzteren Form trägt die mittlere, ebenfalls gekrönte, männ- 
liche Figur wie die Sternensinger den Sternenstock (Fig. 9). 

Das ostpreussische Neujahrsgebäck aus Oschekau (Fig. 10—11), welches 
Frl. Elisabeth Lemke ^) bereits beschrieben hat, zeigt die dämonenhaften 
3 heil. Könige im Kreise so aufrecht stehend, dass ihre 6 Füsse nur noch 
3 Stümpfe, die auf der Basis eines Teigringes ruhen, vorstellen; aber auch 
hier bilden die 6 Hände oder Arme ebenfalls einen durch die 3 Rümpfe 
unterbrochenen Ring, so dass zwischen den räumlich soweit voneinander 
entfernten Lokalgebäcken ein gewisser typischer Zusammenhang besteht 

Fis:. 8. 





Nürnberger Lebkuchen (16. Jahrb.). Brotteiggebäck aus dem Schwarzwald. 



Fig. 10. 



Figf. 11. 





Gebäcke aus Oschekau, Ostpreussen. 




Marzipangebäck aus ]\Iünchen: 
die drei Fräulein. 



und die Vorstellung von 3 menschenähnlichen Wesen, die zusammen 
ein Ganzes bilden, bildlichen Ausdruck erhalten hat. Diese Vereinigung 
dreier Figuren zu einem Gebilde findet sich auch bei einem Münchener 
Marzipanmodel, der die 3 heiligen Jungfrauen Margaretha, Barbara und 
Katharina wiedergibt (Fig. 12). 

Margret mit denx Wurm (Drachen), 
Barbara mit dem Turm, 
Kathrina mit dem Radi, 
Sein -j kreuzbrave MadI, 



1) Ihr verdankt auch Verf. die betr. Originalgebäcke. 



Die Gebäckc des Dreikönigstages. 



•277 



so meinte der Münchener Volkswitz im 11». Jahrliundert. Das mit dem 
Kucheneisen hergestellte holländische Waffelgebäck aus dem Museum des 
Altertumvereins zu Ramsdorf (abgebildet in der Zeitschrift Niedersachsen 
1901, S. 133) 12x18,5 cm stellt die heil. 3 Könige in guter Zeichnung 
auf Eisen graviert (16. Jahrh.) dar; ähnlich ist der Tölzer Lebkuchen- 
model (Fig. 13), nur ist die Zeichnung viel roher; die Gaben darbringenden 
drei Männer sind vom Stern begleitet. In diesen beiden letzteren Gebild- 
broten ist die biblische Legende massgebend gewesen für den Zeichner: 
„Die Magier aus Arabien gingen in das Haus, fanden das Kind mit Maria, 
seiner Mutter, fielen nieder und beteten es an; sie taten auch ihre Schätze 
auf und brachten ihm Geschenke, Gold, Weihrauch und Myrrhen." In 
protestantischen Gegenden sind die Modelgebäcke, welche auf solche 





Fig. 13. Lebkuchenform mit Anbetung 
der hl. drei Könige (Tölz). 



Fig. 14. Lebkuchenform mit Christkind 

(Tölz). 



biblische Szenen Bezug haben, häufiger zu finden. Den äusseren Rahmen 
dazu bildet nicht selten ein Herzkontur, sonst sind sie meist viereckig 
oder rund. 

8. Ein Neujahrsgebildbrot aus Modeln sind auch die mit Engelköpfen 
oder Christuskindern im Innern ausgeschmückten Sterne (die Eibenheimat), 
Gebäcke, welche durch die Sternansinger der Weihnachtszeit veranlasst 
sind (Fig. 14). 

9. Über die auf Neujahr üblichen Kranz-, Strützel und Bretzel- 
formen, die u. a. in Hertheim (Baden) von den Wirtskunden am hl. Drei- 
königstage ausgewürfelt werden (Meyer, Bad. Volksleben 494) haben wir 
schon in Zs. f. öst. Volksk. 1903, 195 gesprochen. Dieses Auslosen ist 
eine durchs Los betätigte symbolische Verteilung des Totennachlasses i 
letzterer ist durch Kranz (Ring) oder Bretzel (bracelet) symbolisiert. 

Über die altsächsische Timpensemmel des Grossneujahrstages haben 
wir schon oben 11, 198 und 12, 430 gesprochen. 



278 Höfler: Die Gebäcke des Dreiköuigstages. 

Bezüglich der in der Neujahrs-, Jul- oder Weihnachtszeit so stark 
bemerkbaren Gebildbrote ist in Erinnerung zu bringen, dass die rund- 
plastischen, hausbackenen Figuren weit älter sind als die Modelgebäcke, 
in denen die Holz- oder Eisenzeichnung vorherrscht. Mit weiblichen 
und tierischen Figuren (Kuh, Weib) begann der männliche Urkünstler; 
die Hausfrau ahmte in ihren plastischen Teigfiguren sicherlich zuerst die 
Hausgötzen und Opfertiere nach, und erst in späteren Zeiten den Schmuck, 
der den Leichen mit ins Grab gegeben wurde; mit dem Christentume 
wanderten griechisch-römische Trauer- (Fasten-) Gebäcke ein, die ihre Ur- 
formen in der Vorgeschichte dieser Völker hatten. 

Wollen wir noch einmal die Ordnung der Speisen und Gebildbrote 
des heil. Dreikönigstages wiederholen, so finden wir, wie beim modernen 
Neujahrstag: 

1. den indogermanischen Brei (Seelenspende); 

2. den germanischen süssen Opferkuchen (Honigfiaden, Zelten) an die 
Schicksalsgeister ; 

3. die (deutschen) fetten Kuchengebilde als Opfer an die fast aus- 
schliesslich an diesem Tage verehrte Perchta oder an die drei 
Schicksalsfrauen (Dämoninnen) ; 

4. der ganze Opferkult dieses Tages hat einen seligeren, glücklicheren, 
heiteren, auf den Segen der Zukunft gerichteten Zug, dies namentlich 
im Gegensatze zu den schaurigen voraufgegangenen zwölf Nächten. 

5. Die Tieropfersymbole fehlen aus wirtschaftlichen Gründen (Winter- 
stallung) bis auf den Eber'); auch die Vogelgebäcke fehlen. Die 
Fischspeisen sind nur Nachahmungen der Fastengerichte der Klöster 
oder Domkapitel. Vor der eigentlichen Winterstallung (Martini, 
Nikolaus = Wintersonnenwende -Vorfeier) spielen dagegen die Tier- 
opfer noch eine grosse Kolle, auch in der symbolisierten Form 
oder auch als letztes Rudiment. 

C). Die Fruchtbarkeitssymbole (Stangen- und Spaltgebäcke) fehlen ganz; 
sie häufen sich mehr beim römischen Neujahr im Frühling, und 
sind auch höchstwahrscheinlich durch römischen oder romanisch- 
klösterlichen Einfluss nach Deutschland gekommen; am Weihnachts- 
und modernen Neujahrstage, die viele römische Bräuche aufge- 
nommen haben, finden sich diese Fruchtbarkeitssymbole ebenso- 
häufig. 

Bad Tölz. 



1) Vom Juleber werde ich in einer späteren Abhandlung über Weihnachtsgebäcke 
handeln. 



Hermann: Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit im Herzogtum Koburg. 279 

Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit im Herzogtum 

Koburg. 

Von Eduard Heriuann. 



Die Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit im Herzogtum Koburg 
sind selbstverständlich von den Bräuchen der benachbarten Ortschaften 
der angrenzenden Länder nicht derartig geschieden, dass sich eine Sonder- 
behandlung der Koburger Gebräuche aus diesem Grunde empfähle. Wenn 
ich gleichwohl meine Untersuchung hier nicht über die politischen Grenzen 
des Herzogtums hinausführe, so hat das lediglich den Grund, dass ich als 
geborener Koburger nur mit meinen Landsleuten die nötige Fühlung habe. 
Mein Material beruht zumeist auf persönlichen Erkundigungen, die eine 
wesentliche Ergänzung durch liebenswürdige Beantwortung ausgesandter 
Frag-ebooen erfahren haben. Nur über die Bräuche in den in Bayern 
gelegenen Exklaven, die da und dort besonders altertümliches Gepräge 
zeigen, habe ich leider bloss schriftliche Erkundigungen einziehen können. 
Allen Herren, die mich bei Sammlung des Materials unterstützt haben, 
besonders Herrn Kirchenrat Ruder in Unterlauter, Herrn Pfarrer Derks in 
Elsa und HeiTn Kantor Müller in Meeder, möchte ich auch hier noch 
einmal meinen verbindlichsten Dank aussprechen. 

Wenn Knaben und Mädchen der Schule deu Rücken gekehrt haben 
und die Zeit der Wahl für das Leben heranrückt, wird die Frage brennender 
und brennender, wer denn einmal die heissesten Wünsche erfüllen wird. 
Mehr oder weniger im Ernst wird dann die Gänseblume befragt, in den 
Lichtstuben und Neujahr Blei gegossen und aus den wunderlichen Figuren 
der Stand des Zukünftigen erschlossen; auch die Karten werden geschlagen, 
und wer sich darauf nicht versteht, geht verstohlen zu einer Kartenschlägerin 
nach Koburg, Neustadt oder Rodach oder auch nach Zeuln, wie mir von 
Bewohnern des Itzgrundes versichert wird. Besonders beim Vogelschiessen 
gibt es herrliche Gelegenheit, die Zukunft zu ergründen, ohne dass man 
sich dem Verdacht des Aberglaubens aussetzt; die Aufdringlichkeit der 
Wahrsager, in anderen Fällen das Mitleid mit ihnen zwingt ja häufig auch 
Preidenkende, sich die Zukunft deuten zu lassen. Die Apfelschale über 
den Kopf zu werfen und im Dunkeln nach Buchstaben zu greifen ist 
meist nur noch Spielerei. Mit mehr Ernst betreiben aber wenig Einge- 
weihte eine andere Sitte: zu Weihnachten, Sylvester und am Dreikönigstag 
lässt das Mädchen einen Holzspan oder ein Zündhölzchen verglimmen und 
näht alle drei in den Ärmel eines neuen Hemdes, um sie bei der ersten 
Wäsche mitzukochen. Wenn dann bei der Wäsche zufällig ein junger 
Mann hinzukommt, so ist es der Zukünftige. Auf den Liebestrank ver- 



280 Hermann: 

stehen sich auch nur noch wenige. Man muss nämlich unvermerkt ein paar 
Blutstropfen ins Bier träufeln und trinken lassen. Nicht minder ver- 
einzelt trifft man es, dass jemand den Namen des Geliebten auf ein Blatt 
Papier schreibt und dieses in die Rinde eines Baumes klemmt, so dass es 
mit verwächst. Ebenso ist auch der Brauch mit den Wachslichtchen in 
Nussschalen fast vergessen. In der Xeujahrsnacht lässt man mehrere Nuss- 
schalen mit einem kleinen Lichtchen in einer Schüssel mit Wasser 
schwimmen. Jede Nussschale bedeutet eine Person. Vereinigen sich zwei 
Nussschalen, so werden die betreffenden Personen ein Paar. Häufiger, 
wenn auch nicht oft, wird noch der Schuh geworfen. Das geschieht am 
Andreastag, d. h. am 30. November, einem hervorragend günstigen Tag 
für ähnliche Unternehmungen nach dem Urteil aller Sachverständigen. 
Nach Eintritt der Dunkelheit „im Zwielicht" stellt sich das Mädchen im 
Zimmer mit dem Rücken vor die Türe und wirft bei geschlossenen Augen 
einen Schuh rückwärts über den Kopf; wenn der Schuh mit der Spitze 
nach der Türe zu fällt, geht das Mädchen bald aus dem Hause hinaus. 
Aber höchst selten beobachtet wohl das junge Mädchen, wie das Blättchen 
einer Rosenblüte in einer Wasserschüssel schwimmt; bewegt es sich nach 
dem Rande zu, so wird das Mädchen nur in der Fremde sein Glück finden. 
Auch das Schütteln eines Baumes in der Geisterstunde hat sein Ansehen 
fast ganz eingebüsst. Vielleicht täusche ich mich über die scheinbare 
Seltenheit solcher Bräuche, und manche interessante mögen mir überhaupt 
nicht bekannt geworden sein; denn gar viele lassen sich leichter verheim- 
lichen, als wenn eins aus Angst vor einer bösen Schwiegermutter oder 
siebenjährigem W^arten den Eckplatz am Tisch meidet und sich scheut, 
Brot und Butter anzuschneiden. 

So tiefer Aberglaube sich nun auch in den genannten Bräuchen zeigt, 
so spiegelt sich doch darin zugleich die goldene Poesie, mit der unser 
Volk, besonders das Landvolk, die Zeit vor der Verlobung umwebt. Die 
Verlobung selbst dagegen entbehrt bei uns auf dem Lande zum weitaus 
grössten Teil der Romantik. In der Arbeiterbevölkerung mögen Neigungs- 
heiraten häufig sein, in den besser situierten Kreisen ist die Heirat oft 
nur ein Geschäft, dessen geschäftlicher Charakter gerade bei der Verlobung 
am meisten zutage tritt. Noch hat der Heiratsvermittler seine Rolle nicht 
ganz ausgespielt, sein Gewinst ist oft nicht schlecht dabei, früher ein Paar 
lederne Hosen, jetzt 50, 100 Mk. und mehr, da und dort auch bloss eine 
seidene Weste, weshalb der „Freiersmann", so heisst der Vermittler ge- 
wöhnlich, manchmal die spitze Redensart hören muss: „Du willst dir wohl 
e seidne Westn verdien?" Er heisst aber auch Plauderer und Schmuser; 
auch Seelenverkäufer wird er gelegentlich genannt. In einer weit grösseren 
Zahl von Fällen wird die Sache von den beiden Vätern in Ordnung 
gebracht. Denn diese zwei haben oft ein gewichtigeres Wort mitzureden 
als die zwei jungen Leute selbst; allerdings mag in den letzten Jahrzehnten 



Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit im Herzogtum Koburg. 281 

der Sohn hierbei selbständiger geworden sein, aber nicht durchweg. Dass 
die Frauen die Partie in Ordnung bringen, sieht man nicht gern: „Weiber 
Freien ist Teufels Freien". Aber die Mutter vorher zu gewinnen, empfiehlt 
sich; denn: „Wer die Tochter hab will, muss die Mutter streichel". 

Soweit das Verhältnis nicht von den jungen Leuten selbst angebahnt 
wird, ist folgender Hergang typisch. Der eine Vater, gewöhnlich der des 
Burschen, macht dem anderen Vater einen Besuch oder setzt sich bei 
irgend einer Gelegenheit zu ihm und redet mit ihm über das und jenes, 
bis er endlich mit der Hauptsache herausrückt: dass ihre „Kinner" ganz 
„schö zammpassn", denn (und darauf wird das Gewicht gelegt) das Geld 
passt auch „zamm". Nun werden die Vermögensverhältnisse genau be- 
sprochen, was jedes mitbekommt usw. Kennen sich die Eltern nicht 
genau genug, dann sieht man sich nach der „Gelagnheit um", d. h. der 
Besitz wird genau in Augenschein genommen. Man nennt das die Um- 
schau oder Hausschau; dabei werden Haus und Hof, Stall und Feld be- 
sichtigt, die Mitgift genau vereinbart. Beide Teile sind dabei gleichmässig 
auf ihren Vorteil bedacht, darum wird die Umschau in beiden Häusern 
abgehalten, im zweiten etwa acht Tage später. Nach der Umschau fragt 
der Bursche das Mädchen, ob sie ihn haben will, worauf manche, falls 
sie zustimmt, antwortet: „Ich machet mär gerade näx daraus"^. In ver- 
einzelten Fällen stellt sich auch noch der Vater des jungen Mannes einige 
Tage nach der Umschau mit seinem Sohn im Hause der Auserwählten 
ein und wirbt für seinen Sohn, wobei es manchmal vorkommt, dass sich 
das Brautpaar nun zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht sieht. 
Meistens aber führt heutzutage der Bursche selbst das Wort bei der 
Werbung. Und nun findet die Verlobung statt. 

Die Feier besteht in einem Mahle im Brauthaus. Jetzt wird es 
„gewis gemacht", wie man besonders im Itzgrund sagt; weit verbreitet 
im Land ist auch der Ausdruck „Freierei"; seltener trifft man den „Ver- 
spruch"; überall aber macht „Verlobung" starke Konkurrenz; im Königs- 
bergischen und in Rossach und anderen Orten sagt man „Higab". Bei 
der Freierei schenkt der Bursche dem Mädchen Geld, früher 1 bis 
10 Taler oder 2— 20 fi., jetzt 3—20 Mk., meist ein hübsch blinkendes 
Stück, das früher sorgfältig aufbewahrt und bei Vermeidung von Unglück 
nicht ausgegeben werden durfte; besonders beliebt scheinen die Doppel- 
taler gewesen zu sein. Seit einer Generation etwa ist die Sitte in vielen 
Dörfern ziemlich ausgestorben; in anderen Ortschaften aber ist sie noch 
ganz an der Tagesordnung, z. B. in Tremersdorf, Rottenbach; auch in 
Neuses, eine halbe Stunde von der Stadt Koburg, ist das Draufgeld noch 
kürzlich gezahlt worden. Auch eine Gabe von drei Geldstücken war 
mancherorts üblich; ob damit der in der Oberpfalz heimische Glaube ver- 
bunden war, dass es unbedingt eine ungerade Anzahl von Talern sein 
müsste, weiss ich nicht. Unrichtig wäre es, in der Draufgabe einen Rest 



282 Hermann: 

des Brautkaufes zu erblicken, die gezahlte Summe hatte und hat vielmehr 
denselben Sinn wie das Dinggeld beim Mieten eines Dienstmädchens: 
Bürgschaft für Einhaltung des Vertrags. Das Geld muss also zurück- 
gegeben werden, wenn die Braut die Verlobung löst, etwa wenn sich ein 
reicherer Bewerber einstellt, was so manchmal die Verlobung auflösen soll. 
Jedoch hat der Bräutigam nur dann Anspruch auf Rückgabe, wenn das 
Mädchen schon grossjährig war; im anderen Falle hat er das Nachsehen 
und zum Schaden den Spott seiner Kameraden. Ein anderes Pfand der 
Treue ist der Ring. Früher war es meist ein silberner, nur bei den 
Reichen ein goldener; heute ist es unbedingt ein goldener, zum wenigsten 
ein vergoldeter. In Meeder waren bei den Reichen sogar zwei Ringe 
üblich: ein silberner mit Initialen und ein goldener mit der Inschrift: 
Liebe, Treue. Ins Innere des Ringes Hess mancher mit Stolz auch seinen 
und seiner Liebsten Stand eingravieren, auch wenn er bloss Grossknecht 
und sie Magd war. Bis vor zwanzig Jahren etwa bekam nur die Braut 
einen Ring, seitdem bürgert sich der dem Bräutigam geschenkte mehr 
und mehr ein; aber noch bekommt nicht jeder junge Ehemann im 
Koburger Land seinen Ring, selbst in vermögenden Familien nicht. Jedoch 
die Freude an Schmuck vermehrt sich. Jetzt möchte fast jede Braut eine 
goldene Uhr mit Kette haben; früher bekam sie ein silbernes Halsgehänge 
mit einer Schaumünze und Broche. Der Bräutigam erhielt sonst eine Pfeife 
mit silbernem Beschlag, jetzt eine Uhr; dazu bekam er gewöhnlich eine 
seidene Weste, bei Reichen auch eine Mütze aus Fischotterpelz mit goldener 
Troddel. Sie erhielt sonst auch ein seidenes Tuch. Das geschieht jetzt 
mancherorts zu Weihnachten. Mit Stolz zeigen dann die Bräute ihr Geschenk 
in der Kirche; Weihnachten oder Neujahr spricht man daher in manchem 
Ort, z. B. Weissenbrunn vor dem Wald, Grub, noch von der „Tüchles- 
kirchen". Früher kaufte man sich gegenseitig in besseren Familien auch 
den Hochzeitsanzug, aber das ist jetzt ziemlich abgekommen. Dagegen 
wird dem Bräutigam von der Braut noch vielfach ein Hemd genäht, sofern 
sie sich darauf verstellt. Ein Blutstropfen dabei sowie bei der Aussteuer 
bedeutet nach manchen Unglück oder frühen Tod, weswegen man die 
Aussteuer lieber von fremder Hand nähen lässt; andere sehen in solchen 
Blutstropfen weniger Unheil, jeder Tropfen soll einen Kuss bedeuten. In 
Koburg selbst wurde die Verlobung in alten Zeiten bei den Verwandten 
und Bekannten von einem Lohndiener angesagt, der gleich dem Hochzeits- 
und Leichenbitter einen silberbeschlagenen Stock trug. 

Zwischen Verlobung und Hochzeit verstreicht auf dem Lande keine 
grosse Zeit, gewöhnlich 4 — 6 Wochen. Die Aussteuer an Leibwäsche ist 
schon vorher genäht, die Mitgift an Möbelstücken usw. erfolgt erst geraume 
Zeit nach der Hoclizeit. Bis zur Einführung der Ziviltrauung wurde das 
Paar dreimal in der Kirche aufgeboten. Bei dem einen Aufgebot ])flegten 
damals die Eltern und Verwandten des Paares in die Kirche zu gehen, 



Gebräuche bei Verlobuug und Hochzeit im Herzogtum Koburg. 283 

bei einem anderen, meist dem dritten Aufgebot, das Paar selbst; doch 
gab es keine Übereinstimmung im Lande. In Meeder ging das Paar in 
vollem Hochzeitsschmuck bei dem einen Aufgebot zur Kirche. Heutzutage 
wird nur eine Fürbitte in der Kirche gesprochen, im grossen und ganzen 
erscheinen jetzt das Paar und die Eltern nicht mehr dazu in der Kirche. 

Etwa acht Tage vor der Hochzeit lud in alter Zeit ein besonderer 
Hochzeitslader in feierlicher Weise zu den grösseren Hochzeiten ein. 
Dass dies ehemals das Geschäft des Dorfschulmeisters war — es musste ja 
ein sprachgewandter Mann sein — scheint nur noch in Ahlstatt, Tremers- 
dorf und der Umgegend in deutlicher Erinnerung. Im Itzgrund ist der 
Hochzeitslader seit etwa 50 Jahren ausgestorben, auf den langen Bergen 
und im Königsbergischen später; ab und zu sieht man ihn jetzt noch in 
Elsa, Öttingsliausen usw. und besonders in Rossfeld. Sein Abzeichen 
war und ist noch der „Hochzigssteckn", ein langer silberbeschlagener 
Rohrstock mit silbernem Knopf und Quaste; oben ist ein Sträusschen mit 
roter Schleife befestigt. Während er jetzt den üblichen Sonntagsanzug 
trägt, hatte er in früheren Jahren: langen Kirchenrock, weisslederne Knie- 
liose, weisse Strümpfe oder Zwickelstrümpfe und Schnallenschuhe; in 
Meeder auch wildlederne Handschuhe. Am Zylinderhut hing ausser roten 
Bändern, wie bei den Plansburschen an der Kirchweih, das von der Braut 
geschenkte Tuch, in anderen Fällen hing es aus einem Knopfloch herab; 
auf die linke Brust pflegte er sich ein Sträusschen ebenfalls mit roter 
Schleife zu heften. Heutzutage werden die Gäste vom Brautpaar selbst 
oder vom Brautvater eingeladen. Nur zu den Taufpaten geht das Braut- 
paar schon seit alter Zeit, man sagt dann: „sie machen den Küssbesuch" 
oder „sie sogn 's Küss a" oder „sie gehn ins Küssasogn". Der Name 
kommt von dem Geschenk der Paten am Hochzeitstage, auf welches das 
Brautpaar mit dem Besuch spekuliert. Darüber später. Hier darf nur 
der Geschenke nicht vergessen werden, welche das Brautpaar selbst zu 
geben hat. Während man in manchen Orten seinen Paten nur kleine 
Geschenke gibt, eine Torte, ein Tuch oder ähnliches von nicht allzu 
grossem Wert, muss man in anderen Dörfern bedeutend tiefer in den 
Beutel greifen; so beläuft sich in Rossfeld der Wert oft auf 30 Mark; die 
Taufpaten werden in Rossfeld durch dieses Geschenk zu einem solchen 
im Wert von 60 Mark verpflichtet, indem sie jedesmal das Doppelte an- 
wenden müssen. Ausser den Taufpaten haben auch die Taufkinder des 
Paares einen Anspruch auf ein Geschenk, früher bekam sogar jeder Gast 
bei der Einladung ein Tuch als Geschenk der Braut, auch der Pfarrer; 
so ist es noch in Köslau und Nassach manchmal bei den grossen Hoch- 
zeiten. 

Der Einladung folgt in der Gegend von Rossfeld, Heldritt, Meeder, 
dann weiter im Meininger Unterland eine Feier im Brauthause, die sogen. 
Hühnerhochzeit, dem oberbayrischen Hennentanz entsprechend. Der Name 



284 Hermann: 

kommt von den Geschenken, welche die Teilnehmer der Feier ehedem 
mitbrachten; statt des Geflügels werden jetzt meist Eier, Butter, Milch 
geschenkt. Im Koburgischen wird nur noch höchst selten eine Hühner- 
hochzeit abgehalten, im benachbarten Meininger Unterland ist sie aber 
noch vielfach Brauch. Wenn die Gäste abends zusammengekommen waren, 
so erzählt mir Herr Pfarrer Derks in Elsa, wurden sie früher erst bewirtet, 
dann wurde im Stadel auf der Tenne getanzt, die jungen Leute sasseu 
ringsherum, während die alten einander schwenkten, dass es nur so eine 
Art hatte, und die wallenden Bänder von den Hauben der Frauen in der 
Luft flatterten. 

Der Polterabend ist auf dem Lande fast unbekannt. Hat man Gäste 
von auswärts, so findet allerdings ein Schmaus am Vorabend statt, wobei 
gelegentlich auch ein Gesangverein ein Ständchen bringt; aber gepoltert 
wird nicht. Dies geschieht nur in der Gegend von Neustatt, Fechheim, 
Hassenberg, Frohnlach. In einigen dieser Dörfer ist dabei der sonst 
erst an der Hochzeit übliche Witz mit dem Hinfallen mit dem Topf 
gebräuchlich. Das Aufhäufen eines Scherbenberges vor dem Hause, an 
dem man in der Stadt Koburg ehedem mehr Gefallen fand als jetzt, dürfte 
anderwärts nur Xachahmung städtischen Unfugs sein. Auf den langen 
Bergen weiss man auch davon zu erzählen, dass einer alles mögliche 
Porzellan und Glas in einen Spreukorb sammelte, damit hinfiel und alles 
zerbrach; ein anderer band sich einen Giesser mit einem Strick ans Bein, so 
dass er einen Heidenlärm vollführte, wenn er anfing zu hüpfen und springen. 

Bezüglich des Hochzeitstages wird durchweg der zunehmende Mond, 
„zunähme Maa'% eingehalten, denn er bedeutet Förderung, der abnehmende 
Rückschritt -im Hause. Auch beachtet man, in welchem Sternbild die 
Sonne steht: der Krebs ist am meissten verhasst, danach kommen Skorpion 
und Zwillinge; nur da und dort sind auch Stier, Steinbock, Wage und 
Fische ominös. Jetzt werden die Hochzeiten meistens am Sonntag und 
am zweiten Feiertag gehalten, weil die Leute an diesen Tagen die meiste 
Zeit haben; es sind Tage, die in der Kasimirianischen Kirchen Ordnung noch 
nicht gern zugelassen wurden. Früher, wo man sich so gut wie nie mit 
einem Tag begnügte, dauerte die Feier bei den ganz grossen Hochzeiten 
vom Dienstag bis Montag, bei den kleineren vom Donnerstag bis Sonntag; 
die beiden Tage Dienstag und Donnerstag erfreuen sich daher noch jetzt 
grosser Beliebtheit, besonders auch bei solchen Leuten, die zeigen wollen, 
dass es ihnen nicht auf den Verlust eines Arbeitstages ankommt; in den 
Städten des Herzogtums wählt man auch andere Tage, so in Rodach mit 
Vorliebe den Sonnabend. 

Die geladenen Gäste stellen sich gegen 9 Uhr vormittags im Braut- 
hause ein, früher in den vermögenden Familien von den Brüdern oder 
Knechten mit Schüssen einzeln begrüsst, was jetzt wegen des staatlichen 
Verbots und der Kostspieligkeit so ziemlich abgekommen ist. 



Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit im Herzogtum Koburg. 285 

In früheren Jahrhunderten wurde vor der Trauung oft schon so stark 
pokuliert, dass die Leute betrunken zur Kirche wankten. Um dies zu 
verhindern, verbot Kasimir in seiner Kirchenordnung solch „ärgerliches 
Gefräss" und Gelage vor der Trauung; auch deswegen, weil manchmal 
der Pfarrer vergeblich in der Kirche warten musste. Aus diesem Grunde 
verbot Kasimir auch, dass direkt vor dem Kirchgang die „Ehe-Betheidigung'*, 
d. h. Ehevertrag vorgenommen wurde, weil manche sich nicht einigen 
konnten; desgleichen untersagte er, dass bei dem „Gefräss" der Bräutigam 
aufs neue um die Braut warb. Damit scheint auf eiue nochmalige scherz- 
hafte Werbung, wobei der Brautvater die Herausgabe seiner Tochter erst 
verweigerte, hingedeutet zu sein, wie sie sich im benachbarten Henne- 
bergischen noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gehalten hat; ander- 
wärts trifft man sie ja noch jetzt, so besonders bei den slavischen Völkern. 

Das Essen und Trinken vor der Trauuug hat indes Kasimir nicht zu 
beseitigen vermocht, ebensowenig wie überhaupt den ungeheuren Aufwand 
bei der Hochzeit. Erst in den letzten Jahrzehnten sind die ganz grossen 
Hochzeiten abgekommen. 

Gleich bei der Ankunft am Vormittag werden die Gäste reichlich 
bewirtet, aber nur kalt: mit Schinken, Wurst, Bier, süssem Schnaps usw. 
Gegen 10 Uhr begibt sich das Paar in Begleitung von zwei Zeugen zum 
Standesbeamten. Zwischen 11 — 12 Uhr findet die kirchliche Trauuug statt. 
An dieser Stunde hängt unser Landvolk mit der grössten Zähigkeit, denn 
wie nur der zunehmende Mond, so kann auch nur die zunehmende Stunde 
dem Paar Gedeihen bringen. Dieser Aberglaube macht unseren Pfarrern 
manchmal zu schaffen, wenn sie ausser ihrer Pfarrei noch eine Filiale zu 
verwalten haben. Denn am Sonntag drängen sich die Geschäfte: oft 
Predigt, Taufe und Trauung an beiden Orten; da ist es unter Umständen 
ausgeschlossen, dass der Pfarrer die Trauungen alle zwischen 11 — 12 Uhr 
vornimmt. Mahnungen des Pfarrers, von dem Aberglauben abzulassen, 
fruchten nichts und werden nur mit der stereotypen Redensart beantwortet: 
^Mer hamm unnern Glaum drauf'^ Lieber Hessen sich manche Paare gar 
nicht in der Kirche trauen als zu anderer Stunde. Da niuss eben schliesslich 
der Pfarrer nachgeben und durch Rückstellung der Kirchenuhr die bösen 
Geister von dem jungen Paar fernhalten. In einem Dorfe unseres Herzog- 
tums macht sich das ganz regelmässig nötig; die Bauern wissen dort auch 
selbst, dass die Kirchenuhr nachgestellt wird, aber das ist ihnen einerlei: 
wenn es nur nicht zwölf schlägt, solange sie noch in der Kirche bei der 
Trauung sind. 

Vor dem Kirchgano- musste das Paar in den Eigensdörfern und anderen 
Orten vor Jahren eine Suppe, „die Liebes- oder Hochzeitssuppe", ge- 
meinschaftlich auslöffeln. Sobald der Zug sich nach der Kirche in Be- 
wegung setzt, ertönen Schüsse; zwar ist das Schiessen seit lange polizeilich 
verboten, trotzdem erhebt sich bei Hochzeiten reicher Bauern immer noch 



286 



Her mann: 



eine förmliche Kanonade, die anhält, bis der Zug in der Kirche ist, und 
neu einsetzt nach vollzogener Trauung. Bei den solennen Hochzeiten, 
wie sie in alter Zeit bei unseren reichen Bauern üblich waren, ging dem 
Zuge das Musikkorps voraus, mit bunten Bändern geschmückt undSträusschen 
am Hut. Dann kam der Pfarrer, mit einem Rosmarinstengel in der Hand 
und einem schönen seidenen Tüchlein über dem Arm, einem Geschenk 
der Braut. Es folgte die Braut, geführt von dem Brautführer; er in 
dem Gewand und mit dem Stabe des Hochzeitsladers, sie ganz schwarz. 

Sie hatte einen schwarzen 
Rock an mit schwarzer 
Schürze und schwarzes 
Mieder, die sog. „Mutzn", 
darüber die „Schubbu" 
(Joppe) und hierüber ein 
weisses Halstuch und 

schwarzes Brusttuch; 
manchmal trug sie auch 
den schwarzen oder tief- 
dunkelgrünen Kirchen- 
mantel dazu. (Im 18. Jahrh. 
war die Brauttracht anders: 
das Brusttuch war bunt, 
die Jacke, „der Wamst", 
hatte bunte Stösse, den 
spitzen Framschoss, „die 
Scheer".) Um den Hals 
hing ihr eine silberne Kette 
mit einer Schaumünze. Das 
Haar, auf dem in alter Zeit 
eine Flitterkrone, „die 
Flinnerleskrone", seit fünf- 
zig Jahren und mehr ein 
Kranz sass, war in vier 
Zöpfe geflochten, manchmal 
auch in zehn bis zwanzig, wie bei unseren Sclmlkindern am Gregoriusfest; 
rote Bänder waren in das Haar geflochten und hingen hinunter. Nur 
selten trug die Braut auch eine Bänderhaube, die „Hochzigshaum"; oft 
hatte sie einen Strauss, in dem Rosmarin nicht fehlen durfte. Hinter der 
Braut schritt der Bräutigam mit den zwei Brautmädchen, in ähnlicher 
Tracht wie Braut und Brautführer. Nach ihnen kamen die Eltern, die 
nächsten Verwandten und die Gäste: die Männer mit silberbeschlagenem 
Stock, der früher immer mit zur Kirche genommen wurde, die Frauen 
mit ihren Bänderhauben und den Kirchenmänteln. Alle hatten einen Ros- 




Uii' alte Sonntagstracht im Koburf,'er J>ande, die mit 
der alten Hochzeitstracht fast übereinstimmt. 



Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit im Herzogtum Koburg. 



287 



marinstengel in der Hand, die Gäste auch das von der Braut geschenkte 
Tuch über dem Arm. 

Mit Musik, unter Glockengeläute und dem Donner der Büchsen schritt 
der Zug feierlich daliin, von der Dorfjugend geleitet, von allen mit Neu- 
gier „begafft". An der Kirchtür nahm der Pfarrer die Braut in Empfang 
und führte sie dem Bräutigam zu, andernorts tat dies der Brautführer. 

Das Bild, das ich soeben entworfen habe, ist eine Addierung dessen, 
was ich noch im Gedächtnis unserer Bevölkerung lebendig getroffen habe. 
Alle Züge desselben zugleich 
waren aber keinem meiner 
Gewährsmänner mehr bekannt. 
Vieles ist ganz geschwunden, 
in den reichen Dörfern unseres 
Herzogtums hat sich Altes am 
längsten gehalten. So wurde 
im Königsbergischen noch 
lange gelegentlich von der 
Braut das Tuch geschenkt, es 
mag noch vorkommen; dieses 
und den Rosniarinsteno-el trägt 
der Pfarrer wie jeder andere 
mit in die Kirche; der Ros- 
marinstengel und das Tuch 
spielen in Nassach noch heute 
eine Rolle. Den Brautmantel 
fand man zuweilen bis in die 
neueste Zeit hinein in Ottiugs- 
hausen und den Nachbarorten. 
Musik gab es meist nur in 
den Orten, die ein Musikkorps 
hatten, wie Meeder, AVeissen- 
brunn, vor dem Wald usw. 
In Meeder spielte die Musik 
schon in aller Frühe ein 

Ständchen. Die Reihenfolge im Zug war auch nicht überall dieselbe. 
In vielen Dörfern ging der Pfarrer mit dem Bräutigam voraus. Den 
Brautführer, den sich von jeher nur der reiche Bauer gestattete, findet 
man jetzt fast nirgends mehr ausser im Königsbergischen. Die Braut- 
führer in der Stadt haben längst ihr Amt aufgegeben, die Braut zu 
führen. Brautmädchen dagegen sieht fast jede Hochzeit auf dem Lande; 
ihre Zahl ist aber nicht mehr auf zwei beschränkt, sie geht bis zehn 
und mehr. Nur noch im Köuigsbergischen ziehen Braut und Bräutigam 
getrennt in langem Zuge feierlich zur Kirche. Oft ist das Paar jetzt 




Die alte Sonntagstracht im Koburger Lande, die 
mit der alten Hochzeitstracht fast übereinstimmt. 



288 



Hermann: 



auf dem Gange zur Kirche nur von den Standesamtszeugen und den 
etwaigen Brautmädchen begleitet. Die Eltern pflogen vielfach nicht mit 
zur Kirche zu gehen. In vielen Dörfern, besonders in den der Stadt be- 
nachbarten fährt man bereits. Die alte Kleidung mit den kurzen Hosen 
hat bei den Männern längst schwarzem Rock mit langer Hose, womöglich 
dem Frack Platz gemacht; die Braut trägt sich aber immer noch schwarz, 
der Kranz besteht meist aus gemachten Blumen, aber auch aus lebenden 
Myrten und Rosmarin. Das weisse Kleid der städtischen Braut ist noch 
kaum aufs Land gedrungen; der w^eisse Schleier aber, der vor etwa zehn 
Jahren bei der bäuerlichen Braut fast ganz unbekannt war, beginnt einen 
Siegeslauf durch unser Herzogtum; noch gibt es manche Orte, in denen 
keine Braut in dem Schleier vor den Altar getreten ist, aber der Orte 
werden es immer weniger. In Rodach und Koburg wird der Braut oft ein 
Geldstück ins Kleid genäht, damit es ihr nie daran fehle; in den Eigens- 
dörfern steckt sie ein Stück Brot ein. 

Wenn sich der Zug in Bewegung setzt, muss das Paar mit dem 
rechten Fuss antreten, sonst geht alles krumm; in Gauerstadt und Rossfeld 
merkwürdigerweise mit dem linken. Auch muss man sich bemühen, 
möglichst o-latt durch die Türen zu kommen und darf keine Schwelle 
berühren, im besonderen nicht die Kirchenschwelle. 

Unterwegs darf sich das Paar nicht umsehen und niemand grüssen, 
sondern den Blick auf den Boden heften und schweigend gehen. Denn 
wer sich umsieht, sieht sich nach einem oder einer anderen um. Dem 
ersten entgegenkommenden Knaben musste früher die Braut ein Viertel 
Kuchen geben. Das geschieht noch jetzt z. B. in Neuses bei Koburg. 
Yon Wichtigkeit ist es dabei, dass dem Paar niemand eher begegnet als 
ein Knabe. Um ihrer Sache sieher zu gehen, bestellt sich die Braut 
einen Knaben an die Haustüre; in anderen Orten bestellt sie sich zwei 
Knaben. Der Sinn ihrer Gabe ist wohl, dass sie nicht geizig ist. In 
manchen Orten gibt die Braut jetzt statt des Kuchens ein Geldstück. 
Unterwegs kann dem Paare noch mancherlei Unheil zustossen. Soweit 
es zusammengeht, drängt es sich daher eng aneinander, um den Teufel 
nicht dazwischen zu lassen. Aber es gibt soviel Möglichkeiten, die künftiges 
Unglück herbeiführen können, dass gar niemand alle Möglichkeiten ver- 
meiden kann. Unglück gibt es nach Ansicht der Koburger Bauern nicht 
bloss, wenn man die früher schon erwähnten Vorsichtsmassregeln nicht 
einhält, sondern auch: wenn dem Paar irgend etwas zustösst, wenn es 
etwas vergisst oder verliert, wenn es stolpert, irgendwo hängen bleibt, 
wenn es fällt, wenn etwas am Kleid zerreisst, wenn der Brautwagen um- 
fällt oder jemand überfahren wird, wenn die Brautmädchen vor der Braut 
gehen oder vor sie hintreten, wenn beim Zug eine Katze oder wenn ein 
„Frauenzimmer'* über den Weg läuft, wenn ein Leichenwagen vorbeifährt 



Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit im Herzogtum Koburg. 289 

oder ein Grab offen steht oder wenn in der Verwandtschaft jemand stirbt. 
Nur regnen darf es, aber trüb darf es trotzdem nicht sein und auch nicht 
schlechtes Wetter. Übrigens mag man all die Möglichkeiten unglücklich 
zu werden vermieden haben, es ist vergeblich, wenn Kuchen oder Krapfen 
oder Brot oder sonst etwas von den Speisen missraten ist; sehr gefährlicli 
sind auch Beulen am Brot und sicherlich noch vieles andere, ohne dass 
ich es nennen kann. 

Wenn nun der Zug zur Kirche gelangt ist, muss das Paar vorsichtig 
den rechten Fuss zuerst über die Schwelle setzen. Wo das Brautpaar 
einander führt, geht auf dem Lande der Bräutigam, wie sich für ihn als 
Mann und künftigen Hausherrn von selbst versteht, seiner Braut voraus. 
In früheren Jahren wurde oft auch eine Predigt gehalten und vom Kirchen- 
chor gesungen, jetzt wird höchstens auf der Orgel gespielt, sehr selten 
singt der Chor. Während des feierlichen Trauaktes spielt sich wieder 
mancherlei Aberglaube ab, soviel, dass leider wenig Zeit zur Andacht 
übrig bleibt. Das Paar drängt sich eng zusammen, damit kein böser Geist 
dazwischenfahren kann, und eins sucht das andere auf den Fuss zu treten, 
um die Herrschaft im Hause zu bekommen. Die Braut hat die Verpflichtung 
zu weinen, sonst bekommt sie es einmal schlecht: „Eine freudige Braut, 
eine greinende Frau; eine greinende Braut, eine freudige Frau". Xach 
o-eschehener Trauun"- blickt das Paar auf seinen Platz zurück, ob eins 
von ihnen eine feuchte Fussspur hinterlassen hat, denn das bedeutet frühen 
Tod; daran wird nach meinen Erkundigungen noch ziemlich allgemein 
geglaubt. Aber als ob das noch nicht genug des Aberglaubens wäre, ist 
neuerdings noch einer von der Stadt aus eingedrungen. Wer seinen rechten 
Handschuh zuerst auszieht, wird Herr im Hause, so heisst es. Das ist 
entschieden etwas Neues, denn Handschuhe trägt das Brautpaar in vielen 
Dörfern noch nicht sehr lange. Der Aberglaube ist mit den Handschuhen 
selbst von der Stadt aus aufs Land gekommen, ein interessanter Fall für 
Verbreitung des Aberglaubens überhaupt. 

Wenn nach geschehener Trauung der Zug die Kirche verlassen will, 
wird er von der Dorfjugend oder nichtgeladenen Dorfbewohnern aufgehalten 
und darf nicht eher weiterziehen, als bis sich der Bräutigam zu einem 
Lösegeld verstanden hat. Da dies Aufhalten etwas einbringt, lässt es sich 
denken, dass oft an jeder Ecke eine andere Schar Aufhaltender steht. 
Auch von weniger Bemittelten mag etwa 5—10 Mark verausgabt werden, 
reiche Protzen wenden auch 100 Mark an. 

Bergedorf. 

(Schluss folgt.) 



Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1904. -*■" 



290 Chalatianz: 

Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 

Von Bagrat Chalatianz. 

(Vgl. oben S. 35— 47.) 



II. Der Inhalt der Sagen. 

1. Röstam.^) 

1. Qev Chosra war ein König von Iran, Alvasya war ein König von 
Türan. Eines Tages liess Qev Chosra seine Würdenträger zu sich kommen 
und sprach zu ihnen: Wenn ich etwas in Iran unternehmen würde, wer 
könnte wagen mir entgegenzutreten? Tüs Nauzar erwiderte ihm: „0 König, 
du bist unser Fürst, und wir müssen deinem Befehl gehorchen; aber heute 
ist Röstam aus deinem Divan abwesend, es ist also deine Rede nicht 
passend." Der König liess den Tüs Nauzar in Ketten legen und sprach: 
„Ich will sehen, wer im ganzen Iran wagen wird, mich für dich um 
Gnade zu bitten." — Ein Pehlevan bestieg sein Ross, waffnete sich am 
Rücken und ritt zu Röstam; dieser fragte ihn, woher er komme. Als er 
von dem Geschehenen erfuhr, sprach er zu ihm: „Pehlevan, geh und sage 
zu dem König: Röstam lässt deine Hand küssen und bittet dich um Frei- 
lassung des Tüs Nauzar, da er unser Helfer ist." — Der Pehlevan ging 
zu dem König und teilte ihm Röstams Bitte mit. Der Fürst wurde sehr 
zornig, befahl den Tüs Nauzar gebunden in den Kerker zu werfen und 
schwur, er solle bis zu seinem Tode dort bleiben. Derselbe Pehlevan tat 
dies dem Röstam kund. Röstam sprach: „Wenn der König den Pehle- 
vanen nicht freilassen will, so bin ich sein Feind." Er rief seine Leute 
zur Beratung und sprach zu ihnen: „Ich will den Qev Chosra bekriegen." 
Er sammelte sein Heer; man sagt 70 000 Zelte, und Jedes Zelt enthielt 
70 000 Pehlevanen. Tran spaltete sich in zwei Teile. 

2. Es war ein Pehlevan, der hiess Qevschil. Er ging nach Türaii 
zu dem König Alvasya und sagte zu ihm: „Qev Chosra und Röstam be- 
kriegen einander und tött^n ihre Leute. Jetzt ist deine Zeit gekommen. 
Sammle dein Heer, bringe den Grossen von Iran um und setze an seine 
Stelle den Jüngsten von Türan!" Alvasya liess seine Pehlemanen zu sich 
kommen: den Hmän, Phiran, Qamüsse Qjaschän, Kchakchae Cini, Acqapis, 



1) Wardan Galustian, der mir diese bei Firdousi in anderer Fassung vorliegende 
Sage im Jahre 1899 erzählte, ist ein alter Ackerbauer aus dem Dorfc Öibichlü im Bezirke 
von Wan. Er hörte sie nebst vielen anderen Erzählungen von dein Volkssänger (Aschuch) 
Muchsi-Gülan. Ich gebe diese Sage wörtlich wieder und behalte die Volksaussprache der 
Eigennamen in aller ihrer Mannigfaltigkeit bei. Die Zergliederung des Stoffes einer 
jeden Sage ist hier durchaus nicht willkürlich, da die Erzähler jeden Abschnitt mit den 
Worten beginnen: Von wem (welcher Gegend) wollen wir jetzt Meldung tun? — Von dem 
und dem. 



Die iranische Heldensage bei den Aiineniorn. 291 

Kchelün. Der König sprach: „Hman, man sagt, dass Qev Chosra mit 
Röstam im Kriege ist; wir wollen also hinziehen. Was sagst du dazu?" 
Hmän erwiderte: „O König, wenn du mein Wort hören willst, sollst du 
nicht hinziehen; denn sie kämpfen in ihrem Lande, es geht dich nichts 
an." Da fragte der König den Phirän; dieser aber erwiderte: „Je mehr 
du den Kopf deines Feindes mit dem Fusse pressest, desto eher kannst 
du ihn dann vernichten." Der König sprach: ^Phirän ist ein guter Yezier 
(Minister)", und gab ihm Geschenke. Er sammelte sein Heer, zog gegen 
Iran und Hess auf dem Siran (Jagdplatz) die Zelte aufschlagen; von da 
sandte er ein Schreiben zu dem Qev Chosra: „Entweder kommst du, um 
mit mir zu kämpfen, oder ich verwüste dein Land." 

3. Qev Chosra liess seine Pehlevanen zu sich kommen und sprach 
zu ihnen: „Der König von Türan fordert mich zum Kampfe heraus. 
Petaga, nimm die Fahne und lass uns ziehen!" Petaga aber erwiderte: 
„0 König, deine Mutter ist eine Witwe; gib sie mir zur Frau, dann trage 
ich die Fahne." Der König ging zu seiner Mutter und sprach zu ihr: 
„Der König von Türan hat sein Lager auf meinem Siran aufgeschlagen, 
nun sollst du den Petaga heiraten, damit er meine Fahne trägt.* Die 
Mutter antwortete: „Petaga kann dir nicht helfen; lass den Tüs Nauzar 
aus dem Kerker los, gib ihm Gfeschenke und schick ihn zu Röstam! Der 
wird Rat wissen." — Aber Qev Chosra schwur, den Mann nicht freizu- 
lassen. Die Mutter sprach: „Wenn du mir befiehlst, so muss ich den 
Mann heiraten." Der König veranstaltete die Hochzeit, Petaga nahm die 
Fahne auf seine Schulter, und das Heer brach auf zur Schlacht. Drei 
Tage, drei Nächte kämpften sie. Bei dem Geschrei der Kämpfenden 
schauten die Engel vom Himmel herab zur Schlacht. Yiele Menschen 
sagten, die Welt gehe unter; die Klugen aber sagten, es schlage sich Iran 
mit Türan. Am dritten Tage floh Petaga mit der Fahne, und das Heer 
folgte ihm. 

4. Bin Pehlevan Namens Godärz blieb mit seinen Leuten auf dem 
Schlachtfelde stehen. Alvasya sprach: „Lass mein Heer an diesem Häuflein 
vorüberziehen! Hmän soll mit dem Pehlewanen kämpfen." Drei Tage, 
drei Nächte schlugen sich Godärz und Hmän. Dieser sagte: „Dein König 
entfloh; geh vom Kampfplatz fort!" Godärz erwiderte: „Wer sagt, dass 
Leute meines Hauses die Schlacht verlassen?" Hmän sprach: „Mein König 
schaut her; ich kann nicht vom Kampfplatz fortgehen. Lass deinen König 
und den Fahnenträger kommen; dann weiche ich zurück." — Ein Jüngling- 
Namens Bahräm meldete dies dem Qev Chosra. Der König befahl dem 
Petaga die Fahne zu tragen, dieser warf sie auf die Erde. Baliräm gab 
ihm einen Fussstoss vor das Herz, nahm die Fahne und kam zum Mejdan 
(Kampfplatz). Da ging Hmän mit seinen Leuten fort. 

5. Bahräm hatte seinen ßallstock verloren. Er sagte zu seinem Bruder 

Gev: „Mein Ballstock ist verloren gegangen." Gev erwiderte: „Gehen 

19* 



292 Chalatianz: 

wir nach Hause; ich mache dir einen silbernen Ballstock/' Er aber ant- 
wortete: „Ich kümmere mich nicht um den Verhist, auf dem Stock war 
mein Name geschrieben; man wird sagen: Bahräm ist geflohen." — Als es 
Nacht wurde, ging Bahräm heimlich zum Mejdan nach seinem Ballstock. 
Er hörte ein Seufzen. „Wer bist du?" fragte er. — „Bahräm, ich bins." 
— „RahoP), bist du es?" — „Jawohl! Ich bin verwundet; kannst du mich 
nicht mitnehmen, so sterbe ich hier. Wohin gehst du denn?" — „Mein 
Ballstock ist auf dem Mejdan geblieben." — „Geh nicht hin! Denn der 
Pehlevan Gülo liegt mit 40 Recken dort im Hinterhalt." — Bahräm aber 
ging weiter und hörte wieder ein Seufzen. — „Wer bist du?" — „Ich bin 
Eahib, Bahräm. Ich bin verwundet; kannst du mich nicht mitnehmen, so 
sterbe ich hier." Bahräm geht wieder weiter und hört nochmals ein 
Seufzen. „W^er bist du?" — „Ich bin Ejir. Nimm mich mit; sonst sterbe 
ich hier." — Bahräm kam nach dem Mejdan und fand seinen Ballstock. 
Crülo mit 40 Mann überfiel ihn. Wie man ein Eisen in das Feuer wirft, 
bis es glühend wird, und es auf einen Ambos legt und die Schmiede mit 
Hämmern darauf schlagen, so fielen die Streitkolben von allen Seiten auf 
Bahräm. Da sprach der Pehlevan Qevschil: „Wer hat gesehen, dass 
40 Recken einen Pehlevanen überfielen!" Er ritt zu Bahräm und sprach 
zu ihm: „Bahräm, traue mir, ich will dich von hinten verteidigen." 
Bahräm liess ihn dreimal schwören. Qevschil schwur, erhob sich im 
Sattel und versetzte ihm einen Schwerthieb auf die Schulter; Bahräm 
stürzte vom Pferde herab auf die Erde. 

6. Gev suchte den Bahräm, fand ihn aber nicht. Er waffhete sich, 
bestieg sein Ross und ging, seinen Bruder zu suchen. Da vernahm er 
ein Seufzen. „Wer bist du?" fragteer. „Ich bin Rahol, nimm mich mit!" 
Er ging weiter und traf Rahib, dann Ejir. „Hast du Bahräm gesehen?" 
— „Bahräm ging, um nach seinem Ballstock zu suchen; bis Mitternacht 
hörte ich eine süsse Stimme, nach Mitternacht aber ein Geschrei." Gev 
kam zum Mejdan. Gülo überfiel ihn mit 40 Recken. Gev warf ihn mit 
einem Hiebe des Streitkolbens vom Pferde und trennte den Kopf vom 
Rumpfe. Die übrigen flohen; der Held aber tötete sie bis auf Qevschil; 
dieser rettete sich zum Könige von Alvasya, indem er dessen Thron er- 
griff. Gev warf seinen Strick auf ihn und zog ihn samt dem König fort. 
Das ganze Heer kam diesem zu Hilfe und rettete mit Mühe den König. 
Nun schleppte Gev den Qevschil weiter und tötete ihn auf dem Leichnam 
Bahräms. Darauf legte er diesen hinter sich aufs Pferd, Ejir vor sich, 
Rahib auf die eine, Rahol auf die andere Seite und kam zum Lager. 

7. In Verzweiflung liess Qev Chosra den Tüs Nauzar aus dem Ge- 
fängnis frei, gab ihm ein Ross, Waffen, Kleider und schickte ihn zu 
Röstam. Dieser sprach zu ihm: „Ich tat ein Gelübde, das Antlitz des. 



1) Eahol, Rahib und Ejir sind die Brüder Bahrams und Söhne des Godarz. 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 29 

Königs nie zu sehen und seine Schwelle nie zu übertreten. Aber deinet- 
und des Godarz wegen will ich zum Kampfe ziehen." Er sammelte sein 
ganzes Heer, 70 000 Zelte, in jedem 70 000 Pehlevanen. Tüs Nauzar 
legte die Fahne auf seine Schulter, und Röstam zog zu dem König. Beide 
Heere vereinigten sich. — Alvasya sprach zu dem Fernrohrschauer: „Geh' 
auf die Spitze des Berges und sieh, ob der König von Iran Friede 
schliessen, flüchten oder kämpfen will!" Der Fernrohrschauer sah, dass 
sich beide Heere vereinigt hatten; da waren die Zelte der Jenki, Pelenki, 
Chlüsmän, Kesavür, Magrabi, Schangari, vor diesem stand Rachschi-Bahiq 
des Röstam. Zittern ergriff den Mann. Er verkündete dem König, was 
er gesehen. Dieser sprach: „Hmän, wer ist nach deiner Meinung der 
Herr des Zeltes Schangari, wem gehört Rachschi-Baläq?" Hmän ant- 
wortete: „Ich habe dich schon vorher gewarnt, mit Iran Krieg zu beginnen. 
Das ist Röstam." — „Und was sagst du, Phirän?" Dieser erwiderte: 
„Vielleicht ist es ein Kaufmann von Bagdad." Der König gab ihm Ge- 
schenke. Kchakchae Cini sprach: „0 König, weshalb fürchtest du dich? 
Ich habe einen Pehlevanen, der dir den Kopf des Röstam bringen wird." 
Am nächsten Morgen bestieg der Pehlevan Kchelün sein Ross, ritt zum 
Mejdan und schlug mit seinem Streitkolben auf die Erde, indem er rief: 
„Ich fordere den Röstam zum Kampf.** Röstam waffnete sich, band den 
Schild an die Seite seines Rosses Rachschi, legte den Sattel auf, zog den 
Bauchgurt fest, nahm seine 366 Pfund schwere Keule auf die Schulter 
und ritt an den Zelten vorbei. Die Verwundeten riefen ihm zu: „Geh 
vorsichtig in den Kampf mit diesem Pehlevanen!" — Röstam wurde 
zornig, stieg von seinem Rachschi ab, legte seine Waffen auf ihn und 
liess ihn zurückgehen; er selber trat mit Bogen und Pfeil auf den Mejdan. 
Kchelün sprach zu ihm: „Wenn du keine Waffen hast, warum hat dir 
dein König keine gegeben? Hast du meinen Namen nicht gehört?" 
Röstam antwortete: „Mein König sagte, es sei nicht nötig Waffen mitzu- 
nehmen; ich solle den Kchelün töten und dessen Waffen nehmen." Kchelün 
warf seinen Streitkolben auf den Gegner; dieser beugte sich zur Seite, 
und der Wurf ging fehl. Röstam kniete nieder und gab einen Pfeilschuss 
ab; der Pfeil drang ins Herz des Rosses des Pehlevanen ein, flog einen 
Weg von 7 Stunden und blieb in dem Thron des Königs Alvasya stecken. 
Beide Pehlevanen wurden handgemein. Röstam warf den Kchelün zu 
Boden, schnitt seinen Kopf vom Rumpfe und nahm ihn für seinen 
König mit. 

8. Alvasya sprach: „Phirän, von wem ist der Pfeil, der hierher flog?" 
„Wer kanns wissen! Es hat wohl irgend ein toller Mann von Bagdad den 
Pfeil herfliegen lassen." — „Und was sagst du, Hmän?" Dieser erwiderte: 
„Schon früher habe ich dich gewarnt, mit Iran Krieg zu beginnen. Es 
ist Röstam." Phirän sagte: „Was fürchtest du denn? Ich habe einen 
Pehlevanen, der dir den Kopf von den Schangari - Zelten bringt." — Am 



294 Ohaiatianz: 

nächsten Morgen früh bestieg der Recke Atschkapüs sein Ross, kam zum 
Mejdan und rief: „Ich fordere den Röstam zum Kampfe auf!^ Röstam 
rüstete sich wieder und ritt an den Verwundeten vorbei; als diese ihre 
Warnungen wiederholten, legte der Pehlevan seine Waffen ab und ging 
zu Fuss zum Mejdan. Atschkapüs warf nach Röstam, der bog sich zur 
Seite, und der Wurf ging fehl. Röstam schoss einen Pfeil ab. und der 
Pfeil flog durch das Herz des Rosses bis zum Thron des Königs und blieb 
daran hängen. Der Pehlevan schnitt den Kopf des Atschkapüs ab und 
brachte ihn seinem König. 

9. Qamüsse Qjaschän kam zum Mejdan. Röstam entwaffnete sich 
wieder; als er au den Verwundeten vorbeiging, bestieg er den Rachschi. 
Der Pehlevan warf seinen Streitkolben auf Röstam; der traf die Stirn 
des Rachschi und zerbrach den güldnen Apfel, welcher darüber hing, 
Röstam fing mit seinem Strick den Qamüsse Qjaschän; die beiden zogen 
einander; da sah der Pehlevan, dass er seinen Gegner nicht überwinden 
könne, legte den Strick um die Brust des Rachschi, spornte ihn an und 
Z02: den Recken nach seinem Zelt. Dieser suchte mit dem Schwert den 
Strick abzuschneiden. Röstam sprach zu ihm: „Ich will dich nicht töten, 
ich bringe dich zu mir, meine 40 Hausmädchen werden dich mit den 
Bällen töten." Er brachte ihn nach seinem Zelt, 40 Hausmädchen schlugen 
ihn mit den Bällen tot. 

10. Frazäm sagte: „Röstam, alle Recken, soviele es bei den Turaniern 
gibt, wollen mit dir kämpfen, wir aber warten umsonst; jetzt ist die Reihe 
an mir." Es bestiegen die Rosse Frazam, Röstam, Brzvi, Godärz, Gev, 
Siahosch, Siaphosch, Msüsan Pascha, Vali von Bagdad, Qev Ciiosra. Das 
o-anze Heer versammelte sich, Tüs Nauzar erhob die Fahne, und man zog 
zur Schlacht. Der Kampf dauerte drei Tage und drei Nächte; die Engel 
schauten vom Himmel herab, und Kampf esstaub bedeckte den Himmel. 
Am dritten Tage floh der König von Türan. Der König von Iran ver- 
folgte ihn mit seineu Pelilevanen sieben Tage lang und eroberte sieben 
Städte. Den Ältesten von Türan setzte er ab und den Jüngsten von Iran 
an dessen Stelle. 

2. Rstnmi-Zal. 

Die vorliegende Sage vonRustam^) ist eigentlich eine der verbreitetsteu 
Episoden in den orientalischen Märchen und erinnert uns sehr wenig an 
den berühmten Kampf des iranischen Helden mit dem weissen Div, den 
Firdousi als die grösste Ruhmestat des Pehlevanen schildert. 



1) Der Erzähler Murad Mchithariän ist ein Ackerbauer von dem Dorfe Tschamerlü 
in Abaran (Gouvernement Erivan). Ausser der Sage von Rustam umfasst sein reiches 
Gedächtnis noch die Erzählungen von Burze und von den armenischen Helden David 
und Mhcr. 



Die iranische Heldensago bei den Armeniern. 295 

Der 15 jährige Rustami - Zal scliläft iiacli der vergeblichen Jagd auf 
einen Wildesel unter einem Baume ein. Früh morgens sieht er einen 
Palast vor sich; geht hinein, badet im Teiche im Garten, speist und schläft 
wieder ein. Ein Mädchen von wunderbarer Schönlieit ruft ihm aus dem 
Fenster zu: „Wer bist du?" — „Ich bin ein Sassunier", antwortet der 
Held. Die Schöne (Gül-Phari) gibt ihm den Rat, sich so sclmell wie 
möglich davonzumachen, da der 'rote Div' bald nach Hause kommen 
werde. Der Pehlevan verachtet die Gefahr und bleibt. Der rote Div, 
den Fremden witternd, eilt nach dem Schloss und fordert Rustam zum 
Kampf heraus. Zwei Tage kämpfen sie zu Ross und speisen nach der 
Heldensitte am Abend zusammen; am dritten Tage überwältigt der Held 
seinen Gegner und tötet ihn. Nach dem Siege bringt Rustam das befreite 
Mädchen samt den Schätzen des Div nach Sassun. Dem Pehlevanen 
wurden Fachke Fahramäz, Schah Thebür, Gophe Jekdäst und 
Burze geboren. 

3. Rustam.^) 

1. Zal war ein Sohn des Dal, Rustam Sohn des Zal, Fararaerz Sohn 
des Rustam. — Eines Tages rief Zal den Rustam und tat ihm kund, dass 
Salmiän Sindir ihn zum Kampf herausgefordert habe. Der junge Held 
lässt sich eine eiserne Keule machen; da sie ihm aber noch viel zu leicht 
erscheint, gibt ihm Zal die Keule seines Vaters, die Rustam, um seine 
Kraft zu erproben, wider das Schloss schleudert, so dass es in Trümmern 
fällt. Dann begibt er sich zum Kampf. — Salmiau fordert ihn nun auf, 
die schöne Heldin Phardaheschi für ihn zu gewinnen. Rustam ver- 
spricht ihm das und zieht aus. Drei Tage kämpft der Pehlevan mit der 
Heldin; am vierten Tage zerstört er ihr Schloss mit seiner Keule, ergreift 
sie und bringt sie seinem Gefährten. Unterwegs erfährt die Jungfrau, 
dass ihr Sieger Rustam ist. Als sie nun ihren feigen Freier sieht, spricht 
sie zu ihm: „Ich bin für Rustam gekommen; dich aber habe ich noch nie 
gesehen. Geh fort, sonst macht meine Keule deinem Leben ein Ende." 
— Rustam bringt das Mädchen nach Hause. Als Zal von dem Geschehenen 
erfährt, verstösst er seinen Sohn. 

2. Salmiän belagert das Schloss des Zal sieben Jahre lang. Ihm hat 
sich der tapfere Gasm, ein Bruder der Heldin, angeschlossen. Der be- 
drängte Zal schickt den Bejäng (Rustams Neffen) zu seinem Sohne, um 
seinen Beistand zu erbitten. Rustam begibt sich mit seiner Frau und 
dem Sohn Faramerz zu Zal. Der junge Held will sich allein mit dem 
Feinde messen und beginnt einen Zweikampf mit Gasm, der ohne Ent- 
scheidung bleibt. Beim nächsten Male geht Ali Bedjän zum Kampf, 



1) Das folgende Abenteuer des Rustam erzählte mir ein kurdischer Geistlicher (Pir) 
Kako, der aus dem Geschlechte des 'Propheten' stammen soll. 



296 Chalatianz: 

bemächtigt sich des Knaben und bringt ihn gefangen zu seinem Vater. — 
Als nun Rustam von der Gefangennahme seines Sohnes hörte, nahm er 
seine Keule, griff den Feind an und trieb ihn in die Flucht. Faramerz 
war gerettet. Zal feierte die Hochzeit Rustams sieben Tage lang. 

4. Burze.^) 

1. Es regierte in der Stadt Sassun ein mächtiger König Zal, dem auch 
die Vögel und die Fische Tribut zahlten. Niemand aber ausser seinem 
Bruder David vermochte von Poladi-Darband^) Abgaben zu erheben. Als 
nach Davids Tode Zal sich über Darbands Abfall grämte, erbot sich 
Burze, ein Sohn Davids, das Land wieder zur Botmässigkeit zu bringen. 
Der König gab ihm die Keule seines Vaters und liess den jungen Helden 
durcli einen Schiffer übersetzen. Ein Div, der als Wächter gegen die 
'tollen Sassunier' auf einer Anhöhe bei Darband aufgestellt war, sah das 
feindliche Schiff nahen und ging ihm „auf dem W^asser" entgegen. Burze 
verwundete ihn und nahm ihn gefangen. Der Zweikampf soll aber erst 
auf dem Festlande stattfinden. Der Div schlägt zwei Zelte auf, und die 
beiden Gegner schmausen drei Tage zusammen. Beim Beginn des Kampfes 
versetzt der Div dem Burze drei Hiebe mit dem Streitkolben; doch dieser 
packt ihn mit der Hand und bringt ihm eine Wunde am Kopfe bei. Der 
Div sticht den Pehlevanen tückisch mit dem Dolche, flüchtet in einen 
Wald und steckt seinen Kopf vor Schmerz in die Höhlung eines Baumes. 
Der Held findet nach sieben Tage im Lande des Königs von Otsmandagh 
eine Quelle, stillt seinen Durst und bleibt ohnmächtig im Wasser liegen. 
— Der Vezier und andere Würdenträger des Königs gehen zur Jagd und 
treffen, dem Laufe des mit Blut gefärbten Wassers folgend, auf den Pehle- 
wanen. Als dieser zu sich kommt, schreit er: „Gebt mir meinen Tribut!" 
Von seinem Geschrei fallen viele Begleiter des Veziers tot auf die Erde. 
Der treue Diener des Königs will den mäclitigen Helden für seinen Herrn 
gewinnen und ladet ihn zu sich nach Haus. Burze reisst unterwegs einen 
Baum mit den Wurzeln aus, legt ilm auf seine Schulter und kommt mit 
dem Vezier nach dem Palast des Königs. Verschiedene Sessel brechen 
unter der Schwere des Recken in Stücke; er nimmt cndlicli auf dem 
Boden Platz. 

2. Der König von Otsmandagh war dem König von Karadagh^) tribut- 
pflichtig. Als nun dieser durch zwei Recken von seinem Vasallen die 
Abgabe fordert, greift Burze diese an, reisst ihnen die Zähne aus und 
schlägt sie in ihre Stirne ein, indem er zu ihnen sagt: „Das ist euer 



1) Barsegli Arutliünian, der Erzähler der Sage von Burzr, ist ein etwa GO Jahre 
alter Ackerbauer in Abaran, Gouvernement Erivan. 

2) Wahrscheinlich handelt es sich um die Stadt Derbend an der Küste des Kaspischen 
Meeres, die von den arabischen Geographen Bab-el-Abvab benannt wird. 

.'^>) So heisst der nördlichste Bezirk von Aderlieidjan. 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 297 

Tribut; nehmt ihn mit nach Hause!" — Um den unbotmässigen Vasallen 
zu züchtigen, entsendet der erzürnte König von Karadagh den Pehlevanen 
Oathran, indem er ihm aufträgt, ihm die Tochter des Königs samt dem 
Tribut zu holen. Den Wagen dieses Recken können kaum 25 gespannte 
Pferde ziehen. — Der Fürst von Otsmandagh ahnt die Gefahr und befiehlt 
seinem Vezier, seine Tochter mit Burze zu vermählen, um dessen Hilfe zu 
o-ewinnen. Ein Zusammenstoss zwischen den beiden Pehlevanen findet 
im Königspalaste statt. Burze wirft den Gegner zu Boden, schneidet ihm 
den Kopf ab und wirft den Leichnam auf den Wagen, der für die Weg- 
führung der Prinzessin bestimmt war. 

3. Besorgt um das Schicksal seines treuen Div, ruft der König von 
Poladi-Darband dessen Frau, die 'allwissende' Mirdjane Djazö, welche ihm 
den Aufenthaltsort ihres Mannes eröffnet. Man befreit den Div aus seiner 
unangenehmen Lage (da sein geschwollener Kopf noch immer in der 
Höhlung des Baumes steckte) und führt ihn vor den König. Als dieser 
von dem Geschehenen erfährt, befiehlt er Mirdjane Djazö, ihm den tapferen, 
sassunischen Pehlevanen um jeden Preis zur Stelle zu schaffen. Djazö 
fliegt durch die Luft und steigt in das Schlafgemach des Helden; dem 
erwachten Burze tut sie kund, wenn er sie lieben wolle, so werde sie ihn 
nicht entführen; Burze schwört ihr Treue. Der Div verheimlicht die List 
seiner Frau; um jedoch der Ungnade des Königs zu entgehen, schlägt 
Djazö noclimal ihren Luftweg ein, bringt den schlafenden Helden auf den 
Markt und legt ilm dort nieder. Der Pehlevan erwacht und schreit: „Gebt 
meinen Tribut!" Von seinem Rufe stürzt das Volk ins Meer. Der er- 
schrockene König hält es' für ratsam, den Helden wieder in sein Schlaf- 
gemach bringen zu lassen. 

4. Der König von Karadagh rückt mit einem starken Heer der Haupt- 
stadt von Otsmandagh an. Burze erhält vom Könige den Auftrag, dem 
Feinde entgegenzueilen. Er ersteigt eine Anhöhe und gerät, als er das 
feindliche Lager erblickt, in Wut. „Ich muss schreien, sonst platze, ich", 
sagt er. Von seinem Geschrei stürzen zwölf Hügel ein, und die Krieger 
von Karadagh ergreifen die Flucht. Die weisen Leute geben dem König 
den Rat, eine Höhle in den Hügel zu graben, um Burze umzubringen. 
Als nun bei dem neuen Anrücken des Feindes Burze auf dieselbe Anhöhe 
steigt, stürzt von seinem Geschrei der Hügel zusammen, der Held wird 
gefangen genommen und nach der Stadt Karadagh gebracht. Dort lässt 
ihn der König auf den Rat seines Veziers in eine Grube werfen, einen 
Mühlstein darauf legen und zwei Divs als Wache daneben stellen. 

5. Nachts träumt die Tochter von Zal, dass Burze bis zur Brust im 
Schlamm steht. Sie eilt sofort zu ilirem Vater, weckt ihn und erzählt ihm 
ihren Traum. „Du sollst mir gleich von unserem Pehlevanen Nachricht 
bringen", sagt sie zu ihm, „sonst platze ich vor Zorn." Zal begibt sich 



298 Chalatianz: 

mit seinen Brüdern Riistani und Ovan dem Stimmgewaltigen^) zu dem 
Vogel Zimruth. Dieser kommt ihm voll Angst zwei Meilen entgegen 
und sagt, dass über das Schicksal des Burze nur Gopho Jekdasti Bescheid 
weiss, der sich aber von dem Geschrei des Geschlechtes Zals schon sieben 
Jahre weit entfernt hatte. Der König sucht den Helden auf, indem er 
ihm eine Schüssel mit Naschwerk bringt; Gopho eröffnet dem Zal, welches 
Schicksal Burze getroffen hat, und verspricht ihm auf seine Bitte, den 
eingesperrten Helden zu befreien. „Doch müssen deine Brüder mir 
schwören, unterwegs nicht zu schreien, sonst bringen sie mich um'', fügt 
er hinzu. Nachdem diese ihm geschworen, nimmt sie Gopho mit und 
kommt nach Karadagh. Er tötet die beiden Divs, die Burze bewachen, 
und fordert den Helden auf nicht zu schreien, wenn er ihn aus der 
Grube ziehe. „Wenn auch 100 Gophos sterben sollten, ich muss 
schreien", antwortet der Recke. Es bleibt dem Gopho nichts übrige 
als seinen Kopf mit Hilfe von Rustam und Ovan mit Decken zu um- 
hüllen; der befreite Held beginnt mit seinen Genossen die feindliche 
Stadt zu zerstören und zwingt den König, dem Fürsten von Otsmandagh 
Tribut zu zahlen. — Auf der Heimfahrt trennt sich Gopho von seinen 
Reisegefährten und reitet voraus. Ihm begegnet die Tochter des Königs 
von Otsmandagh, die mit dem Krug in der Hand zum Wasser eilt. Be- 
zaubert von ihrer Schönheit, ergreift sie der Recke, wirft sie auf den 
Sattel und schlägt den Weg nach Hause ein. Burze sieht, wie Gopho 
seine Braut entführt; er holt ihn ein und nagelt ilin samt dem ^lädchen 
mit dem Streitkolben an einen Felsen an. Nachdem er sich vom Könige 
verabschiedet hat, begibt er sich nach Sassun. 

G. Der König von Poladi-Darband belagert mittlerweile Sassun. Zal 
zieht mit seinem Sohne Fachke Fahrama/. in den Kampf. Burze hört von 
ferne das Krachen von Fachkes Streitkolben, ahnt dessen Gefahr und eilt 
mit Rustam und Ovan dem Zal zu Hilfe; der Feind wird gänzlicli ver- 
nichtet. Als Dank dafür wirft Zal auf die Schulter des Burze 'phoste 
barche barbarani'^) und übergibt ihm sein Königreich. Erzürnt über diese 
Entscheidung des Vaters verlässt Faliramaz die Stadt und wirbt Anhänger, 
um eine Empörung vorzubereiten. 

5. Thegbure Scherän.') 

Auf der Jagd begegnet Burze einem Div, mit dem er sich im Kampfe 
misst; als der unterlegene Div sein Ross verwundet, tötet ihn der Held 
im Zorn und kommt in eine fremde Stadt. Hier erfährt er, tlass der 

1) Über die Persönlichkeit dieses Helden siehe oben 12, 2G7. 3il7. 

2) Nach der Erklärung des Erzählers ist das ein Wärdenabzeichen bei den Kurden, 
das auf der rechten Schulter getragen wird. 

3) Die folgende Episode, die vielfach an die Liebesabenteuer Burzes erinnert, scheint 
mit der vorhergehenden, einheitlichen Sage künstlich verknüpft zu sein. 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 299 

Köuig einen Kämpfer besitzt, den noch niemand im Ringkampf besiegt 
hat; er setzt sicli auf den Binagdasch^) und wartet. Der Vezier erklärt 
ihm, dass der Sieger seinem Gegner den Kopf abhauen soll. Als nun 
Burze den königlichen Fechter zu Boden wirft, eilt der Fürst auf ihn zu 
und bittet, das Leben seiner Tochter (diese war der Kämpfer) zu schonen. 
Zum Danke gibt er sie dem Helden zur Frau. Burze bringt sie zu der 
Alten, bei welcher er sich niedergelassen hatte. — Bald bekommt er 
Sehnsucht nach seiner Heimat; er fängt ein Feuerross aus dem See, ver- 
abschiedet sich mit seiner Frau und kehrt nach Sassun heim. Nach neun 
Monaten gebiert die Prinzessin einen Knaben, welclien sie Thegbure 
Scherän nennt. Schon in der Kindheit zeichnet sich dieser durch seine 
ungewöhnliche Kraft aus; fasst er jemand das Ohr, so ist das Ohr dahin. 
Eines Tages schlägt Fahramaz seine Zelte in der Umgegend der Stadt 
auf; der junge Held begibt sich mit seiner als Mann verkleideter Mutter 
zu ihm und lässt sich für sein Heer anwerben. Fahramaz bricht auf und 
kommt nach Sassun, um mit seinem Vater zu kämpfen. Rustam erscheint 
auf dem Mejdan; ihm tritt Thegbure Scherän entgegen und wirft ihn mit 
einem Schlage vom Rosse; der Held rettet sich durch die Flucht. Burze 
tritt an seioe Stelle, schleudert seinen Gegner mit einem Hiebe zu Boden 
und will ihm den Todesstreich versetzen; da stürzt die erschrockene Mutter, 
die Burze erkennt, herbei und ruft ihm zu: „Es ist unser Sohn." — Um dem 
Kriege ein Ende zu machen, nimmt die Prinzessin 'phoste brche barbaräui' 
ihrem Manne ab und wirft es auf die Schulter des Thronfolgers Fahramaz. 

6. Rstam und seine Söhne.^) 

1. Rstam war ein Sohn des Zal, der von den Divs Tribut nahm. 
Eines Tages trifft er den 'Div' schlafend und will ihn verräterisch töten, 
indem er sich auf seinen Rücken stellt. Der Div aber packt ihn und 
wirft ihn zu Boden. Rstam weint und bittet den Div um Erbarmen, da 
seine Frau schwanger sei. Der Div entlässt ihn, nachdem er versprochen, 
ihm seinen Sohn, falls ihm ein solcher geboren werden sollte, zum Zw^ei- 
kampf zu schicken. Rstam kehrt heim, verbirgt seine Waffen im Schloss 
und schwört, sie nie mehr zu gebrauchen. 

2. (Fahramaz.) Rstams Söhne, Fahramaz und Burze, streiten sich 
um die väterlichen Waffen. Rstam verspricht sie dem zu geben, der seine 
freigelassene Gazelle fangen kann. Der ermüdete Fahramaz trifft nachts 
einen einäugigen Div (also einem Kyklopen?), der wilde Ziegen brät. 
Der Recke stiehlt ein Stück Braten; der Div bemerkt es und lädt den 
'Erdgeborenen' zum Mahle, indem er ihm erklärt, dass er sich von dem 



1) Sessel, der vor dem Palast für die Besucher der königlichen Audienz aufgestellt ist. 

2) Diese Fassung der Sage von Burze erzählte mir Grigor Chatschatreän, ein 
Barbier aus dem Dorfe MoUa-Ghamar im Gouvernement Erivan. Er war ein Schüler des 
Schmiedes Ghorgan, der zu seiner Zeit ein berühmter Erzähler gewesen ist. 



300 Chalatianz : 

Geschlecht des Tachmurad Schah entfernt habe. Der Held fordert ihn 
zum Zweikampfe heraus und bleibt Sieger. Auf dem Wege nach einer 
Stadt beschädigt der Böse das Pferd seines Reisegefährten; Fahramaz 
tötet ihn und gelangt zu Fuss in die Residenz eines Königs. Hier fängt 
er ein Feuerross aus dem See, das täglich die Herde des Königs ins 
Wasser jagte und umbrachte. Zum Dank dafür gibt ihm der Fürst seine 
Tochter zur Frau. Der Held überreicht seiner Frau einen Onyx mit den 
Worten: sollte sie eine Tochter gebären, so solle sie ihr den Edelstein als 
Mitgift geben, wenn aber einen Sohn, so solle sie ihn ihm au die rechte 
Hand binden. Er selber kehrt bald darauf heim. Seine bei ihrem Yater 
zurückgebliebene Frau gebiert den Thehmur. 

3. (Tliehmur. ) In der Stadt des Tachmurad Schah schlägt Rstam 
den Arschak Eraneli^). Dieser begibt sich zu dem Schwiegervater des 
Fahramaz und bewegt ihn, die Pehlevanen seines Heimatlandes ihm tribut- 
pflichtig zu machen; der König gibt ihm ein Heer, dem sich Thehmur mit 
seiner Mutter anschliesst. Auf die Kunde vom Herannahen des Feindes 
schickt Zal den Burze aus; Thehmur treibt ihn in die Flucht. Das gleiche 
Missgeschick trifft den Fahramaz; endlich soll Rstam kämpfen; er zittert 
jedoch vor der Entscheidung und rettet sich durch List. Nach jedem 
Siege schleudert Thehmur seinen Streitkolben über den Palast des Zal. 
„Es ist der Schlag meines Geschlechtes", ruft der greise König schmerzvoll 
aus. Indessen bereut Arschak Eraneli, dass alle Pehlevanen seines Heimat- 
landes durch einen fremden Recken besiegt worden sind. Er begibt sich 
heimlich zu Zal, rüstet sich und erscheint am nächsten Morgen auf dem 
Kampfplatze. Thelimur wird besiegt und zu Boden geworfen; vor dem 
sicheren Tode rettet ihn seine Mutter, die im rechten Augenblick herbei- 
stürzt und dem Arschak den Onyx des Fahramaz zeigt, den der junge 
Held an der rechten Hand trägt. 

4. (Burzi.) Zal schickt den Burzi nach dem Lande der Divs, um Tribut 
zu erheben: ihm schliesst sich ein Verwandter Bedjo an. Auf dem Wege 
hin tötet der Held zwei Divs und befreit ein armenisches Mädchen. Der 
Div Pndipolad weigert ihm die Abgabe und fordert ihn zum Kampf 
heraus. Rstam sieht zu Hause, wie das Kampfross des Burzi mit dem 
Huf die Erde gräbt, rüstet es und schickt es zu seinem Herrn. Der Div 
bringt durch List seinem Gegner eine Wunde bei, wird verfolgt und am 
Ko])fe verwundet, den er im Schmerz in die Höhlung eines Baumes steckt. 
Der Held kommt nach Tscheschnagir, dem Lande des Königs Alexander, 
wird von dessen Schwester Salvi Churemän ohnmächtig in dem W^asser 
liegend aufgefunden und mit Hilfe des Königs in den Palast gebracht. 
Dieser gibt Burzi seine Schwester zur Frau. 

5. Mirdjane Djazö, die Geliebte des Divs Pndepolad, die im Gebirge 
wohnt, macht durch ihre Zauberkunst den Gatten und seinen Überwinder 



1) Eraneli bedeutet armenisch den Seligen. 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern. 301 

ausfindig, sucht den Burzi auf und gesteht ihm ihre Liebe, indem sie ihm 
ihren Ring gibt und sich den der Salvi geben läset. Als Djazo nach vier 
Wochen wieder zu dem Helden kommt, um die Hochzeit mit ihm zu 
feiern, findet sie ihn neben seiner Braut schlafen; voller Wut bläst sie 
einen tiefen Schlaf auf ihn und bringt ihn auf ihrem Zauberross zu dem 
Div Pndepolad. Dieser will nun seinen Feind umbriugen; Djazo rettet 
jedoch den Recken und überliefert ihn seiner Braut; sie selber entweicht 
voll Gram wieder ins Gebirge. 

6. Der König Alvanuzmag wirbt vergebens um die Hand der 
schönen Salvi; er beschliesst, sich ihrer mit Waffengewalt zu bemäch- 
tigen und rückt mit einem Heer heran. Burzi wird verräterisch in 
einer Grube auf dem Kampfplatz gefangen, nach einer Insel gebracht und 
dort in eine Höhle geworfen. — Rstam träumt, dass Burzi ins Meer ver- 
sunken ist und dass die Fische ihn verschlucken wollen. Er begibt sich 
mit Bedjo zu dem Div Goph und bittet ihn, seinen Sohn aus der Gefahr 
zu retten. Dieser lässt ihn erst schwören, unterwegs nicht zu schreien, 
geht auf dem Wasser des Schwarzen Meeres voraus, tötet sieben Divs, 
befreit den Helden und bringt ihn zu seinem Vater. Burzi verwüstet die 
feindlichen Länder und kehrt mit seiner Braut heim. 

7. (Gathl Gahramän.) Die Divs beschliessen, um das Geschlecht 
des Tachmurad Schah besiegen zu können, einen Knaben aus diesem 
heimlich zu entführen und ihn als Div zu erziehen; dies Schicksal trifft den 
Gathl Gahramän, einen Sohn des Rstam. Seine Heldentaten veranlassen 
jedoch seine Erzieher, ihn nach zwölf Jahren aus der Stadt zu entfernen; 
der junge Recke wohnt in einem Walde, bekleidet sich mit Fellen und 
schläft auf den Bäumen. Er bezwingt ein wildes Tier, bewaffnet sich 
mit einem Baumstamme und geht auf die Jagd; ihm begegnen die Leute 
des Rstam, die durch den Dolmetscher, den treuen Div Sarhab, erfahren, 
wer er ist, und bringen ihn zu seinem Vater. — Als der Held eines Tages. 
hört, dass einige von seinem Hause nach dem schwarzen Berge gegangen 
und nicht wieder zurückgekehrt sind, steigt er sie zu suchen den Berg 
hinauf; auf der Spitze findet er, während sich die Sonne verdunkelt, ein 
Zauberrad; er stürzt sich darauf und sucht die Aclise zu ergreifen, aber 
es schleudert ihn lünunter ans Meeresufer. Lu Traume erscheint dem 
Helden ein Engel, der ihm den Rat gibt, sicli zuerst mit Filz zu um- 
hüllen; wenn er die Achse des Rades zerbricht, wird die Sonne wieder 
erscheinen. Dann soll er in die Stadt Muchadän gehen, wo seine Brüder 
samt den Einwohnern von drei bösen Schwestern in Stein verwandelt sind; 
diese soll er töten und mit ihrem Blute die Steine bespritzen, die sicli 
dann sofort beleben werden. Der Held vollführt dem Rate des Engels 
folgend glücklich die schweren Taten und kehrt mit seinen Verwandten heinu 

Heidelberg. 

(Schluss folgt.) 



302 Zachariae: 

Zur indischen Witwenverbrennnng. 

Von Theodor Zachariae. 

(Fortsetzung zu S. 198—210.) 



Auf unserer Wanderung durch die Keisebeschreibungen überschreiten 
wir jetzt die Schwelle des 17. Jahrhunderts. Aus diesem und den folgenden 
Jahrhunderten sind eine Menge Berichte über Witwenverbrennungen über- 
liefert. Ich hebe aus den mir zugänglichen Berichten das für uns Wichtige 
heraus. 

Der Holländer Pieter van den Broeck^), der auf der Koromandel- 
küste mehrere Witwen sich verbrennen sah, berichtet, eine von diesen 
Witwen habe sich, ehe sie ins Feuer sprang, die Augen mit Limonien- 
saft eingerieben.^) Eine sonderbare Angabe. 

Pietro della Valle, der bereits einmal in dieser Zeitschrift erwähnt 
wurde ^), hat, wie er ausdrücklich erklärt, 'keine Weiber selbst verbrennen 
sehen' (Teil 4, S. 30''), wohl aber hat er die Vorbereitungen zu einer 
Witwenverl)rennuug, den Umzug einer Witwe durch die Stadt usw. mit 
angesehen und das alles mit der ihm eigenen, höchst dankenswerten Aus- 
führlichkeit beschrieben (4, 92. 94—96). Giaccamä hiess die Witwe, die 
sich verbrennen lassen wollte, aus dem Geschlecht Terlengii (d. h. Telinga); 
ihr Mann war ein Trommelschläger. Es war am Abend des 12. November 
162.'^ in der Stadt Ikkerl (Südindien), wo Della Valle dieser Witwe be- 
o-eo-nete. Sie sass zu Pferd und ritte mit unbedecktem Gesicht durch 
die ganze Stadt: hielte in der einen Hand einen Spiegel und in der 
anderen eine Limonie (nicht weiss ich warumb, fügt Della Valle liinzu). 
Sie sähe mit traurigen und mitleidigen Geberden unter dem Keiten in 
den Spiegel*) usw. (4, 92). Als Della Valle vier Tage später die Witwe 
besuchte, wobei er sicli die grösste Mühe gab, sie von ihrem Vorhaben 



1) P. A. Tiele, Memoire Bibliographique 23G— "241. 

2) Recueil des voiages qui ont servi ä rctablissement et anx progres de la Compagnie 
des Indes Orientales, tonie 4 (Amsterdam 1705), ;5i)9. 40S— 410. Nederlandsche Reizen tot 
bevordering van den koophandel, deel 7 (Amsterdam 1785), 41). 58— GG. Allgemeine Historie 
der Reisen zu Wasser und zu Lande, Bd. S (Leipzig 1751), 4.3.'}. 

3) Bd. 12, S. llOff. Die dort ziterten Ausgaben (die deutsche von "Widerhold, Genff 
1(574, und der Abdruck des italienischen Textes von Gancia) sind auch hier wieder benutzt 
worden: ausserdem die von Edward Grey besorgte Ausgabe der englischen Übersetzung 
der Reisen des Della Valle in Indien, London 185)2. 

4) Diese Stelle wird zitiert und besprochen von A. de Gubernatis, Mythologie des 
Plantes 2, 96 und von Campbell, Indian Antiquary 25, 78, Auf die Äusserungen dieser 
Gelehrten über Limonie und Spiegel komme ich zurück. Vgl. auch Ciampi, Nuova Anto- 
logia 2, 18 (1879), S. 9(i, Anm. Was Ciampi hier von der 'bevanda di cedro' sagt, die in 
dem arabische^i Bericht über den russischen Leichenbrand vorkommen soll (Grimm, Kl. 
Sehr. 2, 289£f.), beruht wohl aut einem Irrtum. 



Zur indischen Witwenverbiennung. 303 

abzubringen, sah er wieder eine Limonie in ihrer Hand ('welches eine 
gebräuchliche Zeremonie ist'; 4, 94). 

In Widerholds Ausgabe des Della Valle findet sich eine übrigens 
wertlose A))bildung des Umzuges der Giaccama. liier trägt sie die Limonie 
in der rechten, den Spiegel in der linken Hand.^) 

Abraham Roger (Offne Thür zu dem verborgenen Heydenthum. Aus 
dem Niederländischen übersetzt von Chr. Arnold. Nürnberg 1663). Der 
Verfasser war holländischer Prediger^) zehn Jahre in Paliacatta (Pulicat) 
auf der Koromandelküste und fünf Jahre in Batavia. Sein Buch gilt mit 
Recht noch lieute für wertvoll.^) Es enthält eine 'Vorweisung des Lebens 
nnd der Sitten samt der Religion und dem Gottesdienst der Bramines, 
auf der Cust Chormandel, und denen herumligenden Ländern'; am Schluss 
des Buches steht die erste "Übersetzung eines Sanskritwerkes in eine 
europäische Sprache, nämlich der grösste Teil der Spruchsammlung des 
'heydnischen Barthrouherri' — eine der Quellen von Herders 'Gedanken 
einio-er Bramanen'. 

Was Roger über die Witwenverbrennung sagt (S. 183fF. •203ff.), dürfte 
das beste sein, was -aus der älteren Zeit überhaupt überliefert ist. Dass 
man es so wenig benutzt hat, ist zu verwundern.*) Über den Gebrauch 
der Zitrone und des Spiegels bemerkt Roger: Die Frau, so sie aus ihrem 
Haus gehet, uimt von ihren Freunden Abschied; und wofern sie vom Ge- 
schlecht Settrea, oder Soudra (d. h. ein Mitglied der zweiten oder vierten 
Kaste) ist, hat sie in der einen Hand eine Citren, in der anderen einen 

Spiegel, und nennet stets den Nahmen Gottes Wann aber das 

Weib vom Geschlecht der Bramines oder Weinsjaes (Vaisyas) ist, so hat 
sie diejenigen Stukk, deren zuvor gedacht, nicht in der Hand; sondern 
bissweilen etzliche rothfärbige Blumen, dergleichen sie gewohnet sind 
in ihren Tempeln auf und vor ihren Abgott zu streuen: jedoch müssen 



1) Es möge noch erwähnt werden, dass üella Valle den indischen Ausdruck für 'treue 
Frau' (skr. Sati, woraus englisch 'Suttee') überliefert hat. Er sagt 4, 95: 'Masti wird 
-die Frau genennet, welche sich mit ihrem Mann will verbrennen lassen'. Masti aber ist 
- Sanskrit Mahäsatl 'eine überaus treue Frau', nach Yule-Burnell, Glossary G67. 859; vgl. 
Crooke, Populär Religion 1, 188. 

2) Ich halte das für nötig zu bemerken, da ihn Lefmann, Geschichte des alten Indiens 
■ S. 15 als einen Amsterdamer Kaufmann, der so wohl unterrichtete A. Barth im Journal des 

Savants 190(>, S. 118 als einen Arzt bezeichnet. 

3) Yule-Burnell, Glossary p. XLIII. Nach Burnell, Ind. Antiquary 8, 98 wäre Rogers 
Buch 'still, perhaps, the most complete account of S. Indian Hinduism'. Vgl. auch La 
Croze, Histoire du Christianisme des Indes (1724) p. 444. 

4) Roger hat bereits bemerkt, dass bei den Brahmanen und den Vaisyas (der ersten 
und dritten Kaste) die Frau auf demselbigen Tage verbrennen muss, au welchem ihr Manu 
verbrannt worden. Die Ksatriyas aber und die Südras haben diese Gewohnheit, dass auch 
die Weiber verbrennen müssen, ungeachtet der Mann an einem anderen Ort gestorben und 
vor langen Zeiten schon verbrannt worden: Wann sie nur ein Zeichen von des Mannes 
Tod überkommen, und dessen versichert sind (S. 203 f.). Rogers Gewährsmann war ein 

^Brahmane Namens Padmanabha. 



304 Zachariae: 

es solche Blumen seyn, die dem Abgott sind geopfert worden^): Und um 
den Hals haben sie ihres Abgotts Bild hangen (S. 204 f.)- 

Wie man sieht, scheidet Roger genau — und er allein, soviel ich 
weiss — zwischen den Gebräuchen der verschiedenen Kasten. Übrigens 
hat das, was er sagt, streng genommen nur Gültigkeit für die Gegend, wo 
er weilte, für die Ostküste Vorderindiens. 

Johann Jacob Saar, Ostindianische funfzehen -jährige Kriegs-dienste 
(^1644 — 1659). Man hat den Inhalt dieses Reisetagebuches als unzuver- 
lässiges Handwerksburschengeschwätz bezeichnet.^) Es ist auch bekannt, 
dass Saar sein ursprüngliches Tagebuch durch Unglück zur See verloren 
und ein neues nur aus dem Gedächtnis aufgesetzt hat. ^) Dennoch ist der 
auf Ceylon bezügliche Teil von Saars Werk vor nicht langer Zeit für 
würdig erachtet worden, ins Englische übersetzt zu werden"*): und so 
möge es gestattet sein, auch diesen Autor als Zeugen hier anzuführen. 
Saar wohnte einer Witwenverbrennung in Cranganore auf der Malabar- 
küste im Jahre 1G52 bei.^) Die Witwe trug 'in den Händen eine Pome- 
rantzen, mit der Sie spielte, ein wenig in die Höhe wurf, und wieder 
fieng'. Also hier abermals das Spielen mit einer Frucht, das uns schon 
bei Balbi und Ibn Batuta begegnet ist. 

Der nächste Bericht schildert, wie es um die Mitte des 17. Jahrh. 
bei den Witwenverbrennungen in Agra zuging. Er steht bei Simon 
de Vries, Curieuse Aenmerckingen der bysonderste Oost en W^est-Indische 
verwonderens-waerdige Dingen, Utrecht 1682, Bd. 4, S. 1450f. Da dieser 
Bericht sehr interessant und wenig bekannt ist, da er sich ferner, anders 
als die meisten älteren Berichte®), auf den Norden Indiens bezieht, so 
will ich ihn im Wortlaut mitteilen. S. de Vries schreibt: 

'Deese vry willige Meede - vorbrandingh der Wijven geschied aen ver- 
scheydene Plaetsen op verscheydene manieren; doch V Agra aldus. Als den 
Brandinghs-dagh aengekoomen is, soo treckt de Weduw haer alderkost- 



1) Die Blumen, die der Magier der Gottheit darbringt, müssen rot sein: Piscliel, 
Zeitschr. der deutschen morgenl. Gesellscliaft 40, 119, Anmerk. Dubois, Hindu manners, 
customs and ceremonies, transl. by Beaucliamp, Oxford 1897, p. 391. (Die "Witwe trägt 
weisse Blumen: Campbell, Journey over land to India o, 108. Stavorinus, Reize uaar 
Batavia, Bantani, Bengalen, enz., 2, 49; danach Robert Southey, Curse of Kehama 1, 11: 
Then with white flowers, the coronal of deatli, Her jetty locks they crown.) 

2) Ehrmann in Sprengeis Bibliothek der neuesten und wichtigsten Reisebeschreibungeii 
11 (Weimar 1804), S. XIII. 

3) Beckmanns Literatur der älteren Reisebeschreibungen 2, 325. 

4) "Von Ph. Freudenberg, dem deutschen Konsul in Colombo. Siehe Journal of the 
Ceylon Branch of the Royal Asiatic Society 11, 233 if. 

5) Saars Kriegsdienste, 2. Aufl., Nürnberg 1072, S. 117f.: in Glazemakers holländischer 
"Übersetzung, Amsterdam 1G71, auf S. 55. 

G) Die älteren Berichte über VVitwenverbreunungen stammen meistens aus dem süd 
liehen Indien, und zwar mehr aus den Küstengegenden als aus dem Binnenlande. 



Zur indischen Witwenverbrennung. 305 

lijckste Kleederen aen; drinckt een Dranck, inot Opium^) verineno-hd, waer 
van sy half droncken word; gaet dan te Paerd sitten, en rijd een wijl tijds 
door de Straeten der Stad. In de reghterhand heeftse eon Tndiaensche 
Cocos-Noot, als 't Beeld-teecken des doods; in de linckerhand een 
Spiegel; waer in sy sigh sonder ophouden met vrolijcke gebeerden be- 
kijckt. Eyndlijck rijdse (vergeselschapt van haere Yrienden en de Papen) 
nae den Houthoop. Alsse nu van 't Paerd af, en op 't Brand - Toneel 
getreeden is, soo deeldse haere Cieraeden en Kleynodien onder de Vrienden 
en Priesters nyt; verwaghtende, dat de Hut, waer in 't Houd leghd, sal 
aengestoocken worden. Soo haestse 't Vyer siet opgaen, roeptse: Laet de 
vlammen der Liefde lustigh om hoogli rijsen. Vervolgens werptse sigh in 
deselve, onder 't geluyd van veel' Instrumenten, «n werd alsoo met 't 
Ligchaem haers Maus tot Asch verbrand.' 

Von wem dieser Berieht stammt, weiss ich nicht bestimmt zu sagen. 
Ich kann nur vermuten, dass er der sehr seltenen, von mir bisher ver- 
geblich gesuchten Schrift des Missionars Heinrich Roth: Relatio rerum 
notabilium Regni Mogor in Asia, Aschaffenburgi 1665, entnommen ist. 
Die Gründe für meine Vermutung gebe ich in der Anmerkung.^) Über 
H. Roth, der zwischen 1653 und 1668 Rektor des Jesuitenkollegiums in 



1) Dass die Witwen betäubt worden sind, um sie gänzlich gefühl- und willenlos zu 
machen, hat man allerdings geleugnet, sei es im allgemeinen, sei es für bestimmte Fälle; 
vgl. z. B. K. V. Hügel, Kaschmir 2, 403. British Chronicle 2, 820. Donald Campbell, 
Journey (1795) 3, 142. Dennoch dürften die Betäubungen der Witwen sehr häufig vor- 
gekommen sein. Gewöhnlich, sagt Schlagintweit (Indien in Wort und Bild 2, 151), wurden 
die armen Geschöpfe in ganz unzurechnungsfähigem Zustande zu dem Scheiterhaufen 
gebracht. Zur Bekräftigung dieser Behauptung lese man die Berichte über Witwenver- 
brennungen z. B. bei Peggs, The Suttees' Cry^ p. 71 (.1 made my way to the woman, and 
found she was quite intoxicated) oder bei Wilkins, Modern Hinduism 38S (I got per- 
mission to speak to her, but in attempting to do so I found her so under the influence 
of drugs as to render the effort useless). Zur Betäubung der Witwen hat man, wie es 
scheint, die verschiedensten Narcotica gebraucht. Von Offion oder Opium spricht 
Joh. A. von Mandelslo, Reise, herausgegeben von Olearius^ (1668), 73. Einer Witwe wird 
ungefähr ein halbes Pfund (!) Kampfer in einem Bündel um den Hals gebunden: Ausland 
1S57, 1058 iJ. Nach John Fryer, New Account (1698) p. 33 wurde den Witwen 'Dutry' 
eingegeben (Dutry = Datura, Stechapfel; dieses Mittels bedienten sich auch die berühmten 
Thugs, um ihre Opfer zu betäuben; siehe schon Prosper Alpinus [um 1580] bei Yule- 
Burnell, Glossary 788'' vgl. 231a). Kurz, es wurden im allgemeinen dieselben Narkotika 
angewendet, die die indischen Yogins gebrauchten, um sich in den Zustand der Katalepsie 
zu versetzen (siehe E. Kuhn bei R. Garbe im Grundriss der indo - arischen Philologie 3, 
4, 47). Dass die Witwen in der Tat sehr oft betäubt worden sind, ergibt sich übrigens 
auch aus einer Verordnung der englischen Regierung. Im Jahre 1812 wurden die Behörden 
angewiesen, unter anderem 'to prevent the criminal use of intoxicating drugs or 
liquors'. Wilkins, Modern Hinduism p. 389. Neumaun, Geschichte des englischen Reiches 
in Asien 2, 171. 

2) Erstens kann ich den Bericht bei den Autoren nicht finden, von denen er sonst 
stammen könnte, z. B. nicht bei Thoraas Roe, Edward Terry, FrauQois Bernier. Zweitens 
zitiert S. de Vries den Pater Henricus Roth unmittelbar nach seiner Mitteilung über die 
Witwenverbrennungen in Agra. Drittens kennt De Vries tatsächlich die oben zitierte, 
sehr seltene Schrift Roths; siehe Curieuse Aonmerckingen 2, 1229. 



Zeitschr. cl. Vereins f. Volkskunde. 1904. 



20 



306 Zachariae: 

Agra und somit einer der Vorgänger des besser bekannten Joseph Tieffen- 
thaler war, vergleiche man das treffliche Buch von Huonder^), Deutsche 
Jesuitenmissionäre des 17. und 18. Jahrhunderts, Freiburg i. B. 1899, S. 178, 
und über Roths 'Relatio' die Bibliotheque universelle des Voyages par 
Boucher de la Richarderie 5, 65 (wo aus einem Henricus Roth Dilinganus 
ein Henri Ruth de Liugen geworden ist). 

Hieran schliesse sich der Bericht über eine Witwenverbrennung in 
Agra im Jahre 1661, mitgeteilt von Athanasius Kircher in seiner China 
monumentis illustrata (Amstelodami 1667), S. 150. Hier wird die Yer- 
brennung einer vornehmen und reichen Frau geschildert. Auf dem Wege 
zum Scheiterhaufen trug sie in der rechten Hand ein cymbaluni, in der 
anderen ein pomum. Das cymbalum ist neu und kommt nur hier vor. 
Fast möchte man speculum vermuten. Unter pomum dürfte ein pomum 
citreum oder citriuum, eine Zitrone oder Orange, zu verstehen sein (Helm, 
Kulturpflanzen' S. 437). 

Die Quelle dieses Berichts lässt sich leichter bestimmen als im voran- 
gehenden Falle. Kircher, der selbst niemals in Indien war, beruft sich 
auf zwei auch sonst von ihm erwähnte (saepe supramemorati) Patres, auf 
zwei Jesuitenmissionare, denen er die in der China illustrata vorgetragene 
Gelehrsamkeit zu einem grossen Teile verdankt. Der eine ist, wie Kircher 
im Proömium seines Werkes angibt, Joannes Gruberus Linzensis 
Austriacus, der sich durch seine kühne Landreise von Peking durch China 
und Tibet nach Agra (1661) einen unsterblichen Namen gemacht hat, 
s. Richthofens China 1, 671 f.; der andere ist Henricus Rotli Augustanus, 
von dem vorhin die Rede war. 

Der nächste Bericht stellt sich dem des Cesare Federici an die Seite. 
Er steht in den Memoires pour servir ä Thistoire des Indes Orientales 
par M. S. D. R. (Souchu de Rennefort), Paris 1688, S. 315f.; in der 
Ausgabe von 1702 auf S. 446 fF. Die hier sehr ausführlich beschriebene 
Witwenverbrennung fand statt am 6. August 1669 in Poulpara*^) in der 
Nähe von Surat. 'Une femme Gentille sortit a Imit heures du matin de 
la maison du Gouverneur, ä qui eile avoit este demander permissiou de 
se brüler avec le corps mort de son mary. II depend de luy de l'accorder, 
souvent il ne la donne pas: mais cette femnu^ ayant plus de quarante ans, 
il n'en fit pas taut de difficulte que si eile eüt este plus jeune. Elle 



1) Ich bedauere sehr, dass mir dieses Buch noch unbekannt war, als ich meine 
Bemerkungen über H. Roth in der Wiener Zeitschr. f. d. Kunde des Morgenlandes 15, 314fif. 
niederschrieb. 

■J) Pulparra, a Town separated for the Banyans to exercise their Funeral and Festival 
Rites: John Fryer, A new account of East-India and Persia (1G98) p. 101. Eine andere 
Witwenverbreunung, die in Sulpara (so!) stattfand, wird beschrieben in der Sammlung der 
besten und neuesten Reisebeschreibungen K! (Berlin, Mylius, 1776), 231. Auch hier ist 
die Rede von einer viereckigien, ohngefähr acht Fuss hohen, mit Reisig und Stroh be- 
deckten Hütte. Vgl. die folgende Anmerkung. 



Zur indischen Witwenverbrenniin«)!-. 807 

inarclia accompagnee de grand nombre de Gentils de sa Gaste, lesquels 
ohantant ses louauges et doDnans des applaudissemens ä l'action qu'elle 
alloit faire, liiy jettoient de la poudre rouge qui est um^ marqiie de gloire 
parmy eux. Elle tut a pied jusques au lieu oü les femmes se hrüleut 
ordmaireuient, nomme Poulpara au Lord de la riviere a une lieue et demie 
de Suratte. Si tot qu'elle y fut arrivee, les plus considerables des hommes 
de sa Gaste, la meuereut laver avec beaucoup de respect, la remerciant 
du titre d'homieur qu'elle leur laissoit, et baisans ses pieds, luy disoient 
qu'elle alloit estre bieu-heureuse. Cepeudant d'autres dressoieut uu bucher 
en mauiere de case quarree composee de pieux^), et entouree de feuilles 
de Latanier et de cocos'), aupres duquel eile fut conduite au sortir du 
bain. Apres avoir fait ses adieux et embrasse sa brü et ses parentes qui 
temoignoient une profonde tristesse, eile fit sept fois le tour^) de son 

1) Dies ist die kästhamaiß kvti (aus Holz bestehende Hütte) oder trnakuti (Gras- 
oder Strohhütte) der Sanskrittexte; vgl. den Oxforder Sahagamanavidhi 294'' 9. In dem 
Leipziger Sahagamanavidhi v. 13 wird bemerkt, dass diese Hütte auf der Südseite eine 
Öffnung, eine Tür haben soll. Diese Hütte, in die sich die Witwe setzen musste, und 
die Tür werden oft erwähnt und beschrieben: vgl. z.B. Colebrooke, Essays 1. 115, Anm. 
Federici bei Hakluyt 2, 1, 220. Iversens Reise (hsg. von Olearius, Hamburg 1G9G) S. \m. 
De la BouUaye-le-Gouz, Voyages (Paris 1657) p. 161. Wnrffbain 135 f. Innigo de Bier- 
villas, Voyage (1736) 1, 54. Dellen, Nouvelle Relation d'un Voyage (1699) p. 66. Gemelli 
€areri 3, 146. Holwell bei Craufurd, Sketches"'' 2, 22. Hodges, Travels^ p. 83 (mit Abb.). 
Heber 1, 155 ^ British Chronicle 2, 819. Postans bei Klemm, Kulturgeschichte 7, 145 f. 
(Friederich in der Schilderung einer Witwenverbrennung auf Bali, im Journal of the R. 
Asiatic Society, n. s. 9, 103: In the centre there is a small house, aflording a last resting- 
place to the victim, in which she waits until the ccremonies for her husband are finished 
andhis body has begun to burn.) Nach Tavernier 3, 159 1' herrschte die Sitte, eine solche 
Hütte zu erbauen, in dem Königreich Guzerate, und bis nach Agra und Dehly. Ahnlich 
Crooke, Populär Religion 1, 188: 'In Western India she (the widow) sat in a specially 
built grass hut, and keeping her husband's head in her lap, supported it with her right 
band, while she kindled the hut with a torch held in her left band.' Irre ich nicht, so 
ist die Beschränkung der Sitte auf das westliche Indien zu eng. 

2) Bei Innigo de Biervillas 1, 53 heisst es von einer Witwe: eile s'assit sur des 
branches de cocotiers. 

3) In Übereinstimmung mit dem Leipziger Sahagamanavidhi, wonach die Witwe 

sieben Umwandlungen von links nach rechts (;^ra(/«^->.m(7s) um den Scheiterhaufen machen 

muss. Sieben pradahiijäs werden auch sonst erwähnt; so im Ausland 1857, 1058''. Be- 

Wurffbain 136 wird eine Wittib durch zwei Bramanen siebenmal (weil sie glauben, dass 

die Seele siebenmal auf die Welt komme) rings herumb umb das Hüttlein geführet. Im 

Oxforder Sahagamanavidhi, und auch anderwärts, wird gelehrt, dass die Witwe dreimal 

ums Feuer herumgehen soll. Auch diese drei prado k-sinäs kommen in den Berichten öfter 

vor; so z. B. in den Berichten über W^itwenverbrennungen in Bengalen bei Stavorinus 2, 50 

(wo, wie bei Wurffbain, zwei Brahmanen die Witwe herumführen), bei L. Degrandpre, 

Voyage dans Plnde et au Bengale (1801) 2, 69f., bei Holwell in Q. Craufurds Sketches^ 

2,23. Es darf angenommen werden, dass eine unter dem Eiufluss von Narkotika stehende 

Witwe oft gänzlich ausserstande war, dreimal oder gar siebenmal um den Scheiterhaufen 

herumzugehen: sie musste geführt oder getragen werden. Bezeichnend ist in dieser 

Beziehung ein bei Wilkins, Modern Hinduism 388 erzählter Vorgang. Die Brahmanen 

versuchen die Witwe um den Scheiterhaufen herumzuführen, aber sie ist unfähig auf den 

Füssen zu stehen. Darauf wird sie in die Arme genommen und nur einmal herumgetragen 

('they ouo-ht to have gone round seven times'). 

^ "^ ° 20* 



308 Zachariae: 

bucher, tenant en sa main gauche un cocos qui signifie Dieu par 
sa rondeiir, et a la droite une baguette. Elle avoit autour du col 
une guirlande de fleurs, et un volle rouge sur la tete: mais de la grande 
foule des gens de toutes Nations qui assistoient a cette action, quelqu'un 
rayaiit touchee^) en passant, eile retourna se laver a la riviere pour estre 
plus pure, et revenue au bucher, eile y entra un flaml)eau ä la main. S'y 
estant assise, le corps de son mary fut pose sur ses genoux, et la porte 
ayant este fermee, eile mit le feu en dedans, et les Gentils Tallumerent 
aux quatre coins en dehors^), jetterent dessus quantite d'huille et de bois 
pour la consommer plus promptement, et dansoient autour avec de grandes 
clameurs et battemens de mains^), afin qu'on ue Tentendist pas si eile 
avoit crie.' 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass der Stock, den die Witwe 
in der rechten Hand hielt, mit dem Pfeil bei Federici und mit dem 



1) Vgl. dazu die von Stavorinus 2, öl f. (in Lüders Übersetzung S. 105) erzählte 
Geschichte. 

2) Man beachte den hier geschilderten Vorgang. Es ist zu wenig bekannt, dass die 
Witwe den Scheiterhaufen — oder richtiger die Hütte, wenn nämlich eine solche erriclitet 
worden war — von innen anzuzünden pflegte, während die Umstehenden von aussen Feuer 
anlegten. In den Sahagamanavidhi-Texten wird geradezu vorgeschrieben, dass die 
Witwe den Holzstoss oder die Hütte selbst in Brand setzen muss. 'Unter dem dreimaligen 
Händegeklatsch der Umstehenden, die ihre kühne Tat bewundern, soll die Sati, indem sie 
das Wort Hari ausruft, den Holzstoss anzünden', heisst es im Leipziger Text v. 24; 
ähnlich im Oxforder Text 294'', 9 {svaijam eva kutim prajvilayet). In den Berichten wird 
gesagt, dass der Witwe ein oder zwei brennende Fackeln oder ein in Fett getauchter 
üocht oder eine Schale mit Schwefel in die Hand gegeben wurden, womit sie den Holz- 
stoss oder die Hütte anstecken musste. Hier einige Belege — zugleich als Material für 
solche, die einen J'anegyrikus auf den Heldenmut der indischen Witwen schreiben wollen. 
Bernier, Voyages (Amsterdam 17()9) 2, 117 = ed. Coustal)le 31;'.. Sammlung der besten 
und neuesten Reisebeschreibungen l(i, 232. Iversen 1G3. Wurffbain 13(). Boullaye-le- 
Gouz 1(51. Innigo de Biervillas 1, 48. Holwell bei Craufurd, Sketches* 2, 23f. (diese 
Stelle ist besonders zu beachten). Lettres edifiantes 14, 275 (nouv. ed., Paris 17S1). 
Wouter Scheuten in Nederlandsche Reizen (Amsterdam 1786) 10, 88 = Walter Schultzens 
ostindische Reyse (Amsterdam KmG) .3, 1S6^. Dellou p. Gd— 67. Mökern, Ostindien 1, .".28. 
John le Couteur, Letters chiefly froni ludia (1790) 32G. Pasquier, Precis de l'histoire de 
rHindoustan 184.3, p. .".21 (der eigene Sohn gibt der Witwe das Feuer in die Hand). 
Ausland 1857, 1058''. British Chronicle 2, 820. 821. Postans in Klemms Kulturgeschichte 
7, 14G. Wanderings of a Pilgrim 1, 91 bei Yule-Buniell, Glossary rül'^ = Wilkins. Modern 
Hinduism 387. K. von Hügel, Kaschmir 2, 4U4. 4,811. Crooke, Populär Religion 1, 188. 
Es sei noch bemerkt, dass in einigen Reiseberichten gesagt wird, die Witwe habe den 
Befehl zum Anzünden des Scheiterhaufens gegeben. Vgl. Tavernier und Thevenot 
bei Garbe, Beitr. z. ind. Kulturgeschichte 1G7. Federici bei Hakluyt 2, 1, 220 (the woman 
of her owne accord, coramandeth theni to make the lire in the square caue where the drie 
wood is) = Purchas 5, 55G, 19. Withington bei Purchas 5, .53.'), IG (bids them kindle the 
lire). Mandelslo 74. Gemelli Careri .3, 247. 

.3) Dieses Händeklatschen wird auch in den Sanskrittexten erwähnt; so im Leipziger 
Sahagamanavidhi v. 24 und in dem nur allzu kurzen Auszug aus einem Sahaganianavidhi 
in Eggelings Catalogue of the Skr. MSS. in the Library of the India Office, No. 1774, 
v. ()G {karatäli). 



Zur indischen Witwenverbrennang. 809 

^bamboo stick pointed like an arrow" in der Hand der Braut (Album-Kern 
S. 179) identisch ist. 

Von der Verbrennung einer jungen Ilinduerin von der Kaste der 
Schettris in dem Dorfe Velur bei Yizagapatam (an der Ostküste Indiens, 
in den früher sogenannten nördlichen Circars) erzählt Jakob Haafner in 
seiner Keize in eenen palanquin.') Auf dem Wege zur Feuergrube 
trug die Witwe eine mit Gewürznelken besteckte Limonie in der Hand, 
die bei den hinduischen Frauenzimmern die Dienste der wohlriechenden 
Wasser versieht und woran sie zuweilen roch. — Wenn Haafner richtig 
gesehen hat, so haben wir hier das indische Seitenstück zu